Ueber den Umgang mit Menschen

Part 26

Chapter 263,394 wordsPublic domain

Wenn aber jeder Stillstand soll verhütet werden, so darf auch, besonders in den eigentlichen Kinderjahren, keine lange Pause in den Arbeiten, keine öftere Ausnahme von der Ordnung des Tages, keine eigentliche Zerstreuung des Zöglings, z. B. durch eine Reise, Statt finden. Man erschwert sich selbst und seinen Zöglingen das Geschäft der Erziehung unglaublich, so oft man einen längeren Ruhepunkt macht, und von der gewohnten Ordnung abweicht, so oft man nachläßt oder ein Nachlassen des Zöglings gestattet und geschehen läßt. Besonders gilt dieß von einer zu weichlichen Nachsicht und Schonung der Kinder, wenn sie krank werden, oder kränklich sind -- von den langen Pausen, die man bei Gelegenheit der Familienfeste und bei Zurüstungen zu diesen Festen, besonders zu Geburtstagen, macht, auf deren dramatische Feier nicht selten Wochen verwandt werden bei dem Einstudiren. Dagegen sind bei dem Unterricht und bei der Erziehung ~solche~ Ruhepunkte sehr heilsam, welche bestimmt sind, die in einem längern Zeitraum gewonnene Fähigkeit, Fertigkeit und Kenntniß zu überschauen, und sich in vollen Besitz derselben zu setzen. Daher gehöre es zu den Familien-Festen, wenn ein Kind irgend eine Fertigkeit erlangt, eine Bahn des Wissens und Lernens durchlaufen hat, und man halte über diese Einnahme des Zöglings ordentlich Buch und Rechnung. Das Kind werde zu einem recht lebendigen Bewußtseyn seiner erlangten Fertigkeit und Kenntnisse erhoben, und besonders zum Bewußtseyn seiner erhöhten moralischen Kraft, indem man es erinnert an ehemalige bange Zustände und Verhältnisse, ehemalige Schwierigkeiten und Hindernisse, die nun nicht mehr sind. Das Gehorchen werde erleichtert durch die Billigkeit und Angemessenheit der Gebote, durch wohlwollende Behandlung, eingeflößtes Vertrauen, erleichterte Ueberzeugung, daß es so recht und wohlgethan sey.

36.

Am ersten wird der Eifer erkalten, und der Muth sinken, und also Stillstand und Hemmung erfolgen bei solchen Erziehern, die sich das Erziehen zu ~leicht~ gedacht haben, und meinten, man habe nur zuzusehen, wie sich das Kind selbst erziehe, und ihm hie und da mit Strafen und Belohnungen zu Hülfe zu kommen; eben so bei solchen, die nicht Liebe genug zu den Kindern haben, und sich durch die immer wiederkehrenden Unarten der Kinder zum Unwillen und zu einer harten Behandlung reizen lassen, dadurch aber nichts weiter, als einen größeren Widerstand der Kinder gegen ihre Erziehungs-Maßregeln bewirken. Ferner bei denen, welche den Kindern ~Blößen~ geben, und sich dadurch in ein ungünstiges Verhältniß gegen ihre Zöglinge setzen. Endlich auch bei solchen, welche an die Untrüglichkeit und Unfehlbarkeit ihrer Erziehungs-Grundsätze glauben, und daher sich nicht zu fassen wissen, wenn der Erfolg nicht ihren hohen und zuversichtlichen Erwartungen entspricht. Daraus entsteht dann leicht ein unwilliges und hastiges Wegwerfen aller Grundsätze, und bei einem solchen Verfahren muß allerdings der Erfolg rein ungünstig seyn, weil dann gewöhnlich eine ganz verkehrte Behandlung des Zöglings eintritt, alle Behandlung nach Regeln aufhört.

37.

Ein Stillstand oder Rückschritt wird ferner da unvermeidlich seyn, wo man es mit der Bildung und Ausbildung guter Anlagen ~übereilt~ und ~übertrieben~ hat, und Kinder über ihr Vermögen anstrengte, ehe die wahre Bildungs-Periode eingetreten war. Solche Treibhaus-Erziehung bringt nur kränkelnde Erzeugnisse hervor.

Es ist also Stillstand und Rückschritt in der Erziehung unausbleiblich, wenn es keine feste Tages-Ordnung gibt; wenn nicht nach Grundsätzen erzogen wird; wenn man in gewissen Perioden der Sinnlichkeit zu viel Befriedigung verstattet; wenn die Eitelkeit und der Eigendünkel durch falsch angewandte Ermunterungs-Mittel geweckt und genährt ist; wenn die Lebens-Ordnung, welche eingeführt, und der Unterrichts-Plan, welcher befolgt wird, nicht dem Alter und den Anlagen des Zöglings, und überhaupt der Natur des kindlichen Gemüths und Geistes angemessen ist, vielmehr ganz davon abweicht; wenn endlich Kindern Vorurtheile des Standes und der Geburt eingeflößt werden, oder Wohlleben sie träge und verdrossen macht.

38.

~Die Lehren und die Eindrücke der Religion~ müssen allen andern Lehren und Eindrücken Kraft und Wirksamkeit geben. Daher geschehe in der Erziehung alles mit religiösem Geiste; aber man hüte sich dabei, den Ton zu verfehlen, der dem jedesmaligen Alter und der Bildungsstufe, auf welcher der Zögling steht, angemessen ist. Die Erziehung benutze sorgfältig alle die Mittel, welche ihr zu Gebote stehen, um die religiösen Eindrücke dem Herzen unauslöschlich einzuprägen, und da die Liebe des Gesetzes Erfüllung ist, so müsse jedes wohlwollende und theilnehmende Gefühl sorgsam gepflegt und genährt und schon in dem Kinde eine lebendige Ahnung seiner Menschenwürde und Bestimmung erweckt werden.

Die Erziehung soll vor allem den Menschen zum Menschen bilden; sie soll die Grundzüge der Menschheit nicht verwischen, sondern ihnen Kraft und Leben geben; sie soll es auf Selbstständigkeit anlegen, und die Anlagen zur Sittlichkeit in dem Kinde ausbilden. Diejenigen Erzieher, die dieß verabsäumen, haben ihre Pflicht nicht halb erfüllt. Denn nie wird es der Mensch zu wahrer Sittlichkeit bringen, wenn er nicht Ehrfurcht, Liebe und Vertrauen gegen ein unsichtbares Wesen fühlt, welches er als Herr seines Schicksals betrachtet. Nur dadurch erhält der Wille Kraft und Festigkeit, nur dieß gibt den Gefühlen Lebhaftigkeit und Wärme, der Seele eine Richtung auf das Höhere. Aber ist die religiöse Bildung verabsäumt, so bleibt die Bildung für das ganze Leben mangelhaft und unvollständig; nur die Religion kann das Werk des Erziehers fördern und krönen. Gerade darum aber, weil die Religion Sache des Gefühls werden muß, wenn sie haften und wirksam seyn soll, müssen die religiösen Eindrücke schon in der frühesten Kindheit geschehen.

Dahin gehört die Scheu vor einem unsichtbaren und allwissenden Richter, der belohnen und bestrafen kann; der Glaube, daß die Regungen des Gewissens Gottes-Stimme sind; daß alles Gute von Gott kommt, und daß er Beschützer und Führer der Menschen ist; daß er den Menschen durch seine Gesandten seinen Willen bekannt gemacht habe -- daß er ihre Gebete erhöre.

Dahin gehört ferner Heilighaltung der Bibel, als eines göttlichen Buches; der Kirche, als Stätte der Andacht und Anbetung; des Sonntags, als eines dem Herrn und unserer Seele geweihten Tages; der Festtage, als solcher Tage, die uns an eine große Wohlthat Gottes erinnern -- vor allen auch der letzte Tag des Jahres.

39.

Die ~religiöse Bildung~ darf am wenigsten der weiblichen Seele fehlen, weil diese mehr durch Gefühle, als durch Verstandes-Begriffe und Grundsätze bestimmt und geleitet wird, und weil vor allem durch die Mütter religiöse Gesinnungen und Gefühle fortgepflanzt werden sollen. Das Menschengeschlecht wäre verloren, wenn Religiosität nicht mehr in weiblichen Herzen gefunden, und durch sie fortgepflanzt würde, so wie auch alle Erziehung bei Mädchen ihren Zweck nicht erreicht, wenn sie nicht eine religiöse, und durch Religion geheiligte und befruchtete ist. Dazu gehört nicht ein frühzeitiger eigentlicher Religions-Unterricht, oder daß man das lallende Kind schon zum Beten abrichte; wohl aber, daß man es durch Liebe und Ernst empfänglich mache für die Eindrücke der Religion; daß man die Schönheiten der Natur, und ihre furchtbaren Erscheinungen benutze, um des Kindes gerührte oder erschütterte Seele zur Ahnung Gottes und des Göttlichen zu erheben; daß man die, das kindliche Gemüth so sehr ansprechenden Erzählungen und Lehren der Bibel zur Weckung religiöser Gefühle benutze, und die einfachsten Aussprüche der Bibel seinem Gedächtnisse und Verstande einpräge; daß man es früh zum Genuß und zum Erkennen dichterischer Schönheit führe, und dadurch seinen Gefühlen eine höhere Richtung gebe. Ein schönes Lied, dem Kinde mit Empfindung vorgesprochen, wird gewiß bei den Meisten von großer Wirkung seyn. Auch das Hinführen in die Kirche, besonders bei feierlichen Gelegenheiten, wird hiezu mitwirken; nur verlange man nicht, daß das Kind bei dem ganzen Gottesdienste aushalten soll. -- Schriften, wie Gumal und Lina -- ~Spiekers~ Emiliens Stunden der Andacht -- ~Krummachers~ Parabeln und dessen Festbüchlein -- Allwin und Theodor von ~Jakobs~, und von demselben Rosaliens Nachlaß -- ~Witschels~ Morgen- und Abendopfer -- ~Glatz~ Andachtsbuch, werden hiebei gute Dienste leisten, noch besser ein zweckmäßiger Vortrag der biblischen Geschichte, und eine feierliche Morgen- und Abend-Andacht.

40.

Man beobachte sorgsam alles, was einen lebhaften und guten Eindruck auf das Kind gemacht, sein Nachdenken anhaltend beschäftigt, seine Wißbegierde am meisten angeregt hat, und suche alle diese Eindrücke und Regungen wieder aufzufrischen, damit die Seele dadurch gewisse Lichtpunkte erhalte, von wo aus sich Leben, Licht und Wärme durch das Ganze verbreite.

Je öfter die Erfahrung lehrt, daß gerade das, wovon man sich den geringsten Eindruck versprach, die stärksten und bleibendsten bei den Kindern machte, und das, was Eindruck machen sollte, desselben verfehlte, desto nöthiger ist es, auf jenes zu merken, und den Eindruck nicht verlöschen zu lassen. Dieß gilt besonders von dem, was wohlwollende Gefühle, den Sinn für Gerechtigkeit und Wahrheit weckt und belebt, was die Ahnung des Göttlichen hervorruft, das Selbstgefühl stärkt, den Thätigkeitstrieb erhöht, zur Selbstverleugnung ermuntert und stärkt. Bei dem einen Kinde ist's z. B. eine Aeusserung des Mißtrauens, wodurch es tief bewegt wird; bei einem andern die Betrübniß, die man über seine Fehltritte äussert; bei einem dritten der Anblick eines ausgearteten Kindes; bei einem vierten das Gelingen einer gefürchteten Arbeit -- bei einem fünften ein Geschenk von Werth -- ein unerwartetes Lob -- ein empfindlicher oder beschämender Tadel.

41.

Nothwendig muß hiernach die Erziehung modificirt werden; es bildet sich hieraus eine ~pädagogische Klugheitslehre~. Kinder von einer zarten Reizbarkeit, von vorzüglichen sittlichen Anlagen, und solche, die auf alles merken, alles zu Herzen nehmen, über alles nachdenken, wollen mit einer vorzüglichen Sorgfalt und Behutsamkeit behandelt seyn. Lebhafte Kinder bedürfen und ertragen starke Eindrücke, phlegmatische starke Reizmittel. Mädchen werden leicht durch Anregung der Phantasie fortgerissen. Eine rührende Geschichte kann sie leicht für ganze Tage zu einer gewissen Niedergeschlagenheit stimmen, oder doch ihre Phantasie in Aufruhr bringen -- eine Schmeichelei die Eitelkeit in furchtbarer Kraft wecken.

42.

Die Erziehung lege es daher nicht so sehr auf starke und lebhafte, als auf ~bleibende Eindrücke~ an. Diese werden durch ein sich gleich bleibendes herzliches Benehmen, durch Erneurung und Belebung sittlicher Regungen, durch Einflößung religiöser Gesinnungen und Gefühle bewirkt; aber auch durch Benutzung ausserordentlicher Ereignisse, z. B. Unglücks- und Todesfälle, Verluste, Krankheiten, durch welche besonders der Sinn für Religion geweckt und belebt wird.

Wir hören hierüber die Bekenntnisse eines gewesenen Schulmannes aus seinen Jugend-Jahren. (S. Neue Bibliothek für Pädagogik von Gutsmuths, Julius und August 1812.)

»Ich vergegenwärtige mir noch lebhaft die schönen Abend-Dämmerungen, in welchen meine Mutter, mich herumtragend, geistliche Lieder sang. Mit sanfter, süßer Gewalt ergriffen mich diese Lieder. Ich horchte und horchte, und mag auch wohl die Händlein gefaltet haben. Ein Reich Gottes that sich mir auf; ich hatte an diesen Abenden, das weiß ich noch heute, eine milde, fromme, kindliche, ich möchte sagen: heilige Gesinnung, wie mir denn auch die gute Mutter ihre Zufriedenheit mit meinem Thun und Treiben nicht versagen konnte, so lange diese Klänge und Vorstellungen noch wiederhallten. Ich verstand freilich viele Ausdrücke in diesen Liedern nicht; aber der mir zusammenhängend verständlichen waren genug. Manches hellte mir die, zwar sehr dürftige, Belehrung auf, und übrigens fand ich mich instinktartig zurecht. Ich verstehe mich hier selbst wohl. Bewahre mich Gott, die Erkenntniß des Verstandes zu verachten! Was kann herrlicher seyn, als das Denken, welches selbst eine göttliche That ist, auf das Göttliche angewandt. Ich meine nur, das Uebersinnliche, das im Menschen ursprünglich gesetzt ist, als: Gott, Gewissen und Rechenschaft, wurde mir in das Bewußtseyn gebracht durch jene Gesänge, und wenn ich einmal auf diesem heiligen Boden war, so konnten ein Paar dunkle Vorstellungen ab und an nichts verschlagen; die Hauptsache, der Grund aller wahren Religion, war gewonnen. Ich segne meine Eltern, daß sie mir den Gedanken des Heiligen eher einpflanzten, ehe noch die rechte Sünde kam, und die größere Zerstreuung. Keine Erkenntniß zu dulden, die nicht durch den Begriff kommt, das ist spätere Losung gewesen. Wir haben gesehen, wie weit wir damit im Erkennen, Wollen und Fühlen gekommen sind.«

»Ich mußte früh und Abends ~beten~, vor und nach Tische, und sah es die Eltern gleichfalls thun. Oft hatte ich keine Andacht dabei; oft wurde ich dazu gezwungen. Ein Erzieher meiner spätern Jahre machte es umgekehrt; er versagte mir das laute regelmäßige Beten, wenn ich nicht gesammelt war, mit dem Beifügen, daß ich mich Gott in einer solchen Stimmung nicht nahen dürfe, weil ich ihm mißfällig sey. Das wirkte mächtig auf mich. Indessen entsinne ich mich keines Schadens, den das mechanische Geplapper mir gebracht hätte. Doch kann es seyn, daß die sinnvollere Erziehung, die ich vom neunten Jahre an ausser dem Hause erhielt, mich vor solchem Schaden bewahrt hat. Dagegen weiß ich, daß ich auch sehr oft andächtig betete; daß mir der Gedanke an Gott und die Beschäftigung mit ihm etwas wurde, das sich von selbst verstände; daß mir bei unerlaubtem Dichten und Trachten eben deshalb die Erinnerung an Gott schneller in den Weg trat, und mich in manchem Schlechten aufhielt; daß ich mich gewöhnte, den Tag und die Nacht als ein Geschenk des liebevollen Gottes, und das Leben, als bedürftig der Weihe in jedem seiner Theile zu betrachten. Ich kam zeitig unter eine gewisse Gottesherrschaft, die dem Leben getaufter Menschen erst den wahren Werth gibt; ich lernte endlich durch eingeimpftes Beten auch frei beten, und meine religiösen Vorstellungen unaufgefordert an Gott richten. Es ist in der That die Frage, ob eine allzu ängstliche Scheu vor dem Mechanismus im Beten im Anfang der religiösen Erziehung nicht dem höchsten, dem freien Beten selbst, auf Zeitlebens nachtheilig wird. Mich dünkt, das Beten wolle, wie jede Seelen-Verrichtung, ~geübt~ seyn.«

»Ich bekam Bibelsprüche zum Auswendiglernen. Viele darunter verstand ich nicht ganz; mehrere waren in der Auslegung unrichtig; erklärt wurden mir wenige recht. Die einen habe ich in der Folge verstehen, die andern recht erklären gelernt. Gesetzt, mir wäre Beides nicht ganz zu Theil geworden, so hätte ich doch immer, wie geschehen ist, einen Schatz gesammelt von Lehre, Warnung und Trost in erhaben einfacher Sprache der Urwelt.«

»Dem häuslichen Vorlesen und Hören von Predigten habe ich als Kind nie etwas abgewinnen können. Die Schuld mochte theils daran liegen, daß Predigten für mein Kindesalter nicht paßten, theils an der schlechten Declamation. Aber das häusliche Singen an Sonn- und Festtagen erbaute mich mehr. Da ich ein vortreffliches Gedächtniß habe, so lernte ich die vornehmsten Lieder unseres Gesangbuchs kennen, viele auswendig. Wie mancher Vers der Gottbegeisterten Dichter ~Paul~, ~Gerhard~, ~Richter~, ~Luther~, ~Neumann~, und später des sanften ~Gellert~, hat mich mahnend, warnend, tröstend durch das Leben geleitet! Wo die heutige Jugend so oft trostlos schwankt, oder in wilder Verworrenheit dem Abgrund zutaumelt, habt ihr Unsterblichen mich fest und aufrecht erhalten.«

»Die Vorstellungen und Gefühle der Religion waren es vorzüglich, die meine dunkeln, gemeinen, verkümmerten Kinder-Jahre erhellten, adelten und beseligten. Eine Welt ging mir im Geiste auf, deren Schimmer die enge sichtbare mir nicht verdüstern konnte. Mit dem Ministerknaben, der im stolzen Prachtwagen bei mir vorüber fuhr, hatte ich einen Gott, zu dem ich beten konnte; ich war getauft, wie er; ich erstand einst aus dem Staube, wie er, nicht mehr gebeugt, sondern verklärt. An den einfachern Weltverhältnissen, die ich im Evangelienbuche anschaute, richtete sich meine schüchterne Seele auf; die festlichen Tage der Christen brachten auch in meiner Eltern Haus einen Schimmer der Freude; an Abendmahlstagen sah ich die höchste Erhebung an ihnen, und wie sie da mit besonderer Scheu das Unheilige mieden, so ermannten sie sich auch, des Lebens Sorgen wegzuwerfen. Mitten unter den Thränen, die ihr Brod benetzten, sah ich auch oft den vertrauensvollen Blick gen Himmel gerichtet, und hörte ein Wort wechselseitiger Tröstung gesprochen, das nicht auf täuschende Erdenhoffnungen gegründet war. So lernte ich zeitig etwas von der erhabensten aller Künste, zu stehen wie ein Berg Gottes, den Fuß in Ungewittern, das Haupt in Sonnenstrahlen.«

43.

~Jean Paul~ sagt in seiner Levana: »Zeiget überall, auch an den ~Grenzen~ des heiligen Landes der Religion, dem Kinde anbetende und heilige Empfindungen; diese gehen über, und entschleiern ihm zuletzt den Gegenstand, so wie es mit euch erschrickt, ohne zu wissen, wovor. Newton, der sein Haupt entblößte, wenn der größte Name genannt wurde, war ohne Worte ein Religions-Lehrer von Kindern geworden. Nicht ~mit~, aber ~vor~ ihnen dürft ihr beten, das heißt: Gott laut danken. Eine verordnete und befohlene Erhebung und Rührung ist eine entweihte. Kindergebete sind ~leer~ und ~kalt~, und eigentlich nur Ueberreste des jüdisch-christlichen Opferglaubens, der durch Unschuldige, statt durch Unschuld, versöhnen und gewinnen will.« Das Wahre an dieser zu stark ausgedrückten Behauptung ist wohl dieß, daß eine befohlene Andacht gar keine ist, und daß ein Tischgebet vor dem Essen jedes Kind verfälschen müsse.

»Gebt dem Kinde,« heißt es dort weiter, »unser Religions-Buch in die Hand, aber schickt die Erklärung dem Lesen nicht nach, sondern voraus, damit in die junge Seele die fremde Form als ein Ganzes dringe. Warum soll erst der Mißverstand der Vorläufer des Verstandes seyn? Um die schöne Frühlingszeit der religiösen Aufnahme des Kindes unter Erwachsene -- eine so wichtige, da es vor dem Altare zum erstenmale öffentlich und mit allen Rechten eines ~Ichs~ auftritt und forthandelt -- um diese einzige Zeit, wo plötzlich das dämmernde Leben in ein Morgenroth aufbricht, und dadurch das Neue der Liebe und der Natur verkündigt, gibt es keinen schöneren Priester für die junge Seele, als der Dichter ist, welcher eine sterbliche Welt vernichtet, um auf ihr eine unsterbliche zu bauen.« Levana 1. 146.

44.

Verhüte sorgsam alles, wodurch die Freudigkeit Deines Zöglings geschwächt oder unterdrückt werden könnte, und erhalte ihn daher in einer ununterbrochenen, seinem Alter und der kindlichen Natur angemessenen ~Thätigkeit~; flöße ihm keine Furcht, sondern nur ehrerbietige Scheu, keine Aengstlichkeit und Schüchternheit, sondern Freimüthigkeit und Bescheidenheit ein; suche selbst da, wo Du einen Zwang eintreten lassen mußt, seinen Willen zu gewinnen, und benimm ihm nicht durch übertriebene Strenge und durch Pedanterie die Lust und Liebe zu dem, was er thun soll. Störe ihn nicht in seinen Spielen; sey kein Spiel-Verderber.

»Die Erziehung unserer Väter hatte eine düstere und abschreckende Gestalt, und noch jetzt ist das Vaterhaus für die armen Kinder ein Zwinger, in welchem sie, gleich eingefangenem Wild, nur gefüttert und geschlagen werden.«

Hierin ist's besser geworden, obgleich man auch hier und da auf das andere Extrem verfallen ist. Ganz ohne äussern Zwang geht es freilich in der ersten Erziehung nicht ab, aber es kommt darauf an, was für eine Farbe dieser Zwang trägt, und wie er eingeleitet wird. Kinder sträuben sich gegen anhaltende und ernste Thätigkeit, gegen Gehorsam und Gebot, gegen eine feste Ordnung, gegen Entbehrungen und Entsagungen. Hier muß oft Zwang eintreten, der Wille ihnen gebrochen werden, wenn nicht Ausartung erfolgen soll. Aber es gibt doch auch eine freundliche und wohlwollende Strenge, es gibt Mittel, ihnen den Zwang zu versüßen und zu erleichtern: Mannigfaltigkeit und Abwechselung in den Beschäftigungen und Arbeiten, Herablassung und Herabstimmung, ein freundlicher Scherz, Lob und Ermunterung, Belohnung und gleichmäßige Thätigkeit, Sinnenlust. Es ist nicht schwer, Kindern, deren Phantasie so beweglich ist, die Unlust zu benehmen, und dann werden von selbst alle Kräfte rege. Man darf nur die Sinnlichkeit der Kinder zu Hülfe rufen, und ihr einige Nahrung geben, so ist der Wille gewonnen, »besonders da der Schmerz und die Traurigkeit der Kinder ohne Vergangenheit und Zukunft ist.« Wer allen Forderungen und Geboten gleich die Drohung hinzufügt, oder in einem rauhen Tone gebietet, oder fordert, was so schwache Kräfte nicht leisten können; wer nicht zu Hülfe ruft die Anregungen des Wetteifers, des Lobes, der Belohnung, oder wohl gar die Arbeit als Strafe dictirt und verordnet, der mag sich nicht beklagen, wenn ihm überall die ~Unlust~ entgegentritt. Aber die Heiterkeit und Freudigkeit der Kinder soll nicht erkauft und erschmeichelt, oder durch dargebotenen Genuß und durch beständige Reizmittel erzwungen werden, vor allem nicht durch Nährung und Befriedigung des Ehrtriebes; auf diesem Wege bildet man nur Selbstsüchtige und eitle Thoren, die keines reinen Beweggrundes mehr fähig sind. Auch sind diese Mittel so bald erschöpft, und es entsteht große Verlegenheit.

45.

»~Heiterkeit~ oder ~Freudigkeit~ ist der Himmel, unter dem alles gedeiht, Gift ausgenommen.« Aber wiederum die Heiterkeit kann nicht gedeihen, wo die Sinnlichkeit der Kinder zu freigebig genährt wird; vielmehr entsteht alsdann ein launichtes und mürrisches Wesen, und die Kinder wissen nicht, was sie wollen. »Kleine Genüsse dagegen wirken, wie Riechfläschchen, auf die jungen Seelen, und stärken von Thätigkeit zu Thätigkeit.« -- Seltene Genüsse sind, nebst einer sich gleich bleibenden Thätigkeit, die beste Nahrung für Heiterkeit und Frohsinn, und ihre Bedingung ist Gesundheit des Leibes und der Seele.

Laß das Kind nicht zu viel und nicht zu wenig, nicht zu lange und nicht zu kurze Zeit spielen, und überhäufe es nicht mit Spielsachen, denn das führt nur zum Ueberdruß und zur Laune; »auch verwelkt an reicher Wirklichkeit und verarmt die Phantasie. Vor den Kindern, deren Phantasie noch stärker, als im Jünglings-Alter, schafft, spielt Ein Spielzeug oft alle Rollen, und es schmeckt ihnen gerade so, wie sie es jedesmal begehren.«

Eben deswegen bedürfen sie keines schönen Spielzeuges, denn ihre Phantasie bildet es viel schöner, als die Kunst es vermöchte. »Daher die Erscheinung, daß sie die häßlichsten Puppen oft am liebsten haben, z. B. des Vaters alten Stiefelknecht an Kindes- oder Puppen-Statt annehmen.« Hingegen je älter der Mensch wird, desto mehr bedarf er, daß ihm eine reiche Wirklichkeit erscheine.

46.