Ueber den Umgang mit Menschen

Part 5

Chapter 53,570 wordsPublic domain

Zwei Gründe hauptsächlich müssen uns bewegen, nicht gar zu offenherzig gegen die Menschen zu seyn: zuerst die Furcht, unsre Schwäche dadurch aufzudecken und gemißbraucht zu werden, und dann die Ueberlegung, daß, wenn man die Leute einmal daran gewöhnt hat, ihnen nichts zu verschweigen, sie zuletzt von jedem unsrer kleinsten Schritte Rechenschaft verlangen, alles wissen, um alles zu Rathe gezogen werden wollen. Allein eben so wenig soll man übertrieben verschlossen seyn; sonst entsteht der Verdacht gegen uns, es stecke hinter allem, was wir thun, etwas Bedeutendes, oder gar Gefährliches, und das kann uns in unangenehme Verlegenheit verwickeln und veranlassen, daß wir verkannt werden, besonders in fremden Ländern, auf Reisen, bei manchen andern Gelegenheiten, und kann uns überhaupt auch im gemeinen Leben, selbst im Umgange mit edeln Freunden, schaden.

24.

Suche keinen Menschen, auch den Schwächsten nicht, in Gesellschaften lächerlich zu machen! Ist er dumm: so hast Du wenig Ehre von dem Witze, den Du an ihm verschwendest; ist er es weniger, als Du glaubst: so kannst Du vielleicht der Gegenstand ~seines~ Spottes oder seiner Rache werden; ist er gutmüthig und gefühlvoll: so kränkst Du ihn; und ist er tückisch: so kann er Dir's vielleicht auf eine Rechnung setzen, die Du früh oder spät auf irgend eine Art bezahlen mußt. -- Und wie oft kann man nicht, wenn das Publikum auf unsre Urtheile über Menschen achtet, einem guten Manne im bürgerlichen Leben wahrhaften Schaden zufügen, oder einen Schwachen so niederdrücken, daß aller Muth in ihm erlöscht, und alle Keime zu bessern Anlagen erstickt werden, indem man ihn, durch Hervorziehn der Schwachheiten, welche Stoff zum Spotten und Lachen geben, der Verachtung preisgibt.

25.

Schrecke, zerre und necke auch niemand, selbst Deine Freunde nicht, mit falschen Nachrichten, mit Witzeleien, oder was sonst auf einen Augenblick beunruhigt, und leicht in Verlegenheit setzt! Es gibt der wahrhaft mißvergnügten, unangenehmen, ängstlichen Augenblicke so viele im Leben, daß es wohl Bruderpflicht ist, alles hinwegzuräumen, was die Last der wirklichen und eingebildeten Plagen auch nur um ein Sandkorn erschweren kann. Für eben so unschicklich halte ich es, einem Freunde, aus Scherz, wie es die Gewohnheit mancher Leute ist, mit selbst erfundnen erfreulichen Neuigkeiten ein kurzes Vergnügen zu machen, das nachher schmerzlich vereitelt wird. Das alles ist Neckerei, durch welche die Freuden des Umgangs nicht gewürzt, sondern verkümmert werden. Eben so unverzeihlich ist es, die Neugierde zu reizen, wenn man sie nicht befriedigen kann, oder will, oder die, welche sich reizen ließen, hernach als Getäuschte dem Gelächter der Kaltblütigen preiszugeben. Es gibt Menschen, welche die Gewohnheit haben, ihren Freunden mystische Warnungen hinzuwerfen, wie z. B.: »Es läuft ein böses Gerücht von Ihnen herum, aber ich kann, ich darf Ihnen noch nichts darüber sagen.« Dergleichen hat gar keinen Nutzen, und beunruhigt.

Ueberhaupt muß man so wenig wie möglich die Leute in Verlegenheit setzen, vielmehr sich bemühen, wenn auch jemand im Begriff ist, eine Unvorsichtigkeit zu begehen (z. B. schlecht von einem Buche zu reden, dessen Verfasser gegenwärtig ist), oder sonst beschämt zu werden, ihm diese Verlegenheit zu ersparen, oder die Sache auf irgend eine Weise wieder in's Gleiche zu bringen. Und wenn jemand aus Unachtsamkeit etwas zerbrochen, oder sonst sich einer kleinen Unvorsichtigkeit schuldig gemacht hat: so fordert es die Humanität, nicht hinzublicken, wenigstens nicht mit Lächeln, oder mit sichtbarem Unwillen, noch betroffen, um seine Verwirrung nicht zu vermehren!

26.

Vor allen Dingen vergesse man nie in der Gesellschaft, daß die Leute unterhalten, nicht belehrt und unterwiesen seyn wollen; daß selbst der unterrichtendste Umgang ihnen in der Länge ermüdend vorkommt, wenn er nicht zuweilen durch Witz und gute Laune gewürzt wird; daß ferner nichts in der Welt ihnen so witzreich, so weise und so ergötzend scheint, als wenn man sie lobt, ihnen etwas Schmeichelhaftes sagt; daß es aber unter der Würde eines klugen Mannes ist, den Spaßmacher, und eines redlichen Mannes unwürdig, den Schmeichler zu machen. Allein es gibt einen gewissen Mittelweg; denn da jeder Mensch doch wenigstens Eine gute Seite hat, die man loben darf, und dies Lob, wenn es nicht übertrieben wird, aus dem Munde eines verständigen Mannes, Sporn zu größerer Vervollkommnung werden kann: so kann es sogar Pflicht werden, denen ein ermunterndes Lob nicht schuldig zu bleiben, welche es eben so sehr verdienen, als bedürfen, und es denen nicht vorzuenthalten, die es nicht entbehren können, ohne an sich selbst zu verzagen, oder auf halbem Wege stehen zu bleiben.

Zeige, so viel Du kannst, eine immer gleiche, heitre Stirne! Nichts ist reizender und liebenswürdiger, als eine gewisse frohe, muntre Gemüthsart, die aus der Quelle eines schuldlosen, nicht von heftigen Leidenschaften aufgeregten, sondern von Wohlwollen und Theilnahme bewegten Herzens hervorströmt. Wer sich's in der Gesellschaft merken läßt, daß er sich Zwang anthue, um heiter zu erscheinen, oder wer sich recht sichtbar anstrengt, um das Wort zu führen, und daher unaufhörlich Anekdoten auskramt, Späßchen macht, und nach Witz hascht; wem man es ansieht, daß er darauf studirt hat, die Gesellschaft zu unterhalten: der gefällt nur auf kurze Zeit, und wird bei Wenigen Interesse erwecken. Er wird nicht aufgesucht werden von denen, deren Herz sich nach besserm Umgange, und deren Kopf sich nach lebendiger und durch Mannigfaltigkeit gewürzter Unterhaltung sehnt.

Wer immer Spaß machen will, der erschöpft sich nicht nur leicht und wird matt, sondern hat auch die Unannehmlichkeit, daß, wenn er einmal gerade nicht aufgelegt ist, seinen Vorrath von lustigen Kleinigkeiten zu öffnen, seine Gefährten das sehr ungnädig aufnehmen. Bei jeder Mahlzeit, zu welcher er gebeten wird, bei jeder Aufmerksamkeit, die man ihm beweist, scheint die Bedingung schwer auf ihm zu liegen, daß er diese Ehre durch seine Schwänke bezahlen, und die Unkosten der Unterhaltung allein tragen solle; und will er es einmal wagen, einen höheren und reineren Ton anzustimmen, und etwas Ernsthaftes oder Gescheutes zu sagen, so lacht man ihm gerade in's Gesicht, ehe er mit seiner Rede halb zu Ende ist. Wahrer Humor und ächter Witz lassen sich nicht erzwingen, nicht erkünsteln; aber sie wirken, wie ein milder Sonnenstrahl, erwärmend, befruchtend und wohlthuend. Willst Du witzige Einfälle anbringen, so überlege auch wohl, in welcher Gesellschaft Du Dich befindest! Was Personen von einer dürftigen oder mittelmäßigen Bildung sehr unterhaltend scheint, kann Andern sehr langweilig und unschicklich vorkommen; und ein freier Scherz, den man sich in einem Kreise von Männern erlaubt, würde bei Frauenzimmern übel angebracht seyn.

27.

Gehe von niemand, und laß niemand von Dir, ohne ihm etwas Lehrreiches oder etwas Verbindliches gesagt, und mit auf den Weg gegeben zu haben; aber beides auf eine Art, die ihm wohlthue, seine Bescheidenheit nicht verletze, und nicht studirt scheine, damit er die Stunde nicht verloren zu haben glaube, die er bei Dir zugebracht hat, und fühle, Du nehmest Interesse an seiner Person: es gehe Dir von Herzen: Du verkaufest nicht bloß Deine Höflichkeits-Waare ohne Unterschied jedem Vorübergehenden! Man verstehe mich also recht! Ich möchte gern, wenn es möglich wäre, alles leere Geschwätz aus dem Umgange verbannt sehen; möchte, daß man, ohne Aengstlichkeit, auf sich Acht hätte, nie etwas zu sagen, wovon Der, welcher es anhören muß, weder Nutzen noch ~wahres~ Vergnügen haben, woran er, weder mit dem Kopfe, noch mit dem Herzen, Antheil nehmen könnte. Weit entfernt bin ich also, jene Gefallsucht oder Gleißnerei in Schutz nehmen zu wollen, die Jeden ohne Unterlaß mit leeren Complimenten, Schmeicheleien oder Lobsprüchen in die Verlegenheit setzen, ihnen auf tausend nicht ~eins~ antworten zu können. Ein Beispiel wird meine wahren Grundsätze darüber deutlicher machen. Ich saß einst an einer fremden Tafel, zwischen einer hübschen, verständigen jungen Dame und einem kleinen, garstigen Fräulein, von etwa vierzig Jahren. Ich beging die Unhöflichkeit, die ganze Mahlzeit hindurch mich nur mit Jener zu unterhalten, zu Dieser hingegen kein Wort zu reden. Beim Nachtische erst erinnerte ich mich meiner Unart; und nun machte ich den Fehler gegen die Höflichkeit durch einen andern gegen die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit gut. Ich wendete mich zu ihr, und redete von einer Begebenheit, die vor zwanzig Jahren vorgegangen war -- Sie wußte nichts davon -- »Es ist kein Wunder,« sagte ich, »Sie waren damals noch ein Kind.« Das kleine Wesen freute sich innigst darüber, daß ich sie für so jung hielt, und dies einzige Wort erwarb mir ihre Gunst. -- Sie hätte mich dieser niedrigen Schmeichelei wegen verachten sollen. Wie leicht hätte ich einen Gegenstand zu einem Gespräche mit ihr finden können, das ihr auf irgend eine Weise anziehend gewesen wäre, oder eine Gelegenheit, ihr meine Aufmerksamkeit zu beweisen; und es war meine Pflicht, darauf zu denken, und ihr nicht einen ganzen Mittag hindurch die Thür der Unterhaltung zu verschließen; eine Ungerechtigkeit, die so oft in der Gesellschaft gegen diejenigen begangen wird, die so unglücklich sind, einen unangenehmen oder widrigen sinnlichen Eindruck auf uns zu machen. Sie sollten vielmehr Gegenstände unserer Theilnahme werden, und wir sollten die Ungerechtigkeit und Zurücksetzung, welche sich die Gesellschaft gegen sie erlaubt, vielmehr zu vergüten suchen, als nachahmen.

Man kann sich indessen oft sehr schlecht empfehlen, indem man den Menschen etwas recht Verbindliches gesagt zu haben meint. So gibt es Leute, die es sehr übel nehmen würden, wenn man ihnen versicherte, daß man sie für gutmüthig halte, und Andre, die sich beleidigt fühlen, wenn man sie versichert, sie sähen gesund aus, oder sie hätten noch etwas so Jugendliches in ihrem Aeussern, daß man ihr wahres Alter unmöglich ahnen könne.

28.

Wem es darum zu thun ist, dauerhafte Achtung sich zu erwerben; wem daran liegt, daß seine Unterhaltung niemand anstößig, Keinem zur Last werde; der würze nicht ohne Unterlaß seine Gespräche mit Lästerungen, Spott, Tadelsucht und Satyre, und gewöhne sich nicht an den auszischenden Ton der Spottsucht! Das kann wohl einigemal, und, bei einer gewissen Klasse von Menschen, auch öfter gefallen; aber man flieht und verachtet doch endlich den Mann, der immer auf anderer Leute Kosten, oder auf Kosten der Wahrheit die Gesellschaft vergnügen will, und man hat Recht dazu; denn der gefühlvolle, verständige Mensch muß Nachsicht haben mit den Schwächen Anderer. Er weiß, welchen großen Schaden oft ein einziges, wenn gleich nicht böse gemeintes Wörtchen anrichten kann; auch sehnt er sich nach einer unschuldigeren und edleren Unterhaltung; ihm ekelt vor leerer Spötterei und liebloser Tadelsucht. Gar zu leicht aber nimmt man im Verkehr mit der sogenannten großen Welt diesen elenden Ton an; man kann nicht genug davor warnen, da er den Charakter entstellt, und dem Dünkel die gefährlichste Nahrung gibt, die Freuden des Umgangs vergiftet, und die Bande der Gesellschaft zernagt.

Uebrigens aber möchte ich auch nicht gern alle Satyre für unerlaubt erklären, noch leugnen, daß manche Thorheiten und Unzweckmäßigkeiten, ~im weniger vertrauten Umgange~, am besten durch einen feinen, nicht beleidigenden, nicht zu deutlich auf einzelne Personen anspielenden Spott bekämpft werden können. Endlich bin ich auch weit entfernt, zu fordern, man solle alles loben, und selbst offenbare Fehler entschuldigen; vielmehr habe ich nie den Leuten getrauet, die so sichtbar sich das Ansehen geben, alles mit dem Mantel der christlichen Liebe bedecken zu wollen. Sie sind mehrentheils Heuchler, wollen durch das Gute, das sie von den Leuten ~reden~, das Böse vergessen machen, welches sie ihnen ~zufügen~, oder sie suchen dadurch Nachsicht für ihre eigenen Gebrechen zu erlangen, und ein günstiges Vorurtheil für sich zu erschleichen.

29.

Erzähle nicht leicht Anekdoten, besonders nie solche, die irgend jemand in ein nachtheiliges Licht setzen, auf bloßes Hörensagen nach! Sehr oft sind sie gar nicht auf Wahrheit gegründet, oder schon durch so viel Hände gegangen, daß sie wenigstens vergrößert, verstümmelt worden sind, und dadurch eine wesentlich andre Gestalt bekommen haben. Vielfältig kann man dadurch unschuldigen guten Leuten ernstlich schaden, und öfter sich selber großen Verdruß zuziehn.

30.

Hüte Dich, Nachrichten aus einem Hause in das andre zu tragen, vertrauliche Tischreden, Familien-Gespräche, Bemerkungen, die Du über das häusliche Leben von Leuten, mit welchen Du viel umgehst, gemacht hast, u. dergl. auszuplaudern! Wenn dieß auch nicht eigentlich aus Bosheit geschieht, so kann doch eine solche Geschwätzigkeit Mißtrauen gegen Dich, und allerlei Zwist und Verstimmung veranlassen.

31.

Sey vorsichtig im Tadel und Widerspruche! Es gibt wenig Dinge in der Welt, die nicht zwei Seiten haben. Vorurtheile verdunkeln oft die Augen, selbst des klügern Mannes, und es ist sehr schwer, sich gänzlich an eines Andern Stelle zu denken. Urtheile besonders nicht so leicht über kluger Leute Handlungen, oder Deine Bescheidenheit müßte Dir sagen, daß Du noch weiser, als sie seyst! und da ist es denn eine mißliche Sache um diese Ueberzeugung. Ein kluger Mann ist mehrentheils lebhafter, als ein Andrer, hat heftigere Leidenschaften zu bekämpfen, bekümmert sich weniger um das Urtheil des großen Haufens, hält es weniger der Mühe werth, sein gutes Gewissen durch ausführliche Apologien zu rechtfertigen. Uebrigens soll man nur fragen: »Was thut der Mann Nützliches für Andre?« und, wenn er dergleichen thut, über dies Gute die kleinen Gemüthsfehler und Schwachheiten, die nur ihm selber schaden, oder höchstens unwichtigen, vorübergehenden Nachtheil wirken, vergessen.

Vor allen Dingen maße Dir nicht an, die Bewegungsgründe zu jeder guten Handlung ergründen und beurtheilen zu wollen! Bei einer solchen Strenge würden vielleicht manche Deiner eignen edlen Handlungen als sehr unedel, oder als reine Schwachheit, als Erzeugniß einer flüchtigen Rührung, Deiner gereizten Eitelkeit, Deiner Selbstsucht erscheinen. Jedes Gute muß nach seiner Wirkung für die Welt beurtheilt werden.

32.

Habe Acht auf Deine Gesellschaftssprache, daß Du in Deinen Unterredungen nicht durch einen wässrigen, weitschweifigen Vortrag ermüdest! Ein gewisser Laconismus, d. h. eine kräftige Kürze -- in so fern er nicht in die Sucht, nur in Sentenzen und Aphorismen zu sprechen, oder jedes Wort abzuwägen, ausartet -- ein gewisser Laconismus und die Geschicklichkeit, einen nichtsbedeutenden Umstand durch die Lebhaftigkeit der Darstellung interessant zu machen -- das ist die wahre Kunst der gesellschaftlichen Beredtsamkeit. Ueberhaupt aber rede nicht zu viel! Sey haushälterisch mit Spendung von Worten und Kenntnissen, damit es Dir nicht früh an Stoffe fehle, damit Du nicht redest, was Du verschweigen sollst, verschweigen wolltest, und niemand Deine Unterhaltung lästig finde. Laß auch Andre zu Worte kommen, ihren Theil zur allgemeinen Unterhaltung mit hergeben! Es gibt Leute, die, ohne es selbst zu merken, aller Orten die Sprachführer sind; und wären sie in einem Zirkel von funfzig Personen, so würden sie sich dennoch bald Meister von der ganzen Unterhaltung machen.

So unangenehm dieß für die Gesellschaft ist; eben so widrige, Freude störende Eindrücke macht die Weise mancher Leute, die stumm und gespannt horchen und lauern, und die man leicht für gefährliche Beobachter halten kann, denen es nur darum zu thun scheint, jedes unvorsichtige, nicht gehörig gewählte Wort, das man in sorgloser Redseligkeit fallen läßt, zu irgend einem hämischen Zwecke aufzusammeln.

33.

Es gibt Menschen, die (so wie Manche nur zum Genießen da zu seyn glauben) auch im geselligen Leben immer nur empfangen, nie geben wollen; die vom übrigen Theile des Publikums belustigt, unterrichtet, bedient, gelobt, bezahlt, gefüttert zu werden verlangen, ohne etwas dafür zu leisten; die über Langeweile klagen, ohne zu fragen, ob sie Andern weniger Langeweile gemacht haben; die behaglich da sitzen, sich's wohlseyn, sich erzählen lassen, aber nicht daran denken, auch ihren Beitrag, und wär' es auch nur ein Scherflein, zur Unterhaltung beizusteuern. -- Das ist aber eben so ungerecht, als lästig.

Noch Andre findet man, die immer nur ihre eigne Person, ihre häuslichen Umstände, ihre Verhältnisse, ihre Thaten und ihre Berufs-Geschäfte zum Gegenstande der Unterredung machen, und alles dahin zu drehen wissen, jedes Gleichniß, jedes Bild von daher nehmen. So wenig wie möglich laß in gemischten Gesellschaften den Schnitt, den Ton, den Dir Deine specielle Erziehung, Dein Handwerk, Deine besondre Lebensart geben, hervorblicken! Rede nicht von Dingen, die, ausser Dir, schwerlich jemand interessiren können! Hüte Dich, in den Fehler Derjenigen zu verfallen, die sich selbst bespötteln, ihre eigne werthe Person zum Besten haben! Das setzt die Anwesenden in Verlegenheit, und verräth einen eiteln Egoismus. Spiele nicht auf Anekdoten an, die Deinem Nachbar unbekannt sind, auf Stellen aus Büchern, die er wahrscheinlich nicht gelesen hat! Rede nicht in einer fremden Sprache, wenn es glaublich ist, daß nicht jeder, der um Dich ist, dieselbe versteht! Lerne den Ton der Gesellschaft annehmen, in welcher Du Dich befindest! Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn der Arzt einige junge Damen mit Beschreibung seiner Sammlung anatomischer Präparaten, der Rechtsgelehrte einen Hofmann über die unwirksame Professions-Ergreifung und das +edictum Divi Martii+, der alte gebrechliche Gelehrte eine junge Cokette von seinem offnen Beinschaden unterhält.

Oft aber tritt der Fall ein, daß man in Gesellschaften geräth, wo es schwer ist, etwas vorzubringen, das Theilnahme erweckte. Wenn ein verständiger Mann von leeren, beschränkten, in die Eitelkeiten des Alltagslebens versunkenen Menschen umgeben ist, die für gar nichts von bessrer Art Sinn haben; ei nun! so ist es seine Schuld nicht, wenn er nicht verstanden wird. Er tröste sich also damit, daß er von Dingen geredet hat, die billig ~interessiren müßten~!

34.

Rede also nicht zu viel von Dir selber, ausser in dem Kreise Deiner vertrautesten Freunde, von welchen Du weißt, daß die Sache des Einen unter ihnen eine Angelegenheit für Alle ist; und auch da bewache Dich, daß Du nicht Egoismus zeigest! Vermeide, selbst dann zu viel von Dir zu reden, wenn gute Freunde, wie es vielfältig geschieht, das Gespräch aus Höflichkeit auf Deine Person, auf Deine Unternehmungen oder Deine Schriften leiten! Bescheidenheit ist eine der liebenswürdigsten Eigenschaften, und macht um so vortheilhaftere Eindrücke, je seltner diese Tugend in unsern Tagen wird. Sey also auch nicht so bereit, jedermann Deine Schriften unaufgefordert, oder gleich bei der ersten, oft nicht so ernstlich gemeinten Aufforderung vorzulesen, Deine Anlagen zu zeigen und Deine rühmlichen Handlungen zu erzählen, noch auf feine Art Gelegenheit zu geben, daß man Dich darum bitten müsse! Auch ~drücke~ niemand durch Deinen Umgang, das heißt: zeige in keiner Gesellschaft ein solches Uebergewicht, daß Andre verstummen, sich in schlechtem Lichte zeigen oder an sich selbst verzagen müssen!

35.

Widersprich Dir nicht selbst im Reden, so daß Du einen Satz behauptest, dessen Gegentheil Du ein andermal vertheidigt hast! Man kann seine Meinung von Dingen ändern; allein man thut doch wohl, in Gesellschaften nicht eher, wenigstens nicht entscheidend zu urtheilen, als bis man alle Gründe für und wider gehörig abgewogen hat.

36.

Hüte Dich, in die Fehler Derjenigen zu verfallen, die, aus Mangel an Gedächtniß, oder an Aufmerksamkeit auf sich, oder weil sie so verliebt in ihre eignen Einfälle sind, dieselben Histörchen, Anekdoten, Spässe, Wortspiele, und witzigen Vergleichungen, bei jeder Gelegenheit wiederholen! Ueberhaupt ist es, und besonders auch für den geselligen Umgang, wichtig, sein Gedächtniß zu schärfen, und sich deswegen nicht zu sehr daran zu gewöhnen, alles schriftlich aufzuzeichnen, was man behalten will. Bist Du Deiner Sache nicht gewiß, so verleugne Dich selbst, und widerstehe der Lust, eine Anekdote zu erzählen, wenn es möglich wäre, daß Du sie schon einmal aufgetischt hast, oder suche das Gespräch so zu wenden, daß Du zur Gewißheit kommst, ohne etwas gewagt zu haben.

37.

Würze nicht Deine Unterhaltung mit Zweideutigkeiten, mit Anspielungen auf Dinge, die entweder Ekel erwecken, oder keusche Wangen erröthen machen; zeige auch keinen Beifall, wenn Andre dergleichen vorbringen! Ein verständiger Mann kann an solchen Gesprächen keine Lust haben. Auch in bloß männlichen Gesellschaften verleugne nicht die Schamhaftigkeit, das Zartgefühl und Dein Mißfallen an Zoten, denn Du erwirbst Dir dadurch eben so viel Ehre, als Verdienst, und rettest die Ehre Deines Geschlechts.

38.

Flicke keine platte Gemeinsprüche in Deine Reden ein; z. B.: daß Gesundheit ein schätzbares Gut; daß das Schlittenfahren ein kaltes Vergnügen; daß Jeder sich selbst der Nächste sey; daß, was lange dauert, gut werde, wovon ich das Gegentheil zu beweisen übernehme; daß man durch Schaden klug werde, welches leider! selten eintrifft; oder daß die Zeit schnell hingehe -- welches, im Vorbeigehen zu sagen, gar nicht wahr ist; denn da die Zeit nach einem bestimmten Maaßstabe berechnet wird: so geht sie nicht schneller vorbei, als sie grade muß, und Der, welchem ein Jahr kürzer vorkömmt, als es ist, der muß in demselben über Gebühr geschlafen haben, oder sonst seiner Sinne nicht mächtig gewesen seyn, oder er läßt sich von einer leeren Täuschung irre führen -- oder: daß Ausnahmen die Regel ~bestätigten~ -- Gleich als wenn ein partikularer verneinender Satz die Wahrheit eines allgemeinen bejahenden beweisen könnte, oder umgekehrt! da doch vielmehr durch die Ausnahme klar wird, daß die Regel nicht allgemein ist. Solche Sprüchwörter sind sehr langweilig, und nicht selten sinnlos und unwahr.

Es gibt solche mechanische Menschen, deren Gespräche zur Hälfte aus gewissen Formeln bestehen, welche sie, ohne etwas dabei zu denken, herplappern. Sie treffen Dich tödtlich krank im Bette an, und freuen sich, Dich wohl zu sehn. Zeigst Du ihnen Dein Bildniß: so finden sie, daß es zwar ähnlich sehe, aber viel zu alt gemalt sey. Allen Kindern sagen sie: sie seyen groß für ihr Alter, und gleichen dem Vater, und was dergleichen leeres Geschwätz mehr ist. Einen eben so dürftigen Stoff zur Unterhaltung liefern Räthsel, Wortspiele, Pfandspiele u. dgl., wenn sie nicht ausgezeichnet sinnreich sind. Wenigstens wird selten in einer Gesellschaft, die nur einigermaßen gemischt ist, das Wohlgefallen daran allgemein seyn, denn es werden sich immer Einige finden, welche sich durch solche Unterhaltungen gedrückt fühlen, weil sie nicht Kenntnisse, oder Geist genug haben, hiebei eine anständige Rolle zu spielen, oder der Verlegenheit zu entgehen.

39.

Belästige nicht die Leute, mit welchen Du umgehst, mit unnützen Fragen! Man findet Menschen, die, nicht eben aus Vorwitz und Neugier, sondern weil sie nun einmal gewöhnt sind, ihre Gespräche in Katechesations-Form zu verfassen, uns durch Fragen so beschwerlich werden, daß es gar nicht möglich ist, auf unsre Weise mit ihnen in Unterhaltung zu kommen.

40.

Lerne Widerspruch ertragen! Sey nicht kindisch eingenommen von Deinen Meinungen! Werde nicht hitzig, noch grob im Zanke; auch dann nicht, wenn man Deinen ernsthaften Gründen Spott und Bitterkeit entgegensetzt! Du hast, bei der besten Sache, schon halb verloren, wenn Du nicht kaltblütig bleibst, und wirst wenigstens auf diese Art nie überzeugen und nie gefallen.

41.