Part 14
Es ist in unsern Tagen nichts Seltenes, Kinder zu sehen, die ihre Eltern vernachlässigen, oder undankbar, unehrerbietig und unedel behandeln. Die Jünglinge finden ihre Väter nicht weise, nicht unterhaltend, nicht aufgeklärt genug. Das Mädchen hat Langeweile bei der alten Mutter, und vergißt, wie manche langweilige Stunde diese bei seiner Wiege, bei Wartung desselben in gefährlichen Krankheiten, oder bei den kleinen schmutzigen Arbeiten zugebracht, wie sie sich in den schönsten Jahren ihres Lebens so manches Vergnügen versagt hat, um für die Erhaltung und Pflege des kleinen ekelhaften Geschöpfs zu sorgen, das vielleicht ohne diese Sorgfalt nicht mehr da seyn würde. Die Kinder vergessen, wie viel schöne Stunden sie ihren Eltern durch ihr betäubendes Geschrei verdorben, wie viel schlaflose Nächte sie dem sorgsamen Vater gemacht haben, der alle Kräfte aufbot, für seine Familie zu arbeiten, der sich so manche Bequemlichkeit entziehen, so mancher Beschwerde unterwerfen, und vielleicht vor Schurken sich krümmen mußte, um Unterhalt für die Seinigen zu erringen. Gutgeartete Gemüther werden indessen nie so sehr das Gefühl der Dankbarkeit ersticken, daß sie meiner Ermahnungen bedürften; und für niedre Seelen schreibe ich nicht. Nur erinnere ich, daß, wenn auch Kinder Ursache hätten, sich der Schwachheiten, oder gar der Laster ihrer Eltern zu schämen, sie doch weiser und edler handeln, wenn sie die Fehler derselben so viel möglich zu verstecken suchen, und im äussern Umgange nie die Ehrerbietung aus den Augen setzen, die sie ihnen auch selbst bei Verirrungen und Fehltritten schuldig sind. Segen des Himmels und Achtung aller gutgesinnten Menschen sind der sichere Preis der Sorgfalt, welche die Söhne und Töchter auf die Pflege, Erhaltung und liebevolle Behandlung ihrer Eltern verwenden. Traurig ist die Lage eines Kindes, welches durch die Uneinigkeit, in welcher seine Eltern leben, oder durch ihre leidenschaftlichen Ausbrüche in Verlegenheit geräth, Parthei ~für~ oder ~gegen~ Vater oder Mutter nehmen zu sollen. Vernünftige Eltern werden es aber immer sorgfältig vermeiden, ihre Kinder in solche unglückliche Zwistigkeiten zu verwickeln, und gute Kinder werden dabei mit Vorsichtigkeit und Zartgefühl zu Werke gehen, und sich eben so sehr von Redlichkeit und Klugheit leiten lassen.
4.
Man hört so oft darüber klagen, daß man unter fremden Leuten mehr Schutz, Beistand und Anhänglichkeit finde, als bei seinen nächsten Blutsfreunden; allein ich halte diese Klage größtentheils für ungerecht. Freilich gibt es unter Verwandten Menschen ohne Liebe und Theilnahme, und in einer zahlreichen Familie müssen sie allerdings häufiger vorkommen, so daß wohl Mancher unter Fremden mehr Wohlwollen und Zuneigung findet, als unter seinen nächsten Anverwandten; aber wer dies Schicksal hat, spreche sich nicht von der Verschuldung frei, und seufze nicht zu sehr darüber, wenn ihm nahe Verwandte Theilnahme und Aufmerksamkeit schuldig bleiben; und suche Trost bei der Freundschaft. Auch fordert man wohl oft von seinen Herren Oheimen und Frauen Basen mehr, als man billiger Weise verlangen sollte. Unsre politischen Verfassungen, und der täglich mehr überhandnehmende Luxus machen es wahrlich nothwendig, daß Jeder vor allem für sein Haus, für Weib und Kinder sorge, und die Herren Vettern für sich selbst sorgen lasse, die oft, als unwissende und verschwenderische Tagediebe, in der sichern Zuversicht, von ihren mächtigen und reichen Verwandten nicht verlassen zu werden, sorglos in die Welt hinein leben. Unmöglich kann der Mann, dem Pflicht und Gewissen heilig sind, solche Erwartungen befriedigen, ohne ungerecht gegen Andre zu handeln. Um nun diesen unangenehmen Collisionen sich nie auszusetzen, rathe ich, zwar die herzliche Vertraulichkeit, die den Umgang im Familien-Kreise so angenehm macht, nicht zu verletzen, aber so wenig als möglich bei Blutsfreunden Erwartungen von Unterstützungen und Schutz zu nähren und zu erwecken, wohl aber jede Gelegenheit, sich seiner Verwandten anzunehmen, in so fern es ohne Unbilligkeit gegen bessere Menschen geschehen kann, freudig zu ergreifen, ohne gerade zu fordern, daß es immer mit Dankbarkeit erkannt und mit Klugheit benutzt werden solle. Dagegen ist es höchst gewissenlos, wenn man sich von der Vorliebe für Verwandte verleiten läßt, Menschen ohne Talent und ohne guten Willen zu wichtigen Aemtern zu verhelfen, und Verdienstvolle zurückzudrängen.
Ausserdem läßt sich auf den Umgang mit Verwandten noch dasjenige anwenden, was weiter unten von dem Umgange unter Eheleuten und Freunden wird gesagt werden, nämlich, daß Menschen, die sich lange kennen, und oft ohne Larve und Schminke sehen, doppelt vorsichtig in ihrem Betragen seyn müssen, damit einer des Andern nicht müde, und wegen kleiner Fehler nicht blind gegen größere Tugenden werde.
Endlich wäre es auch zu wünschen, daß zahlreiche Familien in mittlern Städten nicht ganz ausschließend ~unter sich~ leben möchten, weil dadurch die Gesellschaft in kleine abgesonderte Theile zerschnitten wird, und eine starre Einseitigkeit und Eintönigkeit sich erzeugt, neben der Selbstsucht, die ebenfalls durch solche Abgeschlossenheit eine zu reiche Nahrung erhält, und neben der Unfreundlichkeit, mit welcher gewöhnlich Fremde in solchen Familien behandelt werden, so daß sie gleichsam verrathen und verkauft sind.
Doch nun noch ein Paar Anmerkungen! Die erste: alte Vettern und Tanten, besonders unverheirathete, pflegen so gern zu hofmeistern, ihre podagrischen und hysterischen Launen an ihren erwachsenen Nichten und Neffen auszulassen, und diese zu behandeln, als liefen sie noch im Rollwägelchen herum. -- Ich denke, das sollten sie bleiben lassen. Dadurch sind wirklich die alten Tanten und Onkel zum Sprichworte geworden, und manche Erbschaft wird doch in der That zu theuer erkauft, wenn man dafür so viel einschläfernde, saft- und kraftlose Predigten anhören muß. Auch sorgen alte Leute gar schlecht für sich selbst und ihren Lebensabend, wenn sie durch Straf- und Sittenpredigten die junge Welt von sich zurückstoßen, da sie gewiß von ihren jungen Verwandten mit Freuden liebevoll gepflegt und gewartet werden würden, wenn sie weniger säuerlich in ihrem Betragen gegen sie wären. Die andre Anmerkung: Es herrscht in manchen Städten, besonders in Reichsstädten, ein äußerst steifer und übler Ton unter den Personen ~einer~ Familie. Bürgerliche, ökonomische und andre Rücksichten zwingen sie, sich oft zu sehen, und dennoch zanken, necken, hassen sie sich unaufhörlich unter einander, und machen sich dadurch das Leben sehr schwer. Wo gar keine Sympathie in der Denkungsart Statt findet, wo gar keine Einigkeit und Freundschaft herrschet, da lasse man sich doch lieber ungeplagt, betrage sich höflich gegen einander, wähle sich aber Freunde nach seinem Herzen!
Drittes Kapitel.
Von dem Umgange unter Eheleuten.
1.
Eine weise und verständige Wahl bei Knüpfung der wichtigsten Verbindung im menschlichen Leben ist freilich das sicherste Mittel, um in der Ehe glücklich zu seyn, und im Umgange mit dem Gatten die reinsten Freuden des Lebens zu finden. Aber diese Wahl gelingt, wie die Erfahrung lehrt, selbst den Einsichtsvollsten und Gebildetsten nur selten; die meisten lassen sich von Gefühlen und von ihrer gereizten Sinnlichkeit übermannen, und greifen fehl. Wie selten, daß gleichgestimmte Seelen sich in der Ehe vereinigen, und wie oft dagegen, daß Menschen sich vereinigen, deren Neigungen, Gesinnungen und Charaktere im vollkommensten Widerspruche stehen. Gewiß ist die Lage solcher Eheleute (und ein solcher Ehestand heißt wohl mit Recht ein Wehestand) höchst traurig, eine Existenz voll immerwährender herber Aufopferung, ein Stand der schwersten Sclaverei, ein Seufzen unter den eisernen Fesseln der Nothwendigkeit, ohne Hoffnung einer andern Erlösung, als wenn der dürre Knochenmann mit seiner Sense dem Unwesen ein Ende macht.
Nicht weniger unglücklich ist dies Band, wenn auch nur von ~einer~ Seite Unzufriedenheit und Abneigung die Ehe verbittern, wenn nicht freie Wahl, sondern politische oder ökonomische Rücksichten, Zwang, Verzweiflung, Noth, Dankbarkeit, +dépit amoureux+, ein Ungefähr, eine Grille, oder nur körperliches Bedürfniß, wobei das Herz keine Stimme zu geben hatte, die Verbindung knüpfte; wenn der eine Theil, unbescheiden und ungerecht in seinen Forderungen, immer nur empfangen, nie geben will, unaufhörlich begehrt, Befriedigung aller Bedürfnisse, Hülfe, Rath, Aufmerksamkeit, Unterhaltung, Vergnügen, Trost im Leiden fordert, -- und dagegen nichts leistet. Wähle also mit großer Vorsicht die Gefährtin Deines Lebens, und frage nicht bloß Dein leicht getäuschtes Herz, laß Dich nicht bloß von sinnlichem Wohlgefallen bestimmen, wenn Deine künftige häusliche Glückseligkeit nicht ein Spiel des Zufalls seyn soll!
2.
Erwägt man aber, daß gewöhnlich auch diejenigen Ehen, welche auf eigner Wahl beruhen, in einem Alter und unter Umständen geschlossen werden, wo weniger reife Ueberlegung und Vernunft, als blinde Leidenschaft und Naturtrieb diese Wahl bestimmen, obgleich man im Brautstande wohl sehr viel von Sympathie und Herzenshange träumt oder schwatzt: so sollte man sich beinahe darüber verwundern, daß es noch so viel glückliche Ehen in der Welt gibt. Aber die weise Vorsehung hat alles so herrlich geordnet, daß eben das, was diesem Glücke im Wege zu stehen scheint, dasselbe vielmehr befördert. Ist man in den Jahren der Jugend weniger geschickt zu weiser Wahl, so ist man von der andern Seite auch noch geschmeidiger, leichter zu leiten, zu bilden, und nachgiebiger, als in dem reifern Alter. Die Ecken -- möchten sie auch noch so scharf seyn! -- schleifen sich leichter an einander ab, und fügen sich, wenn der Stoff noch weich ist. Man nimmt die Sachen nicht so genau, wie nachher, wenn Erfahrung und Schicksale uns ekel und vorsichtig gemacht, und große Forderungen in uns erweckt haben; wenn die kältere Vernunft alles abwägt, jeden Verlust an Genuß sehr hoch anschlägt, und ängstlich genau berechnet, wie wenig Jahre man noch vielleicht zu leben habe, und wie geizig man mit Zeit und Vergnügen seyn müsse. Entstehen unter jungen Eheleuten leicht Zwistigkeiten, so ist auch die Versöhnung desto leichter gestiftet. Widerwille und Zorn fassen nicht so feste Wurzel; und da die Sinnlichkeit hier als die kräftigste Vermittlerin auftritt, so wird oft der heftigste Streit durch eine einzige eheliche Umarmung wieder geschlichtet. Dazu kommen denn nach und nach Gewohnheit, Bedürfniß mit einander zu leben, gemeinschaftliches Interesse, häusliche Geschäfte, die uns nicht viel Zeit zu müßigen Grillen lassen, Freude an Kindern, gemeinschaftliche Sorgfalt für ihre Erziehung und Versorgung, -- welches alles, statt die Last des Ehestandes zu erschweren, in den Jahren, wo Jugend, Kräfte und Munterkeit mitwirken, dies Joch sehr süß macht, und manche reine oder unverhoffte Freude gewährt, welche doppelt genossen wird, wenn man sie mit einer zärtlichen und feinfühlenden Gattin theilt. Nicht also im männlichen Alter. Da fordert man mehr für sich, will ernten, genießen, nicht neue Bürden übernehmen; man will gepflegt seyn; der Charakter hat eine starre Festigkeit erlangt, und mag sich nicht mehr umformen lassen; die Begierden dringen nicht so laut auf Befriedigung. Nur wenig Ausnahmen mögten hier Statt finden, und diese nur unter den edelsten Menschen, die bei zunehmenden Jahren nachsichtiger, sanfter werden, und, fest überzeugt von der allgemeinen Schwäche der menschlichen Natur, wenig fordern und gern mit Aufopferung leisten, was gefordert werden mag; aber immer ist dies eine Art von Heroismus, eine heldenmüthige Selbstverleugnung, und hier ist ja von wechselseitiger Glückseligkeits-Beförderung die Rede; -- darum kann man wohl in diesem Alter nicht behutsam genug bei der Wahl einer Gattin zu Werke gehen, nicht ernsthaft genug die Warnung bedenken: der Wahn ist kurz, die Reu ist lang. Wer sich in männlichen Jahren auf diese Weise übereilt, der mag dann die Folgen von den Thorheiten tragen, zu welchen ein Jünglings-Kopf auf Mannes-Schultern verführt!
3.
Ich glaube nicht, daß eine völlige Gleichheit in Temperamenten, Neigungen, Denkungsart, Fähigkeiten und Geschmack, durchaus erfordert werde, um eine zufriedene Ehe zu stiften, vielmehr mag wohl zuweilen gerade das Gegentheil (nur nicht in zu hohem Grade, noch in Haupt-Grundsätzen, noch ein zu beträchtlicher Unterschied von Jahren) mehr Glück gewähren. Bei einem Bande, das auf gemeinschaftlichem Interesse beruht, und wo alle Ungemächlichkeit des einen Theils zugleich mit auf den andern fällt, ist es, zur Vermeidung übereilter Schritte und deren Folgen, oft sehr gut, wenn die zu große Lebhaftigkeit, das rasche Feuer des Mannes, durch Sanftmuth oder ein wenig Phlegma von Seiten des Weibes gedämpft wird, und umgekehrt. So würde auch mancher Haushalt zu Grunde gehen, wenn beide Eheleute gleichviel Lust an Aufwand, Pracht, Ueppigkeit, einerlei Liebhaberei, oder gleichviel Hang zu einer nicht immer wohlgeordneten Wohlthätigkeit und Geselligkeit hätten; und da unsre jungen Roman-Leser und Leserinnen gemeiniglich die Ideale zu ihren künftigen Lebens-Gefährten nach ihrem eignen werthen Ich schnitzeln, so ist es doch so übel nicht, wenn zuweilen ein alter grämlicher Vater oder Vormund einen Querstrich durch dergleichen Verbindungsplane macht. -- So viel nur von der Wahl des Gatten! und das ist beinahe schon mehr, als eigentlich hieher gehört.
4.
Wichtig ist die Sorgfalt, welche Eheleute anwenden müssen, wenn sie sich täglich sehen und immer wieder sehen müssen, daß dieser enge und vertraute Umgang ihrer Liebe nicht nachtheilig werde, und sie nicht verleite, ungerecht gegen einander zu werden. Denn da sie Muße und Gelegenheit genug haben, Einer mit des Andern Fehlern und Launen bekannt zu werden, und selbst durch die kleinsten derselben manche Ungemächlichkeit leiden müssen, so kann es leicht geschehen, daß sie sich gegenseitig lästig, langweilig, kalt und gleichgültig gegen einander werden, oder gar Ekel und Abneigung empfinden. Hier ist also weise Vorsicht im Umgange nöthig. Verstellung würde hier das unglücklichste und strafbarste Mittel seyn; aber einer gewissen Achtsamkeit auf sich selbst, und der möglichsten Entfernung alles dessen, was sicher widrige Eindrücke machen muß, soll man sich befleißigen. Man setze daher vor allen nie gegen einander jene Gefälligkeit und Artigkeit aus den Augen, die sehr wohl mit Vertraulichkeit bestehen mag, und die den Mann von feiner Erziehung bezeichnet! Ohne sich durch Kaltsinn und Entfernung fremd zu werden, sorge man doch dafür, daß man nicht durch oft wiederholte Gespräche über dieselben Gegenstände einander langweilig werde, daß man sich nicht gleichsam auswendig lerne, so daß endlich jedes Gespräch der Eheleute unter vier Augen lästig scheint, und man sich nach fremder Unterhaltung sehnt! Ich kenne einen Mann, der eine Anzahl Anekdötchen und Einfälle besitzt, die er nun schon so oft seiner Frau, und in deren Gegenwart fremden Leuten ausgekramt hat, daß man dem guten Weibe jedesmal Ekel und Ueberdruß ansieht, so oft er mit einem dergleichen Stückchen angezogen kömmt. Wer gute Bücher liest, Gesellschaften besucht, und nachdenkt, der wird ja täglich neuen Stoff zu anziehenden Gesprächen finden; aber freilich reicht dieser nicht zu, wenn man den ganzen Tag müssig einander gegenüber sitzt; und man darf sich daher nicht wundern, wenn man Eheleute antrifft, die, um dieser tödtenden Langenweile auszuweichen, die sie einander verursachen, wenn gerade keine andere Gesellschaft aufzutreiben ist, mit einander halbe Tage lang Piquet spielen, oder sich zusammen an einer Flasche Wein ergötzen. Sehr gut ist es daher, wenn der Mann bestimmte Berufsarbeiten hat, die ihn wenigstens einige Stunden täglich an seinen Schreibtisch fesseln, oder ausser Hause rufen; wenn zuweilen kleine Abwesenheiten, Reisen in Geschäften und dergleichen seiner Gegenwart neuen Reiz geben. Ihn erwartet dann sehnsuchtsvoll die treue Gattin, die indeß ihrem Hauswesen vorgestanden und alles für seine Wiederkunft geschmückt und gesäubert hat. Sie empfängt ihn liebreich und freundlich; die Abendstunden gehen unter frohen Gesprächen, bei Verabredungen, die das Wohl ihrer Familie zum Gegenstande haben, im häuslichen Cirkel vorüber, und man wird sich einander nie überdrüssig. Es gibt eine feine, bescheidene Art, sich rar zu machen, zu veranlassen, daß man sich nach uns sehne; diese soll man studiren. Auch im Aeussern soll man alles entfernen, was zurückscheuchen könnte. Man soll sich seinem Gatten, seiner Gattin, nicht in einer ekelhaften, schmutzigen Kleidung zeigen, sich zu Hause nicht zu viel Unmanierlichkeiten erlauben -- das ist man ja schon sich selber schuldig -- und vor allen Dingen, wenn man auf dem Lande lebt, nicht ~verbauern~, nicht pöbelhafte Sitten, noch niedrige, plumpe Ausdrücke im Reden annehmen, noch unreinlich, nachlässig an seinem Körper werden. Denn wie ist es möglich, daß eine Frau, die unaufhörlich an ihrem Manne Fehler und Unanständigkeiten wahrnimmt, von welchen sie alle übrige, mit welchen sie umgeht, frei erblickt, denselben vor allen andern gern sehen, schätzen und lieben könne? Noch einmal! wenn die Ehe ein Stand der unaufhörlichen Selbstverleugnung und Aufopferung wird, wenn ihre Pflichten als ein schweres Gewicht auf uns liegen: dann kann sie nur ein Zustand der Qual, keine Quelle der Zufriedenheit seyn.
5.
Eine Haupt-Vorschrift aber für alle Stände und für alle Verhältnisse wende man auch auf den Ehestand an! Sie ist diese: Erfülle so sorgsam, so pünktlich, so nach einem festen Plane und nach festen Grundsätzen Deine Pflichten, daß Du, wo möglich, darin alle Deine Bekannten übertreffest: so wirst Du auch auf die wärmste Hochachtung Deines Ehegatten Anspruch machen können, und in der Folge alle Diejenigen verdunkeln, welche nur durch ~einzelne~ glänzende Eigenschaften augenblickliche vortheilhafte Eindrücke machen. Aber erfülle sie auch alle, diese Pflichten! Der Mann prahle nicht etwa mit seiner Uneigennützigkeit, mit seinem Fleisse, mit seiner guten Hauswirthschaft, mit der Achtung guter Männer, indeß er sich in der Stille wöchentlich ein paarmal ein Räuschchen trinkt! Die Frau poche nicht auf ihre Keuschheit und unverletzte Treue, welche vielleicht das Verdienst des Zufalls oder eines kalten Temperaments ist, indem sie sorglos die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigt! Nein; wer Achtung und Zuneigung als Pflicht fordert, der muß auch Achtung und Zuneigung zu verdienen wissen; und wenn Du willst, daß Deine Frau Dich unter allen Menschen am mehrsten ehren und lieben solle, so verlaß Dich nicht darauf, daß sie Dir's am Altare versprochen hat, -- wer kann so etwas versprechen? -- sondern darauf, daß Du alle Kräfte aufbieten willst, besser zu seyn als Andre! aber besser in jedem Betrachte; nur den Folgen nach lassen sich Tugenden und Laster klassificiren; denn übrigens sind sie alle gleich wichtig, und ein sorgloser Hausvater ist eben so strafbar, wie ein unkeusches Eheweib. Allein das ist der Menschen gewöhnliche Art zu handeln! Sie eifern gegen Laster, zu welchen sie keinen Hang haben, und denken nicht, daß die Verabsäumung wichtiger Tugenden ein so schweres Verbrechen ist, wie die Ausübung einer bösen That. Ein altes Weib verfolgt mit wüthendem Grimm ein armes junges Mädchen, das durch Temperament und Verführung zu einem Fehltritt ist verleitet worden; daß aber die gute Matrone ihre Kinder in thierischer Vernunftlosigkeit hat aufwachsen lassen, darüber glaubt sie keine Verantwortung geben zu dürfen: -- hat sie doch nie die eheliche Treue verletzt! -- Sorgsame Pflicht-Erfüllung ist also das sicherste Mittel, um der fortdaurenden Zärtlichkeit seines Ehegatten gewiß zu seyn, denn Hochachtung ist die kräftigste Nahrung für die Liebe.
6.
Bei dem Allen aber wird es nicht fehlen, daß nicht zuweilen fremde liebenswürdige Menschen auf kurze Zeit vortheilhaftere Eindrücke auf Ehegenossen machen sollten, als sie ihrer Ruhe wegen wünschen und ihrer Eitelkeit wegen fürchten möchten. Es ist nicht zu erwarten, daß, wenn die erste blinde Liebe verraucht ist, -- und die verraucht denn doch bald, -- eine so zärtliche Vorliebe eintreten wird, daß man gegen die Vorzüge anderer Leute gänzlich blind und gefühllos seyn sollte. Dazu kommt, daß Personen, mit denen wir seltener umgehen, sich immer von ihren besten Seiten zeigen und uns mehr schmeicheln, als die, mit denen wir täglich leben. Eindrücke von der Art werden aber bald wieder verschwinden, wenn nur der Gatte fortfährt, seine Pflichten treulich zu erfüllen, und wenn er keinen niedrigen Neid, keine närrische Eifersucht blicken läßt, die ohnehin nie gute, sondern allemal schlimme Folgen hat. Liebe und Achtung lassen sich nicht erzwingen, nicht ertrotzen; ein Herz, das bewacht werden muß, ist wie der Mammon eines Geizigen, mehr eine unnütze Last, als ein wahrer Schatz, und man wird seiner nie froh; Widerstand reizt; keine Wachsamkeit ist so groß, daß sie nicht hintergangen werden könnte, und es liegt in der Natur des Menschen, daß man ein Gut, das vielleicht sonst gar keinen Reiz für uns haben würde, doppelt eifrig wünscht, sobald der Besitz desselben mit Schwierigkeiten für uns verbunden ist.
Jene kleinen Künste, die häufig unter Verliebten angewandt werden, durch welche man, um die Liebe des andern Theils mehr anzufeuern, mit Vorsatz Eifersucht zu erregen sucht, sollten Eheleute verschmähen. Bei einem Bündniß, das auf gegenseitiger Hochachtung beruhen soll, darf man sich durchaus keiner schiefen Mittel bedienen. Glaubt meine Frau, ich sey fähig, meine Pflicht und Zärtlichkeit gegen sie fremden Neigungen aufzuopfern, so muß das ihre eigene Achtung gegen mich vermindern; und merkt sie hingegen, daß ich nur Spielwerk mit ihr treiben will: so ist das mehr, als verlorne Arbeit, die noch obendrein oft ernstliche Folgen haben kann.
Wenn auch auf kurze Zeit der Mann seinem Weibe, oder die Frau ihrem Gatten Veranlassung zur Unzufriedenheit und Eifersucht gibt, so wird doch diese kleine Herzens-Verirrung, wenn der leidende Theil nur fortfährt, seinen Pflichten treu zu seyn, nicht von langer Dauer seyn, wenn es nur nicht zu leidenschaftlichen Ausbrüchen des Unwillens kommt. Bei kaltblütiger Prüfung wird der Gedanke sich geltend machen: bewährte Liebe und Treue kann durch keine Liebenswürdigkeit ersetzt werden, und erprobte Mutterliebe und Vatertreue sind unschätzbar. -- Und ein solcher Triumph der ausharrenden Liebe und Sanftmuth, komme er früh oder spät, ist sehr süß, und macht alle ausgestandene Leiden vergessen.
7.