Ueber den Umgang mit Menschen

Part 19

Chapter 193,454 wordsPublic domain

Hast Du nun einen solchen treuen Freund gefunden, so bewahre ihn auch! Halte ihn in Ehren, auch dann, wenn das Glück Dich plötzlich über ihn erhebt, auch da, wo Dein Freund nicht glänzt, wo Deine Verbindung mit ihm durch die öffentliche Stimme nicht gerechtfertigt zu werden scheint! Schäme Dich nie Deines ärmern, weniger hochgeschätzten Freundes; beneide nicht den Dir vorgezogenen Freund! Hange fest an ihm, ohne ihm lästig zu werden! Fordre nicht mehr von ihm, als Du selbst leisten würdest; ja, fordre nicht einmal so viel, wenn Dein Freund nicht in allen Stücken mit Dir einerlei lebhaftes Temperament, einerlei Fähigkeiten, einerlei Grad von Gefühl hat! Ergreife warm und eifrig die Parthei Deines Freundes, aber nicht auf Kosten der Gerechtigkeit und Redlichkeit! Du sollst nicht seinetwegen blind gegen die Tugenden Andrer seyn, noch, wenn Du die Macht in Händen hast, eines würdigen, geschickten Mannes Glück zu bauen, diesen dem weniger fähigen Freunde nachsetzen. Du sollst nicht seine Uebereilungen vertheidigen, seine Leidenschaften partheiisch als Tugenden erheben, in kleinen Zwistigkeiten mit Andern, wenn er unrecht hat, geflissentlich die Parthei des Beleidigers verstärken; nicht Dich mit in sein Verderben stürzen, wenn ihm dadurch nicht geholfen wird, oder vielleicht gar durch unkluge Vertheidigung seine Feinde mehr erbittern, und Dir und den Deinigen den Untergang bereiten. Aber retten sollst Du seinen Ruf, wenn er unschuldig verläumdet wird, auch dann, wenn jedermann ihn verläßt und verkennt, sobald Du hoffen darfst, daß dieß ihm irgend Vortheil bringen kann. Oeffentlich ehren sollst Du den Edeln, und Dich nie Deiner Verbindung mit ihm schämen, wenn Schicksale oder böse Menschen ihn unverdient zu Boden gedrückt haben. Nicht mitlächeln sollst Du, wenn lose Buben hinter seinem Rücken her ihn höhnen. Mit Vorsicht und Klugheit sollst Du ihm Nachricht geben von Gefahren, die ihm und seiner bürgerlichen Ehre drohen; aber nur, in so fern dieß dazu dienen kann, dem Uebel auszuweichen, oder Unvorsichtigkeiten wieder gut zu machen, nicht aber, wenn er dadurch bloß beunruhigt und aufgeregt wird.

7.

Freunde, die uns in der Noth nicht verlassen, sind äusserst selten. -- Sey Du Einer dieser seltnen Freunde! Hilf, rette, wenn Du es vermagst! opfre Dich auf -- nur vergiß nicht, was Klugheit und Gerechtigkeit gegen Dich und Andre von Dir fordern! Aber tobe nicht, klage nicht, wenn Andre nicht ein Gleiches für Dich thun! Nicht immer herrscht böser Wille bei ihnen. Schwache, und durch Leidenschaft beherrschte Menschen sind unsichre Freunde; doch wie wenige gibt es, die ganz fest und unerschütterlich in ihrem Charakter, ganz frei von kleinen Leidenschaften und Nebenabsichten sind, die nicht bei ihrer Anhänglichkeit an Dich von klugen Rücksichten auf Deinen Ruf, Deine Verhältnisse, bestimmt werden, oder wenigstens nicht gern Schande vor der Welt wegen ihrer Zuneigung zu Dir auf sich laden wollen; wie Wenige, die nicht, wo es auf Verleugnung ankömmt, den Schwächern gegen den Mächtigern aufopfern! Wenn diese nun, sobald ein Ungewitter sich über Deinem Haupte zusammenzieht, einen kleinen Schritt zurücktreten, oder wenigstens ihre Liebe und Verehrung in eine Art von Protection und Rathgebersrolle verwandeln -- nun, so sey billig! Schiebe die Schuld auf das ängstliche Temperament der mehrsten Leute, auf ihre Abhängigkeit von äussern Umständen, auf die Nothwendigkeit, heut zu Tage ~durch Gunst~ sein Glück zu machen, um in schweren Zeiten fortzukommen! Wie wenig Menschen würden übrig bleiben, mit denen Du Hand in Hand auf dieser Erde durch Glück und Unglück wandeln könntest, wenn Du es so genau nehmen, oder so große Forderungen an Deine Freunde machen wolltest! Zuweilen ist auch der Fall da, daß wirklich unsre Freunde (wenn wir uns durch kleine oder große Unvorsichtigkeiten unser böses Schicksal selbst zugezogen haben) sich die Rechtfertigung schuldig sind, öffentlich zu zeigen, daß sie nicht in unsre Thorheiten verwickelt waren. Oft werden sie durch unsre widrige Lage gerade so gestimmt, wie sie immer hätten gestimmt seyn sollen, wenn sie ein gutes Gewissen hätten bewahren wollen; das heißt: sie hören auf, uns so täuschend zu schmeicheln, wie sie es vorher aus Furcht, uns zu verlieren, thaten, so lange wir von jedermann aufgesucht wurden, und unsre Freunde ~wählen~ konnten. Ich habe in einigen blendenden Situationen meines Lebens einen Haufen von Leuten sich mir aufdringen gesehen, die mir ohne Unterlaß Weihrauch streuten, jeden meiner witzigen Einfälle mit lauter Bewundrung auffingen, schmeichelhafte Verse auf mich machten, meine Worte als Orakelsprüche ausschrien, und meinen Ruf im Posaunenton erhoben. Ich kannte das Menschengeschlecht genug, um nicht alles das für baare Münze aufzunehmen, sondern fest überzeugt zu seyn, daß sie mich vernachlässigen, wohl gar auf mich herabsehen würden, wenn ich einst in eine weniger glückliche Lage kommen sollte, und sie meiner nicht mehr bedürften. Ich irrte nicht; aber deswegen waren Diese doch nicht insgesammt Schurken und Heuchler. Viele von ihnen, es ist wahr, lernte ich als Solche kennen; sie erlaubten sich die ärgsten Niederträchtigkeiten gegen mich; es befremdete mich nicht; ich verachtete sie; aber Manche waren vorher nur von dem Strome mit fortgerissen worden. Die Stimme meiner Feinde erweckte sie nun; sie stutzten, betrachteten mich mit forschendem Auge, und sahen meine Fehler; sie warfen mir diese Fehler durch Worte oder einige Kälte in ihrem Betragen, vielleicht ein wenig zu unsanft vor, gaben mir dadurch Gelegenheit, selbst aufmerksam auf dieselben zu werden, an mir zu arbeiten; und wahrlich, diese sind mir nützlichere, ächtere Freunde gewesen, als manche Andre, die mich in meiner Eitelkeit und Selbstgenügsamkeit zu bestärken suchten.

8.

Kein Grundsatz scheint mir so unvereinbar mit edelmüthigen Gesinnungen und eines gefühlvollen Herzens so unwürdig, als der: »daß es ein Trost sey, Gefährten oder Mitleidende im Unglücke zu haben.« Ist es nicht genug, selbst leiden, und dabei überzeugt seyn zu müssen, daß in der Welt noch viel eben so redlich gute Menschen, wie wir sind, nicht weniger Elend zu tragen haben? Sollen wir noch die Summe dieser Unglücklichen muthwilliger Weise dadurch vermehren, daß wir Andre zwingen, auch unsre Last mitzutragen, die dadurch um nichts leichter wird? Denn man sage doch nicht, daß es Erleichterung sey, sich von seinem Schmerze zu unterhalten! Nur für altersschwache Weiber, nicht aber für einen verständigen Mann, kann Geschwätzigkeit von ~der~ Art Wohlthat werden. Ich habe im ersten Kapitel des ersten Theils davon geredet: ob es gut sey, Andern seine Widerwärtigkeiten zu klagen. Damals sagte ich zur Beantwortung dieser Frage nur das, was Weltklugheit und Vorsichtigkeit lehren; im Umgange mit Freunden hingegen, wovon hier die Rede ist, muß uns auch Feinheit des Gefühls vorschreiben, unsre unangenehme Lage vor dem mitempfindenden, zärtlich theilnehmenden Freunde so viel möglich zu verbergen. Ich sage: so viel möglich, denn es können Fälle kommen, wo die Bedürfnisse des gepreßten Herzens, sich zu entladen, zu groß, oder die liebreichen Anforderungen des Freundes, der den Kummer auf unsrer Stirne liest, zu dringend werden, wo länger zu schweigen Folter für uns, oder Beleidigung für den Vertrauten werden würde, und wo nur sein Rath oder sein Beistand retten kann. In allen übrigen Fällen lasset uns der Ruhe unsers Freundes, wie unserer eignen, schonen!

9.

Klagt Dir ein bewährter Freund seine Noth, seine Schmerzen, wie könntest Du ihn ohne innige Theilnahme anhören! Oder wie dürftest Du seinen Klagen moralische Gemeinsprüche entgegensetzen, ihm wehe thun durch Vorwürfe über sein Betragen, durch die Bemerkung, daß er seine Noth hätte verhüten können! Nein, bist Du ein treuer, gefühlvoller Freund, so wirst Du alles aufbieten, Deinem Freunde Linderung oder Beistand zu gewähren. Aber verzärtle ihn nicht an Leib und Seele, durch weibische Klagen! Erwecke vielmehr seinen männlichen Muth, daß er sich über die nichtigen Leiden dieser Welt erhebe! Schmeichle ihm nicht mit falschen Hoffnungen, mit Erwartungen eines blinden Ungefährs; sondern hilf ihm, Wege einschlagen, die eines weisen Mannes würdig sind!

10.

Aus dem Umgange mit Freunden muß alle Verstellung verbannt seyn. Da soll alle ~falsche~ Scham, da soll aller Zwang, den Convenienz, übertriebne Gefälligkeit und Mißtrauen im gemeinen Leben auflegen, wegfallen. Zutrauen und Aufrichtigkeit müssen unter innigen Freunden herrschen. Allein man überlege dabei, daß es kindische Geschwätzigkeit seyn würde, Geheimnisse mitzutheilen, die dem Freunde gleichgültig sind, und durch die ihm eine schwere Verantwortlichkeit aufgelegt, oder seine Verschwiegenheit auf eine schwere Probe gesetzt wird; daß wenige Menschen, unter allen Umständen, unverbrüchlich ein Geheimniß zu bewahren vermögen, wenn sie auch übrigens alle Eigenschaften haben, die zur Freundschaft erfordert werden; daß fremde Geheimnisse nicht unser Eigenthum sind; und endlich, daß es auch eigne Geheimnisse geben kann, die man ohne Schaden, Gefahr und Nachtheil durchaus keinem Menschen auf der Welt anvertrauen darf!

11.

Jede Art von schädlicher oder weibischer Schmeichelei muß im Umgange unter ächten Freunden wegfallen, nicht aber eine gewisse Gefälligkeit, die das Leben süß macht, Nachgiebigkeit und Geschmeidigkeit in unschuldigen Dingen. Es gibt Menschen, deren Zuneigung man augenblicklich verloren hat, sobald man aufhört, ihnen Weihrauch zu streuen, sobald man nicht in allen Stücken einerlei Meinung mit ihnen ist, einerlei Geschmack mit ihnen hat. In ihrer Gegenwart darf man nicht einmal den Vorzügen der Verdienstvollsten Gerechtigkeit widerfahren lassen. Gewisse Saiten kann man gar nicht berühren, ohne sie aufzubringen. Haben sie eine Thorheit begangen; sind sie blindlings eingenommen für oder gegen eine Sache; werden sie von Phantasie oder Leidenschaft irregeleitet; haben sie unanständige oder schädliche Gewohnheiten an sich; findet man in ihrer Art zu leben und zu wirthschaften etwas mit Grunde auszusetzen, und man untersteht sich, hierüber etwas zu sagen: so schlägt das Feuer aller Orten heraus. Andre werden hiedurch nicht sowohl beleidigt, als gekränkt. Sie sind gewöhnt, sich so zu verzärteln, daß sie die Stimme der Wahrheit gar nicht hören können. Man soll nur von solchen Dingen mit ihnen reden, die ihren faulen Seelen-Schlummer befördern. -- »Wenn ich Dich bitten darf,« sagen sie, »so laß uns davon abbrechen! das sind Gegenstände, die ich nicht gern in mein Gedächtniß zurückrufe. Es ist nun einmal nicht anders! Ich weiß wohl, daß ich Unrecht habe, daß ich vielleicht anders handeln sollte; aber es würde einen zu schweren Kampf kosten -- meine Gesundheit, meine Ruhe, meine schwachen Nerven vertragen es nicht, daß ich ernstlich darüber nachsinne.« -- Pfui! welch eine Feigheit und Verblendung! ein Mensch, der einen festen Charakter besitzt, und ernstlich das Gute liebt und sucht, muß den Muth haben, bei jedem Gegenstande mit reifer Ueberlegung verweilen zu können. -- Alle solche verweichlichte und feige Seelen taugen nicht zur Freundschaft. Man muß das Herz haben, Wahrheit zu sagen und Wahrheit anzuhören, auch dann, wenn diese Wahrheit hart ist, und unser Innerstes erschüttert. Doch das Recht, welches die Freundschaft gibt, freimüthig zu tadeln, und dem Freunde die Wahrheit nicht zu verhehlen, will mit Zartheit und liebevoller Schonung ausgeübt seyn. Schon die Klugheit verbeut, den fehlenden Freund durch lange Straf-Predigten zu ermüden und zu erbittern, oder mit ängstlichen Besorgnissen zu erfüllen, wenn, seinem Temperamente oder den Umständen nach, gar kein Nutzen davon zu erwarten steht.

12.

Es ist schon gesagt, daß alles, was die Gleichheit unter Freunden aufhebt, der Freundschaft schädlich sey. Da nun das Verhältniß zwischen einem Wohlthäter und Dem, welcher Wohlthaten empfängt, am wenigsten mit Gleichheit bestehen kann: so scheint es der Zartheit der Gefühle angemessen, zu verhindern, daß durch ein zu großes Gewicht von Wohlthaten auf ~einer~ Seite ein Freund dem andern gleichsam unterwürfig werde. Verbindlichkeiten von der Art sind der Freiheit, der uneingeschränkten Wahl entgegen, auf welcher die Freundschaft beruhen soll. Sie bringen etwas in dies Bündniß hinein, das nicht hinein gehört, nämlich die Dankbarkeit, welche nicht freiwillig, sondern Pflicht ist. Man hat selten den Muth, so kühn und offenherzig mit dem Wohlthäter zu reden, wie mit dem Freunde. Vorzüglich aber soll das Zartgefühl mich abhalten, meines Freundes Güte in Anspruch zu nehmen, weil ich voraussetzen darf, daß er mir zugestehen werde, was er einem Fremden abschlagen würde. Wäre es endlich auch nur die einzige Rücksicht, daß empfangene Wohlthat partheiisch für den Wohlthäter macht, und Partheilichkeit Bestechung ist: so läge hierin schon ein starker Grund, äusserst behutsam und bedenklich zu seyn, wenn von Erheischung und Annahme wirklicher Wohlthaten aus der Hand des Freundes die Rede ist, doch mit Verbannung jeder mißtrauischen Besorgniß, als ob es möglich wäre, daß angenommene Wohlthat der Freundschaft gefährlich werden könnte. -- Kaum darf hiebei erinnert werden, daß man die Dienstwilligkeit seiner mächtigen oder angesehenen Freunde nie für fremde Angelegenheiten, oder zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke mißbrauchen sollte. Allein es gibt Mittel, den edeln Mann, der gern Gutes thut, aufmerksam zu machen auf Gegenstände, die seiner Hülfe werth sind. Mylord Marshall Keith wurde von einem Officier gebeten, ihn dem Könige von Preussen zu empfehlen. Er antwortete nicht, gab ihm aber, bei seiner Abreise nach Potsdam, einen kleinen Sack voll Erbsen mit, den der Officier dem Könige, ohne Brief, überreichen sollte. Friedrich begriff, daß sein Freund keinem Menschen von gemeinem Schlage einen solchen Auftrag würde gegeben haben, und nahm den Officier in seinen Dienst. Ueberhaupt haben feinere Seelen unter sich eine eigne geheime, Andern unverständliche Sprache. Doch gibt es Fälle, in welchen man ohne Scheu sich an Freunde wenden muß, nämlich wenn die Freundschafts-Dienste, deren wir bedürfen, von der Art sind, daß der Freund sie uns ohne Ungemächlichkeit erweisen, oder ohne uns in Verlegenheit zu setzen und uns im mindesten zu beleidigen, verweigern kann; wenn wir in der Lage sind, ihm gelegentlich wieder gleiche Gefälligkeiten zu erweisen; wenn niemand so gut, wie er, von der Lage der Sache, von der Sicherheit, mit welcher unsere Bitte gewährt werden kann, überzeugt ist, oder wenn unser ganzes Glück auf Verschweigung einer Sache beruht; wenn wir uns keinem Andern sicher, ohne Gefahr und Schaden, anvertrauen, von keinem Andern Hülfe erwarten dürfen, und wenn wir dann gewiß wissen, daß unser Freund dabei nichts verlieren, keiner Unannehmlichkeit ausgesetzt seyn kann. In allen diesen und ähnlichen Fällen würden wir gegen das Zutrauen sündigen, das wir ihm schuldig sind, wenn wir ihm unsre Verlegenheiten verschwiegen.

13.

Etwas von dem, was ich über das Verhältniß unter Eheleuten gesagt habe, findet auch bei Freunden Statt, nämlich, daß man sich hüten muß, einander überdrüssig zu werden, oder durch zu öftern, zu vertraulichen Umgang, widrige Eindrücke zu veranlassen. Darum sollen sich Freunde nicht zu oft sehen, sollen den Umgang zuweilen entbehren, damit sie ihn dann desto inniger genießen mögen, und damit nicht durch einen zu häufigen Umgang die kleinen Fehler sichtbar und fühlbar werden, deren jeder Mensch mehr oder weniger hat, und die so leicht die Innigkeit der Freundschaft stören, so leicht einen Mißton erzeugen, oder wenigstens Beschwerden verursachen, die man seinem Freunde ersparen sollte. Diese Vorsicht ist in der Freundschaft noch nöthiger, als in der Ehe, da in jener nicht, wie in dieser, gewisse Rücksichten und Ueberlegungen wirksam sind, vor allen die, daß man nun einmal auf die ganze Lebenszeit mit einander zu Freude und Leid, zu gemeinschaftlicher Ertragung, und um ~ein~ Leib und ~eine~ Seele zu seyn, vereint ist; folglich die Beständigkeit derselben von der behutsamsten Schonung abhängt. Es ist wahr, daß jene unangenehme Eindrücke bei edeln und verständigen Menschen nicht von Dauer sind, und daß es nur eines Zwischenraums von wenig Tagen bedarf, um uns wieder die Augen zu öffnen über den Werth und Vorzug unsers Freundes vor andern mittelmäßigen Leuten, mit denen wir indeß gelebt haben; allein besser ist es doch, wenn dergleichen Empfindungen gar nicht in unser Herz kommen; und das kann man ja ändern. Man verbanne daher auch aus dem Umgange mit Freunden jene pöbelhafte Vertraulichkeit, jenen Mangel an Höflichkeit und jene Nachlässigkeit im Aeussern, wovon ich im dritten Kapitel dieses Theils, besonders in dessen viertem Abschnitte, geredet habe; und lege endlich auch dem Freunde keine Art von Zwang auf; verlange nicht, daß er sich nach unsern Launen, nach unserm Geschmacke richten, noch daß er den Umgang solcher Menschen, gegen welche wir eingenommen sind, fliehen solle!

Eben so wichtig ist es aber auch, sich den Umgang mit geliebten Personen nicht so sehr zum Bedürfnisse zu machen, daß man ohne sie durchaus nicht leben zu können glaubt. Wir sind auf dieser Welt nicht Herren über unser Schicksal. Man muß sich gewöhnen, Trennungen durch Tod, Entfernungen und andere Umstände zu ertragen, und wenn man ein Gut besitzt, sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß man dies Gut auch verlieren könne. Ein weiser Mann bauet nicht seine ganze Existenz auf das Daseyn eines andern Wesens.

14.

Bleibe aber immer, auch in der Entfernung, ein warmer Freund Deiner Freunde! sonst scheint es, als habest Du nur aus Eigennutz, nur um den Genuß des Lebens zu erhöhen, Dich an sie geschlossen. Halte die Vernachlässigung des Briefwechsels nicht für eine Kleinigkeit, die man sich wohl verzeihen könne; denn wie darfst Du Dich dessen Freund nennen, dem Du nicht einmal einige Stunden Deines Lebens in jedem Jahre weihen willst, und wie darfst Du von demjenigen Freundschaft erwarten, den Du so sehr vernachlässigst, daß er endlich nicht mehr weiß, ob Du noch unter den Lebendigen bist? Fühlst Du in Monaten und Jahren das Bedürfniß nicht, Dich schriftlich mit Deinem Freunde zu unterhalten, so liegst Du entweder in den Fesseln des Egoismus, oder bist überhaupt nicht mehr werth, einen Freund zu haben. Ich lasse auch die Entschuldigung nicht gelten, daß man zuweilen lange Zeit hindurch gar nicht gestimmt sey, seine Gedanken in Ordnung auf das Papier zu bringen. Briefe an den Vertrauten unsers Herzens sind keine rednerische Ausarbeitungen; jedes Wort, das Abdruck dessen ist, was in unsrer Seele vorgeht, wird ihm willkommen seyn, und nur auf diese Weise kann ja einem gefühlvollen Herzen die Trennung von geliebten Personen erträglich werden.

15.

Man sieht zuweilen Menschen eben so eifersüchtig in der Freundschaft, wie in der Liebe. Das zeugt mehr von einer selbstsüchtigen, als von einer zärtlichen Gemüthsart. Freuen soll es Dich, wenn auch andre Menschen den Werth dessen zu schätzen wissen, der Dir theuer ist; freuen soll es Dich, wenn Dein Liebling noch ausser Dir gute Seelen findet, denen er sich mittheilen, in deren Gemeinschaft er reine Wonne schmecken kann. Er wird darum nicht blind gegen Deine Vorzüge, nicht undankbar gegen Dich werden -- und würdest Du denn dadurch mehr Werth in seinen Augen bekommen, daß Du ihn von liebenswürdigen Menschen zu entfernen, oder ihn gegen sie einzunehmen suchtest, nur um ihn für Dich allein zu behalten?

16.

Alles, was Deinem Freunde angehört, sein Vermögen, sein bürgerliches Glück, seine Gesundheit, sein Ruf, die Ehre seines Weibes, die Unschuld und Bildung seiner Kinder -- das alles sey Dir heilig, sey ein Gegenstand Deiner Sorgfalt, Deiner Theilnahme und Deiner Schonung! Auch Deine heftigste Leidenschaft, Deine unmäßigste Begierde müsse diese Unverletzlichkeit ehren!

17.

Gaben, Anlagen und die Art, seine Empfindungen an den Tag zu legen, sind bei den Menschen verschieden. Nicht immer ist Derjenige der Gefühlvollste, welcher am geläufigsten von innern Regungen und Empfindungen schwatzt; nicht immer Derjenige der treuste und beharrlichste Freund, der mit dem heftigsten Feuer uns an seine Brust drückt, der mit der größten Hitze hinter unserm Rücken sich unsrer annimmt. Alles Ueberspannte taugt nicht, dauert nicht. Ruhige, stille Hochachtung ist mehr werth, als Anbetung, Verehrung und Entzückung. Man verlange daher nicht von Jedem denselben Grad von äussern Freundschafts-Bezeigungen, sondern beurtheile seine Freunde nach der fortgesetzten, immer gleichen Zuneigung und treuen Ergebenheit, welche sie uns in der That, ohne Uebertreibung und ohne Schmeichelei, beweisen! Leider aber ordnet unsre Eitelkeit mehrentheils den Werth der Menschen nach dem Grade der Huldigung, welche sie uns leisten, und die mehrsten Leute suchen solche Freunde um sich her zu versammeln, an deren Seite sie in doppelt vortheilhaftem Lichte erscheinen, und denen ihre Worte Orakelsprüche sind.

18.

Werbe nicht ängstlich um Freunde! Mache nicht Jagd auf jeden ausgezeichneten Menschen, und lege es nicht geflissentlich darauf an, daß er Dir besonders zugethan werden soll! Jede Art von Andringlichkeit, wäre sie auch noch so gut gemeint, pflegt Verdacht oder Geringschätzung zu erwecken; und wer in der Stille auf dem Pfade fortwandelt, den Redlichkeit und Klugheit bezeichnen, und dabei ein wohlwollendes, zur Mittheilung gestimmtes Herz in seinem Busen trägt, der bleibt nicht unbemerkt, nicht unaufgesucht; er findet, ohne sich anzudrängen, ein Paar Edle, die ihm die Hand zum brüderlichen Bunde reichen.

19.

Es gibt aber Menschen, die gar keinen ~vertrauten~ Freund, sondern nur Bekannte haben; entweder weil ihnen der Sinn für dies Seelen-Bedürfniß fehlt, oder weil sie keinem lebendigen Wesen trauen, oder weil ihre Gemüthsart kalt, unverträglich, verschlossen, eitel, oder zänkisch ist. Andre sind aller Welt Freunde; sie werfen ihr Herz jedermann vor die Füße, und deswegen bückt sich Keiner, greift niemand darnach, es aufzunehmen. -- Es ist eine Ehre und ein Glück, zu keiner von diesen beiden Menschenklassen zu gehören.

20.

Auch unter den vertrautesten Freunden können Irrungen entstehen, Mißverständnisse eintreten. Wenn man darüber Zeit verstreichen läßt, oder zugibt, daß sich dienstfertige Leute hineinmischen: so erwächst daraus nicht selten eine dauerhafte Feindschaft, die mehrentheils um so heftiger wird, je zärtlicher, je vertrauter die Verbindung war, und je ärger man sich also hintergangen glaubt. Es ist wahrlich ein trauriger Anblick, auf diese Weise zuweilen die edelsten Seelen gegen einander empört zu sehen. Dringend rathe ich daher, bei dem ersten Schatten von Unzufriedenheit über das Betragen des Freundes, nicht zu säumen, ohne Zuthun eines Dritten, auf Erläuterung zu dringen. Da pflegt alles sehr bald verglichen zu werden; vorausgesetzt, daß kein böser Wille obwaltet, wie man es denn bei gutgesinnten, wohlwollenden Freunden voraussetzen muß.

21.