Part 35
Er geht an den Villen vorbei, setzt sich auf eine verlassene Bank und schaut lange, lange vor sich hin, bis der jetzt erkaltete Himmel dunkel wird; so empfindet er wohl das Wehen der Ewigkeit, die unsichtbar über diesem Flecken menschlicher Lust und Freude schwebt.
Dann geht er unter den gravitätischen Eichen zum Flusse hinunter; er schaut auf das verstummte Wasser. Dann legt er sich ins trockene Gras und hört stundenlang mit dem Ohr an der Erde, ihrem lautlosen Gespräche zu und atmet ihren ruhigen würzigen Odem ein.
Bis an die wildesten Plätze schlägt er sich durch, wo Fluß und Berg zusammenstoßen und der Berg sich langsam in den Fluß hineinschiebt, als ob er ihn erdrücken wollte; es war ihm nur noch nicht gelungen. Der Fluß lachte über den Berg, erschauerte völlig unter seinem blauen, silbernen Lachen; der Berg blieb düster, die Bäume rauschten. Manchmal drängten sich riesige Eichen vom steilen Ufer ins Wasser herab und versenkten ihre herunterhängenden Aeste in der rollenden lachenden Tiefe.
Wellen spielen im Flusse -- blau vom Himmel und grün von der Erde; es scheint, daß jemand in fliegender Eile auf der Wasserfläche unverständliche, geheimnisvolle Schriften schreibt. Schreibt sie und verwischt sie, und schreibt eilig wieder und verwischt sie von neuem.
Was diese Schriften erzählen -- das kann niemand lesen, aber offenbar dringen sie Pjotr Iliitsch, der sie stundenlang betrachtet, tief ins Herz; still und ruhig machen sie ihn wie der verglimmende Abend des menschlichen Lebens.
Wald, Fluß, Felder und Erde geben ihm etwas, was ihm sein versoffenes armseliges Leben nicht zu geben vermochte, was aber seine Seele bis in die tiefsten Winkel erfüllt. Und das Aussehen des alten Kirchensängers ist bei solchen Streifzügen voll heimlicher Nachdenklichkeit und Würde.
Wenn er dann zurückkehrt und einem seiner wenigen Bekannten begegnet, erzählt er ihm etwas mit feierlichen Mienen; er versucht mitzuteilen, was er nicht mitteilen kann. Und immer wieder schließt er, ohne selbst zu wissen, warum, mit dem gleichen Satz:
»Ja, im Winter ... s' ist dort herrlich! -- Ganz still. -- So, -- -- die Schneeflöckchen schwanken in der Luft, -- fallen ... die Sänger singen! ...«
Eine Stimme steigt in die höchsten Höhen, sie löst sich in der Luft auf; oh, man kann fühlen, daß es dieser Mensch trotz seiner Armseligkeit wahrhaft versteht, auf ganz eigene Weise die tiefsten Feinheiten der Lebensschönheit zu ergreifen. Wenn er einen Augenblick von Arbeit und Sorge um das Stück Brot, von Wodka und Krankheit frei wird, dann füllt er sein Leben so restlos schön aus, daß seine Seele glücklich ist.
XLII
-- -- -- Herbst ... Schon Herbst ... Nun kommt der Winter, -- schnell ... Wieder wird es Frühling werden, Sommer, wieder Herbst ... Winter, Frühling, Sommer ... Bis zum Ueberdruß der alte Gang! ... Und was werde ich in dieser Zeit anfangen? Das gleiche, wie jetzt!
Jurii lächelte bitter.
Im besten Fall werde ich ganz verblödet sein, werde über nichts mehr nachdenken! Und nachher kommt Alter und Tod!
Wieder zogen in endloser Reihenfolge Gedanken durch seinen Kopf: wie das Leben an ihm vorbeischlich, und daß es eigentlich gar kein hervorragendes Leben geben kann. Jedes Dasein, auch das der Größten quillt von Langeweile über, hat seine trübseligen Perioden, in denen es strichweis vorbereitet wird, in denen es zu freudlosem Ende kommt. Er erinnerte sich, wie er gewartet hatte, daß sich endlich etwas Neues, Umwälzendes ereignen würde und wie er alles, was er im Augenblick trieb, nur als interimistisch ansah, während sich dieses Vorübergehen in Wirklichkeit gleich einer Raupe auswuchs, neue und immer neue Ringe ansetzte. Nunmehr ließ sich deutlich erkennen, daß ihr grauer Schwanz dereinst im Alter und Tod verschwinden wird.
-- -- -- Heldentaten! Alles Heldentaten! -- -- -- Jurii preßte todestraurig die Hände zusammen. -- Besser schon gleich zu enden und zu verschwinden, ohne Furcht und Qual! Nur darin kann noch ein Wert des Lebens liegen!
Tausende heroische Taten, eine grandioser als die andere, standen vor ihm auf; doch aus jeder starrte ihm ein Totenkopf entgegen.
Jurii schloß die Augen und sah ganz deutlich den kläglichen Petersburger Tagesanbruch, nasse Ziegelmauern, einen Galgen, der als farblose Silhouette am bläßlichen Himmel klebte ...
Oder ein bestialisches Gesicht, ein Revolverlauf an der Schläfe, Entsetzen, das gar nicht auszudenken sein scheint und das doch gedacht werden muß, der Knall des Schusses gerade ins Gesicht ...
Oder die Nagaiken schlagen über Kopf und Rücken ... über den entblößten Körper -- -- Auch damit würde ich rechnen müssen! -- Oder würde es mir gleichgültig sein? -- -- --
Jurii ließ traurig die Hände fallen.
Die Heldentaten verblaßten, versanken und zerrannen im Nebel; an ihrer Stelle lugte die spöttische Fratze eigener Ohnmacht hervor und des klaren Bewußtseins, daß alle diese großartigen Träume nichts als Spielereien seines Hirns sind.
-- -- -- Aus welchen Gründen soll ich meine Person in Schändung und Tod führen, nur damit die Arbeiter des zweiunddreißigsten Jahrhunderts keinen Mangel an Nahrung und Geschlechtsgenüssen leiden! Der Teufel möge sie doch holen, alle Arbeiter und Nichtarbeiter der ganzen Welt! ...
Und wieder fühlte Jurii die Aufwallung seiner lächerlichen, völlig gegenstandslosen Empörung. Der verzehrende Wunsch, etwas von sich abzuwälzen, abzuschütteln, peitschte ihn auf. Aber unsichtbare Krallen hielten ihn fest, und der kriechende Druck endgültiger Erschlaffung schlich immer näher an Hirn und Herz heran und hüllte den lebendigen Körper mit toter Gleichgültigkeit ein.
-- -- -- Wenn mich nur irgend jemand niederschlagen wollte ... dachte Jurii schlaff, -- unerwartet, von hinten, damit ich meinen Tod nicht bemerke. Pfui Teufel, was für Dummheiten mir in den Kopf kommen! Aber weshalb denn ein Fremder und ich nicht selbst? Bin ich denn wirklich ein solches Nichts, daß ich keine Kraft mehr finde, mir selbst das Leben zu nehmen, wenn ich das klare Bewußtsein habe, daß Leben nur Qual bringt? Früher oder später muß man sterben, ob man will oder nicht! Was ist das für eine Art ... wie mit Pfennigen daran herumzurechnen.
Aber jetzt drückte sich Jurii in Gedanken bis zur Erde nieder und sah sich selbst von oben herab mit verächtlichen Mienen und schmerzhaftem Spott an:
-- -- -- Nein, warte nur, Bruder, das bringst du nicht fertig! Aufs Grübeln verstehst du dich gut; sobald es aber zur Tat kommt ... Nein, -- brauchst dir nicht erst Mühe zu geben!
Eine leichte Kühle, neugierig und feige, drängte sich an Juriis Herz.
-- -- -- Vielleicht doch noch einmal probieren, wie? Nicht im Ernst -- so, zum Scherz! Nicht, um gleich ... sondern einfach so ... es wäre doch immerhin interessant! Er sagte es sich, gleichsam, als müßte er sich vor jemandem entschuldigen.
Im Augenblick, als er den Revolver aus dem Schubfach des Tisches nahm, überkam ihn unsinnige Scham; der Gedanke, daß Dubowa, Schawrow, Ssanin und an allererster Stelle Karssawina erfahren oder erraten könnten, was für kindische Experimente er mit sich anstellt, erschreckte ihn.
Verstohlen wie ein Dieb steckte er die Waffe in die Tasche und ging auf die Garten-Terrasse hinaus. Auf ihren Stufen lagen dürre, leichengelbe Blätter. Jurii berührte sie mit den Stiefelspitzen, lauschte dem schwachen Knistern und summte eine langgedehnte traurige Weise vor sich hin.
Ljalja, die mit Buch und Schirm vom Garten ins Haus ging, hörte ihn.
»Was für eine Melodie,« fragte sie ihn. Sie war glücklich; sie war unten am Fluß mit Rjäsanzew zusammengetroffen und kehrte frisch und bewegt von seinen Küssen zurück. Niemand hinderte die beiden, sich, wo sie wollten, zu sehen, aber im Geheimen, in der Leere und dem Schweigen des alten Gartens lag das Eindringliche, wovon die Küsse krampfhafter wurden und in Ljalja neue Wünsche erweckten.
»Als wenn du deine Jugend zu Grabe trägst!« fügte sie im Vorbeigehen hinzu.
»Dummheiten!« erwiderte Jurii böse; von diesem Augenblick an fühlte er das Nahen eines Schicksals, das stärker war als er selbst ...
Wie ein Tier in Todesnot begann Jurii vorwärts zu laufen und einen Flecken für sich zu suchen. Im Hofe fand er ihn nicht; er mußte zum Fluß hinunter gehen, wo gelbe Blätter mit glänzenden Sommerfäden schwammen. Er warf einen dürren Zweig ins Wasser und schaute lange hin, wie über die Oberfläche rasch schwache Kreise liefen und die schwimmenden Blätter erzitterten. Dann schritt er wieder ins Haus, wo sich die letzten roten Blumen einsam und schwermütig wie roter Trauerschmuck von den zertretenen, vergilbten Beeten abhoben. Jurii stand hier eine Weile und schlenderte dann wieder ohne Grund in die Mitte des Gartens.
Auch dort war alles im Verfall; die Zweige traten wie schwarze Samtarabesken im goldenen Spitzennetz der Blätter hervor. Nur ein Baum war noch grün -- die Eiche, die majestätisch ihre schönen Blätter trug. Auf einer Bank hinter der Eiche saß der mächtige Kater mit rotem Fell und wärmte sich an der Sonne.
Jurii streichelte traurig und zart den molligen Rücken und fühlte, daß ihm Tränen in die Kehle stiegen.
-- -- Das ganze Leben verloren, das ganze Leben verloren ... wiederholte er mechanisch Worte, die er selber sinnlos fand und die ihm dennoch mit feiner Schneide tief ins Herz hineindrangen.
-- -- -- Aber das ist ja alles Unsinn! Ich habe noch mein ganzes Leben vor mir ... Ich bin doch erst sechsundzwanzig Jahre alt! rief er in Gedanken. Für eine Sekunde hatte er sich plötzlich von dem Nebel, wie eine Fliege aus dem Spinnennetz, freigemacht.
-- -- -- Ach, es kommt ja gar nicht darauf an, ob ich sechsundzwanzig bin, nicht darauf, ob das ganze Leben vor mir liegt ... Aber was ist eigentlich der Kernpunkt. -- -- --
Plötzlich tauchte der Gedanke an Karssawina auf. Nach der widerwärtigen Szene von gestern konnten sie unmöglich noch zusammentreffen, doch ebenso undenkbar schien es ihm, sie nicht mehr zu sehen. Das war unmöglich. Er stellte sich ihre erste Begegnung vor, Selbstverachtung stieg betäubend in Kopf und Herz; von neuem schob sich der Gedanke, daß da der Tod das Beste sei, automatisch vor.
Der Kater bog den Rücken und knurrte rührend, so wie wenn der Samowar sein Lied zu summen beginnt. Jurii betrachtete ihn aufmerksam. Dann fing er an, vor ihm auf- und abzugehen.
-- -- -- Vom Leben aufgefressen ... Langweilig, Elend -- -- Uebrigens, ich weiß nicht mehr, was ... Aber lieber der Tod, als sie nochmals zu sehen!
Nun schien sie für immer aus seinem Leben geschieden zu sein. Es war einmal ein Augenblick ergreifender, wilder Bewegung gewesen, weiblicher Nähe -- -- -- Jetzt ist sie fort und kommt nicht mehr zurück.
Vor Jurii stand plötzlich der blasse kalte Tag seines zukünftigen Lebens; weder Licht noch Finsternis: leer, grau und schleichend, schleichend! ...
-- -- -- Lieber Tod!
Mit schweren Schritten ging der Kutscher einen Eimer voll Wasser in der Hand, an ihm vorbei. Auch im Eimer schwammen die toten gelben Blätter.
Das Hausmädchen trat auf die Steinstufen der Terrasse, die durch die Zweige schimmerte, winkte Jurii und rief ihm etwas zu. Lange konnte er nicht verstehen, um was es sich handelte. Die Verbindung zwischen ihm und allem, was ihn umgab, begann zu reißen, sich aufzulösen. Mit jedem Augenblick wurde er, von außen nicht merklich, allem ferner und ferner, weil er sich von der ganzen Welt in die dunkle Tiefe seines einsamen Wesens zurückzog.
»Ach so, gut ...« sagte er, als er endlich verstanden hatte, daß ihn das Hausmädchen zu Tisch rufen soll.
-- -- -- Mittag essen? fragte er sich erschrocken. Mittag essen gehen! Also, alles wird beim alten bleiben ... Wieder leben, wieder jammern, wieder suchen, wie man die Geschichte mit Karssawina einrenken kann, einsam sein, mit meinen Gedanken, mit allem? ... Es muß bald geschehen, sonst ... zu Mittag essen gehen -- -- nachher habe ich keine Zeit mehr!
Eine eigentümliche Hast bemächtigte sich seiner, ein Zittern schüttelte seinen ganzen Körper, drang fein durch alle Gelenke hindurch, in die Brust, in die Arme, bis hinunter in die Füße. Dabei hatte er die Ueberzeugung, daß es doch zu nichts kommen würde, daß eben alles nur so. -- -- -- Gleichzeitig damit aber prägte sich die Enge des Alltags noch schärfer aus und Töne des Entsetzens gellten in seinen Ohren. Das Hausmädchen stand, die Hände unter der weißen Schürze, auf der Terrasse, und ging nicht fort, sie wollte augenscheinlich noch ein paar Züge der herbstlichen Gartenluft mit hineinnehmen.
Jurii trat verstohlen unter die Eichen, damit er nicht von der Terrasse aus gesehen würde, und während er gleichzeitig auf das Stubenmädchen sah, ob sie nichts bemerke, drückte er den Revolver sehr rasch und unerwartet gegen die Brust ab. Versagt, -- -- -- schwirrte es im selben Moment freudig durch seinen Kopf zusammen mit dem drängenden Verlangen, zu leben und der Furcht vor dem Tode. Jetzt sah er aber gerade über seinen Augen den Wipfel der Eiche, -- den blauen Himmel und den rötlichen Kater, der mit ein paar Sätzen fortsprang.
Das Hausmädchen stürzte mit einem Schrei ins Haus und wie es Jurii vorkam, befanden sich auch sofort eine Menge von Menschen neben ihm. Jemand goß ihm kaltes Wasser auf den Kopf; auf seiner Stirn klebte ein gelbes Blatt, das ihn furchtbar störte. Aufgeregte Stimmen ertönten um ihn herum, jemand weinte und schrie:
»Jura, Jura, wozu ... wozu?« -- -- --
-- -- -- Da weint Ljalja, dachte er.
Im selben Augenblick öffnete er die Augen und begann in wilder tierischer Verzweiflung um sich zu schlagen und zu schreien: »Einen Arzt, ruft einen Arzt ... Schneller!«
Doch mit unglaublichem Entsetzen verstand er, daß alles zu Ende sei, und nichts mehr helfen kann. Die Blätter, die auf seiner Stirn lagen, wurden rasch schwer und drückten den Kopf zusammen. Jurii reckte den Hals, um noch etwas hindurchsehen zu können, aber die Blätter wuchsen immer schneller nach allen Richtungen und verdeckten alles.
Weiter verstand Jurii nichts mehr von dem, was in ihm vorging.
XLIII
Wer Jurii Swaroschitsch gekannt und wer ihn nicht gekannt hatte, wer ihn liebte und wer ihn mißachtete, auch solche Menschen, die nie zuvor an ihn gedacht haben, -- sie alle bedauerten ihn jetzt, als er gestorben war.
Niemand konnte begreifen, weshalb er sich das Leben genommen hatte, aber doch war jeder überzeugt, daß er ihn verstände und im Grunde seine Gedanken teile. Dieser Selbstmord machte einen wunderbaren Eindruck, er schien schön und die Schönheit hatte Tränen, Blumen und prächtige Reden zur Folge.
Bei der Beerdigung waren die nächsten Angehörigen nicht zugegen, weil Juriis Vater einen Schlaganfall erlitten hatte, und Ljalja seitdem keinen Augenblick von ihm wich.
Nur Rjäsanzew nahm teil; er leitete auch die Beisetzungszeremonie. Die Vereinsamung Juriis schien dadurch noch im Tode besonders hervorzutreten; sein Bild wuchs zu größerer Bedeutung, seine Person wurde noch erhabener, so daß die Trauer der Teilnehmenden sich nur noch mehr verstärkte.
Viele schöne herbstliche Blumen wurden ihm gebracht, und auf ihrer farbenhellen Unterlage sah Juriis Gesicht, das jetzt keine Spur der durchlebten Gedanken und Handlungen mehr trug, zum ersten Male beruhigt aus.
Als der Sarg an der Wohnung von Dubowa und Karssawina vorbei kam, traten beide aus dem Hause und schlossen sich dem Leichenzuge an. Karssawina sah so hilflos gebrochen aus, wie ein junges Weib, das man zur Schändung und Hinrichtung führt. Trotzdem sie wußte, daß Jurii alles, was sich zwischen ihr und Ssanin abgespielt hatte, unbekannt geblieben war, konnte sie sich nicht von dem Gedanken losreißen, daß zwischen seinem Selbstmord und dem »Geschehenen« ein Zusammenhang bestände, der niemals zu enträtseln sein wird. Sie nahm die schwere Last einer geheimen Schuld auf sich; sie fühlte sich als das unglücklichste Geschöpf in der ganzen Welt. Die ganze Nacht hindurch hatte sie geweint, das Bild des Toten umarmt und geliebkost, und, als sie am Morgen aufstand, floß sie in unaussprechlicher Liebe zu Swaroschitsch und Haß gegen Ssanin über.
Wie ein Alpdruck erschien ihr die zufällige Annäherung an ihn; aber noch abscheulicher dann der folgende Tag. Alles, was Ssanin zu ihr gesprochen und was sie ihm instinktiv geglaubt hatte, machte jetzt auf sie einen geradezu infamen Eindruck; sie war in einen so tiefen Abgrund geschleudert worden, daß es für sie keine Rückkehr mehr gab. Als Ssanin an sie herantrat, sah sie ihn mit einem Blick voll Entsetzen und Widerwillen an und wandte sich momentan ab.
Die eisige Berührung ihrer starren Finger in seiner Hand, die er zu einem festen freundlichen Druck ausgestreckt hatte, sagten ihm alles, was sie empfand und dachte; er verstand, daß er für sie von nun an stets ein Fremder bleiben wird. Sein Gesicht zuckte zusammen, er überlegte eine Weile, dann schloß er sich Iwanow an, der nachdenklich hinter allen mit seinen wehmütig herabhängenden gelben Haaren einherging.
»Höre nur, wie sich Pjotr Iliitsch ehrlich anstrengt,« meinte Ssanin.
Weit voran, hinter dem schwankenden Deckel des Sarges, ertönten die hohen Noten des Trauergesanges, der Baß von Pjotr Iliitsch zitterte deutlich und schwermütig durch die Luft und verklang über den anderen Stimmen.
»Das Ganze ist einfach zum Staunen,« sagte Iwanow. »Im Grunde war doch dieser Mensch nur eine Kaulquabbe und doch ... sieh mal an!«
»Ich bin überzeugt, mein Lieber,« erwiderte ihm Ssanin, »daß er drei Sekunden vor dem Schuß noch nicht gewußt hatte, daß er losknallen wird. Genau so wie er gelebt, so ist er auch gestorben!«
»Das ist 'ne Sache ... Aber, -- seinen Platz hat er schließlich doch gefunden.« Iwanow gab einem Gedanken Ausdruck, der allen anderen unverständlich war. Fast freute es ihn, weil er offenbar etwas aufgegriffen hatte, was ihm allein begreiflich blieb und nur ihn allein beruhigen konnte.
Auf dem Kirchhof war schon voll der Herbst gekommen; die Bäume standen da, wie von rotem und goldigem Regen begossen. Nur an einzelnen Stellen lugte noch grünes Gras unter der Schicht abgefallener Blätter hervor; auf den Wegen waren die Blätter vom Wind in dichte Haufen zusammengefegt, so daß gelbe Bäche über den ganzen Kirchhof zu fließen schienen. Weiß schimmerten die Kreuze, in weichem Schwarz und Grau standen Marmordenkmäler und goldig funkelten die Spitzen der Gitter. Den Herzen gab sich die unsichtbare aber trauervolle Gegenwart eines fremden Wesens kund, als wäre soeben erst, bevor die vielen Menschen kamen, welche die Ruhe verscheuchten, eine schwermütige Gestalt durch die Alleen gegangen, hätte an den Gräbern gesessen und ohne Tränen und Hoffnungen still für sich getrauert.
Die schwarze Erde hatte Jurii verschlungen und schloß sich wieder; um die Gruft drängten noch lange Menschen, spähten mit banger fragender Neugierde in die Finsternis ihres Schicksals und sangen ernste Klagelieder.
In dem furchtbaren Augenblick, als der Deckel des Sarges aus dem Gesichtsfeld verschwand und sich für immer ewige Erde zwischen den Lebenden und dem Toten ausbreitete, schluchzte Karssawina gellend auf, und die hohe weibliche Stimme erhob sich im Weinen hoch über den stillen Kirchhof und den in Gram und Unruhe verstummten Menschen.
Karssawina nahm nicht mehr darauf Bedacht, daß die Leute ihr Geheimnis erraten könnten. Und es errieten auch alle. Aber das Grauen des Todes, der das Band zwischen dem in die Erde Gesenkten und dem weinenden jungen Mädchen, die ihm ihr ganzes Leben, ihre Jugend, ihre Schönheit geben wollte, zerschnitt, war so offensichtlich, daß niemand mit einem heimlichen Gedanken die unverhüllte Frauenseele zu verletzen wagte.
Nur noch tiefer senkten sich voll unbewußter Achtung und voller Mitleid die Köpfe.
Karssawina wurde fortgeführt, und ihr Schluchzen, das allmählich in ein stilles hoffnungsloses Wimmern übergegangen war, verhallte in der Ferne. Ueber der Gruft wuchs ein länglicher grüner Hügel auf, der unheimlich an den unter ihm verborgenen Körper erinnerte. Schnell überdeckte man ihn mit einer grünen Tanne, deren Zweige noch seine Seiten umschlossen.
Da geriet Schawrow in Eile. --
»Herrschaften, jetzt muß eine Rede kommen, ... Herrschaften, so geht es doch nicht, wie?« sprach er geschäftig und doch in auffallend klagendem Tone, bald zu einem, bald zum anderen.
»Bitten Sie doch Ssanin,« schlug Iwanow hinterlistig vor.
Schawrow sah ihn erstaunt an, aber Iwanows Gesicht sah so treuherzig und offen aus, daß er ihm glaubte.
»Ssanin, Ssanin ... wo ist Ssanin, Herrschaften?« er eilte und spähte mit seinen kurzsichtigen Blicken nach allen Seiten umher.
»Ah! Wladimir Petrowitsch ... reden Sie ein paar Worte ... so geht es doch nicht!«
»Reden Sie selbst, wenn Sie Lust haben,« gab Ssanin verärgert zur Antwort, während er noch immer der verstummten Stimme Karssawinas nachlauschte. Er fühlte diese hohe, selbst im Weinen schöne Stimme noch immer in der Luft schweben.
»Wenn ich reden könnte, würde ich es gewiß tun ... Er war doch im Grunde genommen ein ganz bedeutender Mensch! -- -- -- Nun, ich bitte Sie ... nur einige Worte!«
Ssanin sah ihm gerade ins Gesicht und rief ärgerlich: »Was ist hier viel zu reden? Die Welt ist um einen Dummkopf ärmer geworden, das ist alles!«
Seine scharfen lauten Worte schlugen mit überraschender Kraft und Deutlichkeit durch. Im ersten Augenblick standen alle wie erstarrt, doch ehe noch der größte Teil von ihnen zu einem Entschluß gekommen waren, ob man die Worte gehört haben sollte oder nicht, rief Dubowa mit zerrissener Stimme: »Das war niederträchtig gemein!«
»Warum?« Ssanin drehte den Kopf und zuckte die Achseln.
Dubowa wollte noch etwas erwidern, doch einige Mädchen umringten sie. Alles kam in Bewegung. Unsichere, aber empörte Stimmen ertönten, rote aufgeregte Gesichter tauchten auf, und als ob ein Windzug in einen Haufen dürrer Blätter geschlagen hätte, so stieb die ganze Gesellschaft am Grabe auseinander. Schawrow war ebenfalls weggelaufen, kam aber wieder zurück. In einem getrennten Haufen gestikulierte Rjäsanzew in voller Empörung.
Ssanin bemerkte oberflächlich ein entrüstetes Gesicht mit Brille, das auf unbekannte Weise dicht unter seine Nase geraten war, sich aber völlig schweigsam verhielt, und wandte sich Iwanow zu.
Iwanow war verwirrt. Als er Schawrow gegen Ssanin aufhetzte, ahnte er, daß es zu einem Zwischenfall kommen würde, doch diese Erregung hatte er nicht vorausgesehen. Einerseits entzückte ihn das Ganze durch seine Schärfe, doch aber hatte er das unsichere Gefühl, sich in einer unbequemen Situation zu befinden.
Er wußte nicht, wie er sich jetzt äußern sollte und blickte daher unbestimmt über die Kreuze hinweg auf das weite Feld.
Schon längere Zeit hatte ein Gymnasiast vor seinen Augen gestanden, ohne daß er ihn bis dahin bemerkte; plötzlich wurde er wütend. Eine Minute lang blickte er dem Gymnasiasten mit kalten Augen gerade ins Gesicht.
»Wozu stehen Sie hier herum, -- -- vielleicht als Schmuck?«
Der Gymnasiast errötete: »Sehr witzig!« antwortete er schließlich.
»Um den Witz handelt es sich nicht, sondern ... scheeren Sie sich gefälligst zum Teufel!«
In den Augen Iwanows zeigte sich so viel Wut, daß der Gymnasiast blaß wurde und unschlüssig auf die Seite trat.
Ssanin sah mit schwachem Lächeln zu. Dann machte er eine wegwerfende Handbewegung.
»Dummes Viehzeug!« meinte er mit aufrichtiger Trauer, den Auseinandergehenden nachblickend.
Sogleich fühlte sich Iwanow beschämt, daß er über irgend etwas unschlüssig sein konnte; seine Züge beruhigten sich, er steckte seinen Stock hinter sich in den Boden, um sich darauf zu stützen und sagte:
»Laß sie zum Teufel gehen! Ziehen auch wir von dannen!«
»Schön, meinetwegen ...«