Ueber den Umgang mit Menschen

Part 16

Chapter 163,513 wordsPublic domain

Es gibt in diesem Leben eine Menge Ungemachs zu tragen. Auch der, welcher der Glücklichste zu seyn scheint, hat geheime Leiden mancher Art, wahre und eingebildete, unverschuldete oder selbstgeschaffne, gleichviel! aber immer darum nicht minder Leiden. Sehr wenige Weiber haben Kraft genug, das Unglück standhaft erdulden, guten Rath in der Noth zu ertheilen, und ihren Gatten die Bürde tragen zu helfen, die nun einmal getragen werden muß. Die mehrsten erschweren das Uebel durch unzeitige Klagen, durch Geschwätz, wie es seyn ~könnte~, wenn es nicht ~so~ wäre, wie es ist, oder gar durch übel angebrachte, zuweilen sehr unbillige Vorwürfe. Ist es daher irgend möglich, kleinere Unannehmlichkeiten (mit Haupt-Unglücksfällen aber läßt sich das selten thun) vor Deiner Ehefrau zu verbergen, so verschließe lieber den Kummer in Deinem Herzen! Ohnehin kann ein gutgeartetes Gemüth darin keinen Trost finden, Andre, die es liebt, mit in seine Leiden zu ziehen; und wenn nun gar die Last dadurch nicht erleichtert, sondern vielmehr erschwert wird: wer wollte dann nicht lieber schweigen, und seinen Rücken dem Sturme allein preisgeben? Schickt die Vorsehung Dir aber einen großen, nicht zu verschweigenden Unfall, Noth, Schmerz, Krankheit zu, -- verfolgen Dich widrige Geschicke, oder böse Menschen: o dann rufe Deine ganze Standhaftigkeit auf! fasse Deinen Muth zusammen, und versüße der Gefährtin Deines Lebens die Bitterkeit des Kelchs, den sie mit Dir austrinken muß; wache über Deine Launen, damit nicht der Unschuldige durch Dich leiden müsse! Verschließe Dich in Dein Kämmerlein, wenn das Herz zu schwer wird! Dort erleichtre Dich durch Thränen oder Gebet! Stärke und stähle Dein Herz durch Philosophie, durch Zuversicht auf Gott, durch Hoffnung und durch weise Entschließungen! und dann tritt mit heiterer Stirne hervor, und sey der Tröster des Schwächern! -- Ist doch kein Ungemach und kein Leiden in der Welt von beständiger Dauer, kein Schmerz so groß, der nicht freie Augenblicke übrig ließe; führt doch ein gewisser Heroismus im Kampfe gegen das Unglück Freuden mit sich, die selbst das härteste Ungemach versüßen können; und der Gedanke, Andre zu trösten und aufzurichten, erhebt das Herz wunderbar, erfüllt mit unbeschreiblicher Heiterkeit. -- Ich rede aus Erfahrung.

18.

Wir sind darüber einig geworden, daß vollkommne Gleichheit in Denkungsart und Temperamenten zu einer glücklichen Ehe nicht nothwendig sey. Traurig ist aber doch immer die Lage, wenn die Ungleichheit gar zu auffallend ist, wenn die Gattin sich bei allem kalt und gleichgültig zeigt, was dem Gatten wichtig und interessant scheint. Traurig ist es immer, wenn man, um den Genuß unschuldiger Freuden, um schmerzliche Leiden, um hohe Gefühle, ferne Aussichten, wichtige Unternehmungen, -- kurz, um alles, was Kopf und Herz beschäftigt, zu theilen, sich nach fremden Mitgenossen sehnen muß. Traurig ist es, wenn ein phlegmatisches Geschöpf zu jedem geistreichen Tropfen, den uns die süße Phantasie einschenkt, Wasser gießt, uns aus jeder seligen Täuschung unsanft aufweckt, unsre wärmsten Gespräche mit Plattheiten beantwortet, und unsre schönsten Pflanzungen zertritt. -- Was ist aber in solchen Lagen zu thun? Vor allen Dingen Hiobs Specificum gebraucht! Nicht lange moralisirt, wo keine Besserung zu hoffen ist, -- geschwiegen, wenn man doch nicht verstanden wird; und dann die Gelegenheit vermieden, Scenen zu veranlassen, wodurch man zu sehr entrüstet, oder zu bitter gekränkt, oder durch die Dummheit des Weibes öffentlich beschimpft werden könnte -- so kann man doch wenigstens negativ so ziemlich glücklich seyn.

19.

Wie aber, wenn das Schicksal oder eigne Thorheit den Mann auf ewig an ein Geschöpf gekettet hat, das, mit großen moralischen Gebrechen oder gar mit Lastern behaftet, der Liebe und Achtung edler Menschen unwerth ist; wenn die Frau durch ein mürrisches, feindseliges Temperament, durch Neid, Geiz, oder unvernünftige Eifersucht dem Manne das Leben verbittert, oder wenn sie sich durch ein falsches, tückisches Herz verächtlich macht, oder wenn sie gar in Unzucht oder in Völlerei lebt? Ich brauche hier nicht zu erinnern, daß mancher ehrliche Mann unschuldiger Weise, d. h. in einer unschuldigen Verblendung in dies Labyrinth gerathen kann, wenn ihm die Liebe oder vielmehr Fleisch und Blut einen Streich spielen, indem der böse Feind Asmodäus im Brautstande immer die schönste Larve vornimmt. Ich schweige hingegen auch davon, daß sehr oft der Mann durch üble oder unvorsichtige Behandlung daran Schuld ist, wenn Untugenden und Laster, zu welchen der Keim in dem Herzen seiner Frau lag, zum Ausbruche kommen. Es würde mich endlich zu weit führen, wenn ich Regeln für das Verhalten in jeder einzelnen unglücklichen Lage von der Art geben wollte. -- Also nur so viel im Allgemeinen! Man muß in solchen Lagen dreierlei Rücksichten nehmen, nämlich: ~zuerst~ solche, welche auf Beförderung unserer eignen Ruhe abzielen; ~sodann~ Rücksichten auf Kinder und Hausgenossen; und ~endlich~ auf das Publikum. Was den ersten Punkt betrifft, so rathe ich: wenn einmal keine Hoffnung zu Bewirkung sittlicher Besserung da ist, sich nicht mit Klagen, Vorwürfen und Zänkereien aufzuhalten, sondern in der Stille solche kräftige Gegenmittel zu wählen, die uns Vernunft, Rechtschaffenheit und Gefühl von Ehre anrathen. Entwirf reiflich und mit möglichst kaltem Blute Deinen Plan! Ueberlege wohl, ob eine Trennung nöthig sey, oder wie Du es anzufangen habest, Deinen Zustand, wenn derselbe nun einmal nicht zu verbessern ist, leidlich zu machen, und laß Dich dann von Deinem Entschlusse durch nichts, selbst durch keine bloß anscheinende Besserung, noch durch Liebkosungen, abwendig machen! Erniedrige Dich aber nie so weit, daß Du Dich durch Hitze zu gewaltsamen Behandlungen verleiten ließest; sonst hast Du schon zur Hälfte Unrecht. Erfülle endlich um so treuer Deine Pflichten, je öfter Dein Weib sie übertritt: so wird auch Dein Gewissen beruhigt seyn, und mit einem ruhigen Gewissen läßt sich alles, auch das Aergste, ertragen. In Betracht Deiner Kinder, des Hausgesindes und des Publikums aber vermeide alles Aufsehen! Laß, wo möglich, Dein Unglück nicht ruchtbar werden! Wenn Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so werden die Kinder immer schlecht erzogen. Ist diese Uneinigkeit also nicht zu verbergen, so trenne Dich lieber von Deinen Kindern, und überlaß ihre Leitung fremden guten Händen! Wenn offenbare Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so ist das Hausgesinde nie zur Ordnung, Treue und Redlichkeit geneigt. Es entstehen Partheien und Klatschereien ohne Ende. Vermeide daher allen Zank in Gegenwart des Gesindes! Wenn öffentliche Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so verliert der unschuldige Theil, zugleich mit dem schuldigen, die Achtung der Mitbürger. Vertraue deswegen nicht leicht Dein häusliches Unglück fremden Leuten.

20.

Sehr gern aber pflegen sich dienstfertige gute Freunde, alte Weiber, beiderlei Geschlechts, Vettern und Basen in solche Angelegenheiten zu mischen. Leide nicht, daß irgend jemand, wer es auch sey, ohne von Dir dazu aufgefordert zu seyn, sich um Deine häuslichen Umstände bekümmre; weise solche Einmischungen mit aller männlichen Entschlossenheit von Dir! Gute Seelen vertragen sich ohne Vermittlung, und mit schlechten richtet ein Friedensstifter doch nichts aus. Allein bitte Gott, daß er Dich vor einer gewissen Art von Schwiegermüttern bewahre, die alles wissen, alles thun, wenn sie auch bettelarm am Geiste sind, dennoch alles dirigiren wollen; deren Geschäft ist, Hetzereien anzustiften, zu unterhalten, und die mit Köchinnen und Haushälterinnen gemeinschaftliche Sache machen, um aus christlicher Liebe die Handlungen des Nächsten auszuspähen. Solltest Du aber zum Unglücke so eine Meerkatze, ein solches satanisches Hausgeräth mit erheirathet haben: so ergreif die erste Gelegenheit, da sie sich in Deine Hausvater-Angelegenheiten mischen will, ihre freundlichen, frommen Dienste so nachdrücklich zu verbitten, daß sie Dir sobald nicht wiederkomme! Es gibt aber auch gute, edle Schwiegermütter, die ihren verheiratheten Töchtern mit treuem Rathe beistehen, und denen man denn um so mehr Ehrerbietung und Aufmerksamkeit schuldig ist, wenn man ihnen die Bildung eines geliebten Weibes zu danken hat.

Ueberhaupt sollen alle Zwistigkeiten unter Eheleuten nur unter ihren vier Augen ausgemacht werden, und, wenn es auf das Höchste kömmt, von der Obrigkeit; alle Mittel-Instanzen taugen gar nichts, und fremde Friedensstifter und Beschützer des leidenden Theils machen immer das Uebel ärger. Der Mann muß Herr seyn in seinem Hause: ~so~ wollen es Natur und Vernunft. Mit einem Herrn zankt man nicht; er hat Richter ~über~ sich, nicht ~neben~ sich. Er soll sich auf keine Weise diese Herrschaft rauben lassen, und auch dann, wenn die weisere Frau seiner offenbaren Macht die heimliche Gewalt über sein Herz entgegenstellt, muß doch das äussere Ansehen der Herrschaft nie wegfallen.

21.

Nichts erschüttert so heftig das Glück unter Gatten und Gattinnen, als die ~Verletzung ehelicher Treue~. Der Moralität nach und unsern religiösen und politischen Grundsätzen gemäß, ist zwar die Uebertretung der ehelichen Pflichten von einer Seite so unedel wie von der andern; in Rücksicht auf die Folgen hingegen ist die Unkeuschheit einer Frau weit strafbarer, als die eines Mannes; jene zerreißt die Familien-Bande, vererbt auf Bastarte die Vorzüge ehelicher Kinder, zerstört die heiligen Rechte des Eigenthums, und widerspricht laut den Gesetzen der Natur, nach welchen immer Vielweiberei weniger unnatürlich, als Vielmännerei seyn würde. -- Man hat nicht einmal in irgend einer Sprache einen üblichen Ausdruck für das Letztere. Der Mann ist das Haupt der Familie; die schlechte Aufführung seiner Frau wirft zugleich Schande auf ihn, als den Haus-Regenten; -- nicht umgekehrt also! Ohne Betracht auf Folge und Rechenschaft aber, dünkt mich, handelt ein Theil, der den andern für untreu hält, sehr unweise, wenn er durch Vorwürfe, oder gar durch unvernünftiges Toben ihn in Schranken halten will. Ist es ihm um sein Herz zu thun, so muß er wissen, daß man nur durch sanfte, liebevolle Mittel Herzen fesselt, durch das Gegentheil aber zurückstößt; verlangt er nur den alleinigen Besitz des Leibes, so ist er ein Geschöpf der gemeinsten Art. Eheleute, die durch kein edleres Band an einander geknüpft sind, finden tausend Mittel, sich zu hintergehen, und es ist daran nicht viel verloren. In so fern also bei der Untreue nicht Zärtlichkeit und Hochachtung gekränkt werden, so ist wahrlich, wie die Franzosen in der That vorgeben, die Hahnreischaft sehr wenig, und wenn man die Sache nicht weiß, gar nichts. Noch ärger aber, und das sicherste Mittel, auch den treuesten Gatten zu Ausschweifungen zu verleiten, ist, ihn auf bloßen Verdacht durch Vorwürfe und niedriges Mißtrauen beleidigen. Sollte aber Dein Unglück gewiß, und Deine Schande nicht zu verbergen seyn: so ist freilich kein anderes Mittel, als Trennung durch gerichtliche Hülfe, oder durch gütliche Uebereinkunft, obgleich der Schandfleck dadurch nicht ausgelöscht wird. In allen übrigen Fällen ist die Ehescheidung eine höchst bedenkliche Sache. Leute, die eine Reihe von Jahren mit einander verlebt haben, können einen solchen Schritt nicht leicht thun, ohne Beide an öffentlicher Achtung zu verlieren. Eheleute, die Kinder haben, können, ohne sehr nachtheilige Folgen für die Bildung und zeitliche Glückseligkeit dieser Kinder, sich nie trennen. Ist es daher irgend möglich, bei einem weisen, vorsichtigen Betragen es mit einander auszuhalten: so ertrage, leide und dulde man, und vermeide öffentliches Aergerniß!

22.

Allein alle diese Vorschriften sind wohl nur auf Personen im mittlern Stande besonders anwendbar. Die sehr vornehmen und sehr reichen Leute haben selten Sinn für häusliche Glückseligkeit, fühlen keine Seelen-Bedürfnisse, leben mehrentheils auf einem sehr fremden Fuße mit ihrem Ehegatten, und bedürfen also keiner andern Regeln, als solcher, die eine feine Erziehung vorschreibt. Und da sie auch eine eigne Moral zu haben pflegen, so werden sie wohl in diesem Kapitel wenig finden, das für sie tauglich wäre.

Viertes Kapitel.

Ueber den Umgang mit und unter Verliebten.

1.

Mit Verliebten ist vernünftiger Weise gar nicht umzugehen; sie sind so wenig, wie andere Berauschte, zur Geselligkeit geschickt; ausser ihrem Abgotte ist die ganze Welt todt für sie. Man mag übrigens leicht mit ihnen fertig werden, wenn man nur Geduld genug hat, sie von dem Gegenstande ihrer Zärtlichkeit reden zu hören, ohne zu gähnen; wenn man im Gegentheile dabei einiges Interesse zeigt, sich über ihre Thorheiten und Launen nicht zu ärgern, und im Fall die Liebe heimlich gehalten seyn soll, sie nicht zu beobachten, nichts zu merken scheint, wüßte auch die ganze Stadt das Geheimniß (wie es denn mehrentheils geschieht); endlich wenn man ihre Eifersucht nicht erregt.

Und so hätte ich denn über diesen Gegenstand weiter nichts zu reden. -- Doch noch ein Paar Bemerkungen! Suchet Ihr einen verständigen Freund, der Euch mit weisem Rathe, oder mit festem Muthe, mit Fleiß und dauernder Arbeit dienen soll: so wählet keinen Verliebten dazu! Ist es Euch aber darum zu thun, eine theilnehmende, empfindelnde Seele zu finden, die mit Euch klage, winsele, seufze, oder Euch ohne Sicherheit Geld borge, auf etwas subscribire, ein armes Mädchen ausstatte, einen beleidigten Vater besänftigen helfe, oder mit Euch Ritterstreiche mache, Kindereien treibe, oder Eure Verse, Eure Liederchen und Sonaten lobe: -- so wendet Euch nach den Umständen an einen glücklichen oder hoffnungslosen Liebhaber!

2.

Den Verliebten selbst Regeln über ihren Umgang mit einander zu geben, das würde verlorne Mühe seyn; denn da diese Menschen selten bei gesunder Vernunft sind: so wäre es eben so unsinnig, zu verlangen, daß sie sich dabei gewissen Vorschriften unterwerfen sollten, als wenn man einem Rasenden zumuthen wollte, in Versen zu phantasiren, oder Einem, der die Kolik hat, nach Noten zu schreien. Doch ließe sich Einiges sagen, das gut und leicht zu beobachten wäre, wenn man hoffen dürfte, daß solche Menschen der Vernunft Gehör gäben, oder auch nur lichte Zwischenräume hätten, in welchen sie etwas begreifen können.

3.

Die erste Liebe bewirkt ungeheure Revolutionen in der ganzen Sinnesart und dem Wesen des Menschen. Wer nie geliebt hat, kann keinen Begriff haben von den seligen Freuden, die der Umgang unter Verliebten gewährt; wer zu oft mit seinem Herzen Tausch und Handel getrieben hat, verliert den Sinn dafür. Ich habe einst ein Bild davon entworfen, und da ich jetzt nichts Besseres darüber zu sagen weiß, will ich diese Stelle hier abschreiben[5].

»Es ist eine gar sonderbare Sache um die ersten Liebes-Erklärungen. Wer mit seinem Herzen schon oft Spielwerk getrieben, seine zärtlichen Seufzer vor manchen Schönen schon ausgeblasen hat, dem wird es eben nicht schwer, wenn er einmal wieder sich die Lust macht, verliebt zu werden, seine Empfindungen bei einer schicklichen Gelegenheit an den Tag zu legen; auch weiß dann die Kokette schon, was sie bei solchen Vorfällen zu antworten hat; sie glaubt das Ding nicht sogleich, meint, der Herr wolle sie zum Besten haben, er spiele den Roman-Helden, oder, wenn er dringend wird, und sie glaubt nach und nach überzeugt werden zu müssen, so kömmt zuerst eine Bitte, ihrer Schwachheit zu schonen, ihr nicht ein Geständniß abzunöthigen, wobei sie erröthen müßte; und dann will der entzückte Liebhaber dem holden Engel um den Hals fallen, und in Wonne dahinschmelzen; aber die Schöne protestirt feierlich gegen alle solche Freiheiten, verläßt sich überhaupt auf seine Ehre und Rechtschaffenheit, reicht ihm höchstens die Backe dar, theilt ihre Gunstverwilligungen in unendlich kleine Parcelen, um täglich nur um ein Haar breit dem Ziele näher rücken zu dürfen, damit der schöne Roman desto länger dauern möge; und wenn auf andre Art keine Zeit mehr zu gewinnen ist, muß ein kleiner Zwist dazwischen kommen, die völlige Entwickelung aufhalten, und die Uhr auf die Schäferstunde zurückstellen. Bei allen diesen conventionellen Gaukeleien aber empfinden dergleichen Leute gar nichts, lachen, wenn sie allein sind, des Possenspiels, das sie mit einander treiben, können voraus calculiren, wie weit sie morgen und übermorgen mit ihrem Geschäfte kommen müssen, und werden dick und fett bei ihrer Liebespein.«

»Ganz anders aber ist es mit einem Paar unschuldigen Herzen, die, zum erstenmal vom wohlthätigen Feuer der Liebe erwärmt, so gern ihren süßen, schuldlosen Gefühlen Luft machen möchten, und immer nicht Muth fassen können, mit Worten zu sagen, was Augen und Gebehrden oft schon deutlich gesagt und beantwortet haben. Der Jüngling sieht die Geliebte zärtlich an; sie erröthet; ihr Blick wird unruhig, unstät, wenn Er mit einem andern Mädchen zu viel und zu freundlich redet; sein Auge möchte zürnen, er möchte gleichgültig vor ihr vorbeiblicken, wenn sie einem Andern vertraulich etwas in's Ohr gesagt hat; man fühlt den Vorwurf, gibt augenblickliche Genugthuung, bricht plötzlich und fast unhöflich das Gespräch ab, welches den Argwohn erweckt hat; der Versöhnte dankt durch das zärtliche Lächeln und durch die fröhlichste, plötzlich aufwachende Laune; man nimmt mit den Augen Verabredungen auf morgen, entschuldigt sich, warnet vor Beobachtern, erkennt sich gegenseitige Rechte auf einander an -- und hat sich doch noch mit keinem Wörtchen gesagt, ~was~ man für einander fühlt. Allein man sucht von beiden Seiten ernstlich die Gelegenheit dazu; sie kömmt, kömmt oft, und man läßt sie ungenützt vorbeistreichen, drückt sich höchstens einmal leise die Hand, und doch auch das nie ohne irgend einen schicklichen Vorwand, sagt sich aber kein Wort, ist mißmüthig, zweifelt an Gegenliebe, und hat sich oft noch nicht gegen einander erklärt, wenn man schon die Fabel der ganzen Stadt und der Gegenstand der schändlichsten Verläumdung ist. Ist endlich das längst im Busen pochende Bekenntniß den furchtsamen Lippen stotternd entflohen, und mit gebrochenen, halb erstickten Worten, mit einem bis in das Innerste dringenden Händedrucke begleitet, beantwortet worden; dann lebt man vollends erst ganz für einander, ist wenig um die übrige Welt bekümmert, sieht und hört nichts um sich her, ist in keiner Gesellschaft verlegen mit seiner Person, wenn nur der theure Gegenstand uns freundlich anlächelt; findet an der Seite der Geliebten alles Ungemach des Lebens leichter zu ertragen; glaubt nicht, daß es Krankheit, Armuth, Druck und Noth in der schönen Welt geben könne; lebt mit allen Wesen in Frieden; verachtet Gemächlichkeit, köstliche Speise, Schlaf. -- O Ihr! wenn Ihr je so wonnevolle Zeiten verlebt habt, sprechet! ist auch ein süßerer Traum zu träumen möglich? Ist unter allen phantastischen Freuden des Lebens Eine, die so unschuldig, so natürlich, so unschädlich wäre? Eine, die so überschwenglich glücklich, fröhlich, so friedenvoll machte? -- Ach! daß dieser selige Zustand der Bezauberung nicht ewig dauern kann, daß man oft nur gar zu unsanft aus diesem elysischen Schlummer aufgeschreckt wird!«

4.

In der Ehe ist ~Eifersucht~ ein schreckliches, Ruhe und Frieden störendes Uebel, und jeder Streit von bösen Folgen; in die Liebe hingegen bringt die Eifersucht Mannigfaltigkeit und neues Leben; nichts ist süßer, als der Augenblick der Versöhnung nach kleinen Zwistigkeiten, und solche Scenen knüpfen das Band fester. Zittre vor der Eifersucht einer Kokette, vor der Rache eines Weibes, dessen Liebe Du verschmäht hast, oder für welches Dein Herz nicht mehr spricht, wenn sie Deiner -- sey es nun aus Lust, oder aus Eitelkeit, aus Vorwitz, oder aus Eigensinn -- noch begehrt! Sie wird Dich mit wüthigem Grimme verfolgen, und keine Schonung von Deiner Seite, keine Nachgiebigkeit, keine Verschwiegenheit über die ehemaligen Verhältnisse, keine öffentliche Ehrerbietungs-Bezeigungen werden Dir helfen, besonders wenn sie Dich nicht etwa fürchtet.

5.

Weiber-Feinde schreien laut: das schöne Geschlecht liebe nie mit so gänzlich treuer Ergebung, wie wir Männer; Eitelkeit, Vorwitz, Lust an Abentheuern, oder körperliches Bedürfniß sey es nur, was sie zu uns hinreisse, und man dürfe nicht länger auf Weibertreue rechnen, als so lange eine von diesen Leidenschaften und Trieben nach Zeit und Gelegenheit zu befriedigen ist; Andre hingegen lehren gerade das Gegentheil, und beschreiben mit den reizendsten Farben die Beständigkeit, die Innigkeit und das Feuer eines weiblichen, von Liebe erfüllten Herzens. Jene eignen dem Geschlechte viel mehr Sinnlichkeit und Reizbarkeit, als edlere Gefühle zu, und sagen, es sey nur Grimasse, wenn Weiber ihre Männer überreden wollten, sie hätten ein sehr kaltes Temperament; Diese hingegen behaupten: die reinste, heiligste Liebe, ohne Begierde, ja, auf gewisse Art ohne Leidenschaft, diese göttliche Flamme könne nur in weiblichen Seelen in ihrer ganzen Fülle wohnen. Wer von beiden Partheien Recht hat, das mögen Diejenigen entscheiden, denen eine größere Kenntniß des weiblichen Herzens, und ausgebreitete Welt-Erfahrung ein Recht geben, über den Charakter der Weiber kühner, unpartheiischer, mit mehr Scharfsinn und mit gründlicherer Vernunft, als ich, zu urtheilen und zu schreiben. Ich wage das nicht; auch sind es zwei verschiedene Fragen: aus welchen Quellen zuerst Weiberliebe zu entspringen pflege? und: welche Eigenschaften nachher diese Liebe habe, wenn einmal die Seele davon ergriffen ist? Das aber getraue ich mir zu behaupten, ohne einem von beiden Geschlechtern zu nahe zu treten, daß wir Männer an Treue und gänzlicher Hingebung in der Liebe wohl schwerlich die Weiber übertreffen dürften. Die Geschichte aller Zeiten ist voll von Beispielen der treuesten Anhänglichkeit, der heldenmüthigsten Ueberwindung aller Schwierigkeiten, und Verachtung aller Gefahren, mit welcher ein Weib sich ihrem Geliebten weiht, und sein Leben zu beglücken, zu erhalten, zu erretten sucht. Ich kenne kein höheres Glück auf der Welt, als so innig, so treu geliebt zu werden. Leichtsinnige Gemüther findet man unter Männern, wie unter Frauenzimmern; Hang zur Abwechselung ist dem ganzen Menschengeschlecht eigen; neue Eindrücke größerer Liebenswürdigkeit, wahrer oder eingebildeter, können die lebhaftesten Empfindungen verdrängen; aber fast möchte ich sagen, die Fälle der Untreue wären häufiger bei Männern, als bei Weibern, würden nur nicht so bekannt, machten weniger Aufsehen, wir wären wirklich nicht so leicht auf immer zu fesseln; und es würde vielleicht nicht schwer halten, die Ursachen davon anzugeben, wenn das hieher gehörte.

6.

Treue, ächte Liebe freuet sich in der Stille des seligen Genusses, prahlt nicht nur nie mit Gunstbezeigungen, sondern gesteht sich's sogar selbst kaum, wie froh sie ist. Die glücklichsten Augenblicke in der Liebe sind da, wo man sich noch nicht gegen einander mit Worten erklärt hat, und doch jede Miene, jeden Blick versteht. Die wonnevollsten Freuden sind die, welche man mittheilt und empfängt, ohne dem Verstande davon Rechenschaft zu geben. Die Feinheit des Gefühls leidet oft nicht, daß man sich über Dinge erkläre, die ganz ihren hohen Werth verlieren, die anständiger Weise, ohne Beleidigung des Zartgefühls, gar nicht mehr gegeben und angenommen werden können, sobald man etwas darüber gesagt hat. Man verwilligt stillschweigend, was man nicht verwilligen darf, wenn es erbeten, oder wenn es merkbar wird, daß es mit Absicht gegeben werden soll.

7.