Part 1
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Ueber
den
Umgang mit Menschen.
Von
Adolph Freiherrn Knigge.
In drei Theilen.
Zehnte Ausgabe.
Durchgesehen und vermehrt
von
F. P. Wilmsen.
Stuttgart,
bei A. F. Macklot. 1822.
Vorrede des Herausgebers,
zur neunten Auflage.
Ich habe den Wunsch der Verlagshandlung, Knigge's bekanntes und geschätztes Werk über den Umgang mit Menschen für die neunte Ausgabe durchzusehen, und mit einer Einleitung, Anmerkungen und Nachträgen zu vermehren, gern erfüllt, weil ich glaubte, dadurch nützlich zu werden. Dies Werk enthält sehr viel Gutes, und kann für Menschen, die auf den mittleren Stufen der Bildung stehen, und wenig Gelegenheit haben, Menschenkenntniß einzusammeln, überaus nützlich werden. Da ich es für Pflicht hielt, Knigge selbst reden zu lassen, so habe ich mir nur da, wo er sich eine offenbare Incorrectheit oder Nachlässigkeit im Vortrage erlaubt hat, eine Aenderung und Uebertragung erlaubt, und solche Anmerkungen, welche für eine Note unter den Text zu wenig Ausdehnung hatten, gleich in den Text selbst verwebt. Dieß glaubte ich um so eher mir erlauben zu dürfen, da diese Anmerkungen größtentheils nur weitere Ausführungen, oder nähere Bestimmungen, oder eine festere Begründung des von K. Gesagten enthalten. Ganz weggestrichen habe ich nur solche Stellen, welche eine offenbare Uebertreibung oder eine nichtssagende Anekdote, oder eine leere Amplification enthielten. Ein zur Vollständigkeit nöthiger Nachtrag enthält besonders die Regeln des Umgangs mit Kindern, worüber K. viel zu kurz gewesen ist, und wird die Brauchbarkeit des Werkes hoffentlich einigermaßen erhöhen und befördern.
~Berlin~, im April 1817.
~F. P. Wilmsen.~
Inhalt.
Erster Theil.
Einleitung des Herausgebers; Seite 3. Einleitung des Verfassers; Seite 12.
1) Warum man mit großen und glänzenden Eigenschaften dennoch nicht immer in der Welt sein Glück mache. Ueber den +esprit de conduite+. Mancher will sich nicht nach den Sitten Andrer fügen. Manchem fehlt es dazu an der nöthigen Weltkenntniß; Mancher macht zu viel Forderungen. Aber auch mit dem besten Willen und guten Anlagen glückt es nicht Jedem; warum? 2) In Deutschland ist es schwer, allgemein gute Eindrücke in Gesellschaften zu machen; warum? Bilder von Verschiedenheit des gesellschaftlichen Tons in einigen Provinzen von Deutschland, und Bilder von den Sitten verschiedner Stände. 3) Von meinem Berufe, über diesen Gegenstand zu schreiben. 4) Meine eignen Erfahrungen.
Erstes Kapitel; Seite 27.
Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den Umgang mit Menschen.
1) Jeder Mensch muß sich in der Welt selbst geltend machen. Anwendung dieses Satzes. 2) Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem ~Scheine~ der Vollkommenheit! 3) Sey nicht zu sehr ein Sclave der Meinung Andrer! 4) Verliere nicht die Zuversicht! 5) Eigne Dir nicht fremdes Verdienst zu! 6) Verbirg Deinen Kummer! 7) Rühme nicht zu laut Dein Glück! 8) Enthülle nicht die Schwächen Deiner Nebenmenschen! 9) Gib Andern Gelegenheit, zu glänzen! 10) Suche Gegenwart des Geistes zu haben! 11) Willst Du etwas in der Welt erlangen, so mußt Du darum bitten. 12) Nimm so wenig, wie möglich, von Andern Wohlthaten an! 13) Grenzen der Dienstfertigkeit. 14) Halte strenge Wort, und sey wahrhaft! 15) Sey pünktlich, ordentlich, fleißig! 16) Interessire Dich für Andre, wenn Du willst, daß Andre sich für Dich interessiren sollen! 17) Verflicht niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und setze Dich immer in Gedanken in andrer Leute Stelle! 18) Laß Jeden seine Handlungen selbst verantworten, wenn Du nicht sein Vormund bist! 19) Handle nur selbst immer folgerecht! 20) Habe stets ein gutes Gewissen! 21) Sey, was Du bist, immer und ganz! 22) Unterschied im äussern Betragen. 23) Sey nicht zu offenherzig! 24) Suche nie jemand lächerlich zu machen! 25) Schrecke, zerre, beunruhige und necke nicht! 26) Alle Menschen wollen amüsirt seyn. Ueber das Spaßmachen. 27) Sage Jedem etwas Lehrreiches oder Angenehmes! 28) Ueber Spott und Medisance. 29) Ueber Anekdoten. 30) Trage keine Nachrichten aus einem Hause in das andre! 31) Sey vorsichtig in Tadel und Widerspruch! 32) Rede nicht zu viel und nicht langweilig! 33) Noch von Dingen, die nur Dich interessiren! 34) Ueber Egoismus. 35) Widersprich Dir nicht im Reden! 36) Wiederhole Dich nicht, und schärfe Dein Gedächtniß! 37) Vermeide Zweideutigkeit; 38) Gemeinsprüche; 39) Unnütze Fragen! 40) Lerne Widerspruch ertragen! 41) Wo man sich zur Freude versammelt, da rede nicht von Geschäften! 42) Ueber Religions-Gespräche. 43) Sey vorsichtig in Gesprächen über Andrer Gebrechen! 44) Andre Vorsichtigkeits-Regeln. 45) Bringe bei niemand unangenehme Dinge in Erinnerung! 46) Nimm nicht Theil an fremdem Spotte! 47) Ueber Disputirgeist. 48) Ueber Verschwiegenheit. 49) Wohlredenheit und äusserer Anstand. 50) Ueber kleine gesellschaftliche Unschicklichkeiten. 51) Betragen, wenn uns Langeweile gemacht wird. 52) Leichtigkeit im Umgange. 53) Man hüte sich vor zu großen Forderungen! 54) Kleidung. 55) Soll man viel oder wenig in Gesellschaften gehen? 56) Man kann in jeder Gesellschaft etwas lernen. 57) Mit wem soll man umgehen? 58) Ueber den Umgang in großen Städten, in kleineren, und auf dem Lande. 59) In fremden Gegenden. 60) Regeln beim Briefwechsel. 61) Wie man die Menschen beurtheilen solle. 62) Ob diese Regeln allgemein passen? 63) In wie fern auch Frauenzimmer nach diesen Regeln handeln können.
Zweites Kapitel; Seite 74.
Ueber den Umgang mit sich selbst.
1) Es ist nützlich und interessant, über den Umgang mit andern Menschen seine eigne Gesellschaft nicht zu vernachlässigen. 2) Es kommen Augenblicke, wo wir uns selbst am nöthigsten sind. 3) Gehe eben so vorsichtig, fein, redlich und gerecht mit Dir selbst um, wie mit Andern! 4) Sorge für Deine Gesundheit, aber verzärtle Dich nicht! 5) Respectire Dich selbst, und habe Zuversicht zu Dir selbst! 6) Verzweifle nicht bei dem Bewußtseyn mangelnder Vollkommenheiten, bei den Schwierigkeiten, ein großer Mann zu werden! 7) Sey Dir ein angenehmer Gesellschafter! 8) Aber sey Dir auch kein Schmeichler, sondern ein aufrichtiger und gerechter Freund! Sey eben so strenge gegen Dich, wie Du gegen Andre bist! 9) Wie man Abrechnung mit seiner Moralität halten solle.
Drittes Kapitel; Seite 78.
Ueber den Umgang mit Leuten von verschiednen Gemüthsarten, Temperamenten und Stimmungen des Geistes und Herzens.
1) Ueber die vier Haupt-Temperamente und deren Mischungen. 2) Ueber herrschsüchtige Leute. 3) Ueber Ehrgeitzige. 4) Eitle. 5) Hochmüthige, im Gegensatze von Stolzen. 6) Ueber sehr empfindliche Leute. 7) Ueber den Umgang mit Eigensinnigen. 8) Mit Zanksüchtigen, Widersprechern und solchen, die Paradoxie lieben. 9) Mit Jähzornigen. 10) Mit Rachgierigen. 11) Mit unentschlossenen, faulen und phlegmatischen Leuten. 12) Mit Menschenfeinden, mißtrauischen, argwöhnischen, mürrischen und verschlossenen Leuten. 13) Mit neidischen, hämischen, verläumderischen, schadenfrohen, mißgünstigen und eifersüchtigen Menschen. 14) Ueber den Geitz und die Verschwendung. 15) Ueber das Betragen gegen Undankbare. 16) Gegen ränkevolle Leute und Lügner. 17) Gegen Windbeutel. 18) Gegen Unverschämte, Müssiggänger, Schmarotzer, Schmeichler und zudringliche Leute. 19) Gegen Schurken. 20) Gegen zu bescheidne, zu furchtsame Menschen. 21) Gegen Unvorsichtige und Plauderhafte, Vorwitzige und Neugierige, Zerstreute und Vergessene. 22) Gegen Wunderliche, Sonderlinge und Launenhafte. 23) Ueber den Umgang mit dummen, schwachen, übertrieben gutherzigen, leichtgläubigen und solchen Menschen, die gewisse Liebhabereien und Steckenpferde haben. 24) Mit muntern und satyrischen Leuten. 25) Mit Trunkenbolden, groben Wollüstlingen und andern lasterhaften Leuten. 26) Mit Enthusiasten, Ueberspannten, Romanhaften, Kraft-Genies und excentrischen Leuten. 27) Etwas von Andächtlern, Heuchlern und abergläubischen Leuten. 28) Von Deisten, Freigeistern und Religions-Spöttern. 29) Ueber die Art, wie man Schwermüthige, Tolle und Rasende behandeln müsse. Geschichte zweier Wahnsinnigen. Zusatz des Herausgebers.
Zweiter Theil.
Einleitung; Seite 125.
Nachricht von der Art der Eintheilung aller in den drei Theilen dieses Werks verhandelten Gegenstände.
Erstes Kapitel; Seite 125.
Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter.
Zweites Kapitel; Seite 132.
Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden.
Drittes Kapitel; Seite 139.
Von dem Umgange unter Eheleuten.
Viertes Kapitel; Seite 161.
Ueber den Umgang mit und unter Verliebten.
Fünftes Kapitel; Seite 167.
Ueber den Umgang mit Frauenzimmern.
Sechstes Kapitel; Seite 182.
Ueber den Umgang unter Freunden.
Siebentes Kapitel; Seite 198.
Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern.
Achtes Kapitel; Seite 205.
Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns in demselben Hause wohnen.
Neuntes Kapitel; Seite 207.
Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast.
Zehntes Kapitel; Seite 211.
Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern, Gläubigern und Schuldnern.
Eilftes Kapitel; Seite 215.
Ueber das Betragen gegen Leute in allerlei besondern Verhältnissen und Lagen.
Zwölftes Kapitel; Seite 228.
Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen Leben.
Allgemeine Behandlung der Kinder in den Jahren der ersten Entwickelung; Seite 238.
Dritter Theil.
Einleitung; Seite 307.
Uebergang zu den in diesem Theile verhandelten Gegenständen.
Erstes Kapitel; Seite 307.
Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen und Reichen.
Zweites Kapitel; Seite 325.
Ueber den Umgang mit Geringern.
Drittes Kapitel; Seite 328.
Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen.
Viertes Kapitel; Seite 340.
Ueber den Umgang mit Geistlichen.
Fünftes Kapitel; Seite 344.
Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern.
Sechstes Kapitel; Seite 360.
Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im bürgerlichen Leben.
Siebentes Kapitel; Seite 383.
Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart und Gewerbe.
Achtes Kapitel; Seite 391.
Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern derselben.
Neuntes Kapitel; Seite 395.
Ueber die Art, mit Thieren umzugehen.
Zehntes Kapitel; Seite 399.
Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser.
Eilftes Kapitel; Seite 404.
Schluß.
Ueber den
Umgang mit Menschen.
Erster Theil.
Einleitung des Herausgebers.
Der Umgang mit Menschen gehört zu den wirksamsten ~Bildungs-~, ~Erheiterungs-~ und ~Anregungsmitteln~ des menschlichen Geistes und Gemüths; aber wohlthätig werden seine Wirkungen nur dann für uns seyn, wenn wir gehörig vorbereitet unter die Menschen treten, und im Umgange eben so viel Weisheit, als Klugheit, eben so viel Festigkeit, als Geschmeidigkeit, eben so viel Offenheit, als Zurückhaltung zeigen und anwenden. Die Vorbereitung besteht in der Fertigkeit, den Schein von der Wahrheit zu unterscheiden, die Sprache des feinen Welttons zu reden, ohne in's Gezierte und Höfische zu verfallen, und in der Sammlung allgemeiner Kenntnisse; endlich in der richtigen Würdigung der Menschen, damit ein Bewußtseyn des eigenen Werthes erwache, und die Blödigkeit verschwinde, welche unfähig macht, den Umgang mit Menschen von höherer Bildung und Erfahrung zu benutzen und zu genießen. Man könnte sagen, daß dieß alles, was hier als Vorbereitung auf den Umgang mit Menschen dargestellt und erfordert wird, eigentlich das Erzeugniß dieses Umgangs selbst sey; allein wenn auch zugegeben werden muß, daß alle jene Kenntnisse und Fertigkeiten größtentheils in der Gesellschaft gewonnen werden, so ist doch eben so gewiß, daß die Gesellschaft ein Recht habe, von ihren Mitgliedern zu fordern, daß sie einen Beitrag zur Unterhaltung geben, nicht bloß empfangen und genießen sollen. Diese billige Forderung aber kann nur von denjenigen erfüllt werden, welche gehörig vorbereitet und ausgestattet in die Gesellschaft treten. Dazu soll die Erziehung vor allem mitwirken, und daneben die schriftliche Belehrung und Anweisung, welche nicht bloß aus Schriften, wie die vorliegende des trefflichen Menschenkenners Knigge, sondern auch, und vielleicht noch mehr aus solchen Romanen und historischen Darstellungen geschöpft wird, welche sich durch eine lebhafte und getreue Charakterschilderung auszeichnen, und Menschen von allen Seiten, und in allerlei Lagen, Verhältnissen und Beziehungen darstellen. Nicht bloß Menschenkenntniß, sondern auch die Sprache des feineren Gesellschaftstones findet sich in solchen Schriften, und sie gehören eben deswegen unstreitig zu den wirksamsten Bildungsmitteln. In wie fern, und unter welchen Bedingungen auch der ~Umgang~ ein Bildungsmittel sey, soll hier nur angedeutet, nicht ausgeführt werden, denn für die Ausführung findet sich im Verfolg eine passendere Stelle. ~Die Weisheit im Umgange~ würde zunächst in der Sichtung der Spreu von dem Weizen bestehen, damit sich nicht, zugleich mit den Kenntnissen und berichtigten Urtheilen, mit den Ansichten der Welt und der Menschen, mit der Erwärmung für das Schöne, Gute und Edle, auch Vorurtheile aller Art, schiefe und ungerechte Urtheile, falscher Geschmack, Heuchelei und Verstellungskunst, Leichtsinn und Eitelkeit in die Seele einschleiche. Ohne diese Weisheit hat die Gesellschaft nur verderblichen Einfluß, wird sie endlich selbst die Kraft überwältigen, mit welcher heilsame Eindrücke der Erziehung auf unsern Willen wirken, wird sie den, der sich sorglos ihrem Einfluß hingibt, zum Sclaven der Mode und Sitte machen, und ihn um sein bestes Lebensglück betrügen.
Aber mit der ~Weisheit~ reicht man in der Gesellschaft nicht aus; sie fordert eben so sehr jene vorsichtige und besonnene ~Klugheit~, welche uns lehrt, erlaubte Vortheile zu erkennen und zu benutzen, und den Klippen auszuweichen, an welchen so leicht die Fassung, die Heiterkeit und Laune scheitern kann. Wer im Umgange mit der großen Welt zu oft in Verlegenheit kommt, zu oft, durch den Schein irre geführt, sich zu einer Offenheit verleiten läßt, die er hernach mit Schrecken gemißbraucht oder gemißdeutet sieht; wer nicht zu rechter Zeit ein Gespräch abzubrechen, oder es auf eine ungezwungene und verständige Weise anzuknüpfen und fortzuführen weiß, ohne vorlaut und zudringlich zu werden, oder sich selbst zum Thema der Unterhaltung zu machen; wer nicht mit Klugheit die Personen, aus welchen die Gesellschaft besteht, nach ihren bürgerlichen und Familienverhältnissen berücksichtigt, und seine Urtheile ohne alle Rücksicht fällt, seine Bemerkungen ohne alle Umsicht mittheilt: der wird für alle diese Verstoße gegen die Klugheit im Umgange hart büßen müssen, und sich bald genug von der Gesellschaft ausgeschlossen sehen. Jene Weisheit, welche der Umgang fordert, und jene Klugheit, welche er voraussetzt, besteht ferner in der ~Festigkeit~, die nie in Starrsinn und Rechthaberei ausartet, und in der Geschmeidigkeit, welche eben so weit von Heuchelei, als von Blödigkeit und Menschengefälligkeit entfernt ist. Wer immer der Meinung dessen ist, der zuletzt sprach, oder der das Wort in der Gesellschaft führt, nie eine eigene Meinung hat, oder sie wenigstens sogleich feigherzig aufgibt, wenn sie Widerspruch findet, wird der Gesellschaft eben so wenig verdanken, als der, welcher mit rechthaberischer Heftigkeit seine Gegner nur überschreit, nicht mit Gründen bekämpft. Aber vorzüglich kommt es hier auf die ~Art~ an, wie man solche Meinungen und Urtheile, welche lebhaft bestritten werden, vertheidigt und begründet. Es gibt Menschen, welche bei solchen Vertheidigungen alle Rücksichten und jede Schonung und Milde, welche zum Wesen des Umgangs gehört, bei Seite setzen, und in leidenschaftlicher Lebhaftigkeit ihre Gegner mehr anfallen und mißhandeln, als bekämpfen. Hier ist die Grenze sehr leicht überschritten, besonders wenn die Klugheit nicht von wohlwollenden Neigungen unterstützt wird, oder persönliche Mißverhältnisse der Streitenden einwirken und sichtbar werden. Dennoch gehört die Festigkeit recht eigentlich zu den geselligen Tugenden, weil die Gesellschaft nicht ohne ~Reizmittel~ bestehen kann, und der Widerspruch zu den wirksamsten Reizmitteln gehört; aber auch deswegen, weil nur Festigkeit gegen die gefährlichen und verderblichen Eindrücke des Umgangs waffnet und sichert, so wie gegen die Verlegenheit und Bedrängniß, in welche wir diejenigen so oft in der Gesellschaft gerathen sehen, welche dem Hochmuth, der Anmaßung, Unbescheidenheit und leeren Prahlerei nichts entgegen zu setzen wissen, und da verstummen, wo sie recht laut werden und mit Nachdruck sprechen sollten.
Aber wie der Umgang verderblich werden kann, wenn man seinem Einfluß nicht mit Festigkeit zu widerstehen, und durch festen Muth alles abzuwehren weiß, wodurch das Vergnügen der Gesellschaft gestört, oder das Recht des Einzelnen gekränkt wird; so wird sein Reiz und sein Genuß durch die ~Geschmeidigkeit~ erhöht, mit welcher sich Jeder in den Ton der Gesellschaft überhaupt, und in die Schwachheiten der Einzelnen insbesondere zu finden und zu schicken, Störungen des gesellschaftlichen Vergnügens zu entfernen, und alles herbeizuführen weiß, was die Unterhaltung nähren und beleben, die Bande der Gesellschaft fester knüpfen, und den Genuß Aller erhöhen kann, und zwar auf eine solche Art, daß Keinem etwas aufgedrungen, und nichts erzwungen wird. Wie leicht diese Geschmeidigkeit ausarte, und wie lästig, verächtlich und erniedrigend sie in ihrer Ausartung sey, davon finden sich die auffallendsten Beispiele in jeder zahlreichen Gesellschaft. Sie muß in theilnehmenden und wohlwollenden Gefühlen, in ~der~ Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit, welche sich nie vordrängt, und keine Auszeichnung begehrt, und in dem Wunsche, sich zu belehren, ihren Grund haben, wenn sie für eine gesellschaftliche Tugend gelten soll. Häufig erscheint die Geschmeidigkeit als Herablassung zu den Schwachen, als Herabstimmung zu einem uns fremden und ungemüthlichen Gesellschaftstone, und in so fern sie selbst lauter Schwäche, nicht Grundsatz und nicht Wohlwollen oder Klugheit ist, als ein Heulen mit den Wölfen, als ein feigherziges und unsittliches Einstimmen in einen Ton, den man für schlecht und niedrig erkennt. Hier würde die Festigkeit an ihrem Orte seyn. Dagegen ist es hohe Gesellschaftstugend, den Schwachen in der Gesellschaft sein Ohr zu leihen, wenn sie über die Gebühr von sich selbst und ihren besondern Angelegenheiten sprechen; der Mutter theilnehmend zuzuhören, welche von den Anlagen und von der Liebenswürdigkeit ihrer Kinder, oder von häuslichen Leiden mit großer Ausführlichkeit spricht; den ehrlichen Handwerksmann ausreden zu lassen, oder durch Fragen selbst zu veranlassen, vom Handwerk zu sprechen und seine Erfahrungskenntnisse gutmüthig mitzutheilen, wobei dem Hörenden wohl noch durch manche nützliche Sachkenntniß seine Herablassung vergolten wird.
Eben so viel ~Offenheit~, als ~Zurückhaltung~, fordert endlich der Umgang mit Menschen. Offenheit ist die Seele des Umgangs; aber sie setzt Vertrauen voraus, und wer kann sogleich Vertrauen zu Personen fassen, die er nur in ihren Feierkleidern sieht, und nicht beobachten kann, wenn sie in ihrer Alltagskleidung einhergehen. Es gibt eine Offenheit, welche mit kluger Vorsicht vereinbar ist, und diese soll im Umgange herrschen. Niemand soll seine Grundsätze und Ueberzeugungen verheimlichen, oder schweigen, wo die Pflicht, sich des Verleumdeten anzunehmen, den Splitterrichter zu demüthigen und zu strafen, den Heuchler zu entlarven, den Prahler in seiner Erbärmlichkeit darzustellen, oder auch nur die Pflicht, seinen Beitrag zur Unterhaltung zu geben, das Schweigen verbietet. Aber Rücksicht auf Kinder, auf Schwache und Unwissende, auf Schüchterne und Aengstliche, auf Horcher und Wortverdreher, auf Neuigkeitsträger und Klatschschwestern, gebietet auch oft Zurückhaltung des Urtheils, des Spottes, eines witzigen Einfalls, einer wahren, aber bitteren Bemerkung, einer Meinung oder Erklärung, die leicht gemißdeutet oder gemißbraucht werden kann.
Dieß also wären die Bedingungen, unter welchen der Umgang Bildungs-, Erheiterungs- und Anregungsmittel werden kann. Wem übrigens die Wahl frei steht, zwischen großen, stark gemischten Gesellschaften, und kleineren Gesellschaftskreisen, der handelt weise, wenn er diese vorzieht, und jene so viel als möglich vermeidet. Denn je zahlreicher die Gesellschaft ist, desto leerer ist der Umgang, und nur da ist die Unterhaltung ergiebig und lehrreich, wo Alle daran Theil nehmen, und Keiner durch Rücksichten der Klugheit und Vorsicht zur Zurückhaltung bestimmt wird, sondern Jeder frei und unverhohlen seine Meinung äußert.
Auf der andern Seite ist der Umgang mit Einzelnen, wenn sie mit einer ächten Geistesbildung eine reiche Erfahrung verbinden, und in mannigfaltigen Verbindungen leben, viel ergiebiger und belohnender, als das eigentliche Gesellschaftsleben, und diejenigen, welche das Leben in dem edelsten Sinne genießen wollen, ziehen sich daher aus der großen Welt zurück, und wissen sich in dem Familienleben einen Genuß zu bereiten, welcher in großen und gemischten Gesellschaften vergebens gesucht wird. Vielleicht ist es auch nur in solcher Zurückgezogenheit möglich, das Herz vor Thorheiten und Verirrungen zu bewahren, in welche es so leicht durch den Einfluß der Gesellschaft verwickelt wird, und die Ausartung des Herzens zu verhüten, welcher diejenigen nicht entgehen, die ihrem Umgange die möglichste Ausdehnung geben, und darin den höchsten Genuß des Lebens finden. Denn neben dem wohlthätigen Einflusse, welchen der Umgang mit Menschen aus allen Ständen auf die Entwickelung unseres Geistes, Veredlung unseres Herzens, und Erheiterung unseres Gemüths haben kann, wenn er ein gewählter ist, und mit Mäßigung und Vorsicht genossen wird, übt er auch einen nachtheiligen und selbst verderblichen Einfluß auf unbewachte und unbereitete Herzen aus.