Part 30
Eben so unglücklich muß der Erfolg einer Erziehung seyn, die es nur darauf anlegt, den Kindern das Gepräge der conventionellen Bildung oder des Zeitgeistes zu geben, und ihnen alles das beizubringen und anzubilden, was in dem gesellschaftlichen Umgange gilt, und gerade jetzt an der Tagesordnung ist, oder für Bildung ausgegeben wird. Zwar hat sich, seit dem Freiheitskriege, eine eigene Secte in der Gesellschaft gebildet, welche der conventionellen Form, weil sie größtentheils französischen Ursprungs ist, den Krieg angekündigt, und die freieste Form, welche eigentlich gar keine ist, als die rechte angenommen hat; aber glücklicher Weise scheint es nicht, daß die Grundsätze dieser Secte sich weit verbreiten werden, da man die Bemerkung gemacht hat, daß sie zu einer Derbheit und Unschlachtigkeit führen, welche endlich allem geselligen Umgange, besonders dem mit dem anderen Geschlechte, den Untergang bringen müßte. Für die Beförderung ~der~ Selbstverleugnung, Bescheidenheit und Gefälligkeit, welche die Natur des gesellschaftlichen Umgangs fordert, sind unstreitig die conventionellen Formen sehr ersprießlich, und eben darum nicht aufzugeben. Aber es ist eine merkwürdige Erscheinung, und eine für Erzieher sehr lehrreiche, daß Naturen von einer unüberwindlichen Unempfänglichkeit für diese Formen unter beiden Geschlechtern vorkommen, an welchen alle Anstrengungen der Erziehung für diesen Theil der Bildung völlig scheitern. Man möchte hieraus schließen, daß es auch für die gesellschaftliche Bildung eigenthümliche Anlagen gebe, und daß sie daher eben so wenig, wie z. B. die musikalische, zur allgemeinen menschlichen Ausbildung gezählt werden dürfe, wenigstens nicht ohne gewisse Modificationen; daß sie am allerwenigsten das Hauptziel aller Erziehung seyn dürfe, sondern daß diese vor allem das Reinmenschliche in dem Kinde auszubilden, zu pflegen und zu entwickeln habe; daß also die Erziehung keinesweges in eine bloße Abrichtung für den gesellschaftlichen Umgang übergehen dürfe. Diese Wahrheit wird jetzt zur Freude aller derer, welche keine Sclaven des Zeitgeistes sind, allgemeiner anerkannt, und sie hat eine Ueberzeugung geweckt, welche fast ganz in den höheren Ständen verschwunden war, daß die religiöse Bildung der Schlußstein aller wahren Bildung sey, und daß man die Veredlung unseres Geschlechts nicht bloß auf dem Wege der Verstandesbildung, nicht durch das Erkenntnißvermögen allein bewirken könne. Man erwartet nun nicht mehr alles Heil für die Menschheit von der Verbreitung wissenschaftlicher Bildung, und überhaupt von dem Wissen, sondern läßt der Gesinnung, als dem Höchsten im Menschen, wieder den ihr gebührenden ersten Rang unter den Bildungsstufen der Menschheit, wobei man aber seit einiger Zeit den Gefühlen einen zu hohen Werth beilegt, und sie gar zu gern als Surrogat der Gesinnungen und Grundsätze einschwärzen möchte, weil es so bequem ist, sich dem Gefühl zu überlassen, und seinem Herzen die Anstrengungen und Beschwerden des Handelns und der Selbstverleugnung zu ersparen. Daher möchte es die heutige Erziehung vorzüglich auf eine recht sorgfältige Bildung der Vernunft, und also auf feste Grundsätze anzulegen haben, und ihre Zöglinge in einem gewissen Gleichgewicht zu halten suchen, damit sie nicht lauter Gemüth werden, und in dem Uebermaß ihrer Gemüthlichkeit sich der Mystik und der Frömmelei in die Arme werfen.
Drei Klippen dürften die Erzieher besonders bei dem bildenden ~Umgange~ mit ihren Zöglingen zu vermeiden haben, nämlich: 1) Daß sie es nicht darauf anlegen, dem Zöglinge eine bestimmte Form anzubilden, z. B. nicht die des Oberen, des Untergebenen, des Soldaten, des Rechtsverständigen, des gläubigen Christen, des Rationalisten, sondern darauf: Menschen zu bilden, also Vernunftwesen, welche die Kraft haben, sich frei zu erhalten von dem Joch der Gewohnheit, des Zeitgeistes, der Menschenfurcht und Menschengefälligkeit, und der Leidenschaft. 2) Daß sie nicht jedem Zöglinge ein bestimmtes Maß von Bildungsstoff zutheilen, und zwar nur von einer einzigen Gattung, z. B. nur wissenschaftlichen, oder nur Kunst-Stoff, oder nur moralischen, oder nur philologischen; sondern den ganzen Stoff ihm darreichen, und zwar ganz unverarbeitet, denn die Verarbeitung ist die Sache der Natur, und ohne ihm unsere Form und Ansicht aufzudringen. 3) Daß sie es nicht bei dem Lehren, und also bei dem Wortwesen bewenden lassen; sondern ihm diesen Stoff mehr durch Handlungen und Total-Eindrücke, als durch Worte geben, so daß also der Zögling mehr sucht und findet, als nimmt und empfängt, und alles aus ihm selbst hervorgehe.
Ueber den
Umgang mit Menschen.
Dritter Theil.
Einleitung.
Nach dem, was ich in der Einleitung zu dem zweiten Theile dieses Buchs, über die darin beobachtete Ordnung der Gegenstände, gesagt habe, führt mich mein Plan nun zur Entwickelung der Vorschriften für den Umgang mit Personen von verschiedenen Ständen und Verhältnissen im bürgerlichen Leben, da ich denn, wie billig, mit den Großen der Erde den Anfang mache.
Erstes Kapitel.
Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen und Reichen.
1.
Man würde ungerecht handeln, wenn man behaupten wollte, alle Fürsten, alle sehr vornehme und alle sehr reiche Leute hätten die Fehler mit einander gemein, durch welche viele von ihnen ungesellig, kalt und unfähig zur wahren Freundschaft und zum Umgange werden. Allein man versündigt sich wahrlich nicht, wenn man sagt, daß dieß bei den mehrsten von ihnen der Fall ist. Sie werden in der Erziehung verwahrloset, von Jugend auf durch Schmeichelei verderbt, durch Andere und sich selbst verzärtelt. Da ihre Lage sie über Mangel und Bedürfniß mancher Art hinaussetzt, da sie selten in Verlegenheit oder Noth gerathen, so lernen sie nicht, wie nöthig ~ein~ Mensch dem andern, und wie schwer es ist, das Ungemach des Lebens allein zu tragen, -- wie süß, theilnehmende, mitleidende Seelen zu finden, und wie wichtig, Andrer zu schonen, damit man einst zu ihnen seine Zuflucht nehmen könne. Sie lernen sich selbst nicht kennen, weil man sie, aus Furcht oder Hoffnung, die widrigen Eindrücke, welche ihre Fehler und Gebrechen machen, nicht empfinden läßt. Sie sehen sich als Wesen besserer Art an, von der Natur begünstigt, zu herrschen und zu regieren; die niedern Klassen hingegen bestimmt, ihrem Egoismus, ihrer Eitelkeit zu huldigen, ihre Launen zu ertragen, und ihren Phantasien zu schmeicheln. Auf die Voraussetzung, daß die mehrsten Großen und Reichen größtentheils diesem Bilde gleichen, muß man sein Betragen im Umgange mit ihnen gründen. Um desto wohlthätiger zwar ist die Empfindung, wenn man unter ihnen Einen antrifft, der mit einem gewissen edeln Stolze, mit mehr Feinheit, Großmuth und besserer Ausbildung, alle Privat-Tugenden verbindet. -- Und, es gibt Deren, selbst unter Fürsten; -- aber sie sind Seltenheiten, und nicht immer macht der allgemeine Ruf sie uns bekannt. Auf diesen und auf die Posaunen der Zeitungsschreiber und Journalisten darf man kein Urtheil gründen. Ich habe oft mit inniger Betrübniß gesehen, wie der allgemein bewunderte, als Wohlthäter des Menschengeschlechts und Beförderer alles Edeln, Großen und Schönen gepriesene Erdengott und Liebling des Volks, in der Nähe so klein, so erbärmlich war. ~Die besten Fürsten sind nicht selten die, von welchen am wenigsten geredet wird, sowohl im Guten, als im Bösen.~
2.
Der Umgang mit Großen und Reichen muß aber sehr verschieden abgestuft seyn, je nachdem man ihrer bedarf, oder nicht; von ihnen abhängig, oder frei ist. Im ersten Falle darf man wohl nicht immer so gänzlich seinem Herzen folgen, muß zu Manchem schweigen, sich Manches gefallen lassen, darf nicht so freimüthig und kühn die Wahrheit sagen, obgleich ein fester, redlicher Mann die Geschmeidigkeit nie bis zu niedriger Schmeichelei treiben wird. Indessen verändern kleine Umstände, so wie die feinen Unterschiede der Charaktere das Verhältniß; daher ich alle Regeln für den Umgang mit den Großen zusammenfassen, und den Lesern überlassen werde, zu ordnen und auszuwählen, was in jeder Lage anwendbar ist.
3.
Ein allgemeiner Satz für alle Fälle ist der: Dringe Dich den Vornehmen und Reichen nicht auf, wenn Du nicht von ihnen verachtet werden willst! Ueberlaufe sie nicht mit Bitten für Dich und Andre, wenn sie Deiner nicht überdrüssig werden, wenn sie Dich nicht fliehen sollen! Laß Dich vielmehr von ihnen aufsuchen! Mache Dich rar; doch dies alles, ohne daß Deine Absicht merklich, ohne daß Dein Betragen gezwungen scheine!
4.
Suche nicht, Dir das Ansehen zu geben, als gehörtest Du zu der Klasse der Vornehmern, oder lebtest wenigstens mit ihnen in engster Vertraulichkeit! Rühme Dich nicht ihrer Freundschaft, ihres Briefwechsels, ihres Zutrauens, noch Deines Uebergewichts über sie! Wenn eine solche Verbindung Dir ein Glück zu seyn scheint, so erfreue Dich in der Stille dieses unbequemen Glücks! Es gibt Menschen, die durchaus dafür angesehen seyn wollen, eine größere Figur in der Welt zu spielen, und in höherem Ansehen zu stehen, als ihnen wirklich zu Theil geworden ist. Sie führen, auf Kosten ihres Geldbeutels, den Luxus der Vornehmen und Reichen in ihre Häuser, oder drängen sich in deren Cirkel ein, wo sie eine elende Figur spielen, nur hinterher laufen müssen, und keinen frohen Genuß haben, indeß sie lehrreichern und genußvolleren Umgang gänzlich vernachlässigen, und treue Freunde und weise Menschen von sich entfernen. Die geizigsten Leute sparen zuweilen keine Kosten, wenn sie Gelegenheit finden können, Zutritt in großen Häusern zu erlangen, und hungern gern Monate hindurch, um einmal einen Großen bei sich zu bewirthen, der dieses Opfer gar nicht gewahr wird, oder es doch nicht zu schätzen weiß, vielleicht Langeweile bei ihnen hat, alles sehr bürgerlich findet, und nach vierzehn Tagen wohl gar den Namen des thörichten Wirthes vergessen hat. Andre lassen es sich wenigstens angelegen seyn, die nichtsbedeutenden und verderbten Sitten der Großen sclavisch nachzuahmen, ihre hochmüthige Herablassung, ihren geschäftigen Müßiggang, ihre Zerstreuung, ihr Wichtigthun, ihre leeren Vertröstungen, ihre seelenlosen Gespräche, ihre Zweizüngigkeit, Windbeutelei, Gefühllosigkeit, Nachahmung der Ausländer, die Verachtung ihrer Muttersprache, ihre fehlerhafte Schreibart, ja sogar ihre lächerlichen Gebehrden, Gewohnheiten und Gebrechen, ihr Stammeln, Lispeln, Achselzucken, ihre Grobheit gegen Niedere, ihre affektirte Kränklichkeit, ihr Podagra, ihre schlechte Hauswirthschaft, ihre kindischen Launen, und mehr dergleichen herrliche Vorzüge treulich anzunehmen und sich einzuverleiben. Ihnen ist der beste Beweis für die Güte einer Sache ~der~, daß doch jedermann von Stande so und nicht anders handle und urtheile; -- als ob das in der That eine Narrheit heiligen könnte! -- Handle selbstständig! Verleugne nicht Deine Grundsätze, Deinen Stand, Deine Geburt, Deine Erziehung: so werden Hohe und Niedre Dir ihre Achtung nicht versagen können!
5.
Man traue nicht zu sehr den freundlichen Gesichtern der meisten Großen; glaube sich nicht auf dem Gipfel der Glückseligkeit, wenn der gnädige Herr uns anlächelt, die Hand schüttelt, oder uns umarmt! Vielleicht bedarf er unserer in diesem Augenblicke, und behandelt uns mit Verachtung, wenigstens mit Kälte, sobald dieser Augenblick vorüber ist. Vielleicht fühlt er gar nichts bei seiner Freundlichkeit; wechselt Mienen, wie Andre Kleider wechseln; ist gerade in der Verdauungs-Stunde zu unthätigem Wohlwollen gestimmt, oder will einen andern seiner Sclaven dadurch demüthigen. Man bleibe mit dieser Gattung Menschen immer in seinen Schranken, mache sich nicht gemein mit ihnen, und vernachlässige nie die äussere unterscheidende Höflichkeit und Ehrerbietung, die man ihrem Stande schuldig ist, sollten sie sich auch noch so sehr herablassen! Früh oder spät fällt es ihnen doch ein, ihr Haupt wieder empor zu heben, oder sie verabsäumen uns, wenn ein andrer Schmeichler sie an sich zieht; und dann setzt man sich unangenehmen Demüthigungen aus, die man mit weiser Vorsicht vermeiden kann.
6.
Ueberschreite nicht bei Deiner Gefälligkeit gegen die Großen der Erde, in deren Händen Dein bürgerliches Glück ist, -- die Grenzen der wahren Ehre! Es ist eine große Versuchung für einen armen oder ehrbegierigen jungen Menschen, der in dem Dienst eines schwachen Fürsten sich emporschwingen will, ob er nicht dessen ränkevollem Minister, dem regierenden Kammerdiener, oder einer tyrannischen Buhlerin huldigen soll; aber selten nimmt das ein gutes Ende. Solche Lieblinge stürzen sich früh oder spät selbst, und reissen dann ihre Kreaturen mit in ihr Verderben; und wäre auch dieß nicht, so werden doch die größten Vortheile, die man dadurch erlangen könnte, zu theuer erkauft, wenn man dafür die Achtung weiser und rechtschaffener Männer aufopfern muß; und das ist gewiß immer der Fall. -- Der gerade Weg hingegen führt unfehlbar, wo nicht zu einem glänzenden, doch zu einem dauerhaften Glücke.
7.
Auch lasse man sich von den Erden-Göttern nicht nur zu keinen unedeln Geschäften mißbrauchen, sondern sey auch vorsichtig in allen Diensten, welche man ihnen erweiset. Sie machen leicht aus jeder Gefälligkeit eine Pflicht, und halten es nachher für Verabsäumung unsrer Schuldigkeit, wenn wir zu einer andern Zeit uns nicht gerade aufgelegt zeigen, uns eben so, wie sonst, preiszugeben. Wenigstens vergessen sie leicht, was man für sie gethan hat. Es bat mich einmal der *** von ***, der sonst in der That viel gute Eigenschaften hatte, ihm ein Paar Aufsätze in französischer und deutscher Sprache zu verfassen, die er bei einer gewissen Gelegenheit öffentlich vorlesen wollte, um die Gemüther zu lenken. »Es fehlt mir an ~Zeit~, mein Lieber!« sagte er, »sonst würde ich Sie nicht bemühen; doch, Sie sind auch in ~dergleichen~ Arbeiten geübter, als ich.« Ich wendete einige Stunden Fleiß und Anstrengung daran, und als ich ihm das Ganze brachte, drückte er mich an seine Brust, dankte mir unter vier Augen, in den zärtlichsten, herablassendsten Ausdrücken dafür, und schwur sehr übertrieben: meine Arbeit sey ein Meisterstück von Beredsamkeit. Kurz! er gebehrdete sich, als wenn ich ihm den wichtigsten Dienst geleistet hätte, bat mich aber, die Sache zu verschweigen, welches ich auch that. Nach ein Paar Jahren kam ich des Morgens in *** zu ihm. Er erzählte mir allerlei zu seinem eigenen Lobe. -- Ich hörte demüthig zu. -- »Und das alles,« fuhr er fort, »habe ich durch ein Paar Memoires bewirkt, die mir, ohne mich zu rühmen, nicht übel gerathen sind. Sie sollen sie selbst lesen. Nehmen Sie sie mit sich nach Hause!« Er überreichte mir darauf meine eigene Geistes-Waare, nur von seiner Hand geschrieben; ich steckte sie ein, legte aber zu Hause meine Concepte dazu, und schickte ihm dann die Papiere zurück. Er wurde ein wenig beschämt, und wir scherzten nachher darüber; -- allein so sind auch die Besten unter ihnen!
Vor allen Dingen hüte man sich, von Vornehmen und Mächtigen in gefährliche Händel gezogen zu werden! Sehr gern pflegen sie das zu thun, und schieben dann entweder die Schuld auf den, der sich zu ihrem Werkzeuge gebrauchen ließ, wenn die Unternehmung nicht gelingt, oder lassen ihn gar darin stecken, und alles Ungemach allein erdulden, wenn die Sache schief geht. Auch von letzterer Art habe ich in den Jahren meiner Jugend Erfahrungen gemacht. Kurz! man lasse sich ihre Geheimnisse nicht mittheilen! Sie schonen des Mannes, der um ihre Heimlichkeiten weiß, nur so lange, als sie seiner unumgänglich bedürfen; aber sie fürchten ihn, und suchen sich von ihm loszumachen, sobald sie können, möchte man ihnen auch noch so deutlich zeigen, daß man unfähig ist, dies Uebergewicht und ihr Zutrauen zu mißbrauchen!
8.
Ueberhaupt darf man auf die Dankbarkeit der meisten Vornehmen und Reichen, so wie auf ihre Versprechungen nicht bauen. Opfere ihnen also nichts auf! Sie fühlen den Werth davon nicht, glauben, alle andre Menschen seyen ihnen einen solchen Tribut schuldig für den Schutz, für die gnädigen Blicke, ja sogar für eine ungestörte Existenz; oder man wolle dadurch kleine Vortheile erringen. Schenke ihnen also auch nichts! Das hieße einen Tropfen köstlichen Balsams in einen Eimer trüben Wassers fallen lassen. Ich besaß ein altes kostbares Gemälde; ein geschickter Maler schätzte den Werth desselben auf hundert Pistolen. Die Hälfte dieser Summe, die ich leicht dafür bekommen haben würde, wäre bei meinen damaligen häuslichen Umständen mir äusserst nützlich gewesen; meine Gutmüthigkeit aber, oder vielmehr meine Thorheit, verleitete mich, das Gemälde dem Durchlauchtigsten *** von *** zu schenken, welcher es auch annahm. Ich dachte dadurch nichts zu erschleichen; aber theils wollte ich diesem Fürsten hiermit meine Zuneigung bezeugen, theils hoffte ich, da ich im Begriff stand, ihn an ein gegebenes Wort zu erinnern, er werde nun um so bereitwilliger sein Versprechen erfüllen; allein ich betrog mich. Er umarmte mich, als ich zu ihm kam, und zeigte mir den Ehrenplatz, welchen er meinem Geschenke angewiesen: doch sein Versprechen erfüllte er nicht; und als ich mich nach Jahresfrist eines Abends zugleich mit einem Gesandten, dem er seine Kunstschätze zeigte, in seinem Cabinette befand, sagte er diesem Fremden in meiner Gegenwart, indem er von meinem theuren Gemälde redete: »Es ist wahrlich ein schönes Stück, und ich bin ~ziemlich wohlfeil~ dazu gekommen.« -- Er hatte also vergessen, oder wollte es nicht gestehen, daß ich es war, der ihm diesen ~sehr wohlfeilen~ Preis gemacht hatte; -- und ich beseufzte die verschwundene Hoffnung und die verlorne Summe, von welcher ich mit den Meinigen eine Zeitlang hätte leben können.
Eben so wenig rathe ich, den Großen Geld zu leihen, oder von ihnen zu borgen. Im erstern Falle sehen sie nicht nur ihre Gläubiger als Wucherer und als solche an, die sich eine Ehre daraus machen müssen, den gnädigen Herren mit ihrem Vermögen aufzuwarten, sondern auch, wenn sie saumselig in Wiederbezahlung der Schuld sind, was bei ihrer unordentlichen Lebensweise in der Regel der Fall ist; so hat man unerhörte Weitläuftigkeiten, hat zuweilen Mühe, Gerechtigkeit gegen sie zu erlangen, und macht sich wohl noch obenein eine mächtige Parthei zu Feinden. Im andern Falle aber, nämlich wenn man von ihnen borgt, wagt man tausendfältig ihr Sclave zu werden.
9.
Trage nichts dazu bei, sie und ihre Kinder noch mehr zu verderben, sie moralisch zu verschlimmern! Schmeichle ihnen nicht! Nähre nicht ihren Stolz, ihre Ueppigkeit, ihre Eitelkeit, ihren Hang zu nichtigen und wollüstigen Freuden! Bestärke die Großen nicht in den Grundsätzen von angebornen Vorzügen, von Herrschers-Rechten, von Gesalbtheit und dergleichen Grillen! Heuchle nicht! Verleugne nicht die Wahrheit, selbst die bittre Wahrheit nicht, um ihre Gunst zu erlangen! Sey freimüthig, aber ohne die Höflichkeit zu verletzen, und ohne Dich selbst zu Grunde zu richten! Nimm Dich der verkannten Unschuld, des verläumdeten Edeln, des durch Hof-Ränke verschwärzten Ehrenmanns an; doch mit kluger Vorsicht, ohne seine Feinde dadurch noch mehr zu erbittern, und mit bedächtiger Rücksicht auf Deine Lage und Verhältnisse! Befördere, unterstütze, wo Klugheit es gestattet, die Wünsche, den guten Ruf und die billigen Gesuche Derer, die zu schüchtern, zu arm, zu bescheiden, oder zu sehr niedergedrückt, die verkannt, oder von zu geringem Stande sind, um sich den Palästen zu nähern! Man sollte es kaum glauben, welchen Einfluß die Reden eines verständigen, allgemein geschätzten Mannes auf diese Menschen haben können, sowohl im Guten, als Bösen; wie gern sie alles zum Vortheile ihres Dünkels auslegen, und wie viel man auf sie wirken kann, wenn auch diese Wirkungen nicht sichtbar werden.
10.
Man hüte sich, mit ihnen von Planen und Entwürfen zu reden, von deren Ausführbarkeit man überzeugt ist, die aber mit Schonung und Vorsicht ausgeführt seyn wollen, damit sie nicht auf den Einfall kommen, bloß durch ihre Macht etwas erreichen zu wollen, was nur durch Einsicht und Behutsamkeit erreicht werden kann; denn sie wissen immer die Schuld von sich auf Andre zu wälzen, wenn der Erfolg nicht der Erwartung gemäß ist! Ich erinnere mich (um nur ein ganz kleines Beispiel zu geben), daß einst ein gewisser Prinz mit mir von einem platten Dache redete, das er auf sein Gartenhaus hatte legen, aber wieder abnehmen lassen, weil es zu schwer befunden ward. Mir fiel gerade ein, daß ich von einem französischen Ingenieur-Officier gehört hatte: man könne ein wohlfeiles, leichtes und dauerhaftes, plattes, italienisches Dach aus einer Menge Lagen von blauem Zucker-Papiere, zwischendurch und obenauf mit Schiff-Theer beschmiert und mit Kies bestreuet, verfertigen. Dieß erzählte ich dem Prinzen beiläufig, ohne jedoch für die Güte der Sache einzustehen. Lange nachher erfuhr ich, daß er den Versuch -- wer weiß, wie? -- gemacht hätte, daß dieser mißlungen war, und daß er nicht undeutlich zu verstehen gegeben hätte, ich sey ein Mann, auf dessen Angaben man sich nicht einlassen dürfe.
Ueberhaupt kann man kaum vorsichtig genug in seinen Reden mit den Großen der Erde seyn. Man enthalte sich daher in ihrer Gegenwart aller nachtheiligen Urtheile über andre Leute, aller Ausstellungen! Sie pflegen dergleichen zwar gern zu hören, aber die Folgen sind oft sehr unglücklich. Zuerst setzt man dadurch sich und Andre in ihren Augen herab; denn sie lachen zwar mit, hassen aber doch den Lästerer und Ausspäher fremder Fehler, bei dem heimlichen Bewußtseyn ihrer eigenen vielfachen Gebrechen; und da sie ohnehin Geringere verachten, so wächst diese Verachtung durch Aufdeckung fremder Schwachheiten. Sodann mißbrauchen sie wohl gelegentlich unsern Namen, verdächtigen uns, indem sie unsern Einfall nacherzählen, hetzen uns mit Andern zusammen. Auch kann man ja nicht immer wissen, ob nicht das zeitliche Glück solcher Menschen, von welchen man nachtheilig urtheilt, in ihren Händen ist; und hinterher erschrickt man, wenn man erfährt, wie oft ein einziges, in keiner bösen Absicht hingeworfenes Wort feste Wurzel faßt, und nach langer Zeit noch die schädlichsten, unglücklichsten Folgen haben kann. Das Gute gleitet an ihren untheilnehmenden Herzen ab; das Böse hingegen setzt sich fest, und wird so leicht nicht ausgelöscht. Am allervorsichtigsten aber soll man in seinen Gesprächen mit Vornehmen über andre Personen von höherem Stande seyn. Obgleich die Erdengötter sich unter einander selten lieben, sondern mehrentheils durch allerlei Leidenschaften getrennt sind; so hören sie doch nicht gern, daß man die privilegirten Lieblinge des Himmels in ihrer Gegenwart ohne Ehrerbietung nennt. Uebrigens wollen die Vornehmen und Reichen angenehm unterhalten, und in fröhliche Laune gesetzt seyn. Thue dieß auf unschuldige Weise, wenn Dir an ihrer Gunst gelegen ist; aber erniedrige Dich nicht zu ihrem besoldeten Spaßmacher, der Schwänke liefern muß, so oft sie winken, und von dem sie kein vernünftiges Wort hören mögen.
11.