Ueber den Umgang mit Menschen

Part 11

Chapter 113,108 wordsPublic domain

Man findet Menschen, denen es schlechterdings unmöglich ist, irgend etwas zu verschweigen. Man sieht es ihnen an, wenn sie ängstlich umherlaufen, daß sie etwas Neues bei sich tragen, und daß sie große Herzensangst leiden, bis sie einem andern Plaudrer ihre Nachricht heiß mitgetheilt haben. Andern fehlt es zwar nicht an dem guten Willen zu schweigen, wohl aber an der Klugheit, sich nicht durch Winke, Blicke, oder auf andre Art zu verrathen; oder an der Festigkeit, sich nicht ausfragen zu lassen; oder sie haben eine zu gute Meinung von der Ehrlichkeit und Verschwiegenheit derer, welchen sie sich anvertrauen. -- Gegen alle diese muß man behutsam, und selbst verschlossen seyn.

Es kann auch zuweilen nicht schaden, wenn man plauderhafte Leute bei der ersten Gelegenheit, da sie etwas über uns geschwatzt haben, dergestalt in Furcht setzt, daß sie es nicht wagen dürfen, hinter unserm Rücken auch nur einmal unsern Namen zu nennen, es sey im Guten oder Bösen. Die eigentlichen bekannten Zeitungsträger aber, deren es fast in jeder Stadt einige gibt, kann man nützen, wenn man ein unschuldiges Mährchen im Publiko ausgebreitet wissen will, das den Leuten etwas zu reden geben, oder sie zu ihrem Besten auf etwas aufmerksam machen soll. Nur muß man dann nicht verfehlen, sie um Verheimlichung der Sache zu bitten, sonst halten sie es vielleicht der Mühe nicht werth, dieselbe auszuplaudern.

~Vorwitzige~ und ~neugierige~ Menschen kann man nach den Umständen entweder auf ernsthafte oder spaßhafte Manier behandeln. Im erstern Falle muß man, sobald man merkt, daß sie sich im mindesten um unsere Angelegenheiten bekümmern, uns belauschen, behorchen, sich in unsere Geschäfte mischen, unsern Schritten nachspüren, oder unsre Plane und Handlungen ausspähen wollen, sich gegen sie mündlich, schriftlich oder thätig, so kräftig erklären, sie auf eine solche Weise zurückschrecken, daß ihnen die Lust vergehe, auch nur von Weitem sich an uns zu wagen. Will man aber seinen Spaß mit ihnen haben, so kann man ihrer Neugier ohne Unterlaß so viel zu schaffen machen, daß sie über die Kindereien, worauf man ihre Aufmerksamkeit lenkt, keine Muße behalten, sich um diejenigen Dinge zu bekümmern, welche wir ihrer Beobachtung zu entziehen wünschen.

~Zerstreute~ und ~vergessene~ Leute taugen nicht zu Geschäften, wo es auf Pünktlichkeit ankömmt. Jungen Personen kann man diese Fehler wohl zu gute halten, und durch eine verständige Behandlung zuweilen noch abgewöhnen, so, daß sie ihre Gedanken bei einander halten. Manche, die aus zu großer Lebhaftigkeit des Temperaments leicht alles vergessen, und nie da zu Hause sind, wo sie seyn sollten, kommen von dieser Schwachheit zurück, wenn sie älter, kühler und sittsamer werden. Andre affectiren, zerstreut zu seyn, weil sie glauben, das sähe vornehm oder gelehrt aus; über solche Thoren aber soll man nur die Achseln zucken, und sich wohl hüten, ihre Zerstreutheit geistvoll oder artig zu finden. Es gilt von ihnen, was über diejenigen gesagt worden ist, welche sich körperlich krank stellen, um Interesse zu erwecken. Wessen Gedächtniß aber wirklich schwach, und nicht etwa durch Uebung nach und nach zu stärken ist, dem rathe man, sich alles schriftlich aufzuzeichnen, was er behalten will, und diesen Zettel täglich oder wöchentlich einmal durchzulesen; denn es ist wahrlich nichts verdrießlicher, als wenn uns jemand verspricht, ein Geschäft zu besorgen, an welchem uns gelegen ist, und uns hernach, wenn wir uns auf sein Wort verlassen, mit der Versicherung überrascht, daß er es rein vergessen habe.

Sehr zerstreueten Leuten muß man es übrigens so hoch nicht anrechnen, wenn sie gegen uns zuweilen in Aufmerksamkeit, Höflichkeit, oder was man sonst im geselligen und freundschaftlichen Umgange fordert, unvorsätzlich fehlen.

22.

Es gibt eine Art Menschen, die man ~wunderliche~ (+difficiles+) ~Leute~ nennt. Sie sind nicht bösartig, sind nicht immer zänkisch und mürrisch; aber man kann ihnen doch nicht leicht etwas ganz recht machen. Sie haben sich, zum Beispiel, an eine pedantische Ordnung gewöhnt, deren Regel nicht Jeder, so wie sie, im Kopfe hat; und da kann es denn leicht kommen, daß man einen Stuhl in ihrem Zimmer anders hinstellt, als sie es gern sehen (wenn dieß übrigens aus wahrem Ordnungsgeiste herrührt, so habe ich an der Sache selbst nichts auszusetzen); oder sie hängen gewissen Vorurtheilen an, denen man sich unterwerfen muß, wenn man in ihren Augen Werth haben will; zum Beispiel: in Kleidertrachten, in der Art laut oder leise zu reden, groß oder klein zu schreiben und dergleichen. Man sollte wohl sagen, daß ein vernünftiger Mann über solche Kleinigkeiten hinausgehen müßte; unterdessen trifft man doch Männer an, die über andere Gegenstände sehr verständig und billig denken, nur in solchen Punkten nicht; und was wichtiger als das ist, an dieser Männer Gunst kann uns vielleicht sehr viel gelegen seyn. Wenn dies Letztere nun der Fall ist, so rathe ich, in Dingen von geringem Belange, die mit einiger Aufmerksamkeit so leicht zu befolgen sind, sich ihnen gefällig zu zeigen. Andre aber, mit denen wir weiter in keinem Verhältniß stehen, lasse man, in so fern sie übrigens brave Männer sind, bei ihrer Weise, und vergesse nicht, daß wir Alle unsre Schwachheiten haben, die man brüderlich ertragen muß!

Leute, die etwas darin suchen, sich durch ihr Betragen in unwesentlichen Dingen von Andern zu unterscheiden (nicht eigentlich aus Ueberzeugung, daß es besser so sey, als anders, sondern hauptsächlich darum, weil sie etwas darein setzen, das zu thun, was Andre nicht thun), solche Leute nennt man ~Sonderlinge~. Sie sehen es gern, wenn man ihre Weise bemerkt; und ein verständiger Mann muß in seinem Betragen gegen sie wohl überlegen, ob ihr Eigensinn von unschädlicher Art ist, und ob sie Männer sind, die in irgend einer Rücksicht Schonung verdienen, um darnach im Umgange mit ihnen zu verfahren, wie es Vernunft und Duldung fordern.

Was endlich Leute betrifft, die von ~Launen~ regiert werden, so daß man ihnen heute der willkommenste Gast, morgen der überlästigste Gesellschafter ist, so rathe ich, -- vorausgesetzt, daß diese Launen nicht ihren Grund in geheimen Leiden haben (denn wenn das ist, so habe Mitleiden!) -- gar nicht zu thun, als bemerkte man solche Ebben und Fluthen, sondern auf immer gleich-vorsichtigem Fuße mit ihnen umzugehen.

23.

~Einfältige Menschen~, die ihre Schwäche fühlen, und sich daher willig von vernünftigen Menschen leiten lassen, auch bei ihrem natürlich gutmüthigen, wohlwollenden, sanften Temperamente zwar leicht zum Guten, aber schwer zum Bösen zu bewegen sind, soll man nicht verachten. Es können nicht alle Menschen hohen, erhabnen Geistes-Schwung haben; und die Welt würde auch sehr übel dabei fahren, wenn es also wäre. Es müssen mehr subalterne, als Herrscher-Genies unter den Erdensöhnen seyn, wenn nicht Alle in ewiger Fehde mit einander leben sollen. Daß ein höherer Grad von Tugend, daß Kraft, Muth, Festigkeit, oder feine Beurtheilungskraft, nicht mit Schwäche des Geistes bestehen könne, ist freilich gewiß; allein das gehört ja nicht hieher. Wenn im Ganzen nur das Gute geschieht, und die dummen Menschen zu diesem Guten sich die Hände führen lassen; so füllen sie ihren Platz nützlicher aus, als die überschwenglichen Genies, die Feuerköpfe, mit ihrem sich durchkreuzenden unaufhörlichen Wirken und Streben.

Unerträglich hingegen ist die Prüfung, wenn man es mit einem Stockfische zu thun hat, der sich für einen Halbgott hält, mit einem eiteln, eigensinnigen, mißtrauischen Pinsel, mit einem verzogenen, verzärtelten, vornehmen Herrn, der Länder und Völker zu regieren hat, und leider alles selbst regieren will. Doch soll an seinem Orte gezeigt werden, wie man mit dieser Art Menschen umgehen müsse.

Eine gewisse Gattung gutmüthiger, aber schwacher und plumper Menschen, ist, selbst in der Jugend, schwer zu verfeinern. Die Sprache der Ironie verstehen sie nicht. Ist sie zu fein, so nehmen sie es für baares Geld. Ein ernsthafter Ton greift auch nicht ein, oder beleidigt sie. Warme, gefühlvolle Ermahnungen bleiben gänzlich ohne Wirkung.

Allein man thut oft gewissen Menschen großes Unrecht, welche durchaus unfähig sind, sich zu äussern, entweder weil sie der Sprache nicht mächtig werden, oder sich von einer ihnen durch Erziehung angebildeten Schüchternheit nicht losmachen können, indem man sie für schwach, dumm, gefühllos oder unwissend hält, da sie es doch keinesweges sind, sondern nur so scheinen. Nicht Jeder hat die Gabe, seine Gedanken und Empfindungen an den Tag zu legen, oder er thut es wenigstens nicht auf die Weise, welche uns die rechte scheint; er hat etwas Zurückstoßendes in seinem äusseren Wesen, er verstößt alle Augenblicke gegen die feinere Sitte, oder gegen den Gesellschaftston, an welchen wir uns gewöhnt haben. Er will nicht nach seinen ~Worten~, sondern nach seinem ~Thun~ gerichtet seyn, und auch sein Thun ist von der Art, daß man ungerecht über ihn urtheilen würde, wenn man nicht Rücksicht nehmen wollte auf seine Erziehung, seine Lage und auf die Gelegenheit, die er gehabt, oder die ihm gefehlet hat, sich auszuzeichnen. Man überlegt selten, daß ~der~ Mensch schon sehr viel Werth hat, der in der Welt nur nichts Böses thut, und daß die Summe dieses negativen Guten zur Wohlfahrt des Ganzen oft mehr beiträgt, als der lange Lebenslauf eines thätigen Mannes, dessen heftige Leidenschaften in unaufhörlichem Kampfe mit seinen großen, edlen Zwecken stehen. Und dann sind Gelehrsamkeit, Kultur und gesunde Vernunft wieder sehr verschiedne Dinge. Es herrscht unter Menschen von einer sogenannten feineren Erziehung und Bildung so viel Convention, daß es schwer ist, Stoff und Gepräge zu unterscheiden, und wir verwechseln nur gar zu leicht die Grundsätze, welche auf diesem Uebereinkommen beruhen, mit den unwandelbaren Vorschriften der reinen Weisheit. Wir sind nun einmal gewöhnt, nach jenem Richtmaße des Herkommens zu urtheilen und zu denken, oder vielmehr Worte ganz unbefangen zu gebrauchen und nachzusprechen, deren zweideutigen Sinn wir Mühe haben würden, einem ganz rohen Wilden zu erklären; und so halten wir denn Denjenigen für einen Geistesarmen, für einen einfältigen Tropf, der das Wörterbuch der Höflichkeitssprache nicht auswendig weiß, und daher redet, weß das Herz voll ist, also ganz ungeschmückt und unumwunden, aber dabei ganz im Geiste des gesunden Menschenverstandes. Daher wird man nicht selten durch die Urtheile gemeiner Leute, die freilich dem sogenannten Kenner sehr abgeschmackt vorkommen würden, sehr angenehm überrascht, und aus dem Zauber einer falschen, erzwungenen Täuschung gerissen, so daß auf einmal auch in uns der Sinn für wahre, ächte Natur wieder erwacht! Wie oft habe ich im Schauspielhause erst das nüchterne Urtheil der Gallerie erwartet; habe erwartet, was für Eindruck eine Scene auf das unbestochene Volk, das wir Pöbel nennen, machen, -- habe erwartet, ob ein rührender Auftritt allgemeine Stille, oder lautes Gelächter verbreiten würde, um mich zu bestimmen in meinem Urtheil, wie treu der Schriftsteller und Schauspieler die Natur kopiert, oder ob er sie verfehlt oder erreicht habe. Auf den Gebildeten wirkt die Illusion, weil er von Jugend auf in einer Welt voll Täuschungen wandelte; jene aber leben und weben in der Natur und im Reiche der ungeschmückten Wahrheit. Groß ist der Künstler, der durch das Spiel seiner Phantasie, durch seine, die Natur auf's treueste nachahmende Darstellung, auch unkultivirte Menschen vergessen machen kann, daß sie getäuscht werden. Groß ist ferner der Mann, der den Sinn für ungeschminkte Wahrheit nicht in dem Meere von Neben-Ideen, Vorurtheilen und Conventionen ersäuft hat. Aber wie selten trifft man Kunst und Wahrheits-Sinn, Kultur und Einfalt, im schönen Einklange an! -- Lasset uns also Den nicht verachten, der den bessern Theil auf Kosten des schlechtern gerettet hat, und lasset uns ihn ja nicht aufklären, sondern lieber bei solchen Einfältigen in die Schule gehn!

~Gutmüthige~, und dabei ~schwache~ Menschen sind fast als Unmündige zu betrachten, welche der Vormundschaft aller Verständigen und Guten übergeben sind. Man soll ihnen nicht den Beistand versagen, den sie unaufhörlich bedürfen, -- soll, wenn man kann, edle Freunde um sie her zu versammeln suchen, von denen sie nicht gemißbraucht, sondern zu Handlungen bestimmt und gelenkt werden, die eines wohlwollenden Herzens würdig sind. Es gibt Personen, die nichts abschlagen können, wenigstens nicht mündlich; und da geschieht es dann, daß, um niemand zu kränken, oder damit man nicht glaube, daß es ihnen an gutem Willen fehle, sie mehr versprechen, als sie leisten können; mehr hingeben, mehr Arbeit für Andre übernehmen, als sie vernünftiger Weise thun sollten. Andre sind so ~leichtgläubig~, daß sie Jedem trauen, sich Jedem hingeben und aufopfern, Jeden für einen treuen Freund halten, der die Aussenseite des ehrlichen, menschenliebenden Mannes trägt. Noch Andre sind nicht im Stande, für sich etwas zu erbitten, sollten sie auch darüber nichts in der Welt von demjenigen erlangen, worauf sie die billigsten Ansprüche machen dürfen. Ich brauche wohl nicht zu sagen, wie sehr alle diese Schwachen gemißhandelt oder wenigstens vernachlässigt werden; wie man auf die Gutherzigkeit und Dienstfertigkeit der Erstern losstürmt, und wie den Andern die Unverschämtheit alles vor dem Munde wegnimmt, weil sie nicht den Muth haben, zuzugreifen oder ihre Ansprüche geltend zu machen. Mißbrauche keines Menschen Schwäche! Erschleiche von Keinem Vortheile, Geschenke, Verwendung von Kräften, die Du nicht nach den Regeln der strengsten Gerechtigkeit, ohne ihm Verlegenheit und Last aufzuladen, von ihm fordern darfst; suche auch zu verhindern, daß Andre dergleichen thun; mache dem ~Blöden~ Muth! Verwende Dich, rede für ihn, wenn seine Schüchternheit ihn abhält, sein eigener Fürsprecher zu seyn!

Manche Leute haben die Schwachheit, mit ganzer Seele ~gewissen Liebhabereien nachzuhängen~. Sey es nun irgend eine noble Passion: Jagd, Pferde, Hunde, Katzen, Tanz, Musik, Malerei, oder die Wuth, Kupferstiche, Naturalien, Schmetterlinge, Petschafte, Pfeifenköpfe und dergleichen zu sammeln, oder Bau-Geist, Garten-Anlage, Kinder-Erziehung, Mäcenatenschaft, physikalische Versuche -- oder was für ein Steckenpferd sie auch reiten: so dreht sich doch der ganze Kreis ihrer Gedanken immer um diesen Punkt herum; sie reden von keiner Sache so gern, wie von diesem ihrem Lieblings-Gegenstande; jedes Gespräch wissen sie dahin zu lenken. Sie vergessen dann, daß der Mann, welchen sie vor sich haben, vielleicht von keinem Dinge in der Welt weniger versteht, als von diesem, verlangen aber auch dagegen nicht gerade, daß er mit großer Kenntniß davon rede, wenn er nur die Geduld hat, ihnen zuzuhören; wenn er ihre Herrlichkeiten nur mit Aufmerksamkeit betrachtet, nur bewundert, was sie ihm als die größte Seltenheit empfehlen, und Interesse daran zu nehmen scheint. Nun, wer wird denn wohl so hartherzig seyn, diese kleine Freude einem Manne, der übrigens redlich und verständig ist, zu versagen oder zu verkümmern! Vorzüglich empfehle ich Aufmerksamkeit auf die -- doch wie sich's versteht, unschuldigen -- Liebhabereien der Großen, an deren Gunst uns gelegen ist; denn, wie Tristram Shandy anmerkt, so wird ein Hieb, welchen man dem Steckenpferde gibt, schmerzlicher empfunden, als ein Schlag, den der Reiter selbst empfängt.

24.

Mit ~muntern~, ~aufgeweckten Leuten~, die von ächtem Humor beseelt werden, ist leicht und angenehm umzugehen. Ich sage: sie müssen von ~ächtem~ Humor beseelt werden; die Fröhlichkeit muß aus dem Herzen kommen, muß nicht erzwungen, muß nicht eitle Spaßmacherei, nicht Haschen nach Witz seyn. Wer noch von ganzem Herzen lachen, sich den Aufwallungen einer lebhaften Freude überlassen kann: der ist kein ganz böser Mensch. Tücke und Bosheit machen zerstreut, ernsthaft, nachdenkend, verschlossen; +mais un homme, qui rit, ne sera jamais dangereux+. Daraus folgt indessen nicht, daß Jeder, der nicht von fröhlicher Gemüthsart ist, und in der Gesellschaft einsylbig und zurückhaltend an dem Gespräche Theil nimmt, deswegen etwas Böses im Schilde führen sollte. Die Stimmung des Gemüths hängt vom Temperamente, so wie von der Gesundheit und von innern und äussern Verhältnissen ab. Aechte muntre Laune aber pflegt ansteckend zu seyn, und diese Epidemie hat etwas so Wohlthätiges; es ist ein so wahres Seelen-Glück, einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen zu dürfen, daß ich dringend anrathe, sich zur Munterkeit anzufeuern, oder anfeuern zu lassen, und wenigstens ein Paar Stunden in der Woche auf diese Weise der gesitteten Fröhlichkeit zu widmen.

Allein es ist schwer, in lustiger Stimmung, und wenn man dem Witze den Zügel schießen läßt, nicht in einen ~satyrischen~ Ton zu fallen. Was gibt uns reichern Stoff zum Lachen, als das unzählige Heer von Thorheiten der Menschen? Und diese Thorheiten treten am lebhaftesten vor unsre Augen, wenn wir uns die Originale dazu denken, in welchen sie wohnen. Lachen wir nun über die Narrheit, so ist es fast unvermeidlich, auch über den Narren mit zu lachen, und da kann dann dies Lachen sehr ernsthafte, verdrießliche Folgen haben. Wenn ferner unsre Spöttereien Beifall finden, so werden wir verleitet, unsern Witz immer feiner zuzuspitzen, und Andre, denen es ausserdem vielleicht an Stoff zu munterer Unterhaltung fehlen würde, schärfen, durch unser Beispiel verführt, ihre Aufmerksamkeit auf die Mängel ihrer Nebenmenschen: und wohin das führen, welche böse Folgen es haben, und wie leicht es Streit erregen, das Vergnügen zerstören, Feindschaft erwecken könne, das ist theils bekannt genug, theils habe ich darüber schon etwas im ersten Kapitel gesagt. Ich halte es daher für Pflicht, im Umgange mit sehr satyrischen Leuten auf seiner Hut zu seyn. Nicht, daß man sich persönlich vor ihrer spitzen Zunge oder Feder fürchten müßte, denn das zeigt wirklich den höchsten Grad von innerm Bewußtseyn eigener Erbärmlichkeit an; sondern daß man nicht durch sie verführt werde, mit zu lästern; daß man sich und Andern dadurch nicht schade, und daß der Geist der Duldung nicht von uns weiche. Man bezeige daher satyrischen Leuten keinen zu lauten Beifall, bestärke sie nicht in der Gewohnheit, ihren Witz auf andrer Menschen Unkosten spielen zu lassen, und lache nicht mit, wenn sie lästern und schmähen.

Ich sage: man hat gar nicht Ursache, satyrische Leute eigentlich zu fürchten; denn sind sie übrigens edle Männer, so werden sie, wenn sie auch über Thorheiten lachen und spotten, doch den Charakter des redlichen Mannes schonen. Sind sie aber boshafte Spötter, so werden sie sich mehr, als Andern, schaden. -- An den Mann von Würde wagt sich denn auch nicht leicht ein Solcher, wenigstens nicht zum zweiten Mal.

25.

~Trunkenbolde~, grobe ~Wollüstlinge~ und alle andre Arten von ~lasterhaften Menschen~ soll man freilich fliehn, und ihren Umgang, wenn man kann, vermeiden; ist dieß aber durchaus unmöglich, so bedarf es wohl keiner Erinnerung, daß man sich hüten müsse, von ihnen angesteckt, verblendet oder verführt zu werden. Allein das ist nicht genug. Es ist Pflicht, ihren Ausschweifungen, möchten sie solche auch in das gefälligste Gewand hüllen, nicht nachzusehen, sie nicht zu entschuldigen, sondern vielmehr, wo es mit Klugheit geschehen kann, einen erklärten Abscheu dagegen zu zeigen; es ist Pflicht, und recht heilige Pflicht, an unzüchtigen, schmutzigen Gesprächen niemals, und auf keinerlei Art beifälligen Antheil zu nehmen. Man sieht in der großen Welt die sogenannten +agréables débauchés+ mehrentheils die glänzendste Rolle spielen, und in manchen, besonders männlichen Cirkeln, die Unterhaltung auf Zoten und Zweideutigkeiten hinausgehen, wodurch die Phantasie junger Leute erhitzt, mit schlüpfrigen Bildern erfüllt, und die schamloseste Unsittlichkeit weiter ausgebreitet wird. Zu diesem allgemeinen Verderbnisse der Sitten, zur Verspottung, vielleicht gar zur Verachtung der Keuschheit, Nüchternheit, Mäßigkeit und Schamhaftigkeit, darf kein redlicher Mann auch nur das Mindeste beitragen. Er muß vielmehr, so viel an ihm ist, ohne Ansehn der Person, sein Mißfallen daran bestimmt zu erkennen geben, und, wenn er es vergebens versucht hat, Menschen, die auf dem Wege des Lasters wandeln, durch freundschaftliche Warnung und Hinlenkung ihrer Thätigkeit auf würdigere Gegenstände, zu bessern, ihnen wenigstens zeigen, daß er den Sinn für Reinigkeit und Tugend nicht verloren habe, und daß in seiner Gegenwart die Unschuld respektirt werden müsse.

26.