Ueber den Umgang mit Menschen

Part 4

Chapter 43,694 wordsPublic domain

Es gibt eine falsche Bescheidenheit und Zurückhaltung, die in einem kleinmüthigen Mißtrauen gegen sich selbst ihren Grund hat, und die Furcht erzeugt; von dieser gefesselt, läßt Mancher, der viel zu leisten vermag, die günstigste Gelegenheit, sich geltend zu machen, oder die Aufmerksamkeit der Vielvermögenden auf sich zu lenken, ungenutzt vorübergehen; eine Gelegenheit, die nimmer wiederkommt. Daß man hiebei mit Bescheidenheit zu Werke gehen, nichts zur Schau tragen, nicht sein eigner Lobredner seyn müsse, darf nicht erinnert werden, denn es bleibt dabei, daß der, welcher sich selbst erhöht, erniedrigt werde. Auszeichnung läßt sich nicht ertrotzen, und die ertrotzte würde nicht frommen. Hängt man ein gar zu glänzendes Schild aus, so erweckt man dadurch die spähende und lästernde Eifersucht, oder reizt zu den strengsten ungerechtesten Forderungen. Die Splitterrichter erheben kreischend ihre Stimme; und so ist es sogleich um den erborgten Glanz geschehn. Zeige Dich also mit einem gewissen bescheidnen Bewußtseyn innerer Würde, und vor allen Dingen mit dem auf Deiner Stirne strahlenden Bewußtseyn der Wahrheit und Redlichkeit! Zeige Vernunft und Kenntnisse, wo Du Veranlassung dazu hast! Nicht so viel, um Neid zu erregen und Forderungen anzukündigen; nicht so wenig, um übersehn und überschrien zu werden! Laß Dich aufsuchen, und sey nicht zu bereitwillig, ohne daß man Dich weder für einen Sonderling, noch für scheu, noch für hochmüthig halte!

2.

Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem Scheine der Vollkommenheit und Unfehlbarkeit. Die Menschen beurtheilen und richten Dich nach dem Maaßstabe Deiner Forderungen, und sie sind noch billig, wenn sie nur das thun, wenn sie Dir nicht Forderungen aufbürden. Dann heißt es, wenn Du auch nur des kleinsten Fehlers Dich schuldig machst: »Einem ~solchen Manne~ ist das gar nicht zu verzeihn;« und da die Schwachen sich ohnehin ein Fest daraus machen, an einem Menschen, der sie verdunkelt, Mängel zu entdecken, so wird Dir ein einziger Fehltritt höher angerechnet, als Andern ein ganzes Register von Bosheiten und Pinseleien.

3.

Sey aber nicht ~gar zu sehr~ ein Sclave der Meinungen Andrer von Dir! Sey selbstständig! Was kümmert Dich am Ende das Urtheil der ganzen Welt, ~wenn Du thust, was Du sollst~? und was ist Dein ganzer Prunk von äussern Tugenden werth, wenn Du diesen Flitterputz nur über ein schwaches, niedriges Herz hängst, um in Gesellschaften damit zu prunken?

4.

Vor allen Dingen wache über Dich, daß Du nie die innere Zuversicht zu Dir selber, das Vertrauen auf Gott, auf gute Menschen und auf das Schicksal verlierest! Sobald Dein Gefährte oder Gehülfe auf Deiner Stirne Mißmuth und Verzweiflung liest -- so ist alles aus. Sehr oft aber ist man im Unglück ungerecht gegen die Menschen. Jede kleine böse Laune, jede kleine Miene von Kälte deutet man auf sich; man meint, Jeder sehe es uns an, daß wir leiden, und weiche vor der Bitte zurück, die wir ihm thun könnten.

5.

Schreibe aber auch nicht auf Deine Rechnung das, wovon Andern das Verdienst gebührt! Wenn man Dir, aus Achtung gegen einen edlen Mann, dem Du angehörst, Auszeichnung oder Höflichkeit beweist, so brüste Dich damit nicht, sondern sey bescheiden genug, zu fühlen, daß dieß alles vielleicht wegfallen würde, wenn Du einzeln aufträtest! Suche aber selbst zu verdienen, daß man Dich um Deinetwillen ehre! Sey lieber das kleinste Lämpchen, das einen dunklen Winkel mit eignem Lichte erleuchtet, als ein großer Mond einer fremden Sonne, oder gar Trabant eines Planeten!

6.

Fehlt Dir etwas; hast Du Kummer, Unglück; leidest Du Mangel; reichen Vernunft, Grundsätze und guter Wille nicht zu: so klage Dein Leid, Deine Schwäche, Deine kleinmüthigen Besorgnisse niemand, als dem, der helfen kann, selbst Deinem treuen Weibe kaum! Wenige helfen tragen; fast Alle erschweren die Bürde; ja! sehr Viele treten einen Schritt zurück, sobald sie sehen, daß Dich das Glück nicht anlächelt. Sobald sie aber gar annehmen, daß Du ganz ohne Hülfsquellen bist, daß Du keinen geheimen Schutz hast, niemand, der sich Deiner annimmt -- o! so rechne auf Keinen mehr! Wer hat den Muth, und die Liebe, einzig und fest als die Stütze des von aller Welt Verlassenen öffentlich aufzutreten? Wer hat den Muth zu sagen: »Ich kenne den Mann; er ist mein Freund; er ist mehr werth, als Ihr alle, die ihr ihn schmähet!« Und fändest Du ja einen Solchen, so würde es doch nur etwa ein anderer armer Tropf seyn, der selbst in elenden Umständen, aus Verzweiflung sein Schicksal an das Deinige knüpfen wollte, dessen Schutz Dir mehr schädlich, als nützlich wäre.

7.

Rühme aber auch nicht zu laut Deine glückliche Lage! krame nicht zu glänzend Deine Pracht, Deinen Reichthum, Deine Talente aus! Die Menschen vertragen selten ein solches Uebergewicht, ohne Murren und Neid. Lege daher auch Andern keine zu große Verbindlichkeit auf! Thue nicht zu viel für Deine Mitmenschen! Sie fliehen den überschwenglichen Wohlthäter, wie man einen Gläubiger flieht, den man nie bezahlen kann. Also hüte Dich, zu groß zu werden in Deiner Brüder Augen! auch fordert dann Jeder zu viel von Dir, und eine einzige abgeschlagene Wohlthat macht tausend wirklich erzeigte in Einem Augenblicke vergessen. Oder wäre nicht Undank der Welt Lohn? Du wirst Ausnahmen erleben, aber rechne nur nicht auf diese, sondern sey auf das gefaßt, was die tägliche Erfahrung bringt.

8.

Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern! Man höret Dir wohl zu, besonders wenn Du Deine Darstellungen mit Witz zu würzen weißt, aber man hasset Dich gleichwohl. Dagegen wie edel ist es, da zu schweigen, wo alle Lippen in Bewegung sind, zu lästern, zu verkleinern, und herabzuwürdigen. O daß Du zu diesen Edlen gehören möchtest, ob auch die Welt sie nicht zu schätzen und zu ehren weiß!

9.

Suche weniger selbst zu glänzen, als Andern Gelegenheit zu geben, sich von vortheilhaften Seiten zu zeigen, wenn Du gelobt werden und gefallen willst. Wenige Menschen vertragen ein Uebergewicht von Andern. Lieber verzeihen sie uns eine zweideutige Handlung, ja! ein Verbrechen, als eine That, durch welche wir sie verdunkeln. Doch, wenn Du fern von ihnen, ausser ihrem Wirkungskreise stehst und ihnen nirgend in den Weg treten kannst; dann vielleicht lassen sie Dir Gerechtigkeit widerfahren. Auch im bloß geselligen Umgange soll man sich hüten, hervorstechen zu wollen. Ich habe den Ruf eines vernünftigen und witzigen Mannes aus mancher Gesellschaft mitgenommen, in welcher wahrlich kein kluges Wort aus meinem Munde gegangen war, und in welcher ich nichts gethan hatte, als mit musterhafter Geduld vornehmen und halbgelehrten Unsinn anzuhören, oder hie und da einen Mann auf ein Fach zu bringen, wovon er gern redet. Wie mancher besucht mich, mit der demüthigen Ankündigung: (wobei ich mich oft nicht des Lachens erwehren kann) er komme, um mir, als einem gewaltigen Gelehrten und Schriftsteller, seine Ehrerbietung zu bezeigen! Der Mann setzt sich dann hin und fängt an zu reden, läßt mich, den er bewundern will, gar nicht zu Worte kommen, und geht, entzückt über meine lehrreiche und angenehme Unterhaltung, zu welcher ich nicht zwanzig Worte geliefert habe, von mir, höchst vergnügt, daß ich Verstand genug gehabt habe -- ihm zuzuhören. Habe Geduld mit allen Schwächen dieser Art! Wenn daher auch jemand ein Geschichtchen, oder sonst etwas vorbringt, das er ~gern~ erzählt, und Du hättest es auch schon mehr gehört, und es wäre vielleicht ein Märchen, das ~Du selbst~ ihm einst mitgetheilt hättest; so laß es ihm doch nicht auf unangenehme Weise merken, daß die Sache Dir alt und langweilig ist, wenn die Person anders Schonung verdient! Was kann unschuldiger seyn, als solche Ausleerungen zu befördern, wenn man dadurch Andern Erleichterung, und sich einen guten Ruf verschafft? Und wenn die Leute unschuldige Liebhabereien haben, z. B. gern von Pferden reden, es gern sehen, daß man eine Pfeife Tabak mit ihnen rauche, ein Glas Wein mit ihnen trinke; so erzeige man ihnen diese kleine Gefälligkeit, wenn es ohne große Ungemächlichkeit und ohne kriechende Demuth geschehen kann! Desfalls habe ich nie die Gewohnheit der Hofleute von gemeinerm Schlage gut finden können, die jedermann nur mit halbem Ohre und zerstreueter Miene anhören, ja! gar mitten in einer Rede, die sie veranlaßt haben, einfallen, ohne das Ende abzuwarten.

10.

Gegenwart des Geistes ist ein seltnes Geschenk des Himmels, und macht, daß wir im Umgange in sehr vortheilhaftem Lichte erscheinen. Dieser Vorzug nun läßt sich freilich nicht durch Kunst erlangen; allein man kann an sich arbeiten, daß, wenn er uns fehlet, wir wenigstens nicht durch Uebereilung uns und Andre in Verlegenheit setzen. Sehr lebhafte Temperamente haben hierauf vorzüglich zu achten. Ich rathe daher, wenn eine unerwartete Frage, ein ungewöhnlicher Gegenstand, oder irgend etwas anders uns überrascht, nur eine Minute still zu schweigen und der Ueberlegung Zeit zu lassen, uns zu der Parthei vorzubereiten, die wir nehmen sollen. So wie ein einziges rasches, unvorsichtiges Wort, oder ein in der Verwirrung unternommener Schritt zu späte Reue und unglückliche Folgen wirken können; so kann ein schnell auf der Stelle gefaßter und ausgeführter rascher Entschluß, in entscheidenden Augenblicken, in welchen man so leicht den Kopf verliert, Glück, Rettung und Trost bringen.

11.

Wünschest Du zeitliche Vortheile, Unterstützung, Versorgung im bürgerlichen Leben; mögtest Du in einer Bedienung angestellt werden, in welcher Du Deinem Vaterlande nützlich seyn könntest: so mußt Du darum bitten, ja! nicht selten betteln, d. h. Du mußt es Dir gefallen lassen, in einem solchen Tone und mit einer solchen Andringlichkeit zu bitten, als ob Dir das, was Du leisten kannst, gar keine Ansprüche auf das Erbetene gäbe. Rechne nicht darauf, daß die Menschen, sie müßten denn Deiner ganz nothwendig bedürfen, Dir etwas anbieten, oder sich ungebeten für Dich verwenden werden, wenn auch Deine Verdienste oder Leistungen noch so laut für Dich reden, und jedermann weiß, daß Du Unterstützung bedarfst und verdienst! Jeder sorgt für sich und die Seinigen, ohne sich um den bescheidnen Mann zu bekümmern, der indeß nach Gemächlichkeit in seinem Winkelchen seine Talente vergraben, oder gar verhungern kann. Darum bleibt so mancher Verdienstvolle bis an seinen Tod unerkannt, ausser Stand gesetzt, seinen Mitmenschen nützlich zu werden -- weil er nicht betteln, nicht kriechen kann, oder weil er, in einem falschen Selbstgefühl, jede Bitte um das, worauf er gerechte Ansprüche hat, unter seiner Würde hält. Warum wolltest Du ein Märtyrer dieses Selbstgefühls werden, oder es zu einem Wurm machen, der unaufhaltsam Deine Lebenskraft zernagt? Suchet, so werdet ihr finden!

12.

So wenig wie möglich lasset uns indessen von Andern Wohlthaten fordern und annehmen! Man trifft gar selten Leute an, die nicht früh oder spät für kleine Dienste große Rücksichten forderten, und das hebt dann das Gleichgewicht im Umgange auf, raubt Freiheit, hindert uneingeschränkte Wahl, und wenn auch unter zehnmal nicht einmal der Fall einträte, daß dieß uns in Verlegenheit setzte, oder Verdruß zuzöge; so ist es doch weislich gehandelt, dies mögliche Einmal zu vermeiden, und lieber immer zu geben, Jedem zu dienen, als von Andern Dienste oder sonst etwas anzunehmen. Auch gibt es wenig Menschen, die mit guter Art Wohlthaten erzeigen. Versuchet es, meine Freunde! wie viele unter Euren Bekannten nicht auf einmal, mitten in der fröhlichsten, höflichsten Gemüthsstimmung ihr Gesicht in feierliche Falten ziehen, wenn Ihr Eure Anrede mit den Worten anhebet: »Ich muß eine große Bitte an Sie wagen! Ich bin in einer erschrecklichen Verlegenheit.« Sehr bereit aber pflegen die Menschen zu seyn, uns solche Dienste anzubieten, deren wir nicht bedürfen, oder gar, die sie selbst nicht zu leisten im Stande sind. Der Verschwender ist immer willig, mit Gelde zu dienen; der Dummkopf mit gutem Rathe.

Vor allen Dingen hüte man sich, jemand um eine Gefälligkeit zu bitten, wenn man voraus wissen kann, daß er uns nicht wohl, wenn er auch gern möchte, eine abschlägige Antwort geben kann! (z. B. wenn er uns Verbindlichkeit schuldig, oder sonst von uns abhängig ist.)

Wohlthaten annehmen, macht abhängig; man weiß nicht, wie weit das führen kann. Man kömmt da oft in's Gedränge zwischen der Nothwendigkeit, schlechten Menschen zu viel nachzusehn, oder undankbar zu scheinen.

Um nun des fremden Beistandes entbehren zu können, dazu ist das beste Mittel, wenig Bedürfnisse zu haben, mäßig zu seyn, und bescheidne Wünsche zu nähren; das heißt nicht: Du sollst ein Diogenes in der Tonne seyn, und Deine Hand zum Pokal erheben, sondern es heißt nur: Du sollst nicht eitler Ehre geitzig seyn, nicht glänzen wollen, nicht meinen, daß es ein Unglück sey, in einer gewissen Verborgenheit und Zurückgezogenheit leben zu müssen. Das, was Du hiebei entbehrst, ist wahrlich keines Seufzers werth: das laß Dir von den bleichen, früh veralteten Gesichtern und tief liegenden Augen voll Mißmuth und Trübsinn erzählen, welche die von Dir Beneideten als Warnungstafeln vor sich hertragen. Denn wer von unzähligen Leidenschaften in rastlosem Taumel umhergetrieben wird, bald Ehrenstellen, bald Wucher, bald Erwerb, bald wollüstigen Genuß verlangt; wer, von dem Luxus des Zeitalters angesteckt, alles begehrt, was seine Augen sehen; wen vorwitzige Neugier und ein unruhiger Geist treiben, sich in jeden unnützen Handel zu mischen; der geräth in eine zwiefache Sclaverei; er wird der Menschen Knecht, und seiner Leidenschaften Sclave; er lebt in einer eben so drückenden, als verführerischen Abhängigkeit: drückend ist sie, weil sie ihn beständig der Ungerechtigkeit der Menschen preisgibt; verführerisch, weil sie ihn beständig reizt, sich zu erniedrigen, um im kläglichsten Sinn des Worts erhöht zu werden.

13.

Wenn ich aber gesagt habe, daß man lieber Allen ~geben~, als von irgend jemand ~empfangen~ sollte; so hebt doch das den Satz nicht auf, daß man nicht gar zu viel für Andre thun dürfe. Ueberhaupt sey dienstfertig, aber nicht zudringlich! Sey nicht jedermanns Freund und Vertrauter! Vor allen Dingen wirf Dich nicht zum Sittenrichter der Menschen, besonders gewisser Menschen auf, und sey der Warnung eingedenk: Ihr sollt die Perlen nicht vor die Säue werfen, damit sie sich nicht umwenden, und euch zerreissen. Nicht einmal Deinen unmaßgeblichen Rath sollst Du den Menschen aufdringen. Begehren sie Deinen Rath, so begehre Du erst ein Glaubensbekenntniß von ihnen, damit Du weißt, wen Du vor Dir hast, und wie ihm beizukommen ist. Die Wenigsten wissen Dir Dank dafür, und selbst wenn sie Dich um Rath fragen, sind sie gewöhnlich schon entschlossen zu thun, was ihnen gefällt. Mische Dich auch nicht in Familien-Händel! Vor allen Dingen hüte Dich, Zwistigkeiten schlichten und Versöhnungen stiften zu wollen! (Es sey denn unter geliebten, geprüften Personen.) Mehrentheils werden beide Partheien einig, um dann über Dich herzufallen. Das Kuppeln und Heirathen-Schmieden überlasse man dem Himmel und einer gewissen Klasse von alten Weibern!

14.

Keine Regel ist so allgemein, keine so heilig zu halten, keine führt so sicher dahin, uns dauerhafte Achtung und Freundschaft zu erwerben, als die: unverbrüchlich, auch in den geringsten Kleinigkeiten, Wort zu halten, seiner Zusage treu, und stets wahrhaftig zu seyn in seinen Reden. Nie kann man Recht und erlaubte Ursachen haben, das Gegentheil von dem zu sagen, was man denkt, wenn gleich man Befugniß und Gründe haben kann, nicht alles zu offenbaren, was in uns vorgeht. Es gibt keine Nothlügen; noch nie ist eine Unwahrheit gesprochen worden, die nicht früh oder spät nachtheilige Folgen für jemand gehabt hätte; der Mann aber, der dafür bekannt ist, strenge Wort zu halten und sich keine Unwahrheit zu gestatten, gewinnt gewiß Zutrauen, guten Ruf und Hochachtung. Du darfst zwar nicht alles sagen, was wahr ist, aber eben so wenig statt der Wahrheit eine Unwahrheit. Demjenigen, welcher Dein Bekenntniß oder Deine Offenherzigkeit gewiß mißbrauchen wird, oder der die Wahrheit, die er von Dir begehrt, nicht würde ertragen können, bist Du keine Offenherzigkeit schuldig.

15.

Sey strenge, pünktlich, ordentlich, arbeitsam, fleissig in Deinem Berufe! Bewahre Deine Papiere, Deine Schlüssel und alles so, daß Du jedes einzelne Stück auch im Dunkeln finden könntest! Verfahre noch ordentlicher mit fremden Sachen! Verleihe nie Bücher, oder andre Dinge, die Dir sind geliehen worden; hast Du von Andern dergleichen geborgt, so bringe oder schicke sie zu gehöriger Zeit wieder, und erwarte nicht, daß sie, oder ihre Domestiken, weite Wege machen sollen, um ihr Eigenthum wieder zu erlangen. -- Jedermann geht gern mit einem Menschen um, auf dessen Pünktlichkeit und Treue in Wort und That er sich fest verlassen kann, und der unfähig ist, Andere zu täuschen. So gehört es auch zu den Eigenschaften, welche Vertrauen und Gunst erwerben, zur rechten Zeit zu erscheinen, wo man erwartet wird, möge die Zusammenkunft zu einem Vergnügen, oder einem Geschäft bestimmt seyn. Das Spätkommen gehört zu denjenigen bösen Gewohnheiten und Mißbräuchen in der Gesellschaft, welche eben so ausgebreitet, als verderblich, eben so unsittlich, als ungesittet sind. Gute und böse Beispiele von ~der~ Art reizen zur Nachfolge; und die Ungerechtigkeit anderer Menschen rechtfertigt nicht die unsrige.

16.

Gib Andern Beweise Deiner Theilnahme, um Dich der ihrigen zu versichern. Wer untheilnehmend, ohne Sinn für Freundschaft, Wohlwollen und Liebe, nur sich selber lebt, der bleibt verlassen, wenn er sich nach Beistand sehnt.

17.

Verflechte Niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und fordere nicht von Denen, mit welchen Du umgehst, daß sie Theil an den Uneinigkeiten nehmen sollen, die zwischen Dir und Andern herrschen!

Eine Menge dieser Vorschriften umfaßt die alte Regel: setze Dich in Gedanken oft in andrer Leute Stelle, und frage Dich selbst: »Wie würde es Dir unter denselben Umständen gefallen, wenn man ~Dir~ dieß zumuthete, gegen ~Dich~ also handelte, von ~Dir~ das forderte? -- diesen Dienst, diese Verwendung, diese langweilige Arbeit, diesen Zeitaufwand, für einen geringfügigen Zweck, diese Erklärung?«

18.

Bekümmre Dich nicht um die Handlungen Deiner Nebenmenschen, in so fern sie nicht Bezug auf Dich, oder so sehr auf die Sittlichkeit im Ganzen haben, daß es Verbrechen seyn würde, darüber zu schweigen! Ob aber jemand langsam oder schnell geht, viel oder wenig schläft, oft oder selten zu Hause, prächtig oder schlecht gekleidet ist, Wein oder Bier trinkt, Schulden oder Kapitalien macht, eine Geliebte hat oder nicht -- was geht das Dich an, wenn Du nicht sein Vormund bist? Thatsachen hingegen, die man durchaus wissen muß, erfährt man oft am besten von dummen Leuten, weil diese ohne Witz, ohne Consequenzmacherei, ohne Seitenblicke, ohne Verbrämung und ohne Leidenschaft, geradehin erzählen.

19.

Von Deinen ~Grundsätzen~ gehe nie ab, so lange Du sie als richtig anerkennest! Ausnahmen machen ist sehr gefährlich, und führt immer weiter, vom Kleinen zum Großen. Hast Du Dir also einmal aus guten Gründen vorgenommen, keine Bücher zu verleihen, keinen Wein zu trinken u. dgl.; so müsse kein Sterblicher Dich bewegen können, davon abzugehen, so lange die Gründe Deiner ersten Entschließung nicht wegfallen! Sey fest; aber hüte Dich, so leicht etwas zum Grundsatze zu machen, bevor Du alle mögliche Fälle überlegt hast, oder eigensinnig auf Kleinigkeiten zu bestehen; denn was kann thörichter seyn, als sogenannten Grundsätzen, d. h. einer Handlungsweise, welcher nichts weiter, als ein vernünftiger Grund mangelt, oder die keinen andern, als den Eigensinn, oder das ungerechteste Mißtrauen, oder die unverzeihlichste Undienstfertigkeit, so lange und so hartnäckig getreu zu bleiben, bis man alle Liebe und alle Achtung der Bessern verloren hat.

Vor allen Dingen also handle nur stets folgerecht (consequent)! Mache Dir einen Lebensplan, und weiche nicht um ein Tüttelchen von diesem Plane, hätte dieser Plan auch allerlei Sonderbarkeiten, d. h. weiche er auch noch so sehr von der gemeinen und gepriesenen Denkungsart und Lebensweise ab. -- Die Menschen werden eine Zeitlang die Köpfe darüber zusammenstecken, und am Ende schweigen, Dich in Ruhe lassen, und Dir, wenn Du anders Deinen Plan mit Festigkeit und Weisheit durchführst, ihre Hochachtung nicht versagen können. Man gewinnt überhaupt immer durch Ausdauern und durch planmässige, weise Festigkeit. Es ist mit Grundsätzen, wie mit jeden andern Stoffen, woraus etwas gemacht wird, nämlich, daß der beste Beweis für ihre Güte der ist, wenn sie lange halten, und in der That, wenn man recht genau den Gründen nachspüren will, warum auch den edelsten Handlungen mancher Menschen nicht Gerechtigkeit widerfährt; so wird man oft finden, daß das Publikum deswegen Verdacht gegen die Wahrheit und den Zweck dieser Handlungen gefaßt hat, weil sie nicht zu dem Lebensplan und zu der Handlungsweise dessen, der sie unternimmt, nicht zu seinen übrigen Schritten zu passen scheinen.

20.

Was aber noch wichtiger, als jene Vorschrift ist: sey redlich, und weihe Deine Kraft und Dein Leben der Liebe und der Pflicht; führe ein menschliches Leben, d. h. ein Vernunftleben; halte es für den höchsten Ruhm Deines Lebens, als ein Vernunftwesen zu leben. -- Habe immer ein gutes Gewissen! Bei keinem Deiner Schritte müsse Dir Dein Herz über Absicht und Mittel Vorwürfe machen dürfen! Gehe nie schiefe Wege; und baue dann sicher auf gute Folgen, auf Gottes Beistand und auf Menschenhülfe in der Noth! Und verfolgt Dich auch wohl eine Zeitlang ein widriges Geschick -- o! so wird doch die selige Ueberzeugung von der Unschuld Deines Herzens, von der Redlichkeit Deiner Absichten, Dir ungewöhnliche Kraft, festen, unerschütterlichen Muth und unzerstörbare Heiterkeit geben; Dein kummervolles Antlitz wird im Umgange mehr, weit mehr Theilnahme erwecken, als die Fratze des lächelnden, grinzenden, glücklich scheinenden Bösewichts.

21.

Sey, was Du bist, immer ~ganz~, und immer derselbe! Nicht heute warm, morgen kalt; heute grob, morgen höflich und zuckersüß; heute der lustige Gesellschafter, morgen trocken und stumm, wie eine Bildsäule! Es ist unbegreiflich, daß diese wetterwendischen, launenhaften und kaltherzigen Menschen nicht endlich vor sich selbst erschrecken und zurückfahren, da sie doch täglich durch die Scheu und den Widerwillen, womit sich Alles von ihnen entfernt, auf die klägliche Rolle, die sie spielen, aufmerksam gemacht werden, und da sie sich selbst eben so sehr, als Andern, zur Last leben. Wenn sie einmal, in einem Anfall von guter Laune oder Schaam, im Umgange Freundschaft und Theilnahme zeigen, so spielen sie eigentlich die Rolle der Betrüger. Wir bauen in der Meinung, daß sie sich gebessert haben, auf ihre Zusicherungen und Aeusserungen, und wollen wenig Tage nachher den Mann wieder besuchen, der uns so gern bei sich sieht, der uns so freundlich eingeladen hat, recht oft zu kommen. Wir gehen hin, und werden nun so frostig und verdrießlich empfangen, oder man läßt uns ohne Unterhaltung in einer Ecke sitzen, antwortet uns nur mit gebrochnen Sylben, weil man grade von Menschen umgeben ist, die mehr Weihrauch spenden, als wir. Von solchen Menschen muß man sich unmerklich zurückziehn, und wenn sie nachher, in einem Augenblicke von Langerweile, uns wieder aufsuchen, gleichfalls gegen sie den Spröden machen, und ihnen unter den Händen fortschlüpfen.

22.

Mache einigen Unterschied in Deinem äussern Betragen gegen die Menschen, mit denen Du umgehst, in dem Zeichen von Achtung, die Du ihnen beweisest! Reiche nicht Jedem Deine rechte Hand dar! Umarme nicht Jeden! Drücke nicht Jeden an Dein Herz! Was bewahrst Du den Bessern und Geliebten auf, und wer wird Deinen Freundschafts-Bezeugungen trauen, ihnen Werth beilegen, wenn Du sie so verschwenderisch austheilst?

23.