Part 18
Ich sollte hier billig auch etwas von dem Umgange mit groben Koketten und Buhlerinnen sagen; allein das würde mich zu weit führen, und schwerlich möchte meine Mühe mit Erfolge belohnt werden. Die Schlingen, denen ein junger Mann in dieser Hinsicht auszuweichen hat, sind unzählig. Wohl ihm, wenn er Kraft und Klugheit genug hat, diese Ausgearteten wie die Pest zu fliehen; hat er aber einmal das Unglück, in ihre Fallstricke gerathen zu seyn: so wird er selten so viel kalte Ueberlegung haben, ehe er ein solches Geschöpf besucht, vorher ein Kapitel aus meinem Buche zu lesen. Zudem hat der König Salomon das alles weit besser gesagt. -- Doch ein Paar Zeilen darüber: Unbeschreiblich fein sind solche verworfne Geschöpfe in der Kunst, sich zu verstellen, unverschämt zu lügen, Empfindungen zu heucheln, um ihre Habsucht, ihre Eitelkeit, ihre Sinnlichkeit, ihre Rache, oder irgend eine andre Leidenschaft zu befriedigen. Unendlich schwer ist es, zu erforschen, ob eine Buhlerin Dir wirklich um Dein Selbst willen anhängt. Hast Du sie vielfältig auf die Probe von Uneigennützigkeit gesetzt, und immer so befunden, wie Du wünschtest: so ist das etwas, aber noch sehr wenig. Sie verachtet vielleicht Dein Silber, um desto sicherer Dich selbst mit allem Deinem Golde zu gewinnen; oder ihr Temperament leitet sie weniger zum Gelde, als zur Wollust. Hast Du sie bei mancherlei Versuchungen, wo sie Gelegenheit und Anreizung gehabt hätte, Dich heimlich zu hintergehen, stets treulich befunden; hat sie zärtliche Sorgfalt, selbst für Deinen Ruf, für Deine Ehre gezeigt; zieht sie Dich nicht ab von andern natürlichen und edlen Verbindungen; opfert sie Dir Jugend, Schönheit, Gewinn, Glanz, Eitelkeit auf: -- ei nun! die Mischungen der Anlagen und Temperamente sind mannigfaltig -- so kann auch eine Buhlerin von andern Seiten gute, liebenswürdige Eigenschaften haben; aber traue ihr darum nicht! Ein Weib, das die ersten und heiligsten aller weiblichen Tugenden, die Keuschheit und Sittsamkeit, für nichts achtet, wie kann das wahre Ehrfurcht für höhere Pflichten haben? Doch bin ich weit entfernt, alle unglückliche Gefallne und Verführte in die Klasse verachtungswerther Buhlerinnen setzen zu wollen. Wahre Liebe kann auch ein verirrtes Herz zur Tugend zurückführen. Es ist schon oft gesagt worden, daß derjenige sichrer vor der Verführung sey, der die Gefahr kennt, als der, welcher nie in Versuchung geführt worden ist; allein es bleibt bei dieser Art von Vergehungen immer eine mißliche Sache um die sichre, dauerhafte Besserung, und keine Lage ist demüthigender und beunruhigender, als wenn man die geliebte Person von Andern verachtet sieht, wenn man sich vor der Welt der Bande schämen muß, die man nicht zerreissen mag oder kann. Liebe, reine Liebe, sichert übrigens am besten gegen Ausschweifungen, und der Umgang mit edeln, sittsamen Weibern verfeinert den Sinn des Jünglings für Tugend und Unschuld, waffnet sein verwöhntes Herz gegen feine und freche Buhlerkünste. -- Uebrigens bleibt es doch immer eine große Ungerechtigkeit, daß wir Männer uns alle Arten von Ausschweifungen erlauben, den Weibern aber, die von Jugend auf durch uns zur Sünde gereizt werden, keinen Fehltritt verzeihen wollen; aber freilich, was würde aus der bürgerlichen Gesellschaft und aus dem ganzen Menschengeschlecht werden, wenn diese Strenge gegen das schwächere Geschlecht aufhörte? Doch bleibt es immer bei dem Ausspruch: wer sich rein weiß, hebe den ersten Stein auf!
Ist es aber wohl wahr, was man im gemeinen Leben so oft hört, daß ~jedes~ Weib zu verführen sey? -- o ja! so wie jeder Richter auf irgend eine Art bestechbar, und jeder Erdensohn, wenn alle innre und äussre Umstände dazu mitwirken, zu jeder Sünde fähig seyn würde. -- Aber heißt das etwas andres gesagt, als: daß wir alle -- Menschen sind? Ueberlegt man dabei, wie auf die feinern Sinne der Frauenzimmer sinnliche Eindrücke, Verführung, Schmeichelei, Eitelkeit, Neugier, Temperament, so mächtigen Einfluß haben; wie der kleinste Fleck von dieser Seite an ihnen so leicht bemerkt wird, weil sie in keinen bürgerlichen Verhältnissen stehen, ihre Verirrungen nicht durch Verdienste und ~höhere Tugenden~ vergessen machen können: -- o! wer wollte dann nicht dulden und schweigen? -- Wenden wir uns nun zu einer erhabnen Klasse von Frauenzimmern -- zu den ~gelehrten Weibern~!
18.
Ich muß gestehen, daß mich immer eine Art von Fieberfrost befällt, wenn man mich in Gesellschaft einer Dame gegenüber oder an die Seite setzt, die große Ansprüche auf Schöngeisterei, oder gar auf Gelehrsamkeit macht. Wenn die Frauenzimmer doch nur überlegen wollten, wie viel mehr Interesse diejenigen unter ihnen erwecken, die sich einfach an die Bestimmung der Natur halten, und sich unter dem Haufen ihrer Mitschwestern durch treue Erfüllung ihres Berufs auszeichnen! Was hilft es ihnen, mit Männern in Fächern wetteifern zu wollen, denen sie nicht gewachsen sind, wozu ihnen mehrentheils die ersten Grundbegriffe fehlen, welche den Knaben schon von Kindheit an eingeprägt werden? Es gibt Damen, die, neben allen häuslichen und geselligen Tugenden, neben der edelsten Einfalt des Charakters und neben der Anmuth weiblicher Schönheit, durch tiefe Kenntnisse, seltne Talente, feine Kultur, philosophischen Scharfsinn in ihren Urtheilen, und Bestimmtheit im Ausdrucke, Gelehrte vom Handwerke beschämen. Dürfte ich es wagen, hier öffentlich ein Paar Namen zu nennen, so könnte ich beweisen, daß ich die Originale zu diesem Bilde nicht lange zu suchen brauchte; allein wie geringe ist gottlob die Anzahl solcher Frauen! Und ist es nicht Pflicht, die mittelmäßigen weiblichen Genies abzuschrecken, auf Kosten ihrer und Andrer Glückseligkeit nach einer Höhe zu streben, die so Wenige erreichen?
Ich tadle nicht, daß ein Frauenzimmer ihre Schreibart und ihre mündliche Unterredung durch einiges Studium und durch sorgsam und keusch gewählte Lectüre zu verfeinern suche; daß sie sich bemühe, nicht ganz ohne wissenschaftliche Kenntnisse zu seyn; aber sie soll kein Handwerk aus der Litteratur machen; sie soll nicht in allen Theilen der Gelehrsamkeit umherschweifen. Es erregt wahrlich, wo nicht Ekel, doch Mitleiden, wenn man hört, wie solche arme Geschöpfe sich erkühnen, über Gegenstände abzusprechen, die Jahrhunderte der Gegenstand der mühsamsten Nachforschung großer Männer gewesen sind, und von denen diese dennoch mit Bescheidenheit erklärt haben, sie sähen nicht ganz klar darin; wenn man hört, wie ein eitles Weib darüber am Thee- oder Nachttische, in den entscheidendsten Ausdrücken, Machtsprüche wagt, indeß sie kaum eine klare Vorstellung von dem Gegenstande hat, wovon die Rede ist. Aber der Haufen der Stutzer und Anbeter bewundert dennoch mit lautem Beifalle die feinen Kenntnisse der gelehrten Dame, und bestärkt sie dadurch in ihren unbescheidenen Ansprüchen. Dann sieht sie die wichtigsten Sorgen der Hauswirthschaft, die Erziehung ihrer Kinder und die Achtung der sogenannten Ungebildeten wie Kleinigkeiten an, glaubt sich berechtigt, das Joch der männlichen Herrschaft abzuschütteln, verachtet alle andre Weiber, erweckt sich und ihrem Gatten Feinde, träumt ohne Unterlaß sich in idealische Welten hinein; ihre Phantasie lebt in unkeuscher Gemeinschaft mit der gesunden Vernunft; es geht alles verkehrt im Hause; die Speisen kommen kalt oder angebrannt auf den Tisch; es werden Schulden auf Schulden gehäuft; der arme Mann muß mit durchlöcherten Strümpfen einherwandeln. Wenn er nach häuslichen Freuden seufzt, unterhält ihn die gelehrte Frau mit Journals-Nachrichten, oder rennt ihm mit einem Musen-Almanach entgegen, in welchem ihre platten Verse stehen, und wirft ihm höhnisch vor, wie wenig der Unwürdige, Gefühllose, den Werth des Schatzes erkennt, den er zu seinem Jammer besitzt.
Ich hoffe, man wird dies Bild nicht übertrieben finden. Unter den vierzig bis funfzig Damen, die man jetzt in Deutschland als Schriftstellerinnen zählt -- die Legionen Derer ungerechnet, die keinen Unsinn haben drucken lassen, -- sind vielleicht kaum ein halbes Dutzend, die, als privilegirte Genies höherer Art, wahren Beruf haben, sich in das Fach der Wissenschaften zu werfen; und diese sind so liebenswürdige, edle Weiber, versäumen so wenig dabei ihre übrigen Pflichten, fühlen selbst so lebhaft die Lächerlichkeiten ihrer halbgelehrten Mitschwestern, daß sie sich durch meine Schilderung gewiß nicht getroffen und beleidigt finden werden. Ist es aber nicht bei männlichen Schriftstellern auch der Fall, daß unter der großen Menge derselben nur Wenige ausgezeichneten Werth haben? Gewiß! nur mit dem Unterschiede, daß Begierde nach Ruhm oder Gewinn diese irre leiten kann; die Frauenzimmer hingegen nicht so leicht Entschuldigung finden können, wenn sie, mit mittelmäßigen, oder weniger als mittelmäßigen Talenten und Kenntnissen, eine Laufbahn betreten, welche weder die Natur, noch die bürgerliche Verfassung ihnen angewiesen hat.
Was nun den Umgang mit solchen Frauenzimmern angeht, die auf Litteratur Anspruch machen: so versteht sich's, daß, wenn diese Ansprüche gerecht sind, ihr Umgang äusserst lehrreich und unterhaltend ist; und was die von der andern Klasse betrifft, so kann ich nichts weiter anrathen, als -- Geduld, und daß man es wenigstens nicht wage, ihren Machtsprüchen Gründe entgegenzusetzen, oder ihren Geschmack zu reformiren, wenn man sich auch nicht so weit erniedrigen will, den Haufen ihrer Schmeichler zu vermehren.
19.
Das weibliche Geschlecht besitzt, in viel höherm Grade, als wir, die Gabe, seine wahren Gesinnungen und Empfindungen zu verbergen. Selbst Frauenzimmer von weniger feinen Verstandes-Kräften haben zuweilen eine besondre Fertigkeit in der Kunst sich zu verstellen. Es gibt Fälle, in welchen diese Kunst ihnen Schutz gegen die Nachstellungen der Männer gewährt. Der Verführer hat gewonnenes Spiel, wenn er bemerkt, daß das Herz der Schönen, oder ihre Sinnlichkeit, mit ihm gemeinschaftliche Sache macht. Also rechne man es ihnen nicht zum Vorwurf, wenn sie zuweilen anders scheinen, als sie sind! aber man nehme darauf Rücksicht im Umgange mit ihnen! man glaube nicht immer, daß ihnen derjenige gleichgültig sey, dem sie mit merklicher Kälte begegnen, noch daß sie sich vorzüglich für den interessiren, mit dem sie öffentlich vertraulich umgehen, den sie auszuzeichnen scheinen! Oft thun sie dieß gerade, um ihr Spiel zu verbergen, wenn es nicht bloß Neckerei, oder Wirkung ihrer Laune, ihres Eigensinnes ist. Sie ganz zu entziffern, dazu gehört tiefes Studium des weiblichen Herzens, vieljähriger Umgang mit den Feinern unter ihnen; kurz, mehr als in diesen Blättern entwickelt werden kann.
20.
Ich schweige von der Vorsichtigkeit im Umgange mit alten Koketten; mit solchen, die sich einbilden, die Ansprüche auf Bewundrung, auf Huldigung und die Gewalt ihrer Schönheit würden, wie die gesetzmäßigen Rechte der Juristen, durch dreißigjährigen Besitz um desto sichrer; die in fünf Jahren nur einmal ihren Geburtstag feiern, und die, wenn sie an der Spitze einer Bücher-Censur stünden, am ersten den Kalender verbieten würden. Ich schweige von den Prüden, Strengen, Spröden und Betschwestern, mit welchen man zuweilen, wie ich höre, unter vier Augen ganz anders, als in Gesellschaft umgehen darf, und von denen leichtfertige Leute behaupten: verschwiegne und kühne Männer machten bei dieser Klasse gerade am leichtesten ihr Glück. Ich schweige von den sogenannten alten Gevatterinnen und Frauen Basen, die sich's zur christlichen Pflicht machen, den Ruf ihrer Nachbarn und Bekannten von Zeit zu Zeit an das Licht zu ziehen, und mit denen man es daher nicht verderben darf. -- Ich schweige von diesen allen, um die guten Damen nicht gegen mich aufzubringen, der ich an allen diesen Lästerungen keinen Theil nehme.
21.
Aber noch ein Paar Worte über die seligen Freuden, die der Umgang mit verständigen und edeln Weibern gewährt! Ich habe schon vorhin gesagt, daß ich demselben die glücklichsten Stunden meines Lebens zu verdanken habe; und, in Wahrheit! das sprach ich aus der Fülle meines Herzens. Ihr zartes Gefühl, ihre Gabe, so schnell zu errathen, zu begreifen, Gedanken aufzufassen, Mienen zu verstehen; ihr feiner Sinn für die kleinen, süßen Gefälligkeiten des Lebens; ihr reizender naiver Witz; ihre oft so scharfsinnigen, von gelehrten, systematischen, vorgefaßten Meinungen so freien Urtheile; unnachahmliche liebenswürdige Laune -- interessant, selbst in ihren Ebben und Fluthen; ihre Geduld in langwierigen Leiden, wenn gleich sie im ersten Augenblicke, wo der Unfall sie trifft, dem Gefährten das Uebel durch Klagen schwerer machen; ihre sanfte, liebreiche Art zu trösten, zu pflegen, zu warten, zu harren, zu dulden; die Milde, welche in ihrem ganzen Wesen herrscht; die kleine, unschädliche Geschwätzigkeit und Redseligkeit, wodurch sie die Gesellschaft beleben -- das alles kenne ich, schätze ich, verehre ich. -- Und wer wird nun, bei dem, was ich zum Nachtheil Einiger unter ihnen habe sagen müssen, mir Lästerung aufbürden, oder gehässige Absichten beimessen?
Sechstes Kapitel.
Ueber den Umgang unter Freunden.
1.
Da bei dem Betragen gegen unsre Freunde alles auf die Wahl derselben ankömmt, so muß ich zuerst einige Bemerkungen über diesen Gegenstand vorausschicken. Keine freundschaftliche Verbindungen pflegen dauerhafter zu seyn, als diese, welche in der frühen Jugend geschlossen werden. Man ist da noch weniger mißtrauisch, weniger schwierig in Kleinigkeiten; das Herz ist offner, geneigter sich mitzutheilen, sich anzuschließen; die Charaktere fügen sich leichter zusammen; man gibt von beiden Seiten nach, und setzt sich in gleiche Stimmung; man erfährt mit einander so Manches, erinnert sich der sorgenlosen, gemeinschaftlich vollbrachten, glücklichen Jugend-Jahre, und rückt mit gleichen Schritten in Kultur und Erfahrung fort. Dazu kommen dann Gewohnheit und Bedürfniß; wird Einer aus dem vertrauten Kreise durch die Hand des Todes dahingerissen, so kettet das die übrigbleibenden Gefährten um desto fester an einander. -- Ganz anders sieht es aus in reifern Jahren. Von Menschen und Schicksalen vielfältig getäuscht, werden wir verschlossner, trauen nicht so leicht; das Herz steht unter der Vormundschaft der Vernunft, die genauer abwägt, und sich selbst Rath zu schaffen sucht, bevor sie sich Andern anvertrauet. Man fordert mehr, ist ekler in der Wahl, nicht mehr so lüstern nach neuen Bekanntschaften, wird nicht so lebhaft betroffen von glänzenden Aussenseiten; man hat ächtere Begriffe von Vollkommenheit, von dauerhaften Bündnissen, von Nutzen und Schaden einer gänzlichen Hingebung; der Charakter ist fester; die Grundsätze sind auf Systeme zurückgeführt, in welche die Gesinnungen und Theorien eines uns fremden Menschen selten passen; folglich wird es schwerer, eine dauerhafte Harmonie zu Stande zu bringen; und endlich sind wir in so manche Geschäfte und Verbindungen verflochten, daß wir kaum Muße, und wenigstens selten Drang haben, neue zu schließen. Also vernachlässige man seine Jugend-Freunde nicht; und wenn auch Schicksale, Reisen und andre Umstände uns in der Welt umhergetrieben und von unsern Gespielen getrennt haben, so suche man doch jene alten Bande wieder anzuknüpfen, und man wird selten übel dabei fahren.
2.
Es ist ein ziemlich allgemein angenommener Grundsatz, daß zu vollkommner Freundschaft Gleichheit des Standes und der Jahre erfordert werde. »Die Liebe,« sagt man, »sey blind; sie fessele, durch unerklärbaren Instinkt, Herzen an einander, die dem kalten Beobachter gar nicht für einander geschaffen zu seyn schienen; und da sie nur durch Gefühle, nicht durch Vernunft geleitet werde, so fielen bei ihr alle Rücksichten des Abstandes, den äussere Umstände erzeugen, weg. Die Freundschaft hingegen beruhe auf Harmonie in Grundsätzen und Neigungen; nun aber habe jedes Alter, so wie jeder Stand, seine ihm eigne Stimmung, nach der Verschiedenheit der Erziehung und Erfahrungen, und desfalls finde unter Personen von ungleichen Jahren und ungleichen bürgerlichen Verhältnissen keine so vollkommne Harmonie Statt, wie zur Knüpfung des Freundschafts-Bandes erfordert werde.«
Diese Bemerkungen enthalten viel Wahres; doch habe ich schon zärtliche und dauerhafte Freundschaften unter Leuten wahrgenommen, die, weder dem Alter noch dem Stande nach, sich ähnlich waren, und wenn man sich an dasjenige erinnert, was ich zu Anfange des ersten Kapitels in diesem Theile gesagt habe: so wird man dieß leicht erklären können. Es gibt junge Greise und alte Jünglinge. Feine Erziehung, Mäßigkeit in Wünschen, Freiheit in Denkungsart und Unabhängigkeit der Lage, erheben den Bettler zu einem Manne von hohem Stande, so wie verachtungswürdige Sitten, unedle Begierden und niedrige Gesinnungen selbst einen Fürsten zu dem Pöbel herabwürdigen können. Das ist aber zuverlässig gewiß, daß zu einer dauerhaften innigen Freundschaft Gleichheit in Grundsätzen und Empfindungen erfordert wird, und daß dieselbe auch bei einer zu großen Verschiedenheit in Fähigkeiten und Kenntnissen nicht leicht Platz finden kann. Darf denn in dieser Verbindung gerade das fehlen, was sie zur Quelle des edelsten Lebens-Genusses und der reinsten Glückseligkeit macht: die Mittheilung verschwisterter Gefühle, die sanfte, durch Theilnahme versüßte Warnung und Zurechtweisung? Und kann ich den mit Zustimmung meines Herzens meinen Freund nennen, dem meine Empfindungen völlig fremd sind, der kalt und gleichgültig bleibt, wo meine Seele ganz Gefühl und Empfindung ist? Es gibt Menschen von erhabenen und seltenen Eigenschaften des Geistes, die man nur bewundern darf, an welche man immer hinaufschauen muß, und diese Menschen verehrt man, aber -- man liebt sie nicht, oder man verzweifelt wenigstens daran, von ihnen wieder geliebt zu werden. In der Freundschaft müssen beide Theile gleichviel geben und empfangen können. Jedes zu große Uebergewicht von ~einer~ Seite, alles, was die Gleichheit hebt, stört zugleich die Freundschaft.
3.
Warum haben sehr vornehme und sehr reiche Leute so wenig wahren Sinn für Freundschaft? Sie fühlen nicht dies edelste Seelen-Bedürfniß, weil ihre ganze Erziehung und Lebensweise die theilnehmenden Gefühle ertödtet, und sie zu Sclaven der Selbstsucht macht. Ihre Leidenschaften zu befriedigen; rauschenden, betäubenden Freuden nachzurennen; immer zu genießen; geschmeichelt, gelobt, geehrt zu werden; darum ist es ihnen Allen mehr oder weniger zu thun. Von Personen ihres Gleichen werden sie durch Eifersucht, Neid und andre Leidenschaften getrennt; die Vornehmeren suchen sie nur auf, wenn sie ihrer, zu Begünstigung eigennütziger oder ehrgeitziger Absichten, bedürfen; die Geringern und Aermern aber halten sie in einer so großen Entfernung von sich, daß sie von ihnen weder die Wahrheit annehmen, noch den Gedanken ertragen können, sich ihnen gleichzustellen. Auch bei den Besten unter ihnen erwacht früh oder spät die Vorstellung, daß sie von besserm Stoffe seyen, und das tödtet dann die Freundschaft.
4.
Allein selbst unter denen Menschen, die Dir an Stand, Vermögen, Alter und Fähigkeiten gleich sind, rechne nur auf die dauerhafte Freundschaft Derer, die nicht von unedlen, heftigen, oder thörichten Leidenschaften beherrscht, noch, wie ein Wetterhahn, von Launen und Grillen hin- und hergetrieben werden! Wer rastlos rauschenden Freuden und Zerstreuungen sich ergibt; wer wilden Begierden, der Wollust, dem Trunke, oder dem unglückseligen Spiele alles aufopfert; wessen Abgott falsche Ehre, Gold, oder sein eigenes Ich ist; wer, wankelmüthig in Grundsätzen und Meinungen, einen Charakter hat, der sich, wie Wachs, von Jedem in jede Form drücken läßt; der mag vielleicht ein guter Gesellschafter, aber nie wird er ein beständiger, treuer Freund seyn. Sobald es auf Verleugnung, Aufopferung, auf Beharrlichkeit und Festigkeit ankömmt, wird ein Solcher Dich im Stiche lassen; Du wirst allein da stehen und Dich hintergangen glauben, da doch Du allein Dich betrogst, indem Du unvorsichtig wähltest. Ueberhaupt ist es in dieser Welt so oft der Fall, daß unsre Phantasie uns die Menschen malt, wie wir gern möchten, daß sie aussähen, und es nachher sehr übel nimmt, wenn sie gewahr wird, daß die Natur nicht das Original dem Gemälde gleich geschaffen hat.
5.
Man pflegt zu sagen: das sicherste Mittel, Freunde zu haben, sey -- keiner Freunde zu ~bedürfen~; aber jeder Mensch von Gefühl ~bedarf~ Freunde. -- Und sollte es denn wirklich so schwer seyn, in dieser Welt treue Freunde zu finden? Ich meine, nicht halb so schwer, wie man gewöhnlich glaubt. Unsre empfindelnden jungen Herren schaffen sich nur zu überspannte Begriffe von der Freundschaft. Freilich, wenn wir gänzliche Hingebung, unbedingte Aufopferung, Verleugnung alles eignen Interesse, in höchst kritischen Augenblicken, blinde Ergreifung unsrer Parthei gegen eigne bessre Ueberzeugung, sogar Bewunderung unsrer Fehler, Billigung unsrer Thorheiten, Mitwirkung bei unsern leidenschaftlichen Verirrungen -- mit Einem Worte: wenn wir mehr von unsern Freunden fordern, als Billigkeit und Gerechtigkeit von Menschen verlangen darf, die Fleisch und Bein sind und freien Willen haben: so werden wir nicht leicht unter tausend Wesen Eins finden, das sich so gänzlich in unsre Arme würfe. Suchen wir aber verständige Menschen, deren Hauptgrundsätze und Gefühle mit den unsrigen übereinstimmen, kleine unmerkliche Verschiedenheiten abgerechnet; Menschen, die Freude finden an dem, was uns freuet; die uns lieben, ohne von uns bezaubert, das Gute in uns schätzen, ohne blind gegen unsre Schwächen zu seyn; die uns im Unglücke nicht verlassen, uns in guten und redlichen Bestrebungen treu und standhaft beistehen, uns mit ungeheuchelter und herzlicher Theilnahme trösten, aufrichten, tragen helfen, uns, wo es höchst nöthig ist, und wir dessen werth sind, alles aufopfern, ~was man ohne Verletzung seiner Ehre und der Gerechtigkeit gegen sich selbst und die Seinigen aufopfern darf~, uns die Wahrheit nicht verhehlen, und aufmerksam auf unsre Mängel machen, ohne uns vorsätzlich zu beleidigen, uns allen andern Menschen vorziehen, in so fern es ohne Unbilligkeit geschehen kann -- -- suchen wir ernstlich Solche: nun, so finden wir deren gewiß. -- Viele? nein! das sage ich nicht, aber doch wohl ein Paar für jeden Biedermann; -- und was braucht man mehr in dieser Welt?
6.