Part 28
»Ach, Ssoloveitschik,« erwiderte leicht angeärgert Ssanin. »Das ist immer das alte Märchen von dem moralischen Sieg. Und dazu ist dieses Märchen noch sehr plump. Der moralische Sieg besteht nicht darin, unbedingt seine Backe hinzuhalten, sondern vor seinem eigenen Gewissen im Recht zu sein. Und wie man sich dieses Bewußtsein verschafft, das ist ganz gleich ... Das hängt vom Zufall, von den Umständen ab. Nichts ist entsetzlicher als die Sklaverei, und es gibt wieder keine schrecklichere Sklaverei, als wenn sich ein Mensch bis auf die Knochen gegen eine Gewalttat, die ihn trifft, empört und sich ihr dann doch im Namen eines stärkeren Prinzips unterwirft.«
Ssoloveitschik faßte sich plötzlich an den Kopf, doch in der Dunkelheit blieb der Ausdruck seines Gesichts unerkennbar.
»Was soll ich sagen? ...« rief er mit weinerlicher Stimme. »Meine Vernunft ist so schwach. Ich kann sich garnichts erklären, nichts verstehen, ... ich weiß nicht, wie man soll leben.«
»Und wozu brauchen Sie es zu wissen. Leben Sie wie der Vogel fliegt. Will er den rechten Flügel heben, gut, so hebt er ihn, will er um einen Baum biegen, gut, biegt er um ...«
»Ja, aber es ist doch das ein Vogel, wohingegen ich bin ein Mensch ...«
Ssanin lachte laut, und sein fröhliches, mutiges Lachen erfüllte alle Ecken des dunklen Platzes mit momentanem Leben.
Ssoloveitschik hörte auf und schüttelte langsam den Kopf.
»Nein,« sprach er trüb. »Das ist alles nur so ... Worte. Sie können mich nicht lehren, wie muß ich leben. Niemand, niemand kann es.«
»Das ist wahr, niemand kann das. Die Kunst zu leben, das ist auch ein Talent. Und wer dieses Talent nicht besitzt, der geht unter.«
»Sie sind jetzt so ruhig, Sie sprechen so, als wenn Sie wissen schon alles. Und ... ich bitte, seien Sie mir nicht böse ... Waren Sie immer einer, Soner ... So wie Sie sind jetzt. Ruhig ...« Ssoloveitschik fragte es mit brennender Neugierde, in der Erregung verschlechterte sich sein Russisch immer mehr.
»Oh nein,« Ssanin schüttelte mit dem Kopf. »Allerdings, ich besaß immer viel Ruhe. Aber es waren doch Zeiten, wo ich die unterschiedlichsten Zweifel durchmachte. Es gab eine Zeit, wo ich im vollen Ernst von dem Ideal des christlichen Lebens träumte.«
Ssanin schwieg nachdenklich, und Ssoloveitschik blickte mit ausgestrecktem Halse auf ihn, als wenn er von ihm etwas unbegreiflich Wichtiges erwartete.
»Einst hatte ich einen Freund, einen Studenten, einen Mathematiker ... Iwan Lande. Es war ein wunderbarer Mensch von unüberwindlicher Kraft, ein Christ nicht aus Prinzip, nein, einfach seiner Natur nach. In seinem Leben haben sich alle kritischen Elemente des Christentums widergespiegelt ... Wenn man ihn schlug, verteidigte er sich nicht, er vergab seinen Feinden, ging zu jedem Menschen wie zu seinem Bruder hin, ... wer es tun kann, der tue es. Und da er es tun konnte, tat er es auch ... die Verneinung der Frau ... als eines Weibes ... Sie erinnern sich wohl an Semionow.«
Ssoloveitschik nickte ihm mit naiver Freude zu. Für ihn war es ungeheuer wichtig: In einer gewohnten Umgebung, zwischen Bekannten, erstand plötzlich vor seinen Augen ein Bild des wahren Christen, von dem er stets nur eine trübe Ahnung hatte, das ihn aber immer wieder anzog, wie ein Licht den Nachtfalter. Er entflammte ganz in Aufmerksamkeit und Erwartung.
»Nun also, Semionow ging es damals entsetzlich schlecht. Er lebte zu der Zeit in der Krim bei einem Schüler. Da ging er in dieser Einsamkeit einfach unter, war immer inmitten von Todesahnungen ... in düsterster Verzweiflung. Lande hatte davon erfahren und entschloß sich natürlich, die versinkende Seele retten zu gehen. Und er ist buchstäblich gegangen. Geld hatte er nicht. Borgen wollte ihm niemand, als einem an Gutmütigkeitsirrsinn Leidenden, und so ging er den Weg von 1000 Werst zu Fuß. Irgendwo unterwegs ist er denn auch zugrunde gegangen. Hat also auf seine Weise sein Leben für seine Mitmenschen hingegeben.«
Voller Begeisterung, ekstatisch mit den Augen blitzend, rief Ssoloveitschik: »Nun, werden Sie nicht anerkennen diesen Menschen?«
»Ueber ihn gab es seiner Zeit viel Streit,« erwiderte Ssanin nachdenklich. »Die einen hielten ihn nicht für einen echten Christ und wollten ihn aus diesem Grunde nicht anerkennen, die andern hielten ihn direkt für verrückt, so mit einer gewissen Mischung von Eigensinn. Wieder andere sprachen ihm alle Kraft ab, weil er nicht gekämpft, nicht gesiegt hatte, kein Prophet wurde, sondern nur allgemein Entfremden hervorrief. Nun, und ich sehe ihn wieder anders an. Damals war ich selbst noch von ihm bis zur Blödheit fasziniert. Es ging so weit, daß mir einmal ein Student eins in die Fresse schlug. Zuerst wurde alles in mir rasend ... Aber Lande war dabei. Er blickte mich ruhig an. Ich weiß nicht, was da in mir vorging ... Nun ... ich bin schweigend aufgestanden und fortgegangen. Und dann ... zuerst war ich darauf furchtbar stolz, übrigens man kann sagen, dummstolz, und zweitens habe ich auf diesen Studenten einen Haß von ganzer Seele bekommen. Nicht weil er mich geschlagen hatte, sondern einfach, weil meine Handlungsweise ihm sicher ein Vergnügen gemacht hatte wie kein zweites. Ganz zufällig bemerkte ich, in was für eine falsche Stellung ich mich selbst gebracht hatte, wurde nachdenklich, lief zwei Wochen lang wie wahnsinnig herum, und hörte am Ende auf, meinen blödsinnigen, moralischen Sieg als etwas Großartiges zu betrachten. Aber diesen Studenten habe ich dann bei seiner ersten selbstgefälligen, frechen Bemerkung bis zur Bewußtlosigkeit und mit köstlichem Genuß durchgeprügelt. Zwischen mir und Lande kam es zu innerer Entfremdung. Ich sah mir sein Leben genau an und sah ein, daß es ganz elend und armselig war ...«
»Oh, was sagen Sie da,« rief Ssoloveitschik, »können Sie sich denn vorstellen, wie er war reich an innere Erlebnisse?«
»Seine Erlebnisse waren eintönig, weiter nichts. Das ganze Glück seines Lebens bestand darin, widerspruchslos jedes Unglück aufzunehmen, und der Reichtum darin, daß er immer mehr und tiefer jedem Lebensreichtum entsagte. Das war ein Bettler aus freien Stücken und ein Phantast, der nur um deswillen lebte, was ihm garnicht bekannt war.«
»Sie wissen garnicht, wie Sie quälen mich.« Ssoloveitschik rief es plötzlich und rang die Hände.
»Aber was für ein hysterischer Kerl sind Sie, Ssoloveitschik,« bemerkte Ssanin verwundert. »Ich erzähle Ihnen doch garnichts Besonderes. Oder hat sich diese Frage in Ihnen mit sehr vielen Schmerzen eingefressen.«
»Sehr ... sehr ... ich denk und denk ... und mein Kopf tut mir weh. War denn das ein Irrtum ... Alles wirklich. Da sitz ich nun wie in ein dunkles Zimmer, und niemand kann mir sagen, was ich muß tun. Wozu lebt denn der Mensch? Sagen Sie es mir.«
»Wozu? Das ist niemandem bekannt.«
»Und es ist gar keine Möglichkeit, zu leben für die Zukunft, damit es soll wenigstens später einmal geben ein goldenes Zeitalter.«
»Niemals wird ein goldenes Zeitalter sein. Wenn sich Leben und Menschen sprungartig verbessern könnten, das wäre das goldene Zeitalter ... Aber das kann niemals eintreten ... Verbesserungen steigen auf unmerklichen Stufen heran. Der Mensch sieht nur die letzte und die folgende Stufe. Sie und ich leben jetzt nicht wie römische Sklaven oder wie Wilde in der Steinzeit. Daher empfinden wir gar nicht das Glück unserer Kultur. Auch der Mensch des goldenen Zeitalters wird keinen Unterschied mit dem Leben seines Vaters sehen, wie der Vater mit dem des Großvaters und so zurück. Der Mensch geht auf ewiger Bahn und eine Brücke zum Glück bauen wollen, das ist dasselbe, als wenn man zu einer unendlichen Zahl neue Einheiten addieren wollte.«
»Also ist alles leer ... Also, es gibt denn nichts?«
»Ich glaube nichts ...«
»Nun, und Ihr Lande ... Sie haben doch selbst ...«
»Ich liebte Lande ... Aber nicht, weil er so lebte ... Nein, nur weil er aufrichtig war und niemals auf seinem Wege stehen blieb, vor keinen Barrieren ... weder vor lächerlichen noch vor furchtbaren ... Für mich war Lande wertvoll an sich. Mit seinem Tode ist auch dieser Wert verschwunden.«
»Und Sie glauben denn nicht, daß solche Menschen veredeln das Leben. Bekommen sie doch Anhänger solche Menschen manchesmal ... wie ...«
»Wozu müßte es veredelt werden. Das erstens. Und zweitens kann man solchem Beispiel nicht folgen ... Ein Lande muß geboren werden ... Jesus war herrlich, die Christen armselig ... sie haben die erhabene, reine Idee zu einem toten Dogma herabgewürdigt.«
Ssanin wurde es müde, weiter zu sprechen; er schwieg still. Alles um sie schwieg ebenfalls. Und nur die hoch über ihnen schwebenden Sterne schienen ohne Ende ein lautloses Gespräch fortzuführen.
Plötzlich flüsterte Ssoloveitschik etwas und sein Flüstern war sonderbar und bange.
»Was,« fragte Ssanin erzitternd.
»Sie müssen mir sagen ... was denken Sie ... wenn ein Mensch nicht weiß, wohin zu gehen ... und immer denkt er, und immer nur denkt er, nur denkt und immer leidet, und alles ist ihm furchtbar und unbegreiflich. Vielleicht ist es für solch einen Menschen besser, überhaupt zu sterben.«
»Ja,« sagte Ssanin klar und stark; er begriff tief, was aus der jungen Seele Ssoloveitschiks unsichtbar zu ihm emporstieg. »Vielleicht ist es in einem solchen Fall besser, zu sterben. Leiden ist sinnlos, und ewig leben wird ja sowieso niemand. Zu leben lohnt es sich wirklich nur für einen Menschen, der in der Tatsache des Lebens selbst einen Genuß sieht. Wer aber nur leidet und leidet, dem ist es besser, zu sterben ...«
»Das hab ich mir auch gedacht,« rief Ssoloveitschik mit Nachdruck. Plötzlich klammerte er sich an Ssanins Hand. Es war ganz dunkel, das Gesicht Ssoloveitschiks schimmerte kaum merklich, fast bleich wie das einer Leiche, die Augen blickten aus schwarzen, leeren Höhlen hervor.
»Ja, Sie sind ein toter Mensch.« Ssanin erhob sich, in seiner Kehle steckte ein unwillkürliches Zittern. »Und für eine Leiche ist wohl wirklich ein Grab das beste ... Leben Sie wohl, Ssoloveitschik!«
Ssoloveitschik schien nichts mehr zu hören. Er saß unbeweglich wie ein schwarzer Schatten da, mit abgestorbenem Gesicht.
Ssanin wartete noch einen Augenblick schweigend, dann drehte er sich ebenso schweigend um und ging. An der Pforte hielt er noch einmal an und lauschte. Es war alles still; Ssoloveitschik war auf der Steintreppe kaum noch zu erkennen; er zerfloß fast im Dunkeln. Eine unangenehme, bohrende Ueberlegung kroch in Ssanins Herz.
... Ganz gleich, dachte er, ob so zu leben oder zu sterben ... Es wäre auch ohne dies gekommen ... wenn nicht heute, dann morgen ...
Er wendete sich rasch um, öffnete die knarrende Pforte und ging zur Straße hinaus. Auf dem Hof war es lautlos wie früher.
Als Ssanin auf den Boulevard kam, hörte er in der Ferne unruhige, sonderbare Laute. Jemand lief schnell durch das Dunkel der Nacht, mit lärmendem Fußscharren und klagte oder weinte beim Laufen vor sich hin.
Eine schwarze Gestalt tauchte auf und stürzte immer näher und näher auf ihn zu. Aus irgend einem Grunde wurde Ssanin wieder bange zu Mute.
»Was ist los?« fragte er laut.
Der Rennende hielt für einen Augenblick an, und Ssanin sah neben sich ein erschrockenes, dämliches Soldatengesicht.
»Was ist denn los? ...« schrie er aufgeregt.
Aber der Soldat murmelte nur etwas und lief weiter, scharrte wie vorher schwer mit seinen Füßen und klagte oder weinte.
Nacht und Stille verschlangen ihn wie ein Gespenst.
... Aber das ist ja der Bursche Sarudins, fiel es Ssanin ein. Plötzlich goß sich ein harter, glühender Gedanke scharf in seinem Kopf aus: Sarudin hat sich erschossen.
Eine leichte Kälte berührte seine Schläfe. Eine Minute lang starrte er schweigend in das trübe Gesicht der Nacht und zwischen dem Rätselhaften und Drohenden, das darin aufstand, und in dem starken Menschen schien ein kurzer, schweigender aber furchtbarer Kampf zu toben.
Die Stadt schlief, die Bürgersteige schimmerten weiß, die Bäume stachen schwarz dagegen ab; stumpf blickten die dunklen Fenster, sie bewahrten die behutsame Stille.
Mit einem Male ruckte Ssanin mit dem Kopf an, lächelte ernst und sah mit harten Augen vor sich hin.
... Ich trage keine Schuld daran, sagte er laut. Einer mehr oder weniger ...
Und als grauer Schatten durch die Dunkelheit schimmernd schritt er vorwärts.
XXXII
Bei der Schnelligkeit, mit der sich in einer kleinen Stadt jede Neuigkeit verbreitet, war es sofort bekannt geworden, daß sich am selben Abend zwei Menschen das Leben genommen hatten. Jurii Swaroschitsch erfuhr es von Iwanow, der gerade zu ihm kam, als Jurii von einem Unterricht zurückkehrte. Er hatte sich eben an die Staffelei gestellt, um an Ljaljas Bild zu malen. Sie saß ihm in leichter heller Bluse, mit nacktem Hälschen und durchschimmernden rosigen Armen. Die Sonne leuchtete durch das Zimmer, entzündete in goldigen Funken die buschigen Haare; die ganze Ljalja sah so jung, reinlich und lustig wie ein goldener Vogel aus.
»Guten Tag!« Iwanow schleuderte mit großartiger Bewegung seinen Hut auf den Tisch.
»Aha, was bringen Sie neues?« fragte Jurii und lächelte ihm freundlich zu. Er war in zufriedener, heiterer Stimmung, weil er endlich einen Schüler gefunden hatte und nicht mehr dem Vater auf dem Halse zu liegen brauchte, sondern jetzt auf eigenen Füßen stand. Dazu kam auch der Einfluß, den die glückliche Ljalja auf jeden Menschen in ihrer Nähe ausstrahlte.
»Sehr vieles,« antwortete Iwanow mit unbestimmtem Ausdruck in seinen grauen Augen. »Der eine hat sich den Kopf zersprengt, -- -- der andere hat sich aufgehängt, den dritten holt der Teufel, damit er nicht hinter den Weibern schwenkt.«
»Was heißt das? ...« Jurii starrte verwundert auf Iwanow.
»Beruhigen Sie sich, den dritten habe ich schon selber hinzugedichtet, -- -- -- bitte, zur Steigerung des Effekts, und weil der Reim so schön ist, aber bei zweien ist es Tatsache ... Schicksal! Heute nacht erschoß sich Sarudin und soeben hört man so was, Ssoloveitschik hätte sich aufgehängt ... Da haben Sie es ...«
»Aber das ist ja nicht möglich,« rief Ljalja, mit erschrockenen aber vor Neugierde strahlenden Augen aufspringend.
Jurii legte eilig die Palette zur Seite und ging auf Iwanow zu:
»Sie scherzen nicht? ...«
»Wer denkt an Scherze!«
Wie immer bemühte er sich ein philosophisch gleichgültiges Aussehen zu markieren, aber man konnte ihm anmerken, daß ihm bange und unangenehm zumute war.
»Warum sich erschossen ... Weil ihn Ssanin geschlagen hatte ... Und weiß es Ssanin ...« Ljalja klammerte sich an Iwanow.
»Offenbar ja ... Ssanin weiß es schon seit gestern Nacht,« antwortete Iwanow.
»Und wie? ...« fragte unwillkürlich Jurii.
Iwanow zuckte die Achseln. Schon mehrere Mal hatte er Gelegenheit gehabt, sich mit Jurii über Ssanin zu streiten und er regte sich jetzt schon im Voraus auf.
»Nichts, was soll denn sein,« erwiderte er ärgerlich.
»Aber wie man es auch nimmt, er ist doch die Ursache,« bemerkte Ljalja. Sie machte ein bedeutungsvolles Gesicht.
»Na, und wenn schon ... Hätte doch dieser Idiot nicht auf ihn los gehen sollen. Ssanin ist an der Sache ganz unschuldig. Das ist alles recht bedauerlich, natürlich, es muß aber auf das Konto von Sarudins Dummheit gesetzt werden.«
»Na, die Ursachen liegen wohl tiefer. Sarudin lebt in einem gewissen Milieu -- -- --«
»Und wenn er in einem solchen dummen Milieu lebte und sich ihm unterwarf, so ist das nur ein Beweis dafür, daß er selbst ein Esel war ...«
Jurii schwieg; er rieb die Finger mechanisch aneinander. Es war ihm peinlich, so über einen Verstorbenen urteilen zu hören, trotzdem er nicht einmal den Grund für dieses Gefühl hätte angeben können.
»Nun gut, Sarudin -- -- -- das ist begreiflich ... Aber doch Ssoloveitschik ... das hätte ich niemals gedacht ...« Ljalja zog unschlüssig die Augenbrauen an. »Weshalb der nur? ...«
»Weiß es Gott? ...« bemerkte Iwanow. »Er war immer so ein Eingänger. War niemals ganz bei sich.«
In diesem Augenblick kamen Rjäsanzew und Karssawina; er in einem Wagen, sie zu Fuß. Sie trafen sich unten an der Haustür und man hörte schon von der Terrasse her die hohe, ratlos fragende Stimme Karssawinas und die fröhliche und scherzhafte Rjäsanzews, wie er sie immer schönen jungen Frauen gegenüber gebrauchte.
Als erste trat Karssawina herein, man sah ihr das aufgeregte Interesse an: »Anatoli Pawlowitsch kommt von dort.«
Rjäsanzew schloß bedächtig die Tür und machte sein gewohntes zufriedenes Gesicht; er zündete sich noch im Gehen eine Zigarette an.
»Na, das sind schöne Sachen,« meinte er. Im Augenblick füllte sich das Zimmer mit seiner gesunden Stimme und seiner selbstsicheren Fröhlichkeit. »Auf diese Weise wird in unserer Stadt bald keine Jugend mehr übrig bleiben.«
Karssawina setzte sich schweigend nieder; ihr schönes Gesicht war verstimmt.
»Na, legen Sie los,« sagte Iwanow.
»Nun, was ...« Rjäsanzew sah noch immer zufrieden aus, wenn auch allmählich der fröhliche Einschlag schwand. In derselben Weise wie Ljalja zog er seine Brauen an.
»Als ich gestern Abend aus dem Klub herauskomme, läuft mir plötzlich Sarudins Bursche in die Arme. Der Hochwohlgeborene, heulte er schon von weitem, haben sich erschossen. Ich springe in eine Droschke und hin. Komme an, fast das ganze Regiment ist schon da. Er liegt auf dem Bett, der Kittel offen ...«
»Und wie erschoß er sich? ...« Ljalja hängte sich neugierig in seinen Arm.
»In die Schläfe ... Die Kugel hat den Schädel zertrümmert und ist dann in die Decke gegangen.«
»Aus einem Browning?« fragte interessiert Jurii.
»Aus dem Browning. Ein schlimmer Skandal. Sogar die Wand ist mit Blut bespritzt. Das ganze Gesicht ist ihm zerrissen. Ja, es ist doch ganz entsetzlich ... wie ihn Ssanin getroffen hatte.« Und wieder fröhlich zuckte Rjäsanzew mit den Achseln. »Ein energischer Kerl.«
»Ja, allerdings ein kräftiger Bursche,« Iwanow schloß sich ihm befriedigt an.
»Widerwärtig,« Jurii ekelte es.
Karssawina sah schüchtern zu ihm hinüber. »Aber er ist doch garnicht schuld ... Er konnte doch nicht warten, bis ...«
»Ja,« Rjäsanzew steckte eine unbestimmte Miene auf. »Aber auch gleich so zuzuschlagen. Das Duell wurde ihm doch angeboten.«
»Es ist reizend, ganz reizend ...« Iwanow zuckte empört mit den Achseln.
»Nein, eigentlich ... ein Duell wäre Dummheit gewesen,« gab Jurii nachdenklich zu.
»Selbstredend,« Karssawina stellte sich sofort auf seine Seite.
Aber auf Jurii machte es den Eindruck, daß sie sich freue, Ssanin rechtfertigen zu können und das reizte ihn sofort zu neuem Widerspruch. »Aber auch auf diese Weise ist es ja nichts anderes als ...«
»Bestialität ... wie Sie wollen!« sagte ihm Rjäsanzew vor. Jurii dachte, daß Rjäsanzew der satten Bestie selbst nicht allzu fern stände. Doch er wollte nicht auch mit ihm noch Zank beginnen; er schwieg und war froh, als sich Karssawina mit Rjäsanzew herumstritt und Ssanin ebenfalls scharf verurteilte.
Karssawina, die von Juriis Gesicht einen geärgerten Zug aufgefangen hatte, suchte ihn wieder zu versöhnen, indem sie auf seine Meinung einging, obgleich ihr Ssanins Kraft und Entschiedenheit imponierte. Als Rjäsanzew dann aber über Kultur zu sprechen anfing, schien ihr selbst seine Meinung falsch und unbegründet und sie fand ganz wie Jurii, daß er nicht fähig sei, darüber zu urteilen.
Jetzt geriet auch Iwanow in Zorn; hartnäckig wandte er sich nur an Rjäsanzew.
»Denk doch einmal einer an. Welch eine hohe Stufe der Zivilisation! ... Einem Menschen seine Nase wegzuschießen ... oder ihm einen eisernen Stock in den Bauch zu stoßen? ... Sehr schön! Reizend!«
»Und mit der Faust ins Gesicht zu schlagen, ist das besser? ...«
»Aber gewiß doch! ... Viel besser! ... Was macht schließlich eine Faust aus? ... Eine Beule geht auf und ... weiter nichts. Von einer Faust kann keinem Menschen Schaden entstehen.«
»Das kommt auf die Auffassung an. Aber darum handelt es sich garnicht!«
»Und worum denn.« Iwanow verzog verächtlich die platten Lippen. »Meiner Ansicht nach sollte man sich überhaupt nicht schlagen. Wozu denn solchen Unfug treiben ... Aber wenn es schon einmal zum Schlagen kommt, dann wenigstens ohne Gliederverrenkungen ... Das ist doch klar.«
»Er hatte ihm fast das Auge ausgeschlagen,« versetzte Rjäsanzew ironisch. »Das ist zwar keine Gliederverrenkung, sehr richtig, aber erlauben Sie, -- der Zerstörung eines Organs kommt es doch bedenklich nahe.«
»Hm, das Auge gewiß. Wenn man ein Auge ausschlägt, so wird dadurch dem Menschen ein Schaden zugefügt. Schön, aber ich sage, Gedärme wiegt ein Auge doch noch nicht auf. Immerhin ist das noch nicht gleich ein Totschlag, ein Auge.«
»Und Sarudin ist doch daran zugrunde gegangen ...«
»Nun, das war schon sein eigener Entschluß.«
Jurii drehte unschlüssig sein Bärtchen.
»Für mich persönlich, -- das sage ich ganz offen, -- ist das alles eine ungelöste Frage. Ich weiß selbst nicht, wie ich an Ssanins Stelle handeln würde. Aufs Duell gehen, gewiß, das ist eine Dummheit, aber sich mit den Fäusten verprügeln, das ist natürlich auch nicht schön.«
»Aber was soll ein Mensch tun, der dazu gezwungen wird?«
Jurii zuckte traurig die Schultern. Alle schwiegen.
»Nein, wer zu bedauern ist, das ist Ssoloveitschik,« bemerkte Rjäsanzew nach einer Pause; doch sein Gesicht, das selbstgefällig und lustig blieb, paßte nicht zu seinen Worten.
Allen fiel mit einem Male ein, daß bisher noch keiner von ihnen auch nur mit einem Worte nach Ssoloveitschik gefragt hatte; sie empfanden es jetzt um so stärker als peinliche Nachlässigkeit.
»Wissen Sie, wo der sich aufgehängt hat ... Hinter der Scheune, neben der Hundehütte. Er ließ den Hund von der Kette los und hängte sich auf.« Rjäsanzew erzählte es in aller Ruhe; Karssawina und Jurii klang im selben Moment eine dünne Stimme in den Ohren: Sultan ... still ...
»Und versteht ihr ... er hat sogar einen Zettel hinterlassen,« fuhr Rjäsanzew fort, ohne den vergnügten Glanz in den Augen verbergen zu können. »Ich habe ihn mir sogar abgeschrieben. Es ist doch sozusagen ein _document humain_.« Aus seiner Seitentasche zog er ein Notizbuch heraus.
»-- -- -- Wozu soll ich leben, wenn ich selbst nicht weiß, wie man leben muß. Solche Menschen wie ich können der Menschheit kein Glück bringen.« Rjäsanzew las es vor und verstummte plötzlich, ganz unerwartet, es wurde eigentümlich still.
Im Zimmer war es, als ob ein blasser und trauriger Schatten hindurchschliche. Karssawinas Augen füllten sich mit schweren Tränen, Ljalja errötete, wie wenn sie jeden Augenblick losweinen wollte, und Jurii trat mit krankhaftem Lächeln ans Fenster.
Mechanisch fügte Rjäsanzew hinzu: »Und weiter nichts.«
»Und was sollte auch weiter sein? ...« fragte Karssawina mit zitternden Lippen.
Iwanow erhob sich und murmelte, indem er die Streichhölzer vom Tisch nahm:
»Eine kapitale Dummheit! Das ist wahr.«
»Wie, schämen Sie sich nicht!« brauste Karssawina empört auf.
Jurii sah angeekelt Iwanows lange gerade Haare an und wandte sich wieder ab.
»Ja, sehen Sie, hier haben Sie nun auch den Ssoloveitschik,« sagte Rjäsanzew mit unbestimmbarer offener Handbewegung und wieder mit fröhlichem Augenzwinkern. »Ich dachte auch, als ich es hörte: Nun welch ein Stück Dreck ... So ... ein Judenbengel. Und da sehen Sie nun ... Mit einem Mal zeigt er sich, so -- -- -- wie garnicht von dieser Welt ... Es gibt doch keine höhere Liebe, als wenn jemand sein Leben für seine Mitmenschen hingeben will.«
»Nun, der hat es doch garnicht für seine Mitmenschen geopfert. -- -- -- Wozu macht er überhaupt soviel Wesen davon, ... dieser Kerl ... ist doch selbst nur ein Vieh ...« dachte Iwanow und sah mit Haß und Verachtung auf das satte glatte Gesicht Rjäsanzews; aus irgend einem Grunde warf er plötzlich auch seiner weißen Weste, die seinen starken Leib faltenziehend umschloß, einen wütenden Blick zu.
»Das ist gleich ... Man fühlt den Drang dazu heraus.«
»Das ist bei weitem nicht gleich,« erwiderte Iwanow beharrlich ... »Eine Schneckenseele und weiter nichts.«
Sein sonderbarer Haß gegen Ssoloveitschik wirkte auf alle abstoßend. Karssawina erhob sich und flüsterte Jurii zu, gleichsam als ob sie ihm besonders vertraue: