Part 20
Wie aber, wenn uns Freunde täuschen, wenn wir nach einiger Zeit wahrnehmen, daß unser gutes Herz uns irregeleitet, uns an Menschen gekettet hat, die unsrer nicht werth sind? -- Meine Leser! ich kann es nicht oft genug wiederholen, daß wir mehrentheils selbst daran Schuld sind, wenn wir bei näherm Umgange die Menschen anders finden, als wir sie uns anfangs gedacht haben. Partheiische Gefühle; Sympathie, Aehnlichkeit des Geschmacks, der Neigung; feine Schmeichelei; Seelen-Drang, in Augenblicken, wo Jeder uns ein Wohlthäter scheint, der nur einige Theilnahme an unserm Schicksale zeigt -- diese und andre dergleichen Eindrücke bestechen uns gar zu leicht, und bereiten uns bittere Täuschungen. Wir denken uns Menschen als engelreine und erhabene Seelen, die nichts weiter, als eine gewisse natürliche Gutmüthigkeit und Offenheit haben, und sind nachher, wenn wir ihre Schwächen entdecken, viel unduldsamer gegen diese unsre Lieblinge, als gegen fremde Leute, weil es unserem Stolz weh thut, daß wir so falsch gesehen hatten, oder so kurzsichtig waren. Darum spannet doch Eure Erwartung, Eure Meinung von Euren Freunden nicht zu hoch, so wird Euch ein menschlicher Fehltritt, den sie in Augenblicken der Versuchung begehen, nicht befremden, nicht ärgern! Habet Nachsicht! Ihr bedürft deren vielleicht selbst bei andern Gelegenheiten. Richtet nicht, damit auch Ihr nicht gerichtet werdet! -- Und was für Recht hast Du denn auch über die Moralität Deines Freundes? Was ist er Dir anders schuldig, als Treue, Liebe und Dienstfertigkeit? Wer hat Dich zum Sittenrichter über ihn bestellt? -- Suche einen ganz vollkommnen Mann auf dieser Erde! -- Du kannst hundert Jahre alt werden und wirst ihn nicht finden.
Vor allen Dingen aber soll man sich hüten, jedem elenden Geschwätze, womit böse oder schwache Menschen zum Nachtheile unsrer Freunde unsre Ohren erfüllen, Glauben beizumessen. Leute, die heute mit einem Manne, den sie bis in den Himmel erheben, ihren letzten Bissen theilen würden, und morgen, wenn irgend ein altes Weib ihnen ein ärgerliches Mährchen aufgehängt hat, denselben zu dem verächtlichsten Betrüger herabwürdigen! Leute, die einen vieljährigen, genau geprüften Freund, auf Angabe des niederträchtigen unwürdigen Pöbels, einer ihm schuldgegebenen Schandthat fähig halten können, -- wäre auch alle Wahrscheinlichkeit auf Seiten der Verläumder! -- solche wankelmüthige, elende und feile Seelen verdienen nur Verachtung, und der Verlust ihrer Freundschaft ist baarer Gewinn. Der Anschein ist oft sehr trüglich; man kann Veranlassungen haben, mißtrauisch zu werden; es können Umstände eintreten, die es uns unmöglich machen, gewisse zweideutig scheinende Schritte zu erläutern; aber, daß ein bewährter, edler Mann keine schlechte Handlung begangen habe, davon bedarf es weiter keines Beweises, sondern nur des einfachen Glaubens, daß es unmöglich sey, edel und schlecht zugleich zu seyn.
22.
Wenn denn nun aber wirklich unser Freund sich so sehr moralisch verschlimmert, oder wenn unser leichtgläubiges Herz sich in einem solchen Grade in seinem Zutrauen zu ihm betrogen sieht, daß er unsre Vertraulichkeit gemißbraucht, uns mit Undank belohnt hätte -- nun! so hört er auf, unser ~Freund~ zu seyn; ich meine aber, er behält doch nicht mehr und nicht weniger Recht auf unsre Duldung, als jeder andre uns fremde Mensch. Ich halte es für eine falsche Zärtelei, an welcher mehrentheils die Eitelkeit, untrüglich seyn zu wollen, ihren Theil hat, wenn man glaubt, man müsse nun von einem solchen Verräther immer mit großer Schonung reden, weil er einst unser Freund gewesen. Das Einzige, was uns bewegen kann, seiner zu schonen, ist der Gedanke: daß überhaupt das menschliche Herz ein schwaches Ding ist, und daß man leicht zu weit in seinem Widerwillen geht, wenn eine Art von Rache sich in unser Urtheil mischt. Von der andern Seite aber macht der Umstand, daß der Mann ~uns~ betrogen hat, sein Verbrechen auch nicht um ein Haar breit größer, berechtigt uns nicht, ärger gegen ihn zu Felde zu ziehen, als gegen jeden andern Schelm, der ~andre Menschen~ und überhaupt die Tugend betrügt.
Siebentes Kapitel.
Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern.
1.
Es ist traurig genug, daß der größte Theil des Menschengeschlechts, durch Schwäche, Armuth, Gewalt und andre Umstände, gezwungen ist, dem kleinern zu Gebote stehen, und daß oft der Bessere den Winken und Launen des Schlechtern gehorchen muß. Was ist daher billiger, als daß die, denen das Schicksal die Gewalt in die Hände gegeben hat, ihren Nebenmenschen das Leben süß und das Joch erträglicher zu machen, diese glückliche Lage mit Menschenfreundlichkeit und Edelmuth benutzen.
2.
Wahr ist es aber auch, daß die meisten Menschen zur Sclaverei geboren, daß edle, wahrhaftig große Gesinnungen und Gefühle hingegen nur das Erbtheil einer unbeträchtlichen Anzahl zu seyn scheinen. Lasset uns indessen den Grund dieser Wahrheit weniger in den natürlichen Anlagen, als in der Art der Erziehung, und in unsern, durch Luxus und Despotismus verderbten Zeiten suchen! Durch sie wird eine ungeheure Menge Bedürfnisse erzeugt, die uns von Andern abhängig machen. Das ewige Angeln nach Erwerb und Genuß erzeugt niedrige Leidenschaften, zwingt uns, zu erbetteln und zu erkriechen, was wir für so nöthig zu unserer Existenz halten, statt daß Mäßigkeit und Genügsamkeit die Quellen aller Tugend und Freiheit sind.
3.
Bleiben nun die meisten Menschen stumpf für feinere Empfindungen, und unfähig zu erhabnen, hohen Gesinnungen: so sind sie doch nicht Alle unerkenntlich gegen großmüthige Behandlung, noch blind gegen wahren Werth. Rechne also weder auf die Zuneigung und Achtung, noch auf freiwillige Folgsamkeit derer, die Dir unterworfen sind, wenn diese selbst fühlen, daß sie moralisch besser, weiser, geschickter sind, als Du, daß Du ihrer in einem höheren Grade bedarfst, als sie Deiner; wenn Du sie mißhandelst, schlecht für wesentliche Dienste belohnst, die Schmeichler unter ihnen den geraden, aufrichtigen, treuen Dienern vorziehst; wenn sie sich schämen müssen, einem Manne anzugehören, den Jeder haßt, oder verachtet; wenn Du mehr von ihnen verlangst, als Du selbst an ihrer Stelle würdest leisten können; wenn Du Dich weder um ihr moralisches, noch ökonomisches, noch physisches Wohl bekümmerst, ihnen den Lohn ihrer Arbeit so sparsam zutheilst, daß sie verzweifeln, oder Dich betrügen müssen, oder wenigstens keine frohe Stunde haben können; wenn Du nicht Rücksicht nimmst auf ihren körperlichen Zustand, sie verstößest, sobald sie alt und schwächlich werden; wenn Du ihnen wenig Ruhe und Schlaf erlaubest; wenn sie, indeß Du schwelgst, in rauher Jahrszeit bis nach Mitternacht, vielleicht gar dem bösen Wetter bloßgestellt, auf Dich voll tödtender Langerweile warten müssen; wenn Dein lächerlicher Hochmuth ein Gegenstand ihres Spottes wird, oder Dein Jähzorn sie mit Schimpfwörtern überhäuft; wenn sie mit aller Aufmerksamkeit kein freundliches Wort von Dir gewinnen können! -- Geradheit, Redlichkeit, wahre Menschenliebe, Würde und Folgerichtigkeit in unsern Handlungen zu zeigen, das ist, so wie überhaupt das sicherste Mittel, uns allgemeine Achtung zu erwerben, so insbesondre geschickt, uns der Ehrerbietung und Zuneigung Derer zu versichern, die von uns abhängen, uns oft ohne Schminke in mancherlei Launen sehen, und gegen welche wir uns also schwerlich lange verstellen können. Es ist ein altes, aber sehr wahres Sprichwort: »So wie der Herr; also der Knecht!« Es versteht sich, daß dieß nur von Dienstboten gilt, die lange genug in einem Hause gedient haben, um den darin herrschenden Ton anzunehmen; aber bei diesen trifft es denn auch fast unfehlbar ein. Ein Kammerdiener, der ein Windbeutel ist, dient mehrentheils einem Prahler! bescheidne Herrschaften haben höfliches Gesinde; in stillen, ordentlichen Haushaltungen findet man sittsame, fleißige Leute zur Aufwartung; zänkische, lüderliche Bediente und Mägde sind ~da~ zu Hause, wo Zwist und zügellose Sitten unter den Herrschaften im Gange sind. -- Also ist ein gutes Beispiel (wortreicher Ermahnungen bedarf es nicht) das sicherste Mittel, brauchbares Gesinde zu bilden.
4.
So sehr ich nun einen freundlichen, liebreichen Umgang mit Bedienten anrathe, so wenig kann ich es billigen, wenn man sich ihnen unverholen in allen seinen Blößen zeigt, sie zu Vertrauten in heimlichen Angelegenheiten macht, sie durch übermäßige Bezahlung an ein üppiges Leben gewöhnt, -- wenn man sie nicht gehörig beschäftigt, alles ihrer Willkühr überläßt, sie zu unumschränkten Herren über Kassen und Vorräthe macht, und dadurch in ihnen Reiz zum Betrug erweckt, -- wenn man alle Gewalt über sie und alles Ansehen freiwillig aufgibt, und sich zu einer Vertraulichkeit und einem Tone herabläßt, der sie nothwendig in Versuchung führen muß, sich zu vergessen. -- Man findet unter hundert Menschen von der Art kaum Einen, der das vertragen kann, der nicht Mißbrauch von einer solchen Nachsicht macht. Auch ist das eben kein Mittel, sich beliebt zu machen. Ein wohlwollendes, ernsthaftes, gesetztes, immer gleiches Betragen, entfernt von steifer, hochmüthiger Kälte und Feierlichkeit, -- gute, richtige, nicht übermäßige, der Wichtigkeit ihrer Dienste angemessene Bezahlung, -- strenge Pünktlichkeit, wenn es darauf ankömmt, sie zur Ordnung und zu demjenigen anzuhalten, wozu sie sich verbindlich gemacht haben, -- Liebe und theilnehmende Güte, wenn sie die Gewährung einer anständigen, bescheidnen Bitte, die Vergünstigung eines unschuldigen Vergnügens von uns begehren, oder auch ungebeten nur erwarten können, -- weise Ueberlegung in Zutheilung der Arbeit, so daß man sie nicht mit unnützen Arbeiten überhäufe, mit Geschäften, die bloß unser eitles Vergnügen zum Gegenstande haben, dennoch aber nicht leide, daß sie je müssig seyen, sondern sie auch anhalte, für sich selbst zu arbeiten, sich in Kleidung reinlich und rechtlich zu halten, sich Geschicklichkeit zu erwerben, -- Aufmerksamkeit und Aufopfrung unsers eignen Interesse, wenn man Gelegenheit hat, ihnen ein besseres Schicksal zu verschaffen, sie zu befördern, -- väterliche Sorgsamkeit für ihre Gesundheit, für ehrlichen Erwerb und für ihre sittliche Aufführung: -- das sind die sichersten Mittel, gut, treu bedient, und von denen, die uns dienen, geliebt zu werden. Hierzu füge ich noch den Rath, nicht zu viel Dienstboten zu halten; aber die wenigen, die man hat, und deren man bedarf, nützlich und hinreichend zu beschäftigen, gut zu bezahlen und vernünftig zu behandeln. Je mehr Bedienten man hat, desto schlechter wird man bedient.
5.
Unsre feine Lebensart hat einem der ersten und süßesten Verhältnisse, dem Verhältnisse zwischen Hausvater und Hausgenossen, alle Anmuth, alle Würde genommen. Hausvaters-Rechte und Hausvaters-Freuden sind größtentheils verschwunden; das Gesinde wird nicht mehr als Theil der Familie angesehen, sondern als Miethlinge betrachtet, die wir nach Gefallen abschaffen, so wie auch ~sie~ uns verlassen können, sobald sie sonst irgendwo mehr Freiheit, mehr Gemächlichkeit oder reichere Bezahlung zu finden glauben. Es ist nicht mehr anerkannt, daß wir ausser den Stunden, die sie unserm Dienste widmen müssen, kein Recht auf sie haben; wir leben nicht mehr unter ihnen, sehen sie nur dann, wenn wir ihnen das Zeichen mit der Schelle geben, und sie aus ihren, gewöhnlich sehr schmutzigen, ungesunden Löchern zu uns hervorkriechen. Diese lose, auf ungewisse Zeit geknüpfte Verbindung trennt das Interesse beider Theile, das doch ein gemeinschaftliches seyn sollte, auf eine unnatürliche und verderbliche Weise: der Herr sucht den Miethling recht wohlfeil zu bekommen, er müßte denn aus Eitelkeit oder Verschwendung mehr an ihn wenden; -- was im Alter aus dem armen dienstbaren Geschöpfe werden wird, darum bekümmert er sich nicht, und der Bediente, der das weiß, sucht bei so ungewissen Aussichten zu erhaschen, was zu erhaschen ist, um wo möglich einen Nothpfenning zurückzulegen. Welchen Einfluß dieß auf Sittlichkeit, auf Bildung, auf Vertrauen und gegenseitige Zuneigung haben müsse, ist leicht einzusehen. Es ist wahr, daß nicht alle Herrschaften vollkommen so fremd und unnatürlich mit ihrem Gesinde umgehen; aber wo findet man in jetzigen Zeiten noch Solche, die, als Väter und Lehrer Derer, die ihnen dienen, sich's zur Freude machen, mitten unter ihnen zu sitzen, durch weise und freundliche Gespräche sie zu unterrichten, an ihrer sittlichen und geistigen Bildung zu arbeiten, und für ihr künftiges Schicksal besorgt zu seyn? Es ist wahr, daß Dienstboten selten so wohl erzogen sind, daß sie den Werth einer solchen Herablassung zu erkennen und gehörig zu nützen wissen; allein was hindert uns, das Gesinde selbst zu erziehen, sie als Kinder anzunehmen, sie dann lebenslang, wie die Mitglieder unsrer Familie, bei uns zu behalten, und ihr Schicksal, nach Verhältniß ihres Verdienstes und unsers Vermögens, zu verbessern? Ich kenne aus Erfahrung alle Ungemächlichkeiten einer solchen Unternehmung; vielfältig mißlingt es; unsre Arbeit belohnt sich nicht, wird nicht erkannt; die Kinder, wenn sie herangewachsen, fangen an, sich zu fühlen, und entziehen sich unsrer väterlichen Zucht. Allein oft sind wir selbst durch fehlerhafte Behandlung daran Schuld: und nicht immer handeln sie undankbar gegen uns. Wir geben ihnen zuweilen eine ganz andre Art von Erziehung, als für ihre Lage taugt, und dadurch gerade machen wir sie unzufrieden mit ihrem Zustande, statt ihr Glück zu bauen; oder wir behandeln sie, wenn sie schon erwachsen sind, noch immer wie Kinder. Der Freiheitstrieb ist allen Geschöpfen von der Natur eingeprägt; sie glauben, sich einem Joche zu entziehen, wenn sie von uns gehen, glauben unserer nicht mehr zu bedürfen, sich selbst rathen und regieren zu können. Vielfältig aber reuet es solche Menschen in der Folge, uns verlassen zu haben, wenn sie erst den Unterschied unter einem ~Herrn~ und einem ~Hausvater~ erfahren, und richtige Begriffe von wahrer Freiheit erhalten. Das Fremde, das man nicht kennt, sieht immer besser aus, als das gewöhnte, auch noch so Gute. Auf Erfolg und Dankbarkeit soll man übrigens in dieser Welt nie rechnen, sondern das Gute bloß aus Liebe zum Guten thun. Nicht alle Mühe aber ist verloren, die verloren zu seyn scheint, und die Wirkungen einer guten Erziehung äussern sich oft erst spät nachher. Es ist auch süß, für Andre zu pflanzen, und dagegen ein gemeines Verdienst, Früchte zu ziehen, die man selbst genießt.
6.
Ein Hausvater hat das Recht, sein Gesinde ernstlich zur Pflicht-Erfüllung anzuhalten; allein nie soll er sich durch Hitze verleiten lassen, erwachsene Dienstboten mit groben Schimpfwörtern, oder gar mit Schlägen zu behandeln. Ein edler Mann mag nur Kraft gegen Kraft setzen; nie wird er Den mißhandeln, der sich nicht wehren darf.
Fast noch härter ist es, den armen Dienstboten, wegen kleiner Unachtsamkeiten, z. B. wenn sie etwas zerbrochen haben, einen Theil ihres sparsamen Lohns zu entziehen. Besser ist es, seinen Dienstboten so viel Zutrauen einzuflößen, daß sie selbst es sogleich anzeigen, wenn durch ihre Schuld etwas im Hause verloren gegangen oder zerbrochen ist, und dann ersetze man das fehlende Stück ohne Anstand wieder, lasse sein häusliches Inventarium nie verringert werden. Ist von einem Dutzend Tassen, Teller, Gläser oder dgl. erst ~ein~ Stück fort: so wird nicht mehr auf die übrigen so viel Sorgfalt verwendet, und bald sind sie alle verschwunden, da man denn in einen vollen Beutel greifen muß.
7.
Fremden Bedienten soll man in aller Rücksicht höflich und liebreich begegnen, denn in Betracht Unsrer sind sie freie Leute, oder wir dürfen selbst uns nicht frei nennen, wenn wir Fürsten dienen. Dazu kömmt, daß manche Bediente sehr viel Einfluß auf ihre Herrschaften haben, daß die Stimme der Menschen aus niedrigen Klassen oft sehr entscheidend für unsern Ruf werden kann, und endlich, daß diese Klasse es sehr viel genauer damit zu nehmen pflegt, sich leichter beleidigt glaubt, als Personen, welche die Grundsätze einer feinen Erziehung über elende Kleinigkeiten hinaussetzt.
8.
Es wird hier nicht am unrechten Orte stehen, wenn ich die Warnung hinzufüge, sich vor Geschwätzigkeit und Vertraulichkeit in dem Umgange mit Haarkräuslern, Bartscheerern und Putzmacherinnen zu hüten. Dies Volk -- doch gibt es auch da Ausnahmen -- ist sehr geneigt, aus einem Hause in das andre zu tragen, Intriguen, Ränke, Klatschereien anzuspinnen, und sich zu allerlei unedlen Diensten gebrauchen zu lassen. Am besten ist es, sich mit ihnen auf einen ernsthaften Fuß zu setzen.
9.
Das Gesinde pflegt kleine Veruntreuungen in Eß-Waaren, Kaffee, Zucker u. dgl. für keinen Diebstahl zu halten. So unrecht dieß ist, so bleibt es doch darum nicht weniger die Pflicht der Herrschaften, ihren Domestiken die Gelegenheit zu benehmen, dergleichen Unredlichkeiten sich schuldig zu machen. Zwei Dinge sind hierbei am wirksamsten: zuerst, daß die Herrschaften mit dem Beispiel der Mäßigkeit und Selbstbeherrschung vorangehen, und dann, daß sie von Zeit zu Zeit durch freiwillige Darreichung solcher Bissen, welche die Lüsternheit reizen könnten, die Versuchung verhüten.
10.
Und nun sollte ich auch etwas von dem Betragen des Dieners gegen den Herrn reden. Hier nur so viel über diesen Gegenstand: Wer dient, der erfülle treu die Pflichten, zu welchen er sich verbindlich gemacht hat; er thue darin lieber zu viel, als zu wenig; den Vortheil seines Herrn sehe er wie seinen eignen an; er handle immer so offenbar, und führe seine Geschäfte mit solcher Ordnung, daß es ihm zu keiner Zeit schwer fallen könne, Rechenschaft von seinem Haushalte abzulegen; er mißbrauche nie das Zutrauen, die Vertraulichkeit seines Herrn; er decke nie die Fehler Dessen auf, dessen Brod er ißt; er lasse sich nicht verleiten, weder im Scherze, noch im Unwillen, die Gränzen der Ehrerbietung zu überschreiten, die er Dem schuldig ist, dem das Schicksal ihn unterwürfig gemacht hat; allein er betrage sich auch immer mit einer solchen Würde, daß es dem Obern nie einfallen könne, ihm mit Verachtung zu begegnen, oder unedle Dienste zuzumuthen, sondern daß dieser seinen Werth, als den eines Menschen, fühle, und, wenn er einer guten Empfindung fähig ist, des Abstandes ungeachtet, den die bürgerliche Verfassung zwischen ihnen gesetzt hat, ihm dennoch seine Hochachtung nicht versagen könne! Er lasse sich nicht durch blendende Aussenseiten bewegen, seinen Zustand zu verändern, sondern überlege, daß jede Lage ihre Ungemächlichkeiten hat, die man in der Ferne nicht wahrnimmt! Hat er bei diesem redlichen und vorsichtigen Betragen dennoch das Unglück, einem undankbaren, harten, ungerechten Herrn zu dienen: so ertrage er, wenn sanfte Vorstellungen nichts helfen, geduldig, ohne Geschwätz und ohne Murren, die lieblose Behandlung, so lange er sich dieser Lage nicht entziehen kann. Kann er aber, so trete er in ein anderes Verhältniß, schweige nachher über das, was ihm begegnet ist, und enthalte sich aller Rache, aller Lästerung, aller Plauderei! Doch können Fälle eintreten, wo seine gekränkte Ehre eine öffentliche oder gerichtliche Rechtfertigung gegen den mächtigen Unterdrücker fordert, und dann trete er ohne Winkelzüge, kühn und fest, voll Zuversicht auf die Güte seiner Sache, auf Gottes und der Menschen Gerechtigkeit, hervor, und lasse sich weder durch Menschenfurcht, noch durch Armuth abschrecken, seinen Ruf zu retten, wenn auch der stärkere Bösewicht ihm alles Uebrige rauben kann!
Achtes Kapitel.
Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns in demselben Hause wohnen.
1.
Wenn wir in der Ordnung von den ersten und natürlichsten Verhältnissen ausgehen, und immer von den einfachen zu den zusammengesetztern fortschreiten: so denken wir, nach den bis dahin betrachteten Verhältnissen, nun zuerst an die Verbindung mit Nachbarn und Hausgenossen.
Unsre neuere Philosophie überspringt zwar diese engen Verhältnisse; allein ich bin dazu noch nicht aufgeklärt genug, und schreibe also aus Ueberzeugung den Satz hin: »Nächst den Personen Deiner Familie, bist Du am ersten Deinen Nachbarn und Hausgenossen Rath, That und Hülfe schuldig.« Es ist sehr süß, sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, wenn man mit lieben, wackern Nachbarn eines zwanglosen, freundschaftlichen und vertraulichen Umgangs pflegen darf. Es kommen im menschlichen Leben so manche Fälle, wo augenblickliche kleine Hülfe uns Wohlthat ist, wo wir uns zur Erholung von ernsthaften Arbeiten, wenn Sorgen uns drücken, nach der Gegenwart eines guten Menschen sehnen, den wir nicht erst weit zu suchen brauchen; -- also vernachlässige man seine Nachbarn nicht, wenn sie irgend von geselliger, wohlwollender Gemüthsart sind! In großen Städten gehört es leider zum guten Tone, nicht einmal zu wissen, wer mit uns in demselben Hause wohne. Das finde ich sehr abgeschmackt, und ich weiß nicht, was mich bewegen sollte, eine halbe Meile weit zu fahren, wenn ich die Unterhaltung, oder die Langeweile, welcher ich nachrenne, eben so gut zu Hause finden könnte, oder um einen Freundschafts-Dienst die ganze Stadt zu durchjagen, wenn neben mir an ein Mensch wohnt, der mir denselben gern erzeigen würde, in so fern ich mir seine Freundschaft und sein Zutrauen erworben hätte. Schämen würde ich mich, wenn es der Fall wäre, daß die Miethkutscher und Straßenbuben mich besser, als meine Nachbarn kennten.
2.
Kaum bedarf es der Bemerkung, daß man sich hüten müsse, sowohl sich denen aufzudringen, die uns als Hausgenossen nicht ausweichen können, wie auch besonders, ihre Handlungen auszuspähen, uns in ihre häuslichen Angelegenheiten zu mischen, ihren Schritten nachzuspüren, und ihre Schwachheiten oder Fehltritte unter die Leute zu bringen. Da vor Allen das Gesinde hierzu sehr geneigt zu seyn pflegt: so soll man seine Dienstleute davon abzuhalten, und den Geist der Klatscherei aus seinem Hause zu verbannen suchen. Die Aufgabe ist schwer, aber nicht unauflöslich.
3.
Es giebt kleine Gefälligkeiten, die man Denen schuldig ist, mit welchen man in demselben Hause, oder denen man gegenüber wohnt, oder deren Nachbar man ist, -- Gefälligkeiten, die an sich gering sind, doch aber dazu dienen, Frieden zu erhalten, uns beliebt zu machen, und die man deswegen nicht verabsäumen soll. Dahin gehört: daß man Poltern, Lärmen, spätes Thür-Zuschlagen im Hause vermeide, Andern nicht in die Fenster gaffe, nichts in fremde Höfe oder Gärten schütte, und dergleichen mehr.
4.
Manche Menschen denken so wenig fein, daß sie glauben, gemiethete Häuser, Gärten und Hausgeräthe brauchten gar nicht geschont zu werden, und es sey bei Bestimmung der Mieths-Summe schon auf die Abnutzung und Verwüstung mit gerechnet worden. Ohne zu erwähnen, daß dieß wenigstens nicht immer der Fall ist, so denke ich auch: ein Mann, der Erziehung hat, kann kein Vergnügen daran finden, muthwilliger Weise etwas zu verderben, das nicht sein ist, wodurch er jemand betrübt, und sich verhaßt macht. Es wird sehr bald bekannt, wenn man pünktlich im Bezahlen, höflich und gefällig, dabei ordentlich und reinlich ist, und man wird dann lieber und um billigern Preis zum Miethsmanne aufgenommen, als mancher viel Vornehmere und Reichere.
5.
Wenn unter Leuten, die zusammen in demselben Hause wohnen, oder sonst täglich mit einander leben müssen, Verstimmungen oder Mißverständnisse entstehen: so thut man wohl, die Erläuterung zu beschleunigen; denn nichts ist peinlicher, als mit Personen unter einem Dache zu leben, gegen die man einen Widerwillen hegt.
Neuntes Kapitel.
Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast.
1.