Part 39
Wer diese Betrachtungen und Aufforderungen für thörichte und schwachsinnige Empfindelei zu erklären, oder damit zu verwechseln fähig ist, dem habe ich nichts zu sagen, als daß ich ihn bedaure, und jene Empfindelei mit ihm von ganzem Herzen verachte. Ich weiß, es gibt leider unter uns so zarte Männlein und Weiblein, die gar kein Blut sehen können; die zwar mit großem Appetit ihr Rebhühnchen verzehren, aber ohnmächtig werden würden, wenn sie eine Taube abschlachten sehen müßten! Leute, deren Federn und Zungen mit moralischem Gifte und Dolche den Freund und Bruder verfolgen, aber mitleidig einer matten Fliege das Fenster öffnen, damit sie fern von ihren Augen -- zertreten werden könne; die ihre Bedienten in dem rauhesten Wetter ohne Noth stundenlang umherjagen, aber dagegen herzlich den armen Sperling bedauren, der, wenn es regnet, ohne Regenschirm und Ueberrock herumfliegen muß. Zu diesen süßen Seelchen gehöre ich nicht, halte auch nicht alle Jäger für grausame Menschen. -- Es muß ja dergleichen Leute geben; so wie wir, wenn keine Schlächter in der Welt wären, bloß von Speisen aus dem Pflanzenreiche leben müßten. -- Aber ich verlange nur, daß man nicht ohne Zweck und Nutzen Thiere martern, noch ein vornehmes Vergnügen darin suchen solle, mit wehrlosen Geschöpfen einen ungleichen Krieg zu führen.
4.
Ich habe immer nicht begreifen können, welche Freude man daran haben könne, Thiere in Käfige oder Kasten einzusperren. Der Anblick eines lebendigen Wesens, das ausser Stand gesetzt ist, seine natürlichen Kräfte anzuwenden und zu entwickeln, darf keinem verständigen Menschen Freude gewähren. Wer mir daher einen schönen Vogel in einem Bauer schenken will, dem kann ich vorhersagen, daß das einzige Vergnügen, welches er mir dadurch verschaffen kann, das seyn wird, das Gefängniß zu öffnen, und das arme Thier aus der Sclaverei in Gottes freie Luft hinausfliegen zu lassen; auch ist eine Menagerie, in welcher wilde Thiere mit großen Kosten in kleinen Verschlägen aufbewahrt werden, meiner Meinung nach, ein sehr ärmlicher Gegenstand der Unterhaltung, und vielleicht nur von der Seite zu vertheidigen, daß sie dem Naturforscher Gelegenheit und Mittel gibt, genaue und lehrreiche Beobachtungen anzustellen.
5.
Noch abgeschmackter aber scheint es mir, wenn man sich an einem Vogel ergötzt, der seinen schönen Natur-Gesang hat vergessen müssen, um vom Morgen bis zum Abende die Melodie einer elenden Polonaise zu pfeifen, oder wenn man Geld ausgibt, um einen Hund zu sehen, den man abgerichtet hat, einen Reverenz wie ein Tanzmeister zu machen, und auf den Wink seines Meisters anzudeuten, wie viel schöne Junggesellen in der Versammlung sind.
6.
Habe ich aber diejenigen getadelt, die grausam gegen Thiere verfahren; so muß ich doch auch diejenigen anklagen, welche in die entgegengesetzte Uebertreibung fallen, indem sie mit dem Viehe eben so, wie mit Menschen umgehen, und dem vernunftlosen Geschöpfe die Rechte des vernünftigen zugestehen. Ich kenne Damen, die ihre Katzen zärtlicher umarmen, als ihre Ehegatten; junge Herren, die ihren Pferden sorgsamer aufwarten, als ihren Oheimen und Basen; und Männer, die gegen ihre Hunde mehr Zärtlichkeit, Schonung und Nachsicht beweisen, als gegen ihre Freunde, mit welchen sie sich nie anders, als unter dem obligaten Schnarchen ihres feisten Mopses oder Pudels unterhalten. Indessen scheinen manche Thiere in besserm Rufe zu stehen, als andere. Niemand schämt sich, zu bekennen, daß er Flöhe habe; gewisse andere kleine Insekten hingegen darf kein Mensch von Erziehung mit sich führen, obgleich beides Ungeziefer ist; und an Geselligkeit geben die letztern den erstern nichts nach.
Es scheint manchen Leuten, besonders Frauenzimmern, eine natürliche Furcht vor gewissen Thieren, als Mäusen, Spinnen &c. angeboren zu seyn. Sollte sich auch dergleichen Widerwillen, wie ich doch glaube, nicht nach und nach überwinden lassen: so vermag man es doch gewiß, in so fern Meister über sich zu werden, daß man in Gesellschaft, bei dem Anblicke dieser Feinde, sich nicht so kindisch betrage und gebehrde, wie es vielfältig geschieht.
Inniges Mitleiden, nicht Spott, verdienen die Unglücklichen, mit denen die Menschen so übel gespielt haben, daß sie (mißtrauisch gegen alle vernünftige Wesen, die so oft ihre Verstandeskräfte nur zum Schaden ihrer Brüder anwenden) in dem liebevollen Drange des Herzens, das sich gern ein Geschöpf zugesellen und irgend etwas in der Natur zum Gegenstande seiner Theilnahme machen will, einen treuen Hund wie ihren einzigen Freund behandeln, oder, wie einst Quatremère zu Namur, in dem öden Kerker durch den Anblick und die Beobachtung eines so bewundernswürdigen Kunsttriebes, wie der ist, den die Spinnen zeigen, die Schmerzen und Qualen ihrer Verbannung zu lindern, und das bittere Gefühl ihrer Verlassenheit zu mildern suchen.
Zehntes Kapitel.
Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser.
1.
Ich halte es für billig, bevor ich dies Werk über den Umgang mit Menschen schließe, mit meinen Lesern auch ein paar Worte über unsre wechselseitigen Verhältnisse gegen einander zu reden. Zuerst also einige Bemerkungen über den Beruf, ein Buch zu schreiben!
Ich habe bei andern Gelegenheiten geäußert, daß ich die Schriftstellerei in unsern Zeiten für nichts mehr, als für einen Zweig oder eine Unterart des Umgangs, und also für schriftliche Unterredung mit der Lesewelt halte, und daß man es daher im freundschaftlichen Gespräche so genau nicht nehmen dürfe, wenn auch einmal ein unnützes Wort mit unterliefe. Man soll es daher dem Schriftsteller nicht übel ausdeuten, wenn er, ein wenig von seiner Lebhaftigkeit und Mittheilungslust verführt, von der Begierde, über irgend einen Gegenstand allerlei Arten von Menschen seine Gedanken mitzutheilen, etwas drucken läßt, das nicht gerade die Quintessenz von Weisheit, Witz, Scharfsinn und Gelehrsamkeit enthält. Es behält ja ein Jeder die Freiheit, dem Schwätzer zuzuhören, oder nicht, -- und kann sich, bevor er ein Buch kauft, erst bei Andern nach dem Manne erkundigen, mit dem er sich unterhalten will, -- hat aber, denke ich, auf keinen Fall das Recht, ihm allein deswegen Grobheiten zu sagen, weil ihm die gedruckte Unterhaltung desselben nicht gefällt, in so fern er ihn nicht vorher mit unverschämten Prahlereien und großen Versprechungen getäuscht hat. Es ist überhaupt sehr viel schwerer, als man glauben sollte, seine eignen Produkte zu beurtheilen; nicht nur, weil unsre Eitelkeit da in das Spiel kömmt, sondern auch, weil die Gegenstände, über deren Beobachtung wir lange gebrütet, für uns, eben durch das Nachdenken, welches wir darauf verwenden, einen solchen Werth bekommen haben, daß wir unsre Gedanken darüber für äusserst wichtig halten, indeß einem Andern, was wir auch davon sagen mögen, unwichtig und gemein vorkommt. Und haben wir etwa gar Sprache und Beredsamkeit nicht in unsrer Gewalt, oder sind verstimmt zu der Zeit, wenn wir jene Gedanken zu Papier bringen wollen, oder vergessen, daß der Gegenstand, über welchen wir schreiben, nur durch kleine besondre Beziehungen auf unsre damalige Lage, die sich nicht mit übertragen lassen, uns am Herzen liegt; oder dies Herz ist zu voll, um, was es empfindet, in einer gefälligen Ordnung hererzählen zu können: so geschieht es, daß wir etwas schreiben, welches uns, die wir alle Nebenbegriffe daran knüpfen, wodurch das Bild Ausdruck und Farbe gewinnt, sehr unterhaltend scheint, jenen Andern aber gähnen macht und mit Unwillen gegen uns erfüllt. Indem es nun auf solche Weise leicht geschehen kann, daß selbst ein verständiger Mann, der das Unglück hat, von Eitelkeit geblendet, oder von starken Gefühlen hingerissen zu seyn, ein Buch schreibt, das andre Menschen für ein unnützes und langweiliges Buch halten, weil es eine reine Herzensergießung ist; so kann und darf es doch einem verständigen Manne nie begegnen, etwas öffentlich vor dem Publikum zu reden, das gegen Moralität und gesunde Vernunft stritte, oder wodurch er einem seiner Mitmenschen muthwillig Schaden zufügte. Denn wenn gleich Schriftstellerei nur dargebotene Unterhaltung und Unterredung ist, so ist sie doch eine solche Unterredung, bei der man hinreichende Zeit hat, zu bedenken, was man spricht, und um so mehr also die Verpflichtung übernimmt, jeden unsittlichen, ganz schiefen und boshaften Gedanken zu unterdrücken. Ich meine daher, alles, was das Publikum von einem Schriftsteller, der ohne zu weit getriebene Ansprüche auftritt, mit Recht fordern kann, ist, daß er durch seine Werke weder Sitten-Verderbniß, noch Vorurtheil und Unduldsamkeit verbreite, und das, was Allen heilig seyn soll, unangetastet und unentweiht lasse. Alles Uebrige: Beruf zu schreiben; Wahl des Gegenstandes; Einkleidung; Ansprüche auf Ruhm, Beifall und Lob; zu stiftender Nutzen; einzunehmender Gewinn; Hoffnung auf Unsterblichkeit -- das alles ist ~seine Sache~, und es geht auf seine Gefahr, wenn er sich dem Schimpfe aussetzt, entweder in der Stille zu Fuß vom Parnasse wieder herunterschleichen zu müssen, oder von der Meute der Recensenten zu Tode gejagt zu werden.
2.
Wenn also ein Autor nichts Schädliches und Unsinniges sagt, so muß man ihm erlauben, seine Gedanken drucken zu lassen; wenn er etwas Nützliches sagt, so erwirbt er sich ein Verdienst um das Publikum, und wenn er Wahrheiten an's Licht zieht, die lange schon verkannt oder vergessen sind, so soll er gehört, und seine Schrift von allen Guten ausgezeichnet und verbreitet werden. -- Aber wird deswegen sein Buch auch gewiß Beifall finden? Das ist wieder eine ganz andere Frage. -- Allgemeiner Beifall von Guten und Bösen, von Weisen und Thoren, von Hohen und Niedern? -- Ei nun! wer wird so eitel seyn, darauf Anspruch zu machen? Aber um auch nur dem größten Theile der Lesewelt zu gefallen, welche niedrige Mittel wählt da nicht mancher Schriftsteller? -- Wer sich nicht, in Ansehung der Form, der Einkleidung, des Titels seines Buchs, nach dem Zeitgeschmacke, d. h. nach dem Geschmacke, nicht dieses Jahrzehends, sondern dieses Jahres richtet; wer keine Anekdötchen mit einmischt; wer nicht dafür sorgt, daß sein Werkchen hübsch fein gedruckt und mit Bilderchen ausgeziert werde; wer herrschende Vorurtheile, Mode-Systeme, glänzende Thorheiten, politischen, kirchlichen, gelehrten und moralischen Despotismus angreift oder lächerlich macht; wer sich einen Verleger wählt, auf den die andern Buchhändler neidisch, dem sie feind sind; wer sich nicht demüthig unter den Schutz irgend eines gelehrten Posaunen-Blasers begibt; wer nicht die Schreier im Publikum, und Die, welche in der feinen Welt den Ton angeben, zu gewinnen sucht; wer zu bescheiden auftritt; wer sein Buch einem Manne widmet, oder in demselben einem Manne Gerechtigkeit widerfahren läßt, dessen Verdienste beneidet, verfolgt werden; wer das Unglück hat, durch seine Geistes-Produkte mehr Aufmerksamkeit zu erregen, als gewisse Schriftsteller des Tages, welche bei dem Publikum die Lieblingsschaft zu erringen wußten; wer dadurch auswärts sich einen Namen macht, den ihm seine Landsleute nicht gönnen; -- der wird, wenigstens in dieser Generation, vielleicht sein Glück als Schriftsteller nicht machen, und auch sein nützlichstes Werk bald als Maculatur behandelt sehen. Ich rathe daher, die unschuldigsten unter diesen kleinen Autorkünsten nicht eben gänzlich zu vernachlässigen. Viele davon sind aber eines edeln, verständigen Mannes unwerth.
In prahlerischen Vorreden sich für den bisher erhaltenen allgemeinen Beifall zu bedanken; an feile Recensenten Beurtheilungen seiner Werke einzusenden, die man selbst, oder die ein gefälliger Freund aufgesetzt hat, und in welchen man dem Publikum dazu Glück wünscht, daß der ~Lieblings-Schriftsteller~ der Nation die Welt abermals mit einem schönen Buche beschenkt habe, und dergleichen elende Künste mehr, helfen doch nur auf kurze Zeit. Sicherer, als die Recensionen, obgleich nicht unfehlbar für den bleibenden innern Werth eines Buchs entscheidend, ist die allgemeine Stimme des Publikums. Wenigstens ist es einem Schriftsteller zu verzeihen, wenn er ein Werk nicht für ganz schlecht, sondern dem Bedürfnisse des Zeitalters angemessen hält, das eine Reihe von Jahren hindurch häufig gekauft, gelesen, neu aufgelegt und übersetzt wird, wenn er dann auf den einzelnen Tadel unberufener Kunstrichter wenig achtet, und fortfährt, die Lesewelt zu unterhalten, so lange diese Stimmung dauert; aber wenn sie nachläßt -- dann ist es freilich Zeit, aufzuhören.
3.
Reden wir jetzt auch von dem Betragen und von den Pflichten des Lesers gegen den Schriftsteller! Zuerst soll, denke ich, jener nie vergessen, daß dieser sich nicht nach dem Geschmacke jedes Einzelnen richten kann. Was für Dich, in Deiner Lage, in Deiner Stimmung, höchst interessant ist, das scheint einem Andern vielleicht äusserst langweilig und unbedeutend, und wahrlich! ~der~ Mann müßte ein Hexenmeister seyn, der ein Buch verfassen könnte, in welchem Jeder fände, was er suchte. Es gibt Bücher, die man durchaus nur dann lesen muß, wenn man eben so gestimmt ist, wie der Mann war, der sie schrieb, so wie es auch andere gibt, deren Sinn und Schönheit man ~immer~, in jeder Laune, fassen und sich eigen machen kann. Nicht immer sind darum ~jene~ geistvoll, groß und erhaben nach ihrem Inhalte, noch im Gegentheil immer schwärmerisch und fieberhaft. Nicht immer enthalten darum ~diese~ lauter bestimmte, ewige Wahrheiten, auf kalte, unwiderlegbare, allein des vollkommnen Mannes würdige, unerschütterliche Philosophie gegründet, oder im Gegentheile, nicht immer gemeine, ohne Mühe leicht zu verdauende Seelen-Speise. Sey also nicht zu strenge, geehrter und erleuchteter Leser, in Deiner Beurtheilung eines sonst nicht schlecht geschriebenen Buches, oder wenn Du es nun einmal nicht lassen kannst, zu richten, so behalte wenigstens Deine Meinung darüber in Deinem Kopfe, in welchem oft viel leerer Raum ist, und verschreie das Buch nicht! Am wenigsten aber laß Dich verleiten, den moralischen Charakter des Schriftstellers auf bloße Muthmaßung hin bei dieser Gelegenheit anzugreifen, ihm gefährliche Absichten beizumessen, seinen Worten einen erzwungenen Sinn zu geben, und seine Winke hämisch auszudeuten! Beurtheile nicht ein Buch, wenn Du nur einzelne Stellen daraus gelesen hast, und bete nicht das Lob und den Tadel unwissender, boshafter oder feiler Recensenten nach!
4.
Bei der Menge unnützer Schriften thut man übrigens wohl, eben so vorsichtig im Umgange mit Büchern, wie mit Menschen zu seyn. Um nicht zu viel Zeit mit Lesung unnützen Papiers zu verschwenden, das heißt: um nicht von Schwätzern mir die Zeit verderben zu lassen, suche ich auch von ~dieser~ Seite nicht viel neue Bekanntschaft eher zu machen, als bis der allgemeine Ruf mich auf ein gutes, oder besonders musterhaftes Buch aufmerksam macht. Ich bin mit einem kleinen Cirkel alter guter Freunde zufrieden, die ich oft, und immer mit neuem Vergnügen, schriftlich mit mir reden lasse.
Hier wäre denn wohl der Ort, einen eignen, nicht unbedeutenden Abschnitt den Bemerkungen über den ~Umgang mit verstorbenen großen und edeln Männern~ zu widmen; allein das würde mich zu weit führen; wichtig ist aber gewiß der Einfluß, den das Studium der Geschichte, des Charakters und der Schriften der berühmtesten Helden und Weisen verflossener Jahrhunderte auf die Ausbildung eines gutbegabten Geistes hat. Man träumt sich in jene Zeiten hinein, wird beseelt von dem Geiste, der aus den Thaten und Reden jener erhabenen Menschen hervorgeht; und in diesem Sinne hat der Umgang mit Verstorbenen sehr oft größere Wirkung auf Köpfe und Herzen, und durch diese auf große Weltbegebenheiten geäussert, als der Umgang mit den Zeitgenossen.
Eilftes Kapitel.
Schluß.
1.
Und nun, wertheste Leser! eile ich zum Schlusse dieses Werks über den Umgang mit Menschen. Finden Sie etwas darin, das Ihrer Aufmerksamkeit werth ist, -- wird dies Buch vom Publiko gütig aufgenommen und billig beurtheilt: so wird mir das mehr Freude machen, als mir bis jetzt selbst der beste Erfolg irgend einer meiner Schriften gewährt hat. Wenigstens hoffe ich, Sie werden hier keine Grundsätze antreffen, deren sich ein rechtschaffener und verständiger Mann schämen dürfte, und, wenn es sonst kein anderes Verdienst hat, ihm doch das der Vollständigkeit nicht absprechen; denn ich glaube, daß doch nicht leicht irgend ein Verhältniß im geselligen Leben gefunden werden könne, über welches ich nicht etwas gesagt hätte. -- Ob gut, oder schlecht, oder beides vermischt, oder mittelmäßig von Anfang bis zu Ende: -- das darf ich nicht entscheiden.
2.
Daß ein solches Buch aber, vorausgesetzt nämlich, daß der Gegenstand mit gehöriger Einsicht, Erfahrung und Menschenkenntniß behandelt wäre, nicht nur Jünglingen, sondern selbst Männern Nutzen gewähren könnte: ~das~ darf ich wohl behaupten. Man verlangt von feinen, hellsehenden Leuten immer auch feine Lebensart; aber man hat darin Unrecht. Dieser Geist des Umgangs erfordert Kaltblütigkeit, Achtsamkeit auf geringe Dinge, auf Kleinigkeiten, die man bei feurigen Genies selten antrifft. Ein Wink hingegen aus einem solchen Buche kann Manchen aufmerksam machen auf Fehler, welche er bisher, ohne es zu wissen, in Behandlung der Menschen beging, -- auf Fehler, die er an sich selbst aus zu großer Lebhaftigkeit bis jetzt übersehen hatte, ohne ihn deswegen abzuhalten, die fremden Erfahrungen auf ~seine~ Weise zu nützen, und dennoch selbstständig zu handeln.
3.
Ich habe aber in diesem Werke nicht die Kunst lehren wollen, die Menschen zu unsern Endzwecken zu mißbrauchen, über alle nach Gefallen zu herrschen, Jeden nach Belieben für unsre eigennützigen Absichten in Bewegung zu setzen. Ich verachte den Satz: »daß man aus den Menschen machen könne, was man wolle, wenn man sie bei ihren schwachen Seiten zu fassen verstünde.« Nur ein ~Schurke~ kann das, und will das, weil nur ~ihm~ die Mittel, zu seinem Zwecke zu gelangen, gleichgültig sind; der ~ehrliche~ Mann kann nicht aus allen Menschen alles machen, und will das auch nicht; und der Mann von festen Grundsätzen ~läßt~ auch nicht alles aus sich machen. Aber ~das~ wünscht, und ~das~ kann jeder Rechtschaffene und Weise bewirken, daß wenigstens die Bessern ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen: daß niemand ihn verachte; daß er Frieden von aussen her habe; daß man ihn in Ruhe lasse; daß er Genuß und Gewinn aus dem Umgange mit allen Klassen von Menschen schöpfe; daß Andere ihn nicht mißbrauchen, oder durch Verstellung täuschen. Und wenn er ausdauert, immer folgerecht, edel, vorsichtig und gerade handelt: so kann er sich allgemeine Achtung erzwingen, kann auch, wenn er die Menschen studirt hat, und sich durch keine Schwierigkeiten abschrecken läßt, fast jede ~gute~ Sache am Ende durchsetzen. Hierzu nun die Mittel zu erleichtern, und Vorschriften zu geben, die dahin einschlagen, -- das ist der Zweck dieses Buchs.
Wer aber sein ganzes Leben hindurch, bei jeder willkührlichen Handlung, bei jedem kleinen Schritte, den er zu unternehmen hat, erst nachsehen wollte, ob er dazu in diesem Buche kein Recept, keine Vorschrift fände, der würde freilich alle Eigenthümlichkeit des Charakters verleugnen. -- Doch, wie kann das auch meine Absicht seyn? Kaum bedürfte es dieser Erinnerung, wenn es weniger schiefe Köpfe und boshafte Ausleger in der Welt gäbe.
4.
Daß ich bei dieser Gelegenheit die Schwachheiten mancher Klassen von Menschen habe aufdecken müssen, ohne jedoch auf Einzelne unedel anzuspielen, das war wohl sehr natürlich. Aber o! was hätte ich sagen können, wenn ich mein Buch mit wirklichen Anekdoten hätte auszieren, und besondere Erfahrungen aus meinem Leben erzählen wollen! -- Schmeichle ich mir zu viel, wenn ich hoffe, daß man mir dergleichen nicht Schuld geben, und mir wenigstens von ~dieser~ Seite Gerechtigkeit widerfahren lassen werde?
Fußnoten:
[1] Die Teutschen haben von allen Völkern das meiste Lächerliche für die große Welt an sich; vielleicht, weil sie noch gar zu ehrlich sind, und die große Welt allzusehr verehren und bewundern. Wer nichts anstaunt, steht mehr auf seinem Gleichgewicht. Der Engländer glaubt, ihm kleide alles, er habe zu allem Recht; er verachtet, was er nicht besitzt, und nicht mehr erwerben kann, tritt keck, auch wohl bengelhaft auf. Der gutmüthige Teutsche will wenigstens zeigen, daß er sein Möglichstes thue, Andern zu gefallen, und in diesem ehrlichen Eifer merkt er kaum, wie schlecht es ihm oft gelingt. Der Franzose und der Russe haben den sichersten, feinsten, und für alle in der Gesellschaft Auftretende gefährlichsten Takt, das Lächerliche auf den ersten Blick aufzufinden. Wer sich vor ihnen auf seinen Sprach- oder Tanzmeister allein verläßt, den werden sie bald seinen Irrthum fühlen lassen, vorausgesetzt, er habe Sinn genug, zu erkennen, daß eben das, was man an ihm am meisten bewundert, sein Lächerliches sey. ~Klinger Betrachtungen und Gedanken~ 1r Thl. S. 316.
[2] Man muß so viel Menschenkenntniß oder so viel Urtheilskraft haben, um die Wirkung solcher theilnehmenden Fragen voraussehen zu können, oder das Fragen ganz unterlassen, und lieber erwarten, daß nicht das Gespräch sich von selbst auf diesen Gegenstand wenden wird. Denjenigen, welche sich nicht taktfest in der Unterhaltung fühlen, sollten sich überhaupt vor Fragen hüten, denn Fragen werden oft, wie Blicke, unsere Verräther.
A. d. H.
[3] Ich entlehne diese Stelle, welche durch ihre treffende und sinnreiche Darstellung sich auszeichnet, aus der Zeitschrift: ~Ernst und Scherz~, oder der alte Freimüthige, Nro. 128. des Jahrgangs 1817, und füge nur die Anweisung zum Betragen gegen diese Menschen hinzu.
d. H.
[4] Und das sind die Grundsätze eines Mannes, den Georg Zimmermann, Aloisius Hoffmann und Consorten als einen Volks-Aufwiegler verketzerten!
[5] Die Verirrungen des Philosophen, oder Geschichte Ludwigs von Seelberg, Theil 1. Seite 108.
[6] Vielleicht würde der Verf., wenn er die heutige Jugend sähe, in ihr die Erfüllung seiner Hoffnung finden; wenigstens eine gewisse männliche Gesetztheit, deutsche Geradheit und Festigkeit und offene Freimüthigkeit wird man ihr nicht absprechen können. Aber Bescheidenheit würde er sehr vermissen.
A. d. H.
[7] Hier, und an andern Orten ist der Verf. seinen Lesern die Lösung dieser schweren Aufgabe schuldig geblieben, und man muß glauben, daß er verzweifelte, sie zu lösen. Auch wird man wohl denen beipflichten müssen, die es nicht der Mühe werth halten, sie zu lösen.
A. d. H.
[8] Wir haben in den neuesten Tagen dergleichen ärgerliche Auftritte in großer Zahl gesehen, und die Klage des Verf. gilt also leider noch immer, doch glücklicher Weise nur von den leichtfertigen Schriftstellern des Tages und einigen Philologen.
D. H.
[9] Wer denkt hier nicht an Wielands und Johann v. Müllers gutherziges Loben, und an des Letzteren übergroße Nachsicht gegen überlästige Correspondenten?
D. H.