Part 13
Der erste Theil dieses Buchs enthält Bemerkungen über den Umgang mit Menschen von allerlei Art, ohne Rücksicht auf ihre besondern Verhältnisse unter einander. Die mannigfaltigen natürlichen, häuslichen und bürgerlichen Verbindungen aber erfordern verschiedene Anwendung der Regeln des Umgangs und neue Vorschriften für einzelne Fälle. Ich rede daher in diesem zweiten Theile zuerst von demjenigen, was wir in der menschlichen Gesellschaft zu beobachten haben, in so fern wir auf Verschiedenheit des Alters und des Geschlechts, auf Blutsfreundschaft, auf die ersten Bande des häuslichen Lebens und auf Freundschaft, Liebe, Dankbarkeit, Wohlwollen, endlich auf die Lagen mancher Art, in welche Menschen aus allen Ständen gerathen können, unser Augenmerk richten. Der dritte Theil aber wird die Pflichten entwickeln, die uns Stand, bürgerliche Verbindung, Uebereinkunft und alle übrigen zusammengesetztern Verhältnisse auflegen.
Erstes Kapitel.
Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter.
1.
Der Umgang unter Menschen von gleichen Jahren scheint freilich viel Vorzüge und Annehmlichkeit zu haben. Aehnlichkeit in der Denkungsart, und wechselseitige Austauschung solcher Ideen, die gleich lebhaft die Aufmerksamkeit und die Theilnahme erregen, ketten die Menschen an einander. Jedem Alter sind gewisse Neigungen und leidenschaftliche Triebe eigen. In der Folge der Zeit verändert sich die Stimmung; man rückt nicht so fort mit dem Geschmacke und der Mode; das Herz ist nicht mehr so warm, faßt nicht so leicht Interesse an neuen Gegenständen; Lebhaftigkeit und Phantasie werden herabgestimmt; manche glückliche Täuschungen sind verschwunden; viel Gegenstände, die uns theuer waren, sind um uns her abgestorben, entwichen, unsern Augen entrückt; die Gefährten unserer glücklichen Jugend sind fern von uns, oder schlummern schon im Grabe; der Jüngling hört die Erzählungen von den Freuden unserer schönsten Jahre nur aus Gefälligkeit ohne Gähnen an. Gleiche Erfahrungen geben reichhaltigern Stoff zur Unterhaltung, als wenn das, was ein Mensch erlebt hat, dem Andern ganz fremd ist. -- Das alles leidet keinen Widerspruch; doch rückt Verschiedenheit der Temperamente, der Erziehung, der Lebensart und der Erfahrungen diese Grenzlinien oft vor und zurück. Viele Menschen bleiben in gewissem Betrachte ewig Kinder, indeß Andere vor der Zeit Greise werden. Der an Leib und Seele abgestumpfte Jüngling, der alle Welt-Lüste bis zum Ekel geschmeckt hat, findet freilich wenig Genuß im Kreise junger unschuldiger Landleute, die noch Sinn für einfache Freuden haben: und der alte Biedermann, der nicht weiter, als höchstens in einem Umkreise von fünf Meilen sich von seiner Heimath entfernt hat, ist unter einem Haufen erfahrner und belebter Residenz-Bewohner, mit ihm von gleichem Alter, eben so wenig an seinem Platze, wie ein betagter Kapuziner in einer Gesellschaft von alten Gelehrten. Dagegen aber binden auch manche Neigungen, zum Beispiel die noblen Passionen der Jagd, des Spiels, der Medisance und des Trunks, vielfältig Greise, Jünglinge und alte Weiber recht herzlich an einander; diese Ausnahme von jener allgemeinen Bemerkung, von der Bemerkung: daß der Umgang unter Leuten von gleichen Jahren viel Vorzüge habe, kann indessen die Vorschriften nicht unkräftig machen, die ich jetzt über das Betragen, welches man im Umgange mit Menschen von verschiedenem Alter zu beobachten hat, mittheilen will. Nur muß ich noch eine Anmerkung hinzufügen: Es ist nicht gut, wenn eine zu bestimmte Absonderung unter Personen von verschiedenem Alter Statt findet, wie es zum Beispiel lange in Bern war, wo fast jedes Stufenjahr seine eignen, angewiesenen, gesellschaftlichen Cirkel hatte, so daß, wer vierzig Jahre alt war, anständiger Weise nicht mit einem Jünglinge von fünf und zwanzig Jahren umgehen konnte. Die Nachtheile eines solchen conventionellen Gesetzes sind wohl nicht schwer einzusehen. Der Ton, den die Jugend annimmt, wenn sie immer sich selbst überlassen ist, pflegt nicht der sittlichste zu seyn; manche gute Einwirkung wird verhindert; und alte Leute bestärken sich in der Selbstsucht, im Mangel an Duldung, und werden mürrische Hausväter, wenn sie keine andre, als solche Menschen um sich sehen, die mit ihnen gemeinschaftliche Sache machen, sobald von Lobeserhebung alter Zeiten und Heruntersetzung der gegenwärtigen, deren Ton und Vorzüge sie nie kennen lernen, die Rede ist.
2.
Selten nehmen ältere Leute so billige Rücksicht, daß sie sich in Gedanken an die Stelle jüngerer Personen setzten, die Freuden derselben nicht störten, sondern vielmehr zu befördern, und durch Theilnahme zu erhöhen suchten. Sie denken sich nicht in ihre eigenen Jugendjahre zurück; Greise verlangen von Jünglingen dieselbe ruhige, nüchterne, kaltblütige Ueberlegung, Abwägung des Nützlichen und Nöthigen gegen das Entbehrliche, dieselbe Gesetztheit, die ihnen Jahre, Erfahrung und physische Herabspannung gegeben haben. Die Spiele der Jugend scheinen ihnen unbedeutend, die Scherze leichtfertig. Es ist aber auch wahrlich erstaunlich schwer, sich so ganz in die Lage zurück zu denken, in welcher wir vor zwanzig oder dreißig Jahren waren, und bei dem besten Willen entstehen daraus manche unbillige Urtheile und manche Uebereilungen bei Erziehung der Jugend. -- O! lasset uns doch lieber selbst so lange als möglich jung bleiben, und, wenn der Winter unsers Lebens unser Haar bleicht, und nun das Blut langsamer durch die Adern rollt, das Herz nicht mehr so warm und laut im Busen pocht, doch mit theilnehmender Freude auf unsre jüngern Brüder herabsehen, die noch Frühlings-Blumen pflücken, wenn wir, dicht eingehüllt, am häuslichen, väterlichen Heerde Ruhe suchen! Lasset uns nicht durch platte Gemeinsprüche die süßen Freuden der Phantasie niederpredigen! Wenn wir zurückschauen auf ~jene seligen Tage~, wo ein einziger Liebesblick des holden Mädchens, das jetzt eine alte runzligte Matrone ist, uns bis in den dritten Himmel entzückte; wo bei Musik und Tanz jede Nerve in uns wiederhallte; wo Scherz und Witz jeden trüben Gedanken verjagten; wo süße Träume, Ahndungen und Hoffnungen, unser Leben erheiterten; -- o! so lasset uns doch diese glückliche Periode bei unsern Kindern zu verlängern trachten, und, so viel möglich, an ihrem Wonnegefühle Theil nehmen! Mit zärtlicher Ehrerbietung drängen sich dann Kind, Knabe, Mädchen und Jüngling um den freundlichen alten Mann, der sie zu unschuldiger Fröhlichkeit aufmuntert. Ich bin als Jüngling mit so liebenswürdigen alten Damen umgegangen, daß ich wahrlich, wenn ich die Wahl gehabt hätte, an ihrer Seite lieber mein Leben hingebracht haben würde, als bei manchen hübschen, jungen Mädchen; und wenn bei großen Tafeln mich, als einen jungen Menschen, die Reihe traf, neben einer geistesarmen Schönheit Platz zu nehmen, habe ich oft den Mann beneidet, dem sein Rang ein Recht gab, der Nachbar einer verständigen, muntern alten Frau zu seyn.
3.
So schön aber diese gutmüthige Herablassung zu der Stimmung der Jugend ist, so lächerlich muß es uns vorkommen, wenn ein Greis so sehr Würde und Anstand verleugnet, daß er in Gesellschaft den Stutzer oder den lustigen Studenten spielt; wenn die Dame ihre vier Lustra vergißt, sich wie ein junges Mädchen kleidet, herausputzt, kokettirt, die alten Gliedmaßen beim Tanze durch einander wirft, oder gar späteren Generationen Eroberungen streitig machen will. Solche Scenen bewirken Verachtung: nie müssen Personen von gewissen Jahren Gelegenheit geben, daß die Jugend ihrer spotte, und die Ehrerbietung, oder irgend eine der Rücksichten vergesse, die man ihnen schuldig ist.
4.
Es ist indessen nicht genug, daß der Umgang älterer Leute den jüngern nicht lästig und hinderlich werde: er muß ihnen auch Nutzen schaffen. Eine größere Summe von Erfahrungen berechtigt und verpflichtet Jene, Diese zu unterrichten, zurechtzuweisen, ihnen durch Rath und Beispiel nützlich zu werden. Dieß muß aber ohne Pedanterei, ohne Stolz und Anmaßung geschehen, ohne auf eine lächerliche Weise alles anzupreisen, was alt, und alles zu verwerfen, was neu ist, ohne beständige Huldigung und unterthänige Aufwartung zu fordern, ohne Langeweile zu erregen, und ohne sich aufzudringen. Man soll sich vielmehr aufsuchen lassen; und das wird gewiß nicht fehlen, da gutgeartete junge Leute sich's zur Ehre zu rechnen pflegen, mit freundlichen und verständigen Greisen umgehen zu dürfen, und es der Unterhaltung mit einem solchen, der so Manches gesehen und erlebt hat, und davon gut zu erzählen weiß, nicht an Reiz fehlt.
5.
So viel über das Betragen bejahrter Personen gegen jüngere Leute! Jetzt noch etwas von dem Betragen der Jünglinge im Umgange mit Männern und Greisen!
In unsern, von Vorurtheilen so säuberlich gereinigten, aufgeklärten Zeiten werden manche Empfindungen, welche die Natur uns eingeprägt hat, wegvernünftelt. Dahin gehört denn auch das Gefühl der Ehrerbietung gegen das hohe Alter. Unsre Jünglinge werden früher reif, früher klug, früher gelehrt; durch fleißige Lectüre, besonders der wohlgefüllten Journale, ersetzen sie, was ihnen an Erfahrung und Einsicht fehlt; dieß macht sie so weise, über Dinge entscheiden zu können, wovon man ehemals glaubte, es würde vieljähriges, ämsiges Studium dazu erfordert, nur einigermaßen ~klar~ darinn zu ~sehen~. Daher entsteht auch jenes kühne Selbstvertrauen und jene stolze Zuversicht, die schwächere Köpfe für Unverschämtheit halten, jene Ueberzeugung des eignen Werths, mit welcher unbärtige Knaben heut zu Tage auf alte Männer herabsehen, und alles verwerfen und verurtheilen, was nicht mit ihrer untrüglichen Ansicht übereinstimmt. Das Höchste, was ein Mann von ältern Jahren von diesen gestrengen Richtern erwarten darf, ist gnädige Nachsicht, züchtigende Kritik, wohlmeinende Zurechtweisung und Mitleiden mit ihm, der das Unglück gehabt hat, nicht in diesen glücklichen Tagen, in welchen die Weisheit, ungesäet und ungepflegt, wie Manna vom Himmel regnet, geboren worden zu seyn. Ich, der ich auch das Schicksal gehabt habe, in einem Jahre zur Welt zu kommen, in welchem der größte Theil der Polyhistoren, von denen ich hier rede, ihre jetzt so scharfen Zähne noch am Wolfszahn übten, oder gar noch Embryonen waren, -- ich habe es nicht zu jenem Grade der Aufklärung bringen können, und muß daher um Verzeihung bitten, wenn ich hier einige Regeln zu geben wage, die ziemlich nach der alten Mode schmecken werden. -- Doch zur Sache!
6.
Es gibt viel Dinge in dieser Welt, die sich durchaus nicht anders, als durch Erfahrung lernen lassen; es gibt Wissenschaften, die durchaus ein anhaltendes Studium, vielfaches Betrachten von verschiednen Seiten, und kältres Blut erfodern, daß ich glaube, auch das feurigste Genie, der feinste Kopf, sollte einem bejahrten Manne, der, selbst bei schwächern Geistesgaben, Alter und Erfahrung auf seiner Seite hat, in den mehrsten Fällen einiges Zutrauen, einige Aufmerksamkeit nicht versagen. Und wäre auch nicht von wissenschaftlichen Fächern die Rede, so ist doch wohl im Ganzen unleugbar, daß die Summe mannigfaltiger Erfahrungen, die jeder in der Welt lebende Mann in einer langen Reihe von Jahren einsammelt, ihn in den Stand setzt, schwankende Ideen zu berichtigen, idealische Grillen zu vertreiben und diejenigen zurecht zu weisen, die von ihrer aufgeregten Phantasie, ihrem warmen Blute und reizbaren Nerven irre geführt werden, und sie dahin zu bringen, daß sie die Menschen und die Dinge um sich her aus einem richtigern Gesichtspunkte betrachten. Endlich dünkt es mich so schön, so edel, Dem, welcher nun nicht lange mehr die Genüsse und Freuden dieser Welt schmecken kann, den Rest seines Lebens, in welchem gewöhnlich Sorgen und Kümmernisse zunehmen und der Genuß abnimmt, so leicht als möglich zu machen, daß ich kein Bedenken trage, dem Jünglinge und Knaben die uralte Lehre auf's neue zuzurufen: »Vor einem grauen Haupte sollst Du aufstehen! Ehre das Alter! Suche den Umgang ältrer kluger Leute! Verachte nicht den Rath der kältern Vernunft, die Warnung des Erfahrnen! Thue dem Greise, was Du willst, daß man Dir thun solle, wenn einst Deiner Scheitel Haar versilbert seyn wird! Pflege seiner, und verlaß ihn nicht, wenn die wilde, leichtfertige Jugend ihn flieht!«
Uebrigens aber ist es auch gewiß, daß es sehr viele alte Gecke gibt, an welchen sich das Sprichwort: »Alter schadet der Thorheit nicht,« bewährt, und dagegen hie und da weise Jünglinge, die schon geerntet haben, wo Andre noch kaum ihr Handwerksgeräthe zum Graben und Pflügen schleifen.
7.
Nun noch etwas von dem Umgange mit Kindern; aber nur sehr wenig! Denn hiervon weitläuftig reden, das hieße, ein Werk über Erziehung schreiben, und dieß ist ja nicht mein Zweck.
Der Umgang mit Kindern hat für einen verständigen Mann unendlich viel Interesse. Hier sieht er das Buch der Natur in unverfälschter Ausgabe aufgeschlagen. Er sieht den wahren, einfachen Grundtext, den man nachher nur unter dem Wuste von fremden Glossen, Verzierungen und Verbrämungen herausfinden kann; die Anlage zu der Eigenthümlichkeit des Charakters, die nachher leider gewöhnlich entweder ganz verloren geht, oder sich hinter der Larve der feinern Lebensart und hinter conventionelle Rücksichten versteckt, liegt noch offen da: über viele Dinge urtheilen Kinder, von Systemgeist, Leidenschaft und Gelehrsamkeit unverführt, weit richtiger, als Erwachsene; sie empfangen manche Eindrücke weit schneller, haben noch eine große Anzahl Vorurtheile weniger gefaßt. -- Kurz, wer Menschen studiren will, der versäume nicht, sich unter Kinder zu mischen! Allein der Umgang mit denselben erfordert auch eine Vorsicht und Behutsamkeit, eine Klugheit und Selbstbeherrschung, die im Umgange mit ältern Personen unnöthig ist. Heilige Pflicht ist es, ihnen auf keine Weise Aergerniß zu geben; sich leichtfertiger Reden und Handlungen zu enthalten, die von niemand so lebhaft, als von den, auf alles Neue so aufmerksam horchenden, und Alles so fein beobachtenden Kindern aufgefangen werden; ihnen in jeder Art Tugend, in Wohlwollen, Treue, Aufrichtigkeit und Anständigkeit Beispiel zu geben; -- kurz, zu ihrer Bildung alles nur Mögliche beizutragen.
Immer herrsche Wahrheit in Deinen Reden und in Deinem Betragen gegen diese jungen Geschöpfe! Laß Dich herab (jedoch nicht auf eine Weise, die ihnen selbst lächerlich vorkommen muß) zu dem Tone, der ihnen nach ihrem Alter verständlich ist! Zerre, täusche und necke die Kinder nicht, wie einige Leute die Gewohnheit haben! -- das hat böse Einflüsse auf den Charakter.
Gutgeartete Kinder werden durch einen ganz eignen Sinn zu edlen, liebevollen Menschen hingezogen, wenn diese sich auch nicht besonders mit ihnen zu thun machen, da sie hingegen Andre fliehen, ob sie ihnen gleich ausserordentlich gefällig sind. Reinheit, Güte und Einfalt des Herzens, ist das große Zauberband, wodurch dieß bewirkt wird, und dafür lassen sich also keine Vorschriften geben.
Daß das Herz des Vaters und der Mutter an ihren Kindern hängt, ist sehr natürlich; eine Klugheits-Regel ist es also, wenn uns an der Gunst der Eltern gelegen ist, ihre geliebten Kinder nicht zu übersehen, sondern ihnen einige Aufmerksamkeit zu widmen! Weit entfernt von uns aber bleibe es, den ungezogenen Knaben und Mädchen der Großen niederträchtiger Weise zu schmeicheln, dadurch den Hochmuth, den Eigensinn und die Eitelkeit dieser mehrentheils schon so sehr verderbten kleinen Geschöpfe zu nähren, und ihre moralische Ausartung recht geflissentlich zu befördern, indem man das Grundgesetz der Natur übertritt, welches gebietet, daß das Kind dem reifen Alter, nicht aber der Mann dem Knaben huldige!
Vor allen Dingen hüte man sich auch, wenn Eltern in unserer Gegenwart ihren Kindern Verweise geben, die Parthei der Kinder zu nehmen! denn dadurch werden diese in ihrer Unart bestärkt, und jene in ihrem Erziehungsplane gestört.
Zweites Kapitel.
Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden.
1.
Das erste und natürlichste Band unter den Menschen, nächst der Vereinigung zwischen Mann und Weib, ist von jeher das Band zwischen Eltern und Kindern gewesen. Wenn gleich die Erzeugung an sich nicht eigentlich absichtliche Wohlthat für die neue Generation ist, so gibt es doch wohl wenig Menschen, die nicht ganz gut damit zufrieden wären, daß jemand sich die Mühe gegeben hat, sie in die Welt zu setzen; und obgleich in unsern Staaten die Eltern ihre Kinder nicht bloß aus freiem Willen auferziehen, nähren und pflegen, so ist es doch abgeschmackt, zu sagen: die Sorge und Beschwerde, welche dieß erfordert und nach sich zieht, lege keine Art von Verbindlichkeit auf, oder: es sey nicht wahr, daß ein Zug von Wohlwollen, Sympathie und Dankbarkeit uns denen Personen näher bringe, deren Fleisch und Blut wir sind, unter deren Herzen wir gelegen, die uns genährt, für uns gewacht, gesorgt, die alles mit uns getheilt haben. Es ist Versündigung gegen die Natur, dieß zu behaupten.
Unmittelbar auf diese folgt die Verbindung unter den Zweigen ~eines~ Stammes. Die Mitglieder derselben Familie, durch ähnliche Organisation, gleichförmige Erziehung und gemeinschaftliches Interesse harmonisch gestimmt und an einander geknüpft, fühlen für einander, was sie für Fremde nicht fühlen; und fremder werden ihnen die Menschen, je mehr sich dieser Kreis erweitert.
Vaterlands-Liebe ist schon ein zusammengesetzteres Gefühl, aber immer noch inniger, wärmer und lebhafter, als Weltbürger-Geist, für einen Menschen, der nicht, früh verwiesen aus der bürgerlichen Gesellschaft, ein Abentheurer geworden ist, und von Land zu Land irrend, kein Eigenthum und keinen Sinn für bürgerliche Pflichten gewonnen hat. Wer die Mutter nicht liebt, deren Brüste er gesogen hat; wessen Herz bei dem Anblicke der Gefilde nicht warm wird, in welchen er die unschuldigen, glücklichen Jahre seiner Jugend fröhlich und sorgenlos verlebt hat: -- was für ein Eifer oder welche Theilnahme für das Wohl der Gesellschaft läßt sich von einem Solchen erwarten, da Eigenthum, Moralität, und alles, was den Menschen auf dieser Erde irgend theuer seyn kann, doch am Ende auf Erhaltung und Werthschätzung jener Familien- und Vaterlands-Bande beruhet?
Daß aber diese Bande täglich lockrer werden, beweist nichts, als daß wir uns täglich weiter von der edlen Ordnung der Natur und deren Gesetzen entfernen; und wenn ein schiefer Kopf, den sein Vaterland als ein unbrauchbares Mitglied ausstößt, weil er sich den Gesetzen nicht unterwerfen will, unzufrieden mit dem Zwange, den ihm Sittlichkeit und bürgerliches Gesetz auflegen, behauptet, es sey des Philosophen würdig, alle engere Verbindungen aufzulösen, und kein anderes Band anzuerkennen, als das allgemeine Bruderband unter allen Erdbewohnern: so beweist das nichts weiter, als daß keine Behauptung so widersinnig und so närrisch ist, die nicht in unsern Tagen in irgend einem philosophischen Systeme als Grundpfeiler aufgestellt würde. -- Glückliches Jahrhundert, in welchem man so große Entdeckungen macht, wie zum Beispiel: daß man, um lesen zu lernen, nicht mit den Buchstaben und Silben bekannt zu seyn brauche, und daß man, um alle Menschen zu lieben, keinen Einzelnen lieben dürfe! Jahrhundert der Universal-Arzeneien, der Philalethen, Philantropen, Alchymisten und Cosmopoliten! wohin wirst Du uns noch führen? Ich sehe im Geiste allgemeine Aufklärung sich über alle Stände verbreiten; ich sehe den Bauer seinen Pflug müßig stehen lassen, um dem Fürsten über Gleichheit der Stände und über die Schuldigkeit, die Last des Lebens gemeinschaftlich zu tragen, eine Vorlesung zu halten; ich sehe, wie Jeder die ihm unbequemen Vorurtheile wegraisonnirt, wie Gesetze und bürgerliche Einrichtung der Willkühr weichen, wie der Klügre und Stärkre sein natürliches Herrscher-Recht zurückfordert, und seinen Beruf, für das Beste der ganzen Welt zu sorgen, auf Kosten der Schwächern gültig macht; wie Eigenthum, Staats-Verfassungen und Grenzlinien aufhören, wie Jeder sich selbst regiert, und sich ein System zur Befriedigung seiner Triebe erfindet. -- O gebenedeietes, goldenes Zeitalter! dann machen wir Alle nur ~eine~ Familie aus; dann drücken wir den edeln, liebenswürdigen Menschenfresser brüderlich an unsre Brust, und wandeln, wenn dies Wohlwollen sich erweitert, endlich auch mit dem genialen Orang-Outang Hand in Hand durch dies Leben. Dann fallen alle Fesseln ab; dann schwinden alle Vorurtheile; ich brauche nicht meines Vaters Schulden zu bezahlen, habe nicht nöthig, mich mit ~einem~ Weibe zu begnügen, und das Schloß vor meines Nachbars Geldkasten ist kein Hinderniß, mein angeborenes Recht auf das Gold, das die mütterliche Erde uns Allen darreicht, in Ausübung zu bringen[4].
So weit sind wir nun aber noch nicht gekommen; und da es viele Menschen gibt, unter die auch ich gehöre, die sich von der Schwachheit nicht losmachen können, ihre Verwandten zu lieben, und Sinn für häusliche Freuden, für das Familienband zu haben, so will ich doch hier einige Bemerkungen über den Umgang unter Blutsfreunden liefern.
2.
Es gibt Eltern, die, in einem beständigen Wirbel von Zerstreuungen umhergetrieben, ihre Kinder kaum ein Paar Stunden des Tages sehen, ihren Vergnügungen nachrennen, und indeß Miethlingen die Bildung ihrer Söhne und Töchter überlassen, oder, wenn diese schon erwachsen sind, mit ihnen auf einem so fremden, höflichen Fuße leben, als ob sie ihnen gar nicht angehörten. Wie unnatürlich und unverantwortlich ein solches Verfahren sey, das bedarf wohl keines Beweises. Es gibt aber andre Eltern, die von den Kindern eine so sclavische Ehrerbietung und so viel peinliche Rücksichten und Aufopferungen fordern, daß durch den Zwang und den gewaltigen Abstand, der hieraus entsteht, alles Zutrauen, alle Herzens-Ergießung wegfällt, so daß den Kindern die Stunden, welche sie an der Seite ihrer Eltern hinbringen müssen, fürchterlich und langweilig vorkommen. Noch Andre vergessen, daß Knaben auch endlich Männer werden; sie behandeln ihre erwachsenen Söhne und Töchter immer noch wie kleine Unmündige, gestatten ihnen nicht den geringsten freien Willen, und trauen den Einsichten derselben nicht das Mindeste zu. -- Das alles sollte nicht so seyn. Ehrerbietung besteht nicht in feierlicher, kalter und strenger Entfernung, sondern kann recht gut mit liebevoller Vertraulichkeit und freier Mittheilung bestehen. Man liebt Den nicht, an welchen man kaum hinauf zu schauen wagen darf; man vertrauet sich dem nicht, der immer mit steifem Ernste Gesetz predigt; Zwang tödtet alle edle, freiwillige Hingebung. Was kann hingegen entzückender seyn, als der Anblick eines geliebten Vaters mitten unter seinen erwachsenen Kindern, die nach seinem weisen und freundlichen Umgange sich sehnen, keinen Gedanken ihres Herzens vor ~dem~ verbergen, der ihr treuester Rathgeber, ihr nachsichtsvoller Freund ist, der an ihren unschuldigen, jugendlichen Freuden Theil nimmt, oder sie wenigstens nicht stört, und mit ihnen als mit seinen besten und natürlichsten Freunden lebt! -- Eine Verbindung, zu welcher sich alle Empfindungen vereinigen, die nur den Menschen theuer seyn können. -- Stimme der Natur, Sympathie, Dankbarkeit, Aehnlichkeit des Geschmacks, gleiches Interesse und Gewohnheit des Umgangs! Allein diese Vertraulichkeit kann auch übertrieben werden, und ich kenne Väter und Mütter, die sich dadurch verächtlich machen, daß sie die Gefährten der Ausschweifungen ihrer Kinder, oder gar, wenn diese besser sind, als sie selbst, mit ihren Lastern, die sie nicht einmal zu verbergen suchen, das Gespötte oder der Abscheu derer werden, denen sie ein Vorbild der Tugend seyn sollten.
3.