Part 36
Sie gingen an Rjäsanzew vorbei, der sie feindselig anblickte, und dem Häuflein, das sich um ihn drängte, und schritten dem Ausgang zu. Aber schon von weitem merkte Ssanin eine Gruppe ihm wenig bekannter junger Leute, die sich wie eine Hammelherde mit den Köpfen nach innen aneinanderdrückten. In der Mitte stand Schawrow und sprach unter hastigen Bewegungen auf sie ein, verstummte aber, sobald er Ssanin erblickte. Alle Gesichter wandten sich diesem zu und auf allen lag ein eigentümlicher Ausdruck: eine Mischung edler Entrüstung, feuriger Empörung, kindischer Schüchternheit und naiver Neugierde.
»Da werden gegen dich Ränke geschmiedet,« sagte Iwanow.
Ssanin wurde plötzlich finster, so daß selbst Iwanow erstaunte, als er den Ausdruck seines Gesichts erblickte. Als sich Schawrow von der Menge der Studenten und jungen Mädchen mit teils erschreckten, teils entzückten rosigen Gesichtern trennte und rot wie eine Rübe, die kurzsichtigen Augen zusammengekniffen, auf Ssanin zuschritt, erwartete ihn dieser in einer Haltung, wie wenn er jeden, der sich ihm näherte, niederschlagen wollte.
Schawrow schien es zu erwarten, denn er wurde blaß und blieb etwas entfernter, als nötig, vor Ssanin stehen. Die Studenten und die Mädchen drängten ihm, wie eine kleine Herde hinter dem Bock, nach.
»Wünschen Sie noch etwas?« fragte Ssanin nicht laut.
»Wir? -- -- -- Nichts,« meinte Schawrow verwirrt. »Nur, -- -- -- wir möchten Ihnen im Namen unserer ganzen Gruppe Genossen unsere Unzufriedenheit und ...«
»Daran liegt mir sehr wenig, an Ihrer Unzufriedenheit,« stieß Ssanin durch die zusammengepreßten Zähne mit Mienen, die nichts Gutes verkündeten, hervor. »Sie haben mich gebeten, ich möchte über den verstorbenen Swaroschitsch etwas sagen, und weil ich das sagte, was ich für richtig halte, erklären Sie mir Ihre Unzufriedenheit. Meinetwegen ... Wenn Ihr nicht sentimentale dumme Jungen wäret, würde ich Euch auseinandersetzen, daß ich recht habe, daß Swaroschitsch in der Tat wie ein Dummkopf gelebt hat, sich mit Nichtigkeiten abquälte und den Tod eines Narren gestorben ist, aber ihr ... ich habe mit euch ja einfach eures Stumpfsinns, eurer Dummheit wegen nichts zu tun. Schert euch doch alle zum Teufel! Pack ich euch an? ... Weg!«
Und Ssanin ging, indem er die Menge, welche ihm den Weg verlegte, durchschritt, ohne umzuschauen, vorwärts.
»Stoßen Sie nicht!« protestierte Schawrow, rot, fast heulend, mit einer Stimme, die wie Hahnenkrähen klang.
»Das ist geradezu empörend!« begann jemand, brach aber gleich wieder ab.
Ssanin und Iwanow traten auf die Straße hinaus; beide schwiegen eine ganze Weile.
»Weshalb erbitterst du die Menschen so?« sagte endlich Iwanow. »Demnach mußt du als ein ganz bösartiges Geschöpf bezeichnet werden.«
»Wenn es mit dir so ginge, wie mit mir, daß dir dein ganzes Leben lang diese freiheitsliebenden jungen Menschen ohne Unterbrechung vor die Füße laufen,« antwortete er ernst, »so hättest du sie noch ganz anders angefaßt! ... Uebrigens, hol sie der Teufel!«
»Na, rege dich nicht auf, Freund!« sagte Iwanow halb im Scherz, halb ernst, »weißt du was: wollen wir mal etwas Bier holen gehen und dann des nun verstorbenen Knecht Gottes Jurii Nikolajewitsch gedenken ... wie?«
»Schön, meinetwegen ...« willigte Ssanin gleichgültig ein.
»Bis wir wiederkommen werden die andern schon fort sein,« fuhr Iwanow lebhaft fort, »da werden wir gerade über dem Grabe für sein Heil trinken können ... so, dem Toten als Ehrung und uns zum Vergnügen.«
»Meinetwegen.«
Als sie wieder auf den Kirchhof kamen, war kein Mensch mehr da. Die Kreuze und Denkmäler standen wie in Erwartung und drückten bewegungslos auf den gelbgewordenen Boden. Kein Lebewesen war zu sehen und zu hören; nur eine glitschige schwarze Schlange glitt rasch über den Pfad und rauschte im abgefallenen Laub.
»Ah, du Biest!« rief Iwanow und schrak zusammen; vergebens schlug er mit dem Stock hinterher.
Am frischen Grab Juriis, wo es nach aufgerissener kalter Erde, nach verfaulten alten Blättern und der grünen Tanne roch, stapelten sie im Gras einen Haufen schwerer Bierflaschen auf.
XLIV
»Weißt du was?« sagte Ssanin, als sie eine Stunde später auf die dunkle Straße hinaustraten.
»Was denn?«
»Begleite mich zum Bahnhof, ich will von hier fort.«
Iwanow blieb stehen.
»Warum?«
»Mir wird es hier zu langweilig.«
»Hast wohl Angst gekriegt?«
»Nicht im geringsten. Möchte einfach weg von hier, weiter nichts.«
»Wozu denn das?«
»Mein Freund, stelle nicht erst dumme Fragen. Ich will, das ist alles ... Solange man die Menschen nicht kennt, glaubt man immer, sie würden einem doch noch etwas geben ... Es waren hier ein paar interessante Leute. Karssawina kam mir neu vor, Semionow war noch am Leben, Lyda hätte vielleicht einen anderen Weg gehen können ... Jetzt aber ist es langweilig. Alle fallen mir auf die Nerven. Genügt dir diese Erklärung nicht? Verstehst du, ich habe diese Leute solange es nur ging, ertragen; -- -- -- länger kann ich's nicht.«
Iwanow schaute ihn lange an.
»Nun schön, gehn wir also,« sagte er, »du nimmst doch noch von deiner Familie Abschied, ja?«
»Ah, zum Teufel mit ihnen! Die sind mir am meisten über!«
»Aber deine Sachen mußt du doch mitnehmen?«
»Ich habe nur sehr wenig ... Geh du durch den Garten und ich laufe in mein Zimmer und reiche dir dann den Koffer zum Fenster raus. Sonst sehen sie's, hängen sich mit Fragen an mich an, und was soll ich denn sagen, was trösten könnte?«
»So--o!« Iwanow senkte für eine Minute den Blick und schlug verächtlich mit der Hand durch die Luft. »Für mich ist es recht traurig ... aber was liegt daran!«
»Fahre doch mit!«
»Wohin?«
»Das ist ja ganz egal. Das werden wir schon später merken.«
»Ich habe kein Geld.«
»Ich ebenso wenig!« lachte Ssanin.
»Nein, fahr schon allein ... Am fünfzehnten fängt meine Schule an. So bleibt schon alles im alten Geleise!«
Ssanin schwieg und schaute Iwanow gerade in die Augen, und ebenso gerade blickte ihn Iwanow an. Doch mit einem Mal wurde es diesem peinlich zumute, er zog sich zusammen, als wenn ein Spiegel sein Gesicht als tierische Fratze zurückgeworfen hätte.
Ssanin wandte sich ab.
Sie gingen durch den Hof.
Ssanin trat in das Haus, Iwanow bog in den abendlichen Garten ein, wo ihn der Schatten des späten Herbstes und der Duft stiller Verwesung traurig umschloß. Ueber Gras und Büsche, begleitet vom Rauschen der Blätter und Aechzen der Zweige, kam er zum Fenster von Ssanins Zimmer. Es war offen und dunkel.
Ssanin war inzwischen durch den Saal gegangen; an der Balkontür, von wo er bekannte Stimmen hörte, blieb er stehen.
»Was willst du also von mir?« klang die Stimme Lydas zu ihm herüber; er war von ihrem matten, gequälten Ton überrascht.
»Nichts will ich,« erwiderte Nowikow, seine Stimme hörte sich offenbar gegen seinen Willen, mürrisch und verdrießlich an, »es kommt mir nur komisch vor, daß du die Sache so ansiehst, als wenn du mir ein Opfer bringst. Ich wollte doch ...«
»Schön,« brach es aus Lyda heraus. Die kristallenen Töne naher Tränen drangen unerwartet durch die Stille der Abenddämmerung: »Nicht ich ... du bringst mir also das Opfer ... du! Ich weiß es! Was willst du also noch hören?«
Nowikow gab einen verwirrten und ratlosen »Hm«-Laut von sich; man konnte aber herausmerken, daß er sich Mühe gab, seine Ratlosigkeit zu verbergen.
»Wie wenig scheinst du mich zu verstehen! Ich liebe dich, und daher kann von einem Opfer keine Rede sein ... Aber wenn du selbst unser Zusammensein als ein Opfer von einem von uns beiden ansiehst, welch ein Leben soll dann für uns werden?«
Nowikows Stimme wurde fester und sicherer, fast froher, als hätte er jetzt das Wichtigste herausgefunden und wäre glücklich, Lyda überzeugen zu können.
»Du mußt es begreifen ... Wir können nur unter einer Bedingung zusammenleben: daß an kein Opfer, weder von deiner, noch von meiner Seite zu denken ist ... Eins von beiden: entweder wir lieben uns, und dann ist unsere Zusammengehörigkeit vernünftig und naturgemäß, oder wir lieben uns nicht, und dann ...«
Lyda schluchzte plötzlich auf.
»Was weinst du!« fragte Nowikow erstaunt und erregt. »Ich verstehe dich nicht! Ich glaube, -- -- ich kann doch nichts Verletzendes gesagt haben ... Höre doch auf! Ich hatte uns beide ganz gleich im Auge ... Aber das ist doch zum Teufel! Was weinst du eigentlich! ... Man darf sich kein Wort erlauben --«
»Ich weiß nicht ... ich weiß nicht ...« Die gedrückte, bemitleidenswerte Stimme Lydas klang unsagbar traurig, voll unfaßbarer, ohnmächtiger Klage.
Ssanin machte eine verdrossene Miene und ging in sein Zimmer.
-- -- -- Nun, Lyda ist wohl auch fertig! dachte er. Am Ende hätte sie besser getan, wenn sie damals ins Wasser gegangen wäre -- -- aber vielleicht kommt sie trotz allem noch in die Höhe ... Man kann es nie voraussehen!
Iwanow hörte hinter dem Fenster Ssanin etwas eilig zusammensuchen; dann raschelte er mit Papier und ließ etwas fallen.
»Bist du bald fertig?« fragte er ungeduldig. Es war ihm langweilig und bedrückend, in der blassen Dämmerung des Herbstabends unter dem finsteren Fenster zu stehen, hinter sich den dunklen geheimnisvollen Garten. Das Rauschen erinnerte ihn an seinen Traum.
»Sofort,« antwortete Ssanin so dicht am Fenster, daß Iwanow zusammenfuhr. Die Finsternis im Fenster geriet in Schwanken; dann hob sich von ihr der Handkoffer und das weiße Gesicht Ssanins ab.
»Halt fest!«
»Nun, gehn wir los!«
Sie schritten schnell durch den Garten.
Blasse Dämmerung und der feine kalte Geruch der abgekühlten Erde lag um ihnen. Die Bäume standen schon ziemlich kahl; alles machte einen ungeheuer leeren geräumigen Eindruck. Hinter dem Fluß erlosch allmählich die Abendröte, und das Wasser erglänzte einsam, vergessen und verlassen hinter dem Garten, der mit einem Mal ebenfalls für niemanden mehr von Interesse schien.
Als sie zum Bahnhof kamen, brannten schon Signalfeuer auf den unzähligen schwarzen Gleispaaren, und die Lokomotive eines abfahrtbereiten Zuges keuchte gleichmäßig und schwer. Menschen liefen umher, klappten mit den Türen, riefen einander an und schimpften mit herben, gehässigen Stimmen, gleichsam, als wären alle in trauriger Stimmung und suchten das unter der Maske der Gehässigkeit zu verbergen. Ein dunkler Haufen ratloser Bauern mit Bündeln beladen, drängte sich auf dem Bahnsteig.
Im Wartesaal tranken sich Ssanin und Iwanow noch einmal zu.
»Nun, Glück auf die Reise!« wünschte Iwanow traurig.
»Ich habe immer gleiches Glück, Freund,« lächelte Ssanin. »Ich verlange nichts vom Schicksal, ich erwarte auch nichts von ihm. Und das Ziel der Reise ist doch niemals glücklich. Alter und Tod, weiter bleibt nichts! ...«
Sie gingen zusammen auf den Bahnsteig und blieben vor dem Waggon stehen: »Na, Lebewohl!«
»Lebewohl!«
Es war beiden unerwartet, daß sie sich küßten.
Knirschend und zischend setzte sich der Zug in Bewegung.
»Ach, Bruder, wie lieb, wie lieb du mir geworden bist!« rief plötzlich Iwanow Ssanin zu. »Der einzige wahre Mensch bist du für mich!«
»Und du bist der einzige, der mich gern hat,« Ssanin lächelte, er sprang auf das Trittbrett eines vorbeirollenden Wagens.
»Abgefahren!« rief er lustig. »Lebewohl!«
»Lebewohl!«
Schnell eilten die Wagen an Iwanow vorbei, als ob sie sich plötzlich verabredet hätten, von ihm fortzulaufen. In der Dunkelheit huschte die rote Laterne vorbei und strahlte lange, noch lange rot im Finstern, so daß sie sich garnicht zu entfernen schien.
Iwanow sah dem Zug nach; er fühlte sich traurig und niedergeschlagen. Unmutig schlenderte er durch die Straßen der Stadt und schaute auf die armseligen, kleinlichen Lichter.
-- -- -- Sich bis zu Ende durchsaufen, was? fragte er sich, und das blasse, dürre Gespenst eines farb- und klanglosen Lebens trat mit ihm ins Wirtshaus ein.
XLV
In der Dunkelheit und Enge erstickten die Wagenlaternen, und zwischen schwankenden, rußigen Schatten und trüben Flecken Lichts krümmten sich zerknüllte müde Menschen.
Ssanin setzte sich neben drei Bauern.
Als er eintrat, unterhielten sie sich, und einer von ihnen, in der Dunkelheit kaum sichtbar, fragte gerade:
»Also meinst du, mit dem Land kommt nichts heraus?«
»Kann auch nichts herauskommen,« antwortete mit hoher gebrochener Stimme ein alter zottiger Bauer, der neben Ssanin saß. »Die Gutsbesitzer haben ihr Eigenes im Auge, unsertwegen wollen sie nicht zum Teufel gehen. Da kann man erzählen, soviel man will; wenn es einem an den Leib geht, so wird am Ende der das Blut austrinken, der stärker ist!«
»Aber warum braucht ihr so lange zu warten?« fragte Ssanin, der sofort verstanden hatte, um was sich das gierige, ekelhaft eintönige Gespräch drehte.
Der Alte wandte sich zu ihm und schlug die Arme auseinander.
»Was sollen wir tun? ...«
Ssanin stand auf und ging auf einen andern Platz. Er kannte diese Menschen zur Genüge, die wie Tiere lebten und dabei weder selbst zugrunde gehen, noch andere vernichten konnten. Sie lebten immer das viehische Leben fort in trüber Hoffnung auf ein Wunder, das niemals kommen wird und in dessen Erwartung Millionen ihresgleichen bereits gestorben sind.
Die Nacht verging. Alle schliefen und nur ein Kleinbürger im langen Rock zankte sich erbittert mit seiner Frau, die ängstlich schwieg und allein ihre erschrockenen Augen krampfhaft bewegte.
»Warte nur, du Aas, ich werde dir das noch beibringen!« zischte der Mann wie eine mit dem Fuß getretene Schlange.
Ssanin war schon eingeschlummert, als das leise Aechzen der Frau ihn aus dem Schlafe weckte. Der Kleinbürger zog rasch seine Hand zurück, doch Ssanin konnte noch bemerken, daß er die eine Brust der Frau um seine Finger drehte.
»Na, Brüderchen, du bist ein Biest!« schrie er zornig.
Der Kleinbürger blieb erschrocken stumm und blickte ihn nur mit kleinen bösen Augen an.
Ssanin sah voll Ekel auf ihn hin, dann trat er auf die Plattform hinaus. Als er durch den Wagen ging, sah er eine Menge Menschen, die in dichtem Gedränge fast übereinander lagen. Bei dem blassen bläulichen Licht des kommenden Morgens, das durch die Fenster des Wagens eindrang, schienen ihre Gesichter wie tot, und nüchterne, traurige Schatten, die über sie glitten, gaben ihnen einen ohnmächtigen leidenden Ausdruck.
Auf der Plattform atmete Ssanin mit vollen Zügen die frische Morgenluft ein.
»Ein widerwärtiges Ding ist doch der Mensch!« dachte er weniger, als daß er es mit seinem ganzen Körper fühlte. Und plötzlich brach in ihm das Verlangen durch, sich sofort, wenn auch nur für eine Zeit, von allen diesen Menschen, vom Zuge, von der stickigen Luft, vom Rauch und Gerassel freizumachen.
Die Morgenröte stieg schon deutlich am Horizont auf. Die letzten Schatten der Nacht verliefen, blaß und krank, spurlos in der blauen Finsternis, die sich weit in der Steppe auflöste.
Ohne sich lange zu besinnen, trat er auf das Trittbrett des Wagens, ließ seinen Koffer im Stich und sprang auf den Boden herab.
Mit Fauchen und Rasseln sauste der Zug neben ihm vorbei; der Boden glitt unter seinen Füßen hin, und er fiel auf den nassen Sand der Böschung. Die rote hintere Laterne war schon weit, als er sich erhob. Er lächelte sich selber zu.
»Auch das ist schön!« rief er laut und stieß einen freien, gellen Schrei aus.
Weit und geräumig war es um ihn her. Das Gras, noch immer grün, breitete sich in einem endlosen, ebenen Feld nach allen Seiten aus und versank erst hinten in den fernen Morgennebeln.
Leicht atmete Ssanin auf und schaute mit frohen Augen in die unendliche Weite der Erde, als er mit großen, kräftigen Schritten in den lichten, freudigen Schein der Morgenröte hineinwanderte. Und als die erwachte Steppe in der grünen und blauen Ferne aufzuleuchten begann und vor seinen Augen die ungeheure Himmelswölbung auf sich lud, als gerade vor ihm die Sonne aufging, blitzend und funkensprühend, da schien es Ssanin, daß er ihrem Lichte entgegenschreite.
In Kürze erscheint im gleichen Verlage:
M. Artzibaschew
Millionen und andere Novellen
Ein starker Band
Geh. Mk. 4.--, geb. Mk. 5.50
Tritt in Ssanin die Tendenz des Buches etwas zu sehr in den Vordergrund, so haben wir es hier in diesem Novellenbande mit novellistischen Meisterwerken zu tun, die Artzibaschew in die erste Reihe russischer Erzähler stellen.
Anna Croissant-Rust
Winkelquartett
Eine komische Kleinstadtgeschichte
Geh. Mk. 4.--, geb. Mk. 5.--
_Gabriele Reuter_ schreibt über das Buch in einem 7spaltigen Feuilleton der Neuen Freien Presse in Wien vom 26. September 1908 unter dem Titel:
_»Eine moderne Humoristin«_
unter anderem:
»Zu diesen Lebenshumoristen mit der großen, freien menschlichen Seele und dem Mut zu jeder Entdeckung hat sich nun doch eine Frau gesellt. Trotz aller gegenteiligen Theorieen, welche ihr die Existenz eigentlich verbieten, hat sie sich hingesetzt und ein Buch geschrieben, das zu den wenigen, wirklich guten humoristischen Romanen der Jetztzeit gehört. Die Frau heißt Anna Croissant-Rust und ihr Buch ist das Winkelquartett. »Anna Croissant-Rust?« fragt manch ein Leser zögernd, »kenne ich den Namen? Erinnere mich nicht -- wird wohl ein Erstlingswerk sein.« Verzeihung -- nein! Ein solches Buch schreibt man nicht, wenn man jung ist, schreibt man nicht als Erstlingswerk. Dazu ist diese Menschenschilderung viel zu reif, dazu ist die künstlerische Luft viel zu klar und herbe, trotz aller blitzenden Sonnenlichter, die in Stil und Darstellungsart hin und wieder spiegeln. So souverain gelassen sieht man die Welt nur in ersten Septembertagen, wenn die schwülen Sommergewitter vorübergerauscht sind und alle Bäume fruchtbeladen winken. -- -- (Nun folgt eine eingehende Analyse des Inhalts, voll größter Bewunderung über das Buch und zum Schluß fährt Gabriele Reuter fort): Das Winkelquartett ist eine so durch und durch originelle Schöpfung, daß es betrübend für das Urteil des Publikums wäre, wenn sie nicht die ihr gebührende Beachtung fände.«
Im gleichen Verlage erschienen:
Otto Julius Bierbaum
Prinz Kuckuck
Leben, Taten, Meinungen und Höllenfahrt eines Wollüstlings
In einem Zeitroman
3 Bde geh. Mk. 15.--, geb. Mk. 18.--, Luxusausgabe Mk. 30.--.
Fritz Engel im »Berliner Tageblatt«:
»Ein strotzendes Buch, aus dem das Leben wie in tausend Lichtern ins Auge des Beschauers zurückfällt. Der beste Erziehungsroman der letztjährigen Literatur und hocherhaben über alle die Götz Kraffts, die nun durch die Leihbibliotheken spuken. Ein Zeitroman, in dem sich der gehetzte, zwischen Totem und Werdendem hin und her gerissene Charakter der Gegenwart spiegelt ... So sage ich noch einmal: ein starkes, männliches, ernstes Buch, trotz aller Schelmereien. Reif wie es ist, möge es nicht in unreife Hände fallen. Es gehört in die Hände der Erzieher. Nicht in die der Mucker, die unreif bleiben selbst mit grauen Haaren. Sie würden an Bierbaum ein Ketzergericht vollziehen wollen, weil er auf gewisse Entartungen der Zeit mit ruhiger Sachlichkeit und -- nebenbei bemerkt -- mit stupender Darstellungskunst hinweist.«
Weitere Urteile über
Prinz Kuckuck
Leonhard Adelt in der »Neuen Hamburger Zeitung«:
»... Alles aber wird weit in den Schatten gestellt durch den einleitenden Abschnitt von der Mutter, der schon im Stil eine Novelle für sich bildet -- eine Meisternovelle, graziös, mokant, geistreich, schillernd und sprühend, ein Stück Welt, gesehen durch eine originelle, dichterische Natur, in einem köstlichen, geschliffenen und verzierten Spiegel.«
Fritz Droop in der »Dortmunder Zeitung«:
»... Es ist ein _reifes kraftvolles Buch_, das nicht zuletzt dem Berufserzieher eine Fülle von Anregungen und manche ernste Lehre gibt ... Wer die wahren Schäden unserer Zeit kennt und sich nicht fürchtet, dieses zu bekennen, der wird Bierbaums neuen Roman mit _noch größerer Freude begrüßen wie einst den Stilpe_. Lest dieses Buch!«
Dr. Ludwig Finckh in den »Propyläen«:
»... Seid stille: Stilpe, der alte Stilpe, hat den Mund wieder aufgetan. _Das ist ein Ereignis in Deutschland_, denn wir haben alle seit Jahren eine _Lustanwandlung und Sehnsucht danach_ gehabt, ihn wieder zu begrüßen. Der junge Stilpe heißt Prinz Kuckuck, seine Geschichte ist nicht bloß die eines einzelnen Menschen, sondern die einer ganzen Zeit mit ihren Ansätzen, Ausläufern und Entwicklungen ... Eins ist gewiß, _keiner handhabt heute in Deutschland den galanten Roman so in aller Grazie wie Bierbaum_; es ist sein wahres Element und er ist unübertroffen. Ein Buch voll Freude am schönen, am abenteuerlichen, lebendigen Leben, darin das Blut rauscht hin und her und seine Gefäße oft zu sprengen droht.«
»Als Ausströmung einer reichen Seele, als Dokument von Johannes Schlafs innerer Persönlichkeit ist dieser Roman ein ungewöhnliches und großenteils stark fesselndes Buch.«
(Kunstwart).
Willi Rath urteilt so an der Spitze einer langen Besprechung über
Johannes Schlaf
Der Prinz
Roman in zwei Bänden
Broschiert 8.-- Mk., gebunden 10.-- Mk.
und ähnlich und noch mehr anerkennend eine Reihe von maßgebenden Schriftstellern, z. B.
Professor Dr. Ludwig Geiger in »Die Zeit«:
»Ich erkläre es für das tüchtige Buch eines Denkers. Eines Denkers mehr als eines Dichters. Denn wenn auch der Dichter in einzelnen Episoden (Naturschilderungen, Liebesszenen) das Wort führt -- auch der Humorist macht sich geltend in der Zeichnung eines kleinen Krämers aus Halle und der Figur eines Sonderlings, Traugott Taube, eines bemoosten Hauptes, der Zahnarzt werden will, der in allerlei Schrullen verfällt -- das Hauptwort hat der Denker ... Das Werk ist gedankenreich, voll trefflicher Episoden, bietet eine ausgezeichnete Entwicklungsgeschichte, lebensvolle Zeichnungen von Menschen und Gegenden ...
Gegenüber den zahlreichen widerwärtigen und unerfreulichen Erscheinungen der modernen Romanliteratur ein erfreuliches Buch, das man nicht als Lesefutter bezeichnen, sondern als ein literarisches Werk anzusprechen und einzuordnen hat.«
Rudolf Huch
Die beiden Ritterhelm
Roman
Geheftet Mk. 4.--, gebunden Mk. 5.--
In einer umfangreichen Kritik schreibt Willy Rath in der Täglichen Rundschau:
»Die beiden Ritterhelm« sind ein sehr ernstes und doch heiter anmutendes Buch, ein Werk schönster Reife. Zwei, eigentlich drei Sprossen einer Patrizierfamilie werden mit kundiger Liebe und zugleich mit gelassener Sachlichkeit dargestellt ... In der Darstellung selbst und ebenso zwischen Darstellung und Stoff herrscht eine undurchbrochene Einheit, als sei das Ganze mühelos in einem Zuge heruntergeschrieben. Und der Einheit gesellt sich eine außerordentliche Feinheit, die in diskretester Form sehr bedeutsame psychologische und gesellschaftkritische Ausblicke eröffnet. »Die beiden Ritterhelm« -- so darf prophezeit werden -- gehören im literarischen Heute zu dem wenigen, das bleiben wird.
Druck von Mänicke & Jahn, Rudolstadt
Anmerkungen zur Transkription
In den Materialien zum Verbot des Buches (Seiten VII-LXX) wird wiederholt auf Seiten im Vorwort des Übersetzers (Seiten LXXI-LXXVIII) verwiesen. Diese Verweise beziehen sich auf die Seitenzahlen in den Ausgaben vor dem Verbot, in denen sich das Vorwort auf den Seiten VII-XIV fand. Zu den entsprechenden Seitenangaben müssen also in der vorliegenden Ausgabe 64 hinzugezählt werden.
In der Druckvorlage auf Seite 54 war die Zeile »Jurii verfolgte ihn mit glänzenden Augen; er« mit der Zeile »Jurii konnte sich noch immer nicht diesen« auf Seite 62 vertauscht. Außerdem war die Zeile »spazieren gegangen, hatte immer dieselben herrlichen« auf Seite 401 an das Ende des vorhergehenden Absatzes verschoben.