Part 30
»Du ersäufst,« schrie Iwanow. »Sicher, -- du ersäufst!«
»I wo,« gab Ssanin fauchend und lachend zurück. »Unterzugehen, Bruder, das verstehe ich nicht!«
Ihre lustigen Stimmen schwebten weit und freudig über den hellen Fluß und die grüne Wiese fort. Später gingen sie heraus und wälzten sich nackt im weichen, feuchten Grase.
»Herrlich,« sagte Iwanow, indem er seinen breiten Rücken mit den darauf glänzenden Wassertropfen der Sonne zuwendete.
»Schlagen wir hier unsere Zelte auf,« rief Iwanow.
»Ach, hol sie doch der Teufel, es ist auch ohne Hütten schön. Mir hängen verschiedene Hütten schon lang zum Halse heraus.«
»Hoha, trik brik!« brüllte Iwanow und machte groteske lustige Tanzschritte.
Ssanin stellte sich ihm gegenüber auf, lachte aus vollem Halse und begann ähnliche Pas.
Ihre nackten Körper glänzten in der Sonne und die Muskeln gingen schnell und kräftig unter der gespannten Haut.
»Uff,« Iwanow keuchte.
Ssanin tanzte noch eine Weile allein, stand dann Kopf und schloß mit einem eleganten Salto mortale.
»Komm her, sonst trinke ich dir den ganzen Wodka aus,« rief ihm Iwanow zu.
Nachdem sie sich angekleidet hatten, legten sie sich wieder zum Essen hin und tranken den Wodka zu Ende.
»Jetzt wäre kaltes Bier geradezu wun--derbar --,« sagte Iwanow träumerisch.
»Fahren wir los ... gelt? ...«
Sie liefen um die Wette zum Boot herunter, sprangen beide fast gleichzeitig hinein, schaukelten und fuhren kräftig davon.
»Es ist schwül,« sagte Ssanin, indem er sich auf dem Boden des Bootes lagerte und vor der Sonne die Augen zusammenkniff.
»Wir werden Regen bekommen ... Geh doch ans Steuer, zum Teufel.«
»Ih, du wirst auch alleine fertig.«
Iwanow spritzte mit dem Ruder auf ihn und helle zarte Tropfen, durch und durch von der Sonne durchflutet, stieben wie ein Wassersturz umher.
»Auch dafür, Freund, nun sei bedankt,« sang Ssanin.
Als sie an einer grünen Insel vorbeifuhren, hörten sie lustige Rufe, Wasserplätschern, und klingendes, fröhliches Frauenlachen. Es war ein Feiertag und sehr viele Leute waren aus der Stadt gekommen, um sich zu erholen und zu baden.
»Mädchen baden,« sagte Iwanow.
»Wollen mal hinschauen,« meinte Ssanin.
»Sie werden's merken.«
»Nein, wir legen hier an und schleichen durch das Schilf.«
»Ach, laß sie doch,« sagte Iwanow, errötete aber dabei.
»Gehen wir doch. Man soll nichts versäumen.«
»Aber das ist nicht anständig,« Iwanow zuckte scherzend die Achseln.
»Weshalb denn nicht?«
»Wahrscheinlich sind das noch sehr jungfräuliche, junge Damen. Das schickt sich doch wirklich nicht.«
»Du Dummkopf,« rief Ssanin lachend, »dabei möchtest du es selber gern.«
»Ja, wenn es junge Mädchen sind, gewiß, interessant wäre es schon.«
»Nun, so gehen wir also.«
»Aber laß doch.«
»Pfui,« rief Ssanin. »Es gibt doch keinen Mann, der nicht eine hübsche nackte Frau ganz gern ansähe. Und sicher gibt es auch keinen, der nicht wenigstens einmal im Leben, und wenn auch nur verstohlen, eine gesehen hätte.«
»Das ist wahr ... Aber wenn du so urteilst, dann solltest du einfach, geradezu hingehen. Siehst du, du versteckst dich doch!«
»So ist es viel verlockender, mein Freund,« bemerkte Ssanin lustig.
»Das mag dich zwar sehr gelüsten, aber ich rate dir, halte dein Fleisch davon zurück.«
»Etwa von wegen der Keuschheit? ...«
»Vielleicht!«
»Dummheit -- -- vielleicht! Ein Vielleicht gibt's dabei gewiß nicht. Einen anderen Zweck könnte es überhaupt nicht geben.«
»Nun schön.«
»Siehst du, aber diese Keuschheit steckt doch nicht in uns.«
»So dich dein Auge verlockt, reiße es aus,« sagte Iwanow.
»Schmeiße doch nicht mit solchem Blödsinn um dich, wie dieser Swaroschitsch. Gab dir Gott ein Auge, so hast du nicht nötig, es auszureißen.«
Iwanow zuckte lächelnd die Achseln.
»Also Bruder,« -- Ssanin steuerte das Boot zum Ufer, »wenn du beim Anblick einer nackten Frau gar keine Erregung empfändest, dann wärst du wirklich ein keuscher Mensch. Und ich wäre der erste, der deine Keuschheit bewunderte. Zwar würde ich es dir nicht nachmachen, wahrscheinlich sogar würde ich dich ins Irrenhaus bringen. Aber solange in dir noch all die Triebe vorhanden sind und nach außen drängen und du sie dann nur gewaltsam wie einen Hund an der Kette zurückhalten mußt, dann ist deine ganze Keuschheit keinen Pfifferling wert.«
»Das stimmt schon. Aber wenn ein Mensch sich nicht selbst zurückhalten wollte, so könnte man unter Umständen recht viel Unheil anrichten.«
»Was für Unheil? Wenn auch die Wollust mitunter Böses mit sich bringt, so ist sie gewiß nicht selbst, für sich, daran schuld.«
»Richtig, richtig, erkläre nicht erst weiter.«
»Nun, also gehn wir!«
»War ich denn dagegen? ...«
»Ein Dummkopf bist du. Tritt doch leiser auf,« sagte Ssanin lächelnd.
Sie schlichen fast auf dem Bauch über das duftende Gras hinweg und schoben das rauschende Schilf mit den Händen vor sich auseinander.
»Sieh doch, Bruder,« rief Iwanow hitzig.
Es mußten Mädchen aus der besseren Gesellschaft sein, die dort badeten; man konnte es an den farbigen Röcken, Blusen und Hüten erkennen, die auf dem Grase lagerten. Die einen waren im Wasser, plätscherten, bespritzten einander und das Wasser berieselte weich ihre zarten Schultern, Arme und Brüste. Eine von ihnen, hochgewachsen, ganz von Sonnenlicht durchtränkt, stand rosig und zart am Ufer und lachte. Von diesem Lachen erzitterte fröhlich ihr rosiger Leib und die mädchenhaften Brüste. Sie schien im Sonnenlicht ganz durchsichtig.
»Oh, Bruder,« sagte Ssanin mit ernstem Entzücken.
Iwanow wich erschrocken zurück.
»Was hast du? ...«
»Ruhig, das ist Karssawina.«
»Wirklich? ... und ich habe sie gar nicht erkannt. Aber nein, wie wundervoll sie ist.«
»Tja,« Iwanow lächelte breit und gierig.
Sie wurden gehört, vielleicht auch gesehen. Ein Schrei und Lachen erscholl; Karssawina stürzte sich erschrocken, geschmeidig ihnen entgegen und warf sich ins durchsichtige Wasser. Auf der Oberfläche blieb nur ihr rosiges Gesicht mit den glänzenden Augen.
Glücklich und aufgeregt liefen Ssanin und Iwanow voller Hast, obgleich sie sich immer wieder im Schilf verwickelten, zurück.
»Ach, es ist herrlich auf der Welt,« rief Ssanin, reckte und streckte sich breit und sang laut:
Räuberschiffe ziehn, die schnellen Von den Inseln mutig fort, Scharf durchschneiden sie die Wellen Stjenka Rjasin trägt ihr Bord.
Hinter den grünen Bäumen hörte man noch lange das eilige, verwirrte Gelächter der Frauen, die beschämt und doch belustigt waren.
»Ein Gewitter kommt!« Iwanow schaute auf den Himmel, als sie zum Boot zurückgekehrt waren. Die Bäume wurden schon dunkel und ihre Schatten glitten schnell über die grüne Wiese.
»Ehe, Bruder, laufe nur!«
»Wohin, -- dem Gewitter läuft doch keiner davon,« schrie Ssanin zurück.
Leise und windlos rückte die Wolke immer näher heran; ganz plötzlich war ihre Farbe zu einem schweren Bleigrau geworden. Alles verfiel in stille Betäubung, schien duftiger und dunkler.
»Das wird uns bis auf die Haut begießen,« meinte Iwanow. »Stecken wir uns aus Kummer eine Zigarette an.«
Ein schwaches Feuerchen blitzte auf. In dem schwachen gelben Licht unter der drückenden Finsternis, die von oben immer tiefer herunterwuchtete, lag etwas Seltsames.
Ein scharfer Windstoß stieß heran, drehte sich lärmend und riß das Feuerchen fort. Am Boot zerschellte ein schwerer Tropfen, ein anderer sprang Ssanin auf die Stirn. Und mit einem Mal trommelte es über den Blättern und klatschte auf das Wasser. Alles wurde im Augenblick schwarz; der Regen goß wie mit Eimern und übertönte mit seinem wunderbaren, breiten Schall alle Laute ringsherum.
»Auch das ist schön,« sagte Ssanin, während er die Schultern hin und her rieb, an denen das nasse Hemd ankleben wollte.
»Schlecht gerade nicht,« erwiderte Iwanow. Dabei saß er aber wie ein begossener Pudel da.
Die Wolke wurde nicht leichter, doch der Regen schwächte sich ebenso schnell wieder ab, wie er gekommen war, bespritzte nur noch unregelmäßig das nasse Laub, die Menschen und das Wasser, auf dessen Oberfläche er wie mit stählernen Nägeln wieder in die Höhe sprang. In der Luft lag es düster und irgendwo hinter dem Wald zuckte ein Blitz.
»Nun, nach Hause ... Wie? ...«
»Ganz egal ... Meinetwegen auch nach Hause!«
Sie fuhren auf die breite Fläche des Flusses hinaus, über dem eine plumpe Wolke in düsterem niedrigem Klumpen herabhing. Die Blitze zuckten immer häufiger und grelle Feuer zerschnitten den schwarzen Himmel. Es hatte völlig zu regnen aufgehört. In der Luft wurde es trocken; es begann erregend nach dem Gewitter zu riechen. Schwarze zottige Vögel flogen dicht an der Oberfläche des Wassers entlang. Die Bäume standen dunkel und unbeweglich und hoben sich deutlich gegen den bleiernen Himmel ab.
»Uff, uff,« schrie Iwanow.
Als sie über den Sand schritten, der von Regen festgestampft worden war, blieb hinter ihnen alles dunkel und schweigsam zurück.
»Nun wird es erst losgehen.«
Die Wolke senkte sich immer tiefer herab; sie drückte ihren unheimlichen, weißgrauen Leib fast gegen die Erde.
Aber plötzlich brach der Wind wieder mit neuer Kraft durch, wirbelte den Staub und die Blätter in die Höhe, der ganze Himmel zerriß unter furchtbarem Krachen, Glänzen, Wiederdröhnen in zwei Hälften.
»Oho ho ho ho, ...« rief Ssanin und strengte sich an, das Gerassel zu übertönen, das alles umher betäubte.
Doch er konnte selbst seine Stimme nicht hören.
Als sie über das Feld hinauskamen, herrschte vollständige Finsternis. Nur wenn der Blitz zuckte, hoben sich ihre scharfen, dunklen Gestalten vom glatten Sande ab und zeigten in der schwarzen Luft eigentümlich hastig abgeschnittene Formen. Alles um sie dröhnte und krächzte.
»Oh, ah, oh,« schrie Ssanin wieder.
»Was?« rief Iwanow aus allen Kräften zurück.
Ein Blitz funkelte und er sah ein glückliches Gesicht mit strahlenden Augen.
Iwanow konnte die Antwort nicht verstehen. Er fürchtete sich ein wenig vor dem Gewitter. Als es wieder einmal aufblitzte, breitete Ssanin die Arme aus, sein ganzes Wesen strömte in dem Gefühl von Kraft und Leben über. Aus voller Kehle stieß er gedehnte und glückliche Rufe aus; dem Donner, der mit wütendem Brüllen, Krachen und Dröhnen den Himmel von einem Ende der mächtigen Freiheit zum anderen durchrollte, jubelte er seine Freude entgegen.
XXXV
Die Sonne schien hell wie im Frühling, aber es lag ein herbstlicher Zug in der unfaßbar sanftmütigen Stille, die zwischen den Bäumen, um welche schon gelbe absterbende Farben leuchteten, schwebte. In ihr tönten die einsamen Vogelstimmen wehmütig abgebrochen und grell klang das Summen der großen Insekten, die unheimlich über ihrem vergehenden Reichtum schwirrten, wo es nicht Blumen und Gräser mehr gab und nur das Unkraut hoch und wild aufschoß.
Jurii schlenderte langsam die Gartenwege entlang und schaute mit weitaufgerissenen, in tiefem Nachdenken erstarrten Augen auf alles hin, auf den Himmel, auf die gelben und grünen Blätter, die stillen Gartenwege und das gläserne Wasser, als wenn er all dies zum letzten Mal sehen sollte und es nun fest in sein Gedächtnis einprägen mußte, um es niemals mehr zu vergessen.
Trübsal umzog weich sein Herz, aber ihr Ursprung war ihm selbst nicht klar. Immer schien es ihm so, daß sich ein wunderbares Ereignis, welches sein konnte und doch niemals war und nie mehr kommen wird, mit jedem Augenblick von ihm weiter und weiter entfernte.
Ein schmerzliches Gefühl flüsterte ihm zu, daß alles nur durch seine eigene Schuld geschehen wäre. Vielleicht war es die Jugend und ihr junges Glück, das er nicht aufzugreifen verstand, und das nun nicht mehr wiederkehrte, vielleicht die gewaltige, menschheitsbefreiende Tätigkeit, die ihm aus den Fingern geglitten war, obgleich er sie eine Zeitlang in ihrem Kernpunkte hatte mitergreifen können. Doch wie es gekommen war, konnte Jurii nicht fassen. Er war überzeugt, daß er in der Tiefe seines Wesens Kräfte barg, die für das Zersprengen ganzer Weltklippen ausreichen würden und einen Geist, der so ferne Horizonte zu umschließen vermochte, wie nur irgend einer in der Welt. Woher er diese Sicherheit nahm, hätte er nicht erklären können; er würde sich auch geschämt haben, sie zu einem Menschen, selbst dem Allernächsten zu äußern. Aber die Sicherheit blieb bestehen. Auch zu Zeiten, wo er klar fühlte, wie schnell er ermüdete, wie vieles er nicht wagte, wie er in Wirklichkeit nur von einem Winkel aus über das Leben nachgrübeln konnte, war er ihrer sicher.
... Was gibt es auch viel, dachte Jurii, ins Wasser blickend, in dem sich die verkehrten Ufer mit gelben und roten Spitzen besetzt widerspiegelten.
... Vielleicht ist das auch noch das Schönste und Klügste ... In diesem Augenblick schien ihm das Bild eines Menschen verlockend schön, der voll Geist und Verständnis abseits vom Leben steht und das sinnlose Treiben der dem Tode Geweihten betrachtet.
Aber er merkte bald, daß in diesem Gedanken etwas Leeres lag. Und aus dieser Leere stieg der Wunsch empor, daß es jetzt jemanden gäbe, der sieht und versteht, wie schön sich Jurii Swaroschitsch in der Pose eines über dem Leben Stehenden ausnimmt. Bald ertappte er sich jedoch wieder bei dieser Selbstgefälligkeit und fühlte sich bitter beschämt.
Da begann er, um den schweren Druck, der auf seinem Bewußtsein lastete, loszuwerden, sich zum tausendsten Mal zu sagen, daß der breite und scheinbar so grandiose Strom des Lebens, wer auch an seinen Irrläufen Schuld trage, schließlich doch schwach und dumpf in das schwarze Loch des Todes hineinstürze. Dort gibt es keine Wertschätzung mehr, keine Ueberlegung, wie und wozu der Mensch lebe.
... Ist es nicht ganz gleich, ob ich als ein Volkstribun sterbe, als der größte Gelehrte, der tiefsinnigste Schriftsteller oder als ein leer herumlaufender von Trübsal geplagter russischer Intelligenzler. Alles derselbe Unsinn, dachte Jurii mit trüber Schwermut und ging nach Hause.
In dem durchsichtigen Schweigen des neuen Tages, durch das nur die eigenen Gedanken deutlich hervortönten und in dem man das langsame, unabwendbare Absterben des Vergangenen in jedem Nerv empfand, war ihm immer schwerer zumute.
... Da läuft Ljalja, dachte Jurii, als er etwas Rosiges und Lustiges hinter den grünen und gelben Büschen flimmern sah. Die glückliche Ljalka lebt wie ein Falter mit dem heutigen Tage, braucht nichts, verlangt nichts, als ihr Glück, ach, wenn ich auch so leben könnte.
Doch dieser Gedanke glitt nur über die Oberfläche; er stieß ihn selbst von sich. Sein Geist, seine Trübsal, die Qualen, unter welchen er so schmerzlich litt, schienen ihm eine ungewöhnliche Seltenheit und Kostbarkeit, die er ganz gewiß nicht gegen das Schmetterlingsleben Ljaljas eintauschen mochte.
»Jura, Jura,« schrie Ljalja mit klangvoll singender Stimme, obgleich sie nur in einer Entfernung von drei Schritten vor ihm stand. Schweigsam, ganz mit dem Lächeln eines mutwilligen Geheimniskrämers reichte sie ihm ein schmales, rosiges Kuvert.
»Von wem?« fragte Jurii unfreundlich.
»Von Sinotschka Karssawina, Täubchen,« erklärte Ljalja feierlich, gleichzeitig in mysteriösem Ton; sie drohte ihm mit dem Finger.
Jurii errötete furchtbar. Ihm schien in diesem Ueberreichen von parfümierten Briefchen in rosigem Kuvert etwas Abgeschmacktes zu liegen, durch das er sich selbst nur als glücklicher Empfänger bis zu einem gewissen Grade lächerlich machte. Doch mit einem Ruck riß er sich zusammen, einem Igel gleich steckte er aber noch immer nach allen Seiten stechende Nadeln heraus. Ljalja, die neben ihm herlief, bemerkte nichts. Mit dem eigenartigen Entzücken, mit dem sentimentale Schwestern an den Liebesaffären ihrer geliebten Brüder teilnehmen, begann sie ihm zuzutuscheln, wie sehr sie Karssawina liebe und wie sie sich darauf freue, daß er sie einmal heiraten wird.
Das unglückselige Wort »heiraten« spiegelte sich auf Jurii in neuem Erröten und zornblitzenden Augen wieder. Der echte Provinz-Roman mit rosigen Zettelchen, den Schwestern als Vermittlerinnen, mit der legitimen Ehe, der Wirtschaft, dem Weibchen, den Kindern, stand gerade in der abgeschmacktesten, waschlappigsten, pflaumenweichsten Zuckersyrupform, die er am meisten verabscheute, vor ihm.
»Ach, laß doch bitte, was für dummes Zeug,« wehrte er fast erbittert Ljalja ab. Seine Bewegungen waren so grob, daß sie sich gekränkt fühlte.
»Was für Komödie spielst du? ... Bist du wirklich verliebt, was schadet es denn,« schmollte sie. Mit unbewußter weiblicher Rachsucht traf sie ihn gerade an der empfindlichsten Stelle, indem sie hinzufügte: »Ich kann nicht begreifen, weswegen ihr alle aus euch die großartigsten Helden machen wollt.«
Sie schwenkte ihr rosiges Kleid herum, zeigte verächtlich die durchbrochenen Strümpfchen und schritt wie eine erzürnte Prinzessin ins Haus.
Jurii sah ihr noch wütender nach, errötete noch mehr und riß das Kuvert auf.
... Jurii Nikolajewitsch, wenn Sie wollen und können, so kommen Sie heute ins Kloster. Ich werde mit meiner Tante dort sein. Sie ist bei der Beichte und kommt nicht aus der Kirche heraus. Mir ist entsetzlich langweilig, ich möchte über vieles mit Ihnen sprechen. Kommen Sie doch. Es ist vielleicht nicht richtig, daß ich Ihnen schreibe, aber kommen müssen Sie doch! ...
Jurii vergaß an alles, was er bisher gedacht hatte und las den letzten Satz mit sonderbarer Aufregung, geradezu in physischer Freude. In dem einen kurzen Satz spiegelte sich das junge, reine Mädchen, das zuversichtlich und naiv das Geheimnis seiner Liebe äußert, ungemein deutlich wieder. Als ob sie nun zu ihm kommen müsse, machtlos, schüchtern, liebend; sie kann nicht mehr kämpfen, weiß nicht mehr, was geschieht, sie fühlt nur, daß sie sich ganz seinen Armen hingeben muß. Die unerwartete Nähe der Entscheidung durchschüttelte seinen ganzen Körper, brachte ihn zu ergreifendem Beben. Einfach und unvermeidlich fühlte er jetzt ihre dürstende Jugend, ihren reinen Körper, der sich vor ihm zum ersten Mal entblößen würde, den Duft der weiblichen Haare, die erschreckten, glücklichen Augen, mit Tränen, die wie Tauperlen erglänzten. Der Versuch, ironisch zu lächeln, gelang ihm nicht, alles ging in einem solchen Schwung gierigen Glückes unter, daß er sich vorkam, als flatterte er wie ein Vogel über die Wipfel des Gartens empor zum blauen, sonnendurchtränkten, freien Raum.
Den ganzen Tag war sein Herz licht; er empfand in seinem Körper eine so starke Kraft, daß ihm jede Bewegung vollen, frischen Genuß bereitete. Gegen Abend nahm er eine Droschke, um nicht durch den Sand laufen zu müssen, und fuhr zum Kloster hinaus; unbewußt schämte er sich vor der ganzen Welt und lächelte ihr doch zu. An der Anlegestelle stieg er ins Boot und ein kräftiger Bauer ruderte ihn flink zum Kloster hinüber. Jurii konnte immer noch nicht verstehen, was er eigentlich durchlebte. Erst als das Boot aus der Wirrnis der engen Gänge auf die breite Wasserfläche hinausschoß und der Fluß ihm den feuchten Duft der Tiefe weich ins Gesicht atmete, empfand er mit voller Seele, daß er glücklich war und daß ihm das rosige parfümierte Kuvert dieses Glück gebracht hatte.
... Und ist es im Grunde genommen nicht ganz gleich ... Jurii hielt es doch für nötig, Karssawina in Gedanken zu verteidigen. Sie lebt doch in einem solchen Kreis. Ein kleinstädtischer Roman, gut, mag es auch ein solcher werden.
Mit rhythmischem Gekräusel lief das Wasser neben dem Boot einher und beleckte seine Ränder. Der grüne Berg, mit seinem breiten, eigenartigen Atmen von der Dämmerung und Feuchtigkeit des Waldes geschwängert, wuchs ihm schnell entgegen. Der Sand rasselte, lärmend sprang die hinter dem Boot vergleitende Welle noch einmal auf und zurück. Jurii stieg aus dem Boot, gab mit einem Gefühl der Beschämung dem Bootsmann einen halben Rubel und schritt den Bergpfad hinauf.
Stiller Abend ging schon durch den Wald; seine Schatten legten sich um den Berg. Von der Erde hoben sich nachdenklich ernste Nebel, die gelben Blätter waren in der Dämmerung unsichtbar geworden, der Wald schien wieder sommerlich grün und dicht. Oben in der Klosterumfriedung war es noch ruhiger und rein wie in einer Kirche. Die Pappeln standen würdig und streng wie bei einem Gebet; unter ihnen gingen wie lautlose Abendschatten lange, schwarze Mönche auf und nieder. In den dunklen Oeffnungen der Kirchentüren flimmerten kleine Flämmchen vor den Heiligenbildern; ein unfaßbar zarter Geruch wandte sich herum, und man konnte nicht verstehen, ob es nach altem Weihrauch oder nach verwelkenden Pappelblättern roch.
»Ah, guten Tag, Swaroschitsch,« brüllte jemand hinter ihm.
Jurii blickte sich rasch um und sah Schawrow, Iwanow, Ssanin und Pjotr Iliitsch. Sie kamen in dunklem, lärmvollem Haufen über den Hof, und die schwarzen Mönche schauten unruhig auf sie hin; selbst die Pappeln schienen ihre gebetartige Unbeweglichkeit, durch den plötzlichen Lärm und die Bewegung verwirrt, eingebüßt zu haben.
»Wir haben Großes vor,« erklärte Schawrow und trat als erster an Jurii, der ihm besondere Achtung einflößte, heran. Durch seine runden Brillengläser blickte er ihm freundlich in die Augen.
»Das ist ja ganz nett,« murmelte Jurii gezwungen.
»Vielleicht beteiligen Sie sich daran.«
»Nein, danke bestens ... ich bin nicht allein hier.« Jurii trat ungeduldig einen Schritt zurück.
»Na, was denn,« versetzte Iwanow mit herber Gutmütigkeit und packte ihn unter dem Arm. »Kommen Sie doch mit uns!«
Jurii stemmte sich unfreundlich gegen den Boden, und so zogen sie sich eine Weile etwas lächerlich nach verschiedenen Richtungen hin und her.
»Nein, bei Gott, es geht nicht! Vielleicht komme ich später noch zu Ihnen heran,« wiederholte Jurii, mehr und mehr in seinen überreizten Ton verfallend. Ihm kam diese freundschaftliche Aufdringlichkeit unangebracht und taktlos vor.
»Nun gut,« Iwanow, der nichts bemerkt hatte, ließ ihn los. »Also werden wir Sie erwarten. Kommen Sie doch!«
»Schön, schön ...«
Sie gingen aus der Umfriedung fort, sie lachten, schlenkerten mit den Armen; dann wurde es rings herum wieder ehrfurchtsvoll still wie bei einem Gebet. Jurii nahm die Mütze ab und trat mit einer Mischung von Spott und Schüchternheit in die Kirche.
Gleich nachdem er eine der dunklen Kolonnen umbogen hatte, sah er in der Dämmerung Karssawina in ihrem grauen Jackett und einem runden Strohhut, der ihr das Aussehen einer Gymnasiastin gab, vor sich auftauchen. Das Herz zitterte ihm, und dieses Zittern war dem Erschrecken eines Vogels und dem Beben einer Katze vor dem Sprung gleichermaßen ähnlich. Alles an ihr erschien ihm so reizvoll, daß er es auf der Zunge als angenehmen Geschmack zu verspüren glaubte; ihr Jackett, wie der Hut und die schwarzen Haare, die auf dem Nacken in einer Spirale verschlungen waren. Das gab ihr das Aussehen einer Gymnasiastin; bei einem so reifen, erwachsenen Mädchen wirkte es fast rührend.
Sie fühlte Juriis Nähe, sah sich um und ihre schwarzen Augen spiegelten, trotzdem sie bescheiden ernst blieben, in ihren Tiefen die erschrockene Freude wieder.
»Guten Tag,« sagte er mit gedämpfter und doch zu lauter Stimme, im Augenblick unschlüssig, ob es sich hier schicke, ihr die Hand zu reichen oder nicht. Die benachbarten Beterinnen blickten sich nach ihnen um und verwirrten Jurii mit ihren dunklen pergamentfarbenen Gesichtern noch mehr.
Er errötete. Karssawina, die seine Verlegenheit gleichsam mitfühlte, kam ihm mit mütterlichem Gefühl zu Hilfe. Sie lächelte ganz leise und drohte ihm zärtlich mit verliebten Augen.
Jurii war selig und wurde mäuschenstill.
Sie schaute nicht mehr auf ihn und bekreuzigte sich oft, aber Jurii wußte während der ganzen Zeit, daß sie seine Nähe empfand. Diese ungreifbaren Regungen spannten zwischen sie ein geheimes elastisches Band ein, welches das Herz schlagen und ersterben ließ, und alles um sie geheimnisvoll und wunderbar veränderte.