Part 27
Er stieg die Steinstufe herab und sah wieder zufrieden um sich, als er in die breite, menschenleere Straße hinaustrat. Der Abend war schon angebrochen. Tanarow freute sich, daß die Straßenpassanten sein glühendes Gesicht nicht mehr sehen konnten.
»Möglicherweise kann ich auch noch in diese schlimme Geschichte hineingezogen werden,« dachte er plötzlich, als er in den Boulevard einbog, und ein kalter Hauch wehte durch sein Herz. -- »Aber schließlich, was habe ich denn damit zu tun?« Er gab sich Mühe, nicht mehr daran zu denken, wie er sich selbst auf Ssanin gestürzt hatte, und vor allem nicht an den Stoß Iwanows, der ihn fast zu Boden schleuderte.
»Pfui Teufel, was für eine verfluchte Geschichte da herausgekommen ist!« dachte Tanarow beim Gehen mit einer ärgerlichen Grimasse und voll Bitterkeit gegen Sarudin. »Nur dieser Esel ist an allem schuld! Er hatte es auch nötig, mit dem Lumpengesindel anzubinden! Pfui, wie ekelhaft!«
Und je mehr er überlegte, welche unangenehme Wendung die Angelegenheit genommen hatte, desto höher reckte sich seine winzige Gestalt, mit den hoch aufgezogenen Schultern und der engen Brust, die im weißen Kittel, engen Reithosen und eleganten Stiefeln steckte, instinktiv auf. Nach allen Seiten begann er drohende Blicke zu werfen.
In jedem entgegenkommenden Passanten sah er Spott und Hohn; jetzt hätte die geringste Andeutung genügt, um die Spannung in ihm zur Auslösung zu bringen. Er wäre mit blankem Säbel vorwärts gestürzt, um ohne Ueberlegung tödliche Hiebe auszuteilen. Aber er begegnete nur wenigen Menschen, und auch die glitten an ihm, wie flache Schatten an den Zäunen des dunklen Boulevards, schnell vorüber.
Zu Hause, während er sich allmählich beruhigte, kam ihm wieder in Erinnerung, wie ihn Iwanow zur Seite geschleudert hatte.
Warum habe ich ihm nicht in die Schnauze geschlagen? ... Ich sollte ihm doch einfach in die Zähne hauen! Schade, daß der Säbel nicht scharf ist! Sonst ... Uebrigens, ich hatte ja den Revolver in der Tasche! Da ist er noch. Ich konnte ihn wie einen tollen Hund niederknallen. Nicht? ... Ich vergaß den Revolver!
... Gewiß habe ich nicht an den gedacht, sonst hätte ich ihn wie einen Hund über den Haufen geschossen! Oder ... vielleicht ist es auch gut, daß ich's vergessen hatte; ein Totschlag immerhin ... auf jeden Fall gibt's ein Gericht ... und möglicherweise hatte von ihnen ebenfalls einer einen Browning ... da wäre es möglich gewesen ... wegen eines Nichts ... hole es der Teufel, zu Schaden zu kommen! ... So weiß ja niemand, daß ich den Revolver bei mir hatte, und nach und nach wird man überhaupt das Ganze vergessen ...
Tanarow zog vorsichtig, sich nach allen Seiten umsehend, den Revolver aus der Tasche und legte ihn in die Schublade.
... Ich muß heute noch zum Oberst gehen und ihm melden, daß ich an der Sache unbeteiligt bin ..., beschloß er, indem er die Schublade mit lautem Geklirr abschloß.
Aber stärker noch als dieser Entschluß drängte sich ihm der nervöse, fast prahlerische Wunsch ganz unwiderstehlich auf, in den Klub zu gehen und über den Skandal als Augenzeuge zu berichten.
Im hellerleuchteten Militärklub, der mitten in der dunklen Stadt lag, versammelten sich in aufgeregter, lärmender Entrüstung die Offiziere. Sie hatten von dem Vorfall im Park schon gehört und waren voll geheimer Schadenfreude gegen Sarudin, der sie mit seiner Eleganz und Verve stets auf die Seite drängte. Mit brutaler Neugierde empfingen sie Tanarow, der in seinen eigenen Augen plötzlich zum Helden des Tages wurde. Seiner Bedeutung angemessen schilderte er die Szene bis in die kleinsten Details. In seiner Stimme und den dunklen schmalen Augen zuckte schüchtern das zurückgehaltene und unbewußte Gefühl der Rache.
In der häufigen Wiederholung und Durchschnüfflung all der Einzelheiten, wie Sarudin geschlagen worden war, entschädigte Tanarow gleichsam seine Gehässigkeit für den ganzen Druck des früheren Freundes, für die Geldaffären, die herablassende Behandlung, die sich durch die Ueberlegenheit Sarudins ganz von selbst ergeben hatte.
Der Offizier aber lag ganz einsam, der ganzen Welt fremd, in seinem Zimmer auf dem Divan.
Der Bursche, der bereits erfahren hatte, wie die Affäre mit seinem Herrn vor sich gegangen war, bereitete noch immer, mit dem mitleidsvoll erschrockenen Weibergesicht den Samovar, holte Wein, und vertrieb den fröhlichen zärtlichen Setter aus dem Zimmer, der aufs äußerste erfreut war, daß sein Herr zu Hause blieb. Dann trat er wieder auf Zehenspitzen an den Divan heran:
»Hochwohlgeboren mögen doch etwas Wein trinken,« sagte er kaum vernehmbar.
»Wie, was? ...« Sarudin öffnete die Augen, schloß sie aber sofort wieder. Trotzdem aber fuhr er, wie es ihm selber schien, mit elender und in der Tat mitleiderregender Grimasse fort, wobei er die geschwollenen Lippen nur mit Mühe bewegen konnte: »Gib -- -- den Spiegel ... her.«
Der Bursche seufzte, brachte gehorsam den Spiegel und leuchtete mit der Kerze. Mißbilligend dachte er: -- -- -- Was ist da viel reinzugucken ...
Sarudin blickte in den Spiegel und stöhnte unwillkürlich auf. Aus der dunklen Fläche schaute ihn, von der Seite rötlich beleuchtet, ein einäugiges blutunterlaufenes, bläulich schwarzes Gesicht an, dessen Schnurrbart zur Hälfte widersinnig in die Höhe stach.
»Hier, nimm,« murmelte Sarudin; plötzlich schluchzte er hysterisch auf.
»Hochwohlgeboren ... wozu sich so ärgern. Es wird schon wieder gut werden,« sagte der Bursche mitleidig, während er ihm in einem klebrigen Glas, das nach kaltem süßen Tee roch, Wasser reichte.
Sarudin trank nicht, sondern fuhr nur mit den Zähnen am Rande des Glases entlang und goß sich das Wasser über die Brust.
»Scher dich fort,« schrie er wütend. Und doch empfand er in diesem Augenblick, daß der Bursche der einzige Mensch auf der Welt sei, der mit ihm Mitleid hätte. Aber das warme Gefühl für den Soldaten wurde sofort von der unerträglichen Vorstellung beiseite geschoben, daß jetzt sogar der Bursche das Recht hätte, ihn zu bedauern.
Der Soldat ging auf die Steintreppe hinaus. Er blinzelte mit den Augen und hatte das deutliche Verlangen, zu heulen; er setzte sich auf die Stufen nieder und streichelte seufzend den weichen Rücken des Hundes, der sich an seinen Hosen rieb.
Ueber dem Garten funkelten lautlos glänzende Sterne. Der Setter legte ihm die elegante Schnauze auf die Kniee und schaute ihn von unten her mit dunklen unverständlichen Augen, die doch etwas zu sprechen schienen, an. Dem Soldaten wurde es bange und traurig, als ahnte er einen unabwendbaren Schicksalsschlag voraus.
»-- -- -- Eh, das Leben, das Leben,« dachte er erbittert; eintönig begann er über sein Dorf nachzudenken.
Sarudin drückte sich krampfhaft an die Rückenlehne des Divans und zerfiel völlig in dem Gram, ohne zu spüren, daß ihm das warmgewordene nasse Handtuch aufs Gesicht herabgerutscht war.
-- -- -- Nun ist alles zu Ende, wiederholte er sich mit innerem Schluchzen ... Was ist zu Ende? ... Alles, das ganze Leben. Alles, das Leben ist verloren. Weshalb ... weil ich geschändet bin ... weil ich geschlagen bin wie ein Hund ... Mit der Faust ins Gesicht ... und ich kann ja nicht mehr im Regiment bleiben -- --
Ungemein deutlich sah sich Sarudin inmitten der Allee auf allen Vieren hocken, ohnmächtig sinnlose Drohungen, die doch nur in einem elenden Winseln verklangen, ausstoßen. Immer von neuem und von neuem erlebte er diesen furchtbaren Augenblick, immer heller hob er sich vor seinen Augen ab. Alle Einzelheiten kamen ihm wie von einem elektrischen Reflektor überstrahlt, ins Bewußtsein. Aus irgend einem Grunde waren gerade diese ungereimten Drohungen und das weiße Kleid Karssawinas, das in demselben Augenblick an ihm vorbeihuschte, die qualvollsten Bilder seines Gedächtnisses.
-- -- -- Wer hat mich denn aufgehoben, dachte er ... Dabei strengte er sich an, nichts zu denken; geflissentlich suchte er sein Hirn zu verwirren ...
Tanarow oder etwa der Judenbengel, den sie bei sich hatten. Tanarow ... darum handelt es sich ja garnicht ... Um was denn? ... Nur darum, daß das ganze Leben verdorben ist und daß ich nicht mehr im Regiment bleiben kann. Und ein Duell ... Er wird sich ja ganz gewiß nicht schlagen wollen ... Also ... ich werde nicht im Regiment bleiben können.
Sarudin erinnerte sich, wie einmal ein Ehrengericht, an dem er selbst teilgenommen hatte, zwei alte, verheiratete Offiziere aus dem Offizierkorps stieß, weil sie sich zu schlagen weigerten.
-- -- -- Man wird es mit mir ebenso machen. Höflich, ohne mir die Hände zu reichen, dieselben Leute, ... und niemand wird mehr darauf stolz sein, wenn ich ihn auf dem Boulevard unter dem Arm nehme. Niemand wird mich mehr beneiden, ... meine Manieren kopieren ... Aber das ist noch das wenigste ... Doch die Schande, die Schande, das ist die Hauptsache! ... Und weshalb Schande ... Geschlagen ... Ja, ich wurde doch auch im Kadettenkorps geschlagen ... Damals, als mich der dicke Schwarz durchprügelte und mir einen Zahn ausgeschlagen hatte, da wurde doch auch nichts weiter draus ... Später versöhnten wir uns miteinander und blieben bis zum Examen die besten Freunde ... Und kein Mensch verachtete mich ... Und warum denn jetzt alles ganz anders ... Ist es denn nicht ganz gleich ... Auch damals floß Blut ... Ebenso fiel ich um. Warum? ...
Auf diese auswegslosen gramvollen Fragen konnte Sarudin keine Antwort finden. Er fühlte nur, daß er bis über den Kopf in einen bodenlosen Sumpf geraten war, daß er unaufhaltsam tiefer sinke, ohne nach dem geringsten Stützpunkt greifen zu können. Wenn er das Duell angenommen und mich mitten ins Gesicht getroffen hätte ... Das wäre doch noch viel schmerzhafter und widerwärtiger als jetzt gewesen. Aber dann hätte mich niemand verachtet, nein, alle mich bemitleidet. Folglich besteht zwischen der Kugel ... und der ... Faust ... Ja, was für ein Unterschied ... was, warum? ...
Sein Denken lief in Sprüngen vorwärts.
Doch in der Tiefe arbeitete sich etwas Neues durch, das anscheinend schon einmal dagewesen, aber in seinem oberflächlichen, leeren Offiziersleben, das aus nichts als Lärmen bestand, vergessen worden war. Jetzt tauchte es in dem Unglück, das nichts wieder gut machen konnte und durch die erlittene Qual nur geschärft, von neuem wieder auf.
Einmal stritt von Deutz mit mir darüber, daß einer, der auf die linke Wange geschlagen wird, auch die rechte hinhalten soll, diesmal aber kam er doch selbst und schrie, fuchtelte mit den Armen, regte sich auf, weil sich dieser Kerl geweigert hatte, die Forderung anzunehmen. Da haben sie doch eigentlich die Schuld, daß ich ihn mit der Reitpeitsche züchtigen wollte. Meine ganze Schuld lag darin, daß ich keine Zeit fand, zuzuschlagen ... Das Ganze ist also widersinnig ungerecht ... Und trotzdem die Schande und man darf nicht im Regiment bleiben.
Sarudin faßte ohnmächtig an seinen Kopf, schüttelte ihn auf dem Kissen und verfolgte mechanisch den quälenden Schmerz im Auge. Plötzlich erfaßte ihn eine furchtbare Flut von Grimm und Wut.
-- -- -- Einfach zum Revolver greifen und den Hund über den Haufen schießen ... eine Kugel nach der andern ... Und ihn mit den Stiefelabsätzen ins Gesicht treten, wenn er umfällt. Einfach ins Gesicht, in die Zähne, in die Augen.
Mit nassem schwerem Aufschlag klatschte der Umschlag plump auf den Boden. Sarudin öffnete erschrocken die Augen, sah das kaum beleuchtete Zimmer, die Schüssel mit Wasser, das nasse Handtuch und an der Seite das schwarze bange Fenster, das ihn wie ein schwarzes Auge rätselhaft trübe anstarrte.
-- -- -- Nein es ist gleich, es hilft doch nichts, dachte er, während seine ohnmächtige Verzweiflung allmählich ruhiger wurde. -- -- Es ist gleich, alle haben gesehen, wie er mich aufs Gesicht schlug und wie ich auf allen Vieren kroch ... Der Geprügelte, der Geprügelte, -- -- hat eins in die Fresse bekommen. Und man kann es nicht wieder gut machen. Nichts! Niemals werde ich wieder glücklich und frei sein. -- --
Wieder bewegte sich etwas Scharfes, ungewöhnlich Klares in seinem Gehirn ... Aber war ich denn wirklich jemals frei, ... Ich gehe doch auch jetzt nur darum unter, weil mein Leben niemals frei und eigen war. Wäre ich denn von selbst zum Duell gegangen ... Hätte ich denn mit der Peitsche schlagen wollen ... Dann wäre ich auch nicht geschlagen worden ... Und alles blieb so schön und glücklich ... Wer und was hat es erfunden, daß man eine Verletzung mit Blut abwaschen muß ... Ich doch nicht. Da habe ich sie abgewaschen ... Mich hat man mit Blut abgewaschen ... Was? ... ich weiß nicht ... Aber aus dem Regiment muß ich heraus.
Das ohnmächtige, ungeschickte Denken versuchte sich emporzuheben, fiel aber wieder wie ein Vogel mit zugestutzten Schwingen nieder. Wohin auch seine Gedanken trieben, immer kehrten sie, wie in einem Kreise eingeschlossen, wieder auf den einen Punkt zurück, -- -- -- daß er aus dem Regiment herausmüsse, daß er nun für immer geschändet sei.
Plötzlich setzte bei ihm Fieber ein. Er begann zu phantasieren. Mit einem Mal sah er ganz klar zwei Bauern. Sie schimpften und prügelten sich und der eine traf den anderen gegen die Schläfe ... dieser, schon alt und grau, stürzte nieder, erhob sich dann und, indem er das aus der Nase fließende Blut mit den Hemdärmeln abwischte, sagte er überzeugt: »Aber ein Narr bleibst du doch.«
Ja, das habe ich einmal mit angesehen, erinnerte er sich endgültig; doch sofort kam ihm wieder klar sein halb dunkles dumpfes Zimmer und die Kerze auf dem Tisch vor die Augen. Nachher tranken die beiden am Monopolladen Wodka.
Wahrscheinlich verlor er das Bewußtsein, denn die Kerze und das Zimmer verschwanden irgendwohin. Aber er hörte doch nicht auf, zu denken ... Später als die Kerze aus der Finsternis wieder vor ihm auftauchte, gelang es ihm nur mit Mühe, diesen Gedanken noch zu entziffern ... Mit einer solchen Schande kann man nicht weiterleben ... So, ich muß also sterben ... Aber ich will durchaus nicht sterben ... Nicht ich doch ... Aha, der gute Name ... aber zum Teufel, was geht mich der gute Name noch an, wenn ich sterben muß ... Aber ich muß doch aus dem Regiment heraus ... Und wie dann weiterleben ...
Als etwas unbegreiflich Trübes und Fremdes erschien ihm seine Zukunft ... Er wich ohnmächtig zurück ... Jedesmal, wenn der leidenschaftliche Durst nach Leben und Glück den Nebel, der sein Gehirn bedeckte, zu vertreiben begann, senkte er sich wieder tiefer herab; wieder stand Sarudin vor einer unabwendbaren Leere.
Die Nacht verging. Schwere Stille lauerte hinter dem Fenster, als ob Sarudin in der ganzen Welt nur allein litt ... Auf dem Tisch brannte und schmolz die Kerze und ihre Flamme floß gelb, gleichmäßig, mit tödlicher Ruhe herunter. Sarudin starrte mit dem in Fieber und Verzweiflung glänzenden Auge ins Feuer und bemerkte nicht, wie die Flamme kleiner wurde; es war ganz erfaßt von dem schwarzen Dunst unendlich verwirrter, kraftloser Gedanken.
Inmitten des Chaos von Erinnerungsfetzen, Vorstellungen, Gefühlen und Gedanken war eine Empfindung am schärfsten; sie drängte sich wie eine klingende Saite der Trübsal tief ins Herz hinein. Das war der Schmerz, das bemitleidenswerte Bewußtsein seiner völligen Einsamkeit. Irgendwo draußen, da lebten Millionen von Menschen, freuten sich und lachten und sprachen vielleicht auch von ihm; -- -- -- er aber war allein. Vergebens rief sich Sarudin ein bekanntes Gesicht nach dem andern vor die Augen. In blasser fremder gleichgültiger Reihenfolge stiegen sie vor ihm auf, in ihren kühlen Zügen las er nur Schadenfreude und Neugierde. Da erinnerte er sich in schüchterner Trauer an Lyda.
So wie er sie zum letzten Mal gesehen hatte, stellte er sie sich jetzt vor; mit großen Augen, denen jede Lebensfreude fehlte, mit dem schwachen Körper unter dem Hauskleid und aufgelöstem Zopf. In ihrem Gesicht war weder Schadenfreude noch Verachtung zu sehen. Mit traurigem Vorwurf blickte es ihn an und der Zuspruch, daß noch irgend etwas möglich sei, schimmerte in Augen, denen jede Lebensfreudigkeit fehlte. Er erinnerte sich an die Szene, als er sich im Augenblick ihres schwersten Kummers von ihr lossagte. Das messerscharfe Bewußtsein eines unwiederbringlichen Verlustes riß in den tiefsten Fasern seiner Seele.
-- -- -- Und sie litt damals wahrscheinlich noch mehr als ich jetzt. Trotzdem habe ich sie von mir gestoßen. Ich wünschte selbst sogar, daß sie stirbt, daß sie sich ertränkt.
Wie zu einer letzten Zufluchtsstätte streckte sich ihr seine Sehnsucht in verzehrendem Durst nach Liebkosungen und Teilnahme entgegen. Für kurze Zeit kam ihm der Gedanke, daß das Leiden, welches er jetzt durchlebte, die Vergangenheit erlösen könnte. Doch im selben Augenblick wußte er auch, daß Lyda niemals mehr zu ihm kommen würde, weil alles zu Ende sei. Völlige Leere öffnete sich vor ihm wie ein Abgrund. Sarudin hob die Hand, preßte sie fest gegen den Kopf; er schien zu erstarren ... seine Augen waren geschlossen, seine Zähne in der Anstrengung, nichts mehr zu sehen, nichts zu hören, nichts zu fühlen, aufeinandergepreßt. Aber bald ließ er die Hand fallen, schob sich in die Höhe und setzte sich aufrecht hin. Sein Kopf schwindelte, im Munde brannte es, Beine und Arme zitterten. Er stand auf und ging schwankend, unter dem Druck im Kopfe, der plötzlich ungeheuer schwer wurde, zum Tische.
-- -- -- Alles verloren -- -- -- alles verloren -- -- -- das Leben und Lyda und alles ... Ein greller Blitz klarer Gedanken beleuchtete einen Augenblick sein Schicksal. Er verstand mit einem Schlag, daß es in seinem verschwundenen Leben nichts Gutes und Schönes und Frohes gegeben hatte, sondern daß alles heuchlerisch, beschmutzt und töricht war. Nicht einmal ein besonderer Sarudin, den sein Charakter zu allem berechtigte, hatte existiert. Es gab nur einen ohnmächtigen schüchternen, und verhätschelten Körper, der früher einmal alle Genüsse durchkostete und jetzt Schmerz und Demütigung erlitt. -- -- -- --
-- -- -- Man kann nicht weiterleben, dachte Sarudin klar und ruhig. Um ein neues Leben zu beginnen, muß man alles frühere von sich werfen können, zu einem ganz anderen Menschen werden. Aber das kann ich nicht. -- -- --
Er ließ den Kopf schwer gegen den Tisch fallen und starrte wie gebannt in die schwankende Flamme der Kerze, die an den Rändern des Leuchters herunterschmolz.
XXXI
Am selben Abend kam Ssanin allein bei Ssoloveitschik vorbei.
Der Jude saß ganz einsam auf der Steintreppe des Hauses und schaute auf den öden Hof, über den sich, Gott weiß für wen, schmale Wege langweilig hinzogen; zwischen den Steinen verwelkte staubiges Gras. Die abgeschlossenen Schuppen mit riesigen, verrosteten Schlössern, die trüben Fenster der Mühle und der ganze ungeheure leere Platz, in dem das Leben, wie es schien, bereits vor langen Jahren ausgestorben war, atmeten gräßliche, gepreßte Zerschlagenheit aus.
Ssanin war beim ersten Anblick von den Mienen Ssoloveitschiks überrascht. Er lächelte nicht, bleckte nicht wie sonst gefällig mit den Zähnen, sondern sah nur traurig und abgespannt vor sich hin ... Nur aus seinen dunklen Augen lugte lange ein bohrender Gedanke hervor.
»Ah, guten Tag,« sagte er gleichgültig und drückte schwach Ssanins Hand; dann wandte er sich sofort wieder mit dem Gesicht zu dem dunklen Himmel, von dem sich die abgestorbenen Scheunendächer noch lebloser abhoben.
Ssanin setzte sich auf eins der Treppengeländer, zündete sich eine Zigarette an und schaute lange auf Ssoloveitschik, an dem ihm etwas Besonderes auffiel. »Was machen Sie hier? ...«
Ssoloveitschik wandte ihm langsam seine traurigen Augen zu.
»Ich bin hier so ... Die Mühle blieb stehen. Ich war beschäftigt im Kontor ... Da wohnte ich auch hier. Sind schon alle weggefahren, ich bin hier geblieben, als einer nur.«
»Es ist Ihnen wohl bange, so einsam zu wohnen?«
»Was ist bange? -- -- -- Ist ja alles ganz egal,« er schlug mit der Hand trübe durch die Luft. Es war lange still und man konnte nur das einsame Kettenklirren in der Hundehütte hinter den Scheunen her vernehmen.
»Nicht hier ist es so bange,« -- -- -- Ssoloveitschik kam plötzlich ins Reden und geriet unerwartet in laute leidenschaftliche Bewegung.
»Nicht hier ... sondern ...« er zeigte auf Brust und Stirn, »da und da ...«
»Was ist denn?« fragte Ssanin ruhig.
»Hören Sie,« Ssoloveitschik fuhr noch lauter und leidenschaftlicher fort. »Da haben Sie geschlagen heut einen Menschen, haben ihm zertrümmert sein ganzes Leben. Zürnen Sie mir nicht, ich bitte, daß ich spreche, alles das ... aber ich denke viel daran. Ich saß hier und dachte daran immerzu und ist mir geworden so traurig ... Ich bitte, antworten Sie mir doch!« -- Für einen Augenblick verzerrte das gewöhnliche, gefällige Lächeln sein Gesicht.
»Fragen Sie, wonach Sie wollen. Glauben Sie wirklich, Sie werden mich verletzen? ... Durch eine Frage können Sie es gewiß nicht. Was ich getan habe, habe ich getan. Wenn ich jetzt glauben wollte, daß es schlecht war; ich würde es selber eingestehen.«
»Ich wollte Sie nur eines fragen ... Wenn Sie sich vorstellen -- -- jetzt -- -- vielleicht haben Sie getötet diesen Menschen?«
»Daran zweifle ich kaum. Ein solcher Mensch wie Sarudin kann sich kaum von dem Schlag frei machen, als ... nun daß er mich oder sich tötet ... Aber was mich betrifft ... Nein, der psychologische Moment ist versäumt. Der ist jetzt viel zu deprimiert, um mich jetzt gleich zu töten. Später aber wird er keinen Mut mehr dazu haben. Sein Spiel ist zu Ende.«
»Und darüber können Sie sprechen so ruhig?«
»Was soll das Ruhig? ... Ich kann nicht ruhig mit ansehen, wie man eine Henne abschlachtet. Und hier handelt es sich noch um einen Menschen. Und das Schlagen selbst ist peinlich. Zwar ... das Gefühl der eigenen Kraft ist ein bißchen angenehm ... aber doch ... es ist dumm. Und häßlich war es auch, daß alles so roh vor sich ging, doch mein Gewissen ist ruhig. Ich war hierbei nur eine Zufälligkeit. Sarudins Leben läuft eine Bahn herunter, bei der es nur verwunderlich ist, daß nicht allein dieser eine Mensch zugrunde geht, sondern nicht noch alle andern zum Teufel gegangen sind. Die Leute lernen Menschen zu töten, ihren Körper zu pflegen und begreifen nicht, was und wozu sie es tun. Das sind Verrückte, Idioten. Und wenn man Verrückte auf der Straße frei herumlaufen läßt, schneiden sie sich alle untereinander die Kehlen ab. Was bin ich schuld, daß ich mich gegen einen solchen Tollen verteidigen mußte.«
»Aber getötet haben Sie ihn,« beharrte Ssoloveitschik.
»Darüber mag er sich schon beim lieben Herrgott beschweren, der uns beide auf einem Punkt zusammenbrachte, wo wir nicht aneinander vorbeikommen konnten.«
»Aber Sie konnten ihn halten fest, ihn kriegen bei die Hände.«
Ssanin hob den Kopf.
»In solchen Fällen denkt man nicht darüber nach, was man tun könnte ... Und welchen Zweck hätte es gehabt, das Gesetz seines Lebens verlangte Rache um jeden Preis. Ich konnte ihn doch keine Ewigkeit an den Händen halten. Für ihn wäre das nur eine neue Beleidigung gewesen ... und weiter nichts.«
Ssoloveitschik breitete beide Arme weit aus und wurde schweigsam.
Die Dunkelheit rückte gierig von allen Seiten heran. Der rosa Streifen der Abendröte, von den Rändern der schwarzen Dächer scharf abgeschnitten, wurde immer ferner und kühler. Die lautlosen Schritte schwarzer, unfaßbarer Schatten, die sich hinter den dunklen Scheunen zu drängen schienen, mußten es sein, die Sultan plötzlich beunruhigten. Denn mit einem Male kam er aus der Hütte herausgekrochen und hockte sich davor nieder; wütend klirrte er mit seiner Kette.
»Mögen Sie -- möglicherweise -- recht haben ... Aber dann ist es wirklich immer notwendig ... Vielleicht wäre es gewesen besser, wenn Sie selbst hätten ertragen den Schlag.«
»Weshalb besser? ... Es gibt nichts Schlimmeres, als einen Schlag hinzunehmen. Wozu auch? ... Aus welchen Gründen?«
»Nein, ich bitte, hören Sie mich an ...« fiel ihm Ssoloveitschik rasch ins Wort. »Vielleicht, es wäre gewesen doch besser ...«
»Für Sarudin allerdings.«
»Nein, für Sie auch. Denken Sie sich nur ...«