Ueber den Umgang mit Menschen

Part 3

Chapter 33,556 wordsPublic domain

In freien Städten ist diese Anhänglichkeit an väterliche Sitten, Kleidertrachten u. dgl. sehr auffallend, und hat nicht selten Einfluß auf Regierungs-Verfassung, Religions-Verträglichkeit und andre wichtige und unwichtige Dinge. Ich meine, diese Verschiedenheit der Sitten und der Stimmung in den teutschen Staaten macht es sehr schwer, außer seiner vaterländischen Gegend, in fremden Provinzen, in Gesellschaften zu gefallen, Freundschaften zu stiften, Geschmack am Umgange zu finden, Andre für sich einzunehmen, und auf Andre zu wirken.

Diese Schwierigkeiten werden größer und fühlbarer, und erzeugen eine nicht geringe Verlegenheit, wenn man in Teutschland in Gesellschaften geräth, welche aus Personen von verschiedenen Ständen und Erziehungsweisen zusammengesetzt sind. Dem Teutschen wird es schwer, sich zu einem fremden Gesellschaftston zu erheben oder herabzustimmen; seine Theilnahme wird nicht sogleich rege; er fühlt sich verstimmt, wenn die Form der Unterhaltung von derjenigen, an welche er in seiner Heimath gewöhnt ist, merklich abweicht. Kommt er aus der Provinz in die Hauptstadt, so macht ihn die Neuheit der Form verlegen, ängstlich, schüchtern, und also unbeholfen; ist der Fall umgekehrt, so wird er entweder einsylbig, kaltsinnig und verdrießlich, oder er überläßt sich der Spottlust, und wird ein Friedensstörer. Lebt er auf dem Lande, so fühlt er sich in der Hauptstadt durch die im Umgange herrschende Geschmeidigkeit und Gewandtheit geängstigt, weil er gewohnt ist, sich gehen zu lassen, und auf sein äusseres Wesen wenig Aufmerksamkeit zu wenden, und daher sitzt er stumm und gefühllos da.

Man sehe nur einen ehrlichen Land-Edelmann, aus treuer Lehnspflicht, einmal nach langen Jahren wieder an dem Hofe seines Landesherrn erscheinen! Er hat sich schon früh Morgens auf's beste ausgeschmückt und sich die sonst gewöhnte liebe Pfeife Tabak versagt, um nicht nach Rauch zu riechen. Auf den Gassen der Stadt war es noch öde und still, als er schon in seinem Wirthshause umherwandelte und alles in Bewegung setzte, um ihm beizustehen, bei dem beschwerlichen Geschäfte, sich hofmäßig auszuschmücken. Jetzt ist er endlich fertig; die seidnen Strümpfe ersetzen bei weitem nicht, was die heute zurückgelegten Stiefel ihm sonst gewähren; ihn friert gewaltig an den, ihm nackend scheinenden Beinen. Der modisch zugeschnittene Rock ist in den Schultern nicht so bequem, wie sein treuer, alter, warmer Ueberrock; das Stehn wird ihm unerträglich sauer. -- In dieser qualvollen Gemüthsverfassung erscheint er im Vorzimmer. Um ihn her wimmelt ein Haufen Hofschranzen herum, die, obgleich sie sämmtlich vielleicht nicht so viel werth, wie dieser ehrliche, nützliche Mann, und im Grunde ihrer Herzen nicht weniger, als er, von Langerweile geplagt sind, dennoch mit Naserümpfen und Verachtung hier, wo sie in ihrem Elemente zu seyn scheinen, ihn ansehen. Er fühlt jeden Spott, übersieht sie, ist ihnen an gesundem Verstande und Urtheilskraft bei weitem überlegen, und muß sich dennoch von ihnen demüthigen lassen. Sie nähern sich ihm, thun mit zerstreuter, wichtiger Miene einige Fragen an ihn; Fragen, an denen das Herz keinen Antheil nimmt, und worauf sie auch die Antwort nicht abwarten. Er glaubt Einen unter ihnen zu entdecken, der ihm theilnehmender scheint, als die Uebrigen; mit diesem fängt er ein Gespräch von Dingen an, die ihm, vielleicht auch dem Vaterlande, wichtig sind: von dem Wohlstande, den eigenthümlichen Vorzügen, den Naturschönheiten der Provinz, in welcher er lebt; er redet mit Wärme; Redlichkeit athmet alles, was er sagt -- aber bald sieht er, wie sehr er sich in seiner Hoffnung getäuscht hat. Das Männchen hört ihm mit halbem Ohre zu, erwiedert irgend ein Paar unbedeutende Sylben zur Antwort, und läßt dann den braven Hausvater ohne Unterhaltung da stehen. Nun nähert er sich einem Cirkel von Leuten, die mit Interesse und Lebhaftigkeit zu reden scheinen. An diesem Gespräche wünscht er Theil zu nehmen; aber alles, was er hört, Gegenstand, Sprache, Ausdruck, Wendung, alles ist ihm fremd. In halb teutschen, halb französischen Redensarten wird hier eine Sache abgehandelt, auf welche er nie seine Aufmerksamkeit gerichtet, von welcher er nie geglaubt hat, daß es möglich wäre, teutsche Männer könnten sich damit beschäftigen. Seine Verlegenheit, seine Ungeduld steigt mit jedem Augenblicke, bis er endlich das verwünschte Schloß weit hinter sich sieht.

Und nun, den Fall umgekehrt, lasse man einen sonst edlen Hofmann einmal hinaus auf das Land in die Gesellschaft biederer Beamten und Provinzial-Edelleute gerathen; -- hier herrschen ungezwungene Fröhlichkeit, Offenherzigkeit, Freiheit; man redet von dem, was am nächsten den Landmann angeht; man wiegt die Worte nicht ab; der Scherz ist kunstlos, treffend, gewürzt, aber nicht zugespitzt, nicht witzig und gesucht. Unser Hofmann versucht es, sich in diese Manier hineinzuarbeiten: er mischt sich in die Gespräche; aber der Ausdruck der Offenheit und Treuherzigkeit fehlt. Was bei Jenen naiv war, wird bei ihm beleidigend. Er fühlt dieß, und will die Leute in seinen Ton stimmen. In der Stadt gilt er für einen angenehmen Gesellschafter: er spannt alle Segel auf, um auch hier zu glänzen; allein die kleinen Anekdoten, die feinen Züge, worauf er anspielt, sind hier gänzlich unbekannt, gehen verloren. Man findet ihn spottsüchtig, da in der Stadt niemand ihn einer solchen Gesinnung beschuldiget. Seine Höflichkeitsworte, die er wahrlich gut meint, hält man für Falschheit; die Süßigkeiten, die er den Frauenzimmern sagt, und die nur höflich und verbindlich seyn sollen, betrachtet man als hämischen Spott. -- So groß ist die Verschiedenheit des Tons unter zweierlei Klassen von Menschen! --

Ein Professor, der in der literarischen Welt eine nicht gemeine Rolle spielt, meint, in seiner gelehrten Einfalt, die Universität, auf welcher er lebt, sey der Mittelpunkt alles Lebens und aller Wirksamkeit im Staate, und das Fach, in welchem er sich Kenntnisse erworben, die einzige, dem Menschen nützliche, der Anstrengung, des Nachforschens und Studiums würdige Wissenschaft. Er nennt Jeden, der sich darauf nicht gelegt hat, verächtlicherweise einen Schöngeist. Eine Dame, die bei ihrer Durchreise den berühmten Mann kennen zu lernen wünscht, und ihn desfalls besucht, unterhält er in einer Sprache und über Gegenstände, wovon sie nicht ein Wort versteht; er unterhält die Gesellschaft, welche sich darauf gefreuet hatte, ihn recht zu genießen, bei der Abendtafel, mit Zergliederung des neuen akademischen Credit-Edikts, oder, wenn der Wein dem guten Manne jovialische Laune gibt, mit Erzählung lustiger Schwänke aus seinen Studenten-Jahren.

In welcher Verlegenheit ist zuweilen ein Mann, der nicht viel Journale und neuere Modeschriften liest, wenn er in eine Gesellschaft von schöngeisterischen Herren und Damen geräth.

Gleichsam wie verrathen und verkauft scheint ein sogenannter Profaner, wenn er sich unter einem Haufen Mitglieder einer geheimen Verbindung befindet, oder wenn er in eine Gesellschaft geräth, welche aus lauter wissenschaftlich gebildeten Personen zusammengesetzt ist.

Freilich kann nichts ungesitteter, den wahren Begriffen einer feinen Lebensart mehr entgegen seyn, als wenn eine Anzahl Menschen, die sich auf diese Art unter einander verstehen, einem Fremden, der gutmüthig unter sie tritt, um an den Freuden der Geselligkeit Theil zu nehmen, durch ununterbrochene Lenkung des Gesprächs auf Gegenstände, wovon Dieser gar nichts versteht, jeden Genuß der Unterredung raubt. Auf diese Art habe ich zuweilen in meiner ersten Jugend in Familien-Cirkeln, wo die Unterhaltung beständig mit Anspielungen auf mir gänzlich unbekannte Anekdoten durchflochten, und durch gewisse mir fremde Redensarten und Bonmots, womit ich gar keinen Begriff verbinden konnte, gewürzt war, tödtende Langeweile gehabt. Man sollte wohl mehr Rücksicht nehmen: allein selten sind ganze Gesellschaften so billig, sich nach Einzelnen zu richten; auch läßt sich das nicht immer mit Recht fordern; folglich ist es wichtig für Jeden, der in der Welt mit Menschen leben will, die Kunst zu studiren, sich nach Sitten, Ton und Stimmung Anderer zu fügen.

3.

Ueber diese Kunst will ich etwas sagen. -- Aber habe ich denn auch wohl Beruf, ein Buch über den feinen Gesellschaftston zu schreiben, ich, der ich in meinem Leben vielleicht sehr wenig von diesem Ton gezeigt habe? Ziemt es mir, Menschenkenntniß auszukramen, da ich so oft ein Opfer der unvorsichtigsten, einem Neulinge kaum zu verzeihenden Hingebung gewesen bin? Wird man die Kunst des Umgangs von einem Manne lernen wollen, der beinahe von allem menschlichen Umgange abgesondert lebt? -- Lasset doch sehn, meine Freunde, was sich darauf antworten läßt!

Habe ich widrige Erfahrungen gemacht, die mich von meiner eigenen Ungeschicklichkeit überzeugt haben -- desto besser! Wer kann so gut vor der Gefahr warnen, als Der, welcher darinn gesteckt hat? Haben Temperament und Weichlichkeit -- oder darf ich es nicht Güte eines so gern sich anschließenden Herzens nennen? -- haben Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft, nach Gelegenheit, Andern zu dienen, und sympathetische Empfindungen zu erregen, mich oft unvorsichtig handeln gemacht, oft die klügelnde Vernunft weit zurückgelassen; so war es wahrlich nicht Blödsinnigkeit, Kurzsichtigkeit, Unbekanntschaft mit Menschen, was mich irre leitete; sondern Bedürfniß zu lieben und geliebt zu werden, Verlangen thätig zu seyn, zum Guten zu wirken. Uebrigens werden vielleicht wenig Menschen in einem so kurzen Zeitraume in so manche sonderbare Verhältnisse und Verbindungen mit andern Menschen aller Art gerathen, wie ich, seit ungefähr zwanzig Jahren; und da hat man denn schon Gelegenheit, wenn man nicht ganz von der Natur und Erziehung verwahrloset ist, Bemerkungen zu machen, und vor Gefahren zu warnen, die man selbst nicht hat vermeiden können. Daß ich aber jetzt einsam und abgezogen lebe, geschieht weder aus Menschenhaß, noch Blödigkeit; ich habe sehr wichtige Gründe dazu; allein diese hier weitläuftig zu entwickeln, das hieße zu viel von mir selbst reden, da ich ohnehin noch, zum Schlusse dieser Einleitung, etwas über meine eignen Erfahrungen werde sagen müssen, bevor ich zum Zwecke komme. -- Also nur noch dieses:

4.

Ich trat als ein sehr junger Mensch, beinahe noch als ein Kind, schon in die große Welt, und auf den Schauplatz des Hofes. Mein Temperament war lebhaft, unruhig, bewegsam, mein Blut warm; die Keime zu mancher heftigen Leidenschaft lagen in mir verborgen. Ich war in der ersten Erziehung ein wenig verzärtelt, und durch große Aufmerksamkeit, deren man meine kleine Person früh gewürdigt hatte, gewöhnt worden, sehr viel Rücksichten von andern Leuten zu fordern. In einem Vaterlande aufgewachsen, wo Schmeichelei, Verstellung und ein gewisses kriechendes Wesen nicht sehr zu Hause sind, hatte man mich freilich auch nicht zu jener Geschmeidigkeit vorbereitet, deren ich bedurfte, um, unter mir ganz fremden Leuten, in despotischen Staaten große Fortschritte zu machen; auch ist der theoretische Unterricht in wahrer Weltklugheit bei der Jugend theils selten mit Erfolge, theils nicht immer ohne Gefahr zu ertheilen; eigne Erfahrung muß da in der Folge das Beste thun. Diese Lectionen, wenn man das Glück hat, wohlfeil daran zu kommen, sind von der heilsamsten Wirkung, und prägen sich tief ein. Noch erinnere ich mich einer kleinen Scene von der Art, die mich auf eine Zeitlang vorsichtig machte. Ich saß in C*** in der italiänischen Oper in der herrschaftlichen Loge; ich war früher, als der Hof, gekommen, weil ich Mittags nicht auf dem Schlosse, sondern in der Stadt als Gast gespeist hatte. Noch waren wenige Menschen da; in der ganzen Reihe des ersten Ranges saß nur einzig der Land-Commandeur, Graf I***, ein würdiger Greis. Er hatte, wie es schien, auch darauf gerechnet, daß es schon später wäre, als es wirklich war; weil er nun Langeweile hatte, und mich gleichfalls einsam da sitzen sah, trat er zu mir herein, und fing eine Unterredung mit mir an. Er schien sehr zufrieden mit dem, was ich ihm über verschiedene Gegenstände, von denen ich einige Kenntniß besaß, sagte; der Greis wurde immer freundlicher und herablassender, und dieß kitzelte mich so sehr, daß ich darauf allerlei Seitensprünge in meinem Gespräche machte, und zuletzt ein wenig vorwitzig und muthwillig wurde. Endlich entwischte mir eine, mir gegenwärtig nicht mehr erinnerliche, grobe Unvorsichtigkeit im Reden; der Graf sah mir ernsthaft in das Gesicht, und ohne weiter ein Wort zu verlieren, ließ er mich stehn, und ging zurück in seine Loge. Ich fühlte die ganze Stärke dieses Verweises, aber die Arzenei half nicht lange. Meine Lebhaftigkeit verleitete mich zu großen Verletzungen der Bescheidenheit und guten Sitte; ich übereilte alles, that immer zu viel oder zu wenig, kam stets zu früh oder zu spät, weil ich immer entweder eine Thorheit beging, oder eine andere gutzumachen hatte. Daher kamen unendliche Widersprüche in meinen Handlungen, und ich verfehlte fast bei allen Gelegenheiten des Zwecks, weil ich keinen einfachen Plan verfolgte. Zuerst war ich zu sorglos, zu offen, gab mich zu unvorsichtig hin, und schadete mir dadurch; alsdann nahm ich mir vor, ein feiner Hofmann zu werden. Mein Betragen wurde gekünstelt, und nun traueten mir die Bessern nicht; ich war zu geschmeidig, und verlor dadurch äussere Achtung und innere Würde, Selbstständigkeit und Festigkeit. Erbittert gegen mich und Andre, riß ich mich dann los, und wurde ein Sonderling. Dieß erregte Aufsehn; die Menschen suchten mich auf, wie sie alles Sonderbare aufsuchen. Dadurch aber erwachte mein Trieb zur Geselligkeit wieder; ich näherte mich auf's neue, lenkte wieder ein, und nun verschwand der Nimbus, den nur meine Abgezogenheit von der Welt um mich her gezogen hatte. In einer andern Periode spottete ich der herrschenden Thorheiten, zuweilen nicht ohne Witz; man fürchtete mich, aber man liebte mich nicht; dieß schmerzte mich; um das wieder gut zu machen, zeigte ich mich von der unschädlichen Seite, entfaltete ein liebevolles, wohlwollendes Herz, unfähig zu schaden und zu verfolgen -- und die Wirkung davon war, daß jedermann, der noch einen Rest von Groll gegen mich hegte, oder irgend einen lustigen Einfall von mir, auf seine Rechnung geschrieben hatte, mich jetzt mit einer Art von Geringschätzung behandelte, sobald er sah, daß ich nur mit Rappieren und nicht mit Schwerdtern focht, daß meine Waffen nicht zum Morde geschliffen waren. Oder wenn meine satyrische Laune durch den Beifall lustiger Gesellschafter aufgeweckt wurde, hechelte ich große und kleine Thoren durch; die Spaßvögel lachten dann; aber die Weisern schüttelten die Köpfe, und wurden kalt gegen mich. Um zu zeigen, wie wenig bösartig meine Laune wäre, hörte ich auf, zu spotten, und fing an, alle Thorheiten und Fehler gutmüthig zu entschuldigen; und nun hielten Einige mich für einen Pinsel, Andre für einen Heuchler. Wählte ich mir meinen Umgang unter den ausgesuchtesten, aufgeklärtesten Männern, so erwartete ich vergebens Schutz von dem am Ruder stehenden Dummkopfe; gab ich mich elenden Leuten preis, so wurde ich mit diesen in Eine Klasse gesetzt. Menschen ohne Erziehung, von niederm Stande, mißbrauchten mich, wenn ich mich ihnen zu sehr näherte; mit Vornehmern verdarb ich es, sobald sie meine Eitelkeit beleidigten. Bald ließ ich den Geistesarmen zu sehr meine Ueberlegenheit empfinden, und wurde verfolgt; bald war ich zu bescheiden, und wurde übersehen. Bald richtete ich mich geschmeidig und schonend nach den Sitten der Leute, nach dem Ton aller unbedeutenden Gesellschaften, in welche ich gerieth, verlor goldne Zeit, Achtung der Weisern, und Zufriedenheit mit mir selber; dann wurde ich wieder zu einfach, und spielte eine verkehrte Rolle, da, wo ich hätte glänzen oder wenigstens mich geltend machen können und sollen, durch Mangel an Zuversicht zu mir selber. Zu einer Zeit ging ich zu wenig unter Menschen, indem ich mich meiner Laune hingab, und man hielt mich für stolz oder menschenscheu; zu einer andern zeigte ich mich überall, und wurde als ein Alltagsgesicht übersehen oder belächelt. In den ersten Jünglingsjahren gab ich mich unbedachtsam, Jedem ausschließlich, mit vollem Vertrauen, und ohne alle Vorsicht hin, der sich meinen Freund nannte, und mir einige Zuneigung bewies; und sahe mich schmerzlich getäuscht, oder schändlich betrogen und gemißbraucht; dann war ich wieder, in einem Anfall von Menschenliebe und Wohlwollen, eines Jeden Freund, bereit, Jedem zu dienen, und nun mußte ich mit Verdruß erfahren, daß sich niemand mit ganzer Seele an mich anschloß, weil niemand mit dem kleinen, in so viel Partikeln getheilten Stückchen Herzen vorlieb nehmen wollte. Wenn ich zu viel erwartete, wurde ich getäuscht; wenn ich ohne allen Glauben an Treue und Redlichkeit unter den Menschen umher irrte, hatte ich gar keinen Genuß, nahm an gar nichts Theil. Es ist bekannt, welchen thätigen Antheil ich an der Verbindung der sogenannten Illuminaten genommen, wovon ich in einer eignen Schrift (~Philo's Erklärung &c.~ ) Rechenschaft gegeben habe. Diese Verbindung, an deren Spitze Personen standen, die zum Theil, ihrer Geburt, ihren bürgerlichen Verhältnissen und ihren Talenten nach, zu den wichtigsten Männern in Teutschland gehörten, machte vorzüglich auch Menschenkenntniß zu einem Gegenstande ihrer Nachforschungen. Der, durch dessen Hände, wie das bei mir eine Zeitlang der Fall war, fast alle Geschäfte einer so ausgebreiteten Gesellschaft gingen, fand freilich Gelegenheit genug, Leute aus allen Ständen und von sehr verschiedener Bildung und Stimmung, welche Mitglieder des Ordens waren, von mancher Seite und in allerlei Lagen kennen zu lernen; allein da man mit diesen Leuten größtentheils nur schriftlichen Umgang pflog, so gewann im Ganzen meine praktische Erfahrung nicht so viel dabei. Reichhaltiger war die Ausbeute, die ich an Höfen, an welchen ich mich vielfältig umhertrieb, gemacht habe. Soll ich es mir aber zur Schande, oder zur Ehre rechnen? -- genug! auch auf diesem Schauplatze habe ich mehr beobachtet, als meine Beobachtungen zu eignem Vortheile nützen gelernt, und nie habe ich über mein zu lebhaftes Temperament so viel gewinnen können, daß ich meine schwachen Seiten so sorgfältig, wie ich thun sollen, verborgen hätte. -- Und so vergingen dann die Jahre, in welchen ich hätte mein Glück machen können, wie man das gewöhnlich nennt. Jetzt, da ich die Menschen besser kenne, da Erfahrung mir die Augen geöffnet, mich vorsichtig gemacht, und vielleicht die Kunst gelehrt hat, auf Andre zu wirken; jetzt ist es zu spät für mich, von dieser so theuer erkauften Kunst Gebrauch zu machen. Mein Rücken krümmt sich mit Mühe zu Reverenzen; ich habe nicht viel unnütze Zeit mehr zu verschwenden, die ich preisgeben könnte; das Wenige, was ich noch in dem Reste meines Lebens auf solchen Wegen erlangen könnte, lohnt die Mühe und Anstrengung nicht, die mich das kosten würde, und es ziemt dem Mann, dessen Grundsätze Alter und Erfahrung befestigt haben, eben so wenig, jetzt erst anzufangen, den Geschmeidigen, wie den Stutzer zu spielen. -- Es ist zu spät, sage ich, mit der Ausübung anzuheben; aber nicht zu spät, Jünglingen zu zeigen, welchen Weg sie wandeln müssen -- und so lasset uns denn den Versuch machen und der Sache näher rücken!

Erstes Kapitel.

Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den Umgang mit Menschen.

1.

~Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als er sich selbst gelten macht.~ Das ist ein goldner Spruch, ein reiches Thema zu einem Folianten, über den +esprit de conduite+ und über die Mittel, in der Welt seinen Zweck zu erlangen; ein Satz, dessen Wahrheit auf die Erfahrung aller Zeitalter gestützt ist. Diese Erfahrung lehrt den Abentheurer und Großsprecher, sich bei dem Haufen für einen Mann von Wichtigkeit auszugeben, von seinen Verbindungen mit Fürsten und Staatsmännern, mit Männern, welche nicht einmal von seinem Daseyn etwas wissen, in einem Tone zu reden, der ihm, wo nichts mehr, doch wenigstens manche freie Mahlzeit, und den Zutritt in den ersten Häusern erwirbt. Ich habe einen Menschen gekannt, der auf diese Art von seiner Vertraulichkeit mit dem Kaiser Joseph und dem Fürsten Kaunitz redete, obgleich ich ganz gewiß wußte, daß diese ihn kaum dem Namen nach, und zwar als einen unruhigen Kopf und als eine Lästerzunge kannten. Indessen hatte er hiedurch, da niemand genauer nachfragte, sich auf eine kurze Zeit in solches Ansehn gesetzt, daß Leute, die bei des Kaisers Majestät etwas zu suchen hatten, sich an ihn wendeten. Dann schrieb er auf so unverschämte Art an irgend einen Großen in Wien, und sprach in diesem Briefe von seinen übrigen vornehmen Freunden daselbst mit einer solchen Dreistigkeit, daß er, zwar nicht Erlangung seines Zwecks, aber doch manche höfliche Antwort erschlich, mit welcher er dann weiter wucherte.

Diese Erfahrung, daß es möglich ist, durch den Ton der Zuversicht und durch eine vornehme Miene sich Gehör zu verschaffen, macht den frechen Halbgelehrten so dreist, über Dinge zu entscheiden, wovon er nicht früher, als eine Stunde vorher, das erste Wort gelesen oder gehört hat, aber so zu entscheiden, daß selbst der anwesende bescheidene Literator es nicht wagt, zu widersprechen, noch Fragen zu thun, die des Schwätzers Fahrzeug auf's Trockene werfen könnten.

Diese Erfahrung ist es, welche uns Aufschluß über den Erfolg gibt, mit welchem ein Dummkopf sich um die ersten Stellen im Staate bewirbt, die verdienstvollsten Männer zu Boden tritt, und niemand findet, der ihn in seine Schranken zurückwiese.

Auf diese Erfahrung gestützt, fordert der fremde Künstler hundert Louisd'or für ein Stück, das der einheimische, zehnfach besser gearbeitet, um funfzig Thaler verkaufen würde; allein man reißt sich um des Ausländers Werke: er kann nicht so viel fertig machen, als von ihm gefordert wird, und am Ende läßt er bei dem Einheimischen arbeiten, und verkauft das für ultramontanische Waare.

Auf diese Erfahrung gestützt, erschleicht sich der Schriftsteller eine vortheilhafte Recension, wenn er in der Vorrede zu dem zweiten Theile seines langweiligen Buchs mit der schamlosesten Frechheit von dem Beifalle redet, womit Kenner und Gelehrte, deren Freundschaft er sich rühmt, den ersten Theil beehrt haben.

Diese Erfahrung gibt dem vornehmen Bankerottirer, der Geld borgen will und nie wieder bezahlen kann, den Muth, das Anlehn in solchen Ausdrücken zu fordern, daß der reiche Wuchrer es für Ehre hält, sich von ihm betrügen zu lassen.

Fast alle Arten von Bitten um Schutz und Beförderung, die in diesem Tone vorgetragen werden, finden Eingang, und werden nicht abgeschlagen; dahingegen Verachtung, Zurücksetzung und nicht erfüllte billige Wünsche fast immer der Preis des bescheidenen, furchtsamen Bewerbers sind.

Kurz! der Satz: ~daß jedermann nicht mehr und nicht weniger gelte, als er sich selbst gelten macht~, ist die große Panacee für Abentheurer, Prahler, Windbeutel und seichte Köpfe, um fortzukommen auf diesem Erdballe -- ich gebe also keinen Kirschkern für dieses Universalmittel -- Doch still! sollte denn jener Satz uns gar nichts werth seyn? Ja, meine Freunde! er kann uns lehren, nie ohne Noth und Beruf unsre ökonomischen, physikalischen, moralischen und intellectuellen Schwächen aufzudecken. Ohne also sich zur Prahlerei und zu niederträchtigen Lügen herabzulassen, soll man doch nicht die Gelegenheit verabsäumen, sich von seinen vortheilhaften Seiten zu zeigen.