Ueber den Umgang mit Menschen

Part 7

Chapter 73,626 wordsPublic domain

So viel über den Anstand, über schickliche Manieren, und über die Höflichkeit im äussern Betragen, über Bescheidenheit und Mäßigung; und nun noch etwas über die ~Kleidung~. Kleide Dich nicht ~unter~ und nicht ~über~ Deinen Stand, nicht ~über~ und nicht ~unter~ Dein Vermögen, nicht phantastisch, nicht bunt, nicht ohne Noth prächtig, noch glänzend, noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und, wo Du Aufwand machen mußt, da sey Dein Aufwand zugleich ächt und schön! Zeichne Dich weder durch altväterische, noch jede neumodische Thorheit nachahmende Kleidung aus! Wende eine größere Aufmerksamkeit auf Deinen Anzug, wenn Du in der großen Welt erscheinen willst! Man ist in Gesellschaft verstimmt, sobald man sich bewußt ist, in einer unangenehmen Ausstaffirung aufzutreten. Trage nie geliehene Sachen! Das hat von mehr als Einer Seite nachtheiligen Einfluß auf den Charakter.

55.

Wenn die Frage entsteht: ob es gut sey, viel oder wenig in Gesellschaft zu erscheinen; so muß die Beantwortung derselben freilich, nach den verschiedenen einzelnen Lagen, Bedürfnissen und nach unzähligen kleinen Umständen und Rücksichten, bei jedem Menschen anders ausfallen. Im Ganzen aber kann man den Satz zur Richtschnur annehmen: daß man sich nicht aufdringen, die Leute nicht überlaufen solle, und daß es besser sey, wenn man es einmal nicht allen Menschen recht machen kann, daß gefragt werde, warum wir so selten, als geklagt, daß wir zu oft und an allen Orten erscheinen, wo Unterhaltung zu erwarten ist. Es gibt einen feinen Sinn für die Pflege und Erweiterung des Umgangs (wenn uns nicht übertriebne Eitelkeit und Selbstsucht die Augen blenden), einen Sinn, der uns sagt, ob wir gerngesehn, oder überlästig sind, ob es Zeit ist, fortzugehn, oder ob wir noch verweilen sollen. Aus der Art, wie uns von Kindern und Domestiken in einem Hause begegnet wird, pflegt man am leichtesten zu merken, wie die Herrschaften oder Eltern gegen uns gestimmt sind.

Uebrigens rathe ich, wenn man sich so weit in seiner Gewalt haben kann, mit so wenig Leuten, als möglich, ~vertraulich~ zu werden, nur einen kleinen Cirkel von ~Freunden~ zu haben, und diesen nur mit äusserster Vorsicht zu erweitern. Gar zu leicht mißbrauchen und vernachlässigen uns die Menschen, sobald wir mit ihnen in einem vollkommen vertraulichen Tone umgehen. Um angenehm zu leben, muß man fast immer ein ~Fremder~ unter den Leuten bleiben. Dann wird man geschont, geehrt, aufgesucht. -- Deswegen ist das Leben in großen Städten so schön, wo man alle Tage andre Menschen sehen kann. Für einen Mann, der sonst nicht schüchtern ist, ist es ein Vergnügen, unter ~Unbekannten~ zu sitzen. Da hört man, was man sonst nicht hören würde; man wird nicht behorcht und belauscht, und kann in der Stille beobachten.

56.

Uebrigens rathe ich auch an, um seiner selbst und um Andrer willen, ja nicht zu glauben, es sey irgend eine Gesellschaft so ganz schlecht, das Gespräch irgend eines Mannes so ganz unbedeutend, daß man nicht daraus etwas lernen, eine neue Erfahrung, einen Stoff zum Nachdenken sammeln könnte. Aber man soll nicht aller Orten Gelehrsamkeit, feine Cultur fordern, sondern sich an gesundem Hausverstand und geradem Sinn genügen lassen, daran den eigenen beleben und stärken, und sich einmal wieder auf den Weg der Natur leiten lassen, sich auch eben darum unter Menschen von allerlei Ständen mischen: so lernt man zugleich nach und nach den Ton und die Stimmung annehmen, die nach Zeit und Umständen erfordert werden, und überzeugt sich, daß auch in den niederen Ständen Witz, Verstand und Scharfsinn zu finden sey. Aber diese Ueberzeugung ist sehr heilsam zur Dämpfung eines gewissen Stolzes, der sich so leicht der Gebildeten bemächtigt, und sie ungerecht gegen Ungebildete macht. Auch für die Erweiterung der Sprachkunde ist ein solcher Umgang mit Menschen aus den verschiedensten Ständen und von den verschiedensten Bildungsstufen höchst wirksam und ergiebig, und gewährt manchen großen Genuß, besonders durch die erweiterte Kenntniß sprichwörtlicher Redensarten, in welchen oft so viel Witz und Kraft verborgen liegt.

57.

Mit wem aber soll man am mehrsten umgehn? Natürlicher Weise läßt sich auch diese Frage nur nach eines Jeden besondrer Lage beantworten. Hat man die Wahl (und wirklich hat man diese auch öfter, als man glaubt), so wähle man sich die Weisern zu seinem Umgange; Leute, von denen man lernen kann, die nicht schmeicheln, nicht gar zu überlegen an Kenntnissen und Fähigkeiten sind, aber doch uns übersehen, die in Kreisen tanzen, so oft ihr hoher Genius seine Zauberruthe schwingt. Den Meisten aber scheint es genußreicher, untergeordnete Geister um sich her zu versammeln. Aber diese bleiben auch immer, was und wie sie sind, kommen nie weiter in Weisheit und Tugend. Es gibt zwar Lagen, in welchen es nützlich und lehrreich ist, sich unter Menschen von allerlei Fähigkeiten zu mischen, ja, wo es auch Pflicht ist, nicht bloß mit Leuten umzugehn, von denen ~wir~, sondern auch mit solchen, die ~von uns~ lernen können, und die ein Recht haben, dieß zu fordern. Diese Gefälligkeit aber darf nie so weit gehen, daß die Rechenschaft, die wir einst von unsrer goldnen Zeit, und von der Obliegenheit, uns zu vervollkommnen, geben sollen, dabei Gefahr laufe.

58.

Es ist oft eine höchst sonderbare Sache um den Ton, der in Gesellschaften herrscht. Vorurtheil, Eitelkeit, Schlendrian, Autorität, Nachahmungssucht, und wer weiß, was sonst noch, stimmen diesen Ton so, daß zuweilen Menschen, die an einem Orte zusammen leben, Jahr aus, Jahr ein, sich auf eine Weise versammeln, unterhalten, Dinge mit einander treiben, und über Gegenstände reden, die Allen zusammen und jedem Einzelnen unendliche Langeweile machen. Dennoch glauben sie, sich den Zwang anthun zu müssen, diese Lebensart also fortzuführen. Gewährt wohl die Unterhaltung in den mehresten großen Cirkeln einem Einzigen von den da Versammelten wahres Vergnügen? Spielen unter funfzig Personen, die jeden Abend die Karten in die Hand nehmen, wohl zehn aus wahrer Neigung? Um desto erbärmlicher ist es, wenn freie Menschen in kleinern Oertern, oder gar auf Dörfern, die zwanglos leben könnten, um den Ton der Residenzen nachzuahmen, sich eben so peinlich unter das Joch dieser Langeweile krümmen. Hat man Gewicht bei seinen Mitbürgern und Nachbarn, so ist es Pflicht, alles dazu beizutragen, den Ton vernünftiger zu stimmen. Ist das aber nicht der Fall, und man geräth einzeln in einen solchen Cirkel, so vermehre man nicht, durch ein schiefes, stummes, oder mürrisches Betragen, unter den Anwesenden und dem Hauswirthe die Verlegenheit, es vor einander zu verbergen, daß sie sich sämmtlich weit von da weg wünschten; sondern man zeige sich vielmehr als einen Meister in der Kunst, viel zu reden, ohne etwas zu sagen, und erwerbe sich wenigstens das Verdienst, den Zeitraum mit unschuldiger Unterhaltung auszufüllen, wovon ausserdem gewöhnlich die Verläumdung Besitz nimmt!

In volkreichen, großen Städten kann man am unbemerktesten, und ganz nach seiner Neigung leben. Da fallen eine Menge kleiner Rücksichten weg; man wird nicht ausgespäht, controllirt, beobachtet; es laufen nicht so aus Mund in Mund die interessanten Nachrichten: wie vielmal in der Woche ich Braten esse; ob ich oft oder selten ausgehe, und wohin; wer zu mir kömmt; wie stark der Lohn ist, den ich meiner Köchin gebe, und ob ich kürzlich mit ihr geschmählt habe? Meine Kleidung wird nicht gemustert; man fragt nicht in jedem Krämer-Hause meine Magd, wenn sie für vier Pfennige Pfeffer holt, für wen der Pfeffer ist, und wozu der Pfeffer gebraucht werden soll? Eine unbedeutende Anekdote beschäftigt da nicht sechs Wochen lang alle Zungen; man wandelt unbemerkt, friedenvoll und ungeneckt durch den großen Haufen hin, besorgt seine Geschäfte, und wählt sich eine Lebensart, wie man sie für zweckmäßig hält. In kleinen Städten ist man verurtheilt, mit einer Anzahl, oft sehr langweiliger Magnaten, in strenger Abrechnung von Besuchen und Gegenbesuchen zu stehn, die gewöhnlich gleich nach dem Mittagstische ihren Anfang nehmen, und bis zu der Bürgerglocke, das heißt, bis zehn Uhr Abends, fortdauern, während welcher Zeit die Unterhaltung gewöhnlich den König von Preussen, die Franzosen und Engländer, den Kaiser, andre hohe Potentaten, und was der Hamburger Correspondent von ihnen meldet, zum Gegenstande hat. Das ist nun freilich erschrecklich; doch gibt es auch Mittel, dort den Ton des Umgangs nach und nach zu verfeinern, oder das schwache Publikum daran zu gewöhnen, nachdem es ein Vierteljahr hindurch über uns gelästert hat, uns endlich auf unsre Weise leben zu lassen, wenn man sich übrigens redlich, menschenfreundlich, dienstfertig und gesellig beträgt. Am übelsten aber pflegt man in den mittlern Städten daran zu seyn, sowohl in den freien Städten, wo der Handel die Achse ist, um die sich alles dreht, als in unbeträchtlichen Residenzen. Da herrschen gewöhnlich, neben einem übertriebnen Luxus, und solchen sittlichen Verderbnissen, die mit der Ausartung in den größten Städten wetteifern, noch obenein alle Gebrechen kleiner Städte, Klatschereien, Anhänglichkeit an Schlendrian, an Gewohnheiten und Familien-Verbindungen, die abgeschmacktesten Forderungen und die lächerliche Classificirung der Stände. So habe ich eine Stadt gesehn, in welcher ein Mann, durch seine kürzlich erhaltene Bedienung, die ehemals dort nicht existirt hatte, so sehr von allen übrigen, einmal bestimmten Rangordnungen abgesondert war, daß er, wie ein Elephant in einer Menagerie, immer für sich allein spatzieren gehn mußte, ohne seines Gleichen, weder einen Gesellschafter, noch eine Gefährtin finden zu können. Da nun aber in den wenigsten Städten von Teutschland eine glückliche Stimmung angetroffen wird, so muß man lernen, sich in die herrschenden Sitten zu fügen; und nichts kann unvernünftiger, und für den Eiferer selbst von nachtheiligeren Folgen seyn, als wenn ein Einzelner, der nicht besonders in Ansehen steht, auftreten, und seine Vaterstadt reformiren will. Nirgends kömmt indessen ein solcher Declamator übler an, als in den freien Städten, wo alte Sitte und Schlendrian innig verwebt sind in die Regierungsform und in alle übrige Verhältnisse. Hier hat indeß die neueste Zeit mit ihren Erschütterungen und den hunderttausend kostbaren Lehrmeistern, die sie in glänzenden Uniformen und mit großem Ansehen ausgerüstet in Teutschlands Staaten und Städte sandte, eine sehr bedeutende, doch nicht immer heilsame Veränderung hervorgebracht.

In Dörfern und auf seinem Landgute lebt man in der That am ungezwungensten; und für jemand, der Lust hat, sich zu beschäftigen, und zum Besten Andrer etwas beizutragen, findet sich da mannigfaltige Gelegenheit, indem man an dem nützlichsten, zu sehr niedergedrückten und vernachlässigten Stande zum Wohlthäter werden kann; allein die geselligen Freuden sind auf dem Lande nicht so leicht zu erlangen, und nicht so rein zu genießen. In Augenblicken, wo man gerade das Bedürfniß fühlt, seine Arme nach einem treuen Freunde auszustrecken, ist dieser Freund vielleicht meilenweit von uns entfernt; oder man müßte reich genug seyn, einen ganzen Hofstaat von Freunden um sich her zu versammeln; aber auch das hat seine üble Seite; und sehr reiche Leute fühlen ja ohnehin selten dies Bedürfniß. Um also hier glücklich und vergnügt leben zu können, ohne gerade ausgezeichnet wohlhabend zu seyn, muß man die Kunst verstehen, das Gute aus dem Umgange der Menschen, die man bei sich haben kann, zu schmecken und zu erkennen, der einfachen Freuden nicht müde zu werden, damit zu geizen, und ihnen auf erfindungsreiche Art Mannigfaltigkeit zu geben. Weil man auf dem Lande seine Frau, seine Kinder und seine Hausfreunde vom Morgen bis zum Abend ununterbrochen um sich zu sehen pflegt, so entsteht leicht Ueberdruß, Leere im Umgange. Dieß kann durch einen Vorrath guter Bücher, die neuen Stoff zur Unterhaltung geben, durch interessanten Briefwechsel mit abwesenden Freunden, und durch weise Eintheilung der Zeit, indem man manche Tagesfristen einsam in seinem Zimmer zubringt, gehoben werden; und nichts ist süßer auf dem Lande, als wenn, nach einem nützlich verlebten Tage, wo Jeder für sich seine Geschäfte emsig und treulich besorgt hat, des Abends sich der kleine Cirkel zum Spatziergange, muntern Scherze und zwanglosen Gespräche sammelt. Es gibt selbst Prinzen, die diesen Genuß kennen, und ich habe einst, am Fuße der vogesischen Gebirge, einige Wochen an dem Hofe eines guten und klugen Fürsten auf diese Art sehr glücklich hingebracht.

Nichts aber ist trauriger, und doch häufiger zu finden, als wenn Menschen, die in kleinen Städten, oder gar auf dem platten Lande, täglich mit einander umgehen müssen, in ewigem Zwiste mit einander leben, und dabei doch nicht reich genug sind, sich eine besondre Existenz zu schaffen. Sie bereiten sich eine Hölle auf Erden. Nirgends also ist es so wichtig, als an solchen Orten, in Eintracht mit denen zu leben, die man weder entbehren, noch vermeiden kann, und darum mit edler Selbstverleugnung zu ertragen und zu vergeben, was die Kleinstädterei zu tragen und zu vergeben gibt, und allezeit schonend, nachsichtig, geschmeidig, vorsichtig, klug und mit einer Art von Coketterie im Umgange zu verfahren, um Mißverständnissen, Ekel und Ueberdrusse vorzubauen. Aber auch nirgends hat man Ursache, vorsichtiger im Reden und Handeln zu seyn, als in kleinen Städten, und da, wo ein kleinstädtischer Ton herrscht, weil da die Menschen aus Mangel an Zerstreuung beständig auf den lieben Nächsten lauern, und wenn gleich sonst sehr kurzsichtig, doch die scharfsichtigsten sind, wenn es darauf ankommt, den Splitter in des Bruders Auge zu erspähen, und die beredtesten, um den Splitter als einen Balken darzustellen. Sie sind oft eben so sehr zu bemitleiden, als zu verachten, weil sie, von langer Weile gepeitscht, nach Allem greifen, was ihnen auch nur eine kurze Rettung von diesem Unholde verspricht, und nichts andres zu thun wissen, als alles nachzuplaudern und sich um fremde Händel zu bekümmern.

59.

In fremden Städten und Ländern ist Vorsichtigkeit im Umgange zu empfehlen, und das in manchem Betrachte. Wir mögen nun dort Unterricht und Belehrung, oder ökonomische und politische Vortheile, oder bloß Vergnügen suchen: so ist es sehr nothwendig, gewisse Rücksichten nicht zu verachten. Im ersten Falle, nämlich wenn wir reisen, um uns zu unterrichten, versteht sich's vor allen Dingen von selber, daß wir wohl überlegen, in welchem Lande wir sind, und ob man da ohne Gefahr und Verdruß von Allem reden und nach Allem fragen dürfe. Es gibt leider! auch in Teutschland Staaten, in welchen die Regierungen es nicht gern sehen, und es scharf ahnden, wenn gewisse Werke der Finsterniß an das Tageslicht gezogen werden. Da ist Behutsamkeit nöthig, sowohl in Gesprächen und Nachforschungen, als in der Wahl der Menschen, mit denen man sich einläßt, und denen man sich anvertraut. Uebrigens muß ich auch hier erinnern, daß sehr wenig Reisende eigentlich Beruf haben, sich um die innere Verfassung fremder Länder zu bekümmern; allein thörichte Neugier, Vorwitz, oder unruhiger Thätigkeitstrieb, jagt jetzt haufenweise die Menschen hinaus, um in fremden Gasthöfen, Posthäusern, Clubbs, und in den Schwitzkammern hypochondrischer Gelehrten, unsichere Anekdoten zu einem Werkchen zu sammeln, indeß sie daheim noch unendlich viel zu wirken und zu lernen gefunden haben würden, wenn es ihnen um ihr und Andrer Wohl ernstlich zu thun wäre.

Daß diese Vorsicht verdoppelt werden müsse, sobald man an einem fremden Orte für sich etwas zu suchen oder zu fordern hat, versteht sich wohl von selber. Da alsdann manches Auge auf uns gerichtet ist, so müssen wir den Umgang mit Leuten vermeiden, die, unzufrieden mit der Regierung, sich so gern den Fremden an den Hals werfen, weil sie unter ihren Mitbürgern durch unkluge Aufführung sich einen bösen Namen gemacht, und sich auf diese Art den Weg versperrt haben, bürgerliche Vortheile zu erlangen, die sie aber zu verachten scheinen, wie der Fuchs die Trauben. Diese Art Leute sucht sich dann dadurch ein wenig zu heben, daß sie mit den Reisenden, denen sie sich in den Gasthöfen oder auf andre Art aufdringen, durch die Gassen der Stadt laufen, und dadurch Verbindungen in andern Ländern muthmaßen lassen. Ein Fremder, der nur wenig Tage sich an einem Orte aufhalten will, kann ohne Nachtheil mit diesem, mehrentheils sehr geschwätzigen, und von lustigen und ärgerlichen Mährchen aller Art vollgepfropften Ciceroni's nach Gefallen herumrennen, und kein vernünftiger Mann wird ihm das verdenken. Wer aber länger in einer Stadt verweilen, in den bessern Cirkeln Zutritt haben, oder gar ein Geschäft zu Stande bringen will; dem rathe ich, in der Auswahl seines Umgangs auch die Stimme des Publikums zu ehren.

Es gibt fast in jeder Stadt eine Partei solcher Unzufriedener; es sey nun mit der Regierung, oder nur mit der Gesellschaft. Zu Diesen geselle Dich also nicht! Wähle nicht unter ihnen Deinen Umgang! Diese Schwarzblütigen und Mißmuthigen glauben sich nicht geehrt genug, oder sind unruhige Köpfe, Lästermäuler, Menschen voll unvernünftiger Forderungen, ränkevolle, oder unsittliche Leute. Da sie nun, einer dieser Ursachen wegen, von ihren Mitbürgern geflohen werden, so suchen sie unter sich eine Art von Bündniß zu errichten, in welches sie, wenn sie können, verständige und wackre Männer zu ihrer Verstärkung durch Schmeichelei hineinziehen. Laß Dich weder darauf, noch überhaupt auf das ein, was Partei und Faction genannt werden kann, wenn Du mit Annehmlichkeit und Sicherheit leben willst!

60.

Briefwechsel ist schriftlicher Umgang. Fast alles, was vom persönlichen Umgange mit Menschen gilt, leidet Anwendung auf den Briefwechsel. Als Bildungs-, Erheiterungs- und Belebungs-Mittel ist der Briefwechsel überaus wirksam, und oft ist es nur dadurch möglich, mit seinen Freunden in Verbindung zu bleiben, sich in einer gewissen Thätigkeit zu erhalten, und der Einseitigkeit und Eintönigkeit zu entgehen. Aber auch hier ist Mäßigung und Beschränkung die Bedingung der Wirksamkeit. Dehne also Deinen Briefwechsel, so wie Deinen Umgang, nicht über die Gebühr aus! Ein gar zu ausgedehnter Briefwechsel ist zwecklos, fordert einen unverhältnißmäßigen Zeitaufwand, und wird zu kostbar. Sey eben so vorsichtig in der Wahl derer, mit denen Du einen ~vertrauten~ Briefwechsel anfängst, wie in der Wahl Deines täglichen Umgangs und Deiner Lectüre! Nimm Dir auch vor, nie einen ganz leeren Brief zu schreiben, in welchem nicht wenigstens etwas stünde, das dem, an welchen er gerichtet ist, Nutzen oder reine Freude gewähren könnte; denn ein leerer Brief ist eine Art von Verspottung dessen, an den man schreibt, oder wenigstens eine Täuschung, die nothwendig den, dem sie bereitet wird, kränken, oder unwillig machen muß. Vorsichtigkeit ist im Schreiben noch weit dringender, als im Reden zu empfehlen; und eben so wichtig ist es, mit den Briefen, welche man erhält, behutsam umzugehn. Man sollte es kaum glauben, was für Verdruß, Zwist und Mißverständniß durch Versäumniß dieser Klugheits-Regel entstehen können. Ein einziges, unvorsichtig hingeschriebenes, unauslöschliches Wort, ein einziges, aus Unachtsamkeit liegen gebliebenes Papier, hat manches Menschen Ruhe, und oft auf immer den Frieden einer Familie zerstört. Brief-Klatschereien, voreilig schriftlich mitgetheilte, ungegründete oder entstellte Nachrichten, können unendlichen Schaden stiften, den redlichen Mann bei Tausenden verdächtig machen und seine Nachkommen in Verlegenheit bringen.

Ich kann daher nicht genug Vorsichtigkeit in Briefen und überhaupt im Schreiben empfehlen. Noch einmal! Ein übereiltes mündliches Wort wird wieder vergessen; aber ein geschriebenes kann noch nach funfzig Jahren, in den Händen unvorsichtiger oder eitler Erben, Unheil stiften.

Briefe, an deren richtiger und schneller Besorgung irgend etwas gelegen ist, muß man immer auf die gewöhnliche Weise mit der Post, oder durch eigne Boten abgehen lassen, nie aber, etwa zur Ersparung des Porto, sie Reisenden mitgeben, oder sonst durch Gelegenheit, und in fremden Umschlägen fortschicken. Man kann sich gar zu wenig auf die Pünktlichkeit der Menschen verlassen.

Lies Deine Briefe, wenn Du es ändern kannst, nicht in Andrer Gegenwart, sondern wenn Du allein bist; sowohl, weil es die Höflichkeit also befiehlt, als auch aus Vorsicht, um durch Deine Mienen den Inhalt nicht zu verrathen.

Es gibt Personen, besonders unter den Damen, welche die Leute, die mit ihnen an demselben Ort leben, bei den unbedeutendsten Veranlassungen, mit kleinen Briefen und Zetteln bestürmen, und dadurch dem, der seine Zeit besser anwenden könnte, seine kostbare Zeit rauben.

61.

Glaube immer, und Du wirst Dich bei diesem Glauben sehr wohl befinden, daß die mehrsten Menschen nicht halb so gut sind, als ihre Freunde sie schildern; und nicht halb so böse, als ihre Feinde sie ausschreien!

Beurtheile die Menschen nicht nach dem, was sie ~reden~, sondern nach dem, was sie ~thun~! Die Meisten sind weder so gut, noch so böse, als sie nach ihren Reden zu seyn scheinen, und Du mußt sie in allerlei Lagen beobachten, wenn Du ihren wahren Werth erforschen willst. Aber wähle zu Deinen Beobachtungen solche Augenblicke, in welchen sie von Dir unbemerkt zu seyn glauben. Richte Deine Achtsamkeit auf die kleinen Züge, nicht auf die Haupt-Handlungen, zu denen Jeder sich in seinen Staatsrock steckt. Gib Acht auf die Laune, die ein gesunder Mann beim Erwachen vom Schlafe, auf die Stimmung, die er hat, wenn er des Morgens, wo Leib und Seele im Nachtkleide erscheinen, aus dem Schlafe geweckt wird; -- auf das, was er vorzüglich gern ißt und trinkt: ob sehr materielle, einfache, oder sehr feine, gewürzte, zusammengesetzte Speisen; auf seinen Gang und Anstand; ob er lieber allein seinen Weg geht, oder sich immer an eines Andern Arm hängt; ob er in einer geraden Linie fortschreiten kann, oder seines Neben-Gängers Weg durchkreuzt, oft an Andre stößt, und ihnen auf die Füße tritt; ob er durchaus keinen Schritt allein thun, sondern stets Gesellschaft haben, immer sich an Andre anschließen, auch um die geringsten Kleinigkeiten erst Rath fragen, sich erkundigen will, wie es sein Nachbar, sein College macht; ob er offne Thüren, offne Fenster, helles Licht, lautes und deutliches Reden liebt, oder nicht; ob er gern Andern in die Rede fällt, niemand zu Worte kommen läßt; ob er gern geheimnißvoll thut, die Leute auf die Seite ruft, um ihnen gemeine Dinge in das Ohr zu sagen; ob er gern in allem entscheidet, und so ferner. Auch die Handschriften der Leute tragen mehrentheils den Stempel ihres Charakters. Alle Kinder, mit deren Erziehung ich beschäftigt gewesen bin, haben nach meiner Hand das Schreiben gelernt; allein, so wie sich nach und nach ihre Gemüthsarten entwickelten, brachte jedes von ihnen seine eignen Züge hinein. Beim ersten Anblicke schienen sie Alle einerlei Hand zu schreiben; wer aber genauer Acht gab, und sie kannte, fand in der Manier des Einen Trägheit, bei Andern Kleinlichkeit, oder Unbestimmtheit, Flüchtigkeit, Festigkeit, Verschrobenheit, Ordnungsgeist, oder irgend eine andre Eigenthümlichkeit. -- Fasse alle diese Wahrnehmungen zusammen, nur sey nicht so unbillig, nach einzelnen solchen Zügen den ganzen Charakter zu richten!

Sey nicht zu parteiisch für Menschen, die Dir freundlicher begegnen, als Andre, und schließe nicht zu schnell daraus, daß sie Dir mit besonderer Theilnahme ergeben sind. Untersuche zuvor, ob sie vielleicht gerade in dem Falle sind, Dich auf irgend eine Art zu ihrem Vortheil brauchen zu können, oder ob Du ihnen etwa mit besonderer Gefälligkeit entgegen gekommen bist, oder ihnen etwas Schmeichelhaftes gesagt hast.