Ueber den Umgang mit Menschen

Part 24

Chapter 243,544 wordsPublic domain

Mit dem Alter des Spieles und der wirkenden Phantasie wird die positive Einwirkung nothwendig; denn überließe man die Kinder sich selbst, so würden sie auf dieses und jenes, und auf allerlei Thörichtes und Gefährliches verfallen, oft nicht wissen, wie sie der Langenweile wehren sollen, schiefe Richtungen annehmen, alles Gesehene und Gehörte blindlings nachmachen, und schlechte Gewohnheiten sich aneignen. So geschiehet es auch durch Verspätung und Vernachlässigung des positiven Einwirkens durch Gebot und Strafe, Ermahnung und Warnung, daß die Kinder den Eltern über den Kopf wachsen. Je mehr die Kraft sprudelt, desto mehr muß sie beschäftigt und geleitet werden. Die Kinder wollen und bedürfen dann viel, besonders körperliche Beschäftigung, und fehlt diese, so regt sich Unmuth, Widerspenstigkeit, und es erscheint eine ganze Reihe von Unarten. -- Man verhüte mit Strenge üble Gewohnheiten. Jedes Ausarten der Lebhaftigkeit und der Freude in Wildheit und Ausgelassenheit, jeder Ausbruch des Eigensinnes, des Leichtsinnes und des Muthwillens; jeder entschiedene Ungehorsam, so wie das Abweichen von der Wahrheit; endlich beharrliche Trägheit und Faulheit erfordern eine unmittelbare und kräftige Einwirkung der Erziehung, und hiebei sich leidend verhalten, heißt: sich an den Kindern schwer versündigen. Denn wird z. B. den eigensinnigen Kindern nicht zu rechter Zeit der Wille gebrochen, den Trägen der Sporn angesetzt, den Wilden Einhalt gethan, so werden endlich die Hindernisse der Erziehung unüberwindlich, und es entsteht eine solche Ausartung des kindlichen Gemüths, ein solches Uebergewicht der Sinnlichkeit, daß zu gewaltsamen Mitteln geschritten werden muß. Die weichliche und falsche humane Erziehung scheuet und vermeidet jedes Verbot, als Eingriff in die vermeintlich-rechtmäßige Freiheit der Kinder, und verdirbt dadurch das ganze Werk. Durch Verbote muß man den Kindern, nie durch Strafe, zu Hülfe kommen, und sie aus Fesseln erlösen, die sie nicht selbst zu zerbrechen die Kraft haben, so wie man sie eben dadurch aus sinnlicher Betäubung weckt, in welcher sie zu Grunde gehen müßten.

4.

Je jünger der Mensch, desto mehr werde von Seiten des Gefühls, je älter, desto mehr von Seiten des Verstandes auf denselben gewirkt, doch so, daß er nie von der einen oder andern Seite vernachlässigt, auch daß er durch Beides zur ~Vernunft~ geführt werde.

Was im frühsten Alter bloß empfunden wurde, wird späterhin gedacht, für nützlich und gut erkannt. Man würde also widernatürlich handeln und verderben, wenn man das frühere Alter mit Vorstellungen, oder das spätere mit bloßen Gefühls-Eindrücken lenken wollte. -- Bewahrung der kindlichen Herzens-Reinheit, durch Verhütung alles verführenden Umgangs und verführerischer Beispiele durch milde Behandlung -- dann Gewöhnung zum Nachdenken durch fleißiges Fragen: warum willst Du dieß, hast Du dieß gethan? -- Gewöhnung zur Ordnung und Thätigkeit, das sind die einfachen und wirksamen Bildungsmittel, welche, zu rechter Zeit angewandt, ihres Zweckes nicht verfehlen. Es ist also das Moralisiren bei Kindern von 3 bis 6 Jahren nicht nur vergeblich, sondern auch verderblich. Bei Kindern von lebhafter Phantasie und lebhaften Gefühlen muß das Nachdenken früher angeregt, und mehr auf Entwickelung des Verstandes gewirkt werden.

5.

Das Gefühl werde von Anfang und immer zart behandelt, doch so, daß es zur Ertragung des Widrigen erstarke.

Harte Eindrücke stumpfen ab und erregen zugleich widrig; daher rauh behandelte Kinder gefühllos, träge, kalt, störrisch, verschlossen, boshaft und linkisch werden, wie das besonders an Bauernkindern sichtbar wird. Die Schule kann hier nur wenig entgegen wirken. Doch muß die Jugend für das Leben erzogen werden, und also auch Unannehmlichkeiten ertragen lernen; daher hüte man sich vor dem Bedauern bei geringfügigen Unfällen und Beschwerden, vor dem Entfernen oder Erleichtern jeder Beschwerde und Anstrengung, vor Verwöhnung durch Gemächlichkeit, z. B. wenn man die Kinder in geheizten Zimmern sich auskleiden und schlafen läßt. Doch soll die Jugend jeder Stunde ihres Lebens froh werden. Sie wird es aber eben dadurch am sichersten, daß man sie in die Nothwendigkeit setzt, die Freude und den Genuß durch Beschwerde zu erringen, und daß man sie vor jener Verzärtelung bewahrt, welche die Quelle der bösen Laune und so vieler peinlichen Zustände des Körpers und des Gemüths ist, in welchen alle Freude und aller Genuß untergeht. Der Verwöhnte hat immer etwas zu fürchten oder zu leiden; überall zeigen sich Störungen seiner Freude -- er begehrt einen Zustand, welcher in der wirklichen Welt nicht Statt finden kann, und darum behagt ihm die Wirklichkeit nicht. So ist es auch, und in noch höherm Grade, mit der Verwöhnung der Empfindung -- Empfindelei ist der Tod alles Lebensgenusses und aller frohen Gefühle.

6.

Der Verstand werde von Anfang erweckt, fortgebildet, und auf seine Sphäre hingewiesen, so daß das heranwachsende Kind immer mehr zur Einsicht gelange.

Auf seine ~Sphäre~ oder den ihm von der Natur angewiesenen Kreis, aus dem also die Erziehung und der Unterricht nicht heraustreten dürfen, wenn sie mit glücklichem Erfolge begleitet seyn sollen. Das Kind soll an Selbstthätigkeit und Selbstgefühl gewinnen, damit es die natürliche Trägheit auf der einen, und den ungeregelten Trieb zur Thätigkeit auf der andern Seite beherrschen lerne. Jene aber muß ein verderbliches Uebergewicht erhalten, wenn das Kind zu spät, oder seinen Kräften nicht angemessen beschäftigt wird, und dieser wird ausarten, wenn er nicht zu rechter Zeit seine Richtung auf das Nützliche und Gute erhält. Daher die Erscheinung, daß der Mehrtheil der Kinder entweder an einer unheilbaren Schwäche des Denkvermögens, oder an einer eben so verderblichen Schwäche der Einsichten leidet, indem man den Verstand mit einer Menge von Kenntnissen überladet, die er nicht zu fassen vermag. Hier wird es sichtbar, wie viel auf richtige und naturgemäße Methode, auf die ~Geistes-Diät~ ankommt, denn die wahre Methode entfernt sich nicht von der Natur. Sie verschmäht daher nicht den Buchstaben, als der den Geist tödte, noch die Erfahrungs-Kenntnisse, und sämmtliche Hülfsmittel, als unnütz und unwirksam -- noch den Stoff, als der formalen Bildung nachtheilig. Sie sorgt vorzüglich dafür, daß alles Gelernte auch ein Verstandenes oder Begriffenes werde, und legt es daher nicht einseitig auf Bereicherung des Gedächtnisses mit einer Menge unverarbeiteter Materialien an -- sie läßt das Kind in der Natur und Kunst beobachten, erkennen, vergleichen und unterscheiden; sie erneuert und belebt das früher Gelernte und Gedachte, und macht es dadurch immer mehr zum Eigenthum des kindlichen Geistes. So verhütet sie alles Scheinwissen, und einen Wahn des Vielwissens, der das ganze Innere verdirbt.

7.

Die Kräfte des heranwachsenden jungen Menschen erhöhe man in ihrer Zunahme, so daß er sie immer freier gebrauche, und zur ~Selbstständigkeit~ gelange.

Hier scheidet sich die Abrichtung von der Erziehung, oder die einseitige von der allseitigen oder vollständigen. Wenn Kinder von selbst ihre Kräfte an etwas versuchen, so störe man sie nicht durch Tadeln und Kritteln. Dieß gilt von Körper- und Geistes-Kraft. Man überlasse zuweilen sie ihrem Thätigkeitstriebe, und dämme ihn nicht durch Vorschriften ein; aber man suche ihm durch Winke eine nützliche und angemessene Richtung zu geben -- oder -- eine gemeinschaftliche, so daß die geselligen Triebe in Thätigkeit kommen. Ein bewährter Pädagoge (Himly) sagt hierüber folgendes beherzigungswerthe Wort:

»Zuletzt erscheint doch das Wesentliche aller Erziehung darin, daß der Mensch seine Kräfte frei, zweckmäßig und so umfassend nützlich, als möglich, gebrauchen lerne, weil dieß seinem Leben einen Werth gibt, und ihm die Stelle anweiset, wo er als Glied des großen Ganzen wirksam wird. Jeder soll sich, durch Hülfe derer, die auf seine Bildung gewirkt haben, an der Stelle befinden, wo er unter harmonischer Zusammenstimmung seiner Kräfte zu einer ihm selbst befriedigenden, und sein Bestehen in der Gesellschaft sichernden Thätigkeit gelangt. Aber ihn selbst befriedigt keine Thätigkeit, die ihn nur bis zum Brod-Erwerb führt, und keine, die nicht nach Aussen gerichtet ist, nicht irgend etwas ~hervorbringt~. Denn zum Handeln, das heißt, zum Thun nach Aussen, zum Wirken in seiner Umgebung, ist der Mensch bestimmt, und daher ist es das Ziel seiner Bestrebungen und sein innigster Wunsch, einen ihm angemessenen und also ihn befriedigenden Wirkungs- oder Thätigkeits-Kreis zu erhalten. Je freier aber, und je harmonischer und allseitiger sich seine Kräfte entwickelt haben, desto leichter wird er einen solchen Wirkungskreis finden, der ihn befriedigt, und seinem Leben einen Werth gibt. Der Mensch wird aus sich selbst hinausgetrieben, um für Andere zu wirken, und das vereinigte Daseyn der Menschen gleicht einer Maschine von tausend und abertausend in einandergreifenden Rädern. Es erfordert so mannigfache und so viel geartete Verwendung. Darum mußten auch die Einzelnen so vielgeartet seyn, damit jedes Bedürfniß des Ganzen befriedigt werden möge. Der unzerstörbare Zusammenhang menschlicher Dinge fordert und gebietet den wechselseitigen Austausch der Thätigkeit. Die Gesellschaft stößt denjenigen aus, der nichts für sie thun kann oder will. So geschiehet es denn, daß die nächsten physischen Bedürfnisse des Menschen, wie seine feinsten und geistigsten, nur darin befriedigt werden, daß er zu einer angemessenen Thätigkeit nach Aussen gelange. Der Mensch ist also nur dann erst mündig, wenn er seine bestimmte, ihm angemessene Stelle in der Gesellschaft einzunehmen vermag. Er will und bedarf zu seiner Glückseligkeit das Bewußtseyn, daß er im Kreise einer ihm angemessenen Thätigkeit Andern nützlich und werth sey.«

8.

Daher die Regel: Sorge immer für eine ~angemessene~ und ~bestimmte~ Beschäftigung deines Zöglings, und für eine solche, wodurch die harmonische Ausbildung seiner gesammten Körper- und Geistes-Kräfte bewirkt wird, und übereile und versäume dabei nichts.

Jene unordentliche, von einem zum andern überspringende, bei nichts aushaltende Thätigkeit, ist nur Versplitterung der Kraft. Sie wird verhütet durch eingeflößte Liebe für jede Art nützlicher Thätigkeit, erregten Wetteifer, und Vereinigung der Thätigkeit Mehrerer. Die Liebe zur Thätigkeit entsteht durch die Bemerkung des Hervorgebrachten und des Wohlgefallens daran. Der regelmäßigste Gebrauch der Kräfte ist der freieste.

9.

~Man gestatte der fortgehenden Bildung immer mehr Freiheit durch eigne Kraft.~

Es ist zweckwidrig, bei dem Unterricht und Lernen den Kindern zu Hülfe zu kommen, oder auch in leiblichen Angelegenheiten ihnen alles zu erleichtern. Hat man nicht mehr gefordert, als sie leisten können, so bestehe man auch darauf, daß sie es durch eigene Kräfte leisten. Neigt sich die Thätigkeit vorzüglich auf einen Punkt hin, so zwinge man sie nicht -- man impfe ihnen nicht künstlich und gewaltsam ein, was ihrer Natur, ihrem Gemüth und ihren Anlagen nicht zusagt -- man gräme sich nicht, daß sie nicht leisten, was andere Kinder ihres Alters leisten. Haben sie einmal nicht die Anlage dazu, so würde doch nur eine Manier oder steifer Zwang herauskommen, oder man würde wenigstens vergeblich arbeiten. Nur das gehört dem Menschen wahrhaft an, was aus seinem Innern hervorgeht.

Bringt ihr es dahin, daß das Kind fragt, so ist es besser, als wenn ihr ihm vordemonstriret -- erfindet es selbst etwas, so ist es besser, als wenn ihr es ihm vorsagt -- macht es etwas auf seine Weise, und es ist Verstand darin, so lasset es dabei.

So besonders auch bei dem Spielen, wo sich der kindliche Verstand am meisten thätig erweist, und am glücklichsten entwickelt. Da störe man Kinder nicht, enge sie nicht zu sehr ein.

Ein Kind macht Verse, man lasse es. Es zeichnet oft und gern, mögen es für's erste auch nur Karrikaturen seyn; wenn einiges Talent darin sichtbar wird, so halte man es nicht ab. Aber freilich hat diese Regel ihre Grenze. Wenn man sieht, daß ein Kind eine ganz verkehrte Richtung nimmt, seine Kräfte zersplittert -- so thue man Einhalt.

10.

Man veranstalte in der Erziehung alles, so viel möglich so, daß mehr die ganze Umgebung auf den Zögling bildend und erhebend wirkt, als daß er der eigentlichen und strengen Zurechtweisung bedürfe.

Von jeher ist in der Erziehung dadurch gefehlt worden, daß man zu viel ermahnt und zurechtgewiesen hat. Es ist nichts natürlicher, als daß sich Kinder endlich daran so sehr gewöhnen, daß zuletzt keine Ermahnung oder Zurechtweisung mehr Eindruck macht. Hier muß man mehr das Thörichte und Unrechte zu verhüten, und unmöglich zu machen suchen, auch dadurch schon, daß man Kinder auf Reizungen und Versuchungen aufmerksam macht, in die sie gerathen werden, oder diese entfernt und entkräftet. Je liebevoller z. B. die Behandlung ist, und je mehr Vertrauen man den Kindern eingeflößt hat, desto mehr hat man sie vor Versuchungen zum Lügen gesichert; je weniger man ihre Sinnlichkeit durch leckerhafte Speisen reizt, je mehr man sie an einfache Nahrungsmittel gewöhnt, und dafür sorgt, daß der Hunger ihnen die Speise würze, desto weniger werden sie naschen; je sorgfältiger man den Einfluß roher oder unsittlicher Menschen von ihnen entfernt, desto weniger Unarten werden sie begehen; denn die meisten Unarten erzeugt der Nachahmungs-Trieb, der bei Kindern eine unwiderstehliche Kraft hat; je anhaltender und zweckmäßiger man sie beschäftiget, desto weniger Thorheiten werden erscheinen. Wenn Kinder überall, wo sie sich befinden, Ordnung und Reinlichkeit, Fleiß und Betriebsamkeit, Einfalt und Sitten-Reinheit gewahr werden; wenn sie nur gerechte, besonnene und billige Urtheile hören, nur Worte des Friedens und der Liebe, so entsteht Sittlichkeit und Rechtlichkeit von selbst.

In dieser Hinsicht haben Erziehungsanstalten einen bedeutenden Vorzug vor der häuslichen Erziehung, weil sie alles regelmäßiger einrichten, Störungen und Versuchungen kräftiger entfernen, eine genauere Aufsicht anordnen, regelmäßiger beschäftigen und eine feste Tagesordnung durchführen können; nur daß sie auf der andern Seite durch die strenge Regelmäßigkeit auch wohl der freien Entwickelung nachtheilig werden. Und doch ist es so mißlich, von der Regel abzuweichen, und Ausnahmen zu gestatten.

11.

Daß Kinder immer heitere Gesichter, willige Arbeiter, einträchtige Menschen um sich sehen; daß sie einer bestimmten Tagesordnung sich unterwerfen müssen, und von dieser in keinem Falle abweichen dürfen -- dieß entscheidet über ihre Sittlichkeit. Jede feigherzige Unterwerfung unter den Zeitgeist und herrschenden Gesellschaftston, jedes Anschmiegen an Mode und Sitte, auch da, wo sich Vernunft und Gefühl dagegen sträuben, ist in der Erziehung unverzeihlich und führt zu den traurigsten Ausartungen. Die Erziehung darf sich eben so wenig, wie die Frömmigkeit, dieser Welt gleich stellen, wohl aber muß sie die Welt überwinden lehren, und daher dem verderblichen Einfluß des Zeitgeistes die Kraft einer sittlich-reinen Gewohnheit, feste Grundsätze und reine Gefühle entgegenstellen, und die Gesundheit des Verstandes gegen die giftigen Dünste des Zeitgeistes und Zeitgeschmacks zu schützen wissen.

12.

Beschränke die Freiheit Deines Zöglings nicht ohne Noth, und ~bewache~ ihn nicht, anstatt ihn zu beobachten und zu leiten; versage ihm nicht eine Freiheit, die seine Natur und seine Entwickelung fordert. Suche dagegen den Mißbrauch der Freiheit möglichst zu verhüten durch Belebung sittlicher Gefühle, durch Warnung und Zurechtweisung, und dadurch, daß Du seinen Kräften eine angemessene Richtung gibst.

Diejenigen Eltern, welche ihre Kinder aus übergroßer Aengstlichkeit gar nicht aus den Augen lassen wollen, machen sich und diese zu Sclaven, und erreichen ihren Zweck nicht. Allemal werden diejenigen Kinder die ausgelassensten seyn, die zu sehr beschränkt wurden. Man muß erdulden lernen, was Kinder, weil sie Kinder sind, nicht unterlassen können. Nur in Ansehung des Umganges und der Zeit dürfte eine vernünftige Beschränkung der Freiheit sehr nöthig und heilsam seyn, da Kinder noch nicht beurtheilen können, welcher Umgang ihnen nachtheilig, und wie wichtig die Benutzung der Zeit sey. Auch will die Freiheit des Sprechens und Urtheilens bei lebhaften Kindern beschränkt seyn. Diesen aber kann nichts Unglücklicheres begegnen, als wenn sie in die Hände alter Erzieher fallen. Wenn Kinder Liebe zu ihren Eltern und Geschwistern haben, so werden sie sich am meisten im Kreise der Ihrigen gefallen. Zeigen Kinder eine frühe Gesetztheit und Besonnenheit, so lasse man ihnen mehr Freiheit. (Jesus zu Jerusalem im zwölften Jahre.) Besonders verkümmere man ihnen die Spielstunde nicht, lasse aber auch nicht zu, daß sie sie willkührlich erweitern.

13.

Nimm dem Kinde nie sein Eigenthum, und laß es nie ungestraft, wenn es in fremdes Eigenthum greift; halte ihm immer Dein Versprechen, und sey daher auf Deiner Hut, wenn Du ihm etwas versprichst; verletze nie sein Recht (z. B. auf Erholung, Nachsicht, Vertheidigung oder Entschuldigung), und wenn Du etwas der Art thun müßtest, so richte es so ein, daß das Kind Dein Verfahren nicht als Ungerechtigkeit empfinde: laß es sich selbst das Urtheil sprechen; zeige ihm, daß es sein Recht verwirkt habe; beschränke nur den Gebrauch des Rechts, oder die Verwaltung und den Genuß seines Eigenthums.

14.

In der Erziehung darf keine ~Willkühr~ herrschen, denn sie erstickt die edelsten Gefühle, entzieht Vertrauen und Liebe, bringt Verschlossenheit und tückisches Wesen hervor. Hat z. B. ein Kind sein Spielzeug verdorben, so verschenke man nicht das andere, sondern entziehe es ihm nur eine Zeitlang; hat es Geld vertändelt oder vernascht, man nehme ihm das übrige nicht. Zeigt es Geldgeiz oder Habsucht, so wirke man auf eine andere Art entgegen, als durch Wegnehmen, indem man z. B. seine Theilnahme reizt. -- Ist ihm ein unverständiges Geschenk gemacht, so entziehe es ihm nur so, daß Du es aufzubewahren versprichst.

Wenn das Kind nachlässig gearbeitet hat, hat es dann sein Recht auf Erholung verwirkt? Oder wenn es zum zweitenmale fehlt, auf Nachsicht? Oder soll ihm diese immer schwerer zugestanden werden? Darf sich ein Kind lebhaft vertheidigen? Wie leicht kann man Kindern Unrecht thun! Oft wird man durch die Farbe der Handlung irre geführt.

Haben Kinder auch ein Recht, zu weinen, auf ihrem Willen zu bestehen, ungeduldig zu werden?

Besonders hüte man sich, etwas zu versprechen, vor allem Belohnungen, und hernach, bei bessrer Einsicht, nicht zu halten, wenn man dem Kinde nicht begreiflich machen kann, daß die Erfüllung des Versprochenen ihm nachtheilig seyn würde. Es raubt dem Erzieher das Vertrauen und die Liebe.

15.

Tadle nie bitter, und strafe nur dann, wenn Du voraussiehst, oder die Erfahrung gemacht hast, daß gelindere Mittel nicht zum Zweck führen; laß aber auch das gestrafte Kind weder zu schnell, noch zu spät, Beweise Deiner Verzeihung und Liebe sehen. Doch unterlaß es nie, ihm die Fehler seiner Arbeiten und seines Betragens zu zeigen, und sey karg mit Deinem Lobe, aber freigebig mit Deiner Nachsicht, Schonung und Ermunterung. Von der Art, wie Kinder getadelt und gestraft werden, hängt vorzüglich der Erfolg der Erziehung ab. Die Strafe und der Tadel müsse dem Kinde eben so gut als Erweisungen der Liebe erscheinen, wie die Belohnung und das Lob. Ironie und Bitterkeit wirken gefährlich. Das Ehrgefühl muß nicht nur geschont, sondern auch gepflegt werden, doch so, daß dem Kinde immer Liebe mehr gelte als Lob, und es nach jener vorzugsweise strebe. Eine gewisse Weichlichkeit hält vom Strafen und Tadeln zurück, und bringt dadurch viel Böses hervor. Man lasse sich nicht durch die Empfindlichkeit der Kinder abschrecken. Diese Seelenschwäche kann nur durch Wohlwollen und wiederholten Tadel geheilt werden. Eitle Kinder bedürfen vorzüglich als Arznei des Tadels; aber er muß bei diesen besonders in der Sprache des Wohlwollens ausgedrückt seyn, wenn er wohlthätig wirken soll. Den bittern Tadel empfinden sie als eine Ungerechtigkeit, und ihr Herz verschließt sich dagegen. Den Tadel begleite oft das Wort der Ermunterung, und immer trage er mehr die Farbe der Betrübniß, als des Unwillens. Er werde nur dann ausgesprochen, wenn es ungezweifelt ist, daß das Kind etwas Besseres hätte machen können.

16.

Soll der Tadel nicht seine ~Wirksamkeit~ verlieren, so muß er nicht zu oft kommen; nicht seine ~Wohlthätigkeit~, so muß er nicht im Tone der Verachtung ausgesprochen werden; nicht seine ~Würde~, so muß er kein ironischer und spottender seyn; nicht seine ~anregende Kraft~, so muß er mit lebhaftem Gefühl und in der Sprache des Gefühls ausgesprochen werden. Bei lebhaften Kindern, die in jedem Augenblick fast Uebereilungen und Thorheiten begehen, muß die Erziehung mehr übersehen, als rügen, und mehr verhüten, als strafen, mehr abhalten, als verbieten.

Gelindere Mittel, als Tadel und Strafe, z. B. Entziehung einer Bequemlichkeit, ernstes Gesicht, Drohung, Zurechtweisung -- ~scheinen~ oft nur unwirksam, weil die Wirksamkeit nicht gleich sichtbar wird; sie wirken nach, wie fast alle Erziehungsmittel. Ist der wiederholte und verstärkte Tadel unwirksam, so folge ihm unmittelbar die Strafe.

17.

Dem gestraften Kinde gebe man, besonders wenn es zu den lebhaften gehört, und noch keine Spuren der Besserung sich zeigen, nicht zu schnell wieder Beweise der Liebe.

Da die Kinder eher durch Lob, als durch Tadel verdorben werden, so sey jenes noch sparsamer, als dieser. Dagegen darf man in der Erziehung mit seiner Nachsicht freigebig seyn, besonders bei Kindern von zartem und reizbarem Gefühl. In seltenen Fällen nur lobe man, mit Herabsetzung eines anderen Kindes, -- beides, Lob und Tadel, geschehe mehr unter vier Augen, als in Gegenwart Anderer, weil es sonst zu stark als Reizmittel wirkt.

18.

~Rousseau~ verwarf alle Strafen, und vergaß, daß die vorherrschende Sinnlichkeit eines Widerstandes bedarf, wenn ihr das Kind nicht hingegeben werden soll. Es ist eine Art von Ungerechtigkeit, ja es ist Grausamkeit, wenn man das Kind ungestraft läßt, denn man überliefert es dadurch der Knechtschaft seiner Sinnlichkeit, und legt den Grund zu seinem physischen und moralischen Verderben. Der freie Wille muß dem Kinde eben so folgerecht und unaufhaltsam in seinen Wirkungen erscheinen, wie die physischen Folgen, damit es eine moralische Nothwendigkeit erkenne. Wie soll auch das Kind zur Anerkennung der Güte im Gefühl kommen, wenn es diese nie entbehrt, wenn es bei pflichtmäßigem und pflichtwidrigem Betragen mit gleicher Güte behandelt wird? Die weichlichsten, und mit ihrer Güte freigebigsten Eltern haben die undankbarsten und ungehorsamsten Kinder. Der Mensch und das Kind weiß nur zu achten, was errungen seyn will, und nicht unverdient gegeben wird. Das Kind wird und muß sich seinen Eltern gleich setzen, wenn diese ihm nicht den Abstand fühlbar machen.

19.

Alles kommt auf die ~Art~ des Strafens, des Tadelns, des Ver- und Gebietens an. Man kann so strafen, daß die Strafe bessert; aber auch so, daß sie erbittert, und zum trotzigen Widerstande reizt. Darum sind folgende Regeln hiebei sorgfältig zu beobachten:

1. Habt keine Freude am Gebieten und Verbieten, sondern mehr am kindlichen Freihandeln, und mildert das Verbot nach Zeit und Umständen; haltet es zurück, wo es unzeitig ist.

2. Verbietet seltener durch die That, als durch Worte. Reisset also z. B. dem Kinde das Messer nicht weg, sondern lasset es selber, aufs freundliche Gebot, dasselbe weglegen, damit es mit Freiheit handeln lerne.

3. Greifet nie durch euer Verbot in die Rechte des Kindes, z. B. »Du sollst nicht springen, rennen, klettern.«