Part 36
Doch ist es in der That traurig -- um auch das Böse nicht zu verschweigen -- daß die Handlungen so vieler Richter und Advocaten, so wie die Justiz-Verfassung in den mehrsten Ländern, so viel Grund und Anlaß zu jenen harten Beschuldigungen geben. So geschieht es, daß sich Menschen ohne Grundsätze, verschrobene und alltägliche Köpfe, dem Studium der Rechtsgelehrsamkeit widmen, und mit der Kenntniß der Gesetze keine andre feine Kenntnisse verbinden, dennoch aber so stolz auf diesen Wust von alten römischen, auf unsre Zeiten wenig passenden Gesetzen sind, daß sie von dem Manne, der die edlen Pandecten nicht am Schnürchen hat, glauben, er könne gar nichts gelernt haben. Ihre ganze Gedanken-Reihe knüpft sich nur an ihre heilige Schrift, an das Corpus Juris an, und ein steifer Civilist ist daher im gesellschaftlichen Leben das langweiligste Geschöpf, das man sich denken mag. In allen übrigen menschlichen Dingen, in allen andern, den Geist aufklärenden, das Herz bildenden Kenntnissen unerfahren, tritt ein solcher Jurist in ein öffentliches Amt, und wird vielleicht für eine ganze Stadt der einzige Verwalter der Gerechtigkeit. Sein barbarischer Styl, seine bogenlangen Perioden, die unglückselige Fertigkeit, die einfachste deutlichste Sache zu verwickeln, zu verdunkeln, und unverständlich zu machen, erfüllt Jeden, der Geschmack und Sinn für Klarheit hat, mit Ekel und Ungeduld. Wenn Du auch nicht das Unglück erlebst, daß Deine Angelegenheit einem eigennützigen, partheiischen, faulen, oder schwachköpfigen Richter in die Hände fällt; so ist es schon genug, daß Dein oder Deines Gegners Anwald ein Mensch ohne Gefühl, ein gewinnsüchtiger Gauner, ein Pinsel, oder ein Ränkeschmidt ist, um bei einem Rechtsstreite, den jeder unbefangene gesunde Kopf in einer Stunde schlichten könnte, viele Jahre lang hingehalten zu werden, ganze Ballen voll Acten zusammengeschrieben zu sehen, und dreimal so viel Unkosten zu bezahlen, als der Gegenstand des ganzen Streits werth ist, ja am Ende die gerechteste Sache zu verlieren, und Dein offenbares Eigenthum fremden Händen preiszugeben. Und wäre auch beides nicht der Fall; wären auch Richter und Sachwalter geschickte und redliche Männer, so ist der Gang der Justiz in manchen Ländern von der Art, daß man Methusalems Alter erreichen muß, um das Ende eines Prozesses zu erleben. Da schmachten dann ganze Familien im Elende und Jammer, indeß sich Schelme und hungrige Scribler in ihr Vermögen theilen. Da wird die gegründeteste Forderung wegen eines kleinen Mangels an elenden Formalitäten für nichtig erklärt. Da muß der Aermere sich's gefallen lassen, daß sein reicherer Nachbar ihm sein väterliches Erbe wegreißt, wenn der Anwald des Gegners Mittel findet, den Sinn irgend eines alten Documents zu verdrehen, oder wenn der Unterdrückte nicht Vermögen genug hat, die ungeheuren Kosten zur Führung des Prozesses aufzubringen. Da müssen Söhne und Enkel geduldig zusehen, wie die Güter ihrer Voreltern, unter dem Vorwande, die darauf haftenden Schulden zu bezahlen, Jahrhunderte hindurch in den Händen privilegirter Diebe bleiben, indeß weder sie noch die Gläubiger Genuß davon haben. Da muß mancher Unschuldige sein Leben auf dem Blutgerüste hingeben, weil die Richter mit der Sprache der Unschuld weniger bekannt sind, als mit den Wendungen einer falschen Beredsamkeit. Da lassen Professoren Urtheile über Gut und Blut durch ihre unbärtigen Schüler verfassen, und geben demjenigen Recht, der das Responsum bezahlt. -- Doch was helfen hier alle Declamationen, und wer kennt nicht diese Greuel der Verwüstung?
Darum bleibt es wahr, daß ein magerer Vergleich besser sey, als ein fetter Prozeß. Darum sey es Regel: Man halte seine Geschäfte in solcher Ordnung, mache alles darin bei Lebzeiten so klar, daß man seinen Erben nicht die geringste Wahrscheinlichkeit eines gerichtlichen Zwistes hinterlasse!
Hat uns aber der böse Feind zu einem Prozesse verholfen, so suche man sich einen redlichen, uneigennützigen, geschickten Advocaten -- man wird oft ein wenig lange suchen müssen -- und bemühe sich, mit ihm also einig zu werden, daß man ihm, ausser seinen Gebühren, noch reichere Bezahlung verspreche, nach Verhältniß der Kürze der Zeit, binnen welcher er die Sache zu Ende bringen wird!
Man mache sich gefaßt, nie wieder in den Besitz seiner Güter zu kommen, wenn diese einmal in Advocaten- und Administratoren-Hände gerathen sind, besonders in Ländern, wo alter Schlendrian, Schläfrigkeit und Inconsequenz in Geschäften herrschen!
Man erlaube sich keine Art von Bestechung der Richter! Wer dergleichen anwendet, der ist beinahe ein eben so arger Schelm, wie Der, welcher nimmt.
Man waffne sich mit Geduld in allen Angelegenheiten, die man mit Juristen von gemeinem Schlage vorhat.
Man bediene sich auch keines Solchen zu Dingen, die schleunig und einfach behandelt werden sollen!
Man sey äusserst vorsichtig im Schreiben, Reden, Versprechen und Behaupten gegen Rechtsgelehrte! Sie kleben am Buchstaben. Ein juristischer Beweis ist nicht immer ein Beweis der gesunden Vernunft; juristische Wahrheit zuweilen etwas mehr, zuweilen etwas weniger, als gemeine Wahrheit; juristischer Ausdruck ist nicht selten einer andern Auslegung fähig, als gewöhnlicher Ausdruck, und juristischer Wille oft das Gegentheil von dem, was man im gemeinen Leben Willen nennt.
3.
Ich komme jetzt zu dem ~Wehrstande~. Wenn in unsern heutigen Kriegen noch Mann gegen Mann föchte, und die Kunst, Menschen zu vertilgen, nicht so methodisch und kunstmäßig getrieben würde; wenn allein persönliche Tapferkeit das Glück des Kriegers entschiede, und der Soldat nur für sein Vaterland, zur Vertheidigung seines Eigenthums und seiner Freiheit stritte: so würde auch kein solcher Ton unter den Kriegsleuten herrschen, wie jetzt, da zu einem geschickten Militär ganz andre Arten von Kenntnissen gehören, da ein Paar neue Ressorts, nämlich Subordination und ein conventioneller Begriff von Ehre, auf gewisse Weise an die Stelle des kühnen Muths getreten sind, und diese die Menschen zwingen müssen, auf ihrem Platze unbeweglich stehen zu bleiben und aus der Ferne in völliger Ruhe auf sich schießen zu lassen, weil die Leidenschaften der Fürsten, ihr Ehrgeitz und ihre Eroberungssucht es so wollen, und die Völker nur um der Fürsten willen da sind. Dennoch war eine gewisse Rohigkeit, Zügellosigkeit und ein trotziges Hinwegsetzen über alle Regeln der Moral und bürgerlichen Uebereinkunft -- gleich als wären diese Gesetze nur Kinder des Friedens -- noch in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts fast der allgemeine Charakter eines Soldaten von hohem und niederm Range. In unsern Tagen aber sieht es damit ganz anders aus. Fast in allen europäischen Staaten, besonders in Frankreich, findet man im Soldatenstande Personen, die durch Kenntnisse in allen Fächern der Wissenschaften und Künste, besonders in solchen, die zu ihrem Handwerke gehören, durch ein gefälliges, geschmeidiges und kluges Betragen, äussere Sittlichkeit, Sanftmuth des Charakters und Bildung des Geistes und Herzens, sich der allgemeinen Achtung und Liebe werth machen. Ich würde also keine besondre Vorschriften über den Umgang mit Militärs zu geben haben, wenn nicht theils, so wie in allen Ständen, also auch hier, Ausnahmen Statt fänden, theils einige andre Rücksichten nicht mit Stillschweigen übergangen werden dürfen; doch kann ich mich dabei kurz fassen.
Wer seinem Stande, seinem Alter, oder seinen Grundsätzen nach, sich weder necken und beleidigen zu lassen, noch eine Beleidigung durch den Zweikampf auszutilgen Lust haben kann, der thut wohl, wenn er die Gelegenheit vermeidet, bei Spiel, Trunk oder andern dergleichen Fällen, mit ~rohen~ Leuten vom Soldatenstande in Gemeinschaft zu kommen, oder, wenn er solchen Gelegenheiten nicht ausweichen kann, sich so behutsam, höflich und ernsthaft, als möglich, aufzuführen. Indessen kömmt hiebei auch sehr viel auf den Ruf an, in welchem man steht; und ein gerader, fester, redlicher und verständiger Mann pflegt, selbst von ausschweifenden, ungesitteten Leuten, geachtet und geschont zu werden.
Ueberhaupt aber rathe ich, im Reden und Handeln gegen Offiziere vorsichtig zu seyn. Das Vorurtheil von übel verstandner Ehre, das in den mehrsten Armeen, vorzüglich in der französischen, herrschend ist, und das von mancher andern Seite einen Nutzen stiften kann, der hier zu weitläuftig zu entwickeln seyn würde, befiehlt dem Offizier, auch nicht das kleinste zweideutige Wörtchen, das ihm gesagt wird, hinzunehmen, ohne Genugthuung durch die Waffen zu fordern; und da hat denn nicht selten ein Ausdruck, den man sich im gemeinen Leben unbedenklich erlauben dürfte, für ihn einen beleidigenden Sinn. Man darf z. B. wohl sagen: »Das war doch ~nicht gut~,« aber keinesweges: »Das war ~schlecht~ von Ihnen;« -- und doch muß das, was ~nicht gut~ ist, nothwendig ~schlecht~ seyn. Mit dieser Sprache der Uebereinkunft soll man sich also ~bekannt~ machen, wenn man mit Personen, denen dieselbe Gesetze auflegt, umgehen will.
Daß man in Gegenwart eines Offiziers nie, auch nicht das Mindeste, zum Nachtheile dieses Standes vorbringen dürfe, versteht sich wohl um so mehr von selbst, da es in der That nöthig ist, daß der Soldat seinen Stand für den ersten und wichtigsten in der Welt halte. -- Denn was soll ihn bewegen, sich einer so beschwerlichen und gefährlichen Lebensart zu widmen, wenn es nicht die Ansprüche auf Ruhm und Ehre sind?
Endlich erwirbt man sich bei dem Soldatenstande durch ein offenes, treuherziges, ungezwungenes und fröhliches Wesen, durch freien und muntern Scherz, Gunst und Beifall; man muß also mit ihrer Weise bekannt seyn, wenn man mit dieser Klasse leben will. Doch sind vielleicht die Zeiten nicht mehr fern, wo jede dieser Vorschriften unnütz werden, und der Stand eines Soldaten nicht länger von dem eines Bürgers getrennt bleiben wird.
4.
Kein Stand hat vielleicht so viel Annehmlichkeit, wie der eines ~Kaufmanns~, wenn dieser nicht ganz mit leerer Hand anfängt, wenn das Glück ihm nicht entschieden zuwider ist, wenn er ein wenig vor sich gebracht hat, wenn er seine Unternehmungen mit gehöriger Klugheit treibt, nicht zu viel wagt und auf das Spiel setzt. Kein Stand genießt einer so glücklichen Freiheit, wie dieser. Kein Stand hat von je her so unmittelbar thätigen, wichtigen Einfluß auf Moralität, Kultur und Lebensweise gehabt, wie die Kaufmannschaft. Wenn durch sie und durch die Verbindung, welche der Handel zwischen den entferntesten und ungleichartigsten Völkern stiftet, der Ton ganzer Nationen umgestimmt, und Menschen mit geistigen und körperlichen Bedürfnissen, mit Wissenschaften, Wünschen, Krankheiten, Schätzen und Sitten bekannt gemacht werden, die ausserdem vielleicht nie, wenigstens sehr viel später, bis dahin gedrungen seyn würden, so läßt sich wohl nicht zweifeln, daß eine Vereinigung der feinsten Köpfe dieses Standes sich die Gewalt erwerben könnte, dem Geschmack, der Lebensweise und selbst dem Urtheil eines ganzen Volks jede beliebige Richtung zu geben, und der Gesellschaft Gesetze vorzuschreiben, die sie nicht übertreten könnte. Zum Glück für unsere Freiheit aber gibt es theils nur sehr wenige so weitsehende, planvolle Köpfe unter Leuten dieses Standes in der Welt, theils sind sie durch ein sehr verschiedenes Interesse so getrennt, daß sie sich nicht zu einer solchen Machthaberschaft vereinigen können; und so fällt zwar die Wirkung nicht weg, welche der Handel auf Sitten und Aufklärung hat; aber es geht doch damit nicht methodisch zu, sondern alles rückt seinen Gang unter dem Einfluß der Zeit fort. Indessen begreift man leicht, daß eben das Ideal, welches ich von einem großen Handelsmanne aufgestellt habe, einen Mann von feinem, vorausschauenden, weit umfassenden Geiste, und, wenn es ihm um das Wohl der Welt zu thun ist, einen Mann von edeln, erhabenen Gesinnungen bezeichnet. Auch gibt es solche Männer in diesem Stande, und ich habe, besonders während meines Aufenthalts in Hamburg, Bremen und andern großen Handelsplätzen, deren einige kennen gelernt, die wahrlich, wenn sie auf einem andern Platze gestanden hätten, unter den größten Männern ihrer Zeit genannt worden wären.
Da man nun aber keiner Vorschriften bedarf, um zu lernen, wie man mit weisen und guten Menschen umgehen soll, so will ich hier nur von dem Betragen im Umgange mit Kaufleuten von gemeinem Schlage reden. Diese werden von ihrer ersten Jugend an gewöhnlich so mit Leib und Seele nur dahin gerichtet, auf Geld und Gut ihr Augenmerk, und für nichts anders, als für Reichthum und Erwerb Sinn zu haben, daß sie den Werth eines Menschen fast immer nach der Schwere seines Geldkastens beurtheilen, und bei ihnen: ~der Mann ist gut~, so viel heißt, als: ~der Mann ist reich~. Hierzu gesellet sich wohl noch, besonders in Reichsstädten, eine Art von Prahlerei, eine Begierde, es Andern ihres Gleichen da, wo es Aufsehen macht, an Pracht zuvorzuthun, um zu zeigen, daß ihre Sachen fest stehen. Da sie aber mit dieser Neigung immer noch Sparsamkeit und Habsucht verbinden, und da, wo sie nicht bemerkt werden, äusserst eingeschränkt und sparsam leben, und sich sehr viel versagen: so bemerkt man da einen Kontrast von Kleinlichkeit und Glanz, von Geitz und Verschwendung, von Niederträchtigkeit und Stolz, von Unwissenheit und Ansprüchen, der Mitleiden erregt; und so industriös auch sonst die Kaufleute sind, so fehlt es ihnen doch mehrentheils an der Gabe, ein kleines Fest durch geschmackvolle Anordnungen glänzend, und mit wenigen Kosten einen anständigen Aufwand zu machen. Ausser Hamburg ist dieß wohl in allen deutschen Handelsstädten mehr oder weniger der Fall.
Willst Du bei diesen Leuten geachtet seyn, so mußt Du wenigstens in dem Rufe stehen, daß Deine Vermögens-Umstände nicht zerrüttet seyen: Wohlstand macht auf sie den besten Eindruck. Sey es durch Deine Schuld, oder durch Unglück, so wirst Du, auch bei den herrlichsten Vorzügen des Verstandes und Herzens, von ihnen verachtet werden, wenn Du Mangel leidest.
Willst Du einen Solchen zu einer milden Gabe, oder sonst zu einer großmüthigen Handlung bewegen, so mußt Du entweder seine Eitelkeit mit in das Spiel bringen, daß es bekannt werde, wie viel dies große Haus an Arme gibt; oder der Mann muß glauben, daß der Himmel ihm die Gabe hundertfältig vergelten werde: dann wird es andächtiger Wucher.
Große Kaufleute spielen, wenn sie spielen, gewöhnlich um hohes Geld. Sie betrachten das wie jeden andern Speculations-Handel; aber sie spielen dann auch mit aller Kunst und Aufmerksamkeit. Man hüte sich daher, wenn man das Spiel nicht versteht, und es nachlässig, bloß als einen Zeitvertreib ansieht, sich mit solchen Männern einzulassen!
Laß es Dir unter Kaufleuten ja nicht einfallen, Deinen Stand oder Rang, oder Deine Geburt geltend machen zu wollen, besonders wenn Du nicht reich bist! oder Du wirst Dich kränkenden Demüthigungen aussetzen.
Doch pflegt in manchen Kaufmannshäusern einem Manne mit Stern, Orden und Titel geschmeichelt zu werden: das geschieht dann aus Prahlerei, um zu zeigen, daß auch Vornehme da Gastfreundschaft genießen, oder daß man mit Höfen und großen Familien in Verhältnissen stehe.
Auch der Gelehrte und Künstler wird hier übersehen, oder nur aus Eitelkeit vorgezogen. Er erwarte nicht, daß sein wahrer Werth erkannt werde!
Da die Sicherheit des Handels auf Pünktlichkeit im Bezahlen und auf Treue und Glauben beruht, so setze Dich bei den Kaufleuten in den Ruf, strenge Wort zu halten und ordentlich zu bezahlen: so werden sie Dich höher achten, als manchen viel reichern Mann.
Man hüte sich, wenn man nicht selbst den Handel aus dem Grunde versteht, sich von Kaufleuten zu gemeinschaftlichen Unternehmungen und Speculationen verleiten zu lassen. Ist bei der Sache ein sicherer Gewinn wahrscheinlich zu erwarten, so hütet sich der Kaufmann wohl, einem Laien, und wäre er sein bester Freund, davon Eröffnung zu thun, um ihn Theil nehmen zu lassen. Solche Anträge sind also immer verdächtig. Daß man noch ausserdem, wenn auch der Erfolg glücklich ausfällt, bei der Berechnung und Theilung verkürzt wird, versteht sich von selbst.
Wer wohlfeil kaufen will, der kaufe für baares Geld! -- das ist eine sehr bekannte Lehre. Man hat dann die Wahl von Kaufleuten und von Waaren, und man kann es niemand übel auslegen, wenn er, bei der Ungewißheit, ob und wie bald er bezahlt werde, für seine Waare einen übertriebenen Preis fordert, oder das Schlechteste hingibt, was er hat.
Hat man Ursache, mit dem Betragen des Mannes, mit welchem man Handlungsgeschäfte getrieben hat, zufrieden zu seyn: so wechsele man nicht ohne Noth, laufe nicht von einem Kaufmanne zu dem andern! Man wird von Leuten, die uns kennen, denen an der Erhaltung unsrer Kundschaft gelegen ist, treuer bedient, und sie geben uns auch, wenn es ja unsere Umstände erforderten, leichter Credit, ohne deswegen den Preis der Waaren zu erhöhen.
Man enthalte sich, einem Krämer für den geringen Vortheil, der ihm aus einem kleinen Handel mit uns zuwächst, viel Mühe, Zeitverlust und Wege zu machen! Diese Unart ist besonders den Frauenzimmern eigen, die zuweilen sich für tausend Thaler Waare auspacken lassen, um, nach zweistündiger Beäuglung und Betastung, für einen Gulden zu kaufen, oder gar alles Gesehene zu schlecht und theuer zu finden.
Bei kleinen Kaufleuten, und in Städten, wo eigentlich nur Krämer wohnen, ist die unartige Gewohnheit eingerissen, daß diese oft sehr viel mehr für ihre Waaren forden, als wofür sie dieselben hingeben wollen. Andre geben mit angenommener Treuherzigkeit und Biederkeit vor, daß sie den äussersten Preis setzen, und lassen sich keinen Heller abdingen; und so muß man oft doppelt so viel bezahlen, als die Sache werth ist. Erstern würde man ihre kleinen Künste leicht abgewöhnen können, wenn die Angesehensten in einer Stadt sich vereinigten, solchen Gaunern gar nichts abzukaufen. Es ist aber das jüdische Verfahren dieser beiden Arten von christlichen Krämern eben so unredlich, als unklug. Sie betrügen damit höchstens nur einige Fremde und Solche, die von dem Werthe der Waaren nichts verstehen; bei Andern hingegen verlieren sie allen Glauben; und wenn man erst ihre Weise kennt, so bietet man ihnen nur die Hälfte von dem, was sie fordern. Uebrigens soll der, welcher kaufen will, die Augen aufthun: es ist unvernünftig, einen Handel von einiger Wichtigkeit zu schließen, ohne vorher sich Kenntniß von dem wahren Werthe der Sache erworben zu haben, die man kaufen will.
Welch eine große Vorsicht man im Pferde-Handel zu beobachten habe, das ist eine bekannte Sache. Bei diesem hat sich das Vorurtheil eingeschlichen, daß Eltern und Kinder, Geschwister und Freunde, Herren und Diener sich keinen Gewissensvorwurf machen zu dürfen glauben, wenn sie einander betrügen.
5.
Die Herren ~Buchhändler~ verdienten wohl ein eigenes Kapitel. In demselben könnte man sehr viel Wahres zum Lobe derjenigen unter ihnen sagen, die diesen Handel nicht als einen jüdischen Erwerb treiben, so daß sie etwa wenig darum bekümmert wären, was ~für~ Bücher bei ihnen verlegt und verkauft werden, in so fern nur Geld daraus gelöset wird, -- denen es nicht gleichgültig ist, ob man sie zu Hebammen von kleinen Krüppeln und Mißgeburten braucht, ob sie zu Werkzeugen der Ausbreitung eines elenden, seichten, falschen Geschmacks und schlechter Grundsätze dienen, -- sondern denen, wie unserm Nicolai, Wahrheit, Kultur und Aufklärung am Herzen liegen, -- die das verkannte, im Dunkeln lebende Talent ermuntern, aus dem Staube hervorziehen, in Thätigkeit setzen und großmüthig unterstützen, -- die den täglichen Umgang und das Verkehr mit Gelehrten und Büchern dazu anwenden, sich selbst Kenntnisse zu sammeln, ihren Geist zu bilden, und bessere Menschen zu werden. Und dann würde, des Kontrastes wegen, das Gegenbild keine üble Wirkung machen -- das Bild eines Mannes, der, nachdem ein halbes Jahrhundert hindurch die vortrefflichsten Werke durch seine schmutzigen, geldgierigen Finger gegangen sind, noch immer eben so unwissend und dumm geblieben ist -- ausgenommen die kleinen Wucher-Künste, -- wie ein zehnjähriger Knabe, -- der Manuscripte und neue Bücher nach der Dicke, nach dem Titel und nach dem herrschenden Geschmack und Ungeschmack des Publikums schätzt und kauft, -- der, um diesen falschen Geschmack zu unterhalten, durch unbärtige Knaben jämmerliche Broschüren, Romänchen und Mährchen schreiben, und unter seiner Firma (Namen) in die Welt gehen läßt, -- der die erbärmlichste Schmiererei, deren Nichtswürdigkeit er selbst fühlt, durch einen viel versprechenden Mode-Titel, oder durch saubere Bilderchen aufgestutzt, nach Frankfurt und Leipzig schleppt, und für diese Lumpereien ein schändendes Lob von feilen Recensenten erkauft, -- den Mann von Talenten wie einen Tagelöhner behandelt und bezahlt, von der eingeschränkten häuslichen Lage eines armen Schriftstellers Vortheil zieht, um ein Werk, das Anstrengung aller Kräfte, Nachtwachen und Aufwand von wahrer Geistesgröße erfordert hat, und womit er Tausende gewinnen kann, wie Maculatur zu erhandeln, -- der, so oft ihm ein Werk angeboten wird, verächtlich die Nase rümpft und den Kopf schüttelt, um desto wohlfeiler daran zu kommen, -- der, wie unter andern unsere Carlsruher und Frankenthaler Freunde, durch Nachdruck ein Dieb an fremdem Eigenthume wird. Endlich könnte ich Vorschriften geben, wie die Schriftsteller mit Buchhändlern von dieser Art umgehen sollen, um nicht ihre Sclaven zu werden, -- wie man sich bei ihnen ein Gewicht geben könne, und in welche Form man seine Geistes-Produkte gießen müsse, damit sie von den Sosiern unsrer Zeit in Verlag genommen werden. -- Das aber sind zum Theil Zunft-Geheimnisse, die unter uns großen Gelehrten nur mündlich fortgepflanzt werden, und die man also nicht jedem, der bloß Leser ist, verrathen darf.
Bei der ersten flüchtigen Uebersicht sollte man glauben, alle Buchhändler, die nur irgend einigen Verlag hätten, müßten reich werden. Wenn man in Deutschland vier und zwanzig Millionen Einwohner annimmt, und dann rechnet, daß jedes Buch tausendmal abgedruckt würde, so beträgt das auf 24,000 Menschen nur ein Exemplar. -- Und welches Buch könnte so schlecht seyn, daß nicht unter 24,000 Menschen wenigstens Einer Lust bekäme, es zu kaufen? Allein man wird bald anderer Meinung, wenn man die Schuldbücher der Herren Buchhändler durchsieht; wenn man erfährt, daß sie von ihren Amtsbrüdern nicht mit Gelde, sondern mit Maculatur und Ladenhütern, von andern Käufern aber oft mit Vertröstungen bezahlt werden; daß man von der Summe jener 24 Millionen beinahe den ganzen Bauernstand und die Einwohner der kleinsten Städte abrechnen muß, und daß die häufigen Leih-Bibliotheken und Nachdruck-Fabriken ihnen beträchtlichen Schaden zufügen.
Doch noch ~eine~ Bemerkung: Wer sich bei Buchhändlern, besonders in minder großen Städten, beliebt machen will, der leihe und verleihe nicht viel Bücher, und errichte keine Lese-Gesellschaften! Man kann es sonst wahrlich den armen Handelsmännern nicht übel nehmen, daß sie sich durch Nachdruck, kleine Künste und sparsames Honorarium an ihren Collegen, am Publiko und an den Autoren zu erholen suchen, wenn unter zwanzig Personen kaum einer ein Buch kauft, die übrigen aber unentgeldlich mitlesen.
6.
Ich habe im ersten Theile dieses Buchs bei der Gelegenheit, da ich Bemerkungen über den Umgang mit Wohlthätern machte, zugleich von dem Betragen gegen Lehrer und Erzieher geredet. Unter dieser Klasse habe ich aber die sogenannten +Maîtres+, d. h. die stundenweise bedungenen Unterweiser ~in Sprachen und Künsten~, nicht mit begriffen. Von diesen muß ich daher hier noch ein Paar Worte sagen.