Ueber den Umgang mit Menschen

Part 12

Chapter 123,511 wordsPublic domain

Einen ganz eignen Abschnitt verdienen die ~Enthusiasten~, ~überspannten~, ~romanhaften Menschen~, ~Kraft-Genies~ und ~excentrischen Leute~. Sie leben und weben in einer Atmosphäre von Phantasien, wie ein Fisch im nassen Elemente, und sind geschworne Feinde der kalten Ueberlegung. Mode-Lectüre, Romane, Schauspiele, geheime Verbindungen, Mangel an gründlichen wissenschaftlichen Kenntnissen, und Müßiggang, stimmen einen großen Theil unsrer heutigen Jugend auf diesen Ton; man trifft aber auch Schwärmer mit grauen Köpfen an. Sie streben ohne Unterlaß nach dem Ausserordentlichen und Uebernatürlichen; verachten das nahe liegende Gute, um nach fernen Erscheinungen zu greifen; versäumen das Nöthige und Nützliche, um Plane für das Entbehrliche zu machen; legen die Hände in den Schooß, wo es Pflicht wäre, zu wirken, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts angehen; reformiren die Welt, und vernachlässigen ihre häuslichen Geschäfte; finden das Wichtigste zu klein, und das Abgeschmackteste erhaben; haben eine entschiedene Abneigung gegen alles Deutliche, Verständige und Klare, und predigen das Unbegreifliche. Vergebens stellst Du ihnen die Gründe der gesunden Vernunft entgegen, und bittest sie, zu prüfen; sie werden Dich als einen gemeinen Menschen, ohne Gefühl, ohne Sinn für das Große, verachten, Mitleiden mit Deiner Weisheit zeigen, und sich lieber an ein Paar andre Narren von ähnlichem Schwunge anschließen, die in ihren Unsinn einstimmen. Ist Dir's also darum zu thun, einen solchen Schwärmer zu überzeugen, oder auch nur einen wirksamen Einfluß auf ihn zu erhalten: so müssen Deine Gespräche warm und feurig seyn, und Du mußt mit eben so viel Enthusiasmus der gesunden Vernunft das Wort reden, womit er die Sache seiner Thorheit verficht. Selten aber richtet man überhaupt etwas mit solchen Menschen aus, und es ist am besten gethan, der Zeit ihre Heilung zu überlassen. Indessen steckt zum Unglücke Schwärmerei an, wie der Schnupfen. Wer daher eine sehr lebhafte Einbildungskraft hat, und nicht ganz sicher von der Herrschaft seines Verstandes über dieselbe ist, dem rathe ich, im Umgange mit Enthusiasten jeder Gattung auf seiner Hut zu seyn. Unsere Zeit hat ein unglückseliges Wohlgefallen an religiöser, theosophischer und mystischer Schwärmerei, und bringt Manches zu Ehren, was zum Heil der Welt eine bessere Zeit verlacht und in den Staub geworfen hatte. So hört man z. B. jetzt einen ~Jakob Böhme~ rühmen und preisen, und alle die alten Kirchengesänge, welche in jeder Zeile eine Sünde gegen den guten Geschmack und gegen das gesunde Gefühl begehen, als Meisterstücke der Dichtkunst laut erheben, hört junge Mädchen, schon lange vor ~der~ Periode, in welcher sie von Rechtswegen in die Reihe der Betschwestern treten dürfen, gar andächtig singen, was sie bei gesundem Urtheil und Gefühl zum Lächeln reizen müßte, und dergleichen Erscheinungen mehr, welche beweisen, wie behaglich es dem Menschen in seiner Schwachheit ist, von einem Extrem auf das andere überzuspringen. Ich mag nicht entscheiden, welche von diesen Gattungen der Schwärmerei die gefährlichste ist, halte aber doch dafür, diejenigen, welche auf politische, halbphantastische, halbjesuitische Plane und auf Welt-Reformation hinausgehen, gehören wohl wenigstens nicht zu den unschädlichsten Donquixoterien; ich glaube dieß um so fester, da gerade diese Art von Schwärmer-Systemen am mehrsten Verwirrung im Staate anrichten kann, und die blendendste Aussenseite zu haben pflegt, statt daß die übrigen bald Langeweile machen, und nur schiefe und mittelmäßige Köpfe anhaltend beschäftigen. Man gewöhne sich daher, im Umgange mit den Aposteln solcher Systeme, die jedem Biedermanne sonst so theuren Ausdrücke: Glück der Welt, Freiheit, Gleichheit, Rechte der Menschheit, Religiosität, Christenthum, Glaube und dergleichen, für nichts anders, als für Lockspeise, oder höchstens für gutgemeinte leere Worte zu nehmen, mit denen diese Leute spielen, wie die Schulknaben mit den oratorischen Figuren und Tropen, welche sie in ihren magern Exercitien anbringen müssen.

Kraft-Genies und excentrische Leute lasse man laufen, so lange sie sich noch nicht gänzlich zum Einsperren qualificiren. Die Erde ist so groß, daß eine Menge Narren neben einander Platz darauf hat.

27.

Jetzt noch ein Wort von ~Andächtlern~, ~Frömmlern~, ~Heuchlern~ und ~abergläubischen Leuten~, welche mit den eben beschriebenen nur darin Eine Klasse ausmachen, daß sie eine Freude an der Uebertreibung, und eine Scheu vor dem Vernünftigen haben.

Wem es mit seinen Empfindungen für die Religion, mit seiner Wärme für Gottes-Liebe, Gottes-Furcht und Gottes-Verehrung, und mit seiner Anhänglichkeit an die gottesdienstlichen Gebräuche der Kirche, zu welcher er sich in seinem Herzen bekennt, ein aufrichtiger Ernst ist: der hat die gegründetsten Ansprüche auf unsre Achtung. Sollte er auch das Wesen der Religion, mehr als wir für gut halten, in bloßes Gefühl, ohne allen Gebrauch seiner ihm von Gott verliehenen Leiterin, der Vernunft, setzen: -- sollte auch, unsrer Meinung nach, eine erhitzte Phantasie sich in seine religiöse Empfindungen mischen: -- sollte er auch eine zu große Anhänglichkeit für gewisse Ceremonien, Gebräuche und Systeme haben: so verdient er, wenn er übrigens ein redlicher Mann, ein praktischer Christ ist, Duldung, Schonung und Bruderliebe. Allein um desto verachtungswürdiger ist ein Heuchler und Kopfhänger, ein gleisnerischer Bösewicht, der hinter der Larve der Heiligkeit, Sanftmuth und Religiosität den wollüstigen Verführer, den tückischen Verläumder, Aufrührer, Anhetzer, rachgierigen Bösewicht, oder den fanatischen Verfolger versteckt. Beide Arten von Leuten sind aber nicht schwer zu unterscheiden. Der fromme Edle ist gerade, offen, still und heiter, nicht übertrieben höflich, nicht übertrieben zuvorkommend, noch übertrieben demüthig, aber liebevoll, einfach und zutraulich in seinem Betragen. Er ist nachsichtig, milde und duldend, redet auch nicht viel, ausser mit vertrauten Freunden, über religiöse Gegenstände; der Heuchler hingegen pflegt süß, kriechend, schmeichelnd, immer auf seiner Hut, ein Sclave der Großen, ein Anhänger der herrschenden Parthei, ein Freund der Glücklichen, nie ein Vertheidiger der Verlassenen zu seyn. Er führt Rechtschaffenheit und Religion ohne Unterlaß im Munde, gibt seine reichen Almosen, und erfüllt seine christlichen Liebespflichten mit Geräusch und Aufsehen, tobt und schäumt über den Gottlosen und Lasterhaften, oder entschuldigt fremde Fehler auf solche Weise, daß sie dadurch tausendfältig vergrößert scheinen. Hüte Dich, diesem auf irgend eine Weise in die Hände zu fallen; fliehe ihn; tritt ihm nicht auf den Fuß; beleidige ihn nicht, wenn Dir Deine Ruhe lieb ist!

Abergläubische Leute, die Ammen-Mährchen, Gespenster-Histörchen und dergleichen lieben, und mit großer Ernsthaftigkeit erzählen, sind nicht durch Gründe der Philosophie und durch vernünftige Vorstellungen und Zweifel von ihrem Wahne zu befreien, am wenigsten aber durch Declamationen, Verspottung und Ereiferung. Es ist da kein anderes Mittel, als, ihnen nicht eher zu widersprechen, bis man zugleich eine einzelne Thatsache strenge und kaltblütig untersuchen, und sie mit eignen Augen von dem Betruge oder Ungrunde überzeugen kann, obgleich es wahrlich unbillig ist, daß man Dem, welcher eine übernatürliche Erscheinung behauptet, den Beweis erläßt, und ihn Demjenigen auflegt, der die Rechte der Vernunft vertheidigt.

28.

Nicht toleranter, als die Frömmler, pflegen ihre Gegenfüßler, die ~Deisten~, ~Freigeister~ und ~Religionsspötter~ von gemeiner Art zu seyn. Ein Mann, der unglücklich genug ist, sich von der Wahrheit, Heiligkeit und Nothwendigkeit der christlichen Religion nicht überzeugen zu können, verdient Mitleiden, weil er einen sehr wesentlichen Vorzug, einen kräftigen Trost im Leben und Sterben entbehrt; er verdient mehr, als Mitleiden, er verdient Liebe und Achtung, wenn er dabei seine Pflichten als Mensch und Bürger, so viel an ihm ist, treulich erfüllt, und niemand in seinem Glauben irre macht. Wenn aber die Religionsspötterei in einem lasterhaften Herzen, in der Sucht, durch Witz und Scharfsinn zu glänzen, und in einem wahnsinnigen Dünkel eigener Weisheit und Untrüglichkeit ihre Quelle hat, und darauf ausgeht, Proselyten zu machen, wenn sie öffentlich mit schaalem Witze, oder nachgebeteten voltairischen Floskeln, der Lehren spottet, auf welche andre Menschen ihre einzige Hoffnung, ihre zeitliche und ewige Glückseligkeit bauen; wenn der Religionsverächter verachtet, verleumdet und schimpft, und Jeden einen Heuchler oder heimlichen Jesuiten schilt, der nicht wie ~er~ denkt: so ist ein solcher bösartiger Thor unsrer Verachtung werth, ist werth, daß man ihm diese Verachtung zeige, wäre er auch ein noch so vornehmer Mann; und wenn man es für vergebliche Mühe hält, seinem Gewäsche ernsthafte Gründe entgegenzusetzen: so bringe man ihn wenigstens durch ernsthafte Bekämpfung zum Schweigen!

29.

Ueber die Art, wie man ~schwermüthige~, ~tolle~ und ~rasende Menschen~ behandeln müsse, sollte billig ein philosophischer Arzt ein eignes Werk schreiben. Dieser Mann müßte Leute von der Art in und ausser den Hospitälern aufsuchen, dieselben genau und in verschiednen Jahrszeiten und Mondsveränderungen beobachten, und aus den Resultaten dieser Untersuchungen ein ganzes System ausarbeiten. Mir fehlt es an der Menge von Thatsachen, so wie an medicinischen Kenntnissen dazu, und hier würde eine weitläuftige Abhandlung über diesen Gegenstand auch zu viel Raum wegnehmen, da ich schon so manches Blatt mit Bemerkungen über den Umgang mit ~nicht eingesperrten Narren~ angefüllet habe. Also nur noch wenig Zeilen darüber!

Der wichtigste Punkt scheint bei solchen Kranken anfangs ~der~ zu seyn, daß man die erste Quelle ihres Uebels aufsuche, daß man ausmittle, ob und wie dieselben, entweder durch Zerrüttung einzelner Organe, oder durch Gemüthsleiden, heftige Leidenschaften, oder Unglücksfälle, entstanden seyn. Zu diesem Endzwecke muß man Acht geben, womit sich ihre Phantasie in den Augenblicken der Raserei oder Verwirrung, und ausser denselben, beschäftige, worüber ihre Einbildungskraft brüte. Da würde sich's denn zeigen, daß man, um diese Unglücklichen nach und nach zu heilen, mehrentheils nur auf einen einzigen Punkt zu wirken, in ihnen auf vorsichtige Weise nur eine einzige herrschende Grille zu zerstören oder zu modificiren brauchte. Ferner würde es wichtig seyn, darauf Acht zu geben, welche Art von Wetter-Veränderung, Jahreszeit und Monds-Wandlung Einfluß auf ihre Krankheit habe, um die glücklichen Augenblicke zur Behandlung und Leitung zu nützen. Endlich habe ich bemerkt, daß das Einsperren, und jede harte Verfahrungsart fast immer das Uebel ärger macht. Ich muß bei dieser Gelegenheit mit wahrem, aufrichtigem Lobe der Einrichtung Erwähnung thun, welche im Irrenhause in Frankfurt am Mayn herrscht, und welche ich vielfältig zu beobachten Gelegenheit gefunden habe. Man läßt dort die Wahnsinnigen, wenn es nur irgend ohne Gefahr geschehen kann, wenigstens in ~den~ Jahrszeiten, von welchen man weiß, daß alsdann ihre Tollheit weniger heftig ist, unter unmerklicher Beobachtung frei im Hause und Garten herumgehen; und der Zuchtmeister verfährt so sanft und liebreich mit ihnen, daß viele derselben nach einigen Jahren völlig geheilt wieder herauskommen, und eine größere Anzahl höchstens nur melancholisch bleibt, und allerlei Handarbeiten zu verrichten im Stande ist, indeß diese Menschen in manchen andern Hospitälern durch Einsperren und Härte vielleicht im höchsten Grade wüthend geworden seyn würden.

Man kann aber auch schwache Menschen stufenweise um ihren Verstand bringen, wenn man eine heftige Leidenschaft, von welcher sie regiert werden, sey es Liebe, Hochmuth oder Eitelkeit, nährt, reizt und dann wieder kränkt. Zwei solcher elenden Geschöpfe erinnere ich mich gesehen zu haben. Der eine trug ein Hofnarren-Kleid an dem Hofe des Fürsten von ***. Er war in der Jugend ein Mensch von feinem Kopfe, guten Anlagen und voll Witz gewesen; noch loderten davon in ruhigen Augenblicken Flammen hervor. Er hatte studiren sollen, aber nichts gelernt, sondern sich einem lüderlichen Leben überlassen. Als er darauf in sein Vaterstädtchen zurückkam, behandelte man ihn als einen unwissenden Müssiggänger, und er selbst fühlte, daß er weiter nichts war. Er hatte aber einen ungeheuren Hochmuth, und war nicht gänzlich arm. Von seiner Familie und den Leuten seines Standes verstoßen, fing er nun an, mit den Hofofficianten des Fürsten von *** sich herumzutreiben. Seine lustigen Einfälle zogen sogar die Aufmerksamkeit dieses sehr muntern Herrn auf ihn. Er wurde bald vertraut mit demselben und mit dem ganzen Hofe, wodurch anfangs seine Eitelkeit gekitzelt wurde; doch endigte sich das natürlicher Weise damit, daß man ihn mißbrauchte, und als einen privilegirten Spaßmacher betrachtete. Dieß war indessen immer noch eine Art von Existenz, die ihm behagte, so lange die Sache in gewissen Schranken blieb, und es ihm erlaubt war, auf vertraulichem Fuße mit vornehmen Leuten umzugehen, und ihnen zuweilen derbe Wahrheiten zu sagen. Weil diese aber sich nicht umsonst so weit herablassen wollten, auch nicht zu aller Zeit gleich gut aufgelegt waren, seinen Witz, der zuweilen in das Grobe fiel, anzunehmen: so erfuhr er Demüthigungen aller Art, bekam zuweilen Schläge, und konnte doch nun nicht mehr zurück, indem ihm seine Verwandten und Bekannten in der Stadt mit äusserster Verachtung begegneten, und sein kleines Vermögen geschmolzen war. -- Und so sank er denn immer tiefer. Er wurde gänzlich abhängig vom Hofe; der Fürst ließ ihm eine buntschäckigte Kleidung machen, und es war kein Küchenjunge im Schlosse, der nicht das Recht zu haben glaubte, einen Spaß von ihm zu begehren, oder ihm für einen Schoppen Wein einen Nasenstüber zu geben. Aus Verzweiflung berauschte er sich nun täglich; und war er ja einmal nüchtern, so nagten die Vorstellungen seiner fürchterlichen Lage, das Gefühl der unedlen Rolle, welche er spielte, die Anstrengung, neue Spässe zu erfinden, um nicht auf immer verstoßen zu werden, und sein aufwachender Hochmuth an seiner Seele, indeß er seinen Körper durch Ausschweifungen zerrüttete. Er wurde wirklich ein Narr, und einmal so rasend, daß man ihn ein halbes Jahr hindurch an der Kette verwahren mußte. Als ich ihn sahe, war er ein alter Mann, trieb sich in einem armseligen Zustande umher, wurde als ein verrückter Mensch angesehen, war aber mehr ein Gegenstand des Widerwillens, als des Mitleidens, und hatte doch noch helle Augenblicke, in welchen er ungewöhnlichen Scharfsinn, Witz und Genie verrieth, auch, wenn er einen halben Gulden erbetteln wollte, auf eine feine Weise zu schmeicheln, und mit so schlauer Menschenkenntniß die schwachen Seiten der Leute zu fassen verstand, daß ich nicht wußte, ob ich nicht mehr über die Leute, die ihn so tief hinabgestoßen hatten, als über seine Verirrungen seufzen sollte.

Der andre Mensch, von welchem ich reden wollte, war einst Verwalter auf einem adelichen Gute gewesen, nachher aber auf Pension gesetzt worden. Da nun solchergestalt die Herrschaft nichts mit ihm anzufangen wußte, trieb sie ihren Spaß mit ihm, indem er sehr dumm und zugleich hochmüthig und verliebt war. Sie nannten ihn ~Fürst~, gaben ihm einen Orden, ließen erdichtete Briefe von hohen Potentaten an ihn schreiben, in welchen ihm entdeckt wurde, daß er eigentlich aus einem großen Hause abstamme, aber in seiner Jugend entführt worden sey; daß der Großsultan, welcher unrechtmäßiger Weise seine Länder besäße, ihm nach dem Leben trachtete; daß eine griechische oder hebräische Prinzessinn in ihn verliebt sey, und dergleichen mehr. Es mußten lustige Freunde, als Gesandte verkleidet, in Unterhandlungen mit ihm treten; -- und kurz! nach wenig Jahren brachte man es dahin, daß der arme Tropf wirklich verrückt wurde, und diese Thorheiten glaubte.

Ich enthalte mich aller Anmerkungen über diese beiden Geschichten; der Leser wird sie ohne meine Anweisung machen können.

Nachtrag des Herausgebers[3].

Es ist hier der Ort, eines Geschlechts zu gedenken, welches sich leider seit einiger Zeit so vermehrt und verbreitet hat, daß ein zweiter Linné nöthig wäre, um es nach allen seinen Gattungen und Arten zu klassificiren, nämlich die ~Finsterlinge~. Ich will nur drei Hauptarten beschreiben.

Den ersten Platz nimmt, wie billig, die Klasse der ~theologischen Finsterlinge~ ein. Dieß ist eine alte Rasse, die vor einiger Zeit fast im Aussterben begriffen schien, aber seit Kurzem sich dermaßen besaamt hat, daß man sie jetzt überall wieder antrifft. Sie schimpft noch immer auf die Vernunft, als die Wurzel alles Uebels, und verdammt daher jeden Rationalisten als einen Naturalisten und Atheisten. Um sich durch den weltlichen Arm zu verstärken, da sie ihre innere Schwäche wohl fühlt, flüstert sie den Gewalthabern in's Ohr, daß sie ihr Ansehen nicht behaupten könnten, wenn sie nicht die Forderung des blinden Glaubens mit aller Macht unterstützten. Das Feldgeschrei der Finsterlinge ist daher: »machet die Augen zu, daß euch die Sonne nicht blende.« -- An diese Klasse schließt sich sehr natürlich die der ~politischen Finsterlinge~. Sie lacht zwar insgeheim über jene, da sie wohl merkt, daß die Finsterlinge nur durch sie herrschen wollen; aber da sie aus Erfahrung weiß, daß der weltliche Arm doch zuletzt über den geistlichen siegt, so nimmt sie die Empfehlung des blinden Glaubens utiliter an, um damit die Forderung des blinden Gehorsams zu unterstützen. Die politischen Finsterlinge behaupten demnach, daß, wie nach dem Emanazionssysteme der morgenländischen Weltweisen alle Dinge von Gott ausgeflossen seyen, so auch die fürstliche Gewalt unmittelbar von der göttlichen abstamme: daß sonach die Fürsten, wie Gott, lauter Rechte ohne Pflichten, die Völker hingegen lauter Pflichten ohne Rechte haben; daß eben darum von Verträgen zwischen Fürsten und Völkern, und von Verfassungen, wodurch die Ausübung der fürstlichen Gewalt gesetzlich zu bestimmen sey, gar nicht die Rede seyn dürfe. Wie nun der ersten Klasse das Wort Vernunft ein Gräuel ist, so der zweiten das Wort Freiheit; denn Freiheit, meint sie, sey nur das Losungswort der Rebellen gegen die Fürsten, wie Vernunft das Losungswort der Rebellen gegen die Gottheit. Auch hat sie eine Menge von Geschichten bei der Hand, woraus erhellen soll, daß die Freiheit überall in zügellose Frechheit ausarte (besonders die Preßfreiheit), und Revolutionen erzeuge, wenn man sie nur im mindesten gewähren lasse. Das Feldgeschrei dieser Klasse ist daher: »laßt euch an Ketten legen, damit ihr nicht auf die Nase fallet.«

Die dritte Klasse kann man die ~ästhetisch-philosophischen Finsterlinge~ nennen. Diese ziehen gegen den Verstand zu Felde, und halten es bloß mit dem Gefühle. Jener, sagen sie, kann sich nur in prosaischer Nüchternheit aussprechen, und tummelt sich auf dem Gebiete hohler Begriffe herum, dieses aber hebt den Menschen in poetischer Trunkenheit bis zur unmittelbaren Anschauung des Absoluten selbst. Daher reden sie in lauter Bildern, Orakeln und Hieroglyphen, die sie selbst nicht verstehen, und finden es ganz unausstehlich, wenn jemand es wagt, über irgend einen Gegenstand der Wissenschaft oder Kunst ein klares, bestimmtes und verständliches Wort zu sprechen. Alles ist ihnen Eins: Philosophie und Poesie, Kunst und Religion, Staat und Kirche, Thier und Pflanze, Organisches und Unorganisches, Endliches und Unendliches; denn alles schauen sie in mystischer Verzuckung mit einem und demselben Gefühle der Sehnsucht und Liebe an. »Fühlt, fühlt, fühlt! ist daher ihr Wahlspruch, und solltet ihr auch den Verstand darüber verlieren!«

Was wollen denn nun aber alle diese Finsterlinge? Wollen sie sich in ihrer Blindheit gegen den gewaltigen Strom des geistigen Lebens stemmen, und bewirken, daß er rückwärts wieder dahin fließe, wovon er ausgegangen ist? Die ohnmächtigen Thoren! Der Strom wird unaufhaltsam nach ewigen Gesetzen fortfließen, und sie, selbst wider ihren Willen, mit sich fortreißen, oder -- verschlingen.

So weit der Verf. im Freimüthigen. Es frägt sich: wie man diese Finsterlinge im gesellschaftlichen Umgange behandeln, und wie man sie bekämpfen und ihnen entgegen wirken solle. Daß ein großes Verdienst hiebei zu erwerben sey, darf wohl nicht erst gesagt werden; eben so wenig, daß große Unbefangenheit, Festigkeit und Freimüthigkeit, auch ein wenig Witz und Scharfsinn dazu gehöre, um sie zum Schweigen zu bringen, oder wenigstens unangesteckt zu bleiben. Menschen dieser Art mögen gern durch einen entscheidenden und vornehmen Ton imponiren und abschrecken; sie mögen sich nicht gern auf Gründe einlassen; sie haben allerlei Kunstgriffe, wodurch sie dem, der sie mit Gründen und mit kalter Fassung bekämpft, auszuweichen suchen, oder ihn wo möglich in Verdacht bringen; sie wissen sich das Ansehen des lebendigsten Eifers für die Wahrheit zu geben. Durch das alles suchen sie sich ein Uebergewicht zu verschaffen. Bei dem weiblichen Geschlecht sind sie wohl angesehen, weil sie seinem Hange zum Schwärmen Nahrung geben, und es im Helldunkel umherführen. Man wird sie am glücklichsten bekämpfen, wenn man ihnen eine kalte Besonnenheit und Ruhe entgegensetzt, sie bei dunklen Redensarten und mystischen Kunstgriffen fest hält, und sich Erläuterung ausbittet, als wolle man sich von ihnen belehren, und in ihre Weisheit einweihen lassen; wenn man ihnen allerlei Fragen vorlegt, durch welche sie genöthigt sind, sich näher zu erklären; wenn man sie mit Zweifeln bestürmt, und aus ihren Behauptungen Folgerungen zieht, deren Widersinnigkeit einleuchtet; wenn man solchen Namen, die sie als unverwerfliche Autoritäten anführen, eben so berühmte entgegenstellt, die das Recht der Vernunft, zu prüfen und zu forschen, dargethan und vertheidigt haben; wenn man ihnen besonders den Stifter des Christenthums, und die Reformatoren, als solche in's Gedächtniß bringt, die ihren Zeitgenossen das Licht der Vernunft leuchten ließen, und sie durch ihre ganze Lehrweise ermunterten und nöthigten, ihre Vernunft zu gebrauchen, dem Alten, wenn es die Prüfung nicht aushielt, zu entsagen, und das Neue, weil es besser begründet war, dafür anzunehmen. Man erinnere sie an die Scheiterhaufen, welche die Zeit der Finsterniß gebaut, und an die Religionskriege, die sie entzündet hat, und frage sie, ob sie im Ernst wünschen könnten, diese Zeiten mit ihrem blinden Glauben und ihrer Verketzerungssucht wiederkehren zu sehen. Wer die Vernunft verdächtig macht (so erkläre man sich männlich gegen sie), der kündigt aller Wissenschaft und aller wahren Bildung den Krieg an, und zerstört alle Freiheit, allen Gedanken-Verkehr, und allen wahren Geistesgenuß; der verwandelt die Schulen in Blinden-Anstalten, die Hörsäle in Zuchthäuser, die Kirchen in Schauspielhäuser, die Herrschaft in Sclaverei; der erklärt, daß er auf den Vorzug, selbst zu denken, Verzicht leiste, und bei gesunden Augen und gesunden Füßen sich lebenslang als einen Blinden wolle führen lassen.

Nichts dürfte in unsern Tagen schwerer seyn, als bei guter Vernunft und wahrer Unbefangenheit des Geistes zu bleiben, denn es wird immer mehr herrschender Ton, das Begreifliche zu verwerfen, und das Unbegreifliche als die höchste Weisheit zu rühmen und zu preisen, das Alte zu bewundern, zu erheben und zu loben, müßte es auch mit Verleugnung alles guten Geschmacks und aller gesunden Vernunft geschehen; und den Gefühlen die Entscheidung zu überlassen, müßte auch darüber alle Lebensweisheit zu Grunde gehen. Glücklicher Weise hat sich noch eine gute Zahl von Verständigen und Einsichtsvollen unter uns nüchtern, und bei gesunder Vernunft erhalten, und so ist denn nicht zu fürchten, daß es den Finsterlingen gelingen werde, das Licht auszublasen, welches eine bessere Zeit angezündet hat.

Ueber den

Umgang mit Menschen.

Zweiter Theil.

Einleitung.