Ueber den Umgang mit Menschen

Part 25

Chapter 253,484 wordsPublic domain

Das Kind unterscheidet sehr gut den starken und ernsten Ton von dem zürnenden; die Mutter fällt leicht in diesen, wenn sie jenen dem Vater nachzumachen gedenkt. Sie nimmt leicht ihr Verbot zurück, oder beschränkt es, und schwächt es dadurch. So kommt es, daß sich die Kinder endlich nichts mehr wollen verbieten lassen. -- Das Verbieten geschehe in kräftiger Kürze, und je jünger das Kind ist, desto nöthiger ist diese Kürze; ja sie ist nicht einmal nöthig; schüttle den Kopf, und damit gut. Das wortreiche Verbieten macht die Kinder nur unmuthig und reizt sie zum Spott. Nur sey das Verbieten kein heftiges; besser geschieht es zuerst mit leiser Stimme, damit eine ganze Stufenleiter der Verstärkung freistehe -- und nur einmal, und für den kleinsten Ungehorsam erfolge augenblickliche Strafe.

20.

Was das ~Strafen~ betrifft, so ist noch hiebei zu beobachten: Strafe verhüten, ist besser und weiser, als strafen. Da, wo alle andere mildere Mittel unwirksam geblieben sind, trete die Strafe unausbleiblich, und mit voller Strenge ein; doch auch hier beobachte man eine Stufenleiter, und erwäge, ob das Kind Entschuldigung verdiene, und ob es seine Schuld zu erkennen im Stande sey, denn Strafe gebührt nur dem, der sich der Schuld bewußt ist. Wo große und strenge Strafen nöthig sind, da steht es schlecht um die Erziehung, und die Strafen werden bald vergeblich seyn. Nicht strenge, aber unausbleibliche und unerläßliche Strafen sind mächtig. »Unter dem Volke nicht nur, auch unter den Gebildeten erzeugen die Schläge des Schicksals, welche die Eltern empfingen, Gegenschläge auf die Kinder.« Wie oft wird nur gestraft, weil eine üble Laune reizbar macht. Wie oft härter, als recht ist, weil das Schreien der Kinder zum Unwillen hinreißt.

»Wer sich gern lässet strafen, der wird klug werden; wer aber ungestraft seyn will, bleibt ein Narr,« sagt ~Salomo~, und daher sorge der Erzieher dafür, daß seine Zöglinge nicht ihr Herz der Strafe verschließen, daß sie ihnen Wohlthat werde, und das wird sie seyn, wenn sie ohne Unwillen und Heftigkeit geschieht, mit allen Zeichen des Bedauerns, daß man strafen muß. -- »Wer seiner Ruthen schonet, der hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, züchtiget ihn bald« (Pred. Sal. 13, 24.). Die Strafe zu rechter Zeit und auf die rechte Art macht bald alle Strafe unnöthig und entbehrlich. »Der hat die Ruthe schlecht angewendet, der sie hernach zum Stock verdichten muß.« Aber ganz entbehren kann das Kind der Strafe nicht, ob es gleich einige gibt, die so weiche moralische Anlagen haben, daß schon die leiseste Aeusserung des Unwillens harte Strafe ist. Kinder von heftiger Gemüthsart werden unerträglich verwildern, und bringen es bis zur Wuth, wenn sie nicht gestraft werden. Sir. 30, 9. 12. -- Ein Kind, das schlägt, werde geschlagen. Aber hütet euch, ein Kind durch Schlagen zu zwingen, daß es abbitten soll -- oder ihm eine Schand-Strafe aufzulegen. -- »Schande,« sagt ~Friedrich Richter~, »ist eine geistige Hölle ohne Erlösung, worin der Verdammte nichts werden kann, als höchstens ein Teufel.« -- Auch werde nie die kleinste Strafe ~spottend~ auferlegt, sondern ernst, öfter trauernd. Der elterliche Gram läutert dann den kindlichen, und macht das Herz für die Ermahnung empfänglich, die die Strafe begleitet.

21.

Strafe kann nicht so viel verderben, als Lob und entzogene Nachsicht. Wir haben gewöhnlich einen falschen Maßstab, nach welchem wir das Betragen, die Aeusserungen und die Unarten der Kinder beurtheilen. Wer sich am besten in die Kindes-Seele hinein versetzen kann, wird der beste Erzieher seyn. »So ihr nicht werdet wie die Kinder,« das gilt auch hier. Liebevolle und freundliche Behandlung sey durchaus in der Erziehung herrschend; doch fehle auch Strenge und Strafe nicht, so oft das jugendliche Gemüth durch diese erst jene muß verstehen und schätzen lernen. Wer nicht hört, soll fühlen. -- Aber ferne sey jenes eben so unnütze als verderbliche Moralisiren über das Betragen und die Unarten der Kinder, womit viele Erzieher ihre ganze Pflicht erfüllt zu haben glauben, und das nur in seltenen Fällen, und als liebreiche Vorstellung der traurigen Folgen eines Vergehens fruchtet. Je mehr Freiheit, desto mehr Güte und Wahrheit. »Was also durch einen Wink bewirkt werden kann, soll nicht durch ein Wort geschehen, und was ein Wort ausrichten kann, dazu soll nicht eine Ermahnungs-Rede gehalten werden.«

In der Erziehung wird eben so oft und sehr durch Versagung als Zugestehung der Nachsicht und Schonung gefehlt, und fast alle Erziehungs-Gebrechen lassen sich hierauf zurückführen. Die Mittelstraße hier zu entdecken, ist auch eben so schwer, als sie ohne Abweichung zu gehen, da die meisten Kinder eben so sehr zur Liebe, als zum Unwillen reizen, und die Geduld so sehr in Anspruch nehmen, als sie der Liebe bedürfen, und da dem durch Weichlichkeit oder Erziehungs-Vorurtheile befangenen Erzieher so leicht die nachtheiligen Folgen der Nachsicht und Strenge entgehen, besonders was die Lüsternheit der Kinder betrifft.

22.

Bei allem Unterricht und aller sittlichen Bildung durch Ermahnung, Warnung, Ermunterung, Tadel und Strafe, werde immer mehr dahin gearbeitet, daß das Kind sich selbst bestimmen, und aus eigenem Antriebe handeln lerne, damit es früh zur Selbstherrschaft gelange, und keiner Bewachung oder peinlicher Aufsicht bedürfe.

Nie muß man den Zweck alles Erziehens aus den Augen verlieren, welcher ist, daß der Mensch selbstständig werde, sich selbst beherrschen und leiten lerne, ein ganz freier Mensch werde. Daher stärke die Erziehung seine Vernunft und seine sittliche Kraft, übe ihn im Ueberlegen, Nachdenken, Entsagen und Erdulden, belebe seine guten Gefühle, wecke und nähre Ehrfurcht gegen Gott, und lehre ihn merken auf die Regungen und Urtheile seines Gewissens, damit so früh als möglich die eigentliche Aufsicht und Erziehung entbehrlich werde. Aus solchen Kindern, die immer unter der strengsten Zucht, und unter peinlicher Aufsicht gehalten werden, können nie recht brauchbare Menschen werden. Je früher Kinder an feste Grundsätze gewöhnt, und durch ihr Gefühl und ihre Einsicht gebunden werden, desto früher entwickelt sich der Charakter. Doch gibt es auch gewisse weiche Naturen, die jeden Eindruck annehmen, und gewisse lebhafte und sinnliche, die es nie oder sehr spät erst zu reifer Ueberlegung und Selbstbeherrschung bringen. Diese bedürfen der längern und sorgsamern Erziehung und Leitung. Aber auch diese werden endlich sich selbst bestimmen, und sich beherrschen lernen, wenn sie sorgfältig gebildet, regelmäßig beschäftigt, und in eine solche Laufbahn gebracht werden, in welcher ihnen wenig Muße übrig bleibt, oder wenn ihr Ehrtrieb beständig wach erhalten wird. Bei Mädchen ist es besonders Schamhaftigkeit, und der Trieb zu gefallen, der bei solchen Naturen die Stelle der sittlichen Kraft vertritt, oder diese ergänzt.

23.

Indem man Kindern zuweilen die Verwendung von Zeit und Geld überläßt, und sie nur von Ferne beobachtet -- indem man sie in Lagen bringt, wo sie ihrem eigenen Urtheil überlassen sind -- indem man ihnen Aufträge ertheilt -- indem man endlich gemißbrauchte Freiheit nachdrücklich, jedoch nicht durch Entziehung aller Freiheit straft -- wird man diesen Zweck erreichen.

Je mehr die Erziehung nach festen Grundsätzen geschieht, je mehr sich Erzieher hüten, mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen, je mehr weise Güte, mit Ernst gepaart, in der Erziehung herrscht, desto eher wird die Selbstbestimmung erfolgen. Je mehr dagegen der Erzieher schwankt, und von der weichlichsten Güte zur härtesten Strenge übergeht; je mehr er der Sinnlichkeit Nahrung gibt und Laune duldet, desto schwerer wird es ihm werden, seine Zöglinge in Ordnung zu erhalten, und zur Selbstherrschaft zu erheben.

Emilie ist sinnlich und lebhaft -- vergißt sich leicht -- ist leicht hingerissen; aber wenn man ihr sagt: »wird es Dir wohl heute möglich seyn, Dich in Deiner Lustigkeit zu mäßigen? Du würdest mir eine große Freude machen« -- erhält sie eine gewisse Kraft über sich. Ein treffliches Mittel ist auch der Auftrag, über kleinere Kinder die Aufsicht zu führen, ihre Spiele zu leiten -- daher Kinder, die junge Geschwister haben, eher sich ausbilden.

Härte und übertriebene Strenge in der Erziehung werden bei gut organisirten Kindern bei weitem nicht so gefährlich wirken, als übertriebene Weichlichkeit und Nachsicht. Gegen jene ist dem Kinde in seiner unerschöpflichen Liebe eine Waffe und Gegengewicht gegeben; aber dieser muß es ohne Rettung und Widerstand unterliegen, weil sie ihm nur als Wohlthat erscheinen kann.

24.

Der junge Mensch sey nie von solchen Personen umgeben, von welchen er Schlechtes sehen und hören könnte; seine Gespielen seyen gut erzogene Kinder, seine Hausgenossen gut gesittete Menschen.

Die schwerste, und eine unauflösliche Aufgabe der Erziehung ist die, Kinder gänzlich vor dem verderblichen Einfluß böser Beispiele zu verwahren, und sie mit lauter guten Menschen und guten Eindrücken zu umgeben. Da dieß nicht möglich ist, so muß es die Erziehung dahin zu bringen suchen, daß das Herz des Kindes dem Einfluß des Bösen widerstehen könne, und keinen sittlichen Schmutz annehme. Hier wirken mehr, als andere, die religiösen Gefühle und Gesinnungen. Ist das Kind mit diesen ausgestattet, so werden ihm böse Beispiele, Versuchungen und Reizungen nicht nachtheilig werden. Ist das sittliche und das ästhetische Gefühl der Kinder genährt und veredelt, so werden sie nur Abscheu und Widerwillen bei dem Bösen, was sie sehen und hören, empfinden und nichts davon annehmen. Nur das Böse haftet, was sie von solchen Menschen hören und sehen, welchen sie mit Achtung, Vertrauen und Liebe ergeben sind. Daher haben sich Eltern und Erzieher sehr sorgfältig zu hüten, daß sie sich nicht zuweilen vergessen, z. B. in der lebhaften Freude, oder im Unmuth und in der Heftigkeit; -- daß sie höchst vorsichtig bei Scherzen und Urtheilen sind. Vergeblich versucht man, wieder aufzubauen, was man durch unbedachtsamen und unbesonnenen Scherz und Spott niedergerissen hat; daher sind witzige Menschen keine gute Erzieher. Da es in jeder Familie Menschen gibt, deren Sitten nicht rein sind, oder nicht fein genug, so muß man mit Kindern hierüber ganz offen reden, und sie warnen, aber zugleich auf die guten Eigenschaften solcher Personen aufmerksam machen.

25.

Hier ist die dunkle Seite der öffentlichen Schulen und größern Erziehungs-Anstalten. Doch ist freilich hier auch neben dem Schlimmen das Gute; denn wo kein Widerstand und kein Hinderniß zu überwinden ist, da ist auch keine Kraft-Entwickelung möglich. Solche Kinder, die sich so leicht verführen lassen, sind überhaupt schwach, und würden auch geringeren Versuchungen unterliegen. Man unterlasse nur nicht, Kinder, so bald sie es begreifen können, mit den Gefahren bekannt zu machen, welchen man sie aussetzen muß.

In Ansehung der Gespielen nur sey die Erziehung höchst vorsichtig, weil bei dem Spiel das Herz sich ganz hingibt, die innigste Vertraulichkeit entsteht, und eine wechselseitige sehr starke Einwirkung Statt findet. Auch tragen gute Gespielen sehr viel zur Entwickelung der geistigen und sittlichen Anlagen bei. Man bringe lebhafte Kinder zu lebhaften, phlegmatische zu lebhafteren, aber nicht zu den lebhaftesten. Das phlegmatische Kind läßt sich von dem lebhaften alles gefallen, und dies wird herrschsüchtig und eigensinnig. Am besten ist es, wenn die Gespielen sehr verschiedenen Gemüths sind, ohne gerade ganz entgegengesetzte Gemüthsart zu haben. Kinder von vornehmeren und geringeren Ständen zusammen zu bringen, ist selten rathsam; es müßte denn das Kind geringeren Standes sich durch ausgezeichnete Fähigkeiten geltend zu machen wissen, und reine Sitten haben. Dagegen ist es sehr vortheilhaft, gut unterrichtete Kinder zu Lehrmeistern der Vernachlässigten zu machen. -- Kinder, die sich fortdauernd nicht vertragen, bringe man ja auseinander.

26.

Man lasse die Kinder übrigens ihre Gesellschaft frei wählen, so bald man überzeugt ist, daß sie gut wählen werden, und dann auch ohne Aufsicht spielen. Am besten ist es, wenn sie immer einige ältere zu Freunden haben, an welche sie sich durch den Nachahmungstrieb hinaufbilden; aber auch jüngere, um ihr Selbstgefühl nicht zu verlieren, und hauptsächlich ihres Gleichen, weil das Gleiche sich am innigsten vereinigt, und am glücklichsten fortstrebt.

27.

Nicht zu früh führe man Kinder in die Gesellschaft der Erwachsenen, nämlich nicht eher, als bis sie Ausbildung und Muth genug haben, sich in dieser Gesellschaft wohl zu befinden, und aus ihr Nutzen zu ziehen, und auch dann geschehe es nicht zwangsweise, und nicht zu oft und zu lange! Es ist bedenklich, Kinder stundenlang in einer erzwungenen Ernsthaftigkeit und Ruhe zu erhalten, nicht zu gedenken, daß man eine Grausamkeit an ihnen begeht, oder auch, wenn man sie gütig behandelt, zu einem gewissen vorlauten Wesen und zu einer unbescheidenen Dreistigkeit verleitet; oder sie zu Drathpuppen macht, die lauter Manieren, und keine Natur mehr haben. Je mehr die Gesellschaften gemischt sind, desto gefährlicher sind sie Kindern, da nur wenig Erwachsene so viel Achtung und Rücksicht für Kinder haben, als diese fordern können und bedürfen. Herangewachsenen Kindern, und besonders Mädchen, ist es freilich vortheilhaft, wenn sie sich in Gesellschaft geachteter Personen in ihre Gewalt bekommen lernen, aber auch nur solchen. Mädchen müssen früher die gesellschaftliche Sitte und die Sprache des Umgangs lernen, früher eine gewisse Dreistigkeit bekommen, damit sie nicht in kindische Blödigkeit versinken, und dadurch lästig werden.

28.

Waren Kinder in gemischter Gesellschaft, so erforsche man, was auf sie Eindruck gemacht hat, belebe die guten, schwäche die bösen Eindrücke, mache sie aufmerksam auf den Ton der Gesellschaft, und leite ihr Urtheil darüber; erlaube ihnen keinen spöttelnden Tadel des Gesehenen und Gehörten, lehre sie mehr das Unsittliche und Thörichte, als das Lächerliche auffinden und beurtheilen, und bewahre sie vor der conventionellen Heuchelei und Abgeschliffenheit.

Die traurige Kunst, sich mit Anstand und Geduld zu langweilen, müssen Kinder nie lernen; eben so wenig die Fertigkeit, viel Worte zu machen, und die, zu schmeicheln. In so fern die Theilnahme an Gesellschaften Nahrung der Eitelkeit und des Stolzes werden kann, ist sie besonders zu verhüten, wenn nicht die ganze Frucht der Erziehung verloren gehen soll.

Dabei darf die gesellschaftliche Bildung nicht vernachlässigt werden. Bringt man junge Leute zu spät in die Gesellschaft der Erwachsenen, so leiden sie an unheilbarer Blödigkeit und Ungelenkigkeit, und werden der Umgangssprache nie mächtig. Aber die Erziehung muß sie zuvor in den Stand gesetzt haben, an einem gesellschaftlichen Gespräche Antheil nehmen zu können; ihre Urtheilskraft muß nicht mehr ungebildet, ihre Sprache gereinigt, ihr Geschmack geläutert seyn. Denn was junge Leute in Gesellschaft einsylbig, blöde und verlegen macht, das ist nur Bewußtseyn ihrer Unwissenheit und Mangel an Gedanken und Kenntnissen.

29.

Viel verdanken wir dem gesellschaftlichen Umgange, und er darf von den Erziehungsmitteln nicht ausgeschlossen werden. Die Mittheilung von Gedanken, Urtheilen und Gefühlen befördert sehr die Bildung des Geistes und des Herzens. Eben so belebt der Umgang alle wohlwollende Gefühle, und übt in der Selbstverläugnung. Das Mädchen, mit größeren Anlagen zur Geselligkeit ausgestattet, und durch diese die Seele der Gesellschaft, soll auch hierin nicht vernachlässigt werden. Aber wenn sie zu früh in Gesellschaft geführt wird, besonders bei äusserer Annehmlichkeit und Liebreiz, so erhält sie eine gefährliche Nahrung für ihre Eitelkeit. Doch auch nicht zu spät, damit sich nicht Blödigkeit festsetze, die so viel gesellschaftliche Freude verbittert, und so schwer beseitigt wird. Man führe eben darum das Mädchen nicht eher in die Gesellschaft, als bis sie in dieser etwas gelten, und zur gesellschaftlichen Unterhaltung beitragen kann, und präge ihr dann ein, daß auch sie der Gesellschaft werth sey, wenn sie ihren Beitrag zur Unterhaltung gibt; aber eine Last für sich und die Gesellschaft, wenn sie ihn aus Blödigkeit zurückhält. Man bewahre sie vor gemischten Gesellschaften, und solchen, wo sie zu sehr allein da steht; man lehre sie die Sprache des Umgangs, und übe sie selbst darin, damit sie es zur Fertigkeit bringe; man gebe ihr zuweilen Aufträge, die dahin abzwecken, z. B. Bestellungen.

30.

Alles, was für die Verstandes-Bildung geschieht, werde zugleich Bildungsmittel für das Herz und den Geschmack, und umgekehrt, damit alle Einseitigkeit und Halbheit vermieden, und das Kind zum Menschen gebildet, zur Menschenwürde erhoben werde.

Unterricht und Erziehung sollten nicht scharf von einander getrennt, nicht als zwei ganz von einander verschiedene Geschäfte betrieben werden; denn nur da, wo aller Unterricht erziehend, und alle Erziehung belehrend wirkt, nur da kommt man zum Zweck. Der Unterricht wirkt aber dann erziehend, oder auf Gesinnung und Gefühl, wenn er wohlwollend, im Ton der Liebe und Güte ertheilt wird, wenn man die Kinder immer darauf hinführt, warum und wozu sie Kenntnisse einsammeln, sie auf ihr Inneres merken, sie unmittelbar das Gelernte und Begriffene anwenden lehrt; wenn man sorgt, daß gegenseitige Liebe bei dem Wetteifer sey, wenn man bei dem Unterricht es nicht bloß auf Anregung des Ehrtriebes, sondern auch der Frömmigkeit und Sittlichkeit anlegt, und sich hütet, den Unterricht in einen bloßen Mechanismus ausarten zu lassen, oder gar in eine Zwangs-Anstalt und Arbeits-Strafe. Je mehr man den Kindern Lust und Liebe zum Unterricht beizubringen weiß, je besser das Verhältniß des Lehrenden zu den Lernenden ist, desto wohlthätiger wird er wirken. Bei dem Unterricht werde nie Anstand und Sittlichkeit verletzt, nie das Ehrgefühl gemißhandelt, aber auch nie das Kind weichlich geschont; er sey Anstrengung, aber angemessene und nicht zu anhaltende; es werde dabei eine Regel befolgt, doch ohne Härte und Zwang. Alles Gelernte und zu Lernende werde zugleich als Nahrung für Verstand und Gefühl benutzt. Also sey das Lesen nicht bloß Fertigkeit, sondern auch Ausdruck des Gefühls, welches der Inhalt anregen oder beleben soll; das Schreiben auch Bildungs-Mittel für den Schönheits-Sinn; das Rechnen Belebung des Sinnes für Ordnung, der Sorgfalt und des Fleißes, der Geduld und Ausdauer; die Musik Belebung frommer Gefühle und des Sinnes für Harmonie und Wohllaut, Veredlung des Herzens und Besänftigung der Leidenschaften -- jede Arbeit Ermunterung zur Geduld und Uebung darin, als Pflicht-Erfüllung, als Sorge für Andere.

31.

Alles, was die Erziehung thut, werde Beförderungs- und Befruchtungs-Mittel für den Unterricht, besonders durch Gewöhnung an Ordnung, Regelmäßigkeit, Aufmerksamkeit, Nachdenken, Fleiß und Gehorsam. Es komme nie dahin, daß die Kinder, von der übertriebenen und lieblosen Strenge der Erziehung verleitet, sich dem Gebot zu entziehen suchen, oder es umgehen, und die Erziehung biete ihnen nie einen Anlaß dar, und reize sie nie, sich zu widersetzen, oder bemerkte Schwachheiten zu benutzen.

Jeder sclavische Gehorsam sey verbannt, damit das Kind sich seiner Menschenwürde bewußt werde. Jede Unterredung sey belehrend und ermunternd, so wie der ganze Umgang mit dem Kinde bildend und erhebend. Das Kind werde nie mit seinen Fragen abgewiesen, nie in seiner Thätigkeit und seinem Fleiß durch Unordnung und Geräusch gestört, nie durch Vergnügen von der Erfüllung der Schülerpflicht abgehalten, nie wegen seiner Anstrengung beklagt. Durch Erziehung lerne das Kind seine Pflichten kennen, seine Verhältnisse achten, seinen Willen beherrschen; die Erziehung führe es zu Gott. Besonders sorge die Erziehung, daß dem Kinde Schätzung seiner Menschenrechte beigebracht, und das Herz vor Vorurtheilen der Geburt und des Standes bewahrt werde; denn diese verfinstern den Verstand, und lähmen die sittliche Kraft, zerstören alle Einwirkung guter Grundsätze, und bringen Willkühr hervor.

Darum werde das Kind nur wenig, und nur von andern Kindern, besonders seinen Geschwistern, bedient; darum lerne es ~bitten~, auch Dienstboten bitten; es werde Lehrer der Kleinern, es thue ihnen Handreichung, auch beschwerliche Handreichung. Da durch Lehren gelernt wird, so kann man nicht früh genug die Kinder zu Lehrern der Kinder machen. Indem sie diesen ihre kleinen Kenntnisse mittheilen, wächst zugleich Wohlwollen und Liebe, werden sie in der Geduld geübt. Auf gleiche Art stärke sich Geduld und Kraft der Selbstverleugnung bei dem Lernen und bei häuslichen Arbeiten, und daher mache man ihnen nicht alles zu leicht, erspare ihnen nicht jede kleine Beschwerde, fordere sie zur Selbstverleugnung auf, gebe ihnen Anlaß zur Ueberlegung, und zum Handeln mit Ueberlegung.

32.

Die Art, wie der Unterricht ertheilt wird, die Liebe, die Nachsicht und Geduld, die man dem Kinde beweist, die Art der Ermunterung und des Tadels, die strenge Ordnung, welche man dabei beobachtet, die gewissenhafte Treue, mit welcher die festgesetzten Stunden des Unterrichts gehalten werden; der Eifer des Lehrenden, seine Freude über bemerkte Fortschritte, seine Traurigkeit über Nachlässigkeit und Trägheit, das alles müsse den Charakter des Kindes begründen helfen.

33.

Da es in der Erziehung keinen Stillstand geben darf, indem jeder Stillstand ein Rückschritt seyn würde, so sey das Streben nach dem Ziele ein rastloses und eifriges, und dem Zögling stehe dies Ziel, wie dem Erzieher, immer vor Augen, damit Beider Eifer nie erkalte und nie ermatte. Der Zögling werde sich der gewonnenen Kraft und Kenntniß mit Freude bewußt, und diese Freude werde ihm der Sporn zu neuer Anstrengung. Nie erscheine ihm das Lernen und Gehorchen als ein mühseliges Tagewerk, sondern als der einzige Weg, an das Ziel zu kommen.

34.

Je öfter es in der Erziehung scheint, als sey die Kraft und Anstrengung des Erziehers vergeblich aufgewandt, als sey gar keine Annäherung zum Ziel, desto nöthiger ist es, daß der Erzieher sich überzeuge, sein Eifer dürfe, auch bei dem ungünstigsten Erfolge, und bei diesem gerade am wenigsten, nachlassen, sondern müsse unter allen Umständen sich gleich bleiben -- und wenn er sich gleich bleibt, so könne auch der Erfolg nicht ausbleiben. Diese Ueberzeugung erlangt man nur durch eine sorgsame Erforschung der Natur des menschlichen Geistes, und durch eine sorgfältige Beobachtung des Zöglings, so wie durch eine gewisse ~Bescheidenheit und Mäßigkeit in seinen Erwartungen und Forderungen~. Der Erzieher darf eben so wenig, wie der Arzt, an die Untrüglichkeit der Regeln seiner Wissenschaft glauben, und muß, wie dieser, von der Natur das Meiste und Beste, von seiner Kunst und Wissenschaft das Wenigste erwarten, muß nie der Natur entgegen arbeiten, sie nie zwingen wollen; aber sorgfältig der Natur nachspüren und nachgehen, und ihre Winke beachten, ihre Rechte heilig halten, ihren Beistand weise und sorgfältig benutzen, ihre Forderungen ehrerbietig beachten. Wer bei jedem Zöglinge denselben Erfolg von seinen Erziehungsmitteln und Maßregeln erwartet, dessen Eifer wird bald erkalten, und dessen Muth muß sinken, und alles Erziehen muß ihm zuletzt als ein zweckloses und fruchtloses Werk erscheinen.

35.