Ssanin: Roman

Part 31

Chapter 313,776 wordsPublic domain

Dem Diakon auf der Kanzel, dem Aufleuchten der Lichter, den betenden und singenden Menschen, den schweren Seufzern und den einsam dröhnenden Schritten am Eingang sah Jurii mit wichtigen und strengen Augen zu. In dieser Stille hörte er deutlich sein kleines Herz, das sich leicht und fröhlich gegen die schwere Stimmung der Kirche auflehnen wollte.

Er stand ohne Bewegung, blickte auf den weißen Hals unter den schwarzen Haaren, auf die weiche Biegung der Taille, die sich unter dem grauen Jackett herausfühlen ließ, und es wurde ihm manchmal so gut, daß der Schlag des Herzens seine ganze Brust durchfloß. Er wünschte so zu stehen, daß ihn alle sähen ... Und obgleich er an nichts glaubte, weder an das Singen, noch das Lesen der Bibelsprüche, noch an die Lämpchen vor den Heiligenbildern, fühlte er doch auch nichts anderes als gutmütige Freundlichkeit für sie. Er bekam selbst Mut, seine Stimmung zu analysieren und mit der trübseligen Gehässigkeit des Morgens, der sie vollständig unähnlich war, zu vergleichen.

... Also kann man doch glücklich sein, fragte er sich innerlich lächelnd und gab sich sofort die ernste Antwort: Sicherlich! Alles, was ich über den Tod dachte, die Sinnlosigkeit des Lebens, das Fehlen eines vernünftigen Zweckes im Leben, das mag alles ganz wahr und vernünftig sein, aber glücklich kann man trotzdem werden. Ich bin glücklich! Und gerade dank diesem wunderbaren Mädchen, von dem ich vor kurzem noch keine Ahnung hatte.

Ihm stieg die komische Idee in den Kopf, wie sie sich einst, als sie noch kleine, lächerliche Kinder waren, irgendwo hätten begegnen, sich anblicken, sich wieder trennen können, ohne zu wissen, daß sie einmal füreinander das allerteuerste auf der Welt sein, sich einander lieb haben werden und daß sie für ihn alle Geheimnisse ihres Körpers enthüllen wird.

Der letzte Gedanke schloß sich ganz unerwartet an, er wurde von ihm fast beschämt. Gleichzeitig aber fühlte er sich so gut und frei, daß er bis in die Haarwurzeln errötete; er fürchtete sich lange, sie wieder anzublicken.

Karssawina, die da in Gedanken von ihm entkleidet wurde, stand lieblich und rein vor ihm und betete ohne Worte zu Gott, daß Jurii sie so innig und zart lieben möge wie sie ihn.

Wahrscheinlich teilte sich von ihr auch Jurii eine reinigende Welle mit, denn die schamlosen Gedanken glitten mit einem Mal von ihm fort; in seiner Seele wurde es klar und friedlich.

Tränen der Rührung und der Liebe traten warm in seine Augen. Er hob die Blicke, sah das Gold des Heiligenstockes, welches in den Kerzenfeuern Funken sprühte, darüber die zwei Arme des Kreuzes, die sich ihm bei jedem Blick tiefer zusenkten; in Gedanken rief er mit längst vergessener innerlicher Spannung: Gott, wenn du existierst, so lasse es sein, daß dieses Mädchen mich liebt, und daß ich sie immer lieben werde so wie jetzt.

Er schämte sich dieser Gefühlsaufwallung ein wenig, aber diesmal lächelte er nur herablassend über sich.

... Das ist doch nur so ... dachte er.

»Gehen wir hinaus,« raunte ihm Karssawina zu; sie flüsterte es, aber es klang fast wie ein Seufzer.

Sie gingen gravitätisch, mit Frieden in der Seele, als ob sie die leise singenden und laut lesenden Stimmen, Seufzer und das Flimmern der Lichter mit sich forttragen wollten, auf die Terrasse hinaus. Sie gingen nebeneinander längs der Einfriedung und traten dann durch die alte Pforte auf den Bergabhang. Hier war niemand; die alte weiße Mauer mit dem Türmchen, an dem der Putz herunterhing, trennte sie von all den Menschen.

Unter ihren Füßen kräuselten sich längs des Abhangs die Wipfel der Eichen, und weit unten erglänzte eben und glatt wie geschliffenes Glas der Fluß. Die grünen Felder und Wiesen dehnten sich hinter dem dunklen Horizont weit in die Ferne hinein.

Schweigend schritten sie bis an den Rand des Abhanges und blieben unschlüssig, was sie anfangen sollten, stehen. Sie fürchteten sich vor etwas und wagten es nicht. Es schien, daß sie niemals die Kraft finden würden, es zu sagen und zu tun. Doch Karssawina hob den Kopf, und es kam dann ganz unvermutet und einfach, daß ihre Lippen Juriis Lippen trafen. Sie wurde leichenblaß, schrak auf und erstarrte dann. Jurii umarmte sie schweigend; er fühlte zum ersten Mal ihren warmen, biegsamen Körper in seinen Armen.

Um sie wurde es still. Ihnen schien die ganze Welt in dieser feierlichen, gespannten Stille zu ersterben.

In ihren Ohren gellte etwas; Jurii kam es vor, daß irgendwo eine unsichtbare, unhörbare Glocke gebieterisch ihre Begegnungsstunde schlug.

Plötzlich riß sich Karssawina los, lächelte ihm noch einmal zu und lief fort. »Die Tante wird mich suchen, warten Sie eine Weile, ich komme wieder ...«

Jurii konnte sich später niemals erinnern, ob sie ihm diese Worte mit einer klingenden fröhlichen Stimme, die im dunklen Walde widerhallte, zurief oder ob ihm der warme Abendwind nur ein abgebrochenes, gleitendes Flüstern zutrug.

Er setzte sich aufs Gras und fuhr mit der Hand durch die Haare.

... Wie töricht und wundervoll schön das doch alles ist, dachte er mit seligem Lächeln. Er schloß die Augen, zuckte die Achseln und warf in diesem Augenblick alle seine früheren Gedanken, Zweifel und Leiden von sich.

Karssawina lief in die Pforte hinein und blieb noch einmal stehen. Ihr Herz pochte ungestüm und ihr Gesicht brannte. Sie drückte ihre Hand fest auf die wogende linke Brust und lehnte sich für einen Moment an die Wand.

Dann öffnete sie die Augen, schaute verwundert umher, atmete leicht auf, raffte den schwarzen Rock und lief mit schnellen Füßchen nach dem Gasthaus. Noch aus der Ferne rief sie der alten dunklen Tante, die auf den Steinstufen saß und sie erwartete, zu:

»Da bin ich schon, Tantchen, da bin ich ja schon.«

XXXVI

Zuerst wurde die Ferne dunkel, dann der Fluß im Nebelgehänge; von den weitabgelegenen Wiesen erscholl das verhallende Wiehern der Pferde; mit einem Mal leuchteten auch die Hirtenfeuer auf.

Jurii saß noch immer auf dem Abhang und wartete auf Karssawina; mechanisch zählte er die Scheiterhaufen auf den Wiesen.

Eins, zwei, drei ... nein, noch einer, ganz hinten, kaum sichtbar am Horizont. Wie ein kleiner Stern. Und dort sitzen jetzt erwachsene Menschen, Bauern, die auf die Nachtweide hinauszogen, kochen auf dem Felde Kartoffeln, sprechen miteinander. Der Scheiterhaufen brennt lustig, lodert auf, zischt, und man hört, wie die Pferde schnauben. Vom Abhang aus sahen die Feuer wie einzelne Funken aus ... Nur noch eine geringe Bewegung und sie mußten ganz erlöschen.

Es wurde Jurii schwer, über irgend etwas nachzusinnen, als könne er bei dem Klang seines triumphierenden Denkens, die eigenen Gedanken nicht hören. Er saß lange, ohne sich zu rühren, er spürte, wie sich in seinem Körper Elastizität und Kraft ansammelte, als bereite er sich zu etwas vor, dessen man nicht bewußt werden dürfe. Immer noch fühlte er den ersten Druck des jungen, noch vom dünnen Stoff verhüllten Körpers und der halbgeöffneten, frischen Lippen. Von Zeit zu Zeit sagte er sich mit Schrecken: Aber gleich muß sie ja kommen.

Sein Herz erzitterte, dann starb es leise ab. Aber um so mehr spannte sich jeder Nerv in ihm, sein Körper wurde frisch und drängend.

So saß er, nur mit der einen Erwartung vollgesogen am Abhange und lauschte, ohne es zu wissen, dem fernen Wiehern der Pferde, dem Schreien der Gänse hinter dem Fluß und den tausenden verschwimmenden Lauten des Waldes und des Abends, die wie Saiten hoch über der Erde bebten.

Als er endlich ungleichmäßig rasche Schritte und das Rauschen eines Kleides hörte, wußte er, ohne sich umzuwenden, daß sie es war. Sein ganzer Körper glühte und zitterte, und doch schien er von dem entscheidenden Augenblick geängstigt, jede Fähigkeit, sich zu bewegen, verloren zu haben. Plötzlich wandte er sich scharf um, sicher, gerade das Richtige zu tun, schloß sie in die Arme und trug sie mit unbekannter Kraft und Zuversichtlichkeit über das Gras hinunter.

»Wir werden hinfallen,« flüsterte sie; Glück und Scham erstickten sie fast.

Wieder preßte Jurii ihren Körper in seinen Armen zusammen; bald kam sie ihm groß und üppig wie eine Frau, bald winzig und zerbrechlich wie ein kleines Mädchen vor. Durch das Kleid fühlte seine Hand ihre Beine; er erschrak, als ihm die Berührung in sein Bewußtsein trat.

Unten zwischen den Bäumen war es dunkel; nur von oben fiel blasses Dämmerlicht über den Rand des Abhangs, der den hellen Himmel abschnitt. Jurii legte das Mädchen auf das Gras nieder und setzte sich neben sie. Bei dem matten Licht fand er ihre heißen, weichen Lippen und zehrte mit verlangenden, zähen Küssen, die ihren drängenden Körper wie mit weißglühendem Eisen durchbrannten, an ihnen.

Es war ein Augenblick völligen Wahnsinns, in dem nur noch eine übermächtige tierische Kraft in ihnen gebot. Karssawina widerstrebte nicht und zitterte nur, als Juriis Hand schüchtern und frech, wie es noch niemals zuvor geschehen war, ihre Röcke hochschob.

»Du liebst mich? ... Wirklich?« fragte sie ihn mit abgerissener Stimme. Das Flüstern ihrer in der Finsternis unsichtbaren Lippen war seltsam wie die leichten, geheimnisvollen Laute des Waldes.

Aber plötzlich fragte sich Jurii mit Entsetzen: Was tue ich denn hier? ... Eisige Klarheit durchströmte das flammende Gehirn, alles wurde mit einem Mal kalt und leer, wurde blaß und hell wie ein Wintertag, in dem es kein Leben und keine Kraft mehr gibt.

Sie öffnete halb die hellgewordenen Augen und streckte sich ihm mit trüber, unruhiger Frage entgegen. Doch plötzlich sah sie ebenfalls alles mit raschen, weitgeöffneten Augen vor sich, fühlte seine Blicke sich tief in ihren Körper bohren, und unter unerträglicher Scham erglühend, schlug sie rasch das Kleid herunter und setzte sich aufrecht hin.

Ein qualvolles Durcheinander von Gefühlen durchstürmte Jurii. Jetzt stehen zu bleiben, schien ihm unmöglich, als mache er sich dadurch lächerlich. Ratlos und ohne Besinnung suchte er wieder auf sie einzudringen und sie niederzuwerfen, aber sie wehrte sich ebenso ratlos und ohne Besinnung dagegen. Das kurze, ohnmächtige Balgen, das Jurii trotz des entsetzlichen, hoffnungslosen Bewußtseins seiner lächerlichen und abstoßenden Lage fortsetzte, war in der Tat nur lächerlich und abstoßend. Doch fast in dem Augenblick, als ihr Widerstand versagte und sie von neuem bereit war, sich ihm hinzugeben, ließ er wieder von ihr ab. Karssawina atmete kurz und abgebrochen, wie gehetzt. Es entstand eine auswegslose, schwere Pause; dann sagte er plötzlich:

»Verzeihen Sie mir ... ich bin ... wie verrückt ...«

Sie atmete häufiger; er begriff, daß er das nicht sagen durfte, daß es sie verletzen mußte ... Schweiß bedeckte seinen ohnmächtigen Körper, und wieder murmelten seine Lippen fast wider seinen Willen etwas von dem, was er heute gesehen hatte, über seine Gefühle zu ihr, über jene Gedanken und Zweifel, von denen er immer erfüllt war und durch die er, selbst fortgerissen, auch sie so oft hinriß. Doch in diesen Minuten schien ihm alles, was er sagte, ungeschickt, gebunden, leblos, seine Stimme klang falsch und schließlich brach er ab, plötzlich selber verlangend, daß sie fortginge und dadurch dieser unerträglichen, lächerlichen Situation, wenn auch nur für kurze Zeit, ein Ende mache.

Wahrscheinlich durchlebte sie dasselbe, denn für einen Augenblick hielt sie ihr Atmen an. Dann flüsterte sie, schüchtern und bittend:

»Ich habe keine Zeit mehr. Ich muß gehen.«

... Was tun, ... was tun, fragte sich Jurii; er wurde am ganzen Körper kalt. Sie standen auf, schauten aber einander nicht an. Mit der letzten Bemühung, noch einmal alles zurückzurufen, umarmte sie Jurii schwächlich. Da erwachte in ihr wieder eine mütterliche Regung, als ob sie sich plötzlich als die Stärkere fühle; weich schmiegte sie sich an ihn und lächelte ihm mit aufmunterndem, lieblichem Lächeln gerade in die Augen.

»Auf Wiedersehen, kommen Sie morgen!« sagte sie.

Sie küßte ihn so zärtlich, so stark, daß Juriis Kopf schwindelte und ein Gefühl der Ehrfurcht seine ratlose Seele erwärmte.

Als sie fortging, lauschte Jurii lange auf das Rauschen ihrer Schritte, suchte sich dann seine Mütze auf, die voll Erde und Blätter war, schüttelte sie aus, setzte sie auf und ging ins Gastzimmer hinauf, dem Pfad weit ausweichend, über den Karssawina kommen mußte.

... Ja, dachte er, als er durch die Dunkelheit schritt, war es denn unbedingt nötig, dieses reine Mädchen zu beschmutzen. Unser Zusammensein unbewußt ebenso abzuschließen, wie es jeder Normalmensch an meiner Stelle getan hätte. Gott, mein Gott ... Das wäre abscheulich gewesen. Es war gut, daß ich dessen nicht fähig war ... Und wie widerwärtig doch all das ist. Mit einem Mal, ohne ein Wort, wie ein Tier. Er empfand jetzt nur Ekel über das, was ihn noch kurz vorher mit solcher Kraft und solchem Glück erfüllt hatte.

Doch trotzdem bohrten und rissen unausgelöste Spannungen weiter in seinem fruchtlosen Gram und riefen schwere, dumpfe Scham in ihm hervor. Selbst seine Arme und Beine schlenkerten, wie es ihm vorkam, ungelenker als sonst; seine Mütze mußte wie eine Narrenkappe auf seinem Kopfe sitzen.

»Bin ich denn wirklich noch fähig, weiter zu leben,« fragte er sich in plötzlicher Verzweiflung.

XXXVII

Im breiten Korridor des Klostergasthauses roch es nach Brot, Weihrauch und dem Samowar. Ein behender, gesunder Mönch sauste mit einem Samowar, der rund wie eine Wassermelone war, an Jurii vorbei.

»Väterchen,« rief Jurii, aber unwillkürlich wurde er durch die Anredeform in Verwirrung gebracht; er erwartete, daß auch der Mönch ihn verwundert anstarren müsse.

»Was belieben? ...« fragte dieser ruhig und höflich, wobei sein Gesicht kaum aus den Dampfwolken hervorguckte.

»Zu Ihnen muß heute eine Gesellschaft aus der Stadt gekommen sein.«

»Die ist auf Zimmer sieben,« entgegnete der Mönch so rasch, als ob er gerade auf diese Frage gelauert hätte. »Bemühen Sie sich bitte hier hinaus auf das Balkonchen.«

Jurii öffnete die Tür zum Zimmer sieben. In dem großen Raum war es dunkel und wahrscheinlich auch durch Tabaksrauch ganz undurchsichtig geworden. Hinter der Tür zum Balkon dagegen sah es hell aus; Flaschen klangen, Menschen bewegten sich unter Schreien und Lachen.

»Das Leben ist eine unheilbare Krankheit,« vernahm Jurii durch den Rauch Schawrows Stimme.

»Und du selber bist ein unheilbarer Dummkopf,« schrie ihm Iwanow unter kräftigem Lachen zurück. »Sieh mal einer an, wie die Phrasen aus dir herausplatzen!«

Als Jurii zu ihnen hinaustrat, kamen ihm alle mit freudigen, trunkenen Ausrufen entgegen. Schawrow sprang von seinem Platz auf, riß dabei fast die Decke vom Tisch herunter, kroch hinter ihm vor und murmelte verliebt, während er Juriis Hand in der seinen drückte:

»Das ist aber schön, daß Sie gekommen sind. Besten Dank bei Gott. In der Tat ... Meiner Treu ...«

Jurii nahm zwischen Ssanin und Pjotr Iliitsch Platz und schaute sich um. Der Balkon war von zwei Lampen und einer Laterne hell beleuchtet; man hatte den Eindruck, daß hinter den Grenzen des Lichts eine undurchdringliche schwarze Mauer stand. Sobald sich Jurii jedoch von dem Licht abwandte, sah er noch ziemlich klar den grünlichen Streifen der Abendröte, die bucklige Silhouette des Berges, die Wipfel der nächsten Bäume und weit unten die schwach erglänzende, einschlafende Oberfläche des Flusses.

Falter und Käfer kamen aus dem Walde ans Feuer geflogen, wirbelten herum, schwenkten nieder, erhoben sich, und krochen vom Lichte angesengt, langsam über den Tisch.

Jurii schaute sie an und wurde traurig.

-- -- -- Wir Menschen sind ganz ebenso, dachte er. Wir fliegen geradeso aufs Feuer los, auf jede glänzende Idee, zerschlagen uns an ihr, und sterben in Leiden. Wir glauben, daß diese Idee ein Ausdruck des Weltwillens sei und sie ist doch nur ein Brennen unseres Gehirns.

»Nun trinken wir aus!« rief ihm Ssanin freundlich zu und reichte die Flasche herüber.

»Schön,« sagte Jurii melancholisch und dachte auch sofort, daß das Trinken vielleicht das einzige sei, was ihm noch übrig bleibe. Sie stießen an und stürzten das Glas herunter. Der Wodka schien Jurii widerwärtig wie heißes, bitteres Gift. Mit eklem Zittern am ganzen Körper griff er zu den Speisen. Aber auch sie bewahrten lange einen abstoßenden Geschmack und wollten nicht durch die Kehle rutschen.

-- -- -- Nein, ich muß um jeden Preis von hier fort, sagte er sich. Aber wohin denn? ... Es ist doch überall dieselbe Geschichte. Sich selbst kann man nicht entrinnen. Wenn der Mensch über sein Leben hinauswächst, so wird es ihn nirgends und in keiner Form befriedigen. Ob in diesem Nest oder in Petersburg; das ist alles gleich.

»Meiner Meinung nach ist der Mensch an sich ... nichts!« schrie Schawrow laut.

Jurii sah sein plattes Gesicht mit den Brillengläsern und den langweiligen Augen und dachte, daß ein solcher Mensch in der Tat schon an sich ein Nichts sei.

»Das Individuum ist eine Null, nur Persönlichkeiten, die aus der Masse hervorgehen und mit ihr nicht die Fühlung verlieren, also, die sich der Menge nicht entgegenstellen, wie es die bourgeoisen Helden zu tun belieben, ich sage ihnen, nur die besitzen eine wirkliche Kraft, -- wie?«

»Aber worin soll denn diese Kraft liegen,« entgegnete Iwanow wütend, indem er sich gewichtig mit beiden Ellenbogen der gekreuzten Arme auf den Tisch stemmte ... »Im Kampfe mit der bestehenden Ordnung? ... Meinetwegen ... Aber im Kampf für ihr eigenes Glück, was hilft ihnen da die Masse? -- -- --«

»Aha, Sie sind ja ein ... Uebermensch ... Sie brauchen irgend ein besonderes Glück ... Ein eigenes ... Aber wir Menschen der Menge glauben, daß wir gerade im Kampfe für das allgemeine Glück auch unser Glück finden werden. Verstehen Sie, der Triumph einer Idee, das ist Glück ...«

»Und wenn die Idee Fehler besitzt? ...«

»Das ist ganz gleich,« Schawrow schüttelte energisch den Kopf, als müsse er von vornherein jede Berufung auf eine höhere Instanz ablehnen. »Man braucht nur zu glauben ...«

»Spucke doch darauf,« rief ihm Iwanow verächtlich zu. »Jeder Mensch glaubt, daß das, was er treibt, gerade das Wichtigste und Notwendigste ist. Daran glaubt sogar ein Damenschneider. Du wußtest es auch ... Hast es wahrscheinlich nur vergessen ... Die Pflicht deiner Freunde ist, dich daran zu erinnern, Bruder.«

Jurii schaute mit grundlosem Haß in Iwanows Gesicht, das von dem getrunkenen Wodka blaß geworden war; es sah verschwitzt aus und die großen, grauen Augen blickten glanzlos in das Licht.

»Und worin liegt dann Ihrer Meinung nach das Glück?« fragte Jurii mit verzerrten Mienen.

»Auf keinen Fall sicher darin, das ganze liebe Leben lang zu jammern und auf jedem Schritt sich zu fragen: Halt, da nieste ich doch eben ... habe ich's auch gut gemacht ... Wird daraus womöglich nicht für jemanden Schaden entstehen ... Habe ich durch dieses Niesen meine Berufung erfüllt? -- -- --«

Jurii sah in den kalten Augen klar die Abneigung gegen sich geschrieben und krümmte sich unter dem Gedanken, daß sich Iwanow über ihn lustig machen könnte.

-- -- -- Nun, das werden wir doch sehen, sagte er sich ... »Das ist kein Programm,« erklärte er und gab sich Mühe, in jedem Zug seine Entrüstung zu zeigen und die vollkommenste Verachtung auszudrücken.

»Sie brauchen unbedingt ein Programm? Nun, ich ... was ich will, was ich kann, das tue ich ... da haben Sie ein Programm.«

Schawrow war empört ... »Das ist ein nettes Programm, wie? ... Gar nicht zu sagen.«

Jurii schwieg und machte nur eine abwehrende Bewegung mit der Schulter.

Eine Zeitlang saßen alle schweigend und tranken ... Dann wandte sich Jurii zu Ssanin und begann von dem, was er für das beste hielt, zu reden. Er sah Iwanow nicht an, sprach aber doch nur für ihn. Ihm schien es, daß er jetzt nur einige Worte im Zusammenhang zu sagen brauche, um seine Gedanken vollständig zum Ausdruck zu bringen, und niemand würde imstande sein, ihn zu widerlegen. Aber zu seiner Empörung brüllte Iwanow bei Juriis ersten Worten, daß ein Mensch nicht ohne einen Gott leben könne und daß er sich, wenn er einen gestürzt hätte, sofort einen anderen suchen müsse, damit sein Leben nicht ganz sinnlos wäre, über die Schultern weg:

»Aha, das Märchen von Katharina -- -- das haben wir schon gehört.«

Jurii überhörte geflissentlich den Ausfall und fuhr in der Auseinandersetzung seiner Anschauungen fort. Von der Diskussion hingerissen, bemerkte er garnicht, daß er mit einem Male das, was für ihn selbst noch eine Quelle des Zweifels war, sehr energisch vertrat. Erst am selben Morgen hatte er sich noch Fragen über Glauben und Nichtglauben gestellt. Aber jetzt im Streit zeigte sich, daß er alles schon in sich durchdacht und auf den festesten Grundlagen zu stehen hatte.

Schawrow hörte ihn mit Ehrfurcht und rührseliger Freude an. Ssanin lächelte und Iwanow schaute halb abgewandt hin und warf bei jedem Gedanken, der Jurii originell und individuell vorkam, ein verächtliches: »Auch das haben wir schon längst gehört« dazwischen.

Jurii brauste endlich auf:

»Hören Sie, das haben wir auch schon oft genug gehört. Es gibt nichts Leichteres, als so ein »gehört« einzuwerfen. Wenn man keine Einwände findet, sich damit zu beruhigen. Können Sie nur das eine reden: Gehört, gehört, so habe ich ebensogut das Recht, zu sagen: Nichts, garnichts haben Sie gehört.«

Iwanow erblaßte, und seine Augen rollten aufgeregt.

»Vielleicht,« sagte er mit unverhohlenem Spott und dem Wunsch, zu verletzen, »haben wir wirklich noch nichts gehört. Weder von tragischem Nachdenken, noch über die Unmöglichkeit, ohne Gott zu leben, noch über den nackten Menschen auf der entblößten Erde.« -- -- Jeden Satz sprach er in einem Ton, der wie auf Stelzen ging. Doch plötzlich schrie er böse und abgerissen auf: »Denken Sie lieber mal etwas Neues aus.«

Jurii fühlte, daß in Iwanows Hohn ein wahrer Kern stecke. Er erinnerte sich mit einem Mal, wie viele wissenschaftliche Werke er schon durchgearbeitet hatte. Sowohl über Anarchismus, wie über Marxismus, über Individualismus, über den Uebermenschen und den verklärten Christen, über den mystischen Anarchismus, und noch über vieles Andere. In der Tat hatten alle das schon gehört, aber doch änderte sich in ihnen nichts gegen früher und in ihm selbst lag immer noch das schwere Gefühl geistiger Unbefriedigung. Dennoch kam ihm nicht für eine Sekunde der Gedanke, nun zu schweigen. Er sprach mit aller Schärfe weiter, obgleich er selbst sah, daß er damit mehr Iwanow verletzte, als daß er seine Gedanken begründete.

Iwanow geriet in Wut; er wurde jetzt einfach fürchterlich. Sein Gesicht erhielt einen noch blasseren Schein, die Augen wölbten sich in ihren Höhlen und seine Stimme donnerte wild und grob.

Da mischte sich Ssanin mit verdrießlichen und gelangweilten Zügen in ihren Streit: »Aber so hören Sie doch endlich auf, meine Herren. Wird Ihnen denn das nicht mit der Zeit langweilig. Man kann doch keinen Menschen dafür hassen, daß er nach seiner Manier denkt.«

»Das ist kein Denken mehr, nein, das ist nichts als Schwindel,« schrie Iwanow. »Da will einer zeigen, daß er tiefer und feiner denkt als wir alle ... und nicht ...«

»Mit welchem Recht behaupten Sie das? ... Warum soll ich das gerade wollen und nicht Sie?«

»Hören Sie,« rief Ssanin laut und strenge. »Wenn Sie sich beide prügeln wollen, so gehen Sie hinaus und tuen Sie es, wo es Ihnen Spaß macht. Aber Sie haben kein Recht, uns andere zu zwingen, Ihre unsinnigen Zänkereien mit anzuhören.«

Iwanow und Jurii schwiegen. Sie waren beide rot und zerzaust; sie vermieden es, einander anzuschauen. Eine ziemlich lange Zeit herrschte peinliche Stille.

Dann begann Pjotr Iliitsch melancholisch zu singen:

»Vielleicht wird man auf einem stummen Hügel Die ernste Bahre Rußlands einst errichten. --«

»Sei unbesorgt, die errichtet man schon, wenn's nötig ist,« warf Iwanow hin.

»Sei dem, wie's sei,« sagte Pjotr Iliitsch unterwürfig, setzte aber sein Glas nieder und schenkte Jurii Wodka ein: »Hören Sie auf zu denken, trinken Sie lieber.«

-- -- -- ach alles zum Teufel jagen zu können, -- -- er nahm das Glas und goß es in einem Zug hinunter.