Ueber den Umgang mit Menschen

Part 29

Chapter 293,464 wordsPublic domain

Die sittlichen Eigenschaften, die mit den Fertigkeiten vereint wirken müssen, sind: Geduld und Ausdauer, Selbstverleugnung und Enthaltsamkeit, Besonnenheit und Ueberlegung, Erfindungsgabe. Für die letztere Kraft in ihrer Entwickelung wirkt die Geschichte der Erfindungen, und die Bekanntmachung mit nützlichen Verbesserungen der gewöhnlichen häuslichen Geräthschaften. Wie oft gab schon ein einziger glücklicher Gedanke in dieser Hinsicht einem Leben hohen Werth und ausgebreitete Wirksamkeit, und begründete den Wohlstand einer ganzen Familie.

Pädagogische Heilkunde.

Jede Abweichung von dem Gebot, welches dem Menschen durch seine sittlichen Gefühle und seine Vernunft in's Herz geschrieben ist, und jede Ausartung der natürlichen Triebe, ist Krankheit der Seele, und erfordert Heilung. In der Kindheit entstehen diese Krankheiten, und werden oft nur dem sorgfältigen Beobachter und dem geübtern Auge sichtbar; bleiben sie unentdeckt, und also in ihren Anfängen ungehemmt, so gehen sie in den Charakter über. Jede Unart hat in der Vernachlässigung der Erziehung, oder in einem nachtheiligen Einflusse des Körpers und der physischen Gewöhnung ihren Grund.

Jede Unart ist in ihrem tiefsten Grunde Keim des Guten, der aber verwahrloset, oder unter ungünstigen Einflüssen untergegangen ist, oder auch eine falsche, gewöhnlich einseitige Richtung, welche irgend eine Seelenkraft genommen hat. Soll die Heilung gelingen, so muß die Natur der Krankheit von dem Erzieher richtig erkannt, ihr Zusammenhang mit andern Uebeln und mit dem Guten erforscht und berücksichtigt, also ihr Ursprung mit Sicherheit entdeckt, ihr Grad richtig aufgefaßt, das Heilmittel weise gewählt und mit eben so viel Geduld, als Einsicht angewandt werden, damit nicht, indem das eine Uebel weggeschafft wird, ein anderes hervorgebracht oder herbeigeführt werde. Der Erzieher kann, z. B. die Trägheit des Zöglings überwältigt, aber dadurch, daß er gewaltsame Mittel anwandte, demselben die Lust und Liebe und die kindliche Fröhlichkeit genommen haben, oder indem er dem Eigensinnigen den Willen brach, ihm auch das Herz gebrochen haben, oder indem er den Leichtsinn bekämpfte, das Kind verstockt, scheu und ängstlich gemacht haben.

»Auf zweierlei Art werden Unarten geheilt: entweder durch Ablenkung der Aufmerksamkeit und Neigung des Kindes, im Ganzen und im Einzelnen, also negativ, oder auch positiv durch Strafen.« Das erste ist hier unstreitig das Wohlthätige und Wirksamere, eine gründliche Heilung, wobei nicht leicht ein neues Uebel sich zeigt, und wird vorzüglich auf ~die~ Art angewandt, daß man entweder das Kind in eine ganz andere, und zwar in eine solche äussere Lage bringt, in welcher es gar keine Reizung zu seiner Unart erhält, oder auch, daß man einen Gegenreiz, z. B. Erregung der Neugierde, des Ehrtriebes, der Furcht, der Hoffnung, anwendet, um seinen Neigungen eine bessere Richtung zu geben.

Da die Unarten und die Fehler der Kinder nichts anderes, als verwahrlosete Keime des Guten sind, so steht der Unart immer eine Tugend gegenüber, und da jede Unart wiederum, sich verstärkend, andere nach sich zieht oder erzeugt, so gibt es so viele Reihen von Unarten, als es Tugenden des Kindes gibt.

Die ersten beiden Reihen können nichts anderes seyn, als verkehrte Richtungen der Kraft, oder Mangel an Kraft und Trieb, also Trägheit. So z. B. wenn Kinder bei einer großen Lebhaftigkeit, und einem ungewöhnlichen Drange zur Thätigkeit, nicht hinreichende Beschäftigung finden, und also lange Weile empfinden -- oder wenn man sie in der Periode, da noch der Spielgeist seine volle Kraft hat, zu angestrengter Aufmerksamkeit beim Lernen nöthigt, und ihnen dadurch einen Widerwillen gegen das Lernen beibringt -- oder zu der Zeit, da sie noch nicht sichtbare Fortschritte in der sittlichen Verbesserung machen können, unaufhörlich tadelt und krittelt, und dadurch in einen Zustand der Spannung und des Mißmuths versetzt -- oder ohne Nachsicht straft, wo erst die Kraft der bessern Gewöhnung eintreten müßte. Ist es nicht natürlich, daß das Kind muthwillig, oder auch schlaff und träge wird, weil sein Thätigkeitstrieb keine Befriedigung erhält? Darum soll der ganze Umgang der Erwachsenen mit Kindern eine fortgehende Befriedigung ihres Thätigkeitstriebes, und eine Richtung desselben auf das Nützliche und Gute seyn. Wiederum, wenn Eltern oder Erzieher Lieblinge haben, denen sie alles verstatten, alle Unarten ungestraft hingehen lassen; müssen diese nicht eigensinnig, herrschsüchtig, trotzig und selbstsüchtig, und die um der Lieblinge willen zurückgesetzten verschlossen, boshaft und verdrossen werden? Bei solchen Kindern ist es eine verkehrte Behandlung, sie durch Liebkosungen und wohl gar Schmeicheleien an sich zu ziehen, oder durch anderweitige Reizungen ablenken zu wollen. Gründlich können sie nur geheilt werden, wenn man sie aus dem ganzen ungünstigen Verhältnisse heraus und in ein besseres versetzt, mit liebreichem Ernst und Festigkeit ihnen entgegen tritt, keine Aeusserung der Bosheit oder Herrschsucht ungerügt läßt, sie möglichst vor Reizungen bewahrt, jede Regung besserer Gefühle durch Lob und Ermunterung unterstützt, durch regelmäßige Beschäftigung und gleichmäßige Behandlung sie an Ordnung und Regelmäßigkeit zu gewöhnen sucht, die sittlichen Regungen belebt und stärkt. Verzogene Kinder sind nicht undankbar gegen eine solche Bestrebung, sie zu bessern; sie fühlen es bald, daß man ihnen wohl thut, wenn nur überall Liebe und Wohlwollen durchblickt, fühlen besonders das Wohlthätige der Beschäftigung. Nur werde jede verächtliche Behandlung vermieden, denn diese erregt Abneigung und Widerwillen; auch Ironie und feiner Spott, Satyre und Bitterkeit im Tadel thun entgegengesetzte Wirkung.

Eine eben so schwere Aufgabe für die Erziehung und eben so schwer im Umgange zu behandeln, sind solche Kinder, die überfüllt sind durch einen planlosen Unterricht mit unverdautem Wissen, und in welchen sich Dünkel und Trägheit zugleich festgesetzt haben, weil sie sich bei dem Unterricht immer nur leidend verhielten, ohne Anregung und Uebung des Nachdenkens. Verwöhnt durch eine Behandlung, bei welcher man ihnen alle Anstrengung ersparte, versunken in eine Zerstreuung und Schlaffheit, die alle Geisteskräfte in Schlummer wiegt, machen sie der Erziehung durch beständige Unruhe und Unmuth, wohl durch Unbändigkeit und Ausgelassenheit viel zu schaffen. Das sind die traurigen Folgen einer planlosen Erziehung in Häusern, wo ein gewisser Wohlstand herrscht, und es nicht an Zerstreuung fehlt. Dabei kann doch hie und da Talent hervorblicken, und das Bewußtseyn im Kinde seyn, daß es etwas vermöge; aber desto mehr macht es dann durch Ansprüche dem Erzieher zu thun, desto schwieriger ist die Aufgabe, es bei dem Mechanischen festzuhalten, und es an Regelmäßigkeit und Tagesordnung zu gewöhnen. Das Ungewohnte erregt ihm widrige und schmerzliche Gefühle. Das Anhalten zur Ordnung dünkt ihm Gewalt und Bedrückung, und es tritt bald in ein feindseliges Verhältniß gegen den Erzieher, wenn dieser nicht Klugheit und Mäßigung genug hat, sich mit dem langsamsten Annähern an sein Ziel zu begnügen, und in die nothwendige Strenge die Milderung eines sichtbaren Wohlwollens zu legen. Ein besser gezogenes Kind neben dem verzogenen und verwöhnten thut hier treffliche Dienste. Ist dies Mittel nicht vorhanden, so muß man eine Lieblings-Neigung des Zöglings und den Ehrtrieb zu Hülfe rufen, um ihn für eine regelmäßige und angestrengte Thätigkeit und für pünktlichen Gehorsam zu gewinnen. In dem Umgange mit solchen Kindern ist es sehr schwer, den rechten Ton zu treffen, der sich von zu großer Strenge und Milde gleich weit entfernt.

Zweierlei Unarten stehen ferner dem Fleiß entgegen, Faulheit und verkehrte Thätigkeit. Jene ist theils mehr im Körperlichen, theils mehr im Geistigen, theils in beiden zugleich, und versteckt sich wohl unter scheinbarer Thätigkeit. Die Weichlichkeit und falsche Güte in der Erziehung erspart den Kindern jede Anstrengung, und verwöhnt sie dadurch so sehr, daß jede Art der Thätigkeit ihnen Qual dünkt. Die Faulheit zieht aber, da sich nun aller Trieb auf den Genuß richtet, Gefräßigkeit und Leckerhaftigkeit nach sich, macht eben dadurch die Kinder diebisch, lügenhaft und unreinlich. Nicht genug kann man daher bei Kindern der Faulheit entgegenwirken, nicht sorgsam genug sie dem Müßiggange entziehen. Aber die Aufgabe ist schwer, Kinder immer hinreichend zu beschäftigen, die zum eigentlichen Lernen noch zu jung, dabei lebhaft, und also veränderlich sind. Wenn man bei den Erwachsenen die Noth als Antrieb zur Thätigkeit gebraucht, so will das bei Kindern nicht gelingen, und ist nicht immer anzuwenden. Soll man das Kind hungern lassen? So wird es mißmüthig, und verliert die Lust und Liebe. Oder der Plage der langen Weile übergeben? So ist zu fürchten, daß es auf andere Abwege geräth, oder der Schlaf hilft ihm darüber hinweg. Man versuche es lieber zuerst mit allerlei ~sinnlichen Beschäftigungen~, und solchen, die sich dem Spiele nähern. Du sollst mir helfen! sage man freundlich dem Kinde. Oder: wir wollen mit einander dieß und jenes thun. Man bringe absichtlich Bücher, Geräthschaften, Geld in Unordnung, und lasse alles wieder von dem Kinde in Ordnung bringen. Dabei suche man durch Lob ihr Selbstgefühl und ihre Lust zu erhöhen, sey für's erste mit jeder Leistung zufrieden, sorge für Mannigfaltigkeit der Beschäftigung, ohne doch der Neigung zur Veränderung zu viel nachzugeben. Man lasse Kinder recht früh schreiben, zeichnen, in Papier ausschneiden, Papparbeiten machen, Bücher heften und einbinden, schnitzen und ein wenig drechseln lernen, so kann man viel Abwechselung in ihre Beschäftigung bringen. Haben sie die Buchstaben zusammensetzen gelernt, so gebe man ihnen ein Buchstabenkästchen, und lasse sie Wörter zusammensetzen, eine Beschäftigung, die ihnen eben so angenehm, als nützlich ist. Bei Gedächtniß-Uebungen halte man sie besonders fest, weniger bei Handarbeiten, welche mehr Ausdauer fordern, als zarte Kinder haben können. Können sie schon mit einiger Fertigkeit schreiben, so lasse man sie das Auswendiggelernte oder das, was man ihnen vor einiger Zeit erzählt hat, aus dem Gedächtniß niederschreiben; man lasse die, welche ein schwaches Gedächtniß haben, durch Nachsprechen memoriren -- man ermuntere sie zum Briefschreiben, und Abschreiben, und lasse sie kleine Verzeichnisse anfertigen, kleine Sammlungen anlegen.

Der Unreinlichkeit träger Kinder kann nur durch strenge Gewöhnung und Anregung des Ehrgefühls entgegengearbeitet werden. Dabei sey man unerbittlich in der Strenge.

Hat man der Veränderlichkeit der Kinder und ihrer Laune zu viel nachgegeben, oder sie zu viel sich selbst überlassen, ohne sie regelmäßig zu beschäftigen, so entsteht die falsche Thätigkeit (Flatterhaftigkeit). Da gibt es ein unruhiges, bald nach diesem, bald nach jenem greifendes Wesen, Ueberdruß und Mißmuth, so oft einige Anstrengung oder Sorgfalt gefordert wird. Das Kind fängt etwas mit Hitze an, läßt es aber bald wieder liegen, und fängt etwas Neues an, ohne je zu vollenden; endlich wird es aller Beschäftigung überdrüßig, und will nur herumlaufen, spielen, amüsirt seyn. Bei Kindern von lebhaftem Temperament und glücklichen Anlagen entsteht dies unstäte Wesen wohl aus Mangel an solidem Unterricht und Geistes-Nahrung, aber auch aus Ueberfüllung mit Realkenntnissen, ohne Uebung und Anstrengung der Denkkraft. Man muß mit solchen Kindern ganz vorne anfangen, jedoch ohne daß sie dieß inne werden, muß vor allem Denkübungen mit ihnen vornehmen, und sie fest zu halten suchen, indem man vom Leichtern zum Schwerern fortgeht. Man entfernt sorgfältig alles, was sie zerstreuen, oder sie unmuthig machen könnte; man lobt ihr Wissen, und regt ihre Wißbegierde an durch solche Aufgaben, die Verstand und Phantasie beschäftigen; man erlaubt ihnen für's erste keine Fragen, läßt sie aber viel nachsprechen, um sie im Aufmerken zu üben, rechnet oft mit ihnen im Kopfe.

Die Trägheit kündigt sich auf mancherlei Weise, nicht gerade durch Abneigung gegen alle Beschäftigung, sondern nur gegen die, welche Anstrengung und Ausdauer erfordert, oder die gerade jetzt gebotene an, durch ungebehrdiges Wesen, faule und nachlässige Stellungen, Plumpheit, Lärmen, Zanksucht und grobe Begehrlichkeiten; denn die Trägheit will nur genießen, nicht erwerben. Mäßige Bestrafungen, kein Schelten und Beschimpfen, bei Naschhaftigkeit strenge Strafe.

Dem Frohsinn stehen ~Trübsinn~ und ~Leichtsinn~ entgegen. Das düstere, verdrießliche und mürrische Wesen wird den Kindern leicht zur Natur, wenn unfreundliche und harte Behandlung, oder lange Weile ihr Gefühl aufgeregt haben. »Es gibt,« sagt J. P. sehr richtig, »ungelenke, verworrene Stunden (Stimmungen?), wo das Kind durchaus gewisse Worte nicht nachzusprechen, gewisse Befehle nicht zu erfüllen vermag, aber wohl in der Stunde darauf. Haltet dieß nicht für Starrsinn. Ich kenne Männer, die auf die Ausrottung einer üblen Angewohnheit Jahre lang losarbeiteten, ohne besondern Erfolg zu erleben. Wendet dieß auf Kinder an, welchen gewöhnlich ein paar tausend Gewohnheiten auf einmal abzulegen befohlen wird, damit ihr nicht sofort da über Ungehorsam schreiet, wo nur Unvermögen der überlasteten Aufmerksamkeit ist.« Aber auch ängstliche und zu weichliche Behandlung, ein zu sorgsames Aufmerken auf alle ihre Bedürfnisse und Wünsche, kann diese Wirkung hervorbringen. Nur dadurch, daß man solche Kinder durch angemessene Beschäftigung zu einem wohlthätigen Selbstgefühl erhebt, sie durch Entbehrung und Strafe zum Nachdenken und zur Selbstbeherrschung bringt, sie bei jeder Regung mürrischer Laune entfernt, ihnen durch Strafe Noth verursacht, und dadurch ihren Gedanken eine andere Richtung gibt, bei wiederkehrender Heiterkeit sie mit besonderer Güte behandelt, aber auch bei eintretender mürrischer Laune mit unerbittlicher Strenge -- (z. B. ich esse nicht mit einem mürrischen Kinde!), nur dadurch wird man sie bessern.

~Leichtsinn~ zeigt sich noch nicht im frühen Kindesalter, aber der Keim ist da in Unachtsamkeit, Flatterhaftigkeit und Gedankenlosigkeit, und in Gleichgültigkeit bei Lob und Tadel, in schnellem Uebergang von tiefer Betrübniß bei Strafen zur Ausgelassenheit. Kinder, die sich selbst überlassen sind, oder es zu gut haben, und nicht mit der den Kindern so nothwendigen Strenge erzogen werden, sondern zu viel Nachsicht genießen, werden leichtsinnig, und müssen es werden. Daher ist Leichtsinn ein Uebel der höheren Stände und des weiblichen Geschlechts. Die gutmüthige und weichliche Mutter wird gar zu leicht die aufmerksame und willige Dienerin der Tochter; diese, zu sehr verwöhnt, kann sich zu keiner Art von Anstrengung entschließen. -- Ist die Unart eingewurzelt, so kann man nicht genug die Achtsamkeit des Kindes üben, und besonders die Achtsamkeit auf sich selbst, durch einfachen Zuruf, ohne viele Worte der Erinnerung, durch Zeichen, durch solche Aufträge, wobei große Sorgfalt und Aufmerksamkeit nöthig ist (z. B. zerbrechliche Sachen in Ordnung zu bringen), durch Uebung des Gehörs und Gedächtnisses, durch kluge und kräftige Warnung. Die festeren und kräftigern Naturen sind am wenigsten zum Leichtsinn geneigt, die weicheren am wenigsten zum Trübsinn.

Dem frommen (dankbaren) Sinne stehen entgegen ~Unfolgsamkeit~ und ~Wankelmuth~. In dem Kinde regt sich bald der Trieb zu herrschen, und zeigt sich als Eigensinn und Eigenwille. Sehr bald entsteht daraus Gefühllosigkeit und Widerspenstigkeit. Das unzeitige Nachgeben der Eltern ist die nächste Ursache -- aber auch wohl ihr Eigensinn und ihre Ungerechtigkeit. Werden die Kinder nur als Mittel des Geldgeizes oder der Eitelkeit der Eltern gebraucht, stört man sie, um sie kunstmäßig abzurichten, in ihren kindlichen Freuden, entsteht also kein liebevolles Verhältniß zwischen Eltern und Kindern, so können diese nicht dankbar seyn, sondern sie müssen sich, wo sie nur können, dem Willen der Eltern widersetzen, da sie keinen andern Antrieben, als den sinnlichen, folgen können. Fehlt nun noch dazu alle Pflege des religiösen Gefühls, wie können die Kinder vor dieser traurigen Ausartung bewahrt bleiben? Aber auch zu weichliche Güte, von Eltern oder Großeltern, ist die Quelle dieser Unart. Finden die Kinder nie Widerstand bei ihren thörichten Forderungen; zeigt man ihnen durch unzeitiges und unverständiges Nachgeben und Einwilligen eine gewisse Schwäche, oder Furcht vor ihrem Trotz und Eigensinn, so machen sie bald die traurigsten Fortschritte in dem Ungehorsam und in der mürrischen Widerspenstigkeit. Eine ganze Reihe von Unarten sind im Gefolge des Ungehorsams, besonders hartes und boshaftes Wesen gegen Niedere, Dünkel, Zanksucht. Wird dann nicht die ganze Behandlung des Kindes geändert, und auch wohl seine äussere Lage, so daß es unter ganz andere Menschen, und in ganz neue Verhältnisse kommt, so ist das Uebel unheilbar. Muß es in seinen häuslichen Verhältnissen bleiben, so darf ihm wenigstens von Seiten des Erziehers nie nachgegeben werden; vielmehr muß ihm dieser mit einem festen Ernst entgegentreten, und ihm sogar, wenn es schon einige Verstandesbildung hat, förmlich ankündigen, daß es von nun an nicht mehr seinen Willen haben werde, wobei er ihm begreiflich zu machen sucht, wie heilsam und nothwendig dieß sey, und es, so oft es gehorsam ist, mit besonderer Liebe behandelt, überhaupt aber durchaus herzlich. Eigentliche Strafen treten nur bei offenbarer und beharrlicher Widersetzlichkeit ein, wobei man ihm aber Zeit zur Besinnung läßt. Alles werde angewandt, Gefühle der Reue, des Dankes, des Vertrauens in solchen verwahrloseten Kinder-Herzen zu wecken; man zeige dem Kinde Bedauern und Theilnahme; man gewähre ihm Vergnügen und Erholung, so oft es sich besser zeigte -- man erleichtere ihm das Gehorchen durch die Art des Gebietens, und durch Entfernung der Reizung zum Ungehorsam -- man suche ihm ein ermunterndes Beispiel vor die Augen zu bringen; man zeige ihm Vertrauen, und strafe es nie zürnend. Zeigt es Gefühl, so komme man ihm mit religiösen Vorstellungen zu Hülfe; faßt es kein Zutrauen, und zeigt es kein Gefühl, so lasse man sich dadurch nicht zu Bitterkeiten und zu harten Behandlungen reizen, werfe ihm nicht seine Gefühllosigkeit vor, mache es aber auf Beispiele der Dankbarkeit und Theilnahme aufmerksam, und freue sich mit ihm, wenn ihm etwas Angenehmes, klage mit ihm, wenn ihm etwas Unangenehmes begegnet.

Eine Unart, welche einigermaßen mit dieser verwandt ist, besteht darin, daß Kinder gewöhnlich gegen jeden, der nicht zu ihrer Familie gehört, verschlossen und ängstlich, oder finster sind; eine Folge zu weichlicher Erziehung, und einer falschen Zärtlichkeit, oder auch der Unvorsichtigkeit, mit welcher man Kinder im zarten Alter mit der Schlechtigkeit der Menschen bekannt macht, auch wohl die Wirkung des den Kindern mit der ersten Nahrung eingeflößten Rangstolzes, und der Thorheit, ihnen eine äussere Haltung und Würde beibringen zu wollen. Sehen sie, daß sich ihren Eltern alles mit Unterwürfigkeit nähert, und werden besonders die Dienstboten mit verachtendem Stolz behandelt, so kann diese Unart nicht ausbleiben. Lieblosigkeit und Willkühr, Uebermuth und prahlerisches Wesen sind die Folgen, auch wohl Verstellungskunst, bei einigen Naturen Blödigkeit. Auch hier ist Veränderung der Lage das beste Heilmittel. -- Die Religion muß zu Hülfe kommen, und ein Erzieher, der sich ganz des Herzens zu bemächtigen weiß.

Das schmeichlerische und hingebende Wesen mancher zart organisirten und mit wohlwollenden Gefühlen reich ausgestatteten Kinder darf man, wenn sie heranwachsen, nicht dulden, auch geht es leicht in Gleißnerei über; es ist eine Wirkung jener thörichten Weichlichkeit in der Erziehung, die alles durch Liebkosung und Belohnung erreichen, und nie strafen, nie Ernst gebrauchen will. Bei Mädchen entsteht daraus ein Hang zur Empfindelei, ein geziertes und pretiöses Wesen, und Abneigung gegen alles, was Anstrengung und Festigkeit fordert. Daher gewöhne man die also Verwöhnten an ernste Behandlung, doch ohne Kälte und ohne Spott.

Kinder von einer besondern Liebenswürdigkeit, und glücklich und früh sich entwickelnden Anlagen, neigen sich leicht zum Hochmuth und Dünkel hin, weil man sie gewöhnlich vorzieht, viel aus ihnen macht, und sie unvorsichtig lobt. Dieser Hochmuth zeigt sich im Widersprechen und in der Rechthaberei, in der Trägheit beim Unterricht, in einem vorlauten und unbescheidenen Wesen, und verleitet wohl zum Rollenspielen. Aus solchen Kindern werden Egoisten, und die Welt hat nichts von ihnen zu erwarten, wo nicht ihr Ehrgeiz Befriedigung findet. Bei Mädchen wird Eitelkeit daraus, die sich selbst gefällt und Andern gefallen will; das Natürliche geht ganz verloren; Albernheit, Putzsucht und Koketterie regen sich, und alles wird nur nach der Aufmerksamkeit beurtheilt und geschätzt, die es erregt. Der sinnliche Gegenstand des Bestrebens, fader Zeitvertreib, Tändeln und Scheinen ist an der Tagesordnung. Solche Kinder wollen zum Gefühl im Bewußtseyn ihres Unrechts gebracht seyn, zuweilen durch Beschämung -- die aber sehr vorsichtig anzuwenden ist -- am besten dadurch, daß man ihnen Fragen vorlegt, und Arbeiten aufgibt, wobei sie ihre Schwäche erkennen und gestehen müssen -- und endlich dadurch, daß man sie auf dem Felde des Wissens herumführt, und ihnen zeigt, wie viel noch zu lernen und zu erringen ist, sie aber auch zugleich mit der Menschenwürde bekannt macht, und ihnen zuweilen Aufträge gibt, wobei sie, Theilnahme zu zeigen, Aufforderung und Gelegenheit haben. Mißlich ist es, ihnen Bescheidene zum Muster aufzustellen, weil dieß oft nur erbittert; besser, sie eine Zeitlang nicht zu bemerken, und ihnen alle Gelegenheit abzuschneiden, sich sehen zu lassen, ihnen dabei den Vorzug der Gesinnung vor dem Wissen bemerklich zu machen.

Der Eitlen Wunsch und Streben bleibe ganz unbefriedigt, weil dadurch die Begierde nur verstärkt werden würde, sondern man gebe ihr, was sie wünscht, Putz und schöne Kleider; aber in ihren schönen Kleidern lasse man sie fühlen, wie nichtig dieser Vorzug ist, und daß er keine Ansprüche auf Werthschätzung gibt, wohl aber leicht thöricht und unsittlich macht. Man sage ihr, doch ohne Bitterkeit, wie viel hübscher ihr der einfache Anzug stehe, damit sie nach und nach diese Armseligkeiten würdigen lerne. Die Mutter, die Erzieherin, die Gespielin oder Mitschülerin gehe ihr mit dem Beispiele der höchsten Einfachheit und Anspruchlosigkeit voran.

Alles kommt überhaupt bei der Erziehung und bei dem erziehenden Umgange mit Kindern auf den Ton an, welcher im Hause herrscht; er ist gleichsam das gedeihliche oder verderbliche Klima, in welchem diese zarten Pflanzen sich entwickeln sollen. Das Beispiel der Eltern und der Erzieher wirkt mit einer unwiderstehlichen Gewalt auf Kinderherzen, und darum sollten Erzieher in dem Umgange mit Kindern höchst vorsichtig zu Werke gehen. Sieht der Sohn seinen Vater täglich dem Vergnügen nachgehen, und seine Berufsgeschäfte mit Verdruß und so schnell und so flüchtig als möglich abmachen, so nachläßig als möglich betreiben; hört er ihn leichtsinnig urtheilen, oder lieblos richten; läßt er sogar den Sohn fast an jedem Vergnügen Theil nehmen, und ohne Umstände Schule und Unterricht versäumen, wenn ein Vergnügen sich darbietet; gibt er ihm selbst die Spielkarten in die Hände, und bringt er vor den Augen seiner Kinder ganze lange Abende, bis in die Nacht hinein, am Spiel-Tische zu -- er wird einen Müßiggänger, einen Spieler, oder einen Frohnknecht in seinem Sohne der Welt erziehen, und das schreckliche Erbtheil des bösen Beispiels wird ihn zu Grunde richten, oder ihm wenigstens alle Menschenwürde rauben.