Ueber den Umgang mit Menschen

Part 22

Chapter 223,465 wordsPublic domain

Uebrigens hat man nicht Unrecht, wenn man behauptet, daß unsre Feinde oft, ohne es zu wollen, unsre größten Wohlthäter sind. Sie machen uns aufmerksam auf Fehler, die unsre eigne Eitelkeit, und die Nachsicht unsrer partheiischen Freunde, und die niedrige Gefälligkeit der Schmeichler vor unsern Augen verbergen. Ihre Schmähungen feuern in uns den Eifer an, desto sorgsamer den Beifall der Bessern zu verdienen; und wenn sie jedem unsrer Schritte auflauren, so lehren sie uns auf unsrer Hut seyn, um ihnen keine Blöße zu geben.

Keine Feindschaft pflegt heftiger zu seyn, als die unter entzweieten Freunden. Unsre Eitelkeit kömmt da in das Spiel; wir schämen uns, das Spielwerk eines Bösewichts gewesen zu seyn; wir wenden alles an, um Diesen nun im schlechtesten Lichte zu zeigen, damit wir vor der Welt unsre Trennung von ihm rechtfertigen mögen. -- Es ist ein trauriger Anblick, zu sehen, wie dann selbst ~edle~ Menschen, wenn sie gegen einander aufgebracht sind, sich gegenseitig höchst unedel zu verkleinern suchen, um sich gegen sich selber zu rechtfertigen. (S. Kap. 6.)

2.

Wir kommen oft in nicht geringe Verlegenheit, wenn unsre Lage uns zwingt, mit ~Leuten~ umzugehen, ~die einander feind sind~, wo man es gar leicht mit einer Parthei verdirbt, sobald man mit der andern gut steht, oder es mit Beiden verdirbt, wenn man sich ungebeten, oder auf unvorsichtige Weise, in diese Händel mischt; ich empfehle dabei folgende Vorsichtigkeits-Regeln:

So viel man kann, vermeide man es, mit zwei Partheien umzugehen, die mit einander in Zwist leben!

Kann man dieß aber nicht ändern, zum Beispiel, ohne plötzlich ein Verhältniß aufzuheben, in welchem man lange Zeit gestanden: so setze man sich, wo möglich, auf den Fuß, in die obwaltenden Streitigkeiten durchaus nicht eingeflochten zu werden! Man bitte sich's vielmehr aus, daß in den Gesprächen diese Sache nie berührt werde! Diese Regel findet vorzüglich dann Statt, wenn Menschen, die ehemals vertraute Freunde gewesen sind, nun auf einmal in Feindschaft mit einander gerathen. Verhalte Dich ganz leidend, wenn dann einer über den andern bei Dir klagt! Er mag nun in der ersten Empfindlichkeit ein Wort zu viel gesagt haben, und nachher mit seinem Gegentheile wieder einig werden, oder es mag in dauernde Feindschaft übergehen: so wird er es doch bei kaltem Blute übel nehmen, wenn Du zum Guten oder Bösen gerathen hast.

Kann man aber auch dieß nicht ändern, so enthalte man sich zuerst aller feigen und heuchlerischen Zweizüngigkeit! Das heißt: man rede nicht, wenn man bei der einen Parthei ist, zum Nachtheile der andern, und wiederum zum Tadel jeder, wenn diese es wünschen; sondern, wenn man sich durchaus darüber erklären muß, immer so, wie es einem redlichen, gerechten Manne zukömmt!

Noch schändlicher aber, als jene Duplicität, ist das Verfahren mancher Menschen, die, um bei solcher Gelegenheit im Trüben zu fischen, oder sich wichtig zu machen, oder aus Schadenfreude und Geist der Intrigue, von beiden Seiten Oel zum Feuer gießen, und den Zwist unterhalten.

Wenn man ferner die streitenden Theile nicht recht genau kennt; wenn sie nicht unsre vertrautesten Freunde sind; wenn man nicht ganz gewiß weiß, daß man es mit edeln, von Vernunft regierten Leuten zu thun hat, die vielleicht nur durch Mißverständnisse, oder durch andre, mit Hülfe eines Dritten leicht zu hebende Irrungen getrennt worden; wenn vielmehr böser Wille, Eigennutz, ungesellige Gemüthsart, oder unbändige Leidenschaft im Spiele ist, -- folglich keine dauerhafte Wiedervereinigung zu hoffen steht: so lasse man sich nicht darauf ein, Versöhnung stiften zu wollen! Man verdirbt es dabei leicht mit einer Parthei, und nicht selten mit beiden.

Ist es endlich gar nicht zu vermeiden, daß man sich ~für~ oder ~gegen~ eine von den beiden Partheien bestimmt erkläre, so erkläre man sich ohne Ansehen der Person und ohne Rücksicht auf Freundschaft, Schmeichelei und Verwandtschaft, männlich und unerschütterlich, für Den, von dem die Vernunft sagt, daß er Recht habe, und bleibe ihm treu und beständig zugethan, es gehe auch, wie es wolle!

3.

Wenden wir uns jetzt zu ~Kranken~ und ~Leidenden~! -- Wer je empfunden hat, welch ein Labsal bei Krankheiten und Schmerzen eine gute, sorgsame, stille und theilnehmende Pflege gewährt, der wird den Gegenstand nicht unwichtig finden. Die Art der Behandlung und Sorgfalt muß sich allerdings nach der Verschiedenheit der Krankheiten richten, mit welchen der Leidende kämpft, und ich kann also keine allgemein passende Regeln vorschlagen; doch, so viel sich im Ganzen über diesen Gegenstand sagen läßt, möge hier Platz finden!

Es gibt Krankheiten, in welchen Aufheiterung des Gemüths, Zerstreuung und angenehme Unterhaltung sehr viel zur Genesung beitragen, und hingegen andre, bei denen Ruhe und stille Pflege das Einzige sind, wodurch man dem Leidenden Linderung verschaffen kann. Man soll daher wohl unterscheiden und beobachten, welche Art von Behandlung anwendbar seyn mögte.

Ob in schweren Krankheiten die Aufwartung ~bezahlter~ Wärter der sorgfältigen, liebevollen und zarten Pflege werther Freunde darum vorzuziehen sey, weil diese leicht übertrieben, und dann dem Kranken lästig und ängstlich wird, muß dem Gefühl eines Jeden überlassen bleiben. Jene sind durch Erfahrung mit den kleinen Handgriffen bekannt, und leisten ihre Dienste mit unverdrossener Geduld, Kaltblütigkeit und strenger Pünktlichkeit, bekümmern sich nicht um unsre Launen, und leiden nicht bei unsern Schmerzen; diese hingegen werden uns oft, besonders wenn unsre Nerven sehr reizbar sind, durch zu viel Eifer lästig, wissen nicht behutsam genug bei ihren Handreichungen mit uns umzugehen, erregen unsre Ungeduld durch Fragen, und machen unser Leiden durch zu warmes Mitgefühl, das wir in ihren Augen lesen, doppelt schwer; wozu denn noch kömmt, daß der Gedanke, wie sehr sie mit uns leiden, und welche Opfer sie uns bringen, uns einen peinlichen Zwang auflegt. Will man daher seinen Freund selbst verpflegen, so suche man die Art geübter Krankenwärter nachzuahmen, dem Leidenden so wenig wie möglich lästig zu werden, und alles mechanisch so zu machen, wie er es gern zu haben scheint: man werde nicht mißvergnügt, wenn ein Kranker zuweilen auffahrend, böser Laune, oder zänkisch wird! Wir fühlen nicht, wie ihm zu Sinne ist, und wie seine zerrüttete Maschine auf seinen Geist wirkt. Doch kann ein Mann, der achtsam auf sein eignes Ich ist, viel über sich erlangen, und selbst in schweren Krankheiten in so weit Meister über seine Launen werden, daß er diejenigen Personen, welche ihm Sorgfalt widmen, nicht unnützer Weise plage.

Man mache nicht, besonders bei einem Kranken von sehr empfindlicher, weicher Gemüthsart, sein Leiden durch Wehklagen und ängstliches Bezeigen noch schwerer!

Man rede nicht von Dingen, die ihm, selbst wenn er gesund wäre, unangenehm seyn würden, -- nicht von häuslichen Verlegenheiten, vom Tode, noch von Vergnügungen, an welchen er nicht Theil nehmen kann!

Leute, die bloß in der Einbildung krank sind, muß man zwar nicht verspotten, noch zu überzeugen suchen, daß ihnen nichts fehle; denn das macht eine ganz entgegengesetzte Wirkung auf sie; aber man soll sie auch nicht in ihrer Thorheit bestärken, sondern, wenn vernünftige Vorstellungen nichts helfen, nur gar keine Theilnahme zeigen, ihre Klagen mit Stillschweigen beantworten, und, wenn der Sitz des Uebels im Gemüthe ist, sie durch weise gewählte Zerstreuungen auf andre Gedanken zu bringen suchen.

Auch gibt es Menschen, die dadurch Interesse zu erwecken glauben, daß sie sich kränklich stellen. Das ist eine höchst thörichte Schwäche! Man suche solche Leute durch sanften Spott und kräftige Ansprache von ihrer Albernheit zurückzuführen, sie zu überzeugen, daß es besser sey, Bewunderung, als Mitleiden zu erregen, und daß nichts so allgemein vortheilhafte Eindrücke mache, als der Anblick eines Wesens, das, an Leib und Seele, in seiner vollen Kraft, zur Ehre der Schöpfung dasteht!

Endlich: in solchen Krankheiten, wo der Geist viel über den Körper vermag, wo Seelen-Leiden das Uebel vermehren, und die Besserung hindern, da soll man alle Kräfte, seine ganze Lebhaftigkeit aufbieten, um Heiterkeit, Muth, Trost und Hoffnung in das Gemüth des Kranken zurückzurufen.

4.

Noch schonender, als mit diesen Leidenden, soll man mit ~Leuten~ umgehen, ~auf welchen die schwere Hand des Schicksals liegt~, -- mit Unglücklichen, Armen, Bedrängten, Verstoßenen und Zurückgesetzten, mit Verirrten und Gefallenen.

Nimm Dich des ~Armen~ an, wenn Dir Gott die Mittel in die Hände gegeben hat, seine Noth zu erleichtern! Weise nicht den Dürftigen von Deiner Thür zurück, so lange Du noch, ohne Ungerechtigkeit gegen die Deinigen, eine kleine Gabe zu geben hast! Sey es wenig oder viel, so gib es mit gutem Herzen, und -- wie ich bei Gelegenheit gesagt habe, als von der Art, Wohlthaten zu erzeigen, die Rede war, -- gib es mit guter Art! Ein Wort ist oft besser, als eine große Gabe, und ein holdseliger Mensch gibt sie beide, sagte schon Sirach; und was für ein Wort könnte er meinen, als das erquickende Wort der herzlichen Theilnahme. -- Sey ferner nicht allzu gerecht, wo vom Helfen und Erbarmen die Rede ist. Berechne nicht so genau, ob der Mann, dem Du helfen kannst, selbst an seinem Unglücke Schuld sey, oder nicht! Wer in der Welt würde ~ganz~ unschuldig an den Leiden, die ihn treffen, befunden werden, wenn man alles strenge untersuchen wollte? Willst oder kannst Du aber gar nichts, oder nur wenig geben, so brauche keine leere Ausflüchte! Laß den Armen nicht durch Deine Bedienten unter allerlei Vorwande wieder bestellen, oder vertrösten! Am wenigsten aber erlaube Dir, etwa zu Rechtfertigung Deiner Hartherzigkeit, z. B. Grobheiten, beleidigende Strafpredigten gegen Den, dessen Bitte Du abzuschlagen entschlossen bist, harte Vorwürfe; sondern sprich den Bittenden selbst, und sage ihm kurz und menschenfreundlich, warum Du nicht geben kannst, nicht geben willst! Thue auch auf das erste Wort, was zu thun vernünftig und gut ist, und warte nicht darauf, daß man durch wiederholtes Betteln Dein Herz erweiche! Gib aber nicht wie ein Verschwender, sondern laß Deine Wohlthaten von der Gerechtigkeit gegen Dich und Andre bestimmt werden, und verschleudre nicht an den Landläufer, Bettler von Handwerke und Faullenzer, was Du dem hülflosen Alter, der Gebrechlichkeit, und dem durch widrige Zufälle Verunglückten schuldig bist! Und wo es Labsal geben kann, da begleite Deine kleine Gabe ein sanftes Trostwort, ein vertraulicher Rath, und ein freundlicher, mitleidiger Blick! Gehe schonend und äusserst fein mit Leuten um, die in unangenehmen häuslichen Lagen sind! Sie pflegen sehr empfindlich zu seyn, pflegen leicht zu glauben, man verachte sie, setze sie zurück, ihrer Armuth wegen. Das elende Geld hat leider nur gar zu viel Einfluß auf den Pöbel aller Stände. Unterscheide Dich von diesem Haufen! Ehre den verdienstvollen Armen öffentlich! Suche ihm wenigstens einen frohen Augenblick zu machen, wenn Du auch seine Umstände nicht verbessern kannst! Ueberhaupt sind alle Unglückliche mißtrauisch, und meinen, jedermann sey ~gegen~ sie. Suche ihnen diesen quälenden Wahn zu benehmen! Bemühe Dich, ihr Zutrauen zu gewinnen! Entziehe Dich nicht dem Anblicke des Jammers! Fliehe nicht die Hütte der Noth und der Dürftigkeit! Man muß vertraut seyn mit dem mancherlei Elende auf dieser Welt, um bei dem Leiden des unglücklichen Bruders recht innig theilnehmend mitempfinden zu können. Wo der bescheidne Arme im Verborgenen seufzt, es nicht wagt, sich herbeizudrängen und um Hülfe zu bitten; wo widrige Vorfälle den fleißigen Mann, den Mann, der einst bessre Tage gesehen hat, zu Boden schlagen; wo eine zahlreiche ehrliche Familie, mit allem Fleiße, durch die tägliche Arbeit ihrer Hände nicht so viel erringen kann, um sich gegen Hunger, Blöße und Krankheit zu schützen; wo auf hartem Lager, in durchwachten, durchseufzten Nächten, schamhafte Thränen über gerungene Hände rollen: -- ~dahin~, menschenfreundlicher Wohlthäter! ~dahin~ dringe Dein Blick! ~Da~ kannst Du Deine Gelder herrlich anlegen, und Zinsen erwerben, die keine Bank auf Erden Dir zusichern kann.

Wer kein Geld hat, der hat auch keinen Muth. Er fürchtet aller Orten zurückgesetzt zu werden, glaubt jede Demüthigung ertragen zu müssen, und zeigt sich überall in ungünstigem Lichte. -- Ach! ermuntre einen also Niedergedrückten! Ehre ihn, wenn er es sonst verdient, und bewege Deine Freunde, daß sie ein Gleiches thun!

Manchen aber drücken schwerere Leiden, als die der Armuth und des Mangels: ~Seelenleiden~, die an der Knospe des Lebens nagen. O! schone des Kummervollen! Pflege seiner! Suche ihn aufzurichten, zu trösten, mit Hoffnung zu erfüllen, Balsam in seine Wunden zu gießen, und wenn Du seine Last nicht erleichtern kannst, so hilf wenigstens tragen, und weine eine brüderliche Thräne mit ihm! Richte aber die Art Deiner Behandlung vernünftig ein! Es gibt Augenblicke des Schmerzes, wo alle Gründe der Philosophie keinen Eingang finden, und da ist das Mitgefühl oft das beste Labsal. Es gibt einen Kummer, dessen Tilgung man ruhig und still der Zeit überlassen muß; es gibt Leidende, die erleichtert werden, wenn man ihnen Gelegenheit gibt, ihr Herz auszuschütten, und von dem zu reden, was ihr ganzes Herz erfüllt; es gibt Schmerzen, die nur Einsamkeit lindert, und Lagen, in welchen ein festes, männliches Zureden, Erweckung des Muths, Aufruf zu stolzer Zuversicht, die besten Tröstungen sind; ja es gibt selbst solche, wo man den Niedergebeugten mit Gewalt herausreissen muß, wenn er nicht der Verzweiflung zum Raube werden soll. Die Klugheit aber allein kann uns in jedem dieser einzelnen Fälle lehren, welche unter diesen Mitteln wir zu wählen haben.

Die Unglücklichen ketten sich gern an einander. Statt sich aber gemeinschaftlich zu trösten, winseln sie mehrentheils nur mit einander, und versinken immer tiefer in Schwermuth und Hoffnungslosigkeit. Darum suche doch der Kummervolle, dem weder die Forderungen und Gründe seiner eigenen Vernunft, noch Zerstreuungen seinen Zustand erträglich machen, den Umgang eines verständigen, nicht empfindelnden Freundes, damit er an seiner Seite die Kraft gewinne, die Gedanken auf andere Gegenstände zu richten, die seinen Schmerz nicht nähren.

Es gibt Menschen, die in unglücklichen Lagen und Verhältnissen, weniger ~traurig~, als ~mürrisch~, ~zänkisch~, ja, sogar ~hämisch~ sind, so daß sie Unschuldige darunter leiden lassen, wenn nicht alles nach ihrem Kopfe geht. Ein edles Herz wird sanfter durch den Schmerz; und selbst der Menschenfeind, den Schicksale erbittert haben, wird, wenn er sonst ein guter Mensch ist, wohl düster, verschlossen, auch nach seinem Temperamente vielleicht einmal ungeduldig und auffahrend werden; aber er wird nie vorsätzlich auf einen Dritten die Last seines Kummers wälzen, und dieß um so weniger, je schwerer seine Leiden sind.

Die mehrsten Menschen haben nur Mitleid mit stillem Kummer, empfinden aber Ueberdruß bei lauten Klagen; vielleicht weil diese sie gleichsam zwingen zu wollen scheinen, Theil daran zu nehmen.

Der ~Unterdrückten~, ~Zurückgesetzten~ und ~Verfolgten~ soll man sich annehmen, in so fern es die Klugheit erlaubt, und wir ihnen dadurch nicht etwa mehr schaden, als nützen. Dieß ist nicht nur Pflicht, wenn von thätiger Hülfe und Rettung des ehrlichen Namens die Rede ist; auch im gesellschaftlichen Umgange, wo das bescheidene Verdienst so oft übersehen und von leeren Windbeuteln über die Achsel angeschauet wird, wo Rang und Glanz gegen den innern Werth verblenden, wo Schwätzer und Windbeutel den Weisen überschreien, wird es sich der Edle zur Pflicht machen, das bescheidene und schüchterne Verdienst hervorzuziehen, und den Verdienstvollen, der stumm und verlegen dasteht, von niemand angeredet, ja, mit Verachtung behandelt, gedemüthigt, lächerlich gemacht wird, durch ehrenvolles Anreden und Entgegenkommen zu ermuntern und auszuzeichnen. Wie unedel und wie ungerecht ist die Geringschätzung und Härte, mit welcher zuweilen Stabs-Officiere jungen Leuten begegnen, die doch schon die erste Stufe erstiegen haben, um zu werden, was Jene sind; oder Patronen ihren Hofmeistern und Predigern, oder vornehme Damen ihren Gesellschafterinnen, oder eitle Stadtmädchen einem armen eingeschüchterten Landmädchen, das in ihre Mitte verschlagen wird. Solch ein Betragen ist eben so sehr Verletzung der Klugheit, als der Pflicht.

Neid und Mißgunst verfolgen den Glücklichen; Bosheit und Kabale ruhen selten eher, als bis sie alles niedergedrückt haben, was über sie emporragte; aber kaum ist ein Mensch ganz zu Boden geschlagen, so sucht Jeder, selbst Der, welcher ihn verfolgt hat, eine Ehre darin, seine Parthei zu ergreifen; doch, wohl zu merken! wenn keine Hoffnung mehr da ist, daß er hierdurch wieder emporkomme. Man möchte also fast sagen, man wäre nicht ~ganz~ verloren, so lange man noch Feinde hätte.

Unter allen Unglücklichen sind wohl die ~Verirrten~ und ~Gefallenen~ am meisten zu bedauern. Hierunter verstehe ich Solche, die, vielleicht durch einen einzigen Fehltritt in eine Kettenreihe von Vergehungen verflochten, das Gefühl für die Tugend erstickt, oder die Fertigkeit, schlecht zu handeln, erlangt, oder alle Zuversicht zu Gott, zu den Menschen, und zu sich selbst, also auch den Muth verloren haben, den bessern Weg wieder zu suchen, oder die wenigstens im Begriff stehen, so tief zu fallen. Sie sind höchst bedauernswürdig; denn sie entbehren den einzigen Trost, der uns in den schwersten Leiden aufrichten kann: das Bewußtseyn, nicht muthwilliger Weise sich ihr hartes Schicksal zugezogen zu haben. Diese Unglücklichen verdienen aber nicht nur unser Mitleiden, nein, auch unsre brüderliche Nachsicht, unsre Zurechtweisung, und, wenn es noch Zeit ist, unsern Beistand. Wenn man immer weise, duldend und unpartheiisch genug wäre, zu überlegen, wie leicht das schwache menschliche Herz irre zu leiten ist; wie unwiderstehlich bei heftigen Leidenschaften, warmem Blute und verführerischen Gelegenheiten, manche Reizungen werden können; wie blendend, anlockend und bezaubernd die Aussenseiten mancher Laster sind; wie das Laster sogar, mit Geist verbunden, durch sophistische Gründe die innere Stimme der bessern Ueberzeugung zum Schweigen zu bringen weiß, und wie es dann nur auf einen kleinen Schritt ankömmt, um das Opfer der feinsten Täuschung, und stufenweise unmerklich in das schrecklichste Labyrinth gelockt zu werden; wenn man bedenken wollte, wie oft Mißmuth, oder Verzweiflung über ein feindseliges Schicksal aus einem Menschen von den besten Anlagen einen Bösewicht und Verbrecher machen; wie man durch ungerechtes, entstehendes Mißtrauen alle gute Gefühle einbüßen, alles Vertrauen zu sich selbst verlieren, und in den Abgrund des Lasters geschleudert werden kann, so würde man aufhören, die Gefallenen mit unbarmherziger Strenge zu richten, würde nicht so zuversichtlich auf Tugenden trotzen, die nicht selten nur das Werk eines kalten Temperaments, das Werk glücklicher Verhältnisse und einer vorzüglichen Leitung sind; würde es für Pflicht erkennen, sich der Gefallenen anzunehmen, und dem Strauchelnden liebevoll die Hand zu reichen. -- Aber heißt das nicht, tauben Ohren predigen? -- Doch mein Herz drängt mich, über diesen Gegenstand etwas zu sagen. Also zur Sache! -- Nichts bessert weniger, als kalte moralische Predigten. Es gibt wenig Menschen, selbst unter den Lasterhaften, die nicht eine Menge herrlicher Gemeinsprüche über die Pflichten, welche sie übertreten, zu sagen wüßten; das Unglück ist nur, daß die Stimme der Leidenschaft mit wärmerer Beredtsamkeit spricht, als die Stimme der Vernunft. Willst Du also dieser gegen jene Gewicht geben, so mußt Du die Kunst verstehen, Deine Tugend-Lehren in ein reizendes Gewand zu hüllen, mußt nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz und die Sinnlichkeit Dessen, den Du zurechtweisen willst, auf Deine Seite bringen; Dein Vortrag muß warm, und nach den Umständen bildreich, sinnlich, erschütternd, hinreissend seyn. Allein der Mann, den Du vor Dir hast, muß Dich auch lieben und hochschätzen, muß sich zu Dir hingezogen fühlen, muß mit Enthusiasmus für das Gute und Schöne erfüllt werden, und dabei in der Entfernung Ehre, Freude und Genuß auf dem Wege erblicken, auf welchen Du ihn zu leiten suchst. Dein Umgang, Dein Rath und Dein Trost muß ihm zum Bedürfniß werden. Dieß aber erlangst Du nicht, wenn Du als ein stolzer, strenger Gesetzprediger vor ihn hintrittst; wenn Du ihm mit Deiner kalten Moral Langeweile machst; wenn Du ihn mit Anmerkungen über das Geschehene, das doch nun nicht mehr zu ändern ist, ermüdest, und ihm erzählst, wie es ganz anders würde gekommen seyn, wenn -- es nicht ~so~ gekommen wäre, wie es gekommen ist, wenn er Dir hätte folgen wollen. Nichts ist ferner so fähig, zur Niederträchtigkeit zu verleiten, als öffentliche Verachtung und Aeusserung eines fortdauernden Mißtrauens in die Besserung eines Menschen. Wem es daher ein Ernst ist, einen Verirrten zu retten, der begegne ihm mit Schonung, und zeige ihm wenigstens äusserlich ein ermunterndes Vertrauen; der lasse ihn das stolze und selige Bewußtseyn und die unerschütterliche Seelenruhe ahnen, welche der schöne Lohn seiner Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung seyn wird; der werfe dem Gefallenen nie, auch nicht auf die entfernteste Weise, seine ehemaligen Verirrungen vor; sondern scheine nur Augen für seine jetzige Aufführung zu haben! Allein es geht nicht so schnell mit Ablegung von Lastern, die uns schon zu einer Art von Fertigkeit geworden sind; also darf uns ein kleiner Rückfall nicht befremden; und obgleich Du dann die Stärke Deines Vortrags und der Mittel zur Besserung verdoppeln mußt, so sollst Du doch nicht muthlos werden, noch dem Rückkehrenden den Muth benehmen. Laßt uns endlich zur Ehre der Menschheit und zur Erweckung unsers Eifers glauben, daß niemand in der Welt so tief gefallen, so von Grund aus verdorben seyn könne, daß ihm nicht, bei redlicher, eifriger Anwendung der besten Rettungsmittel, noch zu helfen wäre! Und Ihr, die Ihr in der großen Welt lebet, und so bereitwillig seyd, einen Mann oder ein Weib, die durch irgend eine zweideutige oder schlechte Handlung sich erniedrigt, oder auch wohl nur etwa lächerlich gemacht haben, auf immer aus Euren Gesellschaften zu verbannen, und mit Schande und Spott zu beladen, indeß Hunderte unter Euch umherwandeln, die entweder dasselbe heimlich treiben, oder wenigstens treiben würden, wenn es die Umstände erlaubten; denket, daß Ihr es zu verantworten habt, wenn Verzweiflung Jene ergreift, wenn sie von Stufe zu Stufe hinabsinken, und wenn sie, da die bessern Häuser ihnen verschlossen sind, sich einen Umgang wählen, in welchem sie immer niederträchtiger werden, und zuletzt, ohne Rettung verloren, durch ~Eure~ Schuld zu Grunde gehen!

Zwölftes Kapitel.

Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen Leben.

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