Ueber den Umgang mit Menschen

Part 6

Chapter 63,478 wordsPublic domain

An Oertern, wo man sich zur Freude versammelt: beim Tanze, in Schauspielen, rede mit niemand von häuslichen Geschäften, noch weniger von verdrießlichen Dingen! Man geht dahin, um sich zu erholen, um auszuruhen, um kleine und große Sorgen abzuschütteln, und es ist also unbescheiden, jemand mit Gewalt wieder mitten in sein tägliches Joch hineinschieben zu wollen.

42.

Daß ein redlicher und verständiger Mann über wesentliche Religionslehren, auch dann, wenn er das Unglück haben sollte, an der Wahrheit derselben zu zweifeln, sich dennoch keinen Spott erlauben wird: ich meine, das versteht sich von selber; aber auch über kirchliche Verfassungen, über die Menschensatzungen, welche von einigen Sekten für Glaubenslehren gehalten werden, über Ceremonien, die Manche für wesentlich halten, und dergleichen, soll man nie in Gesellschaften spotten. Man respektire das, was Andern ehrwürdig ist! Man lasse Jedem die Freiheit in Meinungen, die wir für uns selbst verlangen! Man vergesse nicht, daß das, was wir Aufklärung nennen, Andern vielleicht Verfinsterung scheint! Man schone der Vorurtheile, die Andern Ruhe gewähren! Man raube niemand, ohne ihm etwas Besseres an die Stelle desselben zu geben, was ihm auf seiner Bildungsstufe, oder in dem Zusammenhange seiner Vorstellungen als Wahrheit erscheint, und unentbehrlich geworden ist! Man vergesse nicht, daß Spott nicht bessert; daß unsre, hier auf Erden noch nicht entwickelte Vernunft über so wichtige Gegenstände leicht irren kann; daß ein mangelhaftes System, auf welchem aber der Grund einer guten Moral liegt, nicht so leicht umzureissen ist, ohne zugleich das Gebäude selbst über den Haufen zu werfen, und endlich, daß solche Gegenstände überhaupt gar nicht von der Art sind, daß man sie in Gesellschaften abhandeln könne!

Doch dünkt mich, man vermeide heut zu Tage oft zu vorsätzlich alle Gelegenheit, über Religion zu reden. Einige Leute schämen sich, Wärme für Gottes-Verehrung und für die höchsten Angelegenheiten des Menschen zu zeigen, aus Furcht, für nicht aufgeklärt genug gehalten zu werden, und Andre affektiren religiöse Empfindungen, scheuen sich, auch nur im mindesten gegen Schwärmerei zu reden, um sich bei den Andächtlern in Gunst zu setzen. Ersteres ist Menschenfurcht, und Letzteres Heuchelei; Beides aber eines redlichen Mannes gleich unwerth.

43.

Wenn Du von körperlichen, geistigen, moralischen oder andern Gebrechen redest, oder Anekdoten erzählst, die gewisse Grundsätze oder Vorurtheile lächerlich machen, oder gewisse Stände in ein nachtheiliges Licht setzen sollen: so siehe Dich vorher wohl um, ob niemand gegenwärtig sey, der das übel aufnehmen, diesen Tadel oder Spott auf sich und seine Verwandten ziehen könnte!

Halte Dich über niemands Gestalt, Wuchs und Bildung auf! Es steht in keines Menschen Gewalt, diese zu ändern. Nichts ist kränkender, niederschlagender und empörender für den Mann, der unglücklicher Weise eine etwas auffallende Gesichtsbildung oder Figur hat, als wenn er bemerkt, daß diese der Gegenstand der Verspottung oder Befremdung wird. Leuten, die ein wenig mit der großen Welt bekannt sind, und unter Menschen von allerlei Formen und Ansehen gelebt haben, sollte man darüber billig gar keine Erinnerung geben dürfen; aber leider trifft man hie und da, selbst unter fürstlichen Personen, besonders unter Damen, solche an, die so wenig Gewalt über sich, oder so wenig Begriffe von Wohlanständigkeit und Billigkeit haben, daß sie die Eindrücke, welche ein ungewöhnlicher Anblick von ~der~ Art auf sie macht, nicht verbergen können. -- Das ist schwach, und wenn man noch dabei überlegt, wie relativ und dem verschiednen Geschmacke unterworfen die Begriffe von Schönheit und Häßlichkeit sind, wie so wenig auf sichern Grundsätzen beruhend unsre physiognomische Wissenschaft ist, und wie oft unter einer anscheinend häßlichen Larve ein schönes, edles, warmes, großes Herz, mit einem feinen, tiefdenkenden Kopfe steckt: so sieht man leicht, daß man sehr selten mit Recht auf das äussere Ansehen eines Menschen nachtheilige Folgerungen bauen, und nie die Befugniß haben kann, die Eindrücke, welche ein solcher Anblick etwa auf uns macht, zu jemands Kränkung durch Lachen oder auf andre Art kund werden zu lassen. Ueberhaupt ist es Schwachheit, sich von sinnlichen Eindrücken, mögen sie günstige oder ungünstige seyn, so sehr beherrschen zu lassen, daß man sogleich seine Zuneigung oder Abneigung verräth. Der äussere Mensch ist oft so ganz von dem inneren verschieden, daß man sich in der Regel bitter getäuscht sieht, wenn man sich von jenem verleiten ließ, günstig oder ungünstig zu urtheilen.

Ausser einer sonderbaren Figur können uns aber noch andre Dinge an einem Menschen auffallend seyn, zum Beispiel: lächerliche, phantastische, abgeschmackte Gebehrden, Manieren, Verzerrungen des Körpers, Unbekanntschaft mit gewissen Sitten, Unvorsichtigkeiten im Betragen, ungewöhnlicher, altmodischer Anzug u. dgl. Es gehört nicht weniger zu einer guten Lebensart, hierüber nicht durch Lachen oder durch Zeichen, die man einem der Anwesenden gibt, sein Befremden zu erkennen zu geben, und dadurch den armen Mann, der sich dergleichen zu Schulden kommen läßt, noch mehr in Verlegenheit zu setzen.

44.

Wenn Du in einer Gesellschaft von einem der Anwesenden mit Deinem Freunde reden willst (obgleich dieß, wie das Ohrenflüstern, überhaupt unanständig ist): so gebrauche wenigstens die Vorsicht und Schonung, die Person, von welcher Du redest, nicht dabei anzusehen! Und ist Dir daran gelegen, etwas zu hören, das in einiger Entfernung von Dir gesprochen wird: so wende auch Deine Blicke nicht dahin! Man wird sonst aufmerksam auf Dich, und man hört ja auch nur mit den Ohren, nicht mit den Augen.

45.

Man hüte sich, bei Personen, mit denen man umgeht, unberufen unangenehme Dinge in Erinnerung zu bringen! Oft bewegt eine Art von unkluger Theilnehmung und ein Mangel an Zartgefühl die Leute, uns um die Beschaffenheit unsrer ökonomischen und anderer verdrießlichen Sachen zu befragen, obgleich sie uns nicht helfen können, und uns dadurch zu zwingen, Gegenstände in unser Gedächtniß zurückzurufen, die wir in Gesellschaften, wo wir uns aufzuheitern dachten, so gern vergessen möchten. Man muß so viel Menschenkenntniß haben, zu unterscheiden, ob der Mann, den wir vor uns sehen, seinem Temperamente, seiner Lage, und der Art seines Kummers nach, durch solche Gespräche erheitert oder getröstet werden könne, oder ob nicht vielleicht sein Leiden dadurch doppelt erschwert werde[2].

Man enthalte sich auch, andern Leuten das, was sie nun einmal haben, und nicht wieder abschaffen können, zuwider zu machen, ihnen die Lage, darin sie nun einmal leben müssen, durch unangenehme Schilderungen und unwillkommene Bemerkungen zu verleiden. Es gibt solche unberufene Wahrheits-Prediger, die sich ein Geschäft daraus machen, uns auch den unschuldigsten glücklichen Wahn wegzuvernünfteln, und es bleibt bei Wielands Ausspruch:

Ein Wahn, der mich beglückt, Ist eine Wahrheit werth, Die mich zu Boden drückt.

46.

Nimm nicht Theil daran, lächle nicht beifällig, thu' lieber, als hörtest Du es gar nicht, wenn jemand einem Dritten unangenehme Dinge sagt, oder ihn beschämt! Die Feinheit eines solchen Betragens wird gefühlt und oft dankbar belohnt.

47.

Ueber die Gewohnheit, Paradoxen vorzubringen, über Widersprechungsgeist, Disputirsucht, Citiren und Berufen auf die Meinungen und Aussprüche Andrer, werde ich mich im dritten Kapitel dieses Theils erklären, und beziehe mich hier darauf.

48.

Eine der wichtigsten Tugenden im gesellschaftlichen Leben, welche wirklich täglich seltner wird, ist die Verschwiegenheit. Man ist heut zu Tage so äusserst trügerisch in Versprechungen, ja in Betheurungen und Schwüren, daß man ohne Scheu ein unter dem Siegel des Stillschweigens uns anvertrautes Geheimniß gewissenloser Weise ausbreitet. Andre, die weniger pflichtvergessen, aber höchst leichtsinnig sind, schwatzen Geheimnisse aus, weil sie ihrer Redseligkeit keinen Zaum anlegen können. Sie vergessen, daß man sie gebeten hat, zu schweigen; und so erzählen sie aus unverzeihlicher Unvorsichtigkeit die wichtigsten Geheimnisse ihrer Freunde an öffentlichen Orten, mit einer Unbefangenheit, die in Erstaunen und in Schrecken setzt; oder sie vertrauen, indem sie Jeden, der ihnen während ihres Dranges, sich zu entladen, in den Wurf kömmt, für einen treuen Freund ansehen, das, was sie doch nicht als ihr Eigenthum betrachten sollten, eben so leichtsinnigen Leuten an, wie sie selbst sind. Solche Menschen gehen dann auch nicht weniger unklug mit ihren ~eignen~ Heimlichkeiten, Planen und Begebenheiten um, zerstören dadurch sehr oft ihre Wohlfahrt, und vernichten ihre Bestrebungen.

Welchen Nachtheil überhaupt eine solche unvorsichtige Bewahrung fremder und eigner Geheimnisse gewähre, das bedarf wohl keiner Auseinandersetzung. Es gibt aber eine Menge anderer Dinge, die zwar nicht eigentlich Geheimnisse sind, wovon uns jedoch Klugheit und die Vernunft lehrt, daß es besser sey, sie zu verschweigen, und andre Dinge, deren Ausbreitung wenigstens für niemand lehrreich und unterhaltend seyn kann, und wovon es doch möglich wäre, daß ihre Verplauderung irgend jemand nachtheilig seyn möchte. -- Darum gehört eine gewisse Zurückhaltung, die aber nicht in Verschlossenheit und Geheimnißkrämerei ausarten muß, zu den Tugenden, welche der Umgang fordert. Bei Männern, welche in bedeutenden Staatsämtern stehen, ist es vollends unverzeihlich, wenn sie sich von der Sucht, das Wort zu führen, und sich wichtig zu machen, verleiten lassen, der Gesellschaft etwas mitzutheilen, was ihre Amtspflicht, oder die Würde ihres Amts zu verschweigen gebietet. Uebrigens wird man die Bemerkung wahr finden, daß in despotischen Staaten die Menschen, im Ganzen genommen, verschwiegner sind, als da, wo mehr Freiheit herrscht. Dort machen Furcht und Mißtrauen verschlossen und zurückhaltend; hier folgt Jeder dem Triebe seines Herzens, sich freimüthig mitzutheilen.

Wenn man auch mehrern Leuten zugleich sein Geheimniß anvertrauen muß: so lege man doch unbedingte Verschwiegenheit auf, damit jeder von ihnen glaube, er wisse es allein, müsse allein für die Bewahrung haften.

Manche Leute haben die sehr unartige Gewohnheit, sich, wenn man sie zum Voraus um Verschwiegenheit über eine Sache bittet, die man ihnen entdecken will, nicht bestimmt zu erklären, nichts zu versprechen. Aus Gutmüthigkeit hält man dann nicht zurück, sondern redet, indem man die Bedingung voraussetzt. Dies Betragen ist nicht nachzuahmen; der aufrichtige Mann äussert sich ohne Rückhalt, und hört nicht eher, als bis er gesagt hat, in wie fern er sich zur Verschwiegenheit verbindlich machen könne, oder nicht.

49.

Menschen von lebhafter Gemüthsart werden der Gesellschaft leicht durch den Ungestüm, mit welchem sie widersprechen, oder ihre Meinung vertheidigen, beschwerlich. Der Umgang fordert einen gewissen Gleichmuth, und die Selbstverleugnung, welche jeden Ausbruch der Leidenschaft zurückzudrängen, und eigensinnigen Widerspruch zu ertragen weiß.

Ein großes Talent, welches durch Studium der Sprache und Achtsamkeit auf sich selbst erlangt werden kann, ist die Kunst, sich bestimmt, fein, richtig, körnigt auszudrücken, lebhaft im Vortrage zu seyn, sich dabei nach den Fähigkeiten der Menschen zu richten, mit denen man redet; sie nicht zu ermüden, gut und launigt zu erzählen, nicht über seine eignen Einfälle zu lachen; nach den Umständen trocken oder lustig, ernsthaft oder komisch seinen Gegenstand darzustellen, und mit natürlichen Farben zu malen. Dabei muß ein guter Gesellschafter sein Aeusseres studiren, und besonders sein Mienenspiel in seiner Gewalt haben, sich vor Verzerrungen zu hüten, und sein Lachen zu mäßigen wissen. Der Anstand und die Gebehrdensprache sollen edel seyn: man soll nicht bei unbedeutenden, affectlosen Unterredungen, wie Personen aus der niedrigsten Volksklasse, mit Kopf, Armen und andern Gliedern herumfahren und um sich schlagen; man soll den Leuten gerade, aber bescheiden und sanft, in's Gesicht sehen, sie nicht bei Aermeln, Knöpfen und dergleichen zupfen. Kurz, alles was eine feine Erziehung, was Aufmerksamkeit auf sich selbst und auf Andre verräth, das gehört nothwendig dazu, den Umgang angenehm zu machen, und es ist wichtig, sich in solchen Dingen nicht nachzusehn, sondern jede kleine Regel des Wohlstandes, selbst in dem Cirkel seiner Familie, zu beobachten, um sich das zur andern Natur zu machen, wogegen diejenigen so oft fehlen, welche nie erwägen, daß es Pflichten gegen die Gesellschaft gibt, und sich daher Alles erlauben, was ihnen gemächlich ist. Kaum scheint es nöthig, hier noch zu bemerken, daß man so wenig als möglich in einer Gesellschaft den Leuten den Rücken zukehren, in Titeln und Namen sich vor Verwechselung hüten; daß man bei Personen, die es mit den Höflichkeitsbezeigungen genau nehmen, den Vornehmern immer auf der rechten Seite, oder wenn Drei beisammen sind, in der Mitte gehen lasse; daß man Dem, mit welchem man spricht, frei und offen, doch nicht starr und frech, in das Gesicht schauen, seine Stimme in seiner Gewalt haben, nicht schreien und doch verständlich reden, in seinem Gange Anstand beobachten, nicht aller Orten das große Wort führen solle; daß man, wenn man ein Frauenzimmer führt, mit ihr, um sie nicht zu stoßen, gleichen Schritt halten, und mit demselben Fuße, wie sie, antreten, ihr auch zuweilen seine linke Hand reichen müsse, wenn sie an der rechten Seite nicht so bequem gehen würde; daß man auf ~steilen~ Treppen im Hinuntersteigen die Frauenzimmer vorausgehen, im Hinaufsteigen aber sie folgen lassen müsse; daß, wenn man uns nicht versteht, und wir voraussehen, daß eine genauere Erklärung nichts helfen würde, oder der Gegenstand von so geringer Wichtigkeit ist, daß er keinen großen Aufwand von Worten verdient, wir dann die ganze Sache fallen lassen müssen; daß vornehme Leute, wenn sie nicht über Vorurtheile hinaus sind, es übel nehmen, wenn ein Geringer von sich und ihnen in Gemeinschaft spricht, (z. B. »Als ~wir~ gestern zusammen spazieren gingen.« »~Wir~ haben im gestrigen Spiele gewonnen, und ~unsre~ Gegner verloren,«) und, daß sie verlangen, man solle thun, als seyen sie allein in der Welt des Nennens werth: »Ihro Excellenz, Ihro Gnaden haben gewonnen;« (höchstens möchte man hinzusetzen: »~mit mir~«); daß man die Leute nicht zehnmal wieder zurückrufe, ihnen noch hundert Dinge zu sagen und nachzuschreien habe, wenn sie im Zimmer oder auf der Gasse von uns gehen, schon die Thür in der Hand, schon Abschied genommen haben; daß es eine unartige Gewohnheit sey, immer etwas zwischen den Fingern oder im Munde zu führen, das man zerdrückt und spielend zernichtet, es sey brauchbar oder nicht, gehöre uns oder Andern; daß man erst um Erlaubniß fragen müsse, wenn man in Gegenwart fremder Personen Briefe lesen, oder andere Geschäfte von der Art treiben will; daß es anständig sey, wenn man jemand im Vorbeigehen grüßen will, den Hut auf ~der~ Seite abzuziehen, wo der Fremde ~nicht~ geht, damit man ihn nicht damit berühre, und sein Gesicht nicht vor ihm verberge; daß man, wenn man jemand etwas darreicht, es, in so fern dieß zu ändern steht, nicht mit der bloßen Hand hingeben müsse; daß es sich nicht schicke, in Gesellschaften in's Ohr zu flüstern, bei Tafel krumm zu sitzen, unanständige Gebehrden zu machen, noch zu leiden, daß ein Frauenzimmer, oder jemand, der vornehmer ist als wir, von einer Speise, die vor uns steht, vorlege; daß es unartig sey, in Gesellschaften jemandem einen unschuldigen Spaß zu verderben, z. B. wenn er Kartenkünste zeigt, seine Kunst zu enthüllen. Leuten von gewissem Stande und einer nicht ganz gemeinen Erziehung ist das in der ersten Jugend schon eingeprägt worden; nur erinnere ich, daß diese kleinen Dinge in mancher Leute Augen ~große~ Dinge sind, und daß oft unsre zeitliche Wohlfahrt in solcher Leute Händen ist.

50.

Es gibt noch andre kleine gesellschaftliche Unschicklichkeiten und Inconsequenzen, die man vermeiden, und wobei man immer überlegen muß, was daraus werden würde, wenn Jeder von den Anwesenden sich dieselbe Freiheit erlauben wollte; zum Beispiel: in Concerten plaudern; hinter eines Andern Rücken einem Freunde etwas zuflüstern, oder ihm Winke geben, die Jener auf sich deuten kann; lächerlich schlecht tanzen, oder ein Instrument elend spielen, sich dennoch damit sehen und hören lassen, und dadurch die Anwesenden zum Spotte und zum Gähnen reitzen; bei dem Tanze zugleich die Melodie mit singen; in Schauspielen so hintreten, daß man Andern die Aussicht raubt; in jeder Versammlung so spät erscheinen, daß man keinen Nachfolger mehr hat, und doch der Erste seyn, der sie verläßt, oder länger verweilen, als alle übrigen Mitglieder der Gesellschaft. Willst Du gern gesehen seyn, so vermeide alle diese Unschicklichkeiten mit Sorgfalt, und willst Du ein edler Mensch, nicht bloß ein guter Gesellschafter werden, so vermeide sie nicht um der Menschen willen, sondern weil Du dieß Deinem eigenen Herzen schuldig zu seyn glaubst, und weil Du nicht bloß ~klug~, sondern auch ~gut~ seyn möchtest. In eben dieser Hinsicht befolge auch noch diese Vorschriften: Du sollst nicht dem Lesenden oder Schreibenden auf die Finger sehen, und nicht allein in einem fremden Zimmer bleiben, in welchem Schriften oder Gelder herumliegen. Ferner: wenn zwei Personen, die vor Dir hergehen, leise mit einander reden, ohne Deiner gewahr zu werden, so will die Bescheidenheit und die Klugheit, daß Du ihnen durch Geräusch Deine Nähe zu erkennen gebest, um Dich von allem Verdachte, als wenn Du sie beschleichen wolltest, und von aller Verlegenheit zu befreien. So klein dergleichen Aufmerksamkeiten scheinen, so machen sie doch den Umgang angenehm und werden Bildungsmittel für Geist und Herz, wenn man sie als solche ~ansieht~ und ~benutzt~, sind aber auch, wenn man sie nicht von dieser Seite betrachtet, weiter nichts, als Schleifsteine für die äussere Politur.

51.

Oft sind wir in dem Falle, daß uns durch Gespräche Langeweile gemacht wird. Vernunft, Vorsichtigkeit und Menschenliebe gebieten uns dann, wenn nun einmal nicht auszuweichen ist, Geduld zu fassen, und nicht durch beleidigendes Betragen unsern Ueberdruß zu erkennen zu geben. Man kann ja, je seelenloser das Gespräch und je geschwätziger der Mann ist, um desto freier nebenher an andre Dinge denken; und wäre auch das nicht -- ei nun! es geht im menschlichen Leben so manche verträumte Stunde verloren! Ist man denn nicht einige Aufopferung der Gesellschaft schuldig, mit welcher man umgeht? -- Und geschieht es nicht vielleicht zuweilen, daß auch wir dagegen, so groß auch die Meinung seyn mag, die wir von der Wichtigkeit unsrer Gespräche haben, dennoch durch unsre Redseligkeit Andern Langeweile machen? Auch gibt es hier noch einen Ausweg. Man sucht dem Redseligen eine Pause abzugewinnen, oder wirft unaufhörlich Fragen, Einwürfe und Bedenklichkeiten zwischen seine Rede, oder nöthigt ihn durch eine geschickte Wendung, manches zu überspringen, was er noch einschieben wollte, oder bringt ihn durch eine unerwartete Frage plötzlich auf ein anderes, nicht so ergiebiges Thema.

52.

Gewissen Leuten ist eine Leichtigkeit im Umgange, und die Gabe, geschwind Bekanntschaften zu machen, und Zuneigung zu gewinnen, wie angeboren; Andern hingegen hängt von Jugend auf eine gewisse Blödigkeit und Schüchternheit an, die sie nicht abzulegen vermögen, wenn sie gleich täglich fremde Leute aller Art um sich sehen. Diese Blödigkeit ist freilich sehr oft die Folge einer fehlerhaften Erziehung, so wie auch zuweilen die Wirkung einer heimlichen Eitelkeit, die in Verlegenheit geräth, aus Furcht, sich in Schatten zu stellen, übersehen zu werden, und nicht zu glänzen. Manchen Menschen aber scheint diese Schüchternheit gegen ganz fremde Leute wirklich von Natur eigen zu seyn, und alle Mühe, welche sie sich geben, sie zu besiegen, ist verloren. Ein regierender Fürst, einer der edelsten und verständigsten Männer, die ich kenne, und der auch wahrlich seines Aeussern wegen sich nicht zu schämen noch zu fürchten braucht, nachtheilige Eindrücke zu machen, hat mich versichert, daß, obgleich ihn sein Stand von Kindheit an in die Lage gesetzt habe, täglich große Cirkel und viele fremde Gesichter zu sehn, er dennoch an keinem Tage in sein Vorzimmer trete, wo der versammelte Hof seiner wartet, ohne aus Verlegenheit auf einen Augenblick fast blind zu werden. Uebrigens hört bei diesem liebenswürdigen Herrn, sobald er sich ein wenig erholt hat, die Schüchternheit auf, und dann redet er freundlich und offen mit jedermann, und sagt bessre Dinge, als gewöhnlich Fürsten, bei solchen Gelegenheiten, über Wetter, böse Wege, Pferde und Hunde zu sagen wissen.

Eine gewisse Leichtigkeit im Umgange also, die Gabe, sich gleich bei der ersten Bekanntschaft vortheilhaft darzustellen, mit Menschen aller Art zwanglos ein Gespräch anzuknüpfen, und bald zu merken, wen man vor sich hat, und was man mit Jedem reden könne und müsse: das sind Eigenschaften, die man zu erwerben und auszubilden trachten soll. Doch müsse dieß nie in jene, den Abentheurern so eigne Unverschämtheit und Zudringlichkeit ausarten, die oft, in weniger als einer Stunde Frist, einer ganz fremden Tischgesellschaft im Wirthshause ihre Lebensläufe abgefragt, und dagegen den ihrigen erzählt, Dienste und Freundschaft angeboten, und Dienste, Verwendung und Hülfe für sich erbeten haben. Die Hauptsache kommt immer darauf an, leicht in den fremden Ton einzustimmen, und nichts auskramen, nichts geltend machen zu wollen, was in diesem Kreise nicht verstanden oder nicht geschätzt wird, sich auch nicht gar zu sehr dadurch niederschlagen zu lassen, daß die ersten Versuche, die Unterhaltung in Gang zu bringen, unglücklich abgelaufen sind.

53.

Man vermeide also auch, in alle Cirkel große Forderungen und Erwartungen mitzunehmen, allen Menschen alles allein seyn, mit aller Gewalt glänzen, und Aufmerksamkeit erregen zu wollen; zu verlangen, daß aller Menschen Augen nur auf uns gerichtet, ihre Ohren nur für uns gespitzt seyen; denn sonst werden wir freilich uns aller Orten zurückgesetzt glauben, eine traurige Rolle spielen, uns und Andern Langeweile machen, menschenscheu und bitter die Gesellschaft fliehn, und von ihr geflohen werden. Ich kenne viele Leute von der Art, die durchaus, wenn sie sich in vortheilhaftem Lichte zeigen sollen, der Mittelpunkt seyn müssen, um welchen sich alles dreht, so wie überhaupt manche Menschen im gemeinen Leben niemand neben sich vertragen, der mit ihnen verglichen werden könnte. Sie handeln vortrefflich, groß, edel, nützlich, wohlthätig, geistreich, sobald sie es allein sind, an die man sich wendet, von denen man bittet, erwartet, hofft; aber klein, niedrig, rachsüchtig und schwach, sobald sie in Reihe und Gliedern stehen sollen, und zerstören jedes Gebäude, wozu sie nicht den Plan gemacht, oder wenigstens die Kranz-Rede gehalten haben; ja, selbst ihr eignes Gebäude, sobald nur ein Andrer eine kleine Verzierung daran angebracht hat. Dies ist eine unglückliche, ungesellige Gemüthsart. Ueberhaupt rathe ich, um glücklich zu leben, und Andre glücklich zu machen, in dieser Welt so wenig als möglich zu erwarten und zu fordern.

54.