Part 8
Baue nicht eher fest auf treue, immer sich bewährende Liebe und Freundschaft, als bis Du solche Proben gesehen hast, die ~Aufopferung~ kosten! Die mehrsten Menschen, die uns so herzlich ergeben scheinen, treten zurück, sobald es darauf ankömmt, ihren Lieblings-Neigungen zu unserm Vortheile zu entsagen. Darauf ist also Rücksicht zu nehmen, wenn man wissen will, was ein Mensch uns werth ist. Es ist keine Kunst, alles zu leisten, was man nur wünschen mag, das Einzige ausgenommen, was Ueberwindung kostet.
62.
Alle diese allgemeinen, sodann die folgenden besondern Regeln, und viel mehrere noch, die ich, um mein Werk nicht über Gebühr auszudehnen, der eigenen Einsicht der Leser überlasse, zielen dahin, den Umgang leicht und angenehm zu machen, und das gesellige Leben zu erleichtern. Es kann aber Mancher seine besondern Gründe haben, warum er sich über einige derselben hinaussetzen will, und da ist es denn freilich sehr billig, Jedem zu erlauben, auf seine eigne Art seine Ruhe zu befördern. Dringen wir niemand unsre Specifica auf! Wer weder die Gunst der Großen sucht, noch allgemeines Lob, noch glänzenden Ruhm, noch Beifall verlangt; wer, seiner politischen und ökonomischen Lage, oder andrer Rücksichten wegen, nicht Ursache hat, den Cirkel seiner Bekanntschaft zu erweitern; wer Alters oder Schwächlichkeit halber den Umgang flieht, der bedarf keiner Regeln des Umgangs. Lasset uns daher so billig seyn, von niemand zu fordern, daß er sich nach unsern Sitten richte, sondern jedermann seinen Gang gehn; denn da jedes Menschen Glückseligkeit in seinen Begriffen von Glückseligkeit beruht; so ist es grausam, irgend Einen zwingen zu wollen, wider seinen Willen auf eine ihm nicht zusagende Weise glücklich zu seyn. Es ist oft lustig anzusehn, wie ein Haufen leerer Köpfe sich über einen sehr verständigen Mann aufhält, der keinen Beruf fühlt, oder nicht aufgelegt ist, den Ton ihrer Gesellschaft anzunehmen, sondern, mit einer abgesonderten Existenz sehr wohl zufrieden, seine theure Zeit nicht jedem Narren preisgeben will. Wenn wir nicht gerade Sclaven der Gesellschaft seyn wollen, so nehmen das die müßigen Leute, die nichts Besseres zu thun wissen, als aus dem Bette vor den Spiegel, von da an Tafel, von da an den Spieltisch, von da wieder an Tafel, und von da endlich in das Bett zu wandern, sehr übel, daß wir nicht wie sie leben, der Geselligkeit nicht höhere Pflichten aufopfern wollen -- das ist eine Unart, deren man sich enthalten soll. Es heißt nicht, sich absondern, wenn man zu Hause bleibt, um zu thun, was man ~thun soll~, und wovon man Rechenschaft geben muß.
63.
Und nun weiter, zu den ~besondern Umgangs-Regeln~ -- doch vorher noch eine Erinnerung! Wenn ich allein, oder auch nur vorzüglich, für Frauenzimmer schriebe, so würde ich eine Menge der schon gegebenen und noch folgenden Vorschriften, theils gänzlich übergehen, theils modificiren, theils andre an deren Stelle setzen müssen, die alsdann für Männer weniger brauchbar wären. -- Das ist indessen nicht der Zweck meines Buchs. Weise Frauenzimmer allein können den Personen ihres Geschlechts die besten Lehren über ihr Betragen im gesellschaftlichen Leben ertheilen; das ist eine Arbeit, die Männern nicht gelingen würde. Findet jedoch das schöne Geschlecht auch etwas für sich Brauchbares in diesen Blättern: so wird das meine Zufriedenheit über mein eignes Werk sehr vermehren. Uebrigens haben Frauenzimmer in ihrem Umgange in der That Rücksichten zu nehmen, die bei uns gänzlich wegfallen. Sie hängen viel mehr vom äussern Rufe ab, dürfen nicht so zuvorkommend im Umgange seyn, müssen sich im Ganzen mehr leidend verhalten, und eine Art von scheuer Zurückhaltung beobachten, und kommen selten oder gar nicht in die schwierigen gesellschaftlichen Verhältnisse, in welche der Mann kommt, werden endlich auch durch einen gewissen feinen Takt richtig geleitet, ohne der Regeln zu bedürfen. Man verzeiht ihnen von einer Seite weniger Unvorsichtigkeiten, und von der andern mehr Launen; ihre Schritte werden früher wichtig für sie, indeß dem Knaben und Jünglinge manche Unvorsichtigkeit nachgesehen wird; ihre Existenz schränkt sich auf den häuslichen Cirkel ein, da hingegen des Mannes Lage ihn eigentlich fester an den Staat, an die große bürgerliche Gesellschaft knüpft. Daher gibt es Tugenden und Laster, Handlungen und Unterlassungen, die bei dem ersten Geschlechte von ganz andern Folgen sind, als bei dem zweiten. -- Doch über dies alles ist den Damen so viel Gutes in andern Büchern gesagt worden, daß jede weitere Ausführung dieses Gegenstandes hier am unrechten Orte stehen würde.
Zweites Kapitel.
Ueber den Umgang mit sich selbst.
1.
Die Pflichten gegen uns selbst sind die wichtigsten und ersten, und also ist der Umgang mit unsrer eignen Person gewiß weder der unnützeste, noch uninteressanteste. Es ist daher nicht zu verzeihen, wenn man sich immer unter andern Menschen umhertreibt, über den Umgang mit Menschen seine eigne Gesellschaft vernachlässigt, gleichsam vor sich selber zu fliehen scheint, sein eignes Ich nicht zu erforschen und zu veredeln sucht, indem man sich unaufhörlich in fremde Angelegenheiten mischt. Wer täglich herumläuft, und sich von Neuigkeiten nährt, wird fremd in seinem eignen Hause; wer immer in Zerstreuungen lebt, wird fremd in seinem eignen Herzen, muß im Gedränge müßiger Leute seine klägliche Langeweile zu tödten trachten, verliert endlich alle Zuversicht zu sich selbst, und verzagt, wenn er einmal Zerstreuungen entbehren, und eine Zeitlang mit sich selbst allein seyn muß. Wer nur solche Cirkel sucht, in welchen seine Eitelkeit reichliche Nahrung findet, verliert endlich so sehr den Sinn für Wahrheit, daß er selbst die lautesten Erinnerungen seines Gewissens überhört, oder sich vorsätzlich dagegen betäubt, indem er sich allen Zerstreuungen des Lebens hingibt.
2.
Hüte Dich also, Deinen nächsten und ersten Freund, Dein eigenes Herz, so zu vernachlässigen, daß Du es öde und leer findest, wenn Du aus seiner Tiefe Trost und Erquickung zu schöpfen gedachtest. Ach! es kommen Augenblicke, in denen Du Dich selbst nicht verlassen darfst, wenn Dich auch jedermann verläßt; Augenblicke, in welchen der Umgang mit Deinem Ich der einzige tröstliche ist. -- Was wird aber in solchen Augenblicken aus Dir werden, wenn Du mit Deinem eignen Herzen nicht in Frieden lebst, und auch von dieser Seite aller Trost, alle Hülfe Dir versagt wird? Und nicht bloß von dieser Seite läufst Du Gefahr, wenn Du ein Fremdling in Deinem eigenen Herzen geworden bist, sondern auch noch von einer andern; Du bringst es nämlich nie zu einer gründlichen Menschenkenntniß, lernst nie, die Menschen behandeln, und ihre Schwachheiten ertragen, wenn Du Dich selbst nicht kennst, und nicht Dein eigenes Herz zu behandeln weißt.
3.
Willst Du aber im Umgange mit Dir Trost, Glück und Ruhe finden, so mußt Du eben so vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit Dir selber umgehn, wie mit Andern, also daß Du Dich weder durch Mißhandlung erbitterst und niederdrückest, noch durch Vernachlässigung zurücksetzest, noch durch Schmeichelei verderbest.
4.
Sorge für die Gesundheit Deines Leibes und Deiner Seele; aber verzärtle beide nicht! Wer auf seinen Körper losstürmt, der verschwendet ein Gut, welches oft allein hinreicht, ihn über Menschen und Schicksal zu erheben, und ohne welches alle Schätze der Erde eitle Bettelwaare sind. Wer aber jedes Lüftchen fürchtet, und jede Anstrengung und Uebung seiner Glieder scheuet: der lebt ein ängstliches, nervenloses Austern-Leben, und versucht es vergeblich, die verrosteten Federn in den Gang zu bringen, wenn er in den Fall kömmt, seiner natürlichen Kräfte zu bedürfen. Wer sein Gemüth ohne Unterlaß dem Sturme der Leidenschaften preisgibt, oder die Segel seines Geistes unaufhörlich spannt, der läuft auf den Strand, oder muß mit durchlöchertem Fahrzeuge nach Hause laviren, wenn grade die beste Jahrszeit zu neuen Entdeckungen eintritt. Wer aber die Kräfte seines Verstandes und Gedächtnisses immer schlummern läßt, oder vor jedem kleinen Kampfe, vor jeder Art von Anstrengung zurückbebt; der hat nicht nur wenig wahren Genuß, sondern ist auch ohne Rettung verloren, da, wo es auf Kraft, Muth und Entschlossenheit ankommt.
Hüte Dich vor eingebildeten Leiden des Leibes und der Seele! Laß Dich nicht gleich niederbeugen von jedem widrigen Vorfalle, von jeder körperlichen Unbehaglichkeit! Fasse Muth! Sey getrost! Alles in der Welt geht vorüber; alles läßt sich überwinden, durch Standhaftigkeit; alles läßt sich vergessen, und verschmerzen, wenn man seine Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand heftet. Dazu soll Dir die Gesellschaft die Hand bieten; sie soll Deine schmerzlichen Gefühle lindern, Deinen Gedanken eine Richtung geben, welche Deinem Herzen wohlthue; aber diesen Dienst kann sie Dir nur leisten, wenn Du sie ~aufsuchst~; sie sucht Dich nicht auf, denn sie weiß nicht, daß Du ihrer bedarfst. So mußt Du denn vor allem mit Dir selbst umzugehen wissen, ehe Dir die Wohlthat des Umgangs mit Andern zu Theil werden kann, mußt die Kraft haben, Dich in so weit zu ermannen, daß Du den Muth hast, mit einem traurigen oder verwundeten Herzen unter die Menschen zu treten, ohne Deinen Schmerz sichtbar werden zu lassen.
5.
Ehre Dich selbst, wenn Du willst, daß Andre Dich ehren sollen! Thue nichts im Verborgnen, dessen Du Dich schämen müßtest, wenn es ein Fremder sähe! Handle, weniger Andern zu gefallen, als um Deine eigne Achtung nicht zu verscherzen, gut und anständig! Selbst in Deinem Aeussern, in Deiner Kleidung halte Dir keine Nachlässigkeit zu gute, wenn Du allein bist! Gehe nicht schmutzig, nicht zerlumpt, nicht unrechtlich, nicht krumm, noch mit groben Manieren einher, wenn Dich niemand beobachtet! Mißkenne Deinen eignen Werth nicht! Verliere nie die Zuversicht zu Dir selber, laß das Bewußtseyn Deiner Menschenwürde, das Gefühl, wenn nicht eben so weise und geschickt, als manche Andre, zu seyn, doch weder an Eifer, es zu werden, noch an Redlichkeit des Herzens, irgend jemand nachzustehen, nie in Deinem Herzen ersterben. Begleitet es Dich in die Gesellschaft, so wirst Du nie aus Schüchternheit und Aengstlichkeit den Beitrag schuldig bleiben, den Du zur Unterhaltung liefern sollst.
6.
Verzweifle nicht, und werde nicht mißmüthig, wenn Du nicht die moralische oder intellectuelle Höhe erreichen kannst, auf welcher ein Anderer steht; und sey nicht so unbillig, andre gute Seiten an Dir zu übersehen, die Du vielleicht vor Jenen voraus haben magst! -- Und wäre das auch nicht der Fall; müssen wir denn Alle groß seyn?
Willst Du im Umgange Genuß des Lebens, und Freunde finden, so laß Dich nicht von der Begierde blenden, den Ton anzugeben, und in der Gesellschaft zu glänzen. Mit dieser Begierde wirst Du überall Anstoß und Aergerniß geben und finden, und jede Auszeichnung theuer erkaufen; denn wer sich selbst erhöhet, den erniedrigt die Gesellschaft; sie wird hart und ungerecht gegen ihn, und zwingt ihn endlich, sie ganz aufzugeben. Ich begreife es wohl: diese Sucht, ein großer Mann zu seyn, ist bei dem inneren Gefühle von Kraft und wahrem Werthe schwer abzulegen. Wenn man so unter mittelmäßigen Geschöpfen lebt, und sieht, wie wenig diese erkennen und schätzen, was Gutes in uns ist, wie wenig man über sie vermag, wie die elendesten Pinsel, die alles im Schlafe erlangen, aus ihrer Herrlichkeit herunter blicken -- ja! es ist hart! -- Du versuchst es in allen Fächern: Im Staate geht es nicht; Du willst in Deinem Hause groß seyn; aber es fehlt Dir an Gelde, an dem Beistande Deines Weibes; Deine Laune wird von häuslichen Sorgen niedergedrückt; und so geht dann alles den Alltagsgang; Du empfindest tief, wie so alles in Dir zu Grunde geht; Du kannst Dich durchaus nicht entschließen, ein Mitglied des großen Haufens zu werden, und Dich auf der Heerstraße in schlechter Gesellschaft herumzutreiben. -- Das alles fühle ich mit Dir; allein verliere doch darum nicht den Muth, den Glauben an Dich selbst und an die Würde und den Adel der Menschennatur; verzweifle darum nicht, Menschen auf Deinem Lebenswege zu finden, die Dich wieder mit der Welt aussöhnen. Und solltest Du sie nicht finden, könntest Du nicht eine Höhe erringen, auf welcher Du Dir selbst genug bist, und nur des Umgangs mit den Weisen des Alterthums und Deines Volks bedarfst? Du stehst auf dieser Höhe, wenn Du durch Reinheit, Güte und Kraft der Gesinnung ein Bewußtseyn Deines Werthes und Deiner Würde gewonnen, und durch sorgsame Bildung Deines Geistes Dir eine unerschöpfliche Quelle des Genusses eröffnet hast.
7.
Sey Dir selber ein angenehmer Gesellschafter! Mache Dir keine Langeweile; das heißt: sey nie ganz müßig! Lerne Dich selbst nicht zu sehr auswendig; sondern sammle aus Büchern und Menschen neue Ideen. Man glaubt es gar nicht, welch ein eintöniges Wesen man wird, wenn man sich immer in dem Cirkel seiner eignen Lieblings-Begriffe herumdreht, und wie man dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der Stirne trägt.
Der langweiligste Gesellschafter für sich selbst ist man ohne Zweifel dann, wenn man mit seinem Herzen, mit seinem Gewissen in nachtheiliger Abrechnung steht. Wer sich davon überzeugen will, der gebe Acht auf die Verschiedenheit seiner Laune. Wie verdrießlich, wie zerstreuet, wie sehr sich selbst zur Last ist man nach einer Reihe zwecklos, vielleicht gar in strafbarem Genusse hingebrachter Stunden; und wie heiter, wie froh in der Unterhaltung mit sich selbst am Abend eines der Pflicht geweihten Tages!
8.
Es ist aber nicht genug, daß Du Dir selbst durch Heiterkeit und Gleichmuth, Thätigkeit und Betriebsamkeit ein lieber, angenehmer und unterhaltender Gesellschafter seyest, Du sollst Dich auch, fern von aller Schmeichelei, als Deinen eignen, treuesten und aufrichtigsten Freund zeigen; und wenn Du eben so viel Gefälligkeit gegen Deine Person, als gegen Fremde haben willst, so ist es auch Pflicht, eben so strenge gegen Dich, wie gegen Andre zu seyn. Gewöhnlich erlaubt man sich alles, verzeiht sich alles, und Andern nichts; gibt bei eignen Fehltritten, wenn man sie auch dafür anerkennt, dem Schicksale, oder unwiderstehlichen Trieben die Schuld, ist aber weniger duldend gegen die Verirrung seiner Brüder. -- Das ist nicht gut gethan.
9.
Hüte Dich besonders vor der pharisäischen Tugend, welche der wahre Bettelstolz ist, und sprich also nicht zu Dir selbst, denke nicht bei Dir selbst: ich danke Gott, daß ich nicht bin, wie andere Leute, kein Tagedieb, kein Pflastertreter, kein Falschmünzer, kein Ehrloser u. dgl. m.; sondern beurtheile Dich nach den Graden Deiner Fähigkeiten, Anlagen, Erziehung, und der Gelegenheit, die Du gehabt hast, weiser und besser zu werden, als Viele. Halte hierüber oft in einsamen Stunden Abrechnung mit Dir selber, und frage Dich, als ein strenger Richter, ob Du also diese Winke zu höherer Vervollkommnung genützt habest?
Drittes Kapitel.
Ueber den Umgang mit Menschen von verschiednen Gemüthsarten, Temperamenten und Stimmungen des Geistes und Herzens.
1.
Man pflegt gewöhnlich vier Hauptarten von Temperamenten anzunehmen, und zu behaupten, ein Mensch sey entweder cholerisch, phlegmatisch, sanguinisch, oder melancholisch. Obgleich nun wohl schwerlich je eine dieser Gemüthsarten so ausschließlich in uns wohnt, daß dieselbe nicht durch einen kleinen Zusatz von einer andern modificirt würde, da dann aus dieser unendlichen Mischung der Temperamente jene feinen Nüancen und die herrlichsten Mannigfaltigkeiten entstehen: so ist doch mehrentheils in dem Segelwerke jedes Erdensohns einer von jenen vier Hauptwinden vorzüglich wirksam, um seinem Schiffe auf dem Oceane dieses Lebens die Richtung zu geben. Soll ich mein Glaubensbekenntniß über die vier Haupt-Temperamente ablegen, so muß ich aus Ueberzeugung Folgendes sagen:
Bloß ~cholerische~ Leute flieht vernünftiger Weise Jeder, dem seine Ruhe lieb ist. Ihr Feuer brennt unaufhörlich, zündet und verzehret, ohne zu wärmen.
Bloß ~Sanguinische~ sind unzuverlässige Weichlinge, ohne Kraft und Festigkeit.
Bloß ~Melancholische~ sind sich selber, und bloß ~Phlegmatische~ Andern eine unerträgliche Last.
~Cholerisch-sanguinische~ Leute sind die, welche in der Welt sich am mehrsten bemerklich machen und gefürchtet werden, welche Epoche machen, am kräftigsten wirken, herrschen, zerstören und bauen; cholerisch-sanguinisch ist also der wahre Herrscher- (der Despoten-) Charakter; aber nur noch ein Grad von melancholischem Zusatze, -- und der furchtbarste Tyrann ist gebildet.
~Sanguinisch-phlegmatische~ leben wohl am glücklichsten, am ruhigsten und ungestörtesten, genießen mit Lust, mißbrauchen nicht ihre Kräfte, kränken niemand, vollbringen aber auch nichts Großes; allein dieser Charakter, im höchsten Grade, artet in geschmacklose, dumme und grobe Wollust aus.
~Cholerisch-melancholische~ richten viel Unheil an: Blutdurst, Rache, Verwüstung, Hinrichtung des Unschuldigen und Selbstmord sind nicht selten die Folgen dieser Gemüthsart.
~Melancholisch-sanguinische~ zünden sich mehrentheils an beiden Enden zugleich an, und reiben sich selber an Leib und Seele auf.
~Cholerisch-phlegmatische~ Menschen trifft man selten an; es scheint ein Widerspruch in dieser Zusammensetzung zu liegen; und dennoch gibt es deren, bei welchen diese beiden Extreme wie Ebbe und Fluth abwechseln, und solche Leute taugen durchaus zu keinen Geschäften, zu welchen gesunde Vernunft und Gleichmüthigkeit erfordert werden. Sie sind nur mit äusserster Mühe in Bewegung zu setzen, und hat man sie endlich in die Höhe gebracht, dann toben sie wie wilde Thiere umher, fallen mit der Thür in das Haus, und verderben alles durch ihren rasenden Ungestüm.
~Melancholisch-phlegmatische~ Leute aber sind wohl unter allen die unerträglichsten, und mit ihnen zu leben, das ist für jeden vernünftigen und guten Menschen die Hölle auf Erden.
Noch einmal! die Mischungen sind unendlich verschieden. Wo man aber eins dieser Temperamente entschieden die Oberhand nehmen sieht, da findet man auch in seinem Gefolge gewisse, diesem Temperamente besonders eigne Tugenden und Laster. So sind z. B. sanguinische Leute mehrentheils eitel, aber wohlwollend, theilnehmend, ergreifen alles mit einer großen Lebhaftigkeit und selbst mit Leidenschaft; cholerische pflegen ehrgeizig zu seyn; melancholische sind mißtrauisch, und nicht selten geizig; und phlegmatische beharren eigensinnig auf vorgefaßten Meinungen, um sich die Mühe des Nachdenkens zu ersparen. -- Man muß die Gemüthsarten der Menschen studiren, in so fern man im Umgange mit ihnen auf sie wirken will. Ich kann hier nur einzelne Fingerzeige geben, wenn ich mein Buch nicht zur Ungebühr ausdehnen will.
2.
~Herrschsüchtige~ Menschen sind schwer zu behandeln, und passen nicht zum freundschaftlichen und geselligen Umgange. Sie wollen überall durchaus die erste Rolle spielen; alles soll nach ihrem Kopfe gehen. Was sie nicht ersonnen, angeordnet, bestimmt und gewollt haben, das verachten sie nicht nur; nein! sie zerstören es, wenn sie können. Wo sie hingegen an der Spitze stehen, oder wo man sie wenigstens glauben macht, daß alles nach ihrem Sinne gehe, und ihr Werk sey, da arbeiten sie mit unermüdetem Eifer, und stürzen alles vor sich weg, was ihrem Zwecke im Wege ist. Zwei herrschsüchtige Leute neben einander taugen zu gar nichts in der Welt, und zertrümmern alles um sich her, aus Privat-Leidenschaft. Hieraus nun ist leicht abzunehmen, wie man sich gegen solche Leute zu betragen habe, wenn man mit ihnen leben muß; und ich glaube darüber nichts hinzufügen zu dürfen.
3.
~Ehrgeizige~ Menschen müssen ungefähr auf eben diese Art behandelt werden. Der Herrschsüchtige ist zugleich auch ehrgeizig, aber umgekehrt der Ehrgeizige nicht immer herrschsüchtig, sondern begnügt sich auch wohl mit einer Nebenrolle, in so fern er darin nur mit einigem Glanze zu erscheinen hoffen darf; ja es können Fälle kommen, wo er selbst in der Erniedrigung Ehre sucht; doch verzeiht er nichts weniger, als wenn man ihn an dieser schwachen Seite kränkt.
4.
Der ~Eitle~ will geschmeichelt seyn; Lob kitzelt ihn unaussprechlich; und wenn man ihm Aufmerksamkeit, Zuneigung, Bewundrung widmet: so braucht nicht eben große Ehrenbezeigung damit verbunden zu seyn. Da nun jeder Mensch mehr oder weniger von der Begierde, zu gefallen, sich geltend zu machen und vortheilhafte Eindrücke zu machen, beherrscht oder in Bewegung gesetzt wird: so kann man ohne Sünde hie und da einem sonst guten Menschen, dem diese kleine Schwachheit anklebt, in solchen Punkten ein wenig nachsehn; ein Wörtchen, das er gern hört, gegen ihn fallen lassen, ihm erlauben, an dem Lobe, das er einerndtet, sich zu erquicken, oder sich selbst bei Gelegenheit ein wenig zu loben. Das schändlichste Handwerk aber treiben die niedrigen Schmeichler, die durch unaufhörliches Weihrauch-Streuen eitlen Leuten den Kopf so betäuben, daß diese zuletzt nichts anders mehr hören mögen, als Lob; daß ihre Ohren für die Stimme der Wahrheit verschlossen sind, und daß sie jeden guten graden Mann fliehen und zurücksetzen, der sich nicht so weit erniedrigen kann, oder es für eine Art von Unbescheidenheit und Grobheit hält, ihnen dergleichen Süßigkeiten in's Gesicht zu werfen. Gelehrte und Damen pflegen am mehrsten in diesem Falle zu seyn, und ich habe deren einige gekannt, mit denen ein schlichter Biedermann deswegen fast gar nicht umgehen konnte. Wie die Kinder dem Fremden nach den Taschen schielen, um zu erfahren, ob man ihnen keine Zuckerplätzen mitgebracht hat; so horchen Jene auf jedes Wort, das Du sprichst, um zu vernehmen, ob es nicht etwas Verbindliches für sie enthält, und werden mürrischer Laune, sobald sie sich in ihrer Hoffnung betrogen finden. Der höchste Grad dieser Eitelkeit führt zu einem Egoismus, der zu aller gesellschaftlichen und freundschaftlichen Verbindung untüchtig macht, und dem Eiteln eben so sehr zur Last, wie dem zum Ekel wird, der mit ihm leben muß.
Obgleich man nun solchen eiteln Leuten nicht schmeicheln soll, so hat doch auch nicht Jeder Beruf, sich mit ihrer Zurechtweisung zu befassen, besonders wenn sie mit ihm in keiner nähern Verbindung stehen, noch weniger, sie zu demüthigen, oder ihnen jede Gefälligkeit und Höflichkeitsbezeigung zu versagen; und es ist unbillig, wenn diejenigen, welche täglich mit ihnen leben müssen, dieß von uns verlangen; wenn sie fordern, daß wir mit Hand anlegen sollen, ihre verzognen Freunde umzubilden.
Eitle Leute pflegen gern Andern zu schmeicheln, um dagegen desto größere Schmeicheleien als Bezahlung einzuholen, und weil sie das für das einzige würdige Opfer, für die einzige vollwichtige Münze halten.
5.