Part 2
Wenn auf der einen Seite unsere Begriffe durch den Umgang bereichert und berichtigt werden, so verwirrt er sie auf der andern. Wir hören Menschen, mit Witz und Scharfsinn ausgestattet, ihre vorgefaßten Meinungen, ungerechten Urtheile und fixen Ideen mit einer solchen Beredsamkeit und Zuversicht als unstreitige und unläugbare Wahrheiten darstellen, daß wir uns überreden, ein ganz neues Licht über diese Gegenstände erhalten zu haben, und ihre Jünger werden. Ein andermal fällt ein witziger Spötter über das Heilige her, und es gelingt ihm, den religiösen Gefühlen einiger Schwachen in der Gesellschaft einen Stoß zu geben. Er hat ihnen das Unersetzliche genommen, und sie werden diesen Verlust nie verschmerzen. Der Umgang wird heute Nahrung für unsere wohlwollenden und theilnehmenden Gefühle; aber morgen gerathen wir in eine Gesellschaft, in welcher der Hofton herrschend ist; wir stoßen auf lauter verlarvte Gesichter, hören lauter Redensarten, werden überall durch die unverschämten Uebertreibungen einer frechen Schmeichelei verletzt, sehen eine ganze Gesellschaft von Schauspielern vor uns, von welchen jeder seine Rolle spielt, und nirgends wird uns Nahrung für Geist und Gefühl gereicht; was ist natürlicher, als daß wir Menschenverachtung aus dieser Gesellschaft mitnehmen, und uns nicht sobald wieder mit den Menschen aussöhnen; daß sich Mißtrauen unseres Herzens bemächtigt, und der Glaube an die Menschheit seine Kraft verliert.
Ein unbewachtes und unbefestigtes Herz geräth in einer Gesellschaft unter feine und beredte Schmeichler; der Giftsaame wird in das Herz gestreut, und die Früchte werden nicht ausbleiben.-- Und wer hätte nicht in der Gesellschaft die Kunst zu scheinen, Gefühle zu verhehlen, eine Rolle zu spielen, zu heucheln, und sich zu verstellen, wider seinen Willen, und ohne sein Wissen gelernt? Man gewöhnt sich in der Gesellschaft an alles, selbst an das Lächerlichste, Erbärmlichste, Platteste, an Mangel und Mißbrauch des Verstandes, an die häßlichsten Gesichter und Gemüther, die widrigsten Fehler des Körpers und des Sprachorgans; man bemerkt am Ende diese Gebrechen kaum mehr. Daher sieht man, besonders in den höheren Ständen, die Mitglieder der Gesellschaft ihren faden Witz, ihre beredten Verleumdungen, ihren ungesalzenen Spott und ihre kläglichen Tagesneuigkeiten mit einer Unbefangenheit gegen einander austauschen, als ob die unschuldigsten Dinge vorgingen, und es fällt Keinem auch nur von ferne ein, sich einer solchen Unterhaltung zu schämen, noch weniger, ihr eine bessere Wendung zu geben, oder Salz zu verlangen und zu erwarten. Aber es sind nicht bloß die Geistlosen oder Armen am Geist, die es so arg treiben; auch Geistreiche lassen sich endlich, wenn sie lange genug Zuhörer gewesen sind, zu solchem Kleinhandel herab, und werden aus lauter Gefälligkeit, oder um der langen Weile zu entgehen, mit geistlos. Es gehört Muth, Geduld und große Gewandtheit dazu, einen faden und dürren Gesellschaftston zu beschwingen, und endlich zu verdrängen; aber diese Kunst sollte jeder zu erringen suchen, weil dadurch großes Verdienst zu erwerben ist, und der, welcher sie besitzt und ausübt, der Wohlthäter einer ganzen Stadt werden kann.
Mehr oder weniger trägt jeder das Gepräge der Gesellschaft, und wird ihr Zögling, oft ein zu folgsamer; denn indem sie allen seinen Trieben die mannichfaltigste und reichste Befriedigung darbietet, besonders dem Ehrtriebe, indem sie das Bedürfniß, zu lieben, und geliebt zu werden, eben so sehr aufregt, als kräftig stillt, und allen seinen Zwecken dient, legt sie ihn in unauflösliche Fesseln. Doch sie soll auch seine Kräfte in Bewegung setzen und beschäftigen, darum muß sie Reibungen veranlassen, und jeglichem Bestreben, wozu die vereinte Kraft Mehrerer erfordert wird, so wie jeglicher ungeselligen Neigung Hindernisse und Widerstand entgegenstellen. Nicht überall kommt uns in der Gesellschaft (das Wort hier im weitesten Sinne genommen) Theilnahme und guter Wille entgegen, nicht überall die Anerkennnng unserer Verdienste und unserer sittlichen Güte, und da, wo wir gern Einfluß gewinnen möchten, stößt sie uns zurück, weil wir nicht ihre Sprache zu reden wissen, oder uns weigern, sie zu reden, und in den Ton, der jetzt gerade der herrschende ist, einzustimmen. Auf der andern Seite legt sie dem Rohen und Ungesitteten Fesseln an, und zwingt ihn durch die Gewalt ihrer conventionellen Gesetze, die Sprache der Bescheidenheit und Ehrbarkeit zu reden; sie nöthigt ihn zu einer sehr beschwerlichen Selbstverleugnung, und straft ihn auf der Stelle, wenn er sich weigert, ihre Gesetze anzuerkennen und ihnen zu gehorchen. Wenn es scheint, daß sie dadurch theils Heuchler bildet, theils Menschenhasser, so kann sie zwar von dieser Schuld nicht ganz frei gesprochen werden; aber sie weiß wenigstens den Schaden, welchen sie anrichtet, mannichfaltig zu vergüten, theils durch die Ermunterungen, welche sie denen zu Theil werden läßt, die sich in ihr geltend zu machen wissen; theils durch die Veranlassungen, welche sie dem Thätigen und Wohlwollenden gibt, sich gemeinnützig zu machen, vorzüglich aber durch die Kunst und Sorgfalt, mit welcher sie die rohen Edelsteine schleift, so daß ihr Werth erkannt und richtig geschätzt wird. Sie kommt durch dieß alles der Erziehung sehr wirksam zu Hülfe, und rettet Viele, die sonst für die Welt verloren gegangen seyn würden, errettet Andere aus dem Verderben der Milzsucht, Hypochondrie und üblen Laune, der Blödigkeit und Verzagtheit, des Versinkens in Eintönigkeit, Einsylbigkeit und Verschlossenheit, verhilft ihnen zu der Entdeckung, daß ihnen auch die Gabe der Sprache, oder wohl gar die des Witzes und Humors zu Theil geworden sey, weckt in viel Tausenden wohlwollende und theilnehmende Gefühle, und heilt sie gründlich von den Krankheiten, welche ihnen durch eine verkehrte Erziehung, oder durch den Einfluß eines bösen Familiengeistes, oder durch die Macht böser Gewohnheiten eingeimpft worden sind. Auch für diejenigen wird sie oft Retterinn und Wohlthäterinn, welche am Müßiggange und an der langen Weile krank liegen, und nur der Anregung bedürfen, um sich zu fühlen, und zur Thätigkeit zu erwachen.
Die schwerste Aufgabe, welche uns die Gesellschaft zu lösen gibt, und wodurch sie besonders die festen und gediegenen Charaktere, und die einfachen Gemüther abschreckt, ist die, sich in die oft ganz kontrastirenden Tonarten zu finden und einzustimmen, welche in den verschiedenen Kreisen die herrschenden oder beliebten sind. Denn seinen Geschmack verleugnen, seine Vernunft gefangen nehmen unter dem Glauben an die Untrüglichkeit der Mode, oder faden Witz verschlucken, und immer wieder dieselben Späßchen sich vormachen lassen, oder einem Treibjagen gemeiner Anekdoten zusehen, dazu gehört, wenn man wahrhaft gebildet ist, eine Selbstverleugnung, die auch des Geduldigsten Langmuth erschöpft, oder ein Humor, der nicht zu zerstören ist. Da aber in dieser besten Welt niemand der Nothwendigkeit, die Menschen zu nehmen, wie sie sind, entgehen kann, so dürfte es zur Lebensklugheit gehören, sich mit einer solchen Fassung und humanen Langmuth auszustatten, daß man auch die schwersten Prüfungen dieser Art bestehen könne.
Zur Erwerbung einer solchen Fassung und Langmuth kann eine Anleitung, wie sie ~Knigge~ in dem vorliegenden Buche gegeben hat, allerdings etwas beitragen, da sie die Menschen nicht nur in allerlei Gestalten lebendig darstellt, sondern auch lehrt, wie man sie, nach Maßgabe ihres Charakters und ihrer Bildung, zu nehmen und zu behandeln, welche Klippen man im Umgange zu vermeiden, welche Saiten man zu berühren und nicht zu berühren habe, und wie man sich gegen den nachtheiligen Einfluß sichern könne, welchen der Umgang auf Gesinnung, Sitte und Urtheil ausübt, wenn man nicht die Spreu von dem Weizen zu sondern versteht, und sich durch das Ansehen hoher Einsicht und untrüglicher Urtheilskraft, welches die dreisten Tonangeber in der Gesellschaft anzunehmen wissen, täuschen und bethören läßt. Wenn der humoristische Verfasser hie und da seiner Laune zu sehr den Zügel schießen ließ, und sich, um einen witzigen Einfall nicht unterdrücken zu dürfen, eine kleine Uebertreibung oder Entstellung erlaubte; wenn er sich von einem Vorurtheil, welches man ~seiner~ Zeit zu Gute halten muß, verleiten ließ, den französischen Gesellschaftston und die geselligen Tugenden der Franzosen, auf Unkosten der Teutschen, zu preisen; so thut dieß im Ganzen dem Werthe dieses Buches keinen Eintrag, da es nicht schwer ist, in diesen Stellen die Uebertreibung zu erkennen und abzusondern; auch hat es sich der Herausgeber angelegen seyn lassen, des Verf. Bemerkungen in dieser Hinsicht zu berichtigen, und sein Urtheil zu mildern.
Einleitung des Verfassers.
1.
Wir sehen die klügsten, verständigsten Menschen im gemeinen Leben Schritte thun, wozu wir den Kopf schütteln müssen.
Wir sehen die feinsten theoretischen Menschenkenner das Opfer des gröbsten Betrugs werden.
Wir sehen die erfahrensten, geschicktesten Männer, bei alltäglichen Vorfällen, unzweckmäßige Mittel wählen; sehen, daß es ihnen mißlingt, auf Andre zu wirken; daß sie, mit allem Uebergewicht der Vernunft, dennoch oft von fremden Thorheiten und Grillen und von dem Eigensinne der Schwächern abhängen; daß sie von schiefen Köpfen, die nicht werth sind, mit ihnen verglichen zu werden, sich müssen regieren und mißhandeln lassen; daß hingegen Schwächlinge und Unmündige an Geist Dinge durchsetzen, die der Weise kaum zu wünschen wagen darf.
Wir sehen manchen Redlichen fast allgemein verkannt.
Wir sehen die witzigsten, hellsten Köpfe in Gesellschaften, wo Aller Augen auf sie gerichtet waren, und jedermann begierig auf jedes Wort lauerte, das aus ihrem Munde kommen würde, eine untergeordnete Rolle spielen; sehen, wie sie verstummen, oder nur gemeine Dinge sagen, indeß ein andrer, äußerst leerer Mensch die kleine Summe von Begriffen, die er hie und da aufgesammelt hat, so durch einander zu werfen und aufzustutzen versteht, daß er Aufmerksamkeit erregt, und, selbst bei Männern von Kenntnissen, für etwas gilt.
Wir sehen, daß die glänzendsten Schönheiten nicht allenthalben gefallen, indeß Personen, mit weniger äussern Annehmlichkeiten ausgerüstet, allgemein interessiren. --
Kurz, wir werden täglich gewahr, daß die klügsten und gelehrtesten Männer, wenn nicht zuweilen die untüchtigsten zu allen Weltgeschäften, doch wenigstens unglücklich genug sind, durch den Mangel einer gewissen Gewandtheit zurückgesetzt zu bleiben, und daß die Geistreichsten, von der Natur mit allen innern und äussern Vorzügen beschenkt, oft am wenigsten zu gefallen, zu glänzen verstehen.
Manche Leute glauben, ausgezeichnete Eigenschaften berechtigten sie, die kleinen gesellschaftlichen Schicklichkeiten, die Regeln des Anstandes, der Höflichkeit, oder der Vorsicht zu vernachlässigen -- Sie irren sehr. Großer Eigenschaften wegen verzeiht man große Fehler, weil Menschen von feinerm Stoffe heftige Leidenschaften zu haben pflegen. Wo aber keine Leidenschaft im Spiele ist, da soll der bessere Mann auch weiser handeln, als der alltägliche; und es ist nicht weise gehandelt, die unschuldigen Gebräuche der Gesellschaft zu verachten, wenn man in der Gesellschaft leben und wirken will.
Ich rede aber hier nicht von der freiwilligen Verzichtleistung des Weisen auf die Bewunderung des vornehmen und geringen Pöbels. Daß der Mann von bessrer Art da in sich selbst verschlossen schweigt, wo er nicht verstanden wird; daß der Witzige, Geistvolle, in einem Cirkel schaler Köpfe sich nicht so weit herabläßt, den Spaßmacher zu spielen; daß der Mann von einer gewissen Würde im Charakter zu viel Stolz hat, sein ganzes Wesen nach jeder ihm unbedeutenden Gesellschaft umzuformen, die Stimmung anzunehmen, wozu die jungen Laffen seiner Vaterstadt den Ton mit von Reisen gebracht haben; daß es den Jüngling besser kleidet, bescheiden, schüchtern und still, als nach Art der mehrsten unsrer heutigen jungen Leute, vorlaut, selbstgenügsam und plauderhaft zu seyn; daß der edle Mann, je klüger er ist, um desto bescheidner, um desto mißtrauischer gegen seine eignen Kenntnisse und Urtheile, um desto weniger zudringlich seyn wird; oder daß, je mehr innerer, wahrer Verdienste sich jemand bewußt ist, er um desto weniger Kunst anwenden wird, seine vortheilhaften Seiten hervorzukehren, so wie die wahrhafte Schönheit alle kleine anlockende, unwürdige Buhlkünste, wodurch man sich bemerkbar zu machen sucht, verachtet -- Das alles ist wohl sehr natürlich! -- davon rede ich also nicht.
Auch nicht von der beleidigten Eitelkeit eines Mannes voll Forderungen, der unaufhörlich eingeräuchert, geschmeichelt und vorgezogen zu werden verlangt, und, wo das nicht geschieht, ein finsteres Gesicht macht; nicht von dem gekränkten Hochmuthe eines abgeschmackten Pedanten, der mißlaunig wird, wenn er das Unglück hat, nicht aller Orten für ein großes Licht der Erde bekannt, und als ein solches behandelt zu seyn; wenn nicht Jeder mit seinem Lämpchen herzuläuft, um es an diesem großen Lichte der Aufklärung anzuzünden. Wenn ein steifer Professor, der gewohnt ist, von seinem bestaubten Dreifuße herunter, sein Lehrbuch in der Hand, einem Haufen gaffender, unbärtiger Musensöhne stundenlang hohe Weisheit vorzupredigen, und dann zu sehen, wie sogar seine platten, in jedem halben Jahre wiederholten Späße sorgfältig nachgeschrieben werden; wenn ein Solcher einmal die Residenz, oder irgend eine andere Stadt besucht, und das Unglück nun will, daß man ihn dort kaum dem Namen nach kennt, daß er in einer feinen Gesellschaft von zwanzig Personen gänzlich übersehn, oder von irgend einem Fremden für den Kammerdiener im Hause gehalten und Er genannt wird, wer mögte es ihm verargen, wenn er ergrimmt, und ein verdrossenes Gesicht zeigt; oder wenn ein Stuben-Gelehrter, der ganz fremd in der Welt, ohne Erziehung und ohne Menschenkenntniß ist, sich einmal aus dem Haufen seiner Bücher hervorarbeitet, und dann, äusserst verlegen mit seiner Figur, buntschäckig und altväterisch gekleidet, in seinem, vor dreißig Jahren nach der neuesten Mode verfertigten Bräutigamsrocke, da sitzt, und an nichts von Allem, was gesprochen wird, Antheil nehmen, keinen Faden finden kann, um mit anzuknüpfen: so gehört das alles nicht hieher.
Eben so wenig rede ich von dem groben Cyniker, der alle Regeln verachtet, welche Uebereinkunft und gegenseitige Gefälligkeit den Menschen im bürgerlichen Leben vorgeschrieben haben, noch von dem Kraft-Genie, das sich über Sitte, Anstand und Vernunft hinauszusetzen, einen besondern Freibrief zu haben glaubt.
Und wenn ich sage, daß oft auch die weisesten und klügsten Menschen in der Welt, im Umgange und in Erlangung äusserer Achtung, bürgerlicher und anderer Vortheile, ihres Zwecks verfehlen, ihr Glück nicht machen; so bringe ich hier weder in Anschlag: daß ein widriges Geschick zuweilen den Besten verfolgt, noch daß eine unglückliche leidenschaftliche oder ungesellige Gemüthsart bei Manchem die vorzüglichsten, edelsten Eigenschaften verdunkelt.
Nein! meine Bemerkung trifft Personen, die wahrlich allen guten Willen und treue Rechtschaffenheit mit mannigfaltigen, recht vorzüglichen Eigenschaften und dem eifrigen Bestreben, in der Welt fortzukommen, eignes und fremdes Glück zu bauen, verbinden, und die dennoch mit diesem Allen verkannt, übersehen werden, zu gar nichts gelangen. Woher kömmt das? Was ist es, das Diesen fehlt und Andere haben, die, bei dem Mangel wahrer Vorzüge, alle Stufen menschlicher, irdischer Glückseligkeit ersteigen? -- Es fehlt ihnen: ~die Kunst des Umgangs mit Menschen~ -- eine Kunst, die oft der schwache Kopf, ohne darauf zu studiren, viel besser erlauert, als der verständige, weise, witzreiche; die Kunst, sich geltend zu machen, ohne beneidet zu werden; sich nach den Temperamenten, Einsichten und Neigungen der Menschen zu richten, ohne falsch zu seyn; sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft stimmen zu können, ohne weder Eigenthümlichkeit des Charakters zu verlieren, noch sich zu niedriger Schmeichelei herabzulassen. Der, welchen nicht die Natur schon mit dieser glücklichen Anlage hat geboren werden lassen, erwerbe sich Menschenkenntniß, eine gewisse Geschmeidigkeit, Geselligkeit, Nachgiebigkeit, Duldung, lerne sich zu rechter Zeit verleugnen, erringe Gewalt über heftige Leidenschaften, Wachsamkeit auf sich selber, und Heiterkeit des immer gleich gestimmten Gemüths; und er wird sich jene Kunst zu eigen machen. Doch hüte man sich, sie zu verwechseln mit der schädlichen, niedrigen Gefälligkeit des verworfenen Sclaven, der sich von Jedem mißbrauchen läßt, sich Jedem preisgibt, um eine Mahlzeit zu gewinnen; dem Schurken huldigt, und, um eine Bedienung zu erhalten, zum Unrechte schweigt, zum Betruge die Hände bietet, und die Dummheit vergöttert.
Indem ich aber von jenem +esprit de conduite+ rede, der uns leiten muß, bei unserm Umgange mit Menschen aller Gattung: will ich nicht etwa ein Complimentir-Buch schreiben, sondern einige Resultate aus den Erfahrungen ziehn, die ich gesammelt habe, während einer nicht kurzen Reihe von Jahren, in welchen ich mich unter Menschen aller Arten und Stände umhertreiben mußte und oft in der Stille beobachtete. -- Kein vollständiges System, aber Bruchstücke, vielleicht nicht zu verwerfende Materialien, Stoff zu weiterm Nachdenken.
2.
In keinem Lande in Europa ist es vielleicht so schwer, im Umgange mit Menschen aus allen Klassen, Gegenden und Ständen, allgemeinen Beifall einzuerndten: in jedem dieser Kreise wie zu Hause zu seyn, ohne Zwang, ohne Falschheit, ohne sich verdächtig zu machen, und ohne selbst dabei zu leiden, auf den Fürsten wie auf den Edelmann und Bürger, auf den Kaufmann wie auf den Geistlichen, nach Gefallen zu wirken, als in unserm teutschen Vaterlande; denn nirgends vielleicht herrscht zu gleicher Zeit eine so große Mannigfaltigkeit des Conversationstons, der Erziehungsart, der Religions- und andrer Meinungen, eine so große Verschiedenheit der Gegenstände, welche die Aufmerksamkeit der einzelnen Volks-Klassen in den einzelnen Provinzen beschäftigen. Dieß rührt her von der Mannigfaltigkeit des Interesse der teutschen Staaten gegen einander und gegen auswärtige, von dem Unterschiede der Verbindungen mit diesem oder jenem auswärtigen Volke, und von dem sehr merklichen Abstande der Klassen in Teutschland von einander, zwischen denen verjährtes Vorurtheil, Erziehung und zum Theil auch Staats-Verfassung eine viel bestimmtere Grenzlinie gezogen haben, als in andern Ländern. Wo hat mehr, als in Teutschland, die Idee von sechszehn Ahnen des Adels wesentlichen moralischen und politischen Einfluß auf Denkungsart und Bildung? Wo greift weniger allgemein, als bei uns, die Kaufmannschaft in die übrigen Klassen ein? Wo macht mehr, als hier, das Corps der Hofleute eine ganz eigne Gattung aus, in welche hinein, so wie zu der Person der mehrsten Fürsten, nur Leute von gewisser Geburt und gewissem Range sich hindrängen können? Wo durchkreuzen sich mehr Arten von Interesse? -- Und diese treffen nicht etwa auf irgend einen dem ganzen Volke merkbaren Punkt zusammen, auf allgemeine National-Bedürfnisse, Volks-Angelegenheiten, Vaterlands-Nutzen, wie in England, wo Aufrechthaltung der Constitution, Freiheit und Glück der Nation, Flor des Vaterlandes, der Punkt ist, in welchem sich das Streben, Dichten und Trachten so mancher originellen Charaktere vereinigt, noch wie in fast allen übrigen europäischen Ländern, die entweder unter einem einzigen Oberhaupte stehen, oder durch ein einziges, allen Gliedern wichtiges Interesse beherrscht werden, wie die Schweiz, oder in welchen eine allein herrschende Religion, oder ein tyrannisches Clima, über Denkungsart, Ton und Stimmung allgemein überwiegende Gewalt hat.
Daß im Ganzen unsere teutsche Verfassung, so zusammengesetzt sie auch ist, sehr große, wesentliche Vorzüge gewährt, das leidet keinen Zweifel; allein es ist nicht weniger gewiß, daß dieselbe den mächtigsten Einfluß auf die Verschiedenheit der Stimmung in den einzelnen Provinzen und Staaten und unter den mancherlei von einander abgesonderten Ständen hat. Eben daher kommt es, daß unsre Schauspieler, Schauspiel-Dichter und Romanen-Schreiber ein viel schwereres Studium haben, wenn sie alle diese Nüancen kennen, bearbeiten und dennoch einen Anstrich von originellem National-Charakter wollen durchschimmern lassen; viel schwerer, als in Frankreich, wo die Sitten der verschiednen Stände und einzelnen Provinzen nicht so sehr gegen einander abstechen. Eben daher kömmt es, daß man über wenige unsrer literarischen Produkte ein allgemein einstimmig beifälliges Volks-Urtheil hört, daß überhaupt so wenige unserer Werke wie National-Monumente auf die Nachwelt übergehen, und eben daher endlich kömmt es, daß es so schwer ist, mit Menschen aus allen Ständen und Gegenden in Teutschland umzugehn und bei Allen gleich wohl gelitten zu seyn, auf Alle gleich vortheilhaft zu wirken.
Der treuherzige, naive, zuweilen ein wenig bäurische, materielle Bayer ist äusserst verlegen, wenn er auf alle verbindlichen, artigen Dinge antworten soll, die ihm der feine Ober-Sachse in ~einem~ Othem entgegenschickt; dem schwerfälligen Westphälinger ist alles hebräisch, was ihm der Oesterreicher in seiner, ihm gänzlich fremden Mundart vorpoltert; die zuvorkommende Höflichkeit und Geschmeidigkeit des durch französische Nachbarschaft polirten Rheinländers würde man in manchen Städten von Nieder-Sachsen für Zudringlichkeit, für Niederträchtigkeit halten. Man glaubt da, ein Mann, der so äusserst unterthänig und nachgiebig ist, müsse gefährliche oder niedrige Absichten haben, oder müsse falsch, oder sehr arm und hülfsbedürftig seyn; und oft ist dort ein wenig zu weit getriebne äussere Höflichkeit hinlänglich, den Mann, der sich am Rheine dadurch allgemeine Liebe erwerben würde, an der Leine verächtlich zu machen. Dagegen wird aber auch der, nicht kältere, nur weniger leichtsinnige, weniger zuversichtliche, nicht so im Gedränge von Fremden, noch auf Reisen an Leib und Seele abgeschliffene, geglättete, sondern ernsthafte Nieder-Sachse, der bei der ersten Bekanntschaft nicht sehr zuvorkommend, sondern wohl gar ein wenig verlegen ist, an einem Hofe im Reiche vielleicht für einen schüchternen Menschen, ohne Lebensart, ohne Welt, angesehen werden[1].
Sich nun also nach Ort, Zeit und Umständen umzuformen, und von verjährten Gewohnheiten sich loszumachen: das erfordert Studium und Kunst.
In Gegenden, aus welchen weder Unzufriedenheit mit dem Vaterlande, noch Müßiggang, noch Verderbniß der Sitten, noch unbestimmte, rastlose Thätigkeit, noch Anekdoten-Jagd, noch vorwitzige Neugier, die Menschen schaarenweise auswandern macht, und jeden Pinsel zum Reisen treibt, sind die Einwohner mit dem, was es daheim gibt, so herzlich wohl zufrieden, daß sie nichts Größeres kennen, nichts Größeres kennen mögen, als das, was sie in ihrem Vaterlande von Jugend auf betrachtet, schon als Knaben bewundert, oder von ihren Verwandten und Freunden haben stiften, bauen, anlegen gesehn. Ihnen sind die kleinen jährlichen oder andern Feste immer neu, immer gleich glänzend und merkwürdig. -- Glückliche Unwissenheit! nicht zu vertauschen mit dem Ekel, welcher den Mann anwandelt, der in seinem Leben so gar viel aller Orten erlebt, erfahren, gesehn, bauen und zerstören gesehn hat, und zuletzt an nichts mehr Freude finden, nichts mehr bewundern kann, alles mit Tadel und Langerweile erblickt! -- Doch macht die treue Anhänglichkeit an einheimische Sitten zuweilen ungerecht, ungeschliffen gegen Menschen, die sich durch kleine Verschiedenheiten, wäre es auch nur in Anstand, Kleidung, Ton, Mundart oder Gebehrden, unschuldigerweise auszeichnen.