Part 34
Es ist ein recht garstiger Zug in dem Charakter unsers lesenden Publikums (wenn es anders erlaubt ist, einem Publikum einen Charakter zuzuschreiben), daß man so gern von guten Schriftstellern und überhaupt von Männern, die sich Ruf erworben haben, ärgerliche Anekdoten aufsammelt, um ihnen einen Grad der öffentlichen Achtung zu entziehen, wenn ihre Schriften ihnen Bewundrer gewonnen, wenn ihre Talente die Aufmerksamkeit verständiger Menschen mehr auf sie, als auf Männer gleiches Standes, gezogen haben; ja, es gibt sogar eine gewisse Art von Kleinstädterei, welche darin besteht, daß man sich den Schein gibt, auf den Mann mit Verachtung zu blicken, dem es gelungen ist, durch gute literarische Produkte, auswärts, d. h. ausser dem Kreise der Herren Vettern und Frauen Basen seinen Namen bekannt zu machen. Daß man einen Solchen im Vaterlande nicht aufkommen, auch allenfalls darben lasse, das finde ich ganz in der Ordnung der menschlichen Dinge; aber seinen moralischen Charakter aus Neid verdächtig machen, und ihn, wenn er auch noch so demüthig, noch so anspruchslos seinen stillen Gang fortgeht, durch Verachtung mißhandeln: das ist doch zu hart, aber es geschieht hie und da, besonders in einigen minder großen Städten.
Spricht aber ein Gelehrter, ein Künstler gern und viel von seinem Fache, so nimm ihm auch das nicht übel auf! Die unglückliche Polyhistorei, die Wuth, auf allen Zweigen der Wissenschaften und Künste herumzuhüpfen und über alles abzuurtheilen, ist nicht eben das, was unserm Zeitalter am meisten Ehre macht; und wenn es langweilig ist, einem Manne zuzuhören, der alle Gespräche auf seinen Lieblings-Gegenstand zu lenken sucht, und sich unaufhörlich auf seinem Steckenpferde herumtummelt, so ist es mehr als langweilig, es ist empörend, wenn ein Schwätzer entscheidende Urtheile über Dinge ausspricht, die gänzlich ausser seinem Gesichtskreise liegen; wenn der Priester über Politik, der Jurist über das Theater, der Arzt über Malerei, die Kokette über philosophische oder religiöse Gegenstände, der süße Herr über Strategie sich hören läßt. Erlaube dem Manne, der etwas Gründliches gelernt hat, mit Leidenschaft von seiner Kunst, von seiner Wissenschaft zu reden; ja, gib ihm Gelegenheit dazu! Man ist wahrlich recht viel werth in der Welt, wenn man -- doch übrigens bei gesundem Hausverstande -- ~ein~ Fach aus dem Grunde versteht; und mir ekelt vor den grassirenden encyclopädischen Wörterbüchern; mir ekelt vor den allwissenden, aburtheilnden jungen Herren, die den bescheidenen, zweifelnden Forscher mit Machtsprüchen zu Boden schlagen, und die besonders von liebenswürdigen gelehrten Damen unterhaltend gefunden, und eben dadurch ganz unausstehlich werden.
3.
Haben die Gelehrten weniger Vorurtheile, als andere Menschen; so hängen sie dagegen um desto fester an denjenigen, welche ihnen einmal eigen sind. Man muß daher sehr behutsam mit ihnen umgehen. Nichts wird leichter gekränkt, als die Eitelkeit eines Gelehrten. Man muß sogar alle Zweideutigkeiten in den Lobeserhebungen vermeiden, die man an sie ausspendet.
Die mehrsten Schriftsteller verzeihen es uns leichter, wenn wir ihren sittlichen Charakter, als wenn wir ihren Ruf in der gelehrten Welt antasten. Willst Du daher in Frieden leben, so sey vorsichtig in Beurtheilung ihrer Produkte! Selbst dann, wenn sie Dich um Deine Meinung darüber fragen, so hast Du dieß klüglich und demüthiglich so auszulegen, als bäten sie Dich um einen Lobspruch und eine Schmeichelei. Den Fall ausgenommen, wenn Freundschaft Dich zu völliger Offenherzigkeit verpflichtet, rathe ich wohlmeinend da, wo Du nicht ohne Niederträchtigkeit loben kannst, wenigstens etwas zu sagen, was die beleidigte Eitelkeit nicht als einen Tadel auslegen kann.
Fast noch ungnädiger pflegen es die gelehrten oder vielmehr schreibenden Herren aufzunehmen, wenn man gar nichts von ihrer Autorschaft weiß, gar nichts von ihnen gelesen, oder wenn man sie im gemeinen Leben nicht anders, als Jeden behandelt, der auf andre Weise der Welt nützlich wird; endlich, wenn man Grundsätze äussert, die nicht in ihr System passen, die mit denen streiten, zu deren Behauptung sie so manchen Bogen Papier mit Buchstaben versehen haben. Hüte Dich vor diesem allen, wenn Du einen Schriftsteller nicht beleidigen willst! Allein unterscheide auch wohl, welchen Mann Du vor Dir hast: groß, klein oder mittelmäßig! Alle riechen den Weihrauch gern, der ihnen gestreuet wird; aber nicht jeden darf man auf gleich grobe Art einräuchern. Der Eine nimmt fürlieb, wenn Du es ihm grade in's Gesicht sagst: er sey ein großer Mann; der Andre ist zufrieden, wenn Du nur ohne Widerspruch erlaubst, daß er dieß selbst von sich sage; der Dritte verlangt nichts von Dir, als Hiobs Geduld, wenn er Dir seine elenden Produkte vorlieset; den Vierten kitzelt eine kleine vortheilhafte Anspielung auf irgend eine Stelle aus seinen Schriften; dem Fünften behagt äussere ausgezeichnete Ehrerbietung, wenn auch von seiner Autorschaft nicht ausdrücklich Erwähnung geschieht; und ein Sechster endlich -- es sey mir erlaubt, neben Diesem mein Plätzchen zu nehmen -- begnügt sich, wenn die wenigen Edeln ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu glauben, daß es ihm wenigstens um Wahrheit und Tugend zu thun sey, daß er nichts geschrieben habe, dessen sein Herz sich zu schämen braucht, und daß, wenn seine Werke keine Meisterstücke sind, sie doch nicht ausschließlich zu Makulatur sich eignen.
4.
Lustig anzusehen aber ist es, wenn zwei Schriftsteller sich einander mündlich oder schriftlich loben und preisen, vortheilhafte Recensionen gegenseitig erschleichen, sich bei lebendigem Leibe einbalsamiren, und einander eine glänzende Ewigkeit zusichern. Auch mag ich wohl ein ruhiger Zuschauer seyn, wenn ein paar Leute zusammenkommen, die gern von einander bewundert werden möchten, oder die sehr viel Gutes von einander gehört haben. Wie sie sich drehen und wenden, um sich wechselsweise die schwache Seite abzujagen! Wenn sie nun aus einander gehen, zeigt sich immer, daß der Eine den Andern vortrefflich findet, wenn dieser ihm entweder Gelegenheit gegeben hat, seine Talente auszukramen, oder wenn beide Narren sich auf ähnlichen sympathetischen Thorheiten ertappt haben.
Nicht so lustig aber ist der Anblick des Unwesens, das man so oft unter Gelehrten wahrnimmt, die entweder, wegen der Verschiedenheit ihrer Meinungen und Systeme, sich vor dem ehrsamen Volke der geneigten Leser wie Bettelbuben herumzanken, oder, wenn sie an demselben Orte leben, und in demselben Fache auf Ruhm Anspruch machen, einander verfolgen, hassen, sich gegenseitig auch nicht die mindeste Gerechtigkeit widerfahren lassen; wie Einer den Andern zu verkleinern und bei dem Publikum herabzusetzen sucht. -- Pfui der Niederträchtigkeit! Ist denn die Quelle der Wahrheit nicht reich genug, um zugleich den Durst vieler Tausende zu stillen? und dürfen Neid, Scheelsucht und pöbelhafte Erbitterung auch solche Geister herabwürdigen, die der Weisheit geweiht sind? -- Doch hierüber ist schon oft so vieles gesagt worden, daß ich es für besser halte, einen Vorhang vor solche gelehrte Selbstbeschimpfungen zu ziehen, die leider in unsern Zeiten nicht selten gesehen werden.[8]
5.
Es gibt Leute, die sich dadurch ein Gewicht zu geben suchen, daß sie sich ihrer Verbindung, ihrer Verwandtschaft, Freundschaft, oder ihres Briefwechsels mit Gelehrten rühmen. Das ist eine Thorheit, der man sich enthalten sollte, weil sie sich dem Spotte preisgibt. Ein Mann kann große Verdienste als Schriftsteller haben, ohne daß uns desfalls eine genaue Verbindung mit seiner Person Ehre macht. Man ist auch darum nicht gleich weise und gut, wenn Weise und Edle uns mit Nachsicht und Freundlichkeit behandeln.[9] Auch kann ich das unmäßige und luxuriöse Citiren und Berufen auf fremde Autoritäten, wie überhaupt alles Prahlen und Schmücken mit fremden Federn nicht leiden. Das mittelmäßigste selbst Gedachte und mit Ueberzeugung Gefühlte ist für uns mehr werth, als das Vortrefflichste, was wir bloß nachlallen.
6.
Unter den heutigen sogenannten Gelehrten muß man billig einigen unsrer Journalisten und Anekdoten-Sammler einen gewissen Rang einräumen, weil sie nun einmal die erklärten Lieblinge des leselustigen Publikums sind, und dieses gutmüthig oder verblendet genug ist, ihnen alles aufs Wort zu glauben. Mit diesen Leuten aber ist eine ganz besondere Vorsicht im Umgange nöthig. Sie stehen gemeiniglich, bei geringem Vorrathe von eigner Gelehrsamkeit, im Solde irgend einer herrschsüchtigen Parthei oder eines Anführers derselben, sey es nun von politischen Ketzermachern, Orthodoxen, Schwärmern, Vernunft-Feinden, Mystikern, oder wovon es immer sey. Dann ziehen sie durch's Land, um Mährchen zu sammeln, die sie nach Gelegenheit Dokumente nennen, oder mit dem Schwerte der Verleumdung Jeden zu verfolgen, der nicht zu ihrer Fahne schwören will; Jedem den Mund zu stopfen, der es wagt, an ihrer Unfehlbarkeit zu zweifeln. Ein einziges Wörtchen, das nicht in ihr System paßt, und das sie irgendwo auffangen, gibt ihnen reichen Stoff zu Verketzerungen, zu unwürdigen Neckereien, zu Verfolgungen der besten, sorglosesten und arglosesten Menschen. Sey behutsam im Reden, wenn ein Solcher Dich freundlich besucht, und denke beständig und klüglich daran, daß er Dich abhört, um bei Gelegenheit dem Publikum haarklein alles zu berichten, was er bei Dir gesehen und gehört hat! Der Mann, der dies Handwerk in Deutschland am ärgsten und ärgerlichsten treibt, und gegen den alle Art von rechtlicher und handfester Hülfe vergebens angewendet wird; dieser Mann heißt -- ich muß ihn hier öffentlich nennen -- heißt -- Anonymus, auch Redacteur, und ist ein gar sonderbarer Mann. Da er sich, wie Cartouche, in so vielfache Gestalten umzuformen weiß, daß kein Steckbrief auf ihn paßt: so rathe ich, jeden Unbekannten, der gewisse Mode-Wörter, wie z. B. gefährliche und schädliche Aufklärung, Publicität, Denkfreiheit, Toleranz, oder Gefahr für den einzig seligmachenden Glauben, höhere Wissenschaften, Magnetismus, oder dergleichen gar zu oft im Munde führt, fürerst für jenen Herrn Anonymus zu halten, der ein garstiger, schadenfroher Spitzbube ist, und umhergeht, wie ein brüllender Löwe, um zu suchen, wen er verschlingen mögte.
7.
Mit Tonkünstlern, einer gewissen nicht sehr anziehenden Gattung von Dichtern, Componisten, Tänzern, Schauspielern, Malern und Bildhauern ist der Fall ein ganz anderer. Diese sind -- es versteht sich auch hier, daß ich in jeder Klasse die Bessern ausnehme -- wohl keine gefährliche, aber desto eitlere und oft sehr zudringliche und unzuverlässige Leute. Weit entfernt, zu fühlen, daß die schönen Künste, obgleich man ihnen nicht den Einfluß auf Herz und Sitten absprechen kann, doch am Ende zum Hauptzwecke nur das ~Vergnügen~ haben, folglich, in Ansehung ihres Einflusses auf das Glück der Welt, den höhern, wichtigern, ernsthaftern Wissenschaften nachstehen müssen; weit entfernt, zu fühlen, daß man, um wahrhaftig den Titel eines großen Mannes zu verdienen, mehr verstehen und mehr müsse bewirken können, als Augen zu vergnügen, Ohren zu kitzeln, Phantasien zu erhitzen, und Herzchen in Aufruhr zu bringen, sehen sie ihre Kunst als das Einzige an, was des Bestrebens eines vernünftigen Menschen werth wäre; und es muß uns nicht befremden, wenn ein Tänzer, der höher besoldet wird, als ein Staatsminister, herzlich bedauert, daß dieser nichts Besseres gelernt habe. Der philosophischen Künstler, so wie Georg Benda einer war; der bescheidnen Virtuosen, wie der edle Fränzl in Mannheim und sein liebenswürdiger Sohn; der verständigen, mit allen Privat-Tugenden geschmückten Maler, wie Tischbein; der Schauspieler, bei denen Kopf, Herz und Sitten gleich viel Hochachtung verdienen, wie der unnachahmliche Schröder, -- solcher Männer gibt es nicht so gar viele unter ihnen. Ich rathe desfalls, einen äusserst vertrauten Umgang mit dieser Menschen-Klasse nur nach der strengsten Auswahl zu suchen. +Cantores amant humores+, das heißt: auf ein Liedchen schmeckt ein Schlückchen. Sänger, Dichter u. dergl. lieben das Wohlleben, und das kann uns nicht wundern. Es gibt wohl eine Art von Begeisterung, zu der sich die Seele bei der einfachsten, mäßigsten Lebensart erheben kann; und, die Wahrheit zu gestehen, das ist wohl die einzige, deren Früchte auf Unsterblichkeit Anspruch machen dürfen. Hoher Schwung des Genius hinauf zu der heiligen, reinen Quelle, aus welcher er entsprungen, ist freilich von ganz anderer Art, als Spannung der Nerven, Erhitzung der Phantasie durch Reizung der Sinne; und man sieht es solchen Werken, wie Klopstocks Messias und Schillers Don Carlos sind, bald an, daß ihr Feuer nicht aus der Champagner-Flasche ist gezogen worden. Allein wie wenig Künstler werden von jener bessern Glut entzündet! Ihre, durch unordentliche Aufführung und unglückliche äussere Verhältnisse geschwächte Maschine fordert, wenn sie den Geist nicht ganz niederdrücken soll, gewaltsame Stärkungs-, oder vielmehr Berauschungs-Mittel. Dieß treibt sie zuerst zu einem, den sinnlichen Freuden gewidmeten Leben. Dazu kömmt, daß Der, welcher einmal die schönen Künste zu seinem einzigen Berufe gemacht hat, selten noch Geschmack an ernsthaften Geschäften findet, -- daß diese ihm äusserst trocken scheinen; und da man doch nicht immer singen, geigen, pfeifen und pinseln kann, so bleiben viel Stunden des Tages auszufüllen, welche dann dem Wohlleben geopfert werden. An weise Vertheilung und Anwendung der Zeit, an Aufsuchung eines lehrreichen und vernünftigen Umgangs denken also diese Herren selten; und sie schätzen den Mann, der ihnen sinnlichen Genuß in reichem Maaße gewährt, und ihnen dabei schmeichelt, höher, als den Weisen, der sie auf den Weg der Wahrheit und Ordnung führt. Jenem drängen sie sich auf; Diesen fliehen sie. Bei dem allgemein einreissenden faden Geschmacke unseres Zeitalters, bei der Vernachlässigung nützlicher Wissenschaften, ist dieß, wie ich glaube, ein Wort zu seiner Zeit geredet, möchte man mich auch deswegen für einen Pedanten halten! Jeder seichte Kopf, der nur ein weiches Herz hat, und der den edlen Müßiggang und ein lüderliches Leben liebt, legt sich heut zu Tage auf die schönen Wissenschaften, glaubt Beruf zum Künstler zu haben, macht Verse, schreibt für das Theater, spielt ein Instrument, componirt, pinselt; -- und so muß denn am Ende der Geschmack ausarten, und die Kunst verächtlich werden. Deswegen sehen wir auch ganze Heerden solcher Künstler herumlaufen, die nicht einmal mit den ersten theoretischen Grundsätzen ihrer Kunst bekannt sind: Musiker, die nicht wissen, aus welcher Tonart sie spielen; die nichts vorzutragen verstehen, als was sie auf ihrer Geige oder Pfeife auswendig gelernt haben; Künstler ohne philosophischen Geist, ohne gesunde Vernunft, ohne Studium, ohne wahres Natur-Gefühl, aber dagegen mit desto mehr Selbstgenügsamkeit und edler Dreistigkeit ausgerüstet; unter sich von Brodneid entbrannt; neidisch auf einen Liebhaber, der ihr Hauptstudium nur als Nebensache treibt, und dennoch mehr davon weiß, als sie, die weiter nichts gelernt haben. Hat ein solcher aber Anhang unter den Leuten nach der Mode, genießt er den Schutz der anmaßlichen Kenner, so wage man es ja nicht, laut zu sagen, daß er ein Stümper sey, wenn man nicht für einen unwissenden Menschen gelten, und alle Dilettanten gegen sich aufbringen will! Allein wem ekelt nicht vor der Menge solcher vornehmen und geringen Dilettanten, vor ihren schiefen Urtheilen, vor ihrem albernen Gewäsche? Willst Du Dich bei diesem wilden Haufen beliebt machen, so mußt Du die Geduld haben, ihren Unsinn anzuhören, oder gar die Niederträchtigkeit begehen, ihn zu loben, und ihren Machtsprüchen beizupflichten. Willst Du Dich aber bei ihnen in Ansehen setzen, so sey ja nicht bescheiden, sondern eben so unverschämt, wie sie! Entscheide mit Kühnheit! Tritt mit Zuversicht mitten unter die größten Männer! Dränge Dich hervor! Thu, als seyest Du äusserst ekel in Deinem Geschmacke; als sey es schwer, den Beifall Deines verwöhnten Auges und Ohrs zu gewinnen! Rede von dem allgemeinen Rufe, in welchem Deine Kenntnisse stünden! Verachte, was Dir zu hoch ist! Schüttle bedeutend mit dem Kopfe, wenn Du nichts Passendes zu sagen weißt! Begegne dem Anfänger mit Uebermuthe! Schmeichle vornehmen, reichen, mächtigen Dilettanten und Mäcenaten! Befördre die Lust an Spielwerken und Kleinigkeiten, an niedlichen Rondo's, an Bierhaus-Menuetten, mitten in ernsthaften Stücken; an buntschäckigtem Colorit, an Sinn-Gedichtchen, an Bombast und leerer Phraseologie, an Schauspielen voll Gräuel, Verwickelung und Uebertreibung! -- So kannst Du Dein Schärflein zum allgemeinen Verderbnisse des Geschmacks redlich beitragen! Fühlst Du aber Kraft in Dir, und hast nicht Ursache, Menschen zu scheuen, so widersetze Dich dem Unwesen! Eifre gegen diese Erbärmlichkeiten, aber eifre mit Gründen, und rücke den ~Midassen~ unserer Zeit die großen Perücken und Narren-Kappen zurück, damit man ihre langen Ohren sehe, und sich nicht durch ihre Amtsgesichter täuschen lasse! Traurig ist es indessen, daß auch der wahrhaftig große Künstler heut zu Tage zum Theil diese Wege einschlagen muß, wenn er nicht dem Marktschreier das Feld räumen will; daß er oft Natur, Bescheidenheit, Einfalt und Würde, der Mode und dem Vorurtheile aufzuopfern, sich mit falschem Glanze auszurüsten, sich zum Windbeutel und Spaßmacher zu erniedrigen gezwungen ist, um zu gefallen und Brod zu finden. Uebel ist auch oft der Künstler, besonders der Musiker, daran, wenn er in eine Gesellschaft von Leuten geräth, die ihn bewundern wollen, die ihn bitten, sich vor ihnen hören zu lassen, und die denn doch weder Aufmerksamkeit, noch Kenntniß der Kunst haben. Abschlagen darf er es nicht, wenn er nicht will für eigensinnig gehalten werden, und doch fühlt er, daß er seine Perlen den Säuen vorwirft. Er setzt sich an das Klavier, spielt das sanfteste Adagio, und nun brüllen die zuhörenden Liebhaber mitten in der rührendsten Stelle überlaut: »O! das ist gar schön! vortrefflich!« -- und darüber geht die Stelle verloren. -- Merke dir's, liebes Publikum, daß du dir solche Unarten abgewöhnen, und nicht bloß ein geehrtes, sondern auch ein ehrenwerthes Publikum seyn sollst.
8.