Part 31
In den Herzen der mehresten Großen wohnt Mißtrauen. Es herrscht bei ihnen der Gedanke: alle übrigen Menschen hätten einen Bund gegen sie gemacht. Deswegen sehen sie es ungern, wenn unter denen, welche ihnen unterworfen sind, enge Freundschaften entstehen. Wer sich um Fürstengunst und große Verbindungen nicht zu bewerben braucht, der kann sich hierüber gänzlich hinwegsetzen, kann Verbindungen nach seinem Herzen schließen; und überhaupt wird kein redlicher Mann, aus niedriger Gefälligkeit gegen irgend einen Beschützer und Gönner, einen wahren Freund vernachlässigen, noch einen würdigen Mann, der ihm die Hand reicht, von sich stoßen. Wer aber an Höfen sein Glück machen will, der thut doch wohl, wenn er vorsichtig in der Wahl seines Umgangs, seiner Vertrauten und der Gesellschaften ist, welche er am häufigsten besucht. Es herrschen da immer Partheien und Kabalen, in welche ein wohlwollendes, theilnehmendes Herz gar zu leicht hineingezogen wird. Und wenn nun eine dieser Partheien über die andere siegt, so muß oft der Unschuldigste, in so fern er nur irgend Mitwisser bei dem, was vorgefallen, gewesen ist, die Zeche bezahlen helfen.
12.
Rede nie mit den Großen der Erde ohne Noth von Deinen häuslichen Umständen, von Dingen, die nur persönlich Dich und Deine Familie angehen! Klage ihnen nicht Dein Ungemach! Vertraue ihnen nicht den Kummer Deines Herzens! Sie fühlen ja doch kein warmes Interesse dabei, haben keinen Sinn für freundschaftliche Theilnahme; es macht ihnen Langeweile; Deine Geheimnisse sind ihnen nicht wichtig genug, um sie treu zu bewahren. Immer meinen sie, man wolle bei ihnen betteln, -- und sie verachten den Mann, der nicht glücklich, nicht frei ist. Von Jugend auf glauben sie, jedermann mache Plane auf ihren Geldbeutel, auf ihre Wohlthaten. Ueberhaupt sehen uns die Großen von dem Augenblicke, da wir etwas zu suchen, Andrer zu bedürfen scheinen, mit ganz andern Augen an, als vorher. Man läßt uns Gerechtigkeit widerfahren, ja, man zeigt sich bezaubert von unsern angenehmen Talenten, von unsern Kenntnissen, von unsrer Herzensgüte, von den glänzenden Vorzügen unsers Geistes, so lange wir mit allen diesen schönen Eigenschaften nichts als höfliche Behandlung und Gefälligkeit verdienen wollen, so lange wir als Fremde, als unabhängige Menschen, niemand im Wege stehen, niemand verdunkeln; aber viel genauer, strenger und schonungsloser fängt man an, uns zu richten, wenn wir unsre Vorzüge im Staate geltend machen und die erlaubten Vortheile damit erringen wollen, worein sich so gern die vornehmen Dummköpfe und deren Kreaturen theilen. Am besten wird man von den Vornehmen und Reichen behandelt, wenn sie erkennen, daß man ihrer gar nicht bedarf, und wenn man ihnen dieß zeigt, ohne sich dessen laut zu rühmen; wenn ihnen im Gegentheil unsre Hülfe, unsre Einsicht unentbehrlich ist; wenn wir dabei nie die Bescheidenheit und äussere Huldigung aus den Augen setzen; wenn unser Scharfsinn, unsre größere Weisheit, unsre Festigkeit und Geradheit, ihnen Ehrerbietung einflößen, ohne daß sie uns eigentlich fürchten; wenn wir uns bitten, uns aufsuchen lassen, nicht aber unsern Beistand aufdringen -- Einen solchen Mann schonen sie sorgfältig. --
13.
Hüte Dich aber, einen Großen, der Ansprüche auf Verstand, Witz, hohe Tugenden, Gelehrsamkeit oder Kunstgefühl macht, deutlich, oder gar in Gegenwart Andrer merken zu lassen, daß Du Dir bewußt bist, ihn zu übertreffen oder zu übersehen. In der Stille darf er das wohl fühlen, aber er muß es nur ~allein~ zu fühlen glauben. Vor allen Dingen ist diese Vorsicht nöthig gegen Vorgesetzte, die ungeschickter in ihrem Fache sind, als Du. Gern mögen sie Dir Deine bessern Einsichten, gleichsam als prüften sie Dich, abfragen, sich zu eigen machen, Dir nach Gelegenheit Deine eigne Waare wieder verkaufen; doch wehe Dir, wenn Du das rügst, wenn Du nur einmal thust, als merktest Du es; oder gar, wenn Du den Ton der Belehrung gegen sie annimmst! -- Wie werden sie Dir das Leben sauer machen! Wie viel werden sie von Dir fordern, das sie selbst nie zu leisten im Stande seyn würden, damit sie Gelegenheit haben, Dich eines Fehlers zu überführen und herabzusetzen.
14.
Es gibt aber geringe, unschuldige Gefälligkeiten gegen die Großen der Erde, die man ihnen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen, erweisen, und unwichtige Forderungen von ihrer Seite, die man ohne niedrige Schmeichelei erfüllen kann. Diese verzogenen Schooßkinder des Glücks sind nämlich von Jugend auf daran gewöhnt, daß man sich in Kleinigkeiten nach ihren Launen fügt, ihren Geschmack zur Richtschnur annimmt, ihre Liebhabereien artig findet, und alles vermeidet, was ihnen aus Vorurtheil oder kindischem Eigensinne zuwider ist. Auch die Besten unter ihnen sind von solchen Grillen und Einbildungen nicht ganz frei, und wenn man nun auf einen sonst redlichen, edeln Großen dadurch zum Guten wirken kann, daß man sich hierzu bequemt, oder wenn unser und unsrer Familie zeitliches Glück in seinen Händen ist: -- wer sollte da nicht nachgebend seyn, und sich ein wenig nach seinen Eigenheiten und seiner Schwachheit richten? So reden z. B. manche Fürstenkinder sehr geschwind und undeutlich, und sehen es nicht gern, wenn man noch einmal frägt, sondern wollen gleich verstanden seyn. Freilich wäre es besser, wenn man ihnen diese Unart in der Kindheit abgewöhnt hätte: aber es ist nun einmal nicht geschehen. Oder sie lieben Pferde, Hunde, bunte Soldätchen, Schauspiele, Pfeifenköpfe, Bilder, Geiger, Fidler; componiren auch wohl selbst; bauen, pflanzen, errichten Academien, Museen u. dgl. -- Wie unschuldig ist es nicht da, zuweilen mit einzustimmen, und einige Kennerschaft zu zeigen? Nur muß man sie in ihren Lieblingsfächern nicht übersehen, nicht übertreffen wollen, welches leicht zu geschehen pflegt, da sie oft von den Dingen, womit sie sich am meisten beschäftigen, am wenigsten verstehen -- wie sich denn über den vorsichtigen Umgang mit vornehmen Componisten und unwissenden Mäcenaten ein weitläuftiges Kapitel schreiben ließe. -- Auch was gewisse Kleider-Trachten, Manieren, den Ton der Stimme, was Styl, Handschrift und mehr solche Dinge betrifft, darüber haben sie zuweilen gewisse eigne Meinungen, die man schonen muß, wenn man sich ihnen nicht unangenehm machen will. Uebrigens versteht sich's, daß diese Gefälligkeit aufhören soll, sobald dieselbe schädlichen Einfluß auf den Charakter haben kann: wenn sie dadurch im Egoismus bestärkt, von ernsthaften Beschäftigungen abgezogen, unbillig gegen Andre, ungerecht gegen wirkliche Verdienste werden, oder wenn ihre Liebhabereien von solcher Art sind, daß dadurch ihr Herz verwildert, verhärtet, grausam wird.
Zu den ~mehrentheils~ schädlichen Liebhabereien großer, besonders ~regierender~ Herren, gehört auch die Lust zu reisen. Ungern möchte ich einen Fürsten darin bestärken. Sie rennen da gewöhnlich in fremden Himmelsgegenden herum, bevor sie ihr eigenes Land kennen, in welchem tausend Gegenstände, mehr als die Carnavals von Venedig und die Pferderennen in England, ihrer Aufmerksamkeit werth sind; kaufen für den sauren Erwerb ihrer Unterthanen ausländische Possen, Krankheiten des Leibes und der Seele, und bringen nicht selten große Forderungen, Hang zu Verschwendung, Wollust und Ueppigkeit, böse Laune, Müßiggang, Avanturiers u. dergl. in ihre arme Residenz zurück.
15.
Fürsten, Vornehme und Reiche pflegen zuweilen sich so weit zu Leuten von geringerm Stande herabzulassen, daß sie dieselben um Rath fragen, oder sie um Beurtheilung ihrer Spielwerke, ihrer Schriften, Anlagen, Plane, Meinungen u. dergl. bitten. Hier ist die größte Behutsamkeit zu empfehlen, und daß man sich erinnere, wie übel das Rathgeben und Warnen dem armen Gil Blas von Santillana in dem Hause des Cardinals bekam, obgleich dieser ihn so dringend aufgefordert hatte, ihm zu erzählen, was die Leute von seinen Predigten redeten. So wie fast alle übrige Menschen, so legen besonders die Großen der Erde uns mehrentheils nur darum solche Dinge zur Beurtheilung vor, damit wir sie loben sollen, und fragen nicht eher um Rath, als wenn sie schon beschlossen haben, was sie thun wollen.
16.
Wenn die Befolgung dieser Klugheits- und Vorsichtsregeln schon wichtig ist im Umgange mit solchen Personen, die zwar nicht frei von den Fehlern einer vornehmen Erziehung, aber doch gut geartet, wohlwollend und verständig sind; so ist sie doppelt wichtig, wenn man es mit vornehmen Pinseln, mit Menschen zu thun hat, die zugleich hochmüthig, unwissend, dumm, ohne Grundsätze und Gefühl, kalt und rachsüchtig sind, -- und ich bedaure jede Christen-Seele, die von dergleichen kleinen und großen Tyrannen abhängen muß.
17.
Wenn Du das glänzende Unglück hast, der Liebling eines schwachen Erden-Götzen zu seyn: so bereite Dich nicht nur selber dazu vor, daß diese Freude nicht lange dauern, daß ein Schmeichler Dich aus Deinem Posten verdrängen wird; sondern zeige auch sowohl Deinem Sultane, daß Du nicht gänzlich von seinen Blicken lebst, als auch dem Volke, wie wenig Du Dir auf diesen nichtigen Vorzug zu gute thust; wie unwesentlich zu Deiner Glückseligkeit ein solcher unbedeutender, zufälliger Glanz ist! Wenn Du dann in tiefe Ungnade fällst, so fliehen doch wenigstens die Bessern nicht vor Dir, wie vor einem vernichteten, verweseten Menschen: und der undankbare Despot fühlt, daß es noch Leute gibt, die seiner entbehren können. Baue überhaupt nicht auf die Freundschaft, Festigkeit und Anhänglichkeit der Großen! Sie achten Dich, so lange sie Deiner bedürfen; sie sind wankelmüthig, und mehr geneigt, das Böse, als das Gute zu glauben, und der Letzte hat bei ihnen immer Recht.
Nütze aber die Zeit ihrer Gunst, um sie zur Gerechtigkeit, Treue, Wahrheit und Menschenliebe zu ermuntern! Stimme ihnen bei, wenn sie je vergessen wollen: ~daß sie, was sie sind, und was sie haben, nur durch Uebereinkunft und Zustimmung des Volks sind und haben; daß man ihnen diese Vorrechte wieder nehmen könne, wenn sie Mißbrauch davon machen; daß unsre Güter und unsre Existenz nicht ihr Eigenthum, sondern daß alles, was sie besitzen, unser Eigenthum ist, weil wir dafür alle ihre und der Ihrigen Bedürfnisse befriedigen, und ihnen noch obenein Rang, Ehre und Sicherheit geben, und Geiger und Pfeifer bezahlen; endlich daß in diesen Zeiten der Aufklärung und richtiger Begriffe von Menschenrechten und Volksrechten bald kein Mensch mehr daran glauben wird, daß ein Einziger, vielleicht der Schwächste der ganzen Nation, ein angeerbtes Recht haben könnte, hundert tausend weisern und bessern Menschen das Fell über die Ohren zu ziehen; daß sie aber ohne Trabanten und Wachen ruhig schlafen können, wenn das dankbare Volk, dessen treue Diener sie sind, sie liebt, und für das Wohl der Edeln Segen vom Himmel erfleht.~. -- Es versteht sich, daß diese Wahrheiten einiger Einkleidung bedürfen, wenn sie den verwöhnten Ohren der Großen harmonisch klingen sollen.
Willst Du Dich in Gunst erhalten: so mache, daß nie der eitle Große merke, daß Du Dich Deiner Gewalt über ihn freuest, noch daß Du gern Deine Meinung gegen die seinige durchsetzen wollest! Zeige ihm, daß wirklich Achtung und Liebe zu seiner Person und das Verlangen, nützlich zu seyn, Deine Schritte leiten, nicht aber Eigennutz und kindische Eitelkeit! Aber sey auch nicht so närrisch, billige Vortheile, oder wohlerworbene Belohnungen Deiner Dienste zurückzuweisen, Dein Vermögen aufzuopfern, und nachher vielleicht, wenn man Deiner müde ist, Dich mit einem weißen Stabe fortschicken zu lassen!
Ueber alle Geschäfte, die Dir von Fürsten aufgetragen werden, führe so genaue pünktliche Rechnung und Controlle, daß Du zu jeder Zeit die Rechtmäßigkeit Deiner Schritte gegen Verläumder und Ankläger beweisen könnest!
Ungebeten übernimm kein Geschäft, das nicht zu Deinem Amte gehört!
Vermeide es, ihnen durch trocknen, langweiligen Vortrag die Geschäfte noch unangenehmer zu machen, als sie ihnen schon gewöhnlich sind!
Bist Du des Fürsten Günstling: so fehlt Dir's nicht an Neidern und Ausspähern; sey daher dann doppelt vorsichtig in Deinem sittlichen Betragen!
Es gibt immer an Höfen Leute, denen daran gelegen ist, genau zu wissen, wie groß Dein Einfluß auf den Kopf und das Herz des Fürsten ist. Um diese nie in Deine Karte blicken zu lassen, und damit sie nicht wissen mögen, von welcher Seite etwa der Herr gegen dich gewonnen werden könnte: so vermeide alle Gelegenheit, in Andrer Gegenwart mit ihm von Geschäften, oder sonst von Gegenständen, über welche Du vielleicht mit ihm nicht gleicher Meinung bist, zu reden!
Sey vorsichtig, höchst vorsichtig, in bestimmter Anempfehlung andrer Leute, zum Dienste des Fürsten!
Baue nie auf die Anhänglichkeit Deiner sogenannten Kreaturen, d. h. solcher Menschen, die Dir ihr Glück zu verdanken haben!
Versprich nicht Dein Fürwort, wenn Du des Erfolges nicht gewiß bist!
Begünstige die Gesuche der Kreaturen Deiner präsumtiven Feinde in billigen Dingen!
18.
Wenn Dein Beschützer, wenn ein Großer, dem Du in der Zeit seines äussern Glücks, aus Noth, Höflichkeit, Politik oder gutem Willen, gehuldigt hast, von seiner Höhe herabstürzt; wenn er Stand, Vermögen, Einfluß oder Glanz verliert: so schlage Dich nicht zu der Parthei der Niederträchtigen, die dem Unglücklichen, der ihnen zu nichts mehr helfen kann, den Rücken zukehren! Verdient er Deine Hochachtung, so zeige ihm nun mit doppeltem Eifer, daß Dein Herz nicht von der Stimme des Pöbels abhängt; ist er aber Deiner Zuneigung unwerth, so schone seiner wenigstens darum, weil er von jedermann verlassen ist, und also zu Mißhandlungen schweigen muß! Räche Dich auch eben deswegen nie an dem, von welchem Du verfolgt, gedrückt worden bist, so lange er Gewicht hatte! Sammle vielmehr feurige Kohlen auf sein Haupt (beschäme ihn durch sanftmüthige, liebreiche Behandlung), damit er in sich gehe, und, wo möglich, durch Großmuth gebessert werde!
19.
Sammle nicht leicht für Arme bei Vornehmen und andern Leuten von der großen Welt! Sie geben mehrentheils nur aus Prahlerei, und behandeln Dich, als wäre es ein Almosen für Dich. -- Ueberhaupt hilf ~selbst~, wo Du kannst! Gib nicht Assignationen auf fremde Hülfe! Tadle aber auch nicht sogleich den Reichen, wenn er Dir eine Wohlthat für einen Dürftigen versagt, die ein Aermerer Dir gewährt! Denke immer, daß seine größern Bedürfnisse (ob wahrhafte, oder eingebildete, ist gleichviel) und die größern Anforderungen Andrer auf seine Wohlthätigkeit ihn mit dem, der weniger hat, in ~eine~ Klasse setzen, und daß man, wenn man gegen Alle freigebig seyn will, gegen Einige nicht ~wohlthätig~ seyn kann.
20.
Und nun noch einmal! Wenn ich hier sehr viel zum Nachtheile des Charakters der meisten Großen und Reichen gesagt habe, so bin ich doch weit entfernt, dieß ohne Unterschied auf alle Personen der höhern Klassen ausdehnen zu wollen. Es ist mir äusserst zuwider gewesen, zu sehen, wie manche unsrer armseligen neuern Schriftsteller es sich zum Geschäft machen, auf die höhern Stände zu schimpfen. Viele von ihnen sind so wenig mit den erhabenern Menschenklassen bekannt, daß es die höchste Ungereimtheit verräth, wenn sie über Sitten und Denkungsart derselben ein Urtheil wagen. Von ihren Dachstübchen schielen sie neidisch und hämisch nach den Palästen der Glücklichen hinunter. Wenn, bei grober Kost und dem traurigen Wasserkruge, die süßen Düfte aus den Küchen und Kellern derer, die im Ueberflusse leben, zu ihnen hinaufsteigen, so reizt das ihre Nerven, erregt ihre Galle; es ärgert sie, daß ihre Glücksumstände ihnen nicht, wie jenen, erlauben, ihre Leidenschaften zu befriedigen; sie verwünschen den Mann im vergoldeten Wagen, den sie zu Fuße nicht einholen können, schimpfen auf den hartherzigen Mäcen, der nicht eben so überzeugt scheint von ihren großen Verdiensten, als sie selbst es sind, und fluchen auf das Geschick, welches die Güter der Erde so ungleich ausgetheilt hat. Da müssen es dann die armen Fürsten, Minister, Edelleute und Reichen entgelten, die sie als Tyrannen, Bösewichter, Thoren und hartherzige Unterdrücker alles dessen, was edel und gut ist, abschildern. Ein so fanatischer Eifer kann wohl nie ein gesundes Gehirn ergreifen. Selbst im Ueberflusse und mit großen Erwartungen aufgewachsen, kenne ich recht gut die Vortheile und Nachtheile einer reichen und vornehmen Erziehung. Meine nachherigen Schicksale aber, mein Aufenthalt an Höfen, und der Umgang mit Menschen aller Art, das alles hat mich gelehrt, wie nöthig es sey, denen, die nicht durch widrige Erfahrungen gründlich ausgebildet werden, und die so selten reine, lautre, unpartheiische Wahrheit hören, ohne Leidenschaft zu sagen, was ihnen so nöthig ist, zu hören. Viele von ihnen sind wahrlich herzlich gut; selbst die Schwächern haben oft manche Temperaments-Tugend, deren Wirkungen für die Welt viel wohlthätiger werden können, als die sanften Aufwallungen ärmerer und unmächtigerer Sterblichen. Sie haben von ihrer ersten Jugend an alle Muße und Gelegenheit, ihren Geist zu bilden, sich Talente zu erwerben, Welt und Menschen kennen zu lernen; haben Veranlassungen in Menge, Gutes zu thun, und die Freuden der Wohlthätigkeit zu schmecken. Ihr Charakter wird nicht niedergedrückt, auch nicht verschoben durch Unglück und Mangel, oder durch die Nothwendigkeit, sich zu schmiegen und zu beugen. Und wenn von einer Seite Schmeichelei sie leicht verderben kann, so ist von der andern der Gedanke, daß jede ihrer edeln Handlungen bemerkt wird, und ihre Verirrungen oft noch der späten Nachwelt vorerzählt werden, ein Sporn mehr, groß und vortrefflich zu werden. Auch nützen Viele von ihnen alle diese Triebfedern; und es ist ein Glück, an der Seite eines Fürsten zu leben und Einfluß auf ihn zu haben, der die Würde seines Standes kennt, und sich seines hohen Berufs werth zeigt. Ich kenne deren Einige, die es auch gewiß nicht übel aufnehmen, wenn man ihnen die Klippen zeigt, an welchen so viele von ihnen scheitern.
21.
Zum Schlusse noch ein Paar Worte über den Umgang der Großen und Reichen unter sich! Sie verderben sich größtentheils Einer den Andern. Die Kleinern beeifern sich, es den Größern nach-, ja, es ihnen an Aufwand und übelverstandener Erhabenheit zuvorzuthun: und so verewigen sie ihre Thorheiten, welche von noch kleinern Magnaten bis auf den geringsten, der nur einen Schuhputzer in seiner Livree herumlaufen hat, nach möglichsten Kräften nachgeahmt werden. Lustige Beispiele von dieser Art sieht man an den kleinen teutschen Höfen: wie sie einander aufpassen, sich wechselseitig controlliren, beneiden, zu übertreffen suchen; wie, wenn der durchlauchtige Herr in Y*** an seinem Geburtstage einen Ball und zugleich eine Illumination von sieben Pfund Talglichtern gegeben hat, der Fürst in V*** an seinem Feste ein Feuerwerk von acht Pfund Pulver hinzuthut; wie, wenn der Eine sich einen Ober-Hof-Marschall für drei hundert Gulden Gage und zwölf Scheffel Hafer hält; der Andre dem Chef seines Hofes noch obenein ein breites Ordensband über den hungrigen Magen hängt. Indeß der eine regierende Graf sich eine Meute Jagdhunde verschreibt, wie sie kein Potentat in Europa hat, besoldet sein Nachbar eine Meute Hof-Musici, die wenigstens eben so viel Lärm macht; der Dritte, voll Verzweiflung darüber, daß er es seinen Nachbarn nicht zuvorthun kann, verzehrt lieber den sauern Erwerb seiner geplünderten Unterthanen in Paris, spielt lieber dort eine höchst elende Rolle, als daß er in seiner Residenz den guten, treuen Landesvater vorstellen sollte. Und so geht das weiter hinunter. Man fange nur in Städten an, ein Concert oder dergleichen zu geben, welches abwechselnd von einer geschlossenen Gesellschaft gehalten wird, und womit etwa ein Abendessen verknüpft ist. Der Erste, bei welchem sich die Gesellschaft versammelt, wird ein Paar Flaschen Wein und kalte Küche hergeben; der Andre fügt einen Punsch hinzu; und ehe ein Vierteljahr vergeht, ist die Anstalt in eine kostspielige Fresserei ausgeartet. Das sollte nun unter verständigen, vornehmen und reichen Leuten nicht also seyn. Sie sollten den Niedern Beispiele geben von Ordnung, Einfalt, Hinwegsetzung über steife Etikette, von Mäßigkeit in Speise, Kleidung, Pracht, Bedienung, Hausrath und allen solchen Dingen. Sie sollten das Vorurtheil vernichten, daß die Herzen der Großen zu keinen dauerhaften Freundschaften fähig seyen -- mit Einem Worte: sie sollten nicht vergessen, daß die Augen so Vieler auf sie gerichtet sind.
22.
Spöttle nicht über die Kleinlichkeiten an ~kleinen~ Höfen! Besser so, als wenn ein Herr über vier Quadrat-Meilen Landes Garden zu Fuß und zu Pferde, Minister, Hof-Cavaliere in Menge hält, und Schulden über Schulden macht! Es ist nur alles relativ klein, und ist immer gut, wenn es nur nicht zwecklos und voll abgeschmackter Forderungen ist. Dreißig Mann, die abwechselnd Ordnung in der Stadt halten, sind mehr werth, als dreißigtausend, die man von nützlicher Arbeit abzieht, um auf Kosten des fleißigen armen Unterthanen Spielwerk mit ihnen zu treiben.
Zweites Kapitel.
Ueber den Umgang mit Geringern.
1.
Im siebenten Kapitel des zweiten Theils dieses Werks habe ich von dem Betragen des Herrn gegen den Diener und von den Pflichten geredet, welche der Vornehmere vor Augen haben soll, damit er denen, die vom Schicksale bestimmt sind, in Unterwürfigkeit zu leben, ihr Daseyn erleichtere und versüße. Ich verweise also zuerst die Leser dahin, und füge nur noch einige Regeln für den Umgang mit solchen Personen hinzu, die zwar nicht in unsern Diensten, aber doch, der Geburt, dem Vermögen, oder andern bürgerlichen Verhältnissen nach, tiefer, als wir, stehen.
2.
Man sey höflich und freundlich gegen solche Menschen, denen das Glück nicht gerade eine so reichliche Summe nichtiger zeitlicher Vortheile zugeworfen hat, als uns, und ehre das wahre Verdienst, den ächten Werth des Menschen, auch im niedern Stande! Man sey nicht, wie die meisten Vornehmen und Reichen, etwa nur dann herablassend gegen Leute von geringerm Stande, wenn man ihrer bedarf; da man sie hingegen verabsäumt, oder ihnen übermüthig begegnet, sobald man ihrer entbehren kann! Man vernachlässige nicht, sobald ein Größerer gegenwärtig ist, den Mann, den man unter vier Augen mit Freundschaft und Vertraulichkeit behandelt, schäme sich nicht, öffentlich den Mann vor der Welt zu ehren, der Achtung verdient, möchte er auch weder Rang, noch Geld, noch Titel führen! Man ziehe aber nicht die niedern Klassen bloß aus Eigennutz und Eitelkeit vor, um die Stimme des Volks für sich zu gewinnen, um als ein lieber, leutseliger Herr gepriesen und über Andere erhoben zu werden! Man wähle nicht vorzüglich den Umgang mit Leuten von gemeiner Erziehung, um etwa in diesen Cirkeln mehr geehrt, mehr geschmeichelt zu werden, und glaube nicht, daß man populär und natürlich sey, wenn man die Sitten des Pöbels nachahmt! Man sey nicht lediglich darum freundlich gegen die Geringern, um irgend einen Höhern im Range zu demüthigen; nicht aus Stolz herablassend, um desto mehr geehrt zu werden, sondern überall aus reiner, redlicher Absicht, aus richtigen Begriffen von dem Adel der Menschheit, und aus Gefühl von Gerechtigkeit, die, über alle zufällige Verhältnisse hinaus, in dem Menschen nur ~den~ Werth schätzt, den er als Mensch hat!
3.