Ueber den Umgang mit Menschen

Part 32

Chapter 323,361 wordsPublic domain

Aber diese Höflichkeit sey auch wohl geordnet; sie sey nicht übertrieben! Sobald der Geringere fühlt, daß ihm die Ehre, welche wir ihm erweisen, unmöglich zukommen kann, so schreibt er dieß entweder einem Mangel an Verstande zu, oder hält es für Spott, oder gar für Falschheit; argwöhnt, es stecke etwas dahinter, wir wollten ihn mißbrauchen. Sodann gibt es auch eine Art von Herablassung, die wahrhaftig kränkend ist, wobei der leidende Theil offenbar fühlt, daß man ihm nur ein mildthätiges Almosen der Höflichkeit darreicht. Endlich gibt es eine abgeschmackte Art von Höflichkeit, wenn man nämlich mit Leuten von geringerm Stande eine Sprache redet, die sie gar nicht verstehen, die unter Personen von der Klasse gar nicht üblich ist; wenn man das conventionelle Gewäsche von Unterthänigkeit, Gnade, Ehre, Entzücken u. s. f. bei Personen anbringt, die an solche starke Gewürze gar nicht gewöhnt sind. Dieß ist der gemeine Fehler der Hofleute. Sie halten ihren Jargon für die einzige allgemeine Sprache, und machen sich dadurch oft bei dem besten Willen lächerlich oder verdächtig. Die große Kunst des Umgangs ist, den Ton jeder Gesellschaft zu studiren, und nach Gelegenheit annehmen zu können.

4.

Man hüte sich aber vor grenzenloser Vertraulichkeit gegen solche Menschen, die keine feine Erziehung haben! Sie mißbrauchen leicht unsre Gutwilligkeit, fordern immer mehr, und werden unbescheiden. Man gebe Jedem, so viel er zu ertragen vermag!

5.

Sey großmüthig und billig, und laß es daher den Geringern in Deinen glänzenden Umständen nicht entgelten, wenn er Dich, so lange Dich das Glück nicht anlächelte, verabsäumt, wenn er Deinen mächtigen Feinden gehuldigt hat, wenn er sich, wie die großen gelben Blumen, nach der Sonne dreht! Denke, daß solche Menschen oft in die Nothwendigkeit versetzt werden, wenn sie mit den Ihrigen leben und essen wollen, sich zu krümmen und zu schmiegen; daß wenige unter ihnen so erzogen sind, daß sie Sinn für feinere Gefühle und Aufopferungen haben, und daß alle Menschen mehr oder weniger aus Eigennutz handeln, den die Geschliffenern nur künstlicher verbergen.

6.

Täusche nicht den Niedern, der Dich um Schutz, Fürsprache, oder Hülfe bittet, mit falschen Hoffnungen, leeren Versprechungen und nichtigen Vertröstungen, wie es die Weise der Vornehmen ist, die, um die Klienten sich vom Halse zu schaffen, oder in den Ruf von Leutseligkeit zu kommen, oder aus Schwäche, aus Mangel an Festigkeit, jeden Bittenden mit süßen Worten und Verheissungen überschütten, sobald er aber den Rücken gewendet hat, nicht mehr an sein Anliegen denken! Der Arme geht indeß voll Hoffnung nach Hause, glaubt seine Angelegenheit den besten Händen anvertrauet zu haben, versäumt alle andere Wege, die er zu Erlangung seines Zwecks einschlagen könnte, und fühlt sich nachher doppelt unglücklich, wenn er sieht, wie sehr er sich betrogen hat.

7.

Hilf dem, der dessen bedarf! Befördere und schütze die, welche Dich um Hülfe, Wohlthat und Schutz ansprechen, in so fern die Gerechtigkeit es gestattet! Aber hüte Dich, so schwach zu seyn, daß Du durchaus nichts abschlagen könnest! Daraus entstehen zweierlei nachtheilige Folgen: zuerst, daß Leute von niedriger Denkungsart Deine Schwäche mißbrauchen, und Dir eine Last von Verbindlichkeiten, Arbeiten und Sorgen auflegen, die für Dein Herz, für Deine Kräfte, oder für Deinen Geldbeutel zu schwer ist, oder wodurch Du gezwungen wirst, ungerecht gegen Andre zu handeln, die weniger zudringlich sind. Und dann der zweite Schaden: wer zu viel verspricht, der wird wider Willen zuweilen sein Wort zu brechen genöthigt. Ein fester Mann muß auch den Muth haben, eine abschlägige Antwort geben zu können; und wenn er dieß auf edle, nicht beleidigende Weise, aus wichtigen Gründen thut, und sonst dafür bekannt ist, daß er gerecht handelt und gerne hilft: so wird er sich dadurch keine Feinde erwecken. Allen Menschen kann man es freilich nicht recht machen; aber wenn man immer folgerecht und weise handelt, so werden uns wenigstens die Bessern nicht verkennen. Schwäche ist nicht Güte; und verweigern, was man vernünftiger Weise nicht zugestehen kann, heißt nicht hartherzig seyn.

8.

Verlange nicht einen übermäßigen Grad von Kultur und Aufklärung von Leuten, die bestimmt sind, im niedern Stande zu leben! Trage auch nichts dazu bei, ihre intellectuellen Kräfte zu überspannen, und sie mit Kenntnissen zu bereichern, die ihnen ihren Zustand widrig machen, und den Geschmack an solchen Arbeiten verbittern, wozu Stand und Bedürfniß sie aufrufen! Das Wort Aufklärung wird in unsern Zeiten oft sehr gemißbraucht, und bedeutet nicht sowohl Veredelung des Geistes, als Richtung desselben auf grillenhafte, speculative und phantastische Spielwerke. Die beste Aufklärung des Verstandes ist die, welche uns lehrt, mit unsrer Lage zufrieden und in unsern Verhältnissen brauchbar, nützlich und gewissenhaft thätig zu seyn. Alles Uebrige ist Thorheit, und führt zum Verderben.

9.

Begegne Deinen Untergebenen liebreich, ohne Deinem Ansehen bei ihnen etwas zu vergeben. Es taugt nie, wenn die Subalternen sich ihren Vorgesetzten unentbehrlich machen; und verächtlich wird der Chef eines Departements, der, weil er nicht selbst arbeiten will, oder nicht arbeiten kann, sich auf die Untergebenen verlassen muß; da er dann nicht Ansehen und nicht Muth genug behält, einen nachlässigen oder eigensinnigen Secretair an seine Pflicht zu erinnern, sondern sich alles muß gefallen lassen, was Dieser gut findet vorzunehmen, oder zurückzulegen.

Drittes Kapitel.

Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen.

1.

Ich fasse hier die Bemerkungen über den Umgang mit Hofleuten und mit solchen Personen überhaupt, die in der sogenannten großen Welt leben, und den Ton derselben angenommen haben, zusammen. Leider wird dieser Ton, den Fürsten und Vornehme von solcher Art, wie ich sie im ersten Kapitel dieses Theils beschrieben habe, angeben und verbreiten, von allen Ständen, die einigen Anspruch auf feine Lebensart machen, nachgeäfft. Entfernung von der Natur; Gleichgültigkeit gegen die ersten und süßesten Bande der Menschheit; Verspottung der Einfalt, Unschuld und Reinigkeit, und der heiligsten Gefühle; Falschheit; Vertilgung und Abschleifung jeder charakteristischen Eigenheit und Originalität; Mangel an gründlichen, wahrhaftig nützlichen Kenntnissen; an deren Stelle hingegen Unverschämtheit, Persifflage, Impertinenz, Geschwätzigkeit, Inconsequenz, Nachlallen; Kälte gegen alles, was gut, edel und groß ist; Ueppigkeit, Unmäßigkeit, Unkeuschheit, Weichlichkeit, Ziererei, Wankelmuth, Leichtsinn; abgeschmackter Hochmuth; Flitterpracht, als Maske der Bettelei; schlechte Hauswirthschaft; Rang- und Titelsucht; Vorurtheile aller Art; Abhängigkeit von den Blicken der Despoten und Mäcenaten; sclavisches Kriechen, um etwas zu erringen; Schmeichelei gegen Den, dessen Hülfe man bedarf, aber Vernachlässigung auch des Würdigsten, der nicht helfen kann; Aufopferung auch des Heiligsten, um seinen Zweck zu erlangen; Falschheit, Untreue, Verstellung, Eidbrüchigkeit, Klatscherei, Kabale; Schadenfreude, Lästerung, Anekdoten-Jagd; lächerliche Manieren, Gebräuche und Gewohnheiten -- das sind zum Theil die herrlichen Dinge, welche unsre Männer und Weiber, unsre Söhne und Töchter, von dem liebenswürdigen Hofgesinde lernen; -- das sind die Studien, nach welchen sich die Leute von feinem Tone bilden! Da, wo dieser Ton herrscht, wird das wahre Verdienst nicht bloß übersehen, sondern, so viel möglich, mit Füßen getreten, unterdrückt, von leeren Köpfen zurückgedrängt, verdunkelt, verspottet. Kein größerer Triumph für einen faden Hofschranzen, als wenn er den Mann von entschiedenem Werthe, dessen Uebergewicht er heimlich fühlt, demüthigen, ihn auf einem Mangel an conventioneller feinen Lebensart ertappen, und, durch die Art, wie er dieß zu erkennen gibt, oder dadurch, daß er mit ihm in einer Sprache oder über Gegenstände redet, wovon er nichts versteht, es dahin bringen kann, daß Jener verwirrt wird, und sich in schiefem Lichte zeigt! Kein größerer Triumph für die Petite-Maitresse, als wenn sie eine redliche Frau, voll wahrer innerer und äusserer Vorzüge und Würde, in einer Gesellschaft von Welt-Leuten von einer lächerlichen Seite darstellen kann! Das alles muß man erwarten, wenn man sich unter Menschen von dieser Klasse mischt. Man muß sich dann nicht beunruhigen, wenn uns dergleichen widerfährt, und hinterher sich kein graues Haar darum wachsen lassen. Man hat sonst keinen friedlichen Augenblick, wird unaufhörlich von tausend Leidenschaften, besonders von Ehrgeiz und Eitelkeit, in Aufruhr gebracht. Es gibt aber drei Mittel, allen diesen Ungemächlichkeiten auszuweichen, indem man nämlich ~entweder~ sich von der großen Welt ganz zurückzieht, ~oder~ in derselben seinen graden Gang fortgeht, ohne sich alle diese Thorheiten anfechten zu lassen, ~oder~ endlich, daß man den Ton derselben studirt, und, so viel es ohne Verleugnung des Charakters geschehen kann, mit den Wölfen heult.

2.

Wer seiner Lage nach nicht schlechterdings dazu verdammt ist, an Höfen, oder sonst in der großen Welt zu leben, der bleibe fern von diesem Schauplatze des glänzenden Elends: bleibe fern vom Getümmel, das Geist und Herz betäubt, verstimmt und zu Grunde richtet! In friedlicher häuslicher Eingezogenheit, im Umgange mit einigen edeln, verständigen und muntern Freunden ein Leben führen, das unsrer Bestimmung, unsern Pflichten, den Wissenschaften und unschuldigen Freuden gewidmet ist, und dann zuweilen mit Nüchternheit an öffentlichen Vergnügungen, an großen, gemischten Gesellschaften Theil nehmen, um für die Phantasie, die doch auch nicht leer ausgehen will, neue Bilder zu sammeln, und die kleinen, widrigen Gefühle der Einförmigkeit zu verlöschen: -- das ist ein Leben, das eines weisen Mannes werth ist! Und in Wahrheit! es steht öfter in unsrer Macht, als man gemeiniglich denkt, sich der großen Welt zu entziehen. Menschenfurcht, elende Gefälligkeit gegen mittelmäßige Leute, Eitelkeit, Schwäche, Nachahmungssucht -- das ist es, was so manchen sonst nicht schlechten Mann bewegt, seine schönsten Stunden da zu verschleudern, wo er im Grunde nicht zu Hause ist, wo so oft Ekel und Langeweile ihn anwandeln, und allerlei unedle Leidenschaften ihr Spielwerk mit ihm treiben. Freilich aber muß man, um sich diesem zu entziehen, nicht nur, seinen Verhältnissen nach, unabhängig seyn, sondern auch nach festen Grundsätzen zu handeln und sich über das Geschwätz der Leute hinwegzusetzen den Muth haben, -- mag auch davon gesprochen werden, was da will.

3.

Muß oder will man aber in der großen Welt leben, und ist man nicht ganz sicher, daß es gelingen werde den Ton derselben anzunehmen: so bleibe man lieber der Art von Stimmung und Wendung treu, die uns Natur und Erziehung gegeben haben. Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn man jene Sitten halb und unvollständig copirt, -- wenn der ehrliche Landmann, der schlichte Bürger, der gerade, teutsche Biedermann, den französischen Petit-Maitre, den Hofmann, den Politiker spielen will, -- wenn Leute, die einer ausländischen Sprache nicht mächtig sind, alle Gelegenheit aufsuchen, mit fremden Zungen zu reden, oder, wenn sie auch in ihrer Jugend an Höfen gelebt haben, nicht merken, daß die galante Sprache aus Ludwigs des Vierzehnten Zeiten jetzt gar nicht mehr im Umlaufe ist, und eine Stutzer-Garderobe jetzt nur noch auf den komischen Theatern Wirkung thut. Solche Menschen machen sich muthwilliger Weise zum Gespötte, da man hingegen mit einem ungezwungenen, natürlichen und verständigen Betragen, Anstande und Anzuge, wenn dies alles auch nicht nach dem feinsten Hofschnitte ist, sich mitten unter dem leichtfertigen Gesindel Achtung, und, wo nicht ein angenehmes, doch ein ruhiges, ungekränktes Leben verschaffen kann. Sey also einfach in Deiner Kleidung und in Deinen Manieren, ehrlicher Biedermann! Sey ernsthaft, bescheiden, höflich, ruhig, wahrhaftig! Rede nicht zu viel und nie von Dingen, wovon Du nichts weißt, noch in einer Sprache, die Dir nicht geläufig ist, in so fern der, welcher mit Dir spricht, Deine Muttersprache versteht! Betrage Dich mit Würde und Geradheit, ohne grob zu seyn, ohne Ungeschliffenheit! so wird man Dich ungeneckt lassen. Freilich wirst Du dabei auch nicht sehr vorgezogen: Dein Gesicht wird kein Modegesicht werden. Hierüber aber beruhige Dich! Zeige Dich nicht verlegen, ängstlich, wenn in einer großen Gesellschaft kein Mensch mit Dir redet; Du verlierst nichts dabei, kannst für Dich an allerlei gute Dinge denken, auch manche nützliche Bemerkung machen, und man wird Dich nicht verachten, sondern vielleicht gar ~fürchten~, ohne Dich zu hassen, und das ist denn doch zuweilen so übel nicht.

Leute, die in der Jugend an Höfen und in großen Städten keine unbeträchtliche Rolle gespielt, die vielmehr dort geglänzt, nachher aber sich zurückgezogen, sich einer einfachern Lebensart gewidmet haben, vergessen gar zu leicht, daß man, um hier immer ein Modegesicht zu bleiben, nie den Faden der herrschenden Conversation aus der Hand verlieren, nie versäumen darf, der Kultur -- wenn man das Kultur nennen muß -- auch in den kleinsten Fortschritten nachzufolgen. Das ist aber, bei der unbeschreiblichen Veränderlichkeit des Geschmacks und der Phantasie, unmöglich, sobald man nicht immer mit dem ganzen Geschwader auf dem großen Weltmeere umherschwimmen, und sich dem Winde und Wetter preisgeben will. Ist's anders möglich, als daß denjenigen eine sehr böse Laune anwandelt, der sich vernachlässigt, und unbärtigen Männchen nachgesetzt sieht? O! es ist unglaublich, wie so etwas die Fassung auch des klugen Mannes (denn selbst die klugen Leute sind nicht immer ganz von Eitelkeit frei) erschüttern, wie es verstimmen und bewirken kann, daß der, welcher sich in dem besten Lichte zeigen wollte, weil er etwas zu suchen hat, in dem ungünstigsten erscheint, und die Frucht einer weiten Reise und große Unkosten einbüßt, weil er sich mit Geringschätzung behandelt sieht, und die Fassung verliert. Wer sich viele Jahre hindurch an großen und kleinen Höfen und sonst in der großen Welt hat umher treiben müssen, der wird nie in Verlegenheit von jener Art kommen können. Er wird die Fertigkeit erlangt haben, sich geschwind zu orientiren, schnell zu fassen, und zu beurtheilen, welche Sprache hier anwendbar ist; die guten Leute hingegen, die nicht Gelegenheit gefunden haben, diesen Grad von Verfeinerung zu erlangen, sollen wohl beherzigen, was zu Anfange dieses Abschnitts ist gesagt worden.

4.

Wer aber viel und immer in der großen Welt lebt, der thut doch wohl, den herrschenden Ton zu studiren, und die äussern Gebräuche derselben anzunehmen. Ersteres ist so schwer nicht, und Letzteres kann ohne schädlichen Einfluß auf den Charakter geschehen. Zeichne Dich also nicht durch altväterische Kleidung oder Manieren aus! aber vergiß nicht, dabei Dein Alter, Deinen Stand und Dein Vermögen zu berücksichtigen, und copire nicht die Lächerlichkeiten einzelner Thoren, noch die ephemerische Mode des Augenblicks! Mache Dich mit der Sprache der Hofleute, mit ihrer Art, sich gegen einander zu betragen, mit den Conventionen im Umgange bekannt; aber verleugne nicht innere Würde, Charakter und Wahrheit!

5.

Es lassen sich unmöglich allgemeine Regeln geben, wie weit man in der Nachahmung der Hofsitte gehen dürfe. Ein verständiger und redlicher Mann wird das am besten selbst nach seiner Lage, Gemüthsart und nach seinem Gewissen abmessen können. Doch nur so viel: Wer es nicht über sich erlangen kann, unschädliche Thorheiten nachzuahmen, der glaube wenigstens nicht, den Beruf zu haben, sie zu bekämpfen; denn gleichgültige Gewohnheiten und Sitten, die weiter keinen Einfluß auf den Charakter haben, kann man, ja! muß man zuweilen auf kurze Zeit annehmen, und darf um so weniger ein Bedenken tragen, dieß zu thun, je mehr man dadurch manches größere Gute zu bewirken in den Stand gesetzt wird.

Es gibt auch Moden in der Literatur und Kunst, im Geschmacke, in gewissen Vergnügungen und Schauspielen, und der Beifall, den eine Sängerin, ein Tonkünstler, Schriftsteller, Prediger, Maler, Geisterseher, Putzhändler oder Schauspieler, oft ganz gegen Verdienst und Würdigkeit, vom vornehmen großen Haufen einerntet, hat nur in der Mode seinen Grund, d. h. darin, daß einer dem andern nachschwatzt, und es ist verlorne Mühe, diesem Mode-Geschmacke sich widersetzen zu wollen. Am besten ist es da, ruhig abzuwarten, daß eine neue Narrheit die alte verdränge. Es gibt sogar Moden im Gebrauche von Arzeneien, denen sich die Vornehmern unterwerfen zu müssen glauben, -- sey es, daß sie sich täglich clystiren, oder in ein gewisses Bad und in kein anderes reisen, oder sich mit den Pillen oder Pulvern irgend eines Marktschreiers langsam vergiften! Lächle in der Stille darüber! clystire oder magnetisire Dich unmaßgeblich auch ein wenig, und mache mit, was sich ohne Gefahr und Tollheit mitmachen läßt! Wenigstens mache Dich mit diesen Modethorheiten bekannt, um nicht in Deinen Gesprächen dagegen anzustoßen! Du wirst übel anlaufen, wenn Du nach Deiner Empfindung eine Theater-Nymphe tadelst, deren Zwitschern grade zu der Zeit in der feinen Welt für Götter-Stimme gilt, oder wenn Du ein Buch erbärmlich nennst, dessen Verfasser als ein Original-Genie anerkannt wird. Du wirst übel anlaufen, wenn Du eine Dame, die gerade in der Periode ist, in welcher sie nach der Mode freigeisterische Grundsätze haben muß, von religiösen Gegenständen unterhältst. Denn auch das hat seine Gesetze, die von der Mode bestimmt werden. Jünglinge fangen schon im fünf und zwanzigsten Jahre an, alt zu werden, nicht mehr zu tanzen, sich den Cirkeln der Greise zuzugesellen, ein feierliches, philosophisches, ein Geschäfts-Gesicht mit in die Gesellschaft zu bringen; kommen sie aber nahe an die Vierzige, dann werden sie wieder jung, hüpfen herum, spielen um Pfänder mit jungen Mädchen: -- das alles muß man beobachten, und seine Maßregeln darnach nehmen.

6.

Uebrigens gestehe ich -- es bleibt aber unter uns -- daß der Ton, welcher jetzt unter unsern ganz jungen Leuten ziemlich allgemein an Höfen und in der feinen Welt eingeschlichen ist, mir gar nicht so gefallen will, wie der, welcher vor etwa zwanzig Jahren herrschte. Viele von ihnen kommen mir äusserst ungeschliffen und plump vor; es scheint mir, als suchten sie etwas darin, Bescheidenheit, Höflichkeit und Delicatesse zu beleidigen, stumm, ungefällig gegen Damen und Fremde zu seyn, selbst ihren Körper zu vernachlässigen, ohne alle Grazie beim Tanze herumzuspringen, krumm und schief und gebückt zu gehen, keine Kunst, keine Wissenschaft gründlich zu lernen, ungeachtet aller Mühe, welche die neuern Pädagogen anwenden, und ungeachtet des vortrefflichen Beispiels, das sie der Jugend in Höflichkeit, Bescheidenheit und Gründlichkeit geben. Es gibt freilich einen Bocksbeutel, einen Rang und eine Steifigkeit im Umgange, die in vorigen Zeiten in Teutschland herrschend war; und es ist ein Glück, daß wir anfangen, sie abzulegen; aber edler Anstand ist nicht Steifigkeit, -- verbindliche Höflichkeit und Aufmerksamkeit nicht Kriecherei, Grazie nicht Zwang -- und ächtes Talent, wahre Geschicklichkeit nicht Pedanterie. Und man sehe auch die papiernen Männchen an, wie Ueberdruß und Langeweile auf ihrer früh sich runzelnden Stirne wohnen; wie sie unfähig sind, von ganzem Herzen froh zu werden; wie sie in den schönsten Jahren des Lebens schon, bei den unschuldigen Freuden der Jugend, Ueberdruß empfinden. -- Doch, ich habe Hoffnung, daß es bald wieder besser damit werden soll, und ohne Stolz auf unsre Vaterstadt kann ich es wohl sagen: Wir haben hier eine liebenswürdige wohlerzogene Jugend in allen Klassen und Ständen aufzuweisen[6].

7.

Verachte nicht alles, was bloß conventionellen (übereinkünftlichen) Werth hat, wenn Du mit Annehmlichkeit in der großen Welt leben willst! Verachte nicht so ganz und gar Titel, Orden, Glanz, äussere Auszeichnungen und Zierden; aber setze auch keinen innern Werth darauf! ringe nicht ängstlich darnach! Es gibt doch wohl Fälle, wo ein solcher an sich nichtiger Stempel Dir und den Deinigen, wo nicht reelle Vortheile, doch Annehmlichkeiten zuwege bringen kann. Heimlich in Deinem Kämmerlein darfst Du herzlich über alle diese Thorheiten lachen; aber thue das nicht laut! ~Mit einem Worte~: zeichne Dich unter den Weltleuten, mit denen Du leben mußt, nicht zu sehr durch eine gewisse Strenge in Deinen Sitten und Urtheilen aus! Dieß ist nicht nur Regel der Klugheit! nein, es ist auch Pflicht, die Sitten des Standes anzunehmen, den man wählt; ganz zu seyn, was man ist, - doch wie sich das versteht, nie auf Kosten des Charakters[7]. Erwarte übrigens auf diesem Schauplatze nicht, daß man in Dir den edlen, weisen, geschickten Mann schätze, sondern nur, daß man von Dir sage: +Par Dieu! il a de l'esprit, comme nous autres!+

8.

Und willst Du auch nur dies eitle Lob davon tragen, so darfst Du selbst nicht einmal merken lassen, daß Du von besserm Stoffe bist, als der große Haufe jener hirnlosen Müßiggänger. Der klügere und edlere Mann -- bequemte er sich auch noch so pünktlich nach den Sitten der feinen Societät -- wird dennoch dem Neide, der Verleumdung und den unaufhörlichen Neckereien und Klatschereien, welche hier herrschen, nicht ausweichen: denn um schaalen Köpfen zu gefallen, muß man selbst ein schaaler Kopf seyn. Ich rathe denn, sich das gar nicht anfechten zu lassen; vor allen Dingen aber keinen Verdruß, keine ~Unruhe zu äussern~, sonst bekömmt man nie Frieden. Man gehe also seinen Gang fort, folge seinem Systeme, und lasse die Thoren schwatzen, bis sie müde werden! Hier sind auch alle Erläuterungen, alle Entschuldigungen übel angebracht, und wenn Du mit Widerlegung ~einer~ Verleumdung fertig bist, so wird man schon eine andere in Bereitschaft haben.

9.

In der großen Welt ist der oben entwickelte Grundsatz vorzüglich nicht aus den Augen zu lassen, nämlich, daß jedermann nur so viel gilt, als sein eigenes Bewußtseyn nach dem Urtheile seines Gewissens ihn gelten läßt, und wer dies Urtheil für sich hat, der wird sich frei, zuversichtlich und edelstolz zeigen, und sein Publikum nöthigen, ihm Achtung und Vertrauen zu beweisen, wird selbst denjenigen, die ihre Aufmerksamkeit nach dem Range oder Vermögen eines Menschen abzumessen gewohnt sind, eine gewisse Scheu einflößen, so daß sie es nicht wagen, ihn geringschätzig zu behandeln, weil er weder zu den hohen Standespersonen, noch zu den Reichen gehört.

10.