Part 10
Endlich noch Andre sind in allen Stücken freigebig, und achten das Geld nicht; in einem einzigen Punkte aber, worauf sie gerade eine thörichte Wichtigkeit setzen, sind sie lächerlich geizig. Meine Freunde haben mir oft im Scherze vorgeworfen, daß ich auf diese Art karg in Schreib-Materialien sey, und ich gestehe diese Schwachheit. So wenig reich ich bin, so kostet es mich doch geringere Ueberwindung, mich von einem halben Gulden, als von einem holländischen Brief-Bogen zu scheiden, obgleich man für zwölf Groschen vielleicht ein Buch des feinsten Papiers kaufen kann. Ja, ich habe reiche und freigebige Leute gekannt, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, Kleinigkeiten, auf welche sie einen vorzüglichen Werth setzten, zu entwenden, wo sie dergleichen liegen sahen. Jene Art der Sparsamkeit, welche auch das Geringste, was noch auf irgend eine Art brauchbar ist, zu erhalten und zu bewahren sucht, ist unstreitig die rechte, denn sie geht von einer richtigen Schätzung der Dinge aus, und haßt alles Vergeuden und Verschwenden, weil es Charakterschwäche, und eine Art von Undankbarkeit und Kurzsichtigkeit ist. Darum läßt ~Engel~ in der bekannten Erzählung seinen Herrn Timm sogleich mit großer Bereitwilligkeit dem Manne einen Vorschuß leisten, der eine Nadel liegen sieht, und sie sorgfältig aufnimmt und bewahrt.
Die allgemeine Regel im Umgange mit geizigen Leuten ist wohl die, daß, wenn man ihre Gunst erhalten will, man nichts von ihnen fordern müsse. Da dieß nun aber nicht immer möglich ist, so scheint es der Klugheit gemäß, daß man prüfe, zu welcher der vorhin geschilderten Gattungen von Geizigen der Mann, mit dem man es zu thun hat, gehöre, um danach seine Behandlung einzurichten.
Ueber den Umgang mit ~Verschwendern~ brauche ich nichts zu sagen, als daß der verständige Mann sich nicht durch ihr Beispiel zu thörichten Ausgaben verleiten lassen, und daß der redliche Mann von ihrer übel geordneten Freigebigkeit weder für sich, noch für Andre, Vortheile ziehen soll.
15.
Sollen wir jetzt von dem Betragen gegen ~Undankbare~ reden? Ich habe bei mancher Gelegenheit erinnert, daß man auf dieser Erde auch bei den edelsten und weisesten Handlungen, weder auf Erfolg, noch auf Dankbarkeit rechnen dürfe. Diesen Grundsatz soll man, wie ich dafür halte, nie aus den Augen verlieren, wenn man nicht karg mit seinen Dienstleistungen, feindselig gegen seine Mitmenschen werden, noch gegen Vorsehung und Schicksal murren will. Bei dem Allen aber müßte man jeder menschlichen Empfindung entsagt haben, wenn es uns nicht kränken sollte, daß Menschen, denen wir treulich, eifrig und uneigennützig gedient, die wir aus der Noth gerettet, denen wir uns ganz gewidmet, für die wir uns vielleicht aufgeopfert haben, uns vernachlässigen, sobald sie unsrer nicht mehr bedürfen, oder gar verrathen, verfolgen, mißhandeln, wenn sie dadurch zeitliche Vortheile, oder die Gunst unsrer mächtigen Feinde gewinnen können. Doch wird der weise Menschenkenner und warme Freund des Guten sich dadurch nicht abschrecken lassen, großmüthig zu handeln. Mit Bezug auf das, was hierüber im zehnten Kapitel des zweiten Theils und im fünften Abschnitte des zweiten Kapitels in dem dritten Theile gesagt wird, erinnere ich nur nochmals für die, welche noch dieser Erinnerung bedürfen, daß jede gute Handlung sich selbst durch ein seliges Bewußtseyn am reichsten belohnt; ja, daß der Edle eine neue Quelle von innerer Freude aus der Undankbarkeit der Menschen zu schöpfen versteht, nämlich die Freude, sich bewußt zu seyn, gewiß uneigennützig, bloß aus Liebe zum Guten, ihnen Gutes gethan zu haben, besonders wenn er voraus weiß, daß er auf keine Erkenntlichkeit rechnen darf. Er bedauert die Verkehrtheit Derer, die fähig sind, ihres Wohlthäters zu vergessen, und läßt sich dadurch nicht abhalten, den Menschen zu dienen, die seiner Hülfe um so nöthiger bedürfen, je schwächer sie sind, je weniger Glück sie in sich selber, in ihrem Herzen haben.
Klage also nicht über die Undankbarkeit, mit welcher man Dir lohnt; wirf sie dem nicht vor, der sie Dir beweist, und Dich dadurch kränkt; fahre fort, ihn großmüthig zu behandeln; nimm ihn wieder auf, wenn er zu Dir zurückkehrt! Vielleicht geht er endlich in sich, fühlt den ganzen Werth, die Zartheit und das Große Deiner Behandlung, und wird dadurch gebessert; -- wenn nicht: so denke, daß jedes Laster sich selbst bestraft, und daß das eigne Herz des Bösewichts und die unausbleibliche Folge seiner Niederträchtigkeit Dich an ihm rächen werden. -- O! welch' ein langes Kapitel über die Undankbarkeit der Menschen könnte ich schreiben, wenn ich nicht, aus Schonung gegen Die, welche sich von dieser Seite an mir versündigt haben, meine vielfachen traurigen Erfahrungen in diesem Fache lieber verschweigen wollte, und wenn ich es leugnen dürfte, daß man zuweilen durch die verfehlte Art des Wohlthuns Undankbare mache; eine Schuld, von welcher sich selbst die Edelsten nicht frei sprechen dürfen.
16.
Manchen Leuten ist es schlechterdings unmöglich, in irgend einer Sache den geraden Weg zu gehen. ~Ränke~ und ~Winkelzüge~ mischen sich in alle ihre Unternehmungen, ohne daß sie deswegen von Grund aus böse sind. Eine unglückliche Stimmung des Gemüths, und die Einwirkung von Lebensart und Schicksalen können diesen Charakter bilden. So wird zum Beispiel ein sehr mißtrauischer Mann auch wohl zuweilen die unschuldigste Handlung heimlich thun, sich verstellen, und seinen wahren Zweck verschleiern. Ein Mann von übel geordneter Thätigkeit, oder von zu vielem raschen Feuer, -- ein schlauer unternehmender Kopf, der in einer Lage ist, wo ihm alles zu einfach hergeht, wo es ihm an Gelegenheit fehlt, seine Talente zu entwickeln, wird allerlei schiefe Seitensprünge wagen, um seinen Wirkungskreis zu erweitern, oder mehr Interesse in die Scene zu bringen; und dann wird er nicht immer ekel genug in der Wahl seiner Mittel seyn. Ein sehr eitler Mensch wird in manchen Fällen versteckt handeln, um seine Schwäche zu verbergen. Ein Mann, der lange an Höfen gelebt hat, um sich her nichts als Verstellung, Intrigue, Cabale und Gegeneinanderwirken zu sehen, und selbst auf geradem Wege nichts zu erlangen gewohnt ist, findet ein Leben, das ohne Verwickelung fortgeht, zu einförmig; er wird seine unbedeutendsten Schritte so thun, daß man ihm nicht nachspüren kann, und seinen unschuldigsten Handlungen einen räthselhaften Anschein geben. Der Jurist, der sich stets mit den Spitzfindigkeiten der Chikane beschäftigt, findet innigen Seelen-Genuß darin, daß er in Worten und Werken allerlei Cautelen und Winkelzüge anbringt. Wer seine Gehirn-Nerven durch Romanen-Lesen und andre phantastische Träumereien überspannt, oder wer durch ein üppiges, müssiges Leben, durch schlechte Gesellschaft und unglückliche Verhältnisse, den Sinn für Einfalt, kunstlose Natur und Wahrheit verloren hat, der kann ohne Intrigue nicht existiren, -- und so gibt es eine Menge Menschen, die, was sie auf geradem Wege erlangen könnten, nicht halb so eifrig wünschen, als das, was sie heimlich und auf den Wegen der List und des Betrugs zu erschleichen hoffen. Man kann aber auch endlich den edelsten, offenherzigsten Menschen, besonders in jüngern Jahren, zu Winkelzügen verleiten, wenn man ihm ohne Unterlaß Mißtrauen zeigt, oder ihn mit einer so nachsichtslosen Strenge behandelt, ihn in einer solchen Entfernung von uns hält, daß er kein Zutrauen zu uns haben kann.
Was nun auch dazu beigetragen haben mag, manchen Menschen Ränke und Winkelzüge zur Gewohnheit zu machen, so ist wohl folgende Art, sich gegen sie zu betragen, die beste, die man wählen kann.
Man handle selbst immer so offen und unverstellt, und zeige sich ihnen in Worten und Thaten als einen so entschiednen Feind von allem, was Schiefigkeit, Intrigue und Verstellung heißt, und als einen so warmen Verehrer jedes redlichen, aufrichtigen Mannes, daß sie wenigstens fühlen, wie viel sie in unsern Augen verlieren, und welche Verachtung sie sich zuziehen würden, wenn wir sie auf Schleichwegen ertappten!
Man flöße ihnen durch eine männliche Aeusserung des Abscheus gegen alle Hinterlist und Falschheit eine gewisse Ehrerbietung ein, und versage ihnen so lange sein Vertrauen nicht, als sie sich offen und redlich zeigen. Man gebe ihnen zu erkennen, daß man sie für unfähig halte, hinterlistig und unredlich zu seyn, und rege dadurch ihr schlummerndes Ehrgefühl auf.
Willst Du die Anschläge ihrer Hinterlist zerstören, so tritt ihnen mit Festigkeit und Entschlossenheit entgegen, wenn Du merkst, daß sie Böses im Sinne haben, und lege ihnen solche Fragen vor, worauf sie nothwendig eine bestimmte und unumwundene Antwort geben, oder sich verrathen müssen. Sieh ihnen dabei fest und kräftig in's Gesicht, mit einem Blicke, der sie durchbohrt, und Du wirst sie zwingen, sich selbst zu verachten, oder über sich selbst zu erschrecken, wirst ihnen wenigstens, wenn sie keiner guten Regung mehr fähig sind, Furcht und Besorgniß einflößen, und sie dadurch nöthigen, ihren Plan aufzugeben. Stottern sie, suchen sie auszuweichen: so brich entweder ab, um ihnen zu verstehen zu geben, daß Du ihnen die Schande eines Betrugs ersparen wollest; nimm aber dann ein kaltes und entfernendes Betragen gegen sie an, oder warne sie mit freundlichem, doch ernsthaftem Wesen, ihrer nicht unwürdig zu handeln!
Haben sie Dich dennoch einmal hintergangen, so nimm die Sache nicht zu leicht, und verschwende keine Schonung an diese Unwürdigen, sondern laß sie das ganze Gewicht Deines Unwillens und Deiner Verachtung fühlen, und sey nicht sogleich bereit, zu verzeihen! Erreichst Du auch dadurch Deine Absicht nicht, und fahren sie fort, Dich mit Winkelzügen und Ränken zu hintergehen: so bestrafe sie durch deutliche Aeusserungen des Mißtrauens und Kaltsinns, und suche dich ganz von ihnen los zu machen, als von gefährlichen Menschen, die keiner Besserung fähig sind.
Alles hierüber Gesagte paßt also auch auf das Betragen gegen ~Lügner~.
17.
Was man aber im gemeinen Leben einen ~Windbeutel~ oder ~Aufschneider~ und ~Prahler~ nennt, das ist eine andere Gattung von Menschen. Diese haben nicht die Absicht, jemand eigentlich zu hintergehen, aber täuschen und blenden möchten sie gern, um Ehre und Beifall zu erschleichen; überreden möchten sie gern Andere, ihnen einen höheren Werth beizumessen, als sie haben; sie suchen mehr Nahrung für ihre Eitelkeit, als Befriedigung des Eigennutzes, und für einen Lobspruch geben sie unbedenklich die Wahrheit hin. Um sich in besserm Glanze zu zeigen; um sich bemerklich zu machen; um Andern eine so hohe Meinung von sich beizubringen, wie sie selbst haben; um Aufmerksamkeit durch Erzählung wunderbarer Vorfälle zu erregen; oder um für angenehme, unterhaltende Gesellschafter zu gelten, erdichten oder vergrößern sie; und haben sie einmal die Fertigkeit erlangt, auf Kosten der Wahrheit eine Begebenheit, ein Bild, einen Satz zu verzieren, so fangen sie zuweilen an, ihren eigenen Windbeuteleien zu glauben, alle Gegenstände durch ein Vergrößerungsglas anzusehen, und so in Riesengestalten wieder zu Papier zu bringen.
Die Erzählungen und Beschreibungen eines solchen Aufschneiders sind zuweilen ganz lustig anzuhören; und wenn man erst mit seiner Hyperbelsprache bekannt ist, weiß man schon, was man vom Ganzen abzurechnen hat, um den Ueberrest für baares Geld anzunehmen. So läßt man sich denn, besonders in solchen Gesellschaften, wo das Bedürfniß eines Lustigmachers oder Wortführers lebhaft gefühlt wird, gern und geduldig vorlügen, was sich so hübsch anhört, und wobei es zu lachen gibt. Kommen aber einmal vernünftige Leute in eine solche Gesellschaft, so steht es übel um den Aufschneider, denn es ist leicht, ihn durch eine Menge von Fragen über die genauesten Umstände so in sein eignes Gewebe zu verwickeln, daß er, indem er weder rückwärts noch vorwärts kann, beschämt wird, oder, wenigstens einen klugen Rückzug zur Wahrheit macht. Noch besser kann man ihn zum Schweigen bringen, wenn man ihm für jede Unwahrheit auf komische Art eine noch derbere wieder aufheftet, und ihm dadurch zu verstehen gibt, daß man nicht dumm genug gewesen sey, ihm zu glauben; oder wenn man, sobald er anfängt zu blasen, die Segel der Unterhaltung auf einmal einzieht, und seinem Winde ausweicht, da er denn, wenn dieß öfter und von mehreren verständigen Männern geschieht, endlich scheu und klug wird.
18.
~Unverschämte Müssiggänger~, ~Schmarotzer~, ~Schmeichler~ und ~zudringliche Leute~, rathe ich, in der gehörigen Entfernung von sich zu halten, sich mit ihnen nicht gemein zu machen, ihnen durch ein höfliches, aber immer steifes und ernsthaftes Betragen zu erkennen zu geben, daß ihre Gesellschaft und Vertraulichkeit uns zuwider ist. Einer meiner Bekannten erzählte mir einst: Er habe in Holland über der Thür des Arbeitszimmers eines verständigen Mannes folgende Worte mit großen Buchstaben geschrieben gefunden: »Es ist erschrecklich beschwerlich für einen Mann, der bestimmte Geschäfte hat, von Leuten überlaufen zu werden, die keine Geschäfte haben.« -- Der Einfall war nicht übel. Die, welche gern bei uns schmausen, kann man am leichtesten dadurch verscheuchen, daß man sie, ohne ihnen etwas vorzusetzen, wieder fortgehen läßt; aber gegen Schmeichler, besonders gegen die von feinerer Art, soll man, aus Besorgniß für sein eigenes Heil, auf seiner Hut seyn. Sie verderben uns von Grund aus, wenn wir unser Ohr an ihren Sirenen-Gesang gewöhnen. Dann wollen wir ohne Unterlaß gestreichelt und gekitzelt seyn, finden die wohlthätige Stimme der Wahrheit nicht harmonisch genug, und vernachlässigen und versäumen die treuern, bessern Freunde, die uns aufmerksam auf unsere Fehler machen wollen. Um nicht so tief zu fallen, waffne man sich mit Gleichgültigkeit gegen die gefährlichen Lockungen der Schmeichelei; man fliehe vor dem Schmeichler, wie vor dem bösen Feinde! Allein das ist nicht so leicht, wie man wohl glaubt; es gibt eine Art, Süßigkeiten zu sagen, die das Ansehen hat, als wollte man der Wahrheit huldigen. Der schlaue Schmeichler, der Deine schwache Seite studirt hat, wird, wenn er Dich für zu verständig hält, um nicht die größern Schlingen dieser Art für gefährlich zu erkennen, Dir nicht immer Recht geben; er wird vielmehr Dich tadeln; er wird Dir sagen: »daß er nicht begreifen könne, wie ein so edler und weiser Mann, wie Du seyest, sich einen kleinen Augenblick auch einmal habe vergessen können; er hätte geglaubt, so etwas könne nur gemeinen Leuten von ~seinem~ Schlage begegnen.« Er wird an Deinen Schriften Fehler rügen, die Dir gleich beim ersten Anblicke unbedeutend scheinen müssen, und ihm nur dazu dienen, diejenigen Stellen um desto unverschämter zu loben, von welchen er weiß, daß Du dir etwas darauf zu gute thust. »Schade,« wird er ausrufen, »daß Ihre Sinfonien -- ich bin kein Schmeichler; ich sage meine Meinung immer rund heraus -- Schade, daß diese herrlichen Sinfonien, die gewiß in allem Betracht ein klassisches Werk genannt werden können, so äusserst schwer vorzutragen sind. Wo findet man Meister, die würdig wären, so etwas aufzuführen? und doch ist das ein wesentlicher Fehler, den Sie, verzeihen Sie meiner Offenherzigkeit! hätten vermeiden sollen.« Er wird Mängel an Dir finden, und mit verstelltem Eifer dagegen declamiren, -- Schwachheiten und Mängel, auf welche Deine Eitelkeit sich etwas einbildet. Er wird Dich einen Misanthropen schelten, weil er gemerkt hat, daß Du durch Deine abgezogene Lebensart Aufsehen erregen möchtest; er wird Dir vorwerfen, Du seyest intrigant, wenn er merkt, daß es Dir behagt, für einen schlauen Hofmann angesehen zu werden. Auf diese Weise wird er sich bei Dir und andern Kurzsichtigen in den Ruf eines unpartheiischen, wahrheitliebenden Mannes setzen; sein honigsüßer Trank wird glatt hinuntergehen, und in der Berauschung werden Dein Herz und Dein Beutel dem verschmitzten Spötter offen stehen. Vielfältig habe ich, besonders an Höfen, dergleichen Männer angetroffen, die unter der Maske der Bonhommie und bei dem Rufe, den Fürsten tapfer die Wahrheit zu sagen, die ärgsten Maulschwätzer waren.
19.
Das Betragen gegen ~Schurken~, das heißt, gegen Leute, die von Grund aus schlecht sind, etwa ein wenig Erbsünde abgerechnet, fordert vor allem Festigkeit und Muth. Ich beziehe mich dabei zuerst auf das, was ich weiterhin über den Umgang mit Feinden, und über das Betragen gegen Verirrte und Gefallne sagen werde, und füge nur noch nachstehende Bemerkungen hinzu:
Daß man, wo möglich, den Umgang mit schlechten Leuten fliehen müsse, weil durch sie Moralität, Ruf und Ruhe in Gefahr kommt, besonders wenn sie mit Schlechtigkeit der Grundsätze eine feine Verstandesbildung verbinden, und viel geselliges Talent haben, -- das versteht sich wohl von selber. Wenn ein Mann von festen Grundsätzen auch nicht in Gefahr kommt, von ihnen angesteckt zu werden, so gewöhnt er sich doch nach und nach an ihre Art zu urtheilen und zu handeln, ihre Zweideutigkeiten und Unsittlichkeiten, und an den Anblick ihres sittlichen Schmutzes, und verliert den heiligen Abscheu gegen alles, was unedel ist; einen Abscheu, der zuweilen einzig hinreicht, uns in Augenblicken der Versuchung vor feinern Vergehungen zu bewahren. Leider aber zwingt uns unsre Lage zuweilen, mitten unter Schurken zu leben, und mit ihnen gemeinschaftlich Geschäfte zu treiben; und da ist es denn nöthig, gewisse Vorsichtigkeits-Regeln nicht aus der Acht zu lassen.
Glaube nicht, wenn Du einiges Verdienst von Seiten des Kopfs und des Herzens hast, es jemals dahin zu bringen, daß Du von schlechten Menschen nie in Deiner Ruhe gestört werdest, oder nie durch sie leidest! Es herrscht ein ewiges Bündniß unter Schurken und Schleichern gegen alle verständige und edle Menschen; auch sind sie auf eine unbegreifliche Weise so verbrüdert, daß sie unter allen übrigen Menschen einander erkennen und bereitwillig die Hand reichen, möchten sie auch durch äussere Verhältnisse und Umstände noch so sehr getrennt seyn, sobald es darauf ankömmt, das wahre Verdienst zu verfolgen und mit Füßen zu treten. Da hilft keine Art von Vorsichtigkeit und Zurückhaltung; da hilft nicht Unschuld, nicht Geradheit; da hilft nicht Schonung, noch Mäßigung; da hilft es nicht, seine guten Eigenschaften verstecken, mittelmäßig scheinen zu wollen. Niemand erkennt so leicht das Gute, das in Dir ist, als Der, dem dies Gute fehlt. Niemand läßt innerlich dem Verdienste mehr Gerechtigkeit widerfahren, als der Bösewicht; aber er zittert davor, wie Satan vor dem Evangelio, und arbeitet mit Händen und Füßen dagegen. Jene große Verbrüderung wird Dich ohne Unterlaß necken, Deinen Ruf antasten; bald zweideutig, bald übel von Dir reden, die unschuldigsten Deiner Worte und Thaten boshaft auslegen. -- Aber laß Dich das nicht anfechten! würdest Du auch wirklich von Schurken eine Zeitlang gedrückt, so wird doch die Rechtschaffenheit und Consequenz Deiner Handlungen am Ende siegen, und der Unhold bei einer andern Gelegenheit sich selbst die Grube graben. Auch sind die Schelme nur so lange einig unter sich, als es nicht auf männliche Standhaftigkeit ankömmt, so lange sie im Dunkeln fechten können. Hole aber Licht herbei, und sie werden aus einander rennen! Und wenn es nun gar zur Theilung der Beute ginge, dann würden sie sich unter einander bei den Ohren zausen, und Dich indeß mit Deinem Eigenthume ruhig davon wandern lassen. Geh Deinen geraden Gang fort! Erlaube Dir nie schiefe Streiche, nie Schleichwege, um Schleichwegen zu begegnen; nie Ränke, um Ränke zu zerstören; mache nie gemeinschaftliche Sache mit Bösewichtern, gegen Bösewichter! Handle großmüthig! Unedle Behandlung, und zu weit getriebenes Mißtrauen können Den, welcher auf halbem Wege ist, ein Schelm zu werden, vollends dazu machen; Großmuth hingegen kann einen nicht ganz verstockten Unhold vielleicht, auf einige Zeit wenigstens, bessern, und die Stimme des Gewissens in ihm erwecken. Aber er müsse fühlen, daß Du nur aus Huld, nicht aus Furcht also handelst! Er müsse fühlen, daß, wenn es auf das Aeusserste kömmt, wenn der Grimm eines unerschrocknen redlichen Mannes losbricht, der kühne, rechtschaffene Weise im niedrigsten Stande mächtiger ist, als der Schurke im Purpur; daß ein großes Herz, daß Tugend, Klugheit und Muth, stärker machen, als erkaufte Heere, an deren Spitze ein Schurke steht! Was hätte der wohl zu fürchten, der nichts mehr zu verlieren hat, als was kein Sterblicher ihm rauben kann? Und was vermag in dem Augenblicke der äussersten, verzweifelten Nothwehr ein feiger Sultan, ein ungerechter Despot, der in sich selbst einen Feind herumträgt, von welchem er immer bedroht, oder in die Flanke genommen wird, gegen den niedrigsten seiner Unterthanen, der ein reines Herz, einen hellen Kopf, Unerschrockenheit und gesunde Arme zu Bundesgenossen hat?
Es ist unmöglich, sich bei gewissen Leuten beliebt zu machen, deren Gunst man nur auf Unkosten seines Gewissens erwerben kann, und es wird nicht schaden, wenn diese uns wenigstens fürchten.
Es gibt Leute, die uns zu Vertraulichkeiten, zu gewissen Eröffnungen zu bewegen suchen, damit sie nachher Waffen gegen uns in Händen haben, womit sie uns drohen können, wenn wir ihnen nicht zu Gebote stehen wollen. Die Klugheit erfordert, dagegen auf seiner Hut zu seyn. Man erkennt sie leicht an der groben Schmeichelei, durch welche sie sich uns zu nähern, und unser Vertrauen zu erschleichen suchen.
Beschenke den, von dem Du fürchtest, er werde Dich ~bestehlen~, wenn Du glaubst, daß Großmuth noch Eindruck auf ihn machen könnte!
Ermuntre und ehre äusserlich Menschen, an denen Du irgend eine Thatkraft zum Guten findest! Bringe sie nicht ohne Noth um Kredit! Es gibt Leute, die viel Gutes ~sagen~, im ~Handeln~ aber heimliche Schalke sind, oder Menschen voll Inconsequenz, Leichtsinn und Leidenschaft: entlarve diese nicht, in so fern es nicht der Folgen wegen seyn muß! Sie wirken durch ihre Reden manches Gute, welches unterbleibt, wenn man sie verdächtig macht. Man sollte sie immer herumreisen lassen, um gute Zwecke zu befördern; allein sie müßten jeden Ort früh genug verlassen, um sich nicht zu verrathen, und durch ihr Beispiel nicht die Wirkung ihrer Lehren zu verderben.
20.
Es gibt Menschen von guter Gesinnung, welche durch übertriebene Bescheidenheit und unüberwindliche Furchtsamkeit, durch eine Schüchternheit, die sie fast zu Kindern macht, sich selbst der Geringschätzung hingeben, und sich um allen Genuß und allen Vortheil bringen, den ihnen die Gesellschaft gewähren soll. Man macht sich um sie und um die Gesellschaft verdient, wenn man ihnen Zuversicht zu sich selbst einzuflößen sucht, und ihnen Veranlassung gibt, sich geltend zu machen. So verachtungswerth Unbescheidenheit und Dünkel sind, so unmännlich ist zu weit getriebene Schüchternheit. Der Edle soll seinen Werth fühlen, und eben so wenig ungerecht gegen sich, als gegen Andre seyn. Uebertriebnes Lob und zu weit ausgedehnter Vorzug aber beleidigen den Bescheidnen. Er müsse weniger aus Deinen Worten, als aus Deinen ungekünstelten, wahre Zuneigung verrathenden Handlungen, Deine Hochachtung gegen ihn erkennen!
21.
~Unvorsichtigen~ und ~plauderhaften~ Leuten darf man natürlicher Weise keine Geheimnisse anvertrauen. Besser wäre es, man hätte überhaupt keine Geheimnisse in der Welt, könnte immer frei und offen handeln, und alles, was im Herzen vorgeht, vor jedermann sehen lassen; besser wäre es, man dächte und redete nichts, als was man laut denken und reden darf. Da dieß indessen, besonders bei Männern, die in öffentlichen Aemtern stehen, oder sonst fremde Geheimnisse zu verwahren haben, nicht möglich ist: so muß man freilich vorsichtig in der Mittheilung dessen seyn, was nicht Jeder wissen darf.