Part 38
Keine Leidenschaft kann so weit führen, keine kann den Jüngling, den Mann und ganze Familien in ein grenzenloseres Elend stürzen, keine den Menschen in eine solche Kettenreihe von Verbrechen und Lastern verwickeln, als die unglückselige Spielsucht. Sie erzeugt und nährt alle nur ersinnlichen unedeln Empfindungen: Habsucht, Neid, Haß, Zorn, Schadenfreude, Verstellung, Falschheit und Vertrauen auf blindes Glück; sie kann zu Betrug, Zank, Mord, Niederträchtigkeit und Verzweiflung führen, und tödtet auf die schändlichste Weise die goldne Zeit. Wer reich ist, begeht eine unverzeihliche Thorheit, wenn er sein Geld auf so ungewisse Speculation anlegt; und wer nicht viel zu wagen hat, muß furchtsam spielen, kann die Launen des Glücks nicht abwarten, sondern muß bei dem ersten widrigen Schlage das Feld räumen, oder er wagt es darauf, aus einem Dürftigen ein Bettler zu werden. Doch ist die Thorheit der Erstern noch weit größer, als die der Letztern. Selten stirbt der Spieler als ein reicher Mann; wer daher auf diesem elenden Wege Vermögen erworben hat, und dann nicht aufhört zu spielen, den möchte man einen Wahnsinnigen nennen.
Die, welche Tage und Nächte dem Spiel opfern, bedenken gewiß nicht, daß, wenn sie täglich spielen, sie sich eine jährliche ~gewisse~ Ausgabe von wenigstens sechzig Thalern aufladen, die sie von dem möglichen ~ungewissen~ Gewinne abrechnen müssen; nämlich das Kartengeld. Sie bedenken noch weniger, daß sie die unwürdigsten Zeitverschwender, und allen Guten und Edlen verächtlich, daß sie früher oder später der Verzweiflung preisgegeben sind.
Hüte Dich, mit Leuten vom Handwerke Dich auf ein Spiel einzulassen, wenn Dir Dein Geld und Deine Ehre lieb ist!
Traue Keinem von ihnen! in keiner Sache! -- Die wenigen Ausnahmen, wo diese Regel einem ehrlichen Spieler von Profession Unrecht thun könnte, verdienen nicht in Anschlag gebracht zu werden; und wer sich dieser verächtlichen Lebensart widmet, mag es nicht übel nehmen, daß man ihm den Geist der bösen Zunft zutraut, zu welcher er sich bekennt.
Laß Dich auf keine bloße Hazard-Spiele ein! Um geringen Preis gespielt, sind sie äusserst langweilig, und hohes Geld dem Ungefähr preisgeben, ist Narrheit. Ein verständiger Mann verachtet ohnehin jede Beschäftigung, bei welcher Kopf und Herz schlummern müssen, und man darf nur ein mittelmäßiger Rechner seyn, um sich zu überzeugen, daß bei solchen Glücksspielen die Wahrscheinlichkeit immer gegen uns ist. Wollen wir aber gar keine Wahrscheinlichkeit annehmen, so bleibt der Erfolg ein Werk des Zufalls: -- und wer wird denn vom Zufalle abhängen wollen?
Auf die sogenannten Commerenz-Spiele thue gänzlich Verzicht, oder lerne sie vorher recht, und spiele mit gleicher Aufmerksamkeit, es mag um hohen Preis, oder um eine Kleinigkeit gelten! Lerne Dich aber auch im Spiele beherrschen, und wage nicht mit Unverstand! Mache nicht, durch gehäufte Fehler der Aufmerksamkeit und Kunst, Dich selbst arm, und Deinen Mitspielern Ungeduld und Langeweile!
Zeige keine böse Laune, wenn Du schlechte Karten bekömmst, und wenn Du verlierst! Wer nie Geld im Spiele verlieren will, der muß sich auf die Blindekuh einschränken.
Manche Leute geben immer vor, gewonnen zu haben; andere klagen stets über Verlust. Die Erstern belügen nur ihren eigenen Geldbeutel; die Andern aber sprechen sich selbst ein böses Urtheil. Denn wer ohne Unterlaß verliert, ist ein Narr, wenn er nicht endlich das Spielen aufgibt.
Spiele nicht so unerträglich langsam und bedächtig, daß Deinen Gesellschaftern alle Geduld vergehen muß. Zanke nicht, wenn Deine Mitspieler Fehler machen!
Zeige keine laute Freude, wenn Du gewinnst! das pflegt Dem, welcher verloren hat, empfindlicher zu seyn, als der Verlust selbst.
Nöthige niemand zum Spiele, wenn Du weißt, daß er ungern oder unglücklich spielt! Dieß geschieht vielfältig von Leuten, denen es eine wichtige Angelegenheit ist, ihre Parthieen vollzählig zu haben.
-- Doch diese Materie ist wohl kaum der so langen Abhandlung werth. -- Wenden wir uns zu andern Gegenständen!
4.
Unter den Abentheurern unsrer Zeit spielen die ~Geisterseher~, ~Goldmacher~ und andre ~mystische Betrüger~ keine unbeträchtliche Rolle. Diese Art von Schwärmerei, nämlich der Glaube an übernatürliche Wirkungen und Erscheinungen, ist sehr ansteckend. Bei dem Gefühle, wie manche Lücke in unsern philosophischen Systemen und Theorien übrig bleibt, so lange unser Geist in den Grenzen irdischer Ausdehnung eingeschränkt ist, und bei der Begierde, dennoch, über die Grenzen dieser Eingeschränktheit hinaus, Blicke zu thun, scheint es dem Menschen ganz natürlich, die unerklärbaren Sachen +a posteriori+ zu erläutern, wenn es mit den Beweisen +a priori+ nicht recht gehen will; d. h. aus den gesammelten Thatsachen Resultate zu ziehen, die ihm angenehm sind; Resultate, die theoretisch, durch Schlüsse, nicht vollständig herauskommen. Da geschieht es dann, daß, um eine Menge solcher Thatsachen zu gewinnen, man geneigt ist, jedes Mährchen für wahr, jede Täuschung für Realität zu halten, damit man seinem Glauben Gewicht gebe. Je aufgeklärter aber die Zeiten werden, je emsiger man sich bestrebt, der Wahrheit auf den Grund zu kommen, desto sichtbarer wird es uns, daß wir auf Erden diesen Grund nicht finden; um desto leichter also gerathen wir auf jenen Weg, den wir vorher verachtet haben, so lange noch auf dem hellen Wege der Theorie neue Entdeckungen zu machen waren. Ich glaube, daß dieß eine ungezwungene Erklärung des Phänomens ist, das so Manchem höchst wunderbar scheint, -- des Phänomens, daß in den Zeiten der größten Aufklärung ein blinder Glaube an Ammen-Mährchen grade am stärksten einreißt.
Diese Stimmung des Publikums nun machen sich eine Menge Betrüger zu Nutze, die theils planmäßig verbunden, uns zu unterjochen, theils einzeln, nach Zeit und Gelegenheit darauf ausgehen, die Augen der Schwachen zu blenden.
Sey es nun dabei auf unsre Geldbeutel, oder auf Tyrannei über unsern Willen, oder auf irgend einen andern moralischen, intellectuellen oder politischen Mißbrauch angesehen: so ist es immer sehr wichtig, dagegen auf seiner Hut zu seyn.
Obgleich ich mich nicht fest überzeugen kann, daß alle Abentheurer solcher Art, daß die Cagliostro's, Saint Germain's, Schröpfer und Consorten, bis auf den armen Masius hinunter, sämmtlich von einer einzigen Triebfeder regiert werden, und daß jeder solcher Wundermann seine Unternehmungen auf denselben Zweck zu leiten die Absicht haben sollte: so sind wir doch denen allen Dank schuldig, die uns vor solchen Abentheurern warnen, und uns wenigstens zeigen, ~wohin das führen~ könnte. Um aber nicht zu wiederholen, was so vielfältig ist gesagt worden, und noch immer gesagt wird, will ich hier, bei dem Betragen gegen Leute von der Art, nur folgende Vorsichtigkeits-Regeln vorschlagen.
Laß es an seinen Ort gestellt seyn, ob man Geister sehen und Gold machen könne, oder nicht! Leugne nicht das, wovon Du nicht das Gegentheil so klar beweisen kannst, daß es nicht möglich ist, dagegen etwas einzuwenden! -- denn Beweise, die auf Vordersätzen beruhen, welche nur willkührlich angenommen sind, können bloß den überzeugen, der Lust hat, davon überzeugt zu werden. -- Aber baue nicht, bei der Möglichkeit einer Sache, den Schluß auf ihre Wirklichkeit, noch auf metaphysische Grillen moralische Handlungen! Sollte auch jemand durch Schlüsse überführt werden können, daß wohl sehr wahrscheinlich jedes sichtbare Wesen von einer Menge unsichtbarer umgeben ist: so bleibt es doch immer thöricht gehandelt, wenn dies sichtbare Wesen seine sichtbaren Handlungen mehr nach der vermuthlichen unsichtbaren Gesellschaft, die ihn umgibt, einrichtet, als nach den Sitten der wackern wirklichen Personen, unter denen es umherwandelt.
Man zeige also in Worten und Handlungen mehr Wärme für thätige, nützliche Wirksamkeit, als für Speculation; so werden sich die Herren Mystiker nicht leicht zu uns gesellen!
Geräthst Du aber an einen solchen Wundermann, und ist Dir daran gelegen, ihn und sein System genauer kennen zu lernen: so hüte Dich, vorher Unglauben und Vorwitz zu offenbaren! Er wird sonst bald merken, daß mit Dir, als einem Ungläubigen, nicht viel anzufangen ist; er wird Dich nicht einweihen in seine Geheimnisse, nicht zulassen zu seinem esoterischen Unterrichte, und Du wirst den Vortheil entbehren, Dich und Deine Freunde von dem wahren Zusammenhange zu unterrichten, -- ungerechnet, daß es sich wirklich für einen vernünftigen Mann nicht schickt, sich früher für oder gegen eine Sache einnehmen zu lassen, bevor er dieselbe kaltblütig untersucht hat, wäre auch aller Anschein dagegen; besonders wenn es Dinge betrifft, in welchen selbst der Weiseste lebenslang im Finstern tappt.
Glaubt man zuversichtlich, einen Betrug entdeckt zu haben; so ist Spott, so ist Hohnlächeln nicht das Mittel, Schwärmer zu bekehren. Man gehe also Schritt vor Schritt, und da die Sinne leichter getäuscht werden können, als die Vernunft, so fordre man, bevor man sich auf Erscheinungen, Proben und Processe einläßt, daß vor allen Dingen zuerst die Theorie, auf welcher das alles beruht, recht deutlich erklärt werde! und hier lasse man sich nicht etwa auf eine bildliche Sprache ein, sondern auf bestimmte, verständliche deutsche Worte, und auf den Ideen-Gang und Sprach-Gebrauch, der einmal unter Gelehrten üblich ist. Es mag vielleicht sehr viel Weisheit in dem Dunkel der Mystiker stecken; aber für ~uns~ kann nur ~das~ Werth haben, was ~wir~ verstehen. Man gönne einem Jeden die Freude, einen schmutzigen Kiesel für einen Diamant zu halten; aber wenn man kein eben so großer Kenner von Edelsteinen ist, so sage man gutmüthig, ohne Scheu, frei heraus: »daß man diesen Stein für nichts anders, als für einen schmutzigen Kiesel halten könne!« Es ist keine Schande, etwas nicht einzusehen; aber es ist mehr als Schande, es ist Betrug, das Ansehen haben zu wollen, als verstünde man, -- was man nicht versteht.
Hat Dich indessen ein Landstreicher, ein Goldmacher, oder Geisterseher, bei Deiner schwachen Seite gefaßt, eine Zeitlang sein Spielwerk mit Dir getrieben -- o! wer ist mehr in dieser Leute Händen gewesen, als ich? -- und Du entlarvst endlich den Schurken: dann scheue Dich nicht, nein! denke, daß es Pflicht ist, zur Warnung andrer ehrlicher, leichtgläubiger Leute, öffentlich den Betrug bekannt zu machen, -- möchtest Du auch dabei in keinem sehr vortheilhaften Lichte erscheinen!
Achtes Kapitel.
Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern derselben.
1.
Unter die mancherlei schädlichen und unschädlichen Spielwerke, mit welchen sich unser philosophisches Jahrhundert beschäftigt, gehört auch die Menge geheimer Verbindungen und Orden verschiedener Art. Man wird heut zu Tage in allen Ständen wenig Menschen antreffen, die nicht von Wißbegierde, Thätigkeitstrieb, Geselligkeit, oder Vorwitz geleitet, wenigstens eine Zeitlang Mitglieder einer solchen geheimen Verbrüderung gewesen wären. Und doch möchte es wohl nun endlich einmal Zeit seyn, diese theils zwecklosen und thörichten, theils dem gesellschaftlichen Leben gefährlichen Bündnisse aufzugeben. Ich habe mich lange genug mit diesen Dingen beschäftigt, um aus Erfahrung reden, und jedem jungen Manne, dem seine Zeit lieb ist, mit Zuversicht den Rath geben zu können, sich in keine geheime Gesellschaft, sie möge Namen haben, wie sie wolle, aufnehmen zu lassen. Sie sind alle, freilich nicht in gleichem Grade, aber doch alle ohne Unterschied, zugleich unnütz und gefährlich. Unnütz sind sie zuerst, weil man in unserm Zeitalter keine Art von wichtigem Unterrichte in Geheimnisse einzuhüllen braucht. Die christliche Religion ist so klar und befriedigend, daß sie nicht, wie diese Volks-Religionen der alten Heiden, einer geheimen Auslegung, einer doppelten Lehrart bedarf; und in den Wissenschaften werden die neuesten Entdeckungen zum Wohl der Welt öffentlich bekannt gemacht, müssen und sollen öffentlich bekannt gemacht werden, damit sie jeder Sachverständige prüfen und bewahrheiten könne. In den einzelnen Ländern hingegen, wo noch Finsterniß und Aberglauben herrschen, muß man den kommenden Tag erwarten. Man darf da nichts übereilen; man verdirbt oft mehr, als man gut macht, wenn man die Zwischenstufen überspringen will; es hat gar keinen Nutzen, daß einzelne Menschen die Periode der Aufklärung zu beschleunigen trachten; auch können sie das nicht; und wenn sie es können, so ist es Pflicht, dieß öffentlich zu thun, um desto mehr Pflicht, damit andre vernünftige Männer, in demselben Lande und in andern Gegenden, über den Beruf der Aufklärer, über den Werth der geistigen Waare, welche sie feil bieten, und darüber mögen urtheilen können, ob das, was sie lehren, auch wirklich Aufklärung sey, oder ob sie nicht vielleicht schlechtere Münzen ausprägen, als die ist, welche sie verrufen. Unnütz sind solche Verbindungen ferner, von Seiten ihrer Wirksamkeit, weil sie mehrentheils sich mit elenden Kleinigkeiten und abgeschmackten Ceremonien beschäftigen, eine Bilder-Sprache reden, die alle mögliche Auslegung leidet, nach schlecht durchgedachten Planen handeln, unvorsichtig in der Wahl ihrer Mitglieder sind, folglich bald ausarten, und, wenn sie auch anfangs in ihrer Einrichtung Vorzüge vor öffentlichen Gesellschaften haben könnten, nachher dieselben und noch mehr solcher Gebrechen bei ihnen einreißen, als die, über welche man in der Welt klagt. Wer Lust hat, etwas Großes und Nützliches zu thun, der findet dazu im bürgerlichen und häuslichen Leben sehr viel Gelegenheit, die fast kein Einziger ganz so eifrig und freudig ergreift, wie er sollte, um seinem Leben einen Werth, und seinem Herzen Befriedigung und Freude zu geben. Es müßte erst bewiesen werden, daß auf diesem öffentlich privilegirten Wege nichts mehr zu thun übrig bliebe, oder daß dem warmen Beförderer des Guten unübersteigliche Hindernisse in den Weg gelegt wären, bevor man das Recht haben dürfte, sich einen vom Staate nicht sanctionirten, geheimen, besondern Wirkungskreis zu schaffen. Wohlthätigkeit bedarf keiner mysteriösen Hülle; Freundschaft muß auf freier Wahl beruhen, und Geselligkeit braucht nicht durch geheime Wege befördert zu werden.
Allein diese geheimen Verbindungen sind auch schädlich für die Welt, und gewissermaßen unvereinbar mit unsern Pflichten gegen die bürgerliche Gesellschaft. Schädlich, weil alles, was im Verborgenen geschieht, mit Recht in Verdacht gezogen werden kann; unvereinbar mit unsern Pflichten gegen den Staat, weil die Vorsteher der bürgerlichen Gesellschaft die Befugniß haben, von dem Zwecke jeder Thätigkeit, zu welcher sich Mehrere vereinigen, Kenntniß zu verlangen, indem sonst, unter dem Schleier der Verborgenheit, eben sowohl gefährliche Plane und schädliche Lehren, als edle Absichten und weise Kenntnisse, versteckt seyn können; weil sogar nicht einmal alle Mitglieder von solchen verderblichen Absichten, die man zuweilen hinter der schönsten Aussenseite zu verhüllen pflegt, unterrichtet sind; weil nur Alltagsseelen sich in diesen Schraubestock einzwängen lassen, die bessern hingegen entweder bald zurücktreten, oder zu Grunde gehen, ausarten und eine schiefe Richtung bekommen, oder auf Kosten der Andern herrschen; weil mehrentheils unbekannte Obere im Hinterhalte stehen, und es eines verständigen Mannes unwerth ist, nach einem Plane zu arbeiten, den er nicht übersieht, für dessen Wichtigkeit und Güte ihm Leute einstehen, -- die er nicht kennt, denen er sich verbindlich machen muß, ohne daß ~sie~ sich ~ihm~ verbindlich machen, ohne daß er weiß, an wen er sich zu halten hat, wenn man ihm dafür gar nichts leistet; weil schiefe Köpfe und Schurken sich dieß zu Nutze machen, sich zu unbekannten Obern aufwerfen, und die übrigen Mitglieder zu ihren Privat-Absichten mißbrauchen; weil jeder Erdensohn Leidenschaften hat, und diese Leidenschaften also mit in die Gesellschaft bringt, wo sie dann im Dunkeln der Verborgenheit freiern Spielraum haben, als am Tageslichte; weil solche Verbindungen einen unverhältnißmäßigen Aufwand von Geld und Zeit kosten; weil sie von ernsthaften bürgerlichen Geschäften ab- und zum Müßiggange oder zu zweckloser Beschäftigung hinleiten; weil sie bald der Sammelplatz von Abentheurern und Tagedieben werden; weil sie allerlei Gattungen von politischer, religiöser und philosophischer Schwärmerei begünstigen; weil mönchischer Partheigeist bei ihnen einreißt, und viel Unheil stiftet; endlich, weil sie Gelegenheit zu Kabalen, Zwist, Verfolgung, Intoleranz und Ungerechtigkeiten gegen brave Männer geben, die nur deswegen verwerflich sind, weil sie nicht Mitglieder eines solchen, oder wenigstens nicht desselben Ordens seyn wollen.
Dieß ist mein Glaubensbekenntniß über geheime Verbindungen! Gibt es eine unter ihnen, die manche dieser Gebrechen nicht hat -- ei nun! so mag sie dann als Ausnahme gelten! -- ich kenne keine, die nicht wenigstens an einigen derselben krank läge.
2.
Gehört nun die Geheimnißkrämerei zu den Auswüchsen der Zeit und zu den Modethorheiten, die kein Vernünftiger mitmachen soll, weil er dabei seine Vernunft verleugnen, und seine sittliche Freiheit mehr oder weniger aufgeben muß; ist sie Zeit- und Geldverschwendung, und gewährt sie durchaus keine Befriedigung, so folgt daraus, daß der, welcher seine Freiheit und Ruhe liebt, sich so wenig als möglich um die Systeme, um das Personale und um die Schritte geheimer Verbindungen bekümmern, seine Zeit nicht mit Lesung ihrer Streitschriften verschwenden, und vorsichtig im Reden über diesen Gegenstand seyn müsse, um sich Verdruß zu ersparen, und weder ein gutes noch böses Urtheil über solche Systeme zu wagen, weil der Grund derselben oft sehr tief verborgen liegt; daß er vor allem jeder Versuchung und Anreizung, sich einweihen zu lassen, muthigen Widerstand leisten müsse.
3.
Haben aber Vorwitz, übel geordnete Begierde thätig zu seyn, Neugier, Ueberredung, Eitelkeit oder andre Bewegungsgründe Dich verleitet, in eine solche Verbindung zu treten: so laß Dich wenigstens von den Thorheiten und Schwärmereien und von dem Secten-Geiste, die in Deinem Orden herrschen, nicht ganz hinreißen, sondern suche Dich immer noch im Besitz und Gebrauch Deiner Vernunft zu behaupten. Hüte Dich, das Spielwerk, die Maschine verkappter Bösewichter zu werden! Dringe, wenn Du kein Knabe mehr bist, auf deutliche Entwickelung des ganzen Systems! Laß Dich nicht durch räthselhafte Vorspiegelungen, durch große Verheissungen, durch blendende Plane zum Besten der Menschheit, durch den Anschein von Uneigennützigkeit, Heiligkeit und Reinigkeit der Absicht blenden; sondern fordre Beweise von Thaten und gänzliche Uebersicht! Wirft man Dir dann Deinen Mangel an Empfänglichkeit, Deine Unwürdigkeit vor, so laß Dir erzählen, welche Eigenschaften die hohen Obern fordern, und beleuchte sie, diese Obern, selbst, nach ihrem Maaßstabe, um ihren Werth, alle Eitelkeit bei Seite gesetzt, gegen den Deinigen zu halten! Laß Dich aber durchaus nicht darauf ein, ~unbekannten~ Obern zu huldigen, möchte man auch noch so einleuchtend scheinende Gründe dafür anführen! Sey vorsichtig in jedem Worte, das Du in Ordensgeschäften schreibst, und noch mehr in Uebernehmung irgend einer eidlichen oder andern Verbindlichkeit! Fordre Rechenschaft von der Anwendung der Beiträge, die man Dich bezahlen läßt! -- Und wenn, bei dieser vielfachen Vorsicht, Du der Verbindung müde wirst, oder die Verbindung Deiner überdrüßig wird, so trenne Dich ohne Geräusch und Zank von ihr, und rede nachher nie wieder von der Sache, damit Du allen Verfolgungen ausweichest! Sollte man Dich aber dennoch nicht in Ruhe lassen, so tritt öffentlich auf, und scheue Dich nicht, Betrug, Narrheit und Bosheit vor den Augen des ganzen Publikums, Andern zur Warnung, bekannt zu machen!
Uebrigens hat man weder Verbindlichkeit, noch Beruf, alles zu zerstören, was man nicht gut findet. Man kann theoretisch gegen manche Dinge in der Welt eifern, ohne deswegen sich als Verfolger zu zeigen, wodurch ohnehin das Uebel fast immer ärger gemacht wird. Man kann sogar Ordens-Versammlungen von der unschädlichsten Art besuchen, wenn man einmal ein Mitglied ist; sie sind, wie andere Zusammenkünfte, Beförderungsmittel der Geselligkeit; -- ja, es kann Pflicht werden, sich nicht von ihnen loszusagen, um das größere Uebel zu hindern, gefährlichen Einwirkungen entgegen zu arbeiten, und Ausartung zu verhindern.
Neuntes Kapitel.
Ueber die Art, mit Thieren umzugehen.
1.
In einem Buche über den Umgang mit Menschen scheint wohl freilich ein Kapitel über die Art, mit Thieren umzugehen, nicht an seinem Platze. Allein was ich hierüber zu sagen habe, ist so wenig, und hat doch im Ganzen so viel Bezug auf das gesellschaftliche Leben überhaupt, daß ich hoffen darf, man werde mir diese kleine Ausschweifung gütigst verzeihen.
2.
Der Gerechte erbarmet sich auch seines Viehes. -- Das ist ein vortrefflicher Spruch! Ja! der edle, der gerechte Mann martert kein lebendiges Wesen. Wenn doch die hartherzigen, grausamen, oder, um billiger zu urtheilen, zum Theil nur leichtsinnigen, verwilderten Menschen, deren Augen sich an der Qual eines rastlos umhergetriebenen Hirsches, oder an der Todesangst eines in dem Schauplatze der Barbarei auf den Tod gehetzten Thiers weiden können; wenn sie doch bedenken wollten, was es heiße, ~ein Mensch seyn~, und welch eine Bedeutung dieser Titel habe! wenn die Unbesonnenen, die mit dem Leben eines armen Geschöpfs, das in ihre kindischen Hände fällt, wie mit einem Balle spielen, Fliegen und Käfern Beine ausreissen, oder sie spießen, um zu sehen, wie lange ein also leidendes Thier in convulsivischer Pein fortleben könne; wenn die vornehmen Müßiggänger, die, um die Ehre zu haben, am schnellsten der lieben Langenweile in den Rachen zu reiten oder zu fahren, ihre armen Pferde auf den Tod jagen; wenn Diese doch einen Augenblick erwägen wollten, wie tief sich der Mensch herabwürdigt, wenn er, als das grausamste unter allen Raubthieren, mit kaltem Blute, nicht aus Hunger, sondern aus Muthwillen nur, ein Geschöpf Gottes, das auch fühlen kann, langsam zu Tode martert, und wie furchtbar die Strafe des ewigen Richters seyn müsse, der in dem Winseln seines gemarterten Geschöpfes die freche Uebertretung des Gebotes vernimmt, das er dem Menschen in's Herz geschrieben hat; wenn sie sich doch überzeugen wollten, daß ein Thier eben so schmerzhaft jede Mißhandlung, und den barbarischen Mißbrauch größerer Stärke fühlt, wie wir, und vielleicht noch lebhafter, da sein ganzes Daseyn auf sinnlichen Empfindungen beruht; daß die Art seines Daseyns vielleicht die niedrigste der Stufen ist, die es zu ersteigen hat, um auf der Leiter der Schöpfung da anzulangen, wo ~wir~ jetzt stehen; und daß die Grausamkeit gegen vernunftlose Geschöpfe unmerklich und unausbleiblich zur Härte und Grausamkeit gegen unsere vernünftigen Nebengeschöpfe führt. -- Wenn sie doch das alles fühlen und erwägen, und ihr Herz dem sanften Mitleiden gegen alle lebendige Geschöpfe öffnen wollten!
3.