Part 28
3. Der Erzieher hüte sich, der Ehrliebe Gewalt anzuthun; er würde nur Haß und Verachtung ernten, und Hartnäckigkeit bewirken. Daher sind alle solche Beschämungsmittel, welche Leidenschaftlichkeit verrathen, und der Würde des Erziehers nicht angemessen sind, von der Erziehung auszuschließen, und es muß in Gesellschaft von Fremden manches übersehen, und nicht auf der Stelle gerügt werden. Nie werde das strafbare Kind dem Gespötte Anderer ausgesetzt, nie mit entehrenden Namen belegt. Eben so unzweckmäßig ist es, Kinder bei Fehltritten zur Selbstanklage zu zwingen, wenigstens in den meisten Fällen, besonders wo die Schuld schon durch Aeusserungen der Schaam und Reue stillschweigend eingestanden ist.
57.
Nicht genug kann man der Menschenfurcht und Menschen-Gefälligkeit bei Kindern entgegenarbeiten, weil dadurch so leicht sclavische Hingebung entsteht. Aber wenn die Kinder den Tadel und die Ungunst der Menschen als das höchste Uebel, Beifall und Gunst als das höchste Glück betrachten, so werden sie bald dahin kommen, daß sie immer nur ~eine Rolle spielen~, und nur ~für~ die Gesellschaft und ~in der~ Gesellschaft gut seyn wollen, oder daß sie Lob ~erschleichen~, anstatt es zu ~verdienen~, nach dem Munde reden und schmeicheln lernen; eine Ausartung, welcher das weibliche Herz vorzüglich ausgesetzt ist.
58.
Weniger ist bei dem Mädchen, als bei dem Knaben, eine ~Ausartung des Thätigkeitstriebes~ zu fürchten, es sey denn, daß Eitelkeit und Sucht, sich auszuzeichnen und Aufsehen zu erregen, ihr Herz beherrsche. Daher werde die Thätigkeit des Mädchens früh, und recht vielfach angeregt und genährt, also nicht bloß in mechanischen Beschäftigungen und Fertigkeiten, obgleich diese vorzüglich zur weiblichen Bildung gehören, sondern auch in geistigen. Aber jede Beschäftigung sey den eigenthümlichen Anlagen und Bedürfnissen der weiblichen Seele angemessen, und daher bleibe jede streng-wissenschaftliche Beschäftigung und Bildung ausgeschlossen, da sie mit der Bestimmung des Weibes im Widerspruche ist.
Bis zum sechsten Jahre bedarf das Mädchen noch keiner bestimmten Richtung des Thätigkeitstriebes; wohl aber hat die Erziehung in den ersten Jahren zu verhüten, daß er nicht geschwächt werde, und nicht ein Hang zur Gemächlichkeit entstehe, durch eine weichliche Erziehung, durch Verwöhnung und Verzärtelung. Auch soll in dieser Zeit der Thätigkeitstrieb schon ~veredelt~ werden, dadurch, daß man ihn mit den wohlwollenden Gefühlen in Verbindung bringt, und durch diese erhöht. Dieß geschieht, indem man die Kinder daran gewöhnt und dazu anhält, sich unter einander, und den Erwachsenen kleine Dienste zu leisten, und auf ihre Bedürfnisse zu merken, sich von ihnen helfen, sie etwas tragen oder bestellen läßt. Auch mit dem Schönheits- und Ordnungssinn setze man den Thätigkeitstrieb in Verbindung, damit er moralisch und veredlend wirke, und gebe daher Kindern oft den Auftrag, etwas zu ordnen und einzurichten, mache sie dabei auf Symmetrie aufmerksam, fordere sie auf, das flüchtig Geordnete besser zu ordnen, die Verletzung der Symmetrie anzugeben, und ein Mannigfaltiges schön und vortheilhaft aufzustellen und anzuordnen. Man gebe ihnen, wo möglich, Gelegenheit, zur Verschönerung der Natur thätig zu seyn, und sich mit Garten-Arbeit zu beschäftigen.
59.
Ausser der Eitelkeit gibt auch der Trieb zu erwerben und zu gewinnen dem Thätigkeitstriebe leicht eine gefährliche Richtung, oder doch wenigstens eine ganz einseitige. Manche Mädchen finden an den Geschäften der Haushaltung, und überhaupt an dem mechanischen und hervorbringenden ein so großes Wohlgefallen, daß sie darüber die Bildung ihres Geistes ganz aus den Augen verlieren, oder dagegen völlig gleichgültig werden. Gegen diese Ausartung des Thätigkeitstriebes sichert die Erziehung, indem sie den Sinn für das Geistige und für geistige Beschäftigung weckt und nährt, und da vorzüglich, wo von Natur kein Trieb dazu sich regt und die Anlagen dürftig sind. Doch auch eben so sorgfältig sichere sie gegen eine andere verkehrte Richtung des Thätigkeitstriebes, welche so häufig eine Wirkung der neuern Erziehungsweise ist, nämlich die entschiedene Vorliebe für geistige und wissenschaftliche Beschäftigungen, und Abneigung gegen die mechanischen Arbeiten, welche doch des Weibes Bestimmung fordert.
Am besten wird jede Ausartung des Thätigkeitstriebes durch ächte Geistesbildung, religiöse Gewissenhaftigkeit und strenge Gewöhnung an eine feste Tagesordnung verhütet. Die vollständige Geistesbildung läßt keine Vernachlässigung des Geistes zu; die Gewissenhaftigkeit treibt zu einer geordneten und sich gleichbleibenden Thätigkeit, die Gewöhnung wirkt der Zeitzersplitterung und einer launigen Gemächlichkeit entgegen. Lieblings-Beschäftigungen wird es zwar immer für jeden Menschen geben; aber man hüte sich, den Kindern hierin zu sehr nachzugeben. Besonders dulde man kein Aufschieben, kein Säumen und kein hastiges und schnelles Arbeiten, da, wo Bedachtsamkeit und Sorgfalt erfordert wird. Unausbleiblich trete die Strafe des Nocheinmalmachens ein, wo flüchtig gearbeitet war, und das flüchtige Mädchen werde durch langwierige und mühsame Arbeiten festgehalten, gebessert und geprüft. Die Zeit erscheine dem Kinde immer als ein unschätzbares Gut, und Zeitverschwendung als die strafbarste Undankbarkeit; man lehre es die Freude des Vollbringens kennen und schätzen, und keine Plage mehr verabscheuen, als die der langen Weile.
Da, wo ein entschiedenes und hervorragendes Talent der Thätigkeit und Kraftanstrengung eine bestimmte und einseitige Richtung gibt, muß sich zwar die Erziehung mehr leidend verhalten; doch darf sie nicht versäumen, die harmonische Entwickelung der Kräfte und Anlagen zu bewirken, worauf doch Werth und Glück des Menschen beruht.
60.
Die Eigenthümlichkeit der weiblichen Natur macht eine besondere Behandlung des Mädchens nothwendig. Das Mädchen will mehr negativ behandelt seyn. Durch viele positive Behandlung wird es leicht irre gemacht in der Entwickelung seines sichern Gefühls; die Zartheit seines Herzens geht verloren. Gleich dem zarten Gewächse überlasse man es seiner eigenen Entfaltung, indem man es pflegt und behütet, und schon die leiseste Berührung sey ihm warnend oder erinnernd. Daher können Männer nicht gut Erzieher der Töchter seyn.
Die Unterhaltungen und Spiele des Mädchens müssen den sanftern Charakter haben. Man lasse es nicht in das Knabenartige gerathen. Daher ist auch hier größere Sorgfalt in der Wahl der Gespielen nöthig, deren es nur wenige bedarf, da es leicht in eine gewisse Zerstreutheit und Flüchtigkeit hinein geräth, in welcher es an Innigkeit des Gefühls so sehr verliert, und herzlos wird. Die natürliche Neigung der Mädchen, sich mit sich selbst und ihrer Puppe zu beschäftigen, will genährt seyn, weil den Mädchen von der Natur bestimmt ist, mehr in der innern Welt ihres Herzens, als in der äussern zu leben, und durch Gefühle stark zu seyn. Bei dem Spiele aber gewöhne man es an Ordnung und an das zu Rathe halten seiner Sachen, weil dieß, nach seiner Bestimmung, Grundzug in dem weiblichen Charakter seyn muß. Die Zeit zum Stricken, Lesen, Erzählen, sey eine fest bestimmte, anfangs kurz, bald (doch nicht zu bald) bis zu Stunden ausgedehnt; man lasse es kleine Bestellungen ausrichten, kleine Geschäfte in der Haushaltung besorgen, sich von ihm an etwas erinnern, denn stille häusliche Geschäfte und Besonnenheit dabei muß ihm zur andern Natur werden. Aber der früh sich regende Hang zum häuslichen Fleiße verleite nicht, es zu viel in der Stube zu erhalten.
Bei dem siebenjährigen Mädchen muß schon der Sinn für häusliche Beschäftigung entschieden seyn, und wenn daher eine gewisse Lebhaftigkeit des Geistes und der Wißbegier das Mädchen davon abzieht, so arbeite die Erziehung dem entgegen, weil sich sonst die Mädchen in der Folgezeit unglücklich fühlen. Besonders gilt dieß vom Lesen, worin es unsere Erziehung so leicht übertreibt, selbst zum Nachtheil der Gesundheit. Die körperliche freie Bewegung, welche das Gemüth, wie die Ausbildung des Körpers, fordert, werde ja nicht verabsäumt, besonders Tanz, damit doch ja nicht der liebliche Frohsinn, diese Sonne seines Lebens, sinke. Es ist schön, wenn man das Mädchen überall im Hause herum singen hört. Die Tugenden, welche sich von selbst entfalten: Schönheitssinn, Reinlichkeit und Sittsamkeit, müssen doch sorgsam gepflegt werden, und darum wende die Erziehung viel Zeit auf den Anzug, und entwickele und stärke besonders bei diesem und durch diesen jene Eigenschaften und Gefühle. Es sey schon dem Kinde unerträglich, in einem Anzuge zu erscheinen, der auch nur auf die leiseste Art das Auge oder das Gefühl beleidigt; dieß um so mehr, da vom siebenten oder achten Jahre an in den meisten Mädchen schon das Bestreben zu gefallen lebhaft sich regt, welches der Sittlichkeit so leicht gefährlich wird. Daher ist nichts in diesem Alter gefährlicher und verderblicher, als wenn Mädchen in Gesellschaften mit einer Kunstfertigkeit oder Talent sich zu zeigen aufgefordert werden. So besonders das Declamiren und kleine dramatische Darstellungen.
61.
Kommt es bei der Erziehung vorzüglich auf Anregung des Sinnes für das Gute und Schöne, und bei dem Unterricht auf die Anregung und Entwickelung des Intellectuellen an; soll die Erziehung mehr intensiv und der Unterricht mehr extensiv wirken, so folgt, daß ein gut erzogener Mensch sittlich-gut und tugendhaft, ein gut unterrichteter einsichtsvoll und gelehrt, ein gut gebildeter verständig, klug und weise sey. In unsern Zeiten hat man die Vernachlässigung der weiblichen Bildung, deren die Vorfahren sich schuldig machten, erkannt und zu verhüten gesucht. Aber man ist auf das andere Extrem gerathen. Dem Weibe ist mehr ~Fertigkeit~, als ~Wissen~ nöthig, mehr sittliche, als wissenschaftliche Bildung, und es ist theils vergebens, theils verderblich, daß man es darauf anlegt, dem Mädchen durch einen streng-wissenschaftlichen Unterricht eine Ausbildung zu geben, die man wohl ~Verbildung~ nennen mag, und sie zu sehr an den Genuß der Lectüre zu gewöhnen, durch den sie leicht eine Abneigung gegen mechanische Beschäftigung erhalten, die dann schwer zu besiegen ist. Nichts hat man sorgfältiger zu verhüten, als daß das Mädchen sich nicht unglücklich glaube und fühle, weil es durch seine Bestimmung zu einförmigen und mechanischen Beschäftigungen verpflichtet ist, und sich nicht dünken lasse, für diese Beschäftigung zu gut zu seyn. Daher präge man ihnen die Wichtigkeit dieser Beschäftigung, und ihren Einfluß auf den Wohlstand des Hauses, und den heitern Genuß des Lebens tief ein, und gebe nicht zu, daß sie sich unter jeglichem Vorwande davon lossprechen. Man zeige ihnen, wie viel Besonnenheit, Ueberlegung, Einsicht und Selbstbeherrschung die Führung der Haushaltung erfordere, und wie planmäßig dies alles eingerichtet werden könne und müsse. Schon das zehnjährige Mädchen habe ihren kleinen Antheil an den Haushaltungsgeschäften, und ihren Wirkungskreis, dabei Anleitung zu solchen Fertigkeiten, die im Hause nöthig sind.
Da ferner das Mädchen durch die äusseren und inneren Verhältnisse des Geschlechts, und durch seine ganze Lage in der Gesellschaft zum Entsagen und Ertragen bestimmt und verpflichtet ist, so hat die Erziehung ganz vorzüglich hierauf Rücksicht zu nehmen, und besonders dem Geselligkeitstriebe und der Neugier entgegen zu arbeiten, denn beide stellen sich den Forderungen der Pflicht entgegen, und werden am häufigsten gereizt; sie üben die stärkste Gewalt über das weibliche Herz aus. Darum ist Eingezogenheit die gedeihliche Witterung, in welcher sich alle Keime des Guten in dem Mädchen glücklich entfalten, und ein zerstreutes, geräuschvolles Leben der Tod der ächten Weiblichkeit. Da der Geselligkeitstrieb wegen des vorherrschenden Hanges zur Mittheilung in dem weiblichen Herzen so mächtig wirkt, so muß er nur sehr vorsichtig befriedigt werden. Der Neugier gebe man nur selten Nahrung; sie wird leicht die ergiebige Quelle vieler Thorheiten, und läßt keine Liebe zur häuslichen Eingezogenheit und Einförmigkeit aufkommen; sie gewinnt leicht eine solche Herrschaft über das Herz, daß alle weibliche Würde dabei verloren geht, besonders wenn der Umgang mit Dienstboten sie nährt. Je mehr die Wißbegierde belebt und genährt, das Mädchen in harmonischer Thätigkeit erhalten, sein Sinn auf das Schöne und Edle gelenkt wird, desto freier wird es von den Fesseln der Neugierde.
Desto leichter wird es ihm aber auch werden, zu ~entsagen~, sich selbst zu verleugnen und zu ~erdulden~, besonders wenn die wohlwollenden Gefühle durch eine sanfte und liebevolle Behandlung und durch eine religiöse Erziehung genährt sind. Doch in dem zarten Alter, wo die Sinnlichkeit noch so mächtig, und die Vernunft noch so ohnmächtig ist, lege man ihm nicht ausdrückliche Entsagungen und Entbehrungen auf, wenigstens nicht ohne die sorgfältigste Rücksicht auf seine Kraft, damit nicht der liebliche und wohlthätige Frohsinn verloren gehe.
Schamhaftigkeit, Reinlichkeit und Sittsamkeit, so wie alle andere weibliche Tugenden, werden zwar von selbst in dem Herzen des Mädchens erwachen, wenn die Behandlung in der Kindheit nicht eine ganz verkehrte ist; doch müssen auch sie gepflegt und genährt werden, besonders bei dem achtjährigen Mädchen.
62.
»Da das Mädchen in der Regel nach dem achten Jahre aus seiner kindlichen Unbefangenheit heraustritt, so will es von da an sorgsam beobachtet, regelmäßig und anhaltend beschäftigt, positiver behandelt seyn, damit durch äussere Einwirkung und Verhältnisse die innere gute Natur bewacht und gesichert wird, vor allem durch die wohlthätige Macht guter Gewohnheiten und Beispiele. Doch ist es schwer, hier den rechten Ton in der Erziehung zu treffen, und dem Mädchen nicht zu viel von seiner liebenswürdigen Natürlichkeit und Herzenseinfalt zu rauben, indem man es an äussere Zucht und Sitte, an das Anständige, Ehrbare und Zarte gewöhnt. Es kommen Fälle vor, in welchen man sich genöthigt sieht, die äussere gesellschaftliche Bildung fast aufzugeben, um Mädchen nicht zu verderben durch aufgedrungene Natur. Die Mädchenschule ist von dieser Seite nicht ohne Nachtheile und selbst nicht ohne Gefahr. Man denke nur an die fade Geschwätzigkeit und Modesucht, und wie leicht dadurch, so wie durch das Wohlgefallen am Figuriren, der reine naive und natürliche Sinn verloren geht; wie leicht eine Abstumpfung des Gefühls durch unzarte oder schonungslose Behandlung erfolgen kann.« ~Schwarz Erziehungslehre~ 3. 1. S. 218.
Ein vortreffliches Bildungsmittel, sowohl für die wohlwollenden Gefühle, als für die Thätigkeit, ist es, wenn das Mädchen früh mit kleinen Kindern, besonders mit Geschwistern, sich zu beschäftigen hat, wenn man ihm zuweilen die Sorge für sie überträgt, besonders in Krankheit, und die Aufsicht über ihre Spiele. Wunderbar und herrlich wirkt dann die Liebe, die Gott so tief in die Seele des Mädchens gepflanzt hat, und sie haben dabei einen Lebensgenuß, der nicht zu beschreiben ist. Die Uebung in der Geduld, Sanftmuth, Nachgiebigkeit und Selbstverleugnung bei diesem Geschäft ist höchst wohlthätig. -- Nur wache man, daß sie es nicht zu weit treiben, nicht die Kinder verziehen, und lege ihnen keine zu schwere Last auf.
63.
Mit dem vierzehnten Jahre muß sich alle Sorgfalt und Einwirkung der Erziehung verdoppeln, weil dann ein Erwachen des Mädchens zum deutlicheren Bewußtseyn eintritt, und ein höheres Gefühl für die Würde und für die äussern Vorzüge des Geschlechts, zugleich Ansprüche und Verlangen, welchen die Erziehung entgegen zu arbeiten, oder vielmehr, welchen sie den Widerstand der vernünftigen Ueberlegung entgegen zu stellen hat. Das Mädchen wird nun aufmerksamer auf Menschen und menschliche Verhältnisse, sieht und hört gleichsam schärfer, fühlt tiefer, und wird nun leicht von Täuschungen der Eitelkeit und des Leichtsinns geblendet. Hier ist es nicht genug, daß die Erziehung höhere Forderungen an das Mädchen mache, von ihm Ueberlegung und Besonnenheit, Ausdauer und Geduld, sorgfältigere Beobachtung des Schicklichen und Anständigen verlange; sie muß auch dem Herzen, welches in dem Kampfe zwischen Vernunft und Sinnlichkeit sich gedrückt und beängstigt fühlt, mit ihrer ganzen ~Liebe~ zu Hülfe kommen und mit einer ~weisen Strenge~; denn gerade in diesem Alter ist pünktlicher Gehorsam eben so nothwendig, als wohlthätig, weil er die Kraft der Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung übt, und das Mädchen der Gewalt der Leidenschaft entzieht. Wenn Mädchen in diesem Alter in Zerstreuungen verwickelt, an den Genuß des gesellschaftlichen Vergnügens gewöhnt, mit den Eitelkeiten des Lebens bekannt gemacht, und in seine Täuschungen verstrickt werden, so sind sie in den meisten Fällen für ihre ganze Bestimmung verloren. Die regelmäßigste und mannigfaltigste Beschäftigung muß hier, vereint mit der religiösen Ausbildung, jeder Ausartung entgegenwirken, und besonders auch jede krankhafte Ueberspannung der Gefühle, so wie die Uebermacht der Phantasie verhüten. Das weibliche Gemüth mit seiner Reizbarkeit, Weichheit und Behendigkeit der Empfindung, nimmt so leicht in diesem Alter eine unglückliche Richtung, und wenn das Gefühlsvermögen des Weibes einer weit höheren Ausbildung fähig ist, als das männliche, so ist es auch einer weit größeren Ausartung fähig; und besonders zwei Klippen sind es, woran die Würde und die Ruhe weiblicher Seelen so leicht scheitert, Gefallsucht und Vergnügungssucht. Wenn daher die Erziehung hier nicht zu rechter Zeit entgegen arbeitet, auf der einen Seite durch die sorgfältigste Bildung des Verstandes und Belebung des Bewußtseyns menschlicher und weiblicher Würde, auf der andern durch Gewöhnung an häusliche Stille und Eingezogenheit, und durch Uebung des Herzens in der Selbstverleugnung: so wird die Ausartung nicht zu verhüten seyn. Die Meinung, daß junge Mädchen ihres Lebens froh werden müßten in sinnlichem Genuß, und daß man es hierin nicht zu genau nehmen dürfe, da doch das Herz sie so mächtig zum Vergnügen hinziehe, und dann die mütterliche Eitelkeit selbst, die in der Schönheit der Tochter, und in der Aufmerksamkeit, die sie erregt, Befriedigung findet, bringen hier die traurigsten Mißgriffe hervor. Vergnügungssüchtige und gefallsüchtige Mädchen machen die furchtbarsten Fortschritte im Leichtsinn, der ohnehin diesem Geschlecht so natürlich ist, setzen sich bald über die stärksten Regungen des Gewissens und sittlichen Gefühls hinweg, oder betäuben sich dagegen, und bringen es zu einer höchst verderblichen Abneigung gegen alles Ernsthafte und Anstrengende. Wie die Eitelkeit die Grundlage der sittlichen Ausbildung, nämlich die Selbstkenntniß, unmöglich macht, so die Vergnügungssucht allen Eifer und alle Ausdauer bei dem, was Anstrengung fordert. Diese Verirrungen des Schönheitssinnes und diese Ausartung der Sinnlichkeit haben theils in einer mangelhaften Verstandesbildung, theils in der Einseitigkeit der Erziehung überhaupt, und in der Unbekanntschaft mit geistigen Freuden, oder in der Unempfänglichkeit für geistige Genüsse ihren Grund. Daher die Erscheinung, daß viele, für gebildet geltende, Weiber sich unbeschreiblich langweilen, wenn man ihnen zumuthet, an geistigen Genüssen Theil zu nehmen, und daß sie alles in ein Spiel ihrer Eitelkeit und in Genuß verwandeln wollen, und immer Unterhaltung fordern.
64.
Das Mädchen soll der Erziehung eine selbstständige Existenz verdanken; sie soll durch die Erziehung mit all den Kenntnissen und Fertigkeiten ausgestattet werden, welche die weibliche Bestimmung und der weibliche Beruf in seiner weitesten Ausdehnung fordert, damit sie entweder Vorsteherin eines Hauswesens, oder Erzieherin, oder Beides, oder nur eine Gewerbtreibende seyn könne. Man achte dabei auf die besondere Richtung ihrer Haupt-Neigung, damit kein eigentliches Talent unausgebildet bleibe. Zum Zeichnen, zur Musik und zu den wesentlich nothwendigen Handarbeiten werde es bestimmt angehalten, doch im richtigen Verhältnisse zur übrigen Ausbildung, und ohne daß irgend ein Zweig derselben mit Zurücksetzung der übrigen herausgehoben werde. Denn nichts hält den Erfolg der Erziehung, besonders in so fern sie Ausbildung des Geistes ist, mehr auf, als das rastlose Hinarbeiten auf die Entwickelung eines einzigen Talents. Das eigentlich Menschliche, die Bildung zu einem Vernunftwesen, und das glückliche Gleichgewicht der Seelenkräfte geht dann ganz verloren, und es entsteht eine Einseitigkeit und Beschränktheit der Ausbildung, welche das ganze Leben in einen Mechanismus verwandelt, und es dem Menschen unmöglich macht, sich zu höhern Ansichten des Lebens zu erheben, und das Edle, das Erhabene und Göttliche in seine Seele aufzunehmen.
Die Erziehung hat noch nicht alles gethan, was sie thun soll, wenn sie nur dafür sorgt, daß das Mädchen für den Beruf, der ihr zunächst durch die Bestimmung ihres Geschlechts angewiesen ist, sorgfältig und zweckmäßig gebildet werde; sie hat noch eine wichtige Rücksicht zu nehmen auf die Verhältnisse des weiblichen Geschlechts in der bürgerlichen Gesellschaft und auf das, was diese Verhältnisse fordern, nämlich solche Fertigkeiten, Geschicklichkeiten und Kenntnisse, wodurch es dem Weibe möglich wird, auch wenn es allein steht, sich seine Erhaltung und einen Grad von Selbstständigkeit zu sichern. Die immer größer werdende Seltenheit des Familien-Wohlstandes, und an sich schon die Unsicherheit dieses Wohlstandes, macht es nothwendig, dem Mädchen einen Erwerb zu sichern, der es gegen Mangel schützt, und bei dem es die Würde seines Geschlechts behaupten kann.
Es gibt gewisse Arten des Erwerbens, die eigentlich nie von Männern, sondern immer nur von Weibern betrieben werden sollten, und es gehört zu den Ausartungen, welche Verfeinerung und Luxus herbeiführen, daß die Männer Erwerbszweige an sich gerissen haben, welche weder männliche Körperkraft, noch männlichen Geist fordern. Es ist zu erwarten, daß der Krieg, der so viele Männer hingerafft hat, diese Erwerbszweige wieder in die rechten Hände bringen werde. Um so mehr muß aber die Erziehung die Mädchen mit den dazu nöthigen Fertigkeiten ausstatten, aber auch mit den sittlichen Eigenschaften, die Geschäft und Gewerbe erfordern. Die Fertigkeiten sind: Nähen, Sticken, Stricken, Zeichnen, Spielen, Singen, Verfertigung aller Arten von Kleidungsstücken, Schreiben und Rechnen. Der Kleinhandel sollte nur von Weibern betrieben werden, weil nur diese dem entehrenden und ausartenden Müßiggange entgehen können, zu welchem er die Männer, aus Mangel einer anständigen Hand-Arbeit, verurtheilt. Die Kleider für Frauenzimmer sollten nur von weiblichen Händen verfertigt werden. In keiner Küche sollten mehr Köche anzutreffen seyn.
Die Bildung für den Erwerb sey aber keine einseitige; die bürgerliche Gesellschaft fordert mehr als ~eine~ Fertigkeit und Geschicklichkeit zum Bestehen, da sie Verhältnisse herbeiführt, in welchen diese oder jene Fertigkeit nicht ernährt. Hier achte die Erziehung auf die natürlichen Anlagen, und bilde sie für diesen Zweck vorzüglich aus. So werde also z. B. ein musikalisches Talent, eine vorzügliche Singestimme, eine Anlage zur mechanischen Geschicklichkeit ja nicht vernachlässigt, weil der Genuß, der Werth und die Ruhe des Lebens hievon abhängt. Der ~Genuß~, weil es keinen reineren gibt, als den des Vollbringens und des Bestehens durch eigene Kraft; der ~Werth~, weil dies den Wirkungskreis des Weibes erweitert, und ihm einen größern Antheil an der allgemeinen Wohlfahrt, oder auch an dem Wohl einzelner Menschen, oder der Familie gewährt; die ~Ruhe~, weil das Bewußtseyn einer solchen Ausbildung und der mannigfaltigsten Brauchbarkeit für die Welt jede Nahrungssorge und jede Besorgniß wegen der Zukunft verbannt. Und wie oft wird dadurch das Schicksal einer ganzen Familie sicher gestellt! Wie manche Tochter ernährte durch ihre Kunst Vater, Mutter und Geschwister. Wie viele erwerben sich als Lehrerinnen, Erzieherinnen, Vorsteherinnen einer Beschäftigungs-Anstalt große Verdienste. Und wie quälend ist die Aussicht in die Zukunft für die, welche nicht durch sich selbst bestehen können!
65.