Part 17
In den Jahren, in welchen so leicht das Herz mit dem Kopfe davon läuft, bauet so Mancher das Unglück seines Lebens durch übereilte Ehe-Versprechungen. Im Taumel der Liebe vergißt der Jüngling, wie wichtig ein solcher Schritt ist, und daß von allen Verbindlichkeiten, die man übernehmen kann, diese die schwerste, die gefährlichste und leider die unauflöslichste ist. Er verbindet sich auf ewig mit einem Geschöpfe, das sich seinen von Leidenschaft geblendeten Augen ganz anders darstellt, als es späterhin seiner nüchternen Vernunft erscheint, und dann hat er sich eine Hölle auf Erden bereitet; oder er vergißt, daß mit einer solchen Verbindung die Bedürfnisse, Sorgen und Arbeiten wachsen, und dann muß er, an der Seite eines innigst geliebten Weibes, mit Mangel und Kummer kämpfen, und doppelt alle Schläge des Schicksals fühlen; oder er bricht sein Wort, wenn ihm vor der priesterlichen Einsegnung noch die Augen aufgehen; und dann sind Gewissensbisse sein Theil. -- Allein, was vermögen Rath und Warnung im Augenblicke des Rausches? Uebrigens beziehe ich mich auf das, was ich im 15ten und 16ten Abschnitte des folgenden Kapitels sagen werde.
8.
Haben Liebe und Vertraulichkeit Dich an ein Geschöpf gekettet, und Eure Bande werden getrennt, sey es nun durch Schicksale, Untreue und Leichtfertigkeit des einen Theils, oder durch andere Umstände: so handle, nach dem Bruche, oder wenn die Verbindung sonst aufhört, nie unedel. Laß Dich nie hinreissen zu niedriger Rache! Mißbrauche nicht Briefe, noch Zutrauen! Der Mann, der fähig ist, ein Mädchen zu lästern, einem Weibe zu schaden, das einst in seinem Herzen geherrscht hat, verdient Haß und Verachtung; und wie mancher sonst nicht sehr liebenswürdige Mann hat die Gunst artiger Frauenzimmer nur allein seiner erprobten Bescheidenheit, Verschwiegenheit und Vorsichtigkeit in Liebessachen zu danken!
Fünftes Kapitel.
Ueber den Umgang mit Frauenzimmern.
1.
Ich will gleich zu Anfange dieses Kapitels feierlich erklären, daß ich kein Weiber-Feind bin. -- Zwar sollte es billig einer solchen Erklärung nicht bedürfen, weil es schon der gesunde Menschenverstand lehrt, und ich kühn sagen darf, daß meine Schriften nicht Gelegenheit geben, mich für einen Lästerer des schönen Geschlechts zu halten; doch der Schwachen wegen füge ich es hinzu. Alles also, was ich hier im Allgemeinen zum Nachtheile des weiblichen Charakters sagen muß, soll der Verehrung unbeschadet gesagt seyn, die nicht nur jedes einzelne edle Weib und Mädchen, sondern die auch das Geschlecht, im Ganzen genommen, von so manchen Seiten, nur nicht gerade von der fehlerhaften, verdient. ~Diese~ zu verschweigen, um ~jene~ zu erheben, das ist das Handwerk eines feilen Schmeichlers; und der mag ich nicht seyn. Die mehrsten Schriftsteller aber, welche etwas über die Frauenzimmer sagen, scheinen sich's zum Geschäft zu machen, nur die Schwächen derselben aufzudecken -- das ist noch weniger meine Absicht. Wenn ich aber über den Umgang mit Menschen schreibe: so habe ich die Verpflichtung, auch die Schwächen in Erwägung zu ziehen, denen man nachgeben, die man schonen muß, um in dem Umgange mit Frauenzimmern weder ungerecht, noch ihr Sclave zu werden. Jedes Geschlecht, jeder Stand, jedes Alter, jeder einzelne Charakter hat dergleichen Schwächen. In so fern ich diese kenne, gehört es zu meinem Zwecke, davon zu reden; und man wird finden, daß ich von der andern Seite weder die Tugenden verschwiegen habe, die den Umgang mit Männern und Frauenzimmern, mit Alten und Jungen, mit Weisern und Schwächern, mit Vornehmen und Geringen, angenehm machen, noch irgend eine einzelne Klasse auf Kosten oder zum Vortheile der andern, lobe oder tadle. -- So viel als Vorrede zu diesem Kapitel.
2.
Nichts ist so geschickt, der Bildung des Jünglings die Vollendung zu geben, als der Umgang mit tugendhaften und gesitteten Weibern. Da werden die sanftern Tinten in den Charakter eingetragen; da wird durch mildere und feinere Züge manche Härte gemäßigt, mancher Flecken verwischt, -- kurz: wer nie mit Weibern besserer Art umgegangen ist, der entbehrt nicht nur sehr viel reinen Genuß, sondern er wird auch im geselligen Leben nicht weit kommen; und ~den~ Mann, der verächtlich vom ganzen weiblichen Geschlechte denkt und redet, mag ich nicht zum Freunde haben. Ich habe die seligsten Stunden in dem Kreise liebenswürdiger Frauenzimmer verlebt; und wenn etwas Gutes an mir ist, wenn, nach so vielfältigen Täuschungen von Menschen und Schicksalen, Erbitterung, Mißmuth und Feindseligkeit noch nicht alles Wohlwollen, alle Liebe und Duldung aus meiner Seele verdrängt haben: so danke ich es den sanften Einwirkungen, die dieser Umgang auf meinen Charakter gehabt hat.
3.
Die Weiber haben einen ganz eignen Sinn, um diejenigen unter den Männern zu unterscheiden, welche mit ihnen sympathisiren, sie verstehen, sich in ihren Ton stimmen können. Man hat sehr Unrecht, wenn man ihnen Schuld gibt, körperliche Schönheit allein mache auf sie so lebhafte Eindrücke; sehr oft hat gerade der entgegengesetzte Fall Statt. Ich kenne Jünglinge mit Antinous-Gestalten, die ihr Glück bei dem schönen Geschlechte nicht machen, und hingegen Männer mit fast garstigen Larven, die dort gefallen und Theilnehmung erwecken. Auch liegt nicht der Grund darin, daß sie die Klügern und Witzigern vorzögen, noch in der mehrern oder mindern Schmeichelei und Huldigung; es gibt aber eine Art mit Frauenzimmern umzugehen, die nur von ihnen selbst erlernt werden kann; und wer ~die~ nicht versteht, der mag mit allen innern und äussern Vorzügen ausgerüstet seyn -- er wird ihnen nicht behagen. Man findet Männer, die von der Gabe, den Frauenzimmern zu gefallen, großen Mißbrauch machen, denen man erwachsene Töchter anvertrauet, die zu allen Tageszeiten bei den Damen freien Zutritt, und sich in den Ruf gesetzt haben, ohne Bedeutung zu seyn, denen man eben deswegen sorglos die freiesten Scherze erlaubt, oft aber dadurch so gefährlich macht, daß man es, aber zu spät, bereut, ihnen so viel eingeräumt zu haben. Der Mißbrauch hebt indessen den erlaubten Gebrauch jener Kunst nicht auf. Ein kleiner Anstrich von weiblicher Sanftmuth, die aber ja nicht in unmännliche Schwäche übergehen darf; Gefälligkeiten, die nicht so groß, nicht so merklich seyn dürfen, daß sie Aufsehen erregen, oder größere Gegenforderung veranlassen, aber auch nicht so heimlich, daß sie übersehen würden; kleine, feine Aufmerksamkeiten, wofür sich kaum danken läßt, die also kein Recht geben, ohne Anspruch zu seyn scheinen, und doch verstanden, doch angerechnet werden; eine Art von Augensprache, die, sehr vom Liebäugeln unterschieden, nur von zarten, empfindungsvollen Herzen aufgefaßt wird, ohne in Worte übersetzt werden zu dürfen; das Verbergen gewisser geheimen Gefühle; ein freier, treuherziger Umgang, der nie in freche, gemeine Vertraulichkeit ausarten muß; zuweilen sanfte Schwermuth, die nicht Langeweile macht; ein gewisser romanhafter Schwung, der weder in's Süßliche, noch Abentheuerliche fällt; Bescheidenheit, ohne Schüchternheit; Unerschrockenheit, Muth und Lebhaftigkeit, ohne stürmisches Wesen; körperliche Gewandtheit, Geschicktheit, Behendigkeit, angenehme Talente; -- ich denke, das ist es ungefähr, was den Weibern an uns gefallen könnte.
4.
Das Gefühl der Schutzbedürftigkeit, und die Ueberzeugung, daß der Mann ein Wesen seyn müsse, das fähig sey, diesen Schutz zu verleihen, ist von der Natur auch ~denen~ Frauen eingepflanzt, die Stärke und Entschlossenheit genug haben, sich selbst zu schützen. Daher fühlen auch weichgeschaffne Damen eine Art von Widerwillen gegen schwächliche, gebrechliche Männer. Sie können gegen Leidende herzliches Mitleiden empfinden, zum Beispiel gegen Verwundete, Kranke und dergleichen; aber eigentliche, bleibende Gebrechlichkeiten, die den freien Gebrauch der Kräfte hemmen, werden die Zuneigung, selbst des sittsamsten Weibes, von Dir abwendig machen.
5.
Man hat oft den Damen vorgeworfen, daß sie sich vorzüglich für ausschweifende Männer interessirten. Wenn das wahr ist: so kann ich doch nichts durchaus Anstößiges darin finden. Sind sie, bei dem Bewußtseyn eigner Schwäche, duldsamer, als wir: so macht das ihrem Herzen Ehre; allein wir Männer tadeln auch oft nur aus Neid solche glückliche Verbrecher von unserm Geschlechte, finden hingegen, wenn wir die Lovelace und Carl Moor nur auf dem Papiere oder auf der Schaubühne sehen, heimliches Wohlgefallen an ihnen. Der Grund von dem Allen liegt wohl in einem dunkeln Gefühle, welches uns sagt, daß zu Verirrungen von der Art eine gewisse Kraft des Gemüths, eine lebendige Thätigkeit, und eine Empfänglichkeit des Gefühls gehöre, die immer Interesse erweckt. Uebrigens will man bemerkt haben, daß die mehrsten Frauenzimmer nur vorzüglich duldsam gegen ~hübsche Männer~ und gegen ~garstige Weiber~ seyen.
6.
Noch muß ich erinnern, daß die Frauenzimmer an den Männern Reinlichkeit und eine wohlgewählte, doch nicht phantastische Kleidung lieben, und daß sie leicht mit einem Blicke kleine Fehler und Nachlässigkeiten im Anzuge bemerken.
7.
Huldige nicht mehrern Frauenzimmern zu gleicher Zeit, an demselben Orte, auf einerlei Weise, wenn es Dir darum zu thun ist, Zuneigung oder Vorzug von einer Einzelnen zu erlangen! Sie verzeihen uns kleine Untreuen, ja man kann dadurch bei ihnen zuweilen sogar gewinnen; aber in dem Augenblicke, da man ihnen etwas von Empfindungen vorschwatzt, muß man fühlen, was man sagt, und es nur ~für sie~ fühlen. Sobald sie merken, daß Du Dein zärtliches Gewäsche einer Jeden auskramst, ist alles vorbei. Sie mögen, was sie uns sind, gern ~ungetheilt~, ~allein~ und ausschließend bleiben.
8.
Zwei Frauenzimmer, die Forderungen und Ansprüche von einerlei Art machen, sey es nun von Seiten der Schönheit, Gelehrsamkeit, oder sonst, stimmen in einer Gesellschaft nicht gut zusammen. Doch werden sie zuweilen mit einander fertig; kömmt aber die Dritte hinzu, dann hat der böse Feind sein Spiel.
Hüte Dich daher auch, in Gegenwart einer Dame, die Ansprüche von irgend einer Art macht, eine andre, wegen gleicher Eigenschaften, zu sehr zu loben, besonders eine Nebenbuhlerin mit denselben Ansprüchen! Es pflegt allen Menschen, die ein Gefühl von eignem Werthe, und Begierde zu glänzen haben, vorzüglich aber den Damen, eigen zu seyn, daß sie gern ausschließlich bewundert werden mögen, es sey nun wegen Schönheit, wegen Geschmack, wegen Pracht, wegen Talente, wegen Gelehrsamkeit, oder weswegen es auch sey. Sprich daher auch nicht von Aehnlichkeiten, die Du findest, zwischen der Frau, mit welcher Du redest, und ihren Kindern, oder irgend einer andern Person! Frauenzimmer haben zuweilen sonderbare Grillen; man weiß nicht immer, wie sie, nach ihrer Vorstellung, aussehen, oder gern aussehen möchten. Die Eine affectirt Simplicität, Unschuld, Naivität; die Andre macht Anspruch auf hohe Grazie, Adel und Würde in Gang und Gebehrde. Die Eine sähe es gern, wenn man sagte: ihr Gesicht verrathe so viel Sanftmuth; eine Andre möchte männlich klug, entschlossen, geistvoll, erhaben aussehen. Die möchte mit ihren Blicken zu Boden stürzen können; Jene mit ihren Augen alle Herzen wie Butter schmelzen. Die Eine will ein gesundes und frisches, die Andre ein kränkliches, leidendes Ansehen haben. -- Das sind nun kleine unschädliche Schwachheiten, nach denen man sich wohl richten kann, oder vielmehr muß, wenn man mit Damen umgehen will.
9.
Die mehresten Frauenzimmer wollen ohne Unterlaß angenehm unterhalten seyn. Der angenehme Gesellschafter ist ihnen oft mehr werth, als der würdige, verdienstvolle Mann, von dessen Lippen Weisheit strömt, wenn er redet; der aber lieber schweigen, als leere Worte sprechen mag. Allein kein Gegenstand scheint ihnen unterhaltender, als ihr eignes Lob, wenn es ihnen nicht gar zu stark in's Gesicht gesagt wird; -- doch auch damit nehmen es Manche so genau nicht. Man erhebe immer einmal die Schönheit einer alten Matrone! Man sehe immer einmal die Mutter für die Tochter im Hause an! -- Sie werden uns darum die Augen nicht auskratzen. Ueberhaupt aber ist es mit dem Alter der Frauenzimmer ein kitzlicher Punkt. Man thut am besten, diese Saite gar nicht zu berühren. Wenn man übrigens die Kunst versteht, ihnen Gelegenheit zu geben, zu glänzen, so bedarf man weiter keiner Unterhaltung, und man wird ihnen gewiß nicht unangenehm seyn. -- Ist das nicht bei allen Menschen mehr oder weniger der Fall? Gewiß! doch bei Weibern öfter, weil man wohl ohne Sünde ein wenig mehr Eitelkeit auf Rechnung ihres Geschlechts schreiben, als dem unsrigen Schuld geben darf.
10.
Ein großes Triebrad im weiblichen Charakter ist die Neugier. Auch darauf muß man zu rechter Zeit im Umgang mit ihnen zu wirken, und dies Bedürfniß nach den Umständen zu erwecken, zu beschäftigen und zu befriedigen verstehen. Sonderbar genug ist es, wie weit oft Vorwitz und Neugier bei ihnen gehen. Auch die mitleidigsten Seelen unter ihnen empfinden zuweilen einen unbezwinglichen Trieb, schreckliche Scenen, Exekutionen, Operationen, Wunden und dergleichen anzuschauen, jämmerliche Mordgeschichten zu hören; -- Gegenstände, denen sich der weniger weibliche Mann nicht ohne Widerwillen gegenüber sieht. Deswegen sind ihnen auch diejenigen Romane und Schauspiele größtentheils die angenehmsten, in welchen Abentheuer ohne Ende, unerwartete Begebenheiten in Menge, und Greuel auf Greuel gehäuft sind. Deswegen forschen die Schlimmern unter ihnen so gern nach fremden Geheimnissen, und spähen die Handlungen ihrer Nachbaren aus, wenn auch nicht immer Bosheit, Neid und Schadenfreude zum Grunde liegen. Chesterfield sagt: »Wenn Du Dich bei Weibern einschmeicheln willst, so vertraue ihnen ein Geheimniß!« -- freilich wohl nur ein kleines Geheimniß. -- Doch warum nicht auch größere? Können nicht manche Weiber besser schweigen, als ihre Männer? Es kömmt nur auf den Gegenstand des Geheimnisses an.
11.
Auch die edelsten Weiber haben mehr abwechselnde Launen, sind weniger gleichgestimmt zu allen Zeiten, als wir Männer. Reizbarere Nerven, die leichter zu allerlei Gemüthsbewegungen in Schwingung zu bringen sind, und ein schwächerer Körperbau, der manchen unbehaglichen Gefühlen ausgesetzt ist, die wir gar nicht kennen, sind Schuld daran. Wundert Euch daher nicht, meine Freunde! wenn Ihr nicht jeden Tag denselben Grad von Theilnehmung und Liebe in den Augen derjenigen Damen zu finden glaubet, an deren Zuneigung Euch gelegen ist! Ertraget diese vorübergehenden Launen, aber hütet Euch in solchen Augenblicken von Verstimmung, Euch aufzudringen, oder zur Unzeit mit Witz oder Troste angezogen zu kommen; sondern überleget wohl, was sie in jeder Gemüthslage etwa gern hören mögten, und wartet ruhig den Augenblick ab, wo sie selbst den Werth Eurer Nachsicht und Schonung fühlen, und ihr Unrecht gutmachen!
12.
Die Frauenzimmer finden ein gewisses Vergnügen an kleinen Neckereien; mögen selbst denen Personen, die ihnen am theuersten sind, zuweilen unruhige Augenblicke machen. Auch hiervon liegt der Grund in ihren Launen, und nicht in Bösartigkeit des Gemüths. Wenn man sich dabei vernünftig, duldsam, nicht stürmisch beträgt, noch durch eigne Schuld den kleinen Zwist zu einem wirklichen förmlichen Bruche heranwachsen läßt: so löschen sie in einer andern Stunde die Beleidigungen, die sie uns zugefügt haben, durch verdoppelte Gefälligkeit aus, und man erlangt dabei oft ein Recht mehr auf ihre Zuneigung.
13.
In solchen und allen übrigen kleinen Kämpfen und Streitigkeiten mit Frauenzimmern muß man ihnen den Triumph des Augenblicks lassen, nie aber sie merklich beschämen; denn das ist etwas, das ihre Eitelkeit selten verzeiht.
14.
Daß die Rache eines unedlen Weibes fürchterlich, grausam, dauernd und nicht leicht zu versöhnen sey, das hat man schon so oft gesagt, daß ich es hier zu wiederholen fast nicht nöthig finde. Wirklich sollte man es kaum glauben, welche Mittel solche Furien ausfindig zu machen wissen, einen ehrlichen Mann, von dem sie sich beleidigt glauben, zu martern, zu verfolgen; wie unauslöschlich ihr Haß ist; zu welchen niedrigen Mitteln sie ihre Zuflucht nehmen. Der Verfasser dieses Buchs hat leider selbst eine Erfahrung von der Art gemacht. Ein einziger unbesonnener Schritt in seiner frühen Jugend, durch welchen sich der Ehrgeitz und die Eitelkeit eines Weibes gekränkt fühlte, ob sie ihn gleich früher, als er sie, auf den Fuß getreten hatte, war Schuld daran, daß er nachher aller Orten, wo sein Schicksal ihn nöthigte, Schutz und Glück zu suchen, Widerstand, und fast unübersteigliches Hinderniß fand; daß heimliche, durch allerlei Wege gewonnene Verläumder mit bösen Gerüchten vor ihm hergingen, um jeden Schritt zu hindern, jeden unschuldigen Plan zu vereiteln, den er zu seinem Fortkommen und zum Wohl seiner Familie anlegte. Ihm half nicht das vorsichtigste, untadelhafteste Betragen, nicht die öffentliche Erklärung, wie sehr er sein Unrecht erkenne. -- Die rachgierige Frau hörte nicht auf, ihn zu verfolgen, bis er endlich freiwillig allem entsagte, wozu man die Hülfe Anderer braucht, und sich auf eine häusliche Existenz einschränkte, die sie ihm nicht rauben kann. -- Und das that eine Frau, in deren Macht es stand, viele Menschen glücklich zu machen, und die von der Natur mit sehr seltnen Vorzügen des Körpers und des Geistes ausgerüstet war.
Es scheint übrigens in der Natur zu liegen, daß Schwächere immer grausamer in ihrer Rache sind, als Stärkere; vielleicht, weil das Gefühl dieser Schwäche die Empfindung des erlittenen Drucks verstärkt, und lüsterner nach der Gelegenheit macht, auch einmal Kraft zu üben.
15.
Eine philosophische Abhandlung des Herrn Professor Meiners, über die Frage: »ob es in unsrer Macht stehe, verliebt zu werden, oder nicht?« läßt mich daran verzweifeln, irgend etwas Neues über die Mittel sagen zu können, welche man anzuwenden hat, um im Umgange mit liebenswürdigen Frauenzimmern die Freiheit seines Herzens zu bewahren und zu behaupten. Die Liebe ist zwar ein süßes Ungemach, das über uns kömmt, gerade wenn wir uns dessen am wenigsten versehen, gegen welches wir also gewöhnlich erst dann anfangen, Maaßregeln zu nehmen, wenn es schon zu spät ist; da sie aber oft sehr bittre Leiden, und Zerstörung aller Ruhe und alles Friedens mit in ihrem Gefolge führt; da hoffnungslose Liebe wohl eine der schrecklichsten Plagen ist, und äussere Verhältnisse zuweilen auch den edelsten, zärtlichsten Neigungen unübersteigliche Hindernisse in den Weg legen: so ist es doch der Mühe werth, besonders für Den, welchen die Natur mit einem lebhaften Temperamente und mit warmer Phantasie ausgestattet hat, sich an eine gewisse Herrschaft des Verstandes über Gefühle und Sinnlichkeit zu gewöhnen, und, wo er sich dazu zu schwach fühlt, -- der Versuchung auszuweichen. Groß ist die Qual für ein fühlendes Herz, geliebt zu werden, und Liebe nicht erwiedern zu können. Schrecklich ist die Qual, zu lieben, und verschmäht zu werden; verzweiflungsvoll die Lage Dessen, der für gränzenlose treue Zärtlichkeit und Hingebung mit Betrug und Untreue belohnt wird. -- Wer gegen dies alles sichre Mittel weiß, der hat den Stein der Weisen gefunden. Ich gestehe meine Schwäche: -- ich kenne keins, als die Flucht, ehe es dahin kömmt.
16.
Es leben unter uns Männern Bösewichter, denen Tugend, Redlichkeit und die Ruhe ihrer Nebenmenschen so wenig heilig sind, daß sie unschuldige, unerfahrne Mädchen, wenn nicht durch schlaue Künste wirklich zum Laster verführen, doch mit falschen Erwartungen oder gar mit Versprechungen einer künftigen Eheverbindung täuschen, sich dadurch für den Augenblick eine angenehme Existenz verschaffen, die armen Kinder aber, die indeß ihretwegen aller Gelegenheit zu anderweitiger Versorgung ausgewichen sind, nachher verlassen, um neue Verbindungen zu schließen. Die Schändlichkeit eines solchen Verfahrens wird ja wohl Jeder einsehen, der noch einen Funken von Gefühl für Ehre in seinem Busen trägt; und wem ein solches Gefühl fremd ist, für den schreibe ich nicht. Es gibt aber ein andres, den Folgen nach nicht weniger schädliches, obgleich in Betracht der Absicht nicht so strafbares Betragen der Männer gegen gefühlvolle Frauenzimmer, worüber ich einige Worte zur Warnung sagen muß. Es glauben nämlich Manche unter uns, es könne gar kein Interesse in den Umgang mit jungen Mädchen kommen, wenn man ihnen nicht Süßigkeiten sage, ihnen schmeichele, oder eine Art von Wärme und Herzens-Andringlichkeit aus Worten und Gebehrden hervorleuchten lasse. Aber ein solches Betragen ist wahre Versündigung, denn es nährt nicht nur den ohnehin schon so großen Hang des Geschlechts zur Eitelkeit, sondern, da eben diese Eitelkeit, die Ueberzeugung von der Macht ihrer Reize, gern jedes Honigwort für Sprache inniger Empfindung hält: so setzen die guten Mädchen, deren Leichtgläubigkeit kein edler Mann benutzen sollte, sich gleich in den Kopf, es sey ernstlich auf eine Heirath angesehen. Der Stutzer merkt das nicht, oder wenn er es merkt, so ist er zu leichtsinnig, den Folgen nachzudenken; er verläßt sich darauf, daß er nie bestimmt etwas von Heiraths-Anträgen hat fallen lassen, und wenn er nun früh oder spät aufhört, einer solchen Schönen zu huldigen, so ist das Mädchen eben so unglücklich, als wenn er sie absichtlich betrogen hätte. Sie welkt dahin die arme Verlassne, wenn bittre Täuschung einer lebhaften Hoffnung an ihrem Herzen nagt, indeß der süße Herr sorglos bei Andern herumschwärmt, und das Unglück nicht einmal ahnet, das er angerichtet hat.
Eine nicht minder gewöhnliche Art, junge Mädchen zu Grunde zu richten, ist, wenn man entweder durch leichtfertige Reden und luxuriösen Witz ihre Neugier und ihre Sinnlichkeit reizt, oder durch Erweckung romanhafter Begriffe ihre Phantasie erhitzt, ihre Aufmerksamkeit von solchen Gegenständen, womit sie, ihrem Berufe gemäß, sich beschäftigen sollten, ableitet, in ihnen den Sinn für einfaches, häusliches Leben ertödtet, oder ein junges Land-Mädchen, durch reizende Darstellung der Stadt-Freuden, mit ihrer Lage unzufrieden macht. O habe doch Mitleiden, leichtsinniger Jüngling, mit diesen Armen, und nimm ihnen nicht unbarmherzig, was unersetzlich ist, die Zufriedenheit mit dem, was ihre Lage ihnen darbietet. Erkenne doch, wie unedel es ist, Schwachheit zu benutzen, um seiner Eitelkeit eine Nahrung zu bereiten, und wie edel dagegen, ein unbefangenes und argloses Herz mit Achtung und Schonung zu behandeln.
17.