Ssanin: Roman

Part 29

Chapter 293,774 wordsPublic domain

»Ich gehe fort. Ich halte es einfach nicht aus, er ist mir widerlich.«

»Ja,« nickte ihr Jurii zu. »Eine unerhörte Roheit.«

Nach Karssawina gingen Ljalja und Rjäsanzew. Iwanow wurde nachdenklich, rauchte schweigend seine Zigarette zu Ende, schaute mit bösen Augen in die Ecke und ging ebenfalls. Als er auf die Straße trat und beim Gehen gewohnheitsmäßig mit den Armen schlenkerte, dachte er aufgeregt und böse: -- -- -- Dieses dumme Volk bildet sich natürlich ein, daß ich ihre Empfindungen nicht verstehen könnte. Reizend ... Ich weiß, was sie fühlen. Besser als sie selbst ... Ich weiß, daß es keine größere Liebe gibt, als wenn ein Mensch sein Leben für den Nächsten opfert. Aber sich aufzuhängen, weil einer nicht zu den Menschen taugt ... na, das bleibt eben ein Unsinn ...

Und indem er sich einer Menge von Werken, die er gelesen hatte, erinnerte, begann er in ihnen nach dem Sinn zu suchen, der ihm die Tat Ssoloveitschiks so, wie er es wünschte, erklären könnte. Doch trotzdem sich die Bücher gehorsam auf den Seiten aufblätterten, die er gerade brauchte, redeten sie nur mit toter Zunge das, was er selbst verlangte, zu ihm. Sein Hirn arbeitete angestrengt und war so mit den gedruckten Gedanken verflochten, daß er selbst nicht mehr unterscheiden konnte, wenn er Eigenes dachte und wo er sich nur des Gelesenen erinnerte.

Als er nach Hause kam, legte er sich aufs Bett, streckte die langen Beine aus und dachte ununterbrochen weiter darüber nach, bis er endlich einschlief. Erst am späten Abend wachte er wieder auf.

XXXIII

Als man Sarudin unter dem Klange der Blechinstrumente beisetzte, sah Jurii vom Fenster aus die ganze düstere und prächtige Prozession mit dem schwarzbeflorten Pferd, dem Trauermarsch und der einzelnen Offiziersmütze, die verwaist auf dem Deckel des Sarges lag, mit an. Es gab viel Blumen, nachdenklich schöne Frauen und melancholische Musik.

In der Nacht, die diesem Tage folgte, war es Jurii besonders traurig zumute.

Am Abend war er lange mit Karssawina spazieren gegangen, hatte immer dieselben herrlichen verliebten Augen, den wundervollen Körper, der sich ihm entgegenstreckte, angesehen; trotzdem aber war ihm selbst das Zusammensein mit ihr schwer.

... Wie sonderbar und entsetzlich ist doch alles, sprach er vor sich hin, während er angestrengt zu Boden blickte. Nun hat dieser Sarudin zu leben aufgehört. Das war ein Offizier, hübsch, jung, sorgenlos; man könnte glauben, daß er immer leben würde, daß das Schreckliche im Leben, Qualen und Tod, für ihn nicht vorhanden wären. Mit ihm dürfte das keinen Zusammenhang haben. Und dann kommt ein einziger Tag, und dieser Mensch ist zerknüllt, in Staub zerrieben; er durchlebt nur ein ihm bekanntes Drama und existiert schon nicht mehr und wird auch niemals mehr existieren. Und am Ende ruht nur seine Mütze auf dem Deckel des Sarges.

Jurii verstummte und blickte wieder mit trauriger Anspannung auf den Boden. Karssawina ging leicht neben ihm her, hörte ihm aufmerksam zu und zupfte leise mit ihren vollen, runden Händen an der Spitze des weißen Schirmes.

Sie dachte nicht an Sarudin und freute sich nur körperlich über die Nähe Juriis. Unbewußt unterwarf sie ihm ihre Stimmung, machte, um ihm zu gefallen, ein trauriges Gesicht und ging ebenfalls mit müden, ausdruckslosen Schritten.

»Ja, es war sehr traurig, das alles mit anzusehen ... Und auch diese Musik.«

Plötzlich machte sich Jurii Luft: »Ich klage Ssanin garnicht an. Er konnte nicht anders handeln. Aber es ist entsetzlich, daß sich die Wege dieser zwei Menschen so gekreuzt haben, ... entweder der eine oder der andere mußte weichen. Es ist entsetzlich, daß der jeweilige Sieger garnicht das Furchtbare seines Sieges begreift. Er hat einen Menschen vom Erdboden fortgewischt und ist damit im Recht.«

»Ja, gewiß im Recht ...« Karssawina, die nicht auf alles gehört hatte, belebte sich bei diesen Worten so, daß sich sogar ihre Brust anzuspannen schien.

»Nein, aber ich sage doch, es ist entsetzlich,« fiel ihr Jurii mit eifersüchtigem Haß ins Wort, nachdem er einen kurzen Blick auf ihr belebtes Gesicht und ihre hohe Brust geworfen hatte.

»Warum denn? ...« fragte Karssawina, sofort wieder schüchtern und in furchtbarer Verwirrung. Wie mit einem Hauch erloschen ihre Augen und erröteten ihre Wangen.

»Weil es für jeden andern die schwerste Qual bedeuten würde, Zweifel, Schwanken ... Der seelische Kampf müßte sich doch zeigen ... Ueber das, was geschah ... Aber bei ihm gibt es keine Spur davon ... Er ... Nun, es tut mir sehr leid, sagte er ... aber ich bin nicht schuld daran ... Handelt es sich denn nur um die eine Schuld hier in diesem Fall ... Um das direkte Recht ...«

»Um was handelt es sich denn? ...« fragte Karssawina unschlüssig und leise mit tief gesenktem Kopf; offenbar fürchtete sie, ihn zu erzürnen.

»Das weiß ich nicht. Vielleicht ganz einfach: Der Mensch hat kein Recht, eine Bestie zu sein,« rief Jurii scharf und herb mit einem Unterton des Leidens. Sie gingen lange schweigend. Karssawina litt unter dem Bewußtsein, daß sie sich Jurii entfremdet hatte, und für einen Augenblick das liebliche, warme Band, das sie beide tief in der Seele zusammenhielt, zerriß. Jurii fühlte selbst, daß seine Ausführungen verwirrt und unklar herauskamen; ein schwerer Nebel legte sich um sein Herz.

Er verabschiedete sich bald und ließ Karssawina in dem schmerzlichen Bewußtsein unbefriedigten Zusammenseins und unverschuldeter Kränkung zurück.

Zwar bemerkte er ihre Ratlosigkeit, aber es machte ihm, ohne daß er wußte warum, ein eigenes Vergnügen, sie verletzt zu wissen, als wenn er sich an ihr, die er liebte, für die schwere Beleidigung irgend eines Menschen rächen müßte.

Zu Hause fühlte er sich unerträglich schlecht.

Beim Abendbrot erzählte Ljalja, sie hätte von Rjäsanzew gehört, daß die Straßenjungen bei der Mühle, als man Ssoloveitschik abschnitt, über den Zaun schrien und sangen: Der Jude hat sich aufgehängt, der Jude hat sich aufgehängt ...

Nikolai Jegorowitsch brach in behagliches Gelächter aus und ließ sich den Vers von seiner kleinen Ljalka immer von neuem vorsingen: »So, also ... der Jude hat sich aufgehängt, hahaha.«

Jurii ging in sein Zimmer, setzte sich hin, um das Heft seines Schülers zu korrigieren und dachte mit unaussprechlichem Haß: Welch ungeheure Summe von Bestialität liegt doch noch immer in den Menschen. Soll man denn für dieses stumpfsinnige, dumme, rohe Pack leiden und sich opfern ...

Doch im selben Augenblick fühlte er, daß seine Gehässigkeit unschön sei; er schämte sich seiner Erregung.

... Sie haben ja keine Schuld, ... sie wissen ja nicht, was sie tun ... Aber ob sie es wissen oder nicht, ... in diesem Augenblick sind sie doch Tiere ... Er gab sich Mühe, nicht weiter darüber nachzudenken, sondern ließ wieder das Bild Ssoloveitschiks vor seine Augen treten.

... Wie einsam doch der Mensch ist ... Da hat nun dieser einsame Ssoloveitschik gelebt, hat in sich ein großes Herz, das für die ganze Welt leiden wollte, zu jedem Opfer bereit, getragen. Und niemand ... selbst ich nicht ... das durchschwirrte mit einem unangenehmen Stich seinen Kopf ... bemerkten und schätzten ihn. Man verachtete ihn fast. Und weshalb doch ... Nur weil er sich nicht zum Ausdruck bringen konnte; vielleicht verstand er es nicht. Weil er immer in Eile, eben etwas lästig war. Und gerade darin, in dieser Eilfertigkeit, dieser Lästigkeit zeigte sich doch sein heißes Bemühen, sich uns allen zu nähern, allen hilfsbereit und gefällig zu sein. Er war ein Heiliger, und wir hielten ihn für einen Toren ...

Das Schuldbewußtsein plagte ihn so stark, daß er die Arbeit beiseite schob und lange im Zimmer auf und nieder ging, ganz im Banne trüber, unlösbar schmerzlicher Gedanken. Dann setzte er sich an den Tisch, nahm die Bibel, und, sie aufs Geradewohl aufschlagend, las er wieder eine Stelle, die er sich öfter als die andern vornahm. Die Seiten waren dort zerknifft und an den Rändern abgenutzt.

»In Zufall sind wir geboren und werden später sein, wie nie gewesen; der Odem in unseren Nüstern ist Dampf und das Wort ein Funke in den Bewegungen unseres Herzens.

Wenn er erlischt, wird der Körper zu Staub verwandelt und der Geist wird zerstreut wie wehende Luft.

Und unser Name wird mit der Zeit vergessen werden und niemand erinnert sich an unsere Taten; und unser Leben vergeht wie die Spur einer Wolke und zerrinnt wie Nebel, den die Sonnenstrahlen zerstreuen und den die Wärme beschwert.

Weil unser Leben ein Gleiten des Schatten ist, und es nicht gibt für uns eine Rückkehr vom Tode, weil ein Siegel aufgedrückt ist und niemand zurückkehrt.«

Jurii brach hier ab, denn er kam an die Stelle: ... daß es keinen Sinn hätte, über den Tod nachzudenken, sondern daß man Leben wie Jugend genießen müsse. Das aber wollte er nicht begreifen; es entsprach nicht seinem krankhaften Trübsinn.

... Wie wahr, wie entsetzlich, wie unbegreiflich das ist ... Er versuchte mit aller Anspannung, sich vorzustellen, wie sein Geist nach dem Tode zerfließen würde. Aber es war ihm nicht möglich.

... Das ist entsetzlich ... Da sitze ich hier ... der Lebende ... der nach Leben und Glück Lechzende und lese mein unabwendbares Todesurteil, lese und kann mich nicht einmal dagegen auflehnen.

Die gleichen Gedanken, auch in diesen nämlichen Worten, hatte Jurii bereits vielmals durchdacht. Schon längst waren sie an ihrer eigenen Schwäche, die ihm ganz klar bewußt war, müde geworden; -- es verstimmte und quälte ihn noch mehr.

Jurii griff sich in die Haare und rannte verzweifelt wie ein wildes Tier im Käfig hin und her. Mit geschlossenen Augen, unendliche Müdigkeit im Herzen, wandte er sich an irgend ein Wesen. Mit Zorn, doch ohne Kraft, mit Haß und gleichzeitig mit einer stumpfen Bitte, die er aber selbst nicht für eine solche gehalten hätte, suchte er den Menschen, der ihm helfen würde.

... Gott! ... Was hat dir der Mensch getan, daß du seiner so spottest! Warum verbirgst du dich vor ihm, wenn du in Wirklichkeit existierst. Warum hast du es eingerichtet, daß ich selbst, wenn ich an dich glauben wollte, nicht einmal an meinen Glauben glauben würde. Wenn du mir auch antwortest, würde ich doch nicht glauben, daß du es bist und nicht ich selbst. Wenn ich recht habe in meinem Verlangen nach Leben, warum nimmst du mir dann das Recht, das du mir selbst gegeben hast. Wenn du Leiden brauchst, gut, dein Wille geschehe. Wir würden sie ja aus Liebe zu dir darbringen wollen, aber wir wissen doch nicht einmal, was wichtiger ist, ein Baum oder wir. Selbst für den Baum gibt es eine Hoffnung ... Noch gefällt, kann er Wurzeln schlagen, Aeste treiben, noch einmal aufleben. Aber der Mensch stirbt und verschwindet. Wenn ich mich hinlege und nicht mehr aufstehe, so wird niemand jemals erfahren, was mit mir geschah. Vielleicht werde ich zu neuem Leben erwachen, aber ich werde doch nichts davon wissen. Wenn ich nur das Eine wüßte, daß ich erst nach Milliarden, nach Abermilliarden von Jahren wieder leben werde, so würde ich all die Jahrtausende dieser Zeit geduldig und ohne Auflehnung in der ewigen Finsternis warten ...

Und wiederum begann er zu lesen:

»Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne.

Ein Geschlecht vergehet, das andere kommet, die Erde bleibet aber ewiglich.

Die Sonne geht auf und gehet unter und läuft an ihren Ort, daß sie wieder daselbst aufgehe.

Der Wind geht gen Mittag und kommt herum zur Mitternacht, und wieder herum an den Ort, da er anfing.

Was ist's, das geschehen ist? ... Eben das hernach geschehen wird ... Was ist's, das man getan hat ... Eben, das man hernach wieder tun wird. Und geschieht nichts Neues unter der Sonne.

Man gedenkt nicht derer, die zuvor gewesen sind, also auch derer, so hernach kommen, wird man nicht gedenken bei denen, die danach sein werden.

Ich, der Prediger, war König über Israel zu Jerusalem.«

»Ich, der Prediger, war König,« wiederholte Jurii laut und fast drohend mit einer ihm selbst unerklärlichen ingrimmigen Trübsal. Er erschrak vor seiner eigenen Stimme und sah sich erschreckt um, ob nicht jemand hinter ihm gehört hätte ... Dann griff er nach einem Blatt Papier und begann halb mechanisch gleichsam einem unbewußten Drange nachgebend, das niederzuschreiben, was ihm immer wieder und wieder durch den Kopf gegangen war.

Ich beginne diese Niederschrift, die mit meinem Tode enden soll ...

Pfui, wie abgeschmackt, rief er mit Ekel, und stieß das Blatt Papier so heftig von sich, daß es vom Tisch herunterfiel und sich in leichten Kreisbewegungen auf den Boden niedersenkte.

Und Ssoloveitschik ... dieser kleine armselige Kerl sagte sich doch nicht, daß es abgeschmackt sei, nachdem er zu der Ueberzeugung gelangt war, daß er das Leben nicht verstehen könne.

Jurii bemerkte garnicht, daß er sich mit einem Mal einen Menschen als Beispiel anführte, den er noch jetzt als klein und armselig bezeichnete ...

Nun, was schon ... ich fühle, daß ich früher oder später auf die gleiche Weise enden werde. Es gibt eben keinen anderen Ausweg! ... Weshalb keinen ... weil doch ...

Jurii blieb stehen. Er verstand alles, wie ihm schien, sehr gut und hatte soeben erst das ganze Problem klar im Kopf gehabt, fand aber jetzt keine Worte mehr, um sich seine Fragen zu beantworten.

In seiner Seele wurde mit einem Mal etwas schlaff; ein Gedanke war hinuntergefallen und verloren gegangen.

»Unsinn, alles Unsinn,« schrie Jurii laut voll Wut.

Die Lampe war fast völlig ausgebrannt. Das Licht wurde trübe und unangenehm; in der Finsternis grenzte es nur einen kleinen Kreis um Juriis Kopf ab.

... Warum starb ich nicht damals, als ich ein Kind war und an Lungenentzündung krank lag. Jetzt wäre es so ruhig um mich ...

In derselben Sekunde rückte auch schon mechanisch das Bild vor seine Augen, daß er damals gestorben wäre; er erschrak darüber so, daß in ihm alles abzusterben schien. Dann hätte ich ja auch nicht das gesehen, was ich alles noch sah, noch erlebte ... Nein, das wäre ebenso fürchterlich gewesen.

Jurii riß den Kopf in die Höhe und sprang auf:

»So kann man ja verrückt werden.«

Er schritt zum Fenster und wollte es aufstoßen; doch die Jalousie wurde von einem Bolzen festgehalten. Er nahm einen Bleistift und drückte ihn mit Anstrengung durch. Draußen dröhnte etwas stark gegen die Mauer; der Laden öffnete sich leicht, und reine, überklare Luft drang durch das Fenster hinein.

Jurii schaute stumpf auf den Himmel, auf dem schon die Morgenröte lag. Rein und kühl war der Morgen. An der einen Seite überzog sich der helle, blaue Himmel mit starkem anschwellenden Rosa ... Die sieben Sterne des großen Bären erblaßten und sanken unter. Der große, zärtlich-blaue, kristallene Morgenstern strahlte leise, mit hellem feuchtem Glanz in die aufgehende Dämmerung hinein. Scharfer, kühler Wind zog vom Osten heran, und weißer Nebeldampf schwebte in leichten gebogenen Streifen vor ihm über das dunkelgrüne, taubedeckte Gartengras. Er blieb an den hohen Winden- und Hopfengewächsen hängen; über dem kaum gekräuselten, durchsichtigen Wasser des Flusses, über den weißen Lilien, deren es so viele am Ufer gab. Der durchsichtige blaue Himmel wurde von Wolkenhäufchen, die in rosiges Feuer gehüllt waren, dicht besetzt ... einsame und fast ganz erblaßte Sterne versanken spurlos und verschwanden im bodenlosen Blau. Am Flusse tastete sich feuchter, weißlicher Nebel hoch, langsam streifenweise schwankte er über dem tiefen, kühlen Wasser, floß zwischen den Bäumen in die feuchte, grüne Tiefe des Gartens, in dem immer noch leichte durchsichtige Dämmerung herrschte. Und durch die matte Luft schien noch immer ein eigenartiger Silberlaut zu schweben.

Alles war so schön und still, als ob sich die verliebte Erde ganz entblößte, um sich auf die große, genußerfüllte Feier des Sonnenaufgangs, die noch nicht war, deren Wehen aber schon leicht und rosig über ihr zitterte, vorzubereiten.

Jurii legte sich schlafen, doch das Licht beunruhigte ihn, der Kopf schmerzte, und vor seinen Augen zuckte etwas schmerzlich ohne Unterbrechung hin und her.

XXXIV

Am frühen Morgen, als die Sonne noch schräg und weich niederstrahlte, gingen Iwanow und Ssanin zur Stadt hinaus.

Der Tau glänzte unter der Sonne und funkelte in vielen Feuerchen; im Schatten wurde das Gras unter ihm silbergrau. An den Seiten des Weges gingen entlang den dürren, alten Weiden Pilger zum Kloster; ihre roten und weißen Kopftücher, Bastschuhe, Röcke und Hemden leuchteten bunt in den Lichtbüscheln, die durch die Zaunspalten hindurchdrangen.

Vom Kloster her wurden die Glocken geläutet. In der Morgenruhe klang ihr kräftiger Ton wie ausgewaschen; in besonderer Reinheit dröhnte er über die freiliegende Steppe, flog wahrscheinlich bis an die stillen Wälder heran, die wie eine Fata Morgana dicht am Rand des Horizonts blau schimmerten. Auf dem Wege klang scharf und abgebrochen die Glocke eines zurückfahrenden Dreigespanns; laut schallten die derben, geschäftlich klingenden Stimmen der Pilger dazwischen.

»Wir sind früh aus den Federn gekrochen,« meinte Iwanow.

Ssanin schaute sich fröhlich um. »Wahrhaftig, wir haben Zeit, den Tag abzuwarten.«

Sie setzten sich unterhalb eines Zaunes gerade auf den Sand und zogen mit Genuß den Zigarettenrauch ein. Die Bauern, die hinter ihren Wagen zur Stadt gingen, sahen sich nach ihnen um, die Dirnen und Frauen, die in leeren Karren hin- und hergeschleudert wurden, lachten laut und zeigten mit fröhlich spöttischen Augen auf die beiden. Iwanow schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit, aber Ssanin nickte ihnen vergnügt zu. Der ganze Weg leuchtete unter dem klangvollen weiblichen Lachen auf.

Es wurde heiß.

Endlich trat der Verkäufer eines Schnapsmonopolladens auf die Steintreppe hinaus, ein hochgewachsener Mann in Hemdärmeln. Schlüsselrasselnd öffnete er die Tür. Ein Weib mit rotem Kopftuch schlüpfte hinter ihm hinein.

»Ah, die Bahn ist uns schon frei gemacht,« begrüßte Iwanow das Ereignis.

Sie gingen hinein und kauften Wodka, dann bei demselben Weib im roten Kopftuch grüne Gurken.

»Oho, Freund, du bist wohl reich geworden,« meinte Iwanow, als Ssanin die Börse aus der Tasche zog.

»Ein Vorschuß,« lachte dieser. »Zur großen Schande meiner Mutter habe ich mich bei einem Versicherungsagenten als Schreiber vermietet. Habe mit einem Schlag ein Kapital und die mütterliche Verachtung erworben.«

»Jetzt wird es sich doch bedeutend bequemer gehen,« meinte Iwanow, als sie wieder auf den Weg hinaustraten.

»Und wie, wenn wir noch die Stiefel ausziehen wollten.«

»Kann man machen!«

Die beiden zogen die Stiefel aus und gingen barfuß.

Die Füße versanken tief im warmen Sand; sie wurden nach dem Druck der engen Stiefel angenehm erfrischt. Der Sand schob sich zwischen die Zehen, rieb aber den Fuß nicht, sondern schien ihn im Gegenteil zu liebkosen.

»Famos,« rief Ssanin voll Freude.

Die Sonne strahlte immer stärker und stärker.

Vor ihnen stiegen ferne Dünste auf, alles schien sich blau und durchsichtig aufzulösen. An den Telegraphenpfählen, die neben den Gleisen einer Bahn plötzlich über ihren Weg liefen, sang der Draht, darauf saßen Schwalben und zwitscherten kokett zu ihnen herab. Ein Zug mit blauen, gelben und grünen Waggons sauste über die Böschung. An den Fenstern und auf den Plattformen sahen sie verschlafene, zerdrückte Gesichter; er tauchte auf und verschwand. Auf der hintersten Plattform standen zwei Mädchen in hellen Hüten, mit frischen neckischen Gesichtern, die der Morgenwind angeregt hatte. Mit ihren Augen begleiteten sie unverwandt die fröhlichen barfüßigen Männer. Ssanin lächelte ihnen zu und tanzte ein paar Walzerpas auf dem Sande, daß seine nackten Fersen in der Sonne aufglänzten.

Sie kamen an einer Wiese vorbei, wo das Gras feucht und dicht war; es war ebenso angenehm und vergnüglich, sie mit bloßen Füßen zu durchlaufen.

»Wunderschön,« sagte Iwanow.

»Tatsache, es liegt gar keine Notwendigkeit vor, zu sterben,« gab Ssanin zurück.

Iwanow warf ihm einen Seitenblick zu; es schien ihm, daß sich Ssanin bei diesen Worten Sarudins erinnern müßte, obgleich bereits einige Zeit seit der Beerdigung Sarudins vergangen war. Aber Ssanin erinnerte sich offenbar an nichts; das berührte Iwanow zwar eigentümlich, gefiel ihm aber trotzdem.

Hinter der Wiese setzte wieder die Landstraße ein, wieder mit Wagen, Bauern und lachenden Weibern überfüllt. Dann kamen Bäume und Schilf, das unter Sonnenstrahlen glänzende Wasser wurde sichtbar und endlich der Klosterberg, von dem wie ein goldener Stern das Kreuz herabstrahlte.

Am Ufer lagen bunte Boote; Bauern, in Westen und farbige Blusen gekleidet, saßen herum; nach langem, fröhlichen Feilschen mieteten Ssanin und Iwanow von ihnen ein Boot.

Iwanow nahm die Ruder zur Hand, Ssanin setzte sich an das Steuer und das Boot glitt leicht und schnell am Ufer entlang, bald im Schatten verschwindend, dann im Licht aufleuchtend, hinter ihm zogen die Silberwellen glatte Streifen. Iwanow ruderte schnell und geschickt mit häufigen gleichmäßigen Schlägen, unter denen das Boot erzitterte und sich dann wieder keuchend anhob. Manchmal streiften die Ruder knackend die dichten Zweige und diese schwankten lange und nachdenklich über der dunklen Tiefe des Ufers. Ssanin legte sich manchmal stark auf das Steuerruder, so daß das Wasser mit freudigem Geräusch quirlte und aufschäumte. Einmal drängte sich das Boot jäh in eine schmale Wasserstraße, zwischen überhängende Büsche, wo es kühl und dunkel war. Das Wasser war hier von vollendeter Klarheit. Bis in die Tiefe von zwei Metern konnte man darin Haufen gelber Steine sehen und die Rudel rotflossiger Fische, die herdenweise hin- und herzogen.

Iwanow meinte: »Das wäre auch die allergeeignetste Stelle.« Seine Stimme hallte lustig wieder. Knirschend stieß das Boot ans Ufer; mit einem übertriebenen Satz sprang Iwanow hinaus.

»Auf der Erde das ganze Menschengeschlecht,« sang er mit mächtigem Baß, von dem die Luft aufgerührt wurde und dröhnte. Lachend sprang Ssanin hinter ihm aus dem Boot und lief schnell, während er bis an die Kniee im hohen, satten Ufergras versank, die Böschung hinauf.

»Eine bessere wäre weiß Gott nicht zu finden,« rief er.

»Und wozu auch lange suchen,« schrie Iwanow von unten zurück und holte aus dem Boote Wodka, Brot und einen Packen Kleinigkeiten. Alles das brachte er an einen kleinen Hügel, unter der Krone eines breiten Baumes, und breitete es auf dem Grase aus.

»Nun, sei bei Lucullus zu Gaste.«

»Und laß es dir schmecken wie er,« endete Ssanin.

»Nichts ist vollkommen,« sagte Iwanow in scherzhaftem Aerger, »das Gläschen haben wir doch vergessen.«

»Schade! Wirklich schade. Na, wir wollen nicht trauern. Wir machen uns eins.«

Und ohne an etwas anderes zu denken, als daß sein Körper Licht, Wärme, das Grüne und seine eigenen leichten Bewegungen genießen konnte, kletterte er auf einen Baum, wählte sich einen grünen, weichen Zweig und begann an ihm herumzuschnitzen. Das saftige Holz gab dem Messer leicht nach und weiße duftende Späne schütteten sich auf das grüne Gras. Iwanow schob sich auf dem Rücken zurecht, hob den Kopf und blickte zu ihm herauf; in dieser Lage ging der Atem so leicht und bequem, daß er die ganze Zeit über vergnügt vor sich hin schmunzelte. Als der Zweig auf das Gras hinunterfiel, sprang Ssanin mit einem kurzen Satze ab und höhlte dann aus dem Holz ein Gläschen aus, wobei er sich Mühe gab, nicht die Rinde zu verletzen. So wurde es auch eben und hübsch.

»Bruder, ich will nachher baden,« sagte Iwanow, während er Ssanins Arbeit aufmerksam verfolgte.

»Das ist eine gute Idee,« Ssanin warf das fertige Gläschen in die Luft und fing es wieder auf.

Sie setzten sich aufs Gras, begannen mit Appetit Wodka zu trinken und grüne, saftige Gurken zu essen.

»Ich halte es nicht länger aus,« sagte Iwanow. »Meine Seele schreit danach.« Er konnte nicht schwimmen und ging daher an der flachsten, durchsichtigsten Stelle, wo der ebene sandige Boden noch gut sichtbar war, ins Wasser. Ohne Eile kleidete sich Ssanin aus, sah zu Iwanow hinüber, sprang im Laufschritt ins Wasser, warf sich mit einem Aufschrei in die Wellen und schwamm quer über den Fluß.