Ueber den Umgang mit Menschen

Part 23

Chapter 233,667 wordsPublic domain

Ich habe bei mancher Gelegenheit Gegenwart des Geistes und Kaltblütigkeit, als Haupt-Erfordernisse zu allen Geschäften und Verrichtungen im menschlichen Leben, empfohlen; nirgends aber sind uns diese Eigenschaften nothwendiger, als in Vorfällen, ~wo wir, oder Andre, in augenscheinlicher Gefahr schweben~. Hier hängt die ganze Rettung in kritischen Augenblicken zuweilen von einem raschen Entschlusse ab. Halte Dich daher nicht mit Geschwätzen auf, wo es Noth ist, zu handeln! Unterdrücke Dein zu zartes Gefühl, und winsele nicht, wo Du zugreifen solltest! Sey besonnen in Feuer- und Wassers-Noth und ähnlichen Gefahren, wo man oft alles verliert, wenn man den Kopf verliert, -- wo Die, welche wir retten können, zuweilen mit unwiderstehlicher Gewalt gezwungen werden müssen, sich uns zu überlassen! Vorzüglich wichtig wird diese Gegenwart des Geistes auch dann, wenn man unerwartet von Dieben und Mördern angegriffen wird. Räuber und Banditen sind fast immer entweder furchtsam, oder, wenn Verzweiflung sie kühn macht, nicht genug auf ihrer Hut, -- auf ernsthaften, förmlichen Widerstand nicht vorbereitet. Ein entschlossener, kaltblütiger Mann ist da stärker, als zehn solcher Elenden, die ihn angreifen. Hier muß aber wohl überlegt werden, ob es Schaden oder Nutzen stiften könne, sich mit Schieß- oder anderm Gewehre zu vertheidigen, oder nicht; ob es gerathener sey, Lärm zu machen, oder sich in sein Schicksal zu finden; der Uebermacht zu weichen und mit Hingebung seines Mammons sein Leben zu erkaufen, oder das Leben daran zu setzen. Es lassen sich darüber unmöglich allgemeine Regeln geben. Um aber auf jeden dieser Fälle sich gefaßt zu halten, rathe ich, bei kaltem Blute sich in dergleichen Lagen hineinzudenken, und sich dann dienliche Maaßregeln vorzuschreiben. Ich halte es auch für einen wichtigen Theil der Erziehung, seine Kinder zuweilen nicht nur durch Fragen, wie sie sich bei solchen Gelegenheiten betragen würden, aufmerksam auf unerwartete Vorfälle aller Art zu machen, sondern sie auch zuweilen in wirkliche kleine Verlegenheit zu setzen, um sie an Gegenwart des Geistes zu gewöhnen, und sie auf die Probe zu stellen.

2.

In einer Schrift über den Umgang mit Menschen kann nur ein geringer Theil der Regeln Platz finden, welche man auf Reisen und unter Fremden zu beobachten hat; doch darf ich diesen Gegenstand auch nicht ganz mit Stillschweigen übergehen; denn zu dem, was man unter Menschen treibt, gehört doch auch das Reisen. Also einige Bemerkungen ~über das Betragen auf Reisen und gegen Reisende~.

Es ist weise gehandelt, bevor man ausreist, aus Büchern oder mündlichen Erzählungen sich genau von dem Wege, den man nehmen will, von demjenigen, was unterweges und in den Oertern, die man besuchen möchte, zu bemerken, zu beobachten und zu vermeiden ist, nicht weniger von den Preisen und den unvermeidlichen Geld-Ausgaben zu unterrichten, damit man weder betrogen werde, noch in Verlegenheit gerathe, noch etwas zu sehen verabsäume, das der Aufmerksamkeit werth scheint.

Der Mann von Kenntnissen, von einigen Talenten, von unbescholtenem gutem Rufe und von feinen und guten Sitten bedarf nicht einer Menge von Empfehlungs-Briefen, wie die mehrsten Reisenden von gemeiner Art mit auf den Weg zu nehmen pflegen. Er wird sich schon überall bekannt zu machen und in Achtung zu setzen wissen, ohne sich und Andern Zwang aufzulegen. Oft fügt es sich indessen, daß man in einer Stadt, durch Empfehlungs-Briefe oder sonst, mit zwei Personen in Bekanntschaft kömmt, die mit einander in Feindschaft leben. Es ist daher der Klugheit gemäß, an einem fremden Orte, bevor man von solchen kleinen Umständen unterrichtet ist, in den Häusern, in welchen man Zutritt erhält, von seinen übrigen Verbindungen nicht zu reden, gelegentlich aber zu äussern, daß man, als ein Fremder, sich um dergleichen Händel nicht bekümmern wolle.

Man verrechnet sich leicht in seinen Ueberschlägen der Reise-Kosten; ich rathe daher nicht nur, nach gemachtem Ueberschlag, sich immer etwa auf ein Drittel mehr gefaßt zu halten, als die gezogene Summe beträgt, sondern auch besorgt zu seyn, daß man in den Haupt-Oertern, durch welche man kömmt, an sichre Geschäftsmänner gewiesen sey, oder sonst Mittel habe, im Fall unvorhergesehene Umstände eintreten, sich aus der Verlegenheit zu reissen.

In Deutschland hat man mehr, als in andern Ländern, Ursache, wegen des sehr verschiedenen Münzfußes, sich beim Geld-Wechseln in Acht zu nehmen, und es ist etwas sehr Gewöhnliches, daß schelmische Gastwirthe den Fremden dabei hintergehen, oder ihm auf Gold Münze herausgeben, die er auf der nächsten Post nicht brauchen kann.

Wem es ein Ernst ist, seine Menschen- und Länder-Kenntnisse zu erweitern, der mische sich klüglich unter Personen von allerlei Ständen! Die Leute von gutem Tone sehen einander in allen europäischen Staaten und Residenzen ähnlich; aber das eigentliche Volk, oder noch mehr der Mittelstand, trägt das Gepräge der Sitten des Landes. Nach ~ihnen~ muß man den Grad der Kultur und Aufklärung beurtheilen.

Zum Reisen gehört Geduld, Muth, gute Laune, Vergessenheit aller häuslichen Sorgen, und daß man sich durch kleine widrige Zufälle, Schwierigkeiten, böses Wetter, schlechte Kost u. dergl. nicht niederschlagen lasse. Dieß ist doppelt zu empfehlen, wenn man einen Gesellschafter bei sich hat; denn nichts ist langweiliger und verdrießlicher, als mit einem Manne zu reisen, und in einem Kasten eingesperrt zu sitzen, der stumm und mürrischer Laune ist, bei dem geringsten unangenehmen Ereigniß aus der Haut fahren will, über Dinge jammert, die nicht zu ändern sind, und in jedem kleinen Wirthshause so viel Gemächlichkeit, Wohlleben und Ruhe fordert, wie er zu Hause hat.

Das Reisen macht gesellig; man wird da mit Menschen bekannt, und auf gewisse Weise vertraut, die man ausserdem schwerlich zu Gesellschaftern wählen würde; das ist auch weiter von keinen Folgen, wenn man sich hütet, in der Vertraulichkeit gegen Fremde, die man unterweges antrifft, zu weit zu gehen, und dadurch Abentheurern und Spitzbuben in die Hände zu fallen.

Ich rathe niemand, sich auf Reisen einen fremden Namen zu geben; man kann dadurch, ehe man sich's versieht, in große Verlegenheit gerathen; und selten ist es nöthig und nützlich, ein solches Incognito zu beobachten.

Manche Leute suchen etwas darin, auf Reisen zu prahlen, viel Geld zu verzehren, glänzen zu wollen, und prächtig gekleidet zu seyn. Das ist eine thörichte Eitelkeit, die sie in den Wirthshäusern theuer abbüßen müssen, ohne für ihr Geld mehr zu erhalten, als der einfache Reisende. Niemand erinnert sich weiter des Fremden, der so viel Aufwand gemacht hat, wenn dieser weiter gereiset, und nichts mehr von ihm zu ziehen ist. Doch ist es der Klugheit gemäß, anständig, und was man ~rechtlich~ nennt, in seinem Aufzuge zu seyn, sich nicht zu vornehm und nicht zu demüthig, nicht zu reich und nicht zu arm zu stellen, weil man sonst, in beiden Fällen, leicht entweder für einen unwissenden Pinsel, dessen erste Ausflucht dieß ist, und den man also nach Gefallen prellen kann, oder für einen gewaltig vornehmen Herrn, von dem etwas zu ziehen ist, oder für einen Abentheurer angesehen wird, dem man aus dem Wege gehen, und der mit schlechter Bewirthung vorlieb nehmen müsse.

Man spare auf der Reise nicht am unrechten Orte! So gebe man z. B. den Postknechten zwar nicht übertriebene, aber doch nach den Umständen reichliche Trinkgelder. Sie sagen sich das Einer dem Andern auf den Stationen wieder; man kömmt dann schneller fort, und hat manche Vortheile davon, besonders den, daß man ihrer Grobheit nicht ausgesetzt ist.

Wer Bäder besucht, und seine Ruhe, seine Gesundheit und sein Geld nicht verlieren will, fliehe das Spiel, das eigentlich aus allen Bad- und Brunnen-Oertern auf ewig verbannt seyn sollte, und überhaupt nur für die nichtswürdigsten Menschen eine Lieblings-Beschäftigung seyn kann. In Bädern soll Jeder dazu mitwirken, allen lästigen Zwang, nicht aber Sittsamkeit und Gefälligkeit, aus den gesellschaftlichen Zirkeln zu verbannen. Hier muß, besonders wenn der Kreis der Gäste klein ist, eine Menge Rücksichten und Vorsichtigkeits-Regeln, denen man sich im bürgerlichen Leben unterwirft, wegfallen, Duldung und Einigkeit herrschen, und aller Partheigeist bei Seite gesetzt werden. Man lebt da nur für unschuldigen Genuß und Vergnügen. Nach Ablauf dieser Zeit rückt Jeder wieder in die Rolle ein, die der Staat ihm anvertrauet hat.

Deutsche Posthalter, Wagenmeister und Postknechte pflegen in dem Rufe einer ausgezeichneten Grobheit zu seyn. Es kömmt aber alles auf die Art an, wie man mit ihnen umgeht; ein ernsthaftes, von einer gewissen Würde begleitetes Betragen, und, wo es anzubringen ist, ein freundliches Wort, wird bei diesen Leuten selten ohne gute Wirkung angewandt.

Wenn man an dem Wagen etwas zerbricht, so sind mehrentheils in den Städten die Handwerksleute sogleich bei der Hand, verstehen sich auch wohl mit den Postknechten, den Schaden für viel größer anzugeben, als er ist, um desto mehr Geld von dem Reisenden zu ziehen. Ich rathe desfalls, bei solchen Gelegenheiten alles selbst zu untersuchen, oder durch treue Bediente untersuchen zu lassen, bevor man Befehle zur Ausbesserung gibt.

Die Postknechte sind größtentheils von den Gastwirthen bestochen (oder ~ein~ Wirth verabredet sich mit dem andern in der nahe gelegenen Stadt), um dem Fremden gewisse Gasthöfe zu empfehlen, die darum aber weder immer die besten, noch die wohlfeilsten sind. Es ist daher vernünftig, sich hierauf nicht zu verlassen, sondern sich bei andern sichern Leuten zu erkundigen: wo man am besten und billigsten behandelt werde.

Die Bedienten, die man mit sich auf Reisen nimmt, sollen wohl darauf Acht geben, daß die Postknechte, welche mit den Pferden zurückreiten, nicht, wie es vielfältig geschieht, Schwengel, Nägel oder andere Kleinigkeiten, die zum Wagen gehören, mitnehmen. Auch pflegen diese mit den Chaussee-Aufsehern sich zu verstehen, an den Weghäusern vorbeizufahren, unter dem Vorwande, uns nicht aufhalten zu wollen, nachher aber eine Rechnung zu machen, vermöge deren Reisende doppelt so viel bezahlen müssen, als festgesetzt ist, und sie gegeben haben würden, wenn sie das Weggeld jedesmal selbst entrichtet hätten.

Es ist eine Regel der Klugheit, vorher mit Handwerksleuten auf das genaueste zu dingen, bevor man etwas ausbessern läßt, oder sonst Dinge, die zur Bequemlichkeit dienen, an fremden Oertern anschafft.

Kehrt man zum erstenmal in ein Wirthshaus ein, so kann es Vortheil bringen, wenn man den Wirth hoffen läßt, man werde öfter da ansprechen; er pflegt dann billiger mit der Zeche zu seyn, um sich zu empfehlen.

Wenn der Gastwirth übermäßig viel für die Zehrung fordert, und sich nicht auf einen starken Abzug einlassen will: so thut man doch nicht wohl, ihm schriftliche Rechnung und genaue Specification jedes einzelnen Punkts abzufordern, es müßte denn der Mühe werth seyn, ihn bei der Polizei zu belangen. Fängt er an aufzuschreiben, so rechnet er immer noch mehr heraus, als er anfangs gefordert hatte; -- und wer kann dann mit einem solchen Taugenichts über die Preise der Lebensmittel sich herumzanken? In Wirthshäusern, wo Wein zu haben ist, wird der Wirth, wenn man Bier fordert, immer versichern: das Bier sey sehr schlecht. Hier ist der beste Rath, nur gleich Wein zu bestellen, und das Bier hinterher zu verlangen.

Die Wirthe fragen gemeiniglich: was der Gast zu essen wünsche? -- Das ist ein Kunstgriff, durch den man sich nicht fangen lassen muß. Denn, bestellt man nun etwas, z. B. ein Huhn, einen Pfannekuchen, oder dergleichen: so muß man das Gericht, und noch obenein eine gewöhnliche Mahlzeit bezahlen. Man thut da am besten, zu antworten: man verlange nichts, als was gerade im Hause, oder schon zubereitet sey. Auch ist es rathsam, keine fremde Weine, sondern nur gemeinen Tischwein zu begehren. Es kömmt doch alles aus demselben Fasse, nur mit dem Unterschiede, daß das, was man dem Fremden als alten oder fremden Wein verkauft, kostbareres Gift ist, als das, womit man ihn am allgemeinen Wirthstische versorgt. Und selbst an dieser Wirthstafel zu speisen, ist gewiß für einen einzelnen Reisenden wohlfeiler und unterhaltender, als auf seinem Zimmer seiner eignen Person gegenüber zu sitzen.

Manche Postmeister, die zugleich Gastwirthe sind, brauchen folgenden Kunstgriff zu ihrem ökonomischen Vortheile: Wenn man Pferde wechselt, und indeß eine kleine Mahlzeit bestellt, so dauert es ungebührlich lange, ehe diese fertig wird. Indeß werden die Pferde gefüttert und angeschirrt. Kaum aber steht das Essen auf dem Tische, so meldet schon der Postillon mit dem Horn, daß er fertig sey und fort wolle. Man soll also in Eil wenig essen, und dennoch eine ganze Mahlzeit bezahlen. Ich rathe aber, wenn man nicht sehr eilig ist, sich nicht irre machen zu lassen, sondern mit voller Muße zu speisen.

Wenn in Ländern, wo keine gute Post-Ordnung eingeführt ist, Postmeister dem Reisenden mehr Pferde aufdringen wollen, als billig ist, und zu Fortschaffung seines Fuhrwerks nöthig sind, sey es nun unter dem Vorwande von schlechten Wegen, böser Jahrszeit, oder daß die Kutsche zu schwer sey: so hilft es selten, wenn man sich auf's Bitten legt, oder sein Recht, auf eben solche Weise weiter befördert zu werden, wie man gekommen ist, strenge behaupten will; denn jene Leute wissen wohl, daß einem Fremden mehr daran gelegen ist, nicht aufgehalten zu werden, als sich zu verweilen, um einen Proceß bei dem Ober-Postamte zu führen. Da indessen das Vorspannen mehrerer Pferde Folgen für alle übrigen Stationen hat, so pflegen sich die Posthalter, wenn sie recht höflich sind, zu erbieten, einen schriftlichen Schein auszustellen, daß dieß weiter nicht von Folgen seyn solle. Hierauf aber lasse man sich nicht ein! Dies Papier hat keinen Nutzen. Auf dem nächsten Wechselplatze wird man, wenn gerade ein Paar Pferde müssig stehen, nichts desto weniger eben so viele vorspannen, und wiederum einen Schein anbieten, der eben so unwirksam bleiben würde, wie der erste. Das sicherste Mittel bei solchen Fällen ist, entweder dem Wagenmeister ein gutes Trinkgeld zu geben, und den Postillon, welcher fahren soll, auf eben diese Art zu gewinnen, oder ein Pferd ~mehr~ zu bezahlen, ohne es vorspannen zu lassen.

Wenn man Wasser-Reisen auf Strömen macht, oder Hausrath auf diese Weise fortbringen läßt: so baue man nie auf die Versprechungen der Schiffer, in Ansehung der Zeit, binnen welcher sie an Ort und Stelle seyn wollen! Sie halten sich mehrentheils unterwegs auf, um noch mehr Fracht zu ihrem Vortheile aufzunehmen, oder Schleichhandel zu treiben, wenn sie heimlich Kaufmannsgüter mit eingeladen haben; es müßte denn über dies Alles der bündigste schriftliche Contract aufgesetzt seyn.

Wer zu Pferde reist, sey es nun ~mit~ oder ~ohne~ Reitknecht, der darf sich nicht auf die Leute in den Wirthshäusern in Ansehung der Verpflegung seiner Pferde verlassen, sondern muß selbst besorgt seyn, oder seine Bedienten dazu anhalten, daß die Pferde in einem guten, reinen und gesunden Stalle, von fremden Gäulen getrennt, gehörig gewartet und gefüttert werden.

Wenn ich nicht fürchtete, weitschweifig zu werden, so würde ich hier noch manche, gewiß nicht unnütze Vorschrift geben, z. B. daß man fremde Pferde schonen; daß man, wenn man größere Reisen machen will, langsam ~in~ den Stall, und langsam ~aus~ dem Stalle reiten solle; daß man nicht wohl thue, in Städten über Kanäle, die mit Brettern bedeckt sind, zu reiten, und so ferner. Man sage nicht, daß dieß bekannte Dinge sind, Sehr viel Leute lernen zu Pferde sitzen und Pferde bändigen! aber praktisch ~reiten~ lernt man nicht auf der Bahn. Allein ich sehe schon die Herren Krittler die Nase darüber rümpfen, daß so etwas in einem Buche ~über den Umgang mit Menschen~ Platz finden sollte. Wer aber überlegt, daß in diesem Buche überhaupt ~Vorschriften zu einem glücklichen, ruhigen und nützlichen Leben in der Welt und unter Menschen~ gegeben werden sollen, der wird sich wundern, wenn er hört, daß ein +deutscher+ Recensent gesagt hat: ich sey in den Fehler so vieler ~deutscher~ Schriftsteller gefallen, die ihren Werken zu viel Vollständigkeit geben wollten, und darüber freilich -- weniger unterhaltend schrieben.

Das Fußgehen ist gewiß die angenehmste Art zu reisen. Man genießt die Schönheiten der Natur; man kann sich unerkannt unter allerlei Leute mischen; beobachten, was man ausserdem nicht erfahren würde; man ist ungebunden, kann das freundlichste Wetter und den schönsten Weg wählen, sich aufhalten, einkehren, wann und wo man will; man stärkt den Körper, wird weniger erhitzt und gerüttelt, hat gute Eßlust und süßen Schlaf, und ist, wenn Müdigkeit und Hunger der Bewirthung das Wort reden, leicht mit jeder Kost und jedem Lager zufrieden. Doch ist diese Art zu reisen in Deutschland mit einiger Schwierigkeit verknüpft. Zuerst hat man die Ungemächlichkeit, nur wenig Kleidungsstücke, Bücher, Schriften u. dgl. mit sich führen zu können. Diesem kann man indessen dadurch einigermaßen abhelfen, daß man, was etwa ein Bote nicht tragen kann, mit der Post in die Haupt-Oerter schickt, durch welche man reisen will. Allein eine zweite Unbequemlichkeit besteht darin, daß diese, in Deutschland für einen Mann von Stande ungewöhnliche Art zu reisen, zu viel Aufmerksamkeit erregt, und daß die Gasthalter nicht eigentlich wissen, wie sie uns behandeln sollen. Ist man nämlich besser gekleidet, als gewöhnliche Fußgänger, so wird man entweder für einen verdächtigen Menschen, für einen Abentheurer, oder für einen Geizhals gehalten; man wird beobachtet, ausgefragt, und, mit Einem Worte: man paßt nicht in den Tarif, nach welchem die Wirthe ihre Fremden zu taxiren pflegen. Ist man aber schlecht gekleidet, so wird man, wie ein reisender Handwerksbursche, in Dachstübchen und schmutzige Betten einquartirt, oder man muß jedesmal weitläuftig erzählen: wer man sey, und warum man nicht mit Kutschen und Pferden erscheine? Bei Fußreisen ist die Gesellschaft eines verständigen und muntern Freundes vorzüglich angenehm.

Man verlasse sich nicht auf die Bauern, wenn sie uns Fußwege anzeigen, die näher, als die gewöhnlichen, seyn sollen! So wie überhaupt diese Menschen voll Vorurtheile und voll Anhänglichkeit an alte Gewohnheiten sind, so gehen sie auch immer die Wege, die vom Vater auf den Sohn herab für die nächsten sind anerkannt worden, ohne daß sie Augenmaß und Ueberlegung gebrauchen, um die Irrthümer ihrer Voreltern zu berichtigen. Doch kann man hierin auch leicht das Mißtrauen zu weit treiben.

Hat man große Tagereisen zu Fuße zu machen, so genieße man früh Morgens nichts, als ein Glas Wasser! Hat man dann einige Stunden zurückgelegt, und fühlt sich ermüdet, so ist Kaffee und Brod zur Erquickung heilsam. Zuweilen ein Glas Wein, kann auch nicht schaden; Branntewein macht müde und schlaff.

Macht man den Weg durch einen unbekannten Wald, und denkt binnen ein- oder zwei Tagen wieder zurückzukehren: so streue man hie und da abgerissene Zweige auf seinen Pfad, um darnach den Weg wieder zu finden; man gehe nie ohne Gewehr, wenigstens nie ohne Stock!

Ueber das Betragen gegen fremde Reisende ist schon im ~neunten Kapitel~ dieses Theils etwas gesagt worden. Hier füge ich nur noch folgende Bemerkungen bei: man hat in jetzigen Zeiten Ursache, vorsichtig gegen solche Leute zu handeln, nicht nur, um von Abentheurern und schlechten Menschen unbehelligt zu bleiben, sondern auch den sogenannten reisenden Gelehrten nicht Gelegenheit zu geben, aus unsern vertraulichen Gesprächen ihre Anekdoten-Sammlungen zu bereichern, und uns nachher, zum Danke für unsere Gastfreundschaft, gedruckt aufzustellen. Auf der andern Seite aber sey man auch so billig, Fremde, ~die sich uns nicht aufdringen~, edel zu behandeln, und sie nicht etwa zur Geschwätzigkeit zu verleiten, um nachher aus diesen unsichern einzelnen Zügen ein Bild von ihnen zu entwerfen, und der Welt mitzutheilen.

3.

Da leider die Nüchternheit in der Welt immer seltener zu werden anfängt, und der Rum, selbst in Damengesellschaften, an der Tagesordnung ist, so mag hier auch von dem Umgange mit ~betrunkenen Leuten~ die Rede seyn, obgleich bei diesem Umgange wenig Vernunft und Klugheit anzubringen ist. Der Wein erfreuet des Menschen Herz, und wenn man diese Arzenei nicht wie ein nothwendiges Bedürfniß, ohne welches man durchaus nicht in frohe Laune zu setzen ist, sondern wie ein Erweckungsmittel braucht, um in trüben Augenblicken den natürlichen guten Humor, der nie ganz aus dem Gemüthe eines ehrlichen Biedermannes weichen darf, unter dem Schutte von häuslichen Sorgen hervorzurufen: so ist nichts dagegen einzuwenden. Allein kein Anblick ist so widrig für den verständigen Mann, als der eines Menschen, welcher sich durch starke Getränke um Sinne und Vernunft gebracht hat. Wenn es aber auch nicht bis zur völligen Betrunkenheit kommt, sondern nur bei einem Rausche bleibt, so ist es doch eine etwas unbequeme Lage, der einzige ganz Kaltblütige in einer Gesellschaft von Leuten zu seyn, die sich durch ein Gläschen über die Gebühr erhitzt, begeistert, und um einen Ton höher gestimmt haben; und wenn man den Tag mit ernsthaften Geschäften hingebracht hat, und dann des Abends in einen Zirkel solcher Gäste geräth: so ist fast kein anderes Mittel zu finden (oder man müßte denn ~von Natur~ zu den Lustigmachern gehören), als ein wenig mit zu zechen, um sich ~denselben~ Schwung zu geben, oder vielmehr: mit den Wölfen zu heulen.

Die Wirkungen des Weins auf die Gemüther der Menschen sind aber, nach ihren natürlichen Temperamenten, sehr verschieden. Manche zeigen sich äusserst lustig; Andre sehr zärtlich, wohlwollend und offenherzig; Andre melancholisch, schläfrig, verschlossen; Andre hingegen geschwätzig, und noch Andre zänkisch, wenn sie berauscht sind. Man thut wohl, der Gelegenheit auszuweichen, mit Betrunkenen von dieser letztern Art in Gesellschaft zu gerathen. Ist dieß aber nicht zu vermeiden, so kann man doch darin mehrentheils mit einem vorsichtigen, nachgebenden und höflichen Betragen, und dadurch, daß man ihnen nicht widerspricht, so ziemlich gut fortkommen. Daß man auf das, was ein Mensch im Rausche verspricht, nicht bauen dürfe; daß man sich wo möglich hüten müsse, eine Ausschweifung im Trunke zu begehen, wenn man aus warnender Erfahrung weiß, daß man einen bösen Rausch hat; daß es unedel gehandelt sey, diesen schwachen Zustand eines Menschen zu nützen, um ihm Zusagen oder Geheimnisse zu entlocken; und endlich, daß man mit Leuten, die zu tief in die Flasche geschauet haben, keine ernsthafte Sachen verhandeln müsse: -- das versteht sich wohl von selbst.

Allgemeine Behandlung der Kinder in den Jahren der ersten Entwickelung.

1.

Die in ihrer richtigen und ungestörten Entwickelung begriffene Natur des Kindes unterstütze man so, daß sie immer sichtbarer und glücklicher gedeihe. Dazu dient zweckmäßige und abgestufte Beschäftigung -- Uebung der Denkkraft (man soll nicht abweisen die Fragen der Wißbegier und des Forschens), und Mittheilung neuer Kenntnisse, welche an die erlangten geknüpft werden, damit die Seele sie desto leichter aufnehme, und das Unbekannte durch das Bekannte erläutert werde. -- Eine Hauptsache hiebei ist die Belebung des Selbstgefühls durch gemäßigtes Lob und wohlwollende Ermunterung (daher kein Kritteln); Stärkung der Liebe zum Guten durch Belohnung, doch mit Verhütung des Eigennutzes.

2.

Man wechsele mit der mehr negativen und mehr positiven Behandlung, so wie in der Jugend-Entwickelung mehr das eine oder andere vorherrscht. Nicht zu frühes Antreiben zum Lernen und Arbeiten -- und zum Sprechen -- kein Erzwingen von Artigkeit, so lange das Kind noch keinen Sinn für das Anständige haben kann. So soll die früheste Erziehung in dem Erregen und Einflößen guter Gefühle bestehen, oder vielmehr darin, daß man das Kind mit freundlichen Eindrücken umgibt, unter welchen sein Inneres sich still entfaltet.

3.