Ueber den Umgang mit Menschen

Part 33

Chapter 333,569 wordsPublic domain

Jeder durch Bildung oder Verdienste ausgezeichnete Mann messe sein Betragen gegen Hofleute pünktlich nach dem ihrigen gegen ihn ab, und gehe ihnen keinen Schritt entgegen! Diese Menschen-Gattung nimmt eine Hand breit, wo man ihnen Finger breit einräumt. Er erwiedere Stolz mit Stolz, Kälte mit Kälte, Freundlichkeit mit Freundlichkeit; gebe aber nicht mehr und nicht weniger, als er empfängt! Die Befolgung dieser Vorsicht hat mannigfaltigen Nutzen. Die feinen Weltleute sind wie ein Rohr, das vom Winde bewegt wird. Da sie selbst so wenig Bewußtseyn innerer Würde haben, so beruht ihre ganze Existenz auf ihrem äussern Rufe. Sie werden sich an Dich schließen, sobald sie sehen, daß Du im guten Lichte erscheinst. Aber wenn Du nicht durch die niedrigste Schmeichelei und Preisgebung alle alten Weiber beiderlei Geschlechts auf Deine Seite ziehst, so wird bald einmal eine Lästerzunge etwas Dir Nachtheiliges aussprengen. Kaum wird ein solches Gerücht herumlaufen, so werden jene Sclaven lauern, welche Wirkung dieß auf das Publikum macht; und faßt es Wurzel, so werden sie den Kopf um ein paar Zoll höher gegen Dich tragen. Macht Dich das unruhig, ängstlich, -- behandelst Du sie nach Deinem Herzen wie Leute, deren Freundschaft Du gern halten mögtest: so werden sie immer unverschämter, und helfen eifrigst die elende Klatscherei verbreiten, woraus Dir denn, so geringe auch die Sache scheinen mag, mancherlei Verdruß erwachsen kann. Wirf aber auf den Ersten, der Dir kalt begegnet, einen verächtlichen Blick, so wird er zurückspringen, vor seinem eigenen Rufe beben, kein nachtheiliges Wort von Dir über seine Zunge kommen lassen, und sich vor dem Manne beugen, von dem er glaubt, er müsse geheimen Schutz haben, weil er so fest steht, so gleichgültig gegen die seligmachende Stimme des hohen Pöbels ist. Ja, gib ihm doppelt wieder, was er wagt, Dir zu bieten! Laß Dich durch kein freundliches Wörtchen wieder heranlocken, bis er gänzlich zu Kreuze kriecht! Am besten ist es gewiß, über dergleichen und über Klatschereien aller Art wenigstens nicht die geringste Unruhe zu ~zeigen~, mit niemand weiter darüber zu reden, und sich auf keine Erläuterung einzulassen. Dann ist in acht Tagen das Mährchen vergessen, da auf jede andere Art hingegen die Sache ärger gemacht wird.

11.

Sey höflich und geschliffen im Aeussern! Man muß an Höfen und im Umgange in großen Städten manchen Menschen sehen, ertragen und freundlich behandeln, den man nicht schätzt; auch sucht man ja in diesem Getümmel keine Freunde, sondern nur Gesellschafter. Allein wo es Nutzen stiften, oder wenigstens unser Ansehen befestigen, wo es wirken kann, daß der Dich fürchte, der nicht anders als durch Furcht im Zaume zu halten ist, da laß ihn Dein Ansehen fühlen! Nimm gegen den Hofschranzen eine Art von Würde, von edelm Stolze und von Hoheit an, damit nie der Gedanke in ihm aufkeimen könne, Dich zu foppen, oder zu mißbrauchen! Diese Sclaven-Seelen zittern vor dem Uebergewicht des verständigen, consequenten Mannes; allein das muß weder in Aufgeblasenheit, noch in Bauernstolz ausarten. Sage diesen Leuten zuweilen einmal, doch ohne Hitze und Grobheit, die Wahrheit! Schlage ihre flachen, schiefen Urtheile kaltblütig mit Gründen nieder, wo es nach den Umständen die Klugheit erlaubt! Bringe sie durch kaltblütigen Widerspruch zum Schweigen, wenn sie den Redlichen lästern! Setze ihren Kriegslisten Muth, Thätigkeit und wahre Kraft entgegen! Scherze nicht vertraulich mit ihnen! Laß ächter Laune nicht den Lauf, -- aus Furcht, ein Wort zu sprechen, das man mißbrauchen, verdrehen könnte!

12.

Ueberhaupt rede in der großen Welt nie eine warme Herzens-Sprache! Die ist dort eine fremde Mundart. Rede nicht von den reinen, süßen, einfachen, häuslichen Freuden! Das sind Mysterien für solche Profane. Habe Dein Gesicht in Deiner Gewalt, daß man nichts darauf geschrieben finde, weder Verwunderung, noch Freude, noch Widerwillen, noch Verdruß! Die Hofleute lesen besser Mienen, als Buchstaben: das ist fast ihr einziges Studium. Vertraue Deine Angelegenheiten niemand! Sey vorsichtig, nicht nur im Reden, sondern sogar im Hören! sonst wird Dein Name leicht gefährdet.

13.

Ich habe schon vorhin gesagt, daß das Betragen in der großen Welt nach eines Jeden besondrer Lage sich richten müsse, und daß, was dem Einen darin zu beobachten wichtig und nöthig ist, für den Andern vielleicht von gar keinem Belange seyn könne. Wer nicht bloß in derselben leben und geachtet werden, sondern auch wirken, sich empor arbeiten, regieren will, der muß das Ding freilich noch viel feiner studiren. Da kann es äusserst wichtig werden, entweder zu der herrschenden Parthei, oder (wobei man größtentheils am sichersten geht, wenn man sonst kein ganz unwichtiger Mann ist) zu gar keiner zu gehören, um von allen aufgesucht zu werden, und nach Gelegenheit unmerklich Anführer einer eigenen zu werden. Da muß oft die Politik uns lehren, wo wir des sichern Vortheils nicht gewiß sind, -- wo nicht zu helfen, vielleicht die Hülfe sogar nachtheilig ist, und Uebel ärger macht, unsre verfolgten Freunde allein kämpfen zu lassen, und uns ihrer nicht öffentlich anzunehmen. Da kann es nöthig seyn, anfangs ganz unscheinbar dazustehen, um nicht beobachtet, in seinen Planen nicht gestört, vielmehr als ein unbedeutender Mensch (weil ein solcher immer mehr Stimmen auf seiner Seite hat, als der von besserer Art) befördert zu werden. Zu allen Geschäften aber, die man in der großen Welt führen muß, ist nichts so dringend anzuempfehlen, als -- ~Kaltblütigkeit~, das heißt: sich nie zu vergessen; nie sich zu übereilen; den Verstand nie dem Herzen, dem Temperamente, der Phantasie preiszugeben; Vorsicht, Verschlossenheit, Wachsamkeit, Gegenwart des Geistes, Unterdrückung willkührlicher Aufwallungen und Gewalt über Regungen des Gefühls und Launen. Mit Kaltblütigkeit und den dahin gehörigen Eigenschaften sieht man Personen von den mittelmäßigsten natürlichen Gaben über den lebhaftesten, feinsten Feuer-Kopf herrschen. Aber diese schwere Kunst -- wenn sie sich je erlernen läßt, wenn sie nicht ausschließlich ein Geschenk der Natur ist -- erlangt man nur nach vieljähriger Arbeit und Erfahrung.

14.

Und nun zum Schlusse dieses Kapitels auch etwas über den Nutzen, den uns der Umgang mit Menschen in der großen Welt gewährt! Er ist wahrlich nicht unbeträchtlich, aber er muß auch oft theuer genug erkauft werden. Vorschriften, welche uns auf die erlaubten Sitten der feinern Gesellschaft verweisen, sind freilich keine Grundsätze der Moral, sondern nur der Uebereinkunft; allein eben diese Uebereinkunft beruht doch darauf, daß man suche, sich und Andern in einer zwangvollen Lage, deren Ungemächlichkeit man nun einmal nicht ganz aus dem Wege räumen kann, den Zustand so leidlich als möglich zu machen, ohne dazu solche Mittel zu ergreifen, die unsern innern Werth auf das Spiel setzen. Dieser innere Werth aber, der, wie ein Schatz unter der Erde, immer, auch verborgen, Gold bleibt, kann doch Wittwen und Waisen nähren, und Monarchen und Reiche zum Wohl der Welt in Wirksamkeit setzen, wenn er hervorgeholt und durch den Stempel der Convention in Umlauf gebracht, wenn er allgemein anerkannt wird, -- anerkannt von Denen, die sich auf reines Gold verstehen, und anerkannt von Denen, die nur auf das Gepräge achten. -- Darum sollte man nicht so unbedingt und so heftig gegen den wahren feinen Weltton eifern, ihn nicht ganz verdammen. Er lehrt uns, die kleinen Gefälligkeiten nicht ausser Acht zu lassen, die das Leben süß und leicht machen. Er erweckt in uns Aufmerksamkeit auf den Gang des menschlichen Herzens, schärft unsern Beobachtungs-Geist, gewöhnt uns, ohne zu kränken und ohne gekränkt zu werden, mit Menschen aller Art leben zu können. Der ächte und zugleich redliche alte Hofmann verdient wahrlich Verehrung; und man braucht nicht in die Wüsten zu fliehen, noch sich in Studirzimmern zu vergraben, um auf den Titel eines Philosophen Anspruch machen zu dürfen. Ja, ohne einige Kenntniß der großen Welt hilft uns alle Stuben-Gelehrsamkeit, alle Menschenkunde aus Büchern sehr wenig. Ich rathe also jedem jungen Manne, der edeln Ehrgeiz, Durst nach Welt- und Menschen-Kenntniß, und Lust hat, nützlich und thätig zu seyn, wenigstens auf einige Zeit den größern Schauplatz zu betreten, wäre es auch nur, um zu Beobachtungen Stoff zu sammeln, die einst im Alter seinen Geist beschäftigen, und ihn in den Stand setzen, seinen Kindern und Enkeln, die vielleicht bestimmt sind, an Höfen und in großen Städten ihr Glück zu suchen, weise Lehren zu geben.

Viertes Kapitel.

Ueber den Umgang mit Geistlichen.

1.

Ich mache, da ich nun auf den Umgang mit Leuten von andern Ständen und Verhältnissen komme, billiger Weise in einem eigenen Kapitel mit der Geistlichkeit den Anfang. Lehrreich und wohlthätig ist der Umgang mit einem solchen Geistlichen, der sich aus ganzer Seele seinem heiligen Berufe widmet, seinen Verstand und Willen durch den sanften Einfluß der Religion Jesu geläutert, und sich eben dadurch Würde und Weisheit erworben hat, -- der als ein unerschrockener Verkündiger und Diener der Wahrheit allen Guten und selbst den Feinden des Guten Hochachtung einflößt, und die Kraft des Worts durch eigenes Beispiel bestätigt, -- der seiner Gemeine Bruder, Freund, Wohlthäter und Rathgeber, in seinem Vortrage populär, warm und herzlich ist, -- durch Bescheidenheit, Einfalt der Sitten, Mäßigkeit und Uneigennützigkeit sich als einen würdigen Nachfolger der Apostel auszeichnet, -- duldsam und billig gegen fremde Religions-Verwandte, väterlich nachsichtig gegen Verirrte, kein Feind unschuldiger Fröhlichkeit, und dabei in seinem häuslichen Kreise ein guter, zärtlicher und weiser Hausvater ist. Allein nicht alle und nicht die meisten Diener der Kirche sehen diesem Bilde ähnlich. Menschen ohne Erziehung und Sitten, aus dem niedrigsten Pöbel entsprossen, ohne gesunde Vernunft und ohne andre Kenntnisse, als die dazu gehören, sich nach einem elenden Schlendrian examiniren zu lassen, drängen sich in diesen Stand ein, haschen nach reichen Pfründen und Pfarren, und erlauben sich, um dahin zu gelangen, alle Arten von Schleichwegen und Niederträchtigkeiten. Haben sie nun ihren Zweck erreicht, dann fährt der rechte Pfaffen-Geist in sie. Geizig, habsüchtig, träge und kriechend, Schmeichler der Großen und Reichen, übermüthig und stolz gegen Niedre, voll Neid und Scheelsucht gegen ihres Gleichen, sind sie größtentheils daran Schuld, wenn Verachtung der heiligsten Religion und ihrer Diener so allgemein einreißt. Diese Religion behandeln sie als eine trockne Wissenschaft, und ihr Amt als ein einträgliches Gewerbe. Auf dem Lande verbauern sie, ergeben sich dem Müßiggange und der Bequemlichkeit, und klagen über ungeheure Arbeit, wenn sie alle acht Tage einmal von der Kanzel herunter die Zuhörer mit ihren dogmatischen, armseligen Spitzfindigkeiten einschläfern. Sie angeln nach Geschenken, Erbschaften und Vermächtnissen, wie der Teufel nach ihrer Seele. Ihr Ehrgeiz ist unermeßlich; ihr geistlicher Stolz, ihr Despotismus, ihre kirchliche Herrschsucht ohne Gränzen. Den Eifer für die Religion brauchen sie zum Deckmantel ihrer Leidenschaften. Orthodoxie ist die Parole; blinder Glaube und Ehre Gottes das Feldgeschrei, wenn sie den unschuldigen ruhigen Bürger, der einen Unterschied unter Religion und Theologie macht, den Pfaffen nicht schmeichelt, und ihnen nicht opfert, bis in den Tod verfolgen wollen. Ihre Feindschaft ist unversöhnlich -- ich rede aus Erfahrung -- gegen Den, der sich ihrem eisernen Scepter nicht unterwerfen, oder zu ihren Gewissenlosigkeiten nicht schweigen will. Ihre Eitelkeit ist größer, als die eines Weibes. Aus Vorwitz und kindischer Neugier schleichen sie sich in die Häuser und Familien ein, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts angehen; um Ränke zu schmieden, Zwietracht zu stiften, und im Trüben zu fischen. Niemand versteht besser, als sie, die Kunst, ein Vorhaben, mit Ueberwindung aller Schwierigkeiten, listig durchzusetzen, ohne das Ansehen zu haben, als hätten sie die Hände im Spiele. Geht es auf die eine Weise nicht, so greifen sie die Sache am entgegengesetzten Ende an, drehen, wenden, bemänteln, verrücken den Gesichtspunkt, und ruhen nicht eher, als bis sie, zur Befriedigung ihrer Herrschsucht, ihrer Rache, oder ihrer Habsucht, den vorgesetzten Zweck erreicht haben.

Ihre Predigten, ihre Gespräche und Mienen sind Bann-Strahlen, Verdammungs-Urtheile und Drohungen gegen andre Religions-Verwandte und gegen Jeden, der das Unglück hat, nicht glauben zu können, was sie -- oft selbst nicht glauben, sondern -- nur lehren, weil es Geld einbringt. Sie lauschen auf die Fehler ihrer Nebenmenschen, schreien dieselben vergrößert aus, oder wo sie das alles nicht öffentlich thun dürfen, da wirken sie durch Andere im Verborgenen, oder hängen die Maske der Demuth, der Heuchelei, des Eifers für Gottseligkeit und gute Sitten vor, um mit sanfter Stimme, mit Klagen und Winseln, die Schwachen auf ihre Seite zu bringen, und den Weisern und Bessern bei dem Volke verdächtig zu machen. -- Ja, solche Ungeheuer gibt es leider! unter den Dienern der Kirchen, und nicht etwa nur unter Mönchskutten und Jesuitenmänteln, -- nein! mancher protestantische Pfaffe würde ein zweiter Hildebrand seyn, wenn ihm nicht die Flügel beschnitten wären.

2.

Da nun aber hie und da, auch unter den weniger boshaften, ja, unter den redlichen Geistlichen, Einige doch einen kleinen Anstrich von manchem dieser Fehler, z. B. von geistlichem Stolze, von Unduldsamkeit, von Anhänglichkeit an Systemgeist, von falschem Priestergeist, von Habsucht, oder von Rachsucht haben: so kann es wohl nicht schaden, wenn man gewisse Vorsichtigkeits-Regeln beobachtet, die im Umgange mit ~allen~ Personen dieses Standes ohne Unterschied nicht überflüßig sind.

Man hüte sich also, ihnen Gelegenheit zu Verketzerungen zu geben! Und so wie überhaupt ein verständiger Mann sich enthält, über religiöse Gegenstände in Gesellschaften zu plaudern: so soll man in Gegenwart eines Geistlichen vorzüglich Acht haben, nie ein Wort fallen zu lassen, das übel ausgelegt, und als ein Ausfall gegen irgend ein Kirchensystem oder einen Religionsgebrauch angesehen werden könnte! Auch besuche man die Kirchen, selbst wenn die Art des Gottesdienstes und der Vortrag des Predigers unsre Andacht nicht sehr befördern, des Beispiels wegen, und um nicht Gelegenheit zu geben, daß man uns Gleichgültigkeit gegen die Religion aufbürde.

Man mache in Gesellschaft nie einen Geistlichen lächerlich, möchte er auch noch so viel Veranlassung dazu geben! Auch rede man mit Vorsicht von ihnen! Theils machen diese Herren gar zu gern ihre eigene Sache zur Sache Gottes; theils verdient dieser ehrwürdige Stand auf alle Weise eine Schonung, die man wegen der Unwürdigkeit einzelner Mitglieder nicht aus den Augen setzen darf; theils kann man durch das Gegentheil die verderbliche Verachtung der Religion, die leider so sehr einreißt, wider Willen befördern.

Man bezeige hingegen den Geistlichen alle äussere Ehrerbietung, die sie nur irgend billiger Weise fordern können, und beleidige nicht nur keinen derselben, sondern mache sich auch keines Mangels an Höflichkeit gegen sie schuldig!

Man lasse, bei der Entrichtung der ihnen zukommenden Gebühren und Abgaben, sich keine Abkürzung, noch Saumseligkeit zu Schulden kommen; gebe aber auch, bei Fällen, die öfter eintreten können, nicht zu viel! denn die Habsüchtigen unter ihnen schreiben gern alles auf, und machen, was die Freigebigkeit oder Dankbarkeit that, zum Gesetz, zu einem Recht, das sie sogar auf ihre Nachfolger zu vererben trachten.

Man hüte sich, bevor man den Mann nicht recht genau kennt, einen Geistlichen von der alltäglichen Art zum Vertrauten in häuslichen Angelegenheiten und andern Dingen von Wichtigkeit zu machen, und halte ihn entfernt, wenn er sich unberufen in dergleichen mischen will!

Man verhindere die zu große Vertraulichkeit der Weiber und Töchter mit gewissen Beichtvätern und geistlichen Rathgebern!

3.

In Prälaturen und Klöstern muß man den Ton der Herren Patrum anzunehmen verstehen, wenn man ihnen willkommen seyn will. Ein guter gesunder Appetit, nach Verhältniß eben so viel Durst, und die Gabe, ein Gläschen mit Geschmack und oft genug ausleeren zu können; ein kurzweiliger Humor; ein Witz, der nicht zu fein, sondern ein wenig grobartig seyn muß; zuweilen ein Wortspielchen, ein lateinisches Räthsel, eine Anspielung auf eine scholastische Spitzfindigkeit, -- einige Bekanntschaft mit Legenden und Kirchenvätern, -- Beifall, durch baucherschütterndes Lachen an den Tag gelegt, wenn der Pater Spaßmacher (dies Amt pflegt selten unbesetzt zu seyn) einen Schwank hervorbringt, -- viel Ehrerbietung gegen den hochwürdigen Herrn Prälaten, Guardian, oder Prior, -- Bewunderung der Kostbarkeiten, Reliquien, Gebäude und Anstalten, -- kein Gespräch über Aufklärung und Literatur, aber desto mehr über Politik, Krieg und Frieden, -- Zeitungs-Nachrichten, -- Befriedigung der Neugier, wenn nach Familien-Umständen und Anekdoten geforscht wird, -- Vorsichtigkeit, wenn von andern geistlichen Orden, besonders von Jesuiten, die Rede ist, -- Rang, Ansehen, Reichthum, Pracht, Titel, Orden, und mehr als dies alles, wo es nöthig ist, Geschenke: -- das sind ungefähr die Mittel, dort gut aufgenommen zu werden, und sich Achtung zu erwerben.

Zu Domherren braucht man größtentheils nur Appetit zum Essen und Trinken, muthwillige, ein wenig faunische Laune, und tiefes Stillschweigen über gelehrte Gegenstände mitzubringen, um ihnen gefällig zu werden.

In Nonnenklöstern, so wie in katholischen und protestantischen weiblichen Stiftern, kann man mit einer hübschen, stämmigen Figur, mit treuherziger, doch äusserlich anständiger Vertraulichkeit, mit einem Sacke voll Mährchen, Neuigkeiten und Späßchen auch ziemlich weit kommen.

Von dem Umgange der Religiosen unter sich rede ich nicht; darüber ist in den Briefen aus dem Noviciate und in unzähligen andern Schriften schon sehr viel Gutes und Treffendes gesagt worden.

Fünftes Kapitel.

Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern.

1.

Wenn der Titel eines Gelehrten nicht heut zu Tage so gemein würde, wie der eines +Gentleman+ in England; wenn man sich unter einem Gelehrten immer nur einen Mann denken dürfte, der seinen Geist durch wahrhaftig nützliche Kenntnisse ausgebildet, und diese Kenntnisse zu Veredlung seines Herzens angewendet hätte; -- kurz einen Mann, den Wissenschaften und Künste zu einem weisern, bessern und für das Wohl seiner Mitbürger thätigern Menschen gemacht haben; dann brauchte ich hier kein Kapitel über den Umgang mit Gelehrten zu schreiben. Bedarf es einer Vorschrift, wie man mit dem Weisen und Edeln umgehen soll? An seiner Seite auf die Lehren zu horchen, die von seinen Lippen strömen; seine Augen auf ihn gerichtet zu haben, um sein Beispiel zur Richtschnur unserer Handlungen zu machen; die Wahrheit von ihm zu vernehmen, und dieser Wahrheit zu folgen -- dieß ist ein Glück, dessen Genuß nicht nach Regeln gelernt zu werden braucht. Wenn aber heut zu Tage jeder elende Verseschmidt, Compilator, Journalist, Anekdoten-Jäger, Uebersetzer, Plündrer fremder literarischer Güter, und überhaupt Jeder, der die unbegreifliche Nachsicht unsers Publikums zu mißbrauchen, sich nicht schämt, um ganze Bände voll Unsinn, Thorheit und Wiederholung längst besser gesagter Dinge drucken zu lassen, sich selber einen Gelehrten nennt; wenn die Wissenschaften nicht nach dem Grade ihrer Nützlichkeit für die Welt, sondern nach dem veränderlichen leichtfertigen Geschmacke des lesenden Pöbels geschätzt, und spekulative Grillen Weisheit genannt werden, fieberhafte Phantasie für Schwung und Begeisterung gilt; wenn ein Knabe, der sein sinnloses Gewäsch in abwechselnd kurzen und langen Zeilen in einen Musen-Almanach einrücken läßt, ein Dichter heißt; wenn der Mensch, der mit seinen Fingern ein Gewühl von falschen Tönen, ohne Verbindung und Ausdruck, den Saiten entlockt, ein Tonkünstler; der, welcher schwarze Punkte, in Abschnitte eingetheilt, auf Papier setzen kann, ein Componist; der, welcher auf Brettern herumspringt, ein Tänzer genannt wird: dann muß man wohl ein Paar Worte darüber sagen, wie man sich im Umgange mit solchen Menschen zu betragen hat, wenn man nicht für einen Mann ohne Geschmack und Kenntniß angesehen seyn, und Jedem das Seinige geben will.

2.

Beurtheile nicht den moralischen Charakter des Gelehrten nach dem Inhalte seiner Schriften! Auf dem Papiere sieht der Mann oft ganz anders aus, als in Natura. Auch ist das nicht so übel zu nehmen. Am Schreibtische, wo man die ruhigste Gemüthsverfassung wählen kann, wenn keine stürmische Leidenschaften unsern Geist aus seiner Fassung bringen: da lassen sich herrliche Vorschriften geben, die nachher in der wirklichen Welt, wo Reizung, Ueberraschung und Verführung von Seiten der berüchtigten drei geistlichen Feinde uns hin und her treiben, nicht so leicht zu befolgen sind. Also soll man freilich ~den~ Mann, der Tugend predigt, darum nicht immer für ein Muster von Tugend halten, sondern auch bedenken, daß er ein Mensch bleibt; ihm wenigstens dafür danken, daß er vor Fehlern warnt, wenn er selbst auch nicht stark genug ist, diese Fehler zu vermeiden; und es würde unbillig seyn, ihn deswegen für einen Heuchler zu halten (obgleich es eben so unbillig wäre, ohne Beweis vorauszusetzen, er thue das Gegentheil von dem, was er lehrt, oder man müsse seine Worte anders auslegen, als sie lauten). Von der andern Seite soll man auch nicht die Grundsätze, die ein Schriftsteller den Personen seiner eigenen Schöpfung in den Mund legt, als seine eignen ansehen, noch einen Mann deswegen für einen Bösewicht, oder Faun, oder Menschenhasser halten, weil seine üppige Phantasie, sein feuriges Blut ihn verleitet, irgend einen boshaften Charakter von einer glänzenden Seite darzustellen, oder eine wollüstige Scene mit lebhaften Farben zu schildern, oder mit Bitterkeit über Thorheiten zu spotten. Er thäte wohl besser, wenn er das unterließe, aber er ist darum noch kein schlechter Mann; und so wie man bei hungrigem Magen Götter-Mahlzeiten schildern kann, so kenne ich Dichter, die den Wein und die sinnliche Liebe mit allem Feuer besingen, und dennoch die mäßigsten, keuschesten Menschen sind; kenne Schriftsteller, die Greuel von Schandthaten mit der treffendsten Wahrheit dargestellt haben, und dennoch Rechtschaffenheit und Sanftmuth in ihren Handlungen zeigen; kenne endlich Satyriker, voll Menschenliebe und Wohlwollen.

Eine andre Art von Ungerechtigkeit gegen Schriftsteller und Künstler begeht man, wenn man von ihnen erwartet, sie sollen auch im gemeinen Leben nichts als Kernsprüche reden, nichts als Weisheit und Gelehrsamkeit predigen. Der Mann, der am glänzendsten von einer Kunst schwatzt, ist darum nicht immer der, welcher die gründlichsten Kenntnisse davon besitzt. Es ist nicht einmal angenehm, und schmeckt nach Pedanterei, wenn wir Jeden ohne Unterlaß von unsern eignen Lieblings-Beschäftigungen unterhalten. Man geht in Gesellschaften, um sich zu zerstreuen, um auch einmal Andre, nicht sich selbst, zu hören. Nicht Jeder hat so viel Gegenwart des Geistes, um mitten im Getümmel, und wenn er durch Fragen und Vorwitz überrascht wird, mit Würde und Bestimmtheit von Gegenständen zu reden, die er vielleicht zu Hause in seinem einsamen Zimmer mit der größten Klarheit durchschauet. Und dann gibt es auch Gesellschaften, in welchen die Leute so gänzlich anders, als wir, gestimmt sind; die Dinge von so durchaus andern Seiten ansehen, daß es nicht möglich ist, in dem ersten Augenblicke sich so zu fassen, daß man etwas Gescheidtes auf das antworte, was sie uns vortragen. Auch hat ja ein Gelehrter, so gut wie ein anderer Erdensohn, seine Launen, ist nicht stets gleich aufgelegt zu wissenschaftlichen und überhaupt zu solchen Gesprächen, die Nachdenken erfordern; oder die Menschen, die er um sich sieht, behagen ihm nicht, scheinen ihm keines Aufwandes von Verstand und Witz würdig.