Part 37
Wirklich ist es eine recht lästige Beschäftigung, zu Erringung seines Unterhalts den ganzen Tag durch, in Wind und Wetter, von einem Hause in das andere zu laufen, und ohne freie Wahl der Schüler dieselben Anfangsgründe einer Kunst oder Sprache unzähligemal wiederholen zu müssen. Findet man nun unter diesen Meistern dennoch einen Mann, den, trotz dieser abschreckenden Schwierigkeiten, die Fortschritte, welche seine Schüler machen, mehr reizen als der Gewinn, dem es ernstlich darum zu thun ist, seine Kunst leicht, gründlich, lebhaft und deutlich vorzutragen; so ehre man diesen, wie jeden Andern, der etwas zu unsrer Bildung beiträgt! Oft aber trifft man unter diesen Herren sehr schlechte Subjecte an: Menschen ohne Erziehung und Sitten, die von dem, was sie Andern beibringen wollen, selbst keine klare Begriffe, am wenigsten aber die Gabe haben, in Andern dergleichen zu erwecken, -- Menschen, die, besonders wenn sie mit Kindern zu thun haben, es bloß auf Gedächtniß-Kenntnisse anlegen, womit sie gelegentlich die unwissenden Eltern täuschen können, welche sich nun überreden, daß ihre Kinder große Fortschritte gemacht haben, indeß der Meister froh ist, wenn er die Stunde überstanden hat, -- Menschen, die, um nur die Lehrstunde auszufüllen, Stadt-Mährchen erzählen, aus ~einem~ Hause in das andre tragen, oder gar das unedle Handwerk von Kupplern und Liebesbriefträgern verwalten. Ich kann jeden sorgsamen Vater, und wem sonst junge Leute anvertrauet sind, nicht genug vor dieser bösen Gattung von Unterweisern warnen, und rathe, so viel möglich, bei den Lehrstunden solcher Meister, die man nicht recht genau kennt, gegenwärtig zu seyn. Ich kann mich nicht enthalten, diese Vorsicht besonders gegen Musik- und Sprach-Meister zu empfehlen. Die größere Anzahl der Tonkünstler und französischen Sprachmeister besteht aus sehr leichtsinnigen, üppigen, sinnlichen Menschen. Die Musik erregt Gefühle, aber dunkle Gefühle, die öfter für Wollust, als für hohe Tugenden empfänglich machen, mehr die Phantasie, als die Vernunft beschäftigen. Deswegen gibt es unter den Virtuosen so viel verderbte und gefährliche Menschen. Ganz anders verhält es sich mit großen Componisten; ich rede nur von ausübenden Musikern. Eben so gefährlich ist eine gewisse Klasse von Sprachmeistern. Die französische Sprache, die so reich ist an glatten Worten und feinen Wendungen, wird von diesen Menschen benutzt, um unschuldigen Herzen das Gift der Eitelkeit beizubringen.
7.
Ein redlicher, arbeitsamer und geschickter ~Handwerksmann~ oder ~Künstler~ ist eine der nützlichsten Personen im Staate, und es macht unsern Sitten wenig Ehre, daß wir diesen Stand so gering schätzen. Was hat ein müssiger Hofschranze, was hat ein reicher Tagedieb, der um sein baares Geld sich Titel und Rang erkauft hat, vor dem fleißigen Bürger voraus, der seinen Unterhalt auf erlaubte Weise durch seiner Hände Arbeit erwirbt? Dieser Stand befriedigt unsre ersten und natürlichsten Bedürfnisse. Ohne ihn würden wir für unsre Nahrung und Kleidung und für alle Gemächlichkeiten des Lebens mit eigenen hohen Händen sorgen müssen; und erhebt sich nun gar der Handwerker oder Künstler (wie es sehr oft der Fall ist) durch Erfindungskraft und Verfeinerung seiner Kunst über das Mechanische, so verdient er doppelte Achtung. Dazu kömmt, daß man wirklich unter diesen Leuten, die bei ihren Geschäften Zeit genug haben, an andre nützliche Dinge zu denken, zuweilen die hellsten Köpfe, und Männer antrifft, die freier von Vorurtheilen sind, als Viele, die durch Studiren und Systemgeist ihre gesunde Vernunft verschroben haben.
Wie pflichtmäßig ist es also, einen rechtschaffenen und fleißigen Handwerksmann zu ehren und sich höflich gegen ihn zu betragen! Und wie unedel ist es, ohne Noth von ihm abzugehen, ob man gleich keine Ursache hat mit seiner Arbeit, mit seinem Fleiße und seinen Preisen unzufrieden zu seyn. Man mache nicht den Handwerksneid unter diesen Leuten rege! Man ziehe, bei gleichen Umständen, ~den~ Handwerksmann, der unser Nachbar ist, dem entfernter wohnenden vor! Man bezahle ordentlich, pünktlich, baar, und dinge ihm nicht über die Gränzen der Billigkeit ab! Unverantwortlich ist das Verfahren so vieler Vornehmen und selbst Reichen, die, bei allem Aufwande, den sie machen, zuletzt daran denken, die Handwerksleute, welche für sie arbeiten, zu befriedigen. Eben die Verschwender, welche vielleicht in ~einem~ Abende Tausende im Spiele verlieren, und es für eine Ehrensache halten, diese Schuld ohne Aufschub zu tilgen, lassen den armen Handwerksmann um eine Rechnung von zehn Thalern, worunter mehr als die Hälfte in baaren Auslagen von seiner Armuth besteht, unbarmherziger Weise Jahre lang warten, und manchen sauren Weg vergebens thun, lassen ihn wohl gar von einem groben Haushofmeister auf eine kränkende Weise abfertigen. Diese Ungerechtigkeit und Härte stürzt so manchen ehrlichen, sonst wohlhabenden Bürger in Mangel, oder verleitet ihn, ein Betrüger zu werden.
Es herrscht aber unter den Handwerksleuten die unartige Gewohnheit des Lügens. Sie versprechen, was sie weder halten können, noch halten wollen, und übernehmen mehr Arbeit, als sie in der bestimmten Frist zu liefern im Stande sind. Es würde der Mühe werth seyn, daß sich, wie ich schon oben in Ansehung der übertheuernden Krämer vorgeschlagen habe, die angesehensten Leute einer Stadt dahin vereinigten, bei einem solchen Windbeutel nicht mehr arbeiten zu lassen. Daher mache ich mit den Handwerksleuten, welche für mich arbeiten, den Vertrag, daß ich augenblicklich von ihnen abgehe, sobald sie mir ihre Zusage nicht halten. Dadurch nun, und wenn man jedesmal bei Ablieferung der Arbeit baar bezahlt, erlangt man, daß man seltner belogen wird, als Andre.
8.
Ein Blick zurück auf das, was ich von dem Umgange mit Kaufleuten gesagt habe, erinnert mich, daß ich bei dieser Gelegenheit auch von den ~Juden~, als gebornen Handelsmännern, hätte reden sollen. Ich will aber das Wenige, was ich etwa über diesen Gegenstand vorzutragen habe, hier nachholen.
In Amerika trifft man sehr viel Juden an, die durchaus in allen ihren Sitten mit den Christen übereinstimmen, auch sogar mit christlichen Familien durch wechselseitige Heirathen sich verbinden. In Holland und in einigen Städten von Deutschland, besonders in Berlin, ist die Lebensart mancher jüdischen Familien von der Weise anderer Religions-Verwandten auch fast gar nicht verschieden. In diesen Fällen nun ist eine von den Ursachen gehoben, weswegen der Charakter dieses Volks so viel widrige Eigenheiten hat. Freilich bringen es leider die mehrsten Juden in der höhern Kultur nicht weiter, als daß sie die Einfalt und Strenge ihrer Sitten gegen christliche Laster und Thorheiten vertauschen. Ein jüdischer Stutzer, Wüstling oder Freigeist spielt dann mehrentheils eine sehr unwürdige Rolle. Daß übrigens die höchst unverantwortliche Verachtung, mit welcher wir den Juden begegnen, -- der Druck, unter welchem sie in den mehrsten Ländern leben, und die Unmöglichkeit, auf andre Weise, als durch Wucher, ihren Lebens-Unterhalt zu gewinnen, -- daß diese unsere Ungerechtigkeit nicht wenig dazu beiträgt, sie moralisch schlecht zu machen, und zur Niederträchtigkeit und zum Betruge zu reizen, -- endlich daß es, ungeachtet aller dieser Umstände, dennoch edle, wohlwollende, großmüthige Menschen unter ihnen gibt: -- das sind bekannte, oft gesagte Dinge. Laßt uns aber hier die Juden, nicht wie sie unter andern Umständen seyn ~könnten~, noch wie einzelne Subjecte unter ihnen sind, sondern so, wie wir jetzt ihren Volks-Charakter nach der größern Anzahl beurtheilen müssen, betrachten!
Sie zeigen sich rastlos und von einer unerschöpflichen Geduld und Ausdauer, wo etwas zu gewinnen ist; sie verschmähen auch den kleinsten Gewinn bei ihrem Gewerbe nicht, und machen, durch ihren Zusammenhang in allen Ländern und dadurch, daß sie sich durch keine Art von Bedrückung und Zurückweisung abschrecken lassen, fast unmögliche Dinge möglich. Man kann sie daher zu den wichtigsten Verhandlungen brauchen, und auf ihre Klugheit eben so sehr, wie auf ihre Ausdauer rechnen; nur muß man ihre Dienste gut bezahlen.
Sie sind verschwiegen, wo sie Interesse dabei finden; vorsichtig; zuweilen zu furchtsam, doch für's Geld bereit, das Aergste zu wagen; verschlagen; witzig; scharfsinnig in ihren Einfällen; Schmeichler im höchsten Grade, und finden dadurch Mittel, sich ohne Aufsehen in den größten Häusern Einfluß zu verschaffen, und durchzusetzen, was man ohne sie schwerlich bewirken würde.
Sie sind mißtrauisch. Sind sie aber ~einmal~ überzeugt, daß sie pünktliche Bezahlung erhalten werden, und mit einem ehrlichen Manne zu thun haben, so kann man auch bei ihnen Hülfe finden, wenn alle christlichen Wucherer sich zurückziehen.
Bist Du aber ein schlechter Wirth, oder sind Deine Vermögens-Umstände in einer zweideutigen Lage: so wird niemand dieß leichter gewahr werden, als der Jude. Rechne dann nicht darauf, daß er Dir Geld vorschießen werde, oder mache Dich gefaßt, ihm, wenn er es auf Speculation daran wagt, Dich zu so übertriebenen Procenten und zu solchen Bedingungen verbindlich machen zu müssen, daß dadurch Deine Lage gewiß noch unglücklicher wird!
Es wird den Juden gewaltig schwer, sich vom Gelde zu trennen, weil es ihr höchstes Gut, und die Bedingung ihres Daseyns ist. Darum gehen sie in Geld-Angelegenheiten mit der größten Vorsicht zu Werke, und lassen sich dabei keine Mühe verdrießen. Wenn Jemand, den sie nicht recht genau kennen, sie um ein Darlehn anspricht, so werden sie denselben auf einen andern Tag wieder bestellen. Unterdessen forschen sie bei Handwerkern, Nachbaren, Bedienten u. dgl. nach den kleinsten Umständen des künftigen Schuldners. Kömmt dieser zur bestimmten Zeit wieder, so läßt sich der Jude verleugnen, oder verschiebt die Zahlung noch um einige Wochen, Tage oder Stunden. Und ist auf Deinem Gesichte nur irgend eine Spur von Verlegenheit über Deine Umstände, oder von zu großer Freude über die zu hoffende Hülfe zu lesen, so wird der Jude sich nicht von seinem Mammon trennen, und hätte er auch schon angefangen, das Geld hinzuzählen. Daß er Dir immer das leichteste Gold geben wird, versteht sich von selbst. Auf dies alles muß man sich gefaßt machen, wenn man in solche Fälle kömmt.
Bei dem Handel mit Hebräern gemeiner Art ist es rathsam, die Augen oder den Beutel zu öffnen. Es ist sehr natürlich, daß ein Christ sich auf ihre Gewissenhaftigkeit, auf ihre Betheuerungen nicht verlassen darf. Sie werden Euch Kupfer für Gold, drei Ellen für vier, alte Sachen für neue verkaufen, falsche Münze für ächte geben, wenn Ihr es nicht besser verstehet.
Wenn man alte Kleider oder andre Sachen an Juden verhandeln will, so suche man mit dem ersten, der ein irgend leidliches Gebot thut, sogleich einig zu werden! Lässest Du ihn fortgehen, ohne sein Gebot anzunehmen, so wird die Nachricht, daß bei Dir etwas zu schachern sey, und daß man Mendeln oder Joseph den Handel nicht verderben dürfe, wie ein Lauf-Feuer durch die ganze Judenschaft gehen, und in der Synagoge publicirt werden: in solchen Fällen halten sie treulich zusammen. Es werden dann haufenweise die Israeliten, fremde und einheimische, Dein Haus bestürmen; aber jeder später kommende wird immer etwas weniger bieten, als der vorhergehende, bis Du endlich entweder den ersten wieder aufsuchst, der aber dann die gleich anfangs gebotene Summe noch vermindert, oder bis Deine Waare Dir so zuwider wird, daß Du sie für die Hälfte des Werths einem Andern hingibst, der sie treulich dem Ersten einhändigt. Wenn auch ein Jude von gemeiner Art Dir im Handel so viel bietet, wie Du etwa fordern zu dürfen glaubst, so schlage doch nicht gleich zu; er wird sonst zurückziehen, entweder weil er nun denkt, er hätte noch wohlfeiler dazu kommen können, oder es stecke Betrug dahinter.
Ist man seines Kaufs mit einem Trödel-Juden völlig einig, so wird er doch noch versuchen, den Verkäufer zu hintergehen. Er wird gewöhnlich sagen: »er habe kein baares Geld bei sich, wolle aber die Uhr oder sonst etwas zum Unterpfande lassen.« Er weiß wohl, daß man das selten annimmt. Gibt man ihm nun Credit und das Gekaufte mit, so schleppt er dies in der ganzen Stadt herum, bietet es feil, und bringt es wieder, mit dem Bedeuten: »man solle etwas schwinden lassen; er habe sich übereilt.« Oder er kömmt gar nicht wieder, und man muß lange hinter der Bezahlung herlaufen. Auch wollen sie gar zu gerne Waare statt Geld geben, denn die baare Münze ist ihnen gar zu sehr an's Herz gewachsen. -- Auf dies alles darf man sich nicht einlassen. Etwas ganz Charakteristisches hat diese Nation übrigens in Allem. -- Ich rede von dem großen Haufen derselben, nicht von denen, die sich (vielleicht nicht zu ihrem Glücke) nach den Sitten der Christen umgebildet haben. -- Man höre die Musik in ihren Tempeln, und die ganz eigene Art, wie sie dieselbe vortragen! Man sehe sie tanzen! Man gebe Acht auf die Verzierungen, welche auch die reichsten alten Juden in ihren Häusern anbringen, ob nicht immer etwas von den Knäufen an dem Tempel Salomons, von den Verzierungen der Bundeslade, Scharlach, Rosenroth und gezwirnter weißer Seide mit unterläuft.
9.
In den mehrsten Provinzen von Deutschland lebt der ~Bauer~ in einer Art von Druck und Sclaverei, die wahrlich oft härter ist, als die Leibeigenschaft desselben in andern Ländern. Mit Abgaben überhäuft, zu schweren Diensten verurtheilt, unter dem Joche grausamer, habsüchtiger Beamten seufzend, werden sie des Lebens nie froh, haben keinen Schatten von Freiheit, kein sichres Eigenthum, und arbeiten nicht für sich und die Ihrigen, sondern nur für ihre Tyrannen.
Wen nun die Vorsehung in die glückliche Lage gesetzt hat, zu Erleichterung dieser so sehr gedrückten und doch so wichtigen, zahlreichen und nützlichen Menschen-Klasse etwas beitragen zu können: o! der schaffe sich doch die süße Wonne, in den ländlichen Hütten Freude zu verbreiten, und seinen Namen von Kindern und Enkeln mit Segen nennen zu hören!
Freilich wohl sind die Bauern zum Theil so hartnäckige, zänkische, widerspenstige und unverschämte Geschöpfe, daß sie aus der geringsten Wohlthat eine Schuldigkeit machen, -- daß sie nie zufrieden sind, immer klagen, immer mehr haben wollen, als man ihnen zugestehen kann; allein sind wir nicht selbst durch lange fortgesetzte unedle Behandlung und Vernachlässigung ihrer Bildung daran Schuld, daß niederträchtige Gesinnungen bei ihnen herrschend werden? und gibt es nicht einen Mittelweg zwischen übertriebener Nachsicht und despotischer Strenge und Grausamkeit? Ich verlange nicht, daß ein Landes- oder Guts-Herr sich, so lange die jetzige Ordnung der Dinge noch Statt hat, des Rechts begeben solle, seine Unterthanen zu schuldigen Diensten zu gebrauchen; allein, kann es erlaubt seyn, diese Dienste auch dann zu verlangen, wenn nur von dem edlen Vergnügen einer Hirsch- oder Schweine-Metzelei die Rede ist? ist es menschlich, den Bauer zu einer Zeit, wo seine Gegenwart zu Hause dringend nothwendig ist, mehrere Tage hinter einander in strenger Kälte mit leerem Magen herumlaufen, und Ohren und Nase erfrieren zu lassen? Der Gutsherr kann und soll ihm die schuldigen Abgaben nicht schenken; aber er soll Nachsicht mit seinen Umständen haben, Rücksicht auf erlittene Unglücksfälle nehmen, und darauf halten, daß die Beamten die Gelder in einer Zeit eintreiben, wo es dem armen Landmanne weniger schwer wird, baare Münze aufzutreiben, ohne sich mit Leib und Seele dem Juden oder dem bösen Feinde zu verschreiben.
Man schwatzt so viel von Verbesserung der Dorfschulen und Aufklärung des Landvolks; allein überlegt man auch wohl immer genau genug, welch ein Grad von Aufklärung für den Landmann, besonders für den von niedrigem Stande, taugt? Daß man den Bauer nach und nach, mehr durch Beispiele als durch Abhandlungen, zu bewegen sucht, von manchen ererbten Vorurtheilen, in der Art des Feldbaues und überhaupt in der Führung des Haushalts, zurückzukommen, -- daß man durch zweckmäßigen Schul-Unterricht die thörichten Grillen, den dummen Aberglauben, den Glauben an Gespenster, Hexen u. dergl. zu zerstören trachte, -- daß man die Bauern gut schreiben, lesen und rechnen lehre: das ist löblich und nützlich. Ihnen aber allerlei Bücher, Geschichten und Fabeln in die Hände zu spielen; sie zu gewöhnen, sich in eine Ideen-Welt zu versetzen; ihnen die Augen über ihren armseligen Zustand zu öffnen, so lange man nicht die ernstliche Absicht hat, diesen zu verbessern; sie durch zu viel Aufklärung unzufrieden mit ihrer Lage, und aufgelegt zu machen, über die ungleiche Austheilung der Glücksgüter zu declamiren; ihren Sitten Geschmeidigkeit und den Anstrich der feinen Höflichkeit zu geben -- das taugt wahrlich nicht, obgleich es auch grausam und ungerecht ist, die natürlichen Fortschritte einer solchen Aufklärung vorsätzlich ~hindern~ zu wollen. Ohne alle diese künstlichen Hülfsmittel trifft man unter alten Landleuten Menschen von so unverfälschtem Sinne, von so hellem, heiterm Kopfe, und von so festem Charakter an, die manchen hochstudirten Herrn beschämen könnten. Es scheint also rathsam, hier mit großer Mäßigung und Sparsamkeit zu Werke zu gehen. Im Ganzen betrage man sich gegen den Bauer treuherzig, gerade, offen, ernsthaft, wohlwollend, nicht geschwätzig, dem Verhältnisse gemäß, und bleibe sich gleich: und man wird sich seine Achtung, sein Zutrauen erwerben, und viel über ihn vermögen.
Von ~Land-Edelleuten~ und andern Personen höhern Standes, die in den Dörfern leben, gilt zum Theil dasselbe. Man nehme keinen Residenz-Ton im Umgange mit ihnen an, hüte sich vor leeren Complimenten, nehme Theil an ihren ländlichen Freuden, Sorgen und Geschäften, und verbanne allen Zwang, ohne doch den Ton zu tief herabzustimmen: so wird man ihnen als Gast, Nachbar, Freund und Rathgeber willkommen seyn.
Siebentes Kapitel.
Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart und Gewerbe.
1.
Zuerst von den sogenannten Abentheurern und Pflastertretern. Ich rede hier nicht von den eigentlichen Betrügern und Gaunern -- von diesen soll gleich nachher gehandelt werden! -- sondern von der unschädlichen Art der Abentheurer, die, wenn sie sich mit der Glücksgöttin gar zu oft überworfen haben, zuletzt an die kleinen Neckereien dieses launigten Weibes so gewöhnt sind, daß sie immer aufs Neue blindlings in den Glückstopf hineingreifen, und es wagen, entweder auf die Finger geklopft zu werden, oder einmal einen fetten Brocken zu erhaschen. Sie leben, ohne festen Plan für den folgenden Tag, auf gute Hoffnung los, und unternehmen sorglos und leichtsinnig alles, was ihnen für den Augenblick eine Aussicht zu einigem Unterhalte zu eröffnen scheint. Wo eine reiche Wittwe zu heirathen, eine Pension, eine Bedienung an irgend einem Hofe, oder dergleichen zu erschleichen ist, da sind sie nicht saumselig. Sie verändern den Namen, adeln sich, schaffen sich um, so oft es ihnen beliebt, und es die Sache erleichtern kann. Was sich als Edelmann nicht durchsetzen läßt, das versuchen sie als Marquis, als Abbé, als Offizier. Zwischen Himmel und Erde ist kein Fach, kein Departement, in welchem sie nicht bereit wären, sich an die Spitze der Geschäfte stellen zu lassen, keine Wissenschaft, über welche sie nicht mit einer Zuversicht schwatzten, die sogar den Gelehrten zuweilen stutzen macht. Mit einer bewundernswürdigen Gewandtheit, mit einem +savoir faire+, das selbst der bessere Mann zum Theil von ihnen lernen sollte, gelangen sie zu Dingen, die der Rechtschaffenste und Verständigste nicht einmal zu wünschen den Muth hat. Ohne tiefe Menschenkenntniß haben sie gerade das, womit man in dieser Welt über wahre Weisheit den Meister spielt -- +esprit de conduite+. Gelingt das nicht, was sie unternehmen, so werden sie doch dadurch nicht in ihrem guten Humor gestört; die ganze Welt ist ihr Vaterland, und als blinde Passagiers sind sie auf dem Postwagen eben so zu Hause, wie in einer prächtigen Karosse. -- Ein gutmüthiges Völkchen, durch das Nomaden-Leben gewöhnt, Freuden und Leiden geduldig zu ertragen und zu theilen! Haben sie irgendwo ihre Rolle ausgespielt, so schnüren sie ihr Bündelchen, und gehen aus ihren Palästen so leichtfüßig davon, wie ein flüchtiger Morgen-Traum.
Als Gesellschafter mag man diese Leute nicht verachten! Sie haben so Manches gesehen und erfahren, daß dem Menschen-Kenner ihr Umgang nicht ganz uninteressant seyn kann. Ja, wenn sie sonst nicht bösartig sind, so findet man bei ihnen Theilnehmung, Dienstfertigkeit und Gefälligkeit in hohem Grade. Dagegen ist zu einer genauen freundschaftlichen Verbindung mit ihnen gar nicht zu rathen. Man sey nicht zu vertraulich gegen sie, und bediene sich nicht ihrer Hülfe zu wichtigen Geschäften! Theils leidet dadurch unser eigner Ruf, theils kann man sich von ihrem Leichtsinne und ihrer Charakterlosigkeit wenig wahre Hülfe versprechen; auch pflegen sie nicht eben sehr ekel in der Wahl der Mittel zu seyn, welche sie anwenden, um zu einem Zwecke zu gelangen.
2.
Beschäme nicht leicht den Abentheurer, auch den von schlechter Art nicht, wenn Du ihn irgendwo in einer erborgten Gestalt, unter falschem Namen, oder mit selbstgeschaffnen Titeln und Ehrenzeichen geschmückt antriffst, in so fern nicht wichtige Gründe eintreten, oder Du besondern Beruf dazu hast! Auch würde Dir das nicht immer gelingen; denn seine Unverschämtheit möchte vielleicht Wege finden, das Unangenehme einer solchen Scene auf Dich selbst fallen zu machen. Doch kann es zuweilen nützlich seyn, so einem Herrn unter vier Augen merken zu lassen, daß man ihn kenne, und daß es in unsrer Macht stehen würde, ihn zu entlarven, daß man aber seiner schonen wolle. Dann wird ihn vielleicht die Furcht vor der Entdeckung zurückhalten, böse Streiche zu spielen. Es gibt aber unter diesen Landläufern äusserst gefährliche Menschen, Ausspäher, Verführer, Verleumder, Diebe und Schelme aller Art. Nicht nur sollte diesen die Thür jedes ehrlichen Mannes sorgfältig verschlossen werden, sondern die kleinern deutschen Fürsten würden auch wohl thun, wenn sie sich weniger mit solchem Gesindel einließen, welches gewöhnlich mit einer Tasche voll Pläne und Entwürfe zum Besten des Landes, zur Beförderung des Handels, zum Flor und zur Verschönerung der Residenzen, angezogen kömmt, redliche Diener aus ihren Aemtern verdrängt und verdächtig macht, seinen Beutel zum Ruin des Landes spickt, freilich seine Rolle selten lange spielt; aber wenn es auch, mit Schimpf und Schande beladen, davon gehen muß, mehrentheils viel gestiftetes Unglück zurückläßt, was es nie wieder gut machen kann, und irgend einen andern schwachen Herrn findet, mit dem es seine Operationen aufs Neue versucht. In diesen Fällen ist es Pflicht, dem Bösewichte öffentlich die Larve abzuziehen; doch thue man das nicht eher, als bis man die deutlichsten Beweise gegen ihn in Händen hat! denn dergleichen Menschen haben die Gabe, ihre Sache von solchen Seiten vorzustellen, daß man sehr viel wagt, wenn man sie mit unsichern Waffen angreift.
3.
Unter allen Abentheurern sind, nach meiner Empfindung, die ~Spieler~ vom Handwerk die verächtlichsten. Indem ich nun von ihnen rede, werde ich auch Gelegenheit nehmen, über das Spiel im Allgemeinen und über das Betragen bei demselben etwas zu sagen.