Part 9
Von Herrschsucht, Ehrgeiz und Eitelkeit ist ~Hochmuth~, so wie von ~Stolz~, unterschieden. Ich möchte gern, daß man Stolz für eine edle Eigenschaft der Seele ansähe; für ein Bewußtseyn wahrer innrer Erhabenheit und Würde; für ein Gefühl der Unfähigkeit, niederträchtig zu handeln. Dieser Stolz führt zu großen, edlen Thaten; er ist die Stütze des Redlichen, wenn er von jedermann verlassen ist; er erhebt über Schicksal und schlechte Menschen, und erzwingt selbst von dem mächtigen Bösewichte den Tribut der Bewunderung, den er wider Willen dem unterdrückten Weisen zollen muß. Hochmuth hingegen brüstet sich mit Vorzügen, die er nicht hat; bildet sich auf Dinge etwas ein, die gar keinen Werth haben. Hochmuth ist es, der den Pinsel von sechszehn Ahnen aufbläht, und zu der Thorheit verleitet, daß er die Verdienste seiner Vorfahren -- die oft nicht einmal seine ächten Vorfahren sind, und oft nicht einmal Verdienst gehabt haben, -- ~sich~ anrechnet, als wenn Tugenden zu dem Inventario eines alten Schlosses gehörten! Hochmuth ist es, der den reichen Bürger so grob, so steif, so ungesellig macht. Und wahrlich! dieser pöbelhafte Hochmuth ist, da er mehrentheils von Mangel an Lebensart und ungeschickten Manieren begleitet wird, wo möglich, noch empörender als der des Adels. Hochmuth ist es, der den Künstler mit so viel Zuversicht zu seinen Talenten erfüllt, die, sollten sie auch von niemand anerkannt werden, ihn dennoch in seiner Meinung von sich selbst über alle Erdensöhne hinaussetzen. Er wird, wenn niemand ihn bewundert, eher auf die Geschmacklosigkeit der ganzen Welt schimpfen, als auf den natürlichen Gedanken gerathen, daß es wohl mit seiner Kunst nicht so ganz richtig seyn müsse.
Wenn dieser Hochmuth nun gar in einem armen, verachteten Subjekte wohnt, so wird er ein Gegenstand des Mitleidens, und pflegt eben nicht viel Unheil anzurichten. Er ist aber übrigens fast immer mit Dummheit gepaart, also durch keine vernünftigen Gründe zu bessern, und keiner bescheidnen Behandlung werth. Hier hilft nichts, als Uebermuth gegen Uebermuth zu setzen, oder den Schein anzunehmen, als bemerke man ein hochmüthiges Betragen gar nicht; oder Leute, die sich aufblasen, gar keiner Achtsamkeit zu würdigen, sie anzusehen, wie man auf einen leeren Platz hinblickt, selbst wenn man ihrer bedarf; denn je mehr man nachgibt, desto mehr fordern, desto übermüthiger werden sie. Bezahlt man sie aber mit gleicher Münze, so weiß ihre Dummheit nicht, was sie aus dieser Erfahrung machen soll, fühlt sich aber doch gedemüthigt, und spannt gewöhnlich andre Saiten auf.
6.
Mit sehr ~empfindlichen~, leicht zu beleidigenden Leuten ist es nicht angenehm umzugehen. Allein diese Empfindlichkeit kann verschiedne Quellen haben. Hat man daher nachgespürt, ob der Mann, mit welchem wir leben müssen, und der leicht durch ein kleines unschuldiges Wörtchen, oder durch eine zweideutige Miene, oder durch einen Mangel an Aufmerksamkeit, gekränkt und vor den Kopf gestoßen wird, aus Eitelkeit, wie es mehrentheils der Fall ist, oder aus Ehrgeiz, oder weil er oft von bösen Menschen hintergangen und geneckt worden ist, oder endlich deswegen so leicht sich beleidigt glaubt, weil sein Herz zu zärtlich fühlt, weil er von Andern eben so viel verlangt, als er ihnen selbst gibt: so muß man sein Betragen danach einrichten, und jeden Anstoß dieser Art sorgfältig und aus Achtung zu vermeiden suchen; doch ist diese Aufgabe allerdings oft eine sehr schwere Aufgabe, und nur ein bescheidenes, dankbares und gefühlvolles Herz vermag sie zu lösen. Ist er übrigens redlich und verständig, so wird seine Verstimmung nicht lange dauren; er wird durch eine gerade, freundliche Erklärung bald zu besänftigen seyn; er wird zu denen, welche er für wahre Freunde erkennt, ein unbegrenztes Vertrauen fassen, und endlich, wenn man immer edel und offen mit ihm umgeht, von seiner Schwachheit zurückkommen.
Von allen diesen Thoren und Schwächlingen sind in der That diejenigen am schwersten zu befriedigen, und der Gesellschaft am lästigsten, die sich jeden Augenblick vernachlässigt, zurückgesetzt, nicht genug geehrt glauben. Es ist ein großes Unglück, in diesen Fehler zu verfallen, denn man verkümmert und verbittert sich durch solch eine thörichte Reizbarkeit nicht nur jedes gesellschaftliche Vergnügen, sondern fällt auch Andern zur Last, macht sich verhaßt, oder wenigstens gefürchtet, und erreicht nicht, was man zu erreichen so ängstlich strebt.
7.
~Eigensinnige~ Menschen sind viel schwerer zu behandeln, als sehr empfindliche; doch ist mit ihnen auszukommen, wenn sie übrigens verständig sind. Sie pflegen dann, in so fern man ihnen nur in dem ersten Augenblicke nachzugeben scheint, bald von selber der Stimme der Vernunft Gehör zu geben, ihr Unrecht und die Feinheit unsrer Behandlung zu fühlen, und wenigstens auf eine kurze Frist geschmeidiger zu werden. Ein Elend aber ist es, Starrköpfigkeit in Gesellschaft von Dummheit anzutreffen und behandeln zu müssen. Da helfen weder Gründe, noch Schonung. Es ist da mehrentheils nichts weiter zu thun, als einen solchen steifsinnigen Pinsel blindlings handeln zu lassen, ihn aber so in seine eignen Ideen, Plane und Unternehmungen zu verwickeln, daß er, wenn er durch übereilte, unkluge Schritte in Verlegenheit geräth, sich selbst nach unsrer Hülfe sehnen muß. Dann läßt man ihn eine Zeitlang zappeln, wodurch er nicht selten demüthig und folgsam wird, und das Bedürfniß, geleitet zu werden, fühlt. Hat aber ein schwacher, eigensinniger Kopf von ungefähr ein einzigmal gegen uns Recht gehabt, oder uns über einen kleinen Fehler erwischt; dann thue man nur Verzicht darauf, ihn je wieder zu leiten! Er wird uns immer zu übersehen glauben, und unsrer Einsicht und Rechtschaffenheit nie trauen; und das ist eine höchst verdrießliche Lage.
Bei diesen beiden Gattungen von Menschen aber helfen in dem ersten Augenblicke keine noch so nachdrückliche Vorstellungen, indem sie dadurch nur noch mehr verhärtet werden. Hängen wir von Ihnen ab, und sie geben uns Aufträge, wovon wir voraussehen, daß sie nachher von ihnen selbst werden gemißbilligt werden: so kann man nichts Klügeres thun, als ihnen ohne Widerrede Gehorsam zu versprechen, aber entweder die Befolgung so lange zu verschieben, bis sie sich indeß eines Bessern besinnen, oder in der Stille die Sache nach eignen Einsichten einzurichten, welches sie gewöhnlich in ruhigen Augenblicken zu billigen pflegen, besonders wenn man sich den Schein zu geben weiß, als habe man ihren Befehl also verstanden, und es klüglich unterläßt, sich seiner besseren Einsicht zu rühmen; eine Selbstverleugnung, die sich sogleich belohnt.
Nur in sehr wenig dringenden, oder sonst höchst wichtigen Fällen kann es nützlich und nöthig seyn, Eigensinn gegen Eigensinn aufzuspannen, und schlechterdings nicht nachzugeben. Doch geht alle Wirkung dieses Mittels verloren, wenn man es zu oft, und bei unbedeutenden Gelegenheiten, oder gar da anwendet, wo man Unrecht hat. Wer immer zankt, der hat die Vermuthung gegen sich, immer Unrecht zu haben; es ist also weise gehandelt, den Andern in diesen Fall zu setzen.
8.
Eine besondre Gemüthsart, die mehrentheils aus Eigensinn entspringt, doch auch wohl zuweilen bloß Sonderbarkeit, oder ungesellige Laune, oder nur üble Gewohnheit zur Quelle hat, ist die ~Zanksucht~. Es gibt Menschen, die alles besser wissen wollen, allem widersprechen, was man vorbringt; oft gegen eigene Ueberzeugung widersprechen, um nur das Vergnügen zu haben, streiten zu können. Andre setzen eine Ehre darein, ~Paradoxen~ aufzustellen, um sich ein Ansehn von Tiefsinn zu geben; Dinge zu behaupten, die kein Vernünftiger irgend ernstlich also meinen kann, bloß damit man mit ihnen darüber plaudern solle. Endlich noch Andre, die man +Querelleurs+ (~Stänker~) nennt, suchen vorsätzlich Gelegenheit zu persönlichem Zanke, um eine Art von Triumph über furchtsame Leute zu gewinnen, über Leute, die wenigstens noch feiger sind, als sie; oder, wenn sie mit dem Degen umzugehen wissen, ihren falschen und tollen Muth in einem thörichten Zweikampfe zu zeigen.
In dem Umgange mit allen diesen Leuten ist unüberwindliche Kaltblütigkeit, die sich durchaus nicht in Hitze bringen läßt, das unfehlbare Mittel, sie in Verlegenheit zu bringen, und zum Nachgeben oder zu einem versteckten Rückzuge zu nöthigen. Mit denen von der ersten Gattung lasse man sich in gar keinen Streit ein, sondern breche gleich das Gespräch ab, sobald sie aus Muthwillen anfangen, zu widersprechen. Dieß ist das einzige Mittel, ihrem Zankgeiste, wenigstens gegen uns, Schranken zu setzen, und viel unnütze Worte zu sparen. Denen von der zweiten Gattung kann man je zuweilen die Freude machen, ihre Paradoxen ein wenig zu bekämpfen, oder doch besser, zu bespötteln. Die Letztern aber müssen viel ernsthafter behandelt werden. Kann man ihre Gesellschaft nicht vermeiden: kann man in derselben, durch ein entfernendes, kaltsinniges und zurückgezogenes Betragen ihrer Zudringlichkeit und ihren Grobheiten nicht ausweichen: so rathe ich, einmal für allemal ihnen so kräftig zu begegnen, daß ihnen die Lust vergehe, sich ein zweitesmal an uns zu reiben. Saget ihnen auf der Stelle, in unzweideutigen, männlichen Ausdrücken Eure Meinung, und lasset Euch durch ihre Aufschneiderei nicht irre machen! Man wird mir zutrauen, daß ich über den Zweikampf so denke, wie jeder vernünftige Mann darüber denken muß, nämlich, daß er eine unmoralische, unvernünftige Handlung sey. Sollte nun aber auch jemand, seiner bürgerlichen Lage nach, zum Beispiel ein Officier, durchaus sich dem Vorurtheile unterwerfen müssen, eine Beleidigung durch die andre und durch persönliche Rache auszulöschen: so kann doch dieser Fall nie dann eintreten, wenn er, ohne die geringste Veranlassung von seiner Seite, hämischer Weise angetastet wird; und der hat doppelt Unrecht, der gegen einen sogenannten Raufer mit andern Waffen, als mit Verachtung, oder, wenn es ihm gar zu nahe gelegt wird, anders, als mit einem geschmeidigen spanischen Rohre kämpft, und hat nachher Unrecht, wenn er ihm Genugthuung gibt, wie man das zu nennen pflegt.
Im Allgemeinen aber wohnt in manchen Menschen ein sonderbarer Geist des Widerspruchs. Sie wollen immer haben, was sie nicht erlangen können; sind nie mit dem zufrieden, was Andre thun; murren gegen Alles, was grade ~sie~ nicht also bestellt haben, und wäre es auch noch so gut. Es ist bekannt, daß man solche Leute sehr oft dadurch leiten kann, daß man ihnen entweder das Gegentheil von ~dem~ vorschlägt, was man gern durchsetzen möchte, oder auf andre Weise sie unvermerkt dahin bringt, daß sie unsre eignen Ideen gegen uns durchsetzen müssen.
9.
~Jähzornige~ Leute beleidigen nicht mit Vorsatz. Sie sind aber nicht Meister über die Heftigkeit ihres Temperaments; und so vergessen sie sich in solchen stürmischen Augenblicken selbst gegen ihre geliebtesten Freunde, und bereuen nachher zu spät ihre Uebereilung. Ich brauche wohl nicht zu erinnern, daß Nachgiebigkeit -- vorausgesetzt, daß diese Leute, andrer guten Eigenschaften wegen, einiger Schonung werth scheinen, denn ausserdem muß man sie gänzlich fliehen; -- daß weise Nachgiebigkeit und Sanftmuth die einzigen Mittel sind, den Jähzornigen zur Vernunft zurückzuführen. Allein ich muß dabei erinnern, daß, phlegmatische Kälte dem Erzürnten entgegen zu setzen, ärger als der heftigste Widerspruch ist; er glaubt sich dann verachtet, und wird doppelt aufgebracht.
10.
Wenn der Jähzornige nur aus Uebereilung Unrecht thut, und über den kleinsten Anschein von Beleidigung in Hitze geräth; nachher aber auch eben so schnell wieder das zugefügte Unrecht bereuet, und das erlittene verzeiht; so verschließt hingegen der ~Rachgierige~ seinen Groll im Herzen, bis er Gelegenheit findet, ihm vollen Lauf zu lassen. Er vergißt nicht, vergibt nicht, auch dann nicht, wenn man ihm Versöhnung anbietet, wenn man alles, nur keine niederträchtigen Mittel anwendet, seine Gunst wieder zu erlangen. Er erwiedert sowohl das ihm zugefügte wahre, als das vermeintliche Uebel, und dieß nicht nach Verhältniß der Größe und Wichtigkeit desselben, sondern tausendfältig; für kleine Neckereien, wirkliche Verfolgung; für unüberlegte Ausdrücke, in Uebereilung geredet, thätige Mißhandlung; für eine Kränkung unter vier Augen, öffentliche Genugthuung; für beleidigten Ehrgeiz, Zerstörung wesentlicher Glückseligkeit. Seine Rache schränkt sich nicht auf die Person ein, sondern erstreckt sich auch auf die Familie, auf die bürgerliche Existenz und auf die Freunde des Beleidigers. Mit einem solchen Manne leben müssen, das ist in Wahrheit ein höchst trauriges Loos, und ich kann da nichts rathen, als daß man, so viel möglich, vermeide, ihn zu beleidigen, und zugleich sich in eine Art von ehrerbietiger Furcht bei ihm setze, die überhaupt das einzige wirksame Mittel ist, schlechte Leute im Zaume zu halten.
11.
~Faule~ und ~phlegmatische~ Menschen müssen ohne Unterlaß getrieben werden; und da doch fast jeder Mensch irgend eine herrschende Leidenschaft hat: so findet man zuweilen Gelegenheit, durch Aufregung derselben solche schläfrige Geschöpfe in Bewegung zu setzen.
Es gibt unter ihnen solche, die bloß aus ~Unentschlossenheit~ die kleinsten Arbeiten jahrelang liegen lassen, ohne durch die Verlegenheit oder Beschämung gerührt zu werden, welche sie sich dadurch zuziehen, oder Andern verursachen, und ohne vor den Folgen zu erschrecken, die eine solche Saumseligkeit früher oder später herbeiführen muß. Auf einen Brief zu antworten, eine Quittung zu schreiben, eine Rechnung zu bezahlen -- ja! das ist eine Haupt- und Staats-Action, zu welcher unbeschreibliche Vorbereitungen gehören, und zu der sie sich, selbst bei den dringendsten Bitten und Anmahnungen, nicht entschließen können. Bei ihnen muß man zuweilen wirklich Gewalt brauchen; und ist das schwere Werk einmal überstanden, dann pflegen sie sich recht dankbar zu bezeigen, so übel sie auch anfangs unsre Zudringlichkeit aufnahmen. Aber wehe diesen Unentschlossenen, wenn sie nicht einen kräftigen Freund haben, der ihnen zu ihrer Rettung Gewalt anthut, und einmal alle Schonung aus den Augen setzt, um ihren Dank zu verdienen!
12.
~Mißtrauische~, ~argwöhnische~, ~mürrische~ und ~verschlossene~ Leute sind wohl unter allen Lästigen und Widerwärtigen diejenigen, in deren Umgang ein edler gerader Mann am wenigsten von den Freuden des geselligen Lebens schmeckt. Wenn man jedes Wort abwägen, jeden unbedeutenden Schritt abmessen muß, um ihnen keine Gelegenheit zu schändlichem Verdachte zu geben; wenn kein Funken von erquickender Freude aus unserm Herzen in das ihrige übergeht; wenn sie keinen frohen Genuß mit uns theilen; wenn sie die Wonne der seltnen heitern Augenblicke, welche uns das Schicksal gönnt, uns nicht nur durch Mangel an Theilnehmung verkümmern und verbittern, sondern sogar, mitten in unsern glücklichsten Launen, uns unfreundlich stören, aus unsern süßesten Träumen uns verdrießlich aufwecken; wenn sie unsre Offenherzigkeit nie erwiedern, sondern immer auf ihrer Hut sind, in ihrem zärtlichsten Freunde einen Bösewicht, in ihrem treuesten Diener einen Betrüger und Verräther zu sehen glauben; dann gehört wahrlich ein hoher Grad von fester Rechtschaffenheit dazu, um nicht darüber selbst schlecht und menschenfeindlich zu werden. Hiebei ist nichts zu thun, wenn ein ungezwungenes, immer gleich redliches Betragen vergebens angewendet wird, wenn es nichts hilft, daß man ihnen jeden Zweifel, sobald man desselben gewahr wird, durch kräftige Vorstellungen benimmt, als daß man sich um ihren Argwohn und um ihr mürrisches Wesen schlechterdings nicht bekümmre, sondern muthig und munter den Weg fortgehe, den uns Klugheit und Gewissen vorschreiben. Uebrigens sind solche Menschen herzlich zu bedauern; sie leben sich und Andern zur Qual. Es liegt bei ihnen nicht immer Bösartigkeit zum Grunde; nein! eine unglückliche Stimmung des Gemüths, dickes Blut, oft auch Einwirkung des Schicksals, wenn sie gar zu oft sind hintergangen worden -- das sind mehrentheils die Quellen ihrer Seelenkrankheit. Und diese Krankheit ist in jüngern Jahren nicht ganz unheilbar, wenn die, welche ein solches Gemüth zu leiten haben, stets edel und grade mit ihm umgehen, ohne sich um seine Grillen und Launen zu bekümmern; nur so ist es möglich, die unglückliche Anlage zum Argwohn zu vertilgen, und ein ängstlich-scheues Gemüth mit dem seligmachenden Glauben auszustatten, daß es noch Redlichkeit und Freundschaft in der Welt gibt. Bei Personen von höherem Alter hingegen wird in der Regel jeder Versuch, ihnen diesen Glauben einzuflößen, fehlschlagen, und dies Uebel so tiefe Wurzel fassen, daß nichts übrig bleibt, als ihm Geduld und Kaltblütigkeit entgegen zu setzen.
Am mehrsten sind diejenigen zu beklagen, bei denen dies Mißtrauen bis zum ~Menschenhasse~ gestiegen ist. Der Verfasser des Schauspiels: ~Menschenhaß und Reue~, läßt in demselben den Major sagen, ich hätte vergessen, Vorschriften »für den Umgang mit dieser Art von Menschen zu geben.« Es ist wahr, ich habe hier wenig darüber gesagt: allein es ist auch unmöglich, dazu allgemeine Regeln vorzuschlagen, da es nothwendig ist, bei jedem einzelnen Falle genau mit den Quellen des Uebels bekannt zu seyn. In der Regel wird sichtbare, aber von aller Zudringlichkeit entfernte Theilnahme, kräftige Zurückweisung ungerechter Menschenverachtung durch Hinweisung auf Menschengröße und Edelmuth, besonders aber die zart und klug herbeigeführte Gelegenheit, Menschen aus großem Elende zu retten, und ihren Dank zu erwerben, nicht ohne Wirkung bleiben. Lebt ein Menschenhasser, ganz ohne Familien-Verbindung, in öder Einsamkeit oder Zurückgezogenheit, so ist er nicht zu retten. Hat er das Glück, in eine große Gefahr zu gerathen, und durch edelmüthige Selbstverleugnung, durch den Muth der großmüthigsten Menschenliebe, durch die Wunderthat eines großherzigen Menschenfreundes gerettet zu werden, so ist gründliche Heilung zu hoffen.
13.
~Neidische~, ~schadenfrohe~, ~mißgünstige~ und ~eifersüchtige~ Gemüthsarten sollten wohl nur das Erbtheil hämischer, niederträchtiger Menschen seyn; und doch trifft man leider einen unglücklichen Zusatz von diesen bösen Eigenschaften in den Herzen solcher Leute an, die übrigens manche gute Eigenschaft haben. -- So schwach ist die menschliche Natur! -- Ehrgeiz und Eitelkeit können in uns das Gefühl erwecken, Andern ein Glück nicht zu gönnen, nach welchem wir ausschließlich streben; sey es nun Vermögen, Glanz, Ruhm, Schönheit, Gelehrsamkeit, Macht, ein Freund, eine Geliebte, oder was es auch sey; und sobald diese Empfindung einen gewissen Widerwillen gegen die Person in uns erzeugt hat, die, trotz unsrer Mißgunst, trotz unsrer Eifersucht, im Besitze jenes ihr mißgönnten Guts bleibt: dann können wir uns heimlich eines schadenfrohen Kitzels nicht erwehren, wenn es dieser Person ein wenig widrig geht, und die Vorsehung unsre feindseligen Gesinnungen, besonders, wenn wir schwach genug waren, sie zu äußern, gleichsam rechtfertigt. Ich werde bei den Gelegenheiten, wenn von Künstler-, Gelehrten- und Handwerks-Neide, von Mißgunst unter Fürsten, Vornehmen, Reichen und Leuten, die in der großen Welt leben, von Eifersucht unter Ehegenossen, Freunden und Geliebten die Rede seyn wird, manches sagen, was auch hier anwendbar, aber überflüssig zu wiederholen seyn würde, und es bleibt mir wirklich nichts hinzuzufügen übrig, als daß, um allem Neide in der Welt auszuweichen, man auf jede gute Eigenschaft, so wie auf Alles, was Erfolg unsrer Bemühungen und Glück heißt, Verzicht thun, und, wenn es darauf ankömmt, mitten unter einem Schwarme von mißgünstigen Leuten zu leben, und dennoch dem Neide und der Eifersucht so wenig als möglich Nahrung zu geben, seine Vorzüge, seine Kenntnisse und seine Talente mehr verbergen als kund machen, keine Art von Uebergewicht zeigen, anscheinend wenig fordern, wenig begehren, auf Weniges Ansprüche machen, und wenig leisten müsse.
Jener Neid nun erzeugt dann oft die schrecklichen ~Verleumdungen~, denen auch der edelste Mann ausgesetzt ist. Es läßt sich nicht fest bestimmen, wie man sich in jedem Falle zu betragen habe, wenn man verleumdet wird. Oft erfordern Redlichkeit und Klugheit die schnellste und deutlichste Darstellung der wahren Beschaffenheit; oft hingegen ist es unter der Würde eines rechtschaffenen Mannes, sich auf Erläuterungen und Rechtfertigungen einzulassen. Der Pöbel hört nicht auf, uns zu necken, wenn er sieht, daß es uns wehe thut, und die Zeit pflegt, früh oder spät, die Wahrheit an das Licht zu ziehen.
14.
Der ~Geiz~ ist eine der unedelsten, schändlichsten Leidenschaften. Man kann sich keine Niederträchtigkeit denken, deren ein Geizhals nicht fähig wäre, wenn seine Begierde nach Reichthümern in das Spiel kömmt, und jede Empfindung besserer Art, Freundschaft, Mitleid, Wohlwollen, finden keinen Eingang in sein Herz, wenn sie kein Geld einbringen; ja, er gönnt sich selber die unschuldigsten Vergnügungen nicht, in so fern er sie nicht unentgeldlich schmecken kann. In jedem Fremden sieht er einen Dieb, und in sich selber einen Schmarotzer, der auf Unkosten seines bessern Ichs, seines Mammons, zehrt.
Allein in den jetzigen Zeiten, wo der Luxus so übertrieben wird, wo die Bedürfnisse, auch des mäßigsten Mannes, der in der Welt leben und eine Familie unterhalten muß, so groß sind; wo der Preis der nöthigen Lebensmittel täglich steigt; wo die Macht des Geldes so viel entscheidet; wo der Reiche ein so beträchtliches Uebergewicht über den Armen hat; wo endlich von der einen Seite Betrug und Falschheit, und von der andern Mißtrauen und Mangel an Theilnahme und Wohlwollen in allen Ständen sich ausbreiten; in diesen Zeiten der Selbstsucht und des Egoismus, meine ich, hat man Unrecht, wenn man einen sparsamen, vorsichtigen Mann, ohne nähere Prüfung seiner Verhältnisse und der Bewegungsgründe, welche seine Handlungen leiten, sogleich für einen Knicker erklärt. Man möchte vielmehr diejenigen, welche das Beispiel einer Sparsamkeit geben, die eben so sehr von Menschenliebe, als von Klugheit und Vorsicht erzeugt und belebt wird, für Ruhmwürdige erklären, weil doch in der That kein geringer Grad von Seelenstärke und Weisheit dazu erfordert wird, um den Grundsätzen einer strengen Sparsamkeit getreu zu bleiben, und dem Urtheil der Welt eine unwandelbare Entschlossenheit entgegen zu setzen.
Es gibt ferner unter den wirklichen geizigen Leuten solche, die neben dieser Geld-Begierde noch von einer andern mitherrschenden Leidenschaft regiert werden. Diese scharren dann zusammen, sparen, betrügen Andre und versagen sich alles, außer da, wo es auf Befriedigung dieser Leidenschaft ankömmt; sey es nun Wollust, Gefräßigkeit, Ehrgeiz, Eitelkeit, Neugier, Spielsucht, oder was es auch immer sey. So habe ich Menschen gekannt, die, um einen Louisd'or zu gewinnen, Bruder und Freund verrathen, und sich der öffentlichen Beschimpfung ausgesetzt haben würden; hundert für den sinnlichen Genuß eines Augenblicks hingegebene Gulden hingegen für gut angelegtes Geld hielten.
Noch Andre rechnen so schlecht, daß sie Heller sparen, und Thaler wegwerfen. Sie lieben das Geld, aber sie verstehen nicht, damit umzugehen. Um also die Summen wieder zu erhaschen, um welche sie von Gaunern, Abentheurern und Schmeichlern betrogen werden, geben sie ihrem Gesinde nicht satt zu essen; und um tausend Thaler wieder zu gewinnen, die sie verschleudert haben, wechseln sie auf die unanständigste Weise aller Orten einzelne feine Gulden ein, damit sie an jedem vielleicht einen Heller Aufgeld gewinnen.