Ueber den Umgang mit Menschen

Part 21

Chapter 213,647 wordsPublic domain

In alten Zeiten hatte man hohe Begriffe von den Rechten der Gastfreundschaft. Noch pflegen diese Begriffe in Ländern und Provinzen, die weniger bevölkert sind, oder wo einfachere Sitten bei weniger Reichthum, Luxus und Weichlichkeit herrschen, so wie auf dem Lande, in Ausübung gebracht, und die Rechte der Gastfreundschaft heilig gehalten zu werden. In unsern glänzenden Städten hingegen, wo nach und nach der Ton der feinen Lebensart allen Biedersinn zu verdrängen anfängt, gehören die Gesetze der Gastfreundschaft nur zu den Höflichkeits-Regeln, die Jeder nach seiner Lage und nach seinem Gefallen mehr oder weniger anerkennt und befolgt. Auch ist es wahrlich zu verzeihen, wenn man, bei immer zunehmendem Luxus, und dem mannigfaltigen Mißbrauche, den man in unsern Zeiten von der Gutherzigkeit der Menschen macht, vorsichtig in Erzeigung solcher Gefälligkeiten wird, und wenn man genauere Rücksprache mit seinem Geldbeutel nimmt, bevor man jedem Müßiggänger und freundlichen Schmarotzer Haus, Küche und Keller öffnet. Wer hierin aus thörichter Eitelkeit zu viel thut, betrügt zugleich sich und Andre: sich, indem er ein Vermögen verschwendet, das er besser anwenden könnte; und Andre, indem er, unter dem Titel von Gastfreundschaft, nur seinen Hang zur Prahlerei befriedigt. Von der Gastfreundschaft der Großen und Reichen rede ich gar nicht; Langeweile, Eitelkeit und Prachtliebe ordnen da alles auf's Beste, und Der, welcher gibt, weiß, sowohl wie Der, welcher empfängt, auf welche Rechnung er dieß zu schreiben, und wie er sich dabei zu betragen habe. Aber für die Gastfreundschaft unter Personen vom mittlern Stande will ich doch einige allgemeine Regeln geben.

2.

Man reiche das Wenige, was man der Gastfreundschaft opfern kann, in gehörigem Maaße, mit guter Art, mit treuem Herzen und mit freundlichem Gesichte dar! Man suche bei Bewirthung eines Fremden oder eines Freundes weniger Glanz, als Ordnung und guten Willen zu zeigen; fremde Reisende kann man sich vorzüglich durch gastfreundschaftliche Aufnahme verpflichten. Es kömmt ihnen nicht auf eine köstliche freie Mahlzeit, aber darauf kömmt es ihnen an, daß sie Eingang in guten Häusern, und dadurch Gelegenheit erhalten, sich über Gegenstände zu unterrichten, die zu dem Zwecke ihrer Reise gehören. Gastfreundschaft gegen Fremde ist desfalls sehr zu empfehlen. Man sehe nicht verlegen aus, wenn uns unerwartet ein Besuch überrascht! Nichts ist einem Reisenden unangenehmer und peinlicher, als wenn er merkt, daß es dem Manne, der ihn bewirthet, sauer wird, daß er ungern und nur aus Höflichkeit hergibt, oder daß er mehr Aufwand dabei verschwendet, als seine Umstände leiden; wenn er ohne Unterlaß seiner Frau oder seinen Bedienten in die Ohren flüstert, oder mit ihnen zankt, sobald eine Schüssel unrecht gestellt, oder etwas vergessen worden ist; wenn er selbst im Hause herumläuft, alles anordnet und also an der Unterhaltung gar nicht Theil nimmt; wenn der Mann zwar gern gibt, die Frau hingegen dem armen Gast jeden Bissen in den Mund zählt; wenn so wenig in den Schüsseln liegt, daß Der, welcher vorlegt, unmöglich herumreichen kann; wenn der Wirth und die Wirthin ungestüm zum Essen und Trinken nöthigen, oder auf eine Weise geben, die zu sagen scheint; »Es ist nun einmal angeschafft; also füllet Euch den Bauch voll! Werdet recht satt, so habt Ihr auf lange Zeit genug, und brauchet so bald nicht wieder zu kommen!« endlich, wenn man Zeuge von Familienzwist und der Unordnung, die im Hause herrscht, seyn muß. Mit Einem Worte: es gibt eine Art, Gastfreundschaft zu erweisen, die dem Wenigen, das man darreicht, einen höhern Werth gibt, als die üppigsten Schmausereien. Vieles trägt hierzu die Unterhaltung bei. Man muß daher die Kunst verstehen, mit seinen Gästen nur von solchen Dingen zu reden, die sie gern hören; in einem größern Kreise solche Gespräche zu führen, woran Alle mit Vergnügen Theil nehmen und sich dabei in vortheilhaftem Lichte zeigen können. Der Blöde muß ermuntert, der Traurige aufgeheitert werden. Jeder Gast muß Gelegenheit bekommen, von etwas zu reden, wovon er gern redet. Weltklugheit und Menschenkenntniß müssen hier in den besondern Fällen zum Leitfaden dienen. Man muß nichts als Auge und Ohr seyn, ohne daß dieß mühsam aussehe, ohne daß man Anstrengung wahrnehme, oder einen Zwang, den man sich anthut, um zu zeigen, man wisse zu leben. Man bitte nicht Menschen zusammen, oder setze solche an Tafeln neben einander, die sich fremd, oder gar feind sind, sich nicht verstehen, nicht zu einander passen, sich Langeweile machen! Alle diese Aufmerksamkeiten aber müssen auf eine solche Art erwiesen werden, daß sie nicht mehr Zwang auflegen, als sie Wohlthat für den Gast sind. Haben die Bedienten aus Versehen den unrechten Mann, oder haben sie einen Gast auf den unrechten Tag gebeten; so muß der Fremde doch nicht merken, daß er uns unerwartet kommt, wenigstens nicht, daß er uns in Verlegenheit setzt, uns unwillkommen ist.

Manche Menschen unterhalten sich und Andere am besten, wenn man sie zu großen Gesellschaften bittet; Andre muß man, wenn sie glänzen, oder sich an ihrem Platze finden sollen, ganz allein, oder nur zu einem kleinen Familienmahl einladen: auf dies alles muß man Acht haben. Jeder, der auf kurze oder lange Zeit in Deinem Hause ist, und wäre er Dein ärgster Feind, muß daselbst von Die gegen alle Arten von Beleidigung und Verfolgungen Andrer, so viel an Dir ist, geschützt seyn! Es müsse Jeder unter unserm Dache sich so frei wie unter seinem eignen fühlen; man lasse ihn seinen Gang gehen, renne ihm nicht in jeden Winkel nach, wenn er vielleicht allein seyn will, und verlange nicht von ihm, daß er für die Bewirthung alle Unkosten der Unterhaltung allein tragen, durch Kurzweil ergötzen, und dadurch seine Zeche bezahlen solle; endlich lasse man nicht nach in Gefälligkeit und Bewirthung, wenn der Freund sich längre, vielleicht, ein wenig unbescheiden, zu lange Zeit bei uns aufhält, sondern erzeige ihm gleich in den ersten Tagen nicht mehr und nicht weniger, als man in der Folge fortsetzen kann!

3.

Der Gast aber hat gegen den Wirth auch gegenseitig Rücksichten zu nehmen. Ein altes Sprichwort sagt: »Ein Fisch und ein Gast halten sich beide nicht gut länger, als drei Tage im Hause.« Diese Vorschrift leidet nun wohl glücklicher Weise manche Ausnahmen; allein so viel Wahres steckt doch darin, daß man sich niemand aufdringen, und Ueberlegung genug haben soll, zu bemerken, ~wie lange~ unsre Gegenwart in einem Hause angenehm, und für niemand eine Bürde ist. Nicht immer ist man so aufgelegt, nicht immer in seinen häuslichen Angelegenheiten so eingerichtet, daß man gern Gäste bei sich sieht, oder lange beherbergt. Bei Leuten, die nicht auf einen sehr großen Fuß leben, soll man daher nicht leicht unvermuthet kommen, oder sich selbst einladen. Dem Manne, der uns Gastfreundschaft erweiset, sollen wir, zum Lohne seiner Güte, so wenig Last wie möglich machen. Hat der Wirth mit seinen Leuten zu reden, oder sonst häusliche Geschäfte: so schleiche man ruhig davon, bis er fertig ist. Der bescheidene Gast wird ruhig und still sich nach den Sitten des Hauses richten, den Ton der Familie annehmen, als wenn er ein Glied derselben wäre, wenig Aufwartung fordern, genügsam seyn, sich nicht in häusliche Angelegenheiten mischen, nicht durch böse Launen den Ton verstimmen, und wenn es, seiner Meinung nach, irgendwo in der Bewirthung gemangelt hat, nicht undankbar und unedel hinter dem Rücken her darüber, oder über das, was er sonst etwa in dem Hause gesehen hat, seinen Spott treiben.

4.

Es gibt aber auch Menschen, die einen so gewaltig hohen Werth auf die Gastfreundschaft setzen, welche sie uns erweisen, daß sie dafür gelobt, geschmeichelt, bedient, häufig besucht, und wer weiß was sonst alles seyn wollen. Das ist nun freilich nicht billig. Ein mäßiger Mann verlangt doch nicht mehr, als sich satt zu essen, und das kann er ja leicht um geringern Preis. Das Mehr oder Weniger ist so viel nicht werth, und ich halte wahrhaftig meine Gesellschaft und meine verlorne Zeit eben so theuer, wie Ihre Hochmögenden Dero Pasteten und Braten.

Zehntes Kapitel.

Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern, Gläubigern und Schuldnern.

1.

Die Dankbarkeit ist eine der heiligsten Tugenden. Wer Dir Gutes gethan hat, den ehre! Danke ihm nicht nur mit Worten, die ihm die Wärme Deiner Erkenntlichkeit zeigen, sondern suche auch jede Gelegenheit auf, wo Du ihm wieder dienen und nützlich werden kannst! Fehlt Dir aber dazu die Veranlassung, so entfalte ihm wenigstens durch ein auszeichnend ehrendes und theilnehmendes Betragen Dein dankbares Herz! Du darfst nicht gerade dies Betragen pünktlich nach der Größe der Wohlthat abmessen, die Du empfangen hast, sondern nach dem Grade des guten Willens, den Dein Wohlthäter Dir gezeigt hat! Höre auch ~dann~ nicht auf, dankbar gegen ihn zu seyn, wenn Du seiner nicht mehr bedarfst, oder wenn Unglücksfälle ihn von seiner Höhe herabgestürzt, ihn seines Glanzes beraubt haben!

2.

Nie aber laß Dich zu niederträchtiger Schmeichelei herab, um entweder Wohlthaten zu erschleichen, oder für den empfangnen Schutz auf unedle Weise Dich zum Sclaven eines schlechten Mannes zu machen! Wo Pflicht und Rechtschaffenheit es fordern, da müsse Dein Mund nie zum Unrechte schweigen, und keine Art von Bestechung die Stimme der Wahrheit zum Schweigen bringen! Du bezahlst reichlich die Wohlthat, wenn Du dafür die Pflichten eines ächten Freundes erfüllst, und, selbst mit Gefahr, den Schutz zu verlieren und für undankbar gehalten zu werden, dem Wohlthäter sagst, was ihm nöthig und heilsam zu hören ist. Eben so wenig leide, daß jemand sich's zum Verdienste anrechnet, daß er Dich bis jetzt hochgeschätzt, Dich bei Andern gelobt und vertheidigt habe! Warst Du dessen würdig, so erfüllte er eine Pflicht, die man auch seinen Feinden nicht versagen darf, wo nicht, so hat er nicht gehandelt, wie ein gerechter und verständiger Mann, selbst in Rücksicht seiner Freunde, handeln soll.

3.

Es ist eine unangenehme Lage, wenn man jemand, dem man viel Verbindlichkeit schuldig ist, nachher von einer schlechten Seite kennen lernt. Dieser Verlegenheit weicht man nun freilich aus, wenn man so wenig wie möglich Wohlthaten annimmt. Allein nicht immer läßt sich das thun; und wenn man dann wirklich in die Verlegenheit kommt, einem schlechten Menschen auf diese Art verpflichtet zu werden: so rathe ich an, ihn wenigstens mit so viel Schonung zu behandeln, als nur immer mit Redlichkeit und weiser Wahrheitsliebe bestehen kann, und von seiner Schlechtigkeit zu schweigen; doch nur, in so fern Schweigen nicht Verbrechen gegen die öffentliche Wohlfahrt ist; -- denn in diesem letztern Falle muß alle Rücksicht aufhören. So wie aber unter den Menschen, welche Wohlthaten erzeigen: so ist auch ein Unterschied unter den Wohlthaten selbst. Es gibt unbedeutende Gefälligkeiten, die man ohne Furcht, auch von den schlechtesten Leuten annehmen kann. Es ist dann ~ihre~ Schuld, wenn sie dieselben höher anrechnen, als sie werth sind. In andern Fällen hingegen, besonders wenn man empfangene Dienste nicht erwiedern kann, ist es klug und edel, sie lieber nicht anzunehmen.

4.

Die Art, ~wie~ man Wohlthaten erzeigt, ist oft mehr werth, als die Handlung selbst. Man kann durch dieselbe den Preis jeder Gabe erhöhen, so wie von der andern Seite ihr alles Verdienst rauben. Wenig Menschen verstehen diese Kunst; nur die Edlen und Gefühlvollen wissen sie meisterhaft auszuüben, und zugleich dem dankbaren Herzen die Gelegenheit, sich erkenntlich zu beweisen, nicht zu verkümmern. ~Der~ gibt doppelt, der ~gleich~, zu rechter Zeit, ungebeten und mit Freuden gibt. Gib gern! Es ist seliger Genuß, es ist Wohlthat, geben, zur Freude Andrer etwas beitragen zu dürfen. Gib also gern, aber verschwende nicht Deine Wohlthaten! Sey dienstfertig, bereitwillig; aber dringe niemanden Deine Dienste auf! Rechne nicht, ob es erkannt und belohnt werden wird! Brauche doppelte Schonung im Umgange mit Denen, welchen Du Gutes erwiesen, aus Furcht, sie mögten argwöhnen, Du wolltest Dich für Deine Mühe bezahlt machen, sie Dein Uebergewicht fühlen lassen, Dir größere Freiheit gegen sie erlauben, weil sie aus Dankbarkeit schweigen müssen! Oft ist es edler und zarter gehandelt, von Dem keine Gegen-Gefälligkeiten anzunehmen, dem wir Wohlthaten erzeigt haben; oft hingegen ist es edler, ihm Gelegenheiten zu geben, uns durch kleine Dienste, die man ihm hoch anrechnen kann, für große gleichsam zu bezahlen, damit keine zu schwere Last von Verbindlichkeiten auf ihm zu liegen scheine. Weise nicht die Bittenden von Deiner Thür zurück! Wenn Dich jemand um Rath, Hülfe, Wohlthat anspricht: so höre ihm freundlich, theilnehmend und aufmerksam zu! Laß ihn ausreden, Dir seine Sache vorstellen, ohne ihm in die Rede zu fallen, denn dem Unglücklichen thut es sehr wohl, wenn er nur sein Herz ausschütten kann.

5.

Keine Wohlthat ist größer, als die des Unterrichts und der Bildung. Wer jemals etwas dazu beigetragen hat, uns zu weisern, bessern und glücklichern Menschen zu machen, der müsse unsers wärmsten Danks lebenslang gewiß seyn können! Hat er dabei nicht alles geleistet, was wir jetzt, bei reifern Jahren, bei weitern Fortschritten in der Kultur, von einem Lehrer und Erzieher fordern würden: so sollen wir doch nicht unerkenntlich gegen das seyn, was wir von ihm empfangen haben.

Ueberhaupt verdienen ja Diejenigen wohl mit vorzüglicher Achtung behandelt zu werden, die sich redlich dem wichtigen Erziehungs-Geschäfte widmen. Es ist wahrlich eine höchst schwere Arbeit, Menschen zu bilden: -- eine Arbeit, die sich nie mit Gelde bezahlen läßt. Der geringste Dorf-Schulmeister, wenn er seine Pflichten treulich erfüllt, ist eine wichtigere und nützlichere Person im Staate, als der Finanz-Minister; und da sein Gehalt gewöhnlich sparsam genug abgemessen ist: was kann da billiger seyn, als daß man diesem Mann wenigstens durch hinreichendes Auskommen, und einige Ehrenbezeigung das Leben süß, und das Joch erträglich zu machen suche? Schämen sollten sich die Menschen, die den Erzieher ihrer Kinder wie eine Art von Dienstboten behandeln! Mögten sie nur bedenken (wenn sie auch nicht fühlen können, wie unedel dies Betragen an sich schon ist), welchen nachtheiligen Einfluß dieß auf die Bildung der Jugend hat! Es kann mir durch die Seele gehen, wenn ich den Hofmeister in manchem adelichen Hause demüthig und stumm an der Tafel seiner gnädigen Herrschaft sitzen sehe, wo er es nicht wagt, sich in irgend ein Gespräch zu mischen, sich auf irgend eine Weise der übrigen Gesellschaft gleich zu stellen, -- wenn sogar den ihm untergebenen Kindern von Eltern, Fremden und Bedienten der Rang vor ihm gegeben wird, -- vor ihm, der, wenn er seinen Platz ganz erfüllt, als der größte Wohlthäter der Familie angesehen werden sollte. -- Es ist wahr, daß es unter den Männern dieser Art hie und da solche gibt, die eine so traurige Figur ausser ihrer Studirstube spielen, daß man nicht wohl auf einem bessern Fuß mit ihnen umgehen kann; allein das widerlegt nicht dasjenige, was ich von der Achtung gesagt habe, die man diesem Stande schuldig ist. -- Wehe ~den~ Eltern, die ihre Kinder solchen ~selbst~ nicht erzogenen Miethlingen anvertrauen!

Hast Du aber einen edlen Freund gefunden, der sich der Erziehung Deines Sohnes annimmt: so ist es auch nicht genug, daß Du ihm ausgezeichnet freundlich, ehrenvoll und dankbar begegnest; Du mußt ihm auch freie Macht lassen, ohne Widerspruch seinen Erziehungsplan durchzusetzen; und von ~dem~ Augenblicke an, da Du Dein Kind seiner Leitung übergibst, hast Du den wichtigsten Theil Deiner väterlichen Rechte auf ihn übertragen. -- Doch dies alles gehört mehr in ein Werk über Erziehung, als daß hier der Ort wäre, weitläuftig davon zu handeln. Ich schweige daher auch von dem Betragen der Lehrer und Hofmeister im Umgange mit ihren Untergebenen, und eile weiter.

6.

Ueber den Umgang mit Schuldnern und Gläubigern habe ich wenig zu sagen. Man sey menschlich, billig und höflich gegen die Erstern! Man glaube nicht, daß jemand, der uns Geld schuldig ist, deswegen unser Sclave geworden sey, daß er sich alle Arten Demüthigungen von uns müsse gefallen lassen, daß er uns nichts abschlagen dürfe, noch überhaupt, daß der elende Bettel, der Mammon, einen Menschen berechtigen könne, sein Haupt über den andern emporzuheben! Seine Gläubiger bezahle man pünktlich, und halte sein Wort treulich! Man verwechsele nicht den ehrlichen Mann, der von billigen Zinsen leben muß, mit dem jüdischen Wucherer: so wird man immer Kredit haben, und, wenn man in Verlegenheit sich befindet, billige Menschen antreffen, die uns, ohne ihren Schaden, aus der Noth helfen.

Eilftes Kapitel.

Ueber das Betragen gegen Leute, in allerlei besondern Verhältnissen und Lagen.

1.

Zuerst über die Aufführung gegen unsre ~Feinde~! Man kränke niemand vorsätzlich; man sey wohlwollend, dienstfertig, verständig, vorsichtig, gerade und ohne Winkelzüge in allen Handlungen; man erlaube sich keinen Schritt zum Nachtheil eines Andern; man zerstöre keines Menschen Glückseligkeit; man verläumde niemand; man verschweige selbst das wirkliche Böse, das man von seinem Mitmenschen weiß, wenn man nicht entschiednen Beruf hat, oder das Wohl Andrer es bestimmt erfordert, darüber zu reden: so wird man -- etwa keine Feinde haben? -- das sage ich nicht; aber man wird, wenn uns dennoch Neid und Bosheit verfolgen, wenigstens die Beruhigung empfinden, keine Veranlassung zur Feindschaft gegeben zu haben.

Es steht nicht immer in unsrer Willkühr, geliebt, aber es hängt immer von uns ab, geachtet zu werden. Allgemeiner Beifall, allgemeines Lob sind eben so zweideutige, als entbehrliche Merkmale des persönlichen Werthes; allgemeine Achtung können selbst die Schurken dem Redlichen und Weisen in ihren Herzen nicht versagen, und der warmen Freunde bedarf man etwa nur drei in der Welt, um glücklich zu seyn.

Will man ohne Zwang und Unruhe in dem Umgange mit Menschen leben, so muß man es nicht darauf anlegen, oder für wünschenswerth halten, von allen Menschen für gut und weise gehalten zu werden. Je mehr hervorleuchtende edle Eigenschaften aber ein Mann hat, um desto gewisser kann er darauf rechnen, von der Scheelsucht schwacher und schlechter Menschen Manches ertragen zu müssen; und Die, welche die allgemeine Stimme des Pöbels aller Klassen für sich haben, sind mehrentheils die mittelmäßigsten Leute, Leute ohne Charakter, oder niedrige Schmeichler und Heuchler. Es ist wahrlich nicht schwer, Menschen zu gewinnen, auch die zu gewinnen, welche am heftigsten gegen uns eingenommen waren, und das oft durch ein einziges Gespräch unter vier Augen, wenn man ihre schwache Seite studirt hat, und es recht darauf anlegt. Allein das ist eine elende, des redlichen Mannes unwürdige Kunst, -- und was kümmert es mich am Ende, ob Menschen, die mein Herz nicht kennen, -- ja, die mich nie gesehen haben, durch die Geschwätze irgend eines alten Weibes gegen mich eingenommen sind, oder nicht?

Klage aber nie über Verfolgung und Feinde, wenn Du nicht Lust hast, die Anzahl der letztern zu vermehren; es schleicht immer eine Anzahl furchtsamer, niederträchtiger Geschöpfe umher, die nicht den Muth haben, gegen einen Mann von Würde sich öffentlich zu erklären, die aber sich augenblicklich an Dich wagen, sobald sie Dich hülflos, scheu und niedergeschlagen erblicken; und diese, so unbedeutend sie Dir auch scheinen mögten, können mit ihren Neckereien Dir tausendfältigen Kummer machen. Der feste Mann muß sich selbst schützen. Zeige Zuversicht zu Dir selber, so wirst Du ganze Heere von Schelmen im Zaume halten! Zudem ist des Kämpfens in der Welt so viel: jeder gute Mann hat mit seinen eignen Angelegenheiten genug zu thun, so daß es vergebens ist, Alliirte zu suchen, weil diese bei der ersten Gelegenheit, wo es eigne Sicherheit gilt, davon laufen. Der Mann, welcher sich stellt, als merke er nicht einmal, daß man ihn verfolgt, der von Zeit zu Zeit sagt: »Gottlob! mir geht es gut; ich habe Freunde;« wird für einen mächtigen Bundesgenossen gehalten, dessen man schonen müsse; dahingegen über den Verlassenen Jeder herfällt.

Willst Du Dich der Ueberlegenheit erfreuen, wenn Du beleidigt wirst, so werde nie hitzig oder grob gegen Deine Feinde, weder in Gesprächen, noch Schriften. Und wenn böser Wille und Leidenschaft, wie es mehrentheils geschieht, bei ihnen im Spiele sind: so laß Dich auf keine Art von Erläuterung ein! Schlechte Leute werden am besten durch Verachtung bestraft, und Klatschereien am leichtesten widerlegt, wenn man sich gar nicht darum bekümmert.

Wenn man daher unschuldig verleumdet, angeklagt, verkannt wird, so zeige man Stolz, Fassung und Würde in seinem Betragen: und die Zeit wird alles aufklären, oder der Vergessenheit übergeben.

Nicht alle Bösewichter sind unempfindlich gegen eine edle, großmüthige, immer gleiche, gerade Behandlung. Mit diesen Waffen also kämpfe man, so lange sich's irgend thun läßt, gegen seine Feinde! Sie müssen nicht Rache fürchten, sondern den Richterstuhl des Publikums, wenn sie fortfahren, einen Mann zu verfolgen, dem niemand seine Ehrerbietung versagt.

Wenn aber Dein Stillschweigen bei ihren Ausfällen sie noch kecker macht, dann zeige einmal, was Du ~thun könntest~, wenn Du ~wolltest~! Aber gebrauche dabei keine Winkelzüge! Vereinige Dich nie mit andern schlechten Leuten; mache keine gemeinschaftliche Sache mit ~einem~ Schelme, um den andern zu bekämpfen; sondern tritt ganz allein, muthig, kühn, schnell, gerade und öffentlich gegen sie auf! Es ist unglaublich, wie viel ein Einziger, mit einem guten Gewissen und mit edlem Feuer, gegen Schaaren von Nichtswürdigen vermag.

Sey nur trotzig gegen mächtige, siegende Feinde! Des Ueberwundnen, des Unglücklichen schone, und verschweige alles Unrecht, das er Dir vormals zugefügt hat, sobald er ausser Stande ist, Dir ferner zu schaden, oder sobald die Stimme des Publikums ihn gerichtet hat! Allein der Bösewicht wendet alles an, um es dahin nicht kommen zu lassen; -- das Gefühl seiner eignen Ungerechtigkeit wird ein neues Verbrechen für Den, welchen er muthwillig gekränkt hat. Doch endlich kömmt alles an den Tag, und dann genieße mit Bescheidenheit die Freuden des Triumphs!

Laß Dir nie zweimal die Hand zur Versöhnung reichen! Vergiß dann alle Beleidigungen, solltest Du auch fürchten müssen, daß dein Beleidiger bei der ersten Gelegenheit die Feindseligkeit erneuern wird! Sey zwar auf Deiner Hut; aber zeige kein Mißtrauen! Es ist besser, unschuldiger Weise zum zweitenmal beleidigt werden, als ein einzigmal den Mann, dem es mit seiner Rückkehr zu Dir ein Ernst ist, kränken, erbittern, und ihm allen Muth nehmen! Aber man muß auch verzeihen können, ~ohne~ darum gebeten zu werden.

Man hat oft die beste Gelegenheit, die Gemüthsart eines Menschen dann kennen zu lernen, wenn er uns beleidigt hat. Man gebe Acht, ob er es durch Bitten um Verzeihung wieder gut zu machen sucht? -- und wie? -- gleich, oder lange nachher? -- öffentlich oder heimlich? -- und warum nicht gleich, und vor allen Leuten? -- Aus Starrköpfigkeit, Eitelkeit, oder Blödigkeit? -- Oder ob er gar keinen Schritt thut, sondern uns laufen läßt, wohl gar mault, und den Gekränkten verdächtig und verhaßt zu machen sucht? -- Ob jenes aus Leichtsinn oder Tücke? -- Oder ob er den Fehler zu beschönigen sucht, den Gesichtspunkt zu verrücken sucht, um Recht zu behalten. -- Schon in den Jahren der Kindheit kann man aus diesen Zügen auf den künftigen Charakter schließen.