Ssanin: Roman

Part 19

Chapter 193,738 wordsPublic domain

Dann verwirrte sich alles wie im Fieber: Angst und der Trieb zu leben, das Bewußtsein der Unentrinnbarkeit, Hoffnung auf irgend etwas und doch die Sicherheit, daß alles zu Ende sei, die Verzweiflung, die qualvolle Erkenntnis der Stelle, an der sie sterben sollte; plötzlich auch die Gestalt eines Menschen, der ihrem Bruder ähnlich sah und eilig über die Hecke geklettert kam.

In diesem Augenblick rief er sie auch keuchend an: »Etwas Dümmeres hättest du dir auch nicht aussuchen können!«

Jener unfaßbare Zusammenhang von Wünschen und Trieben, führte Lyda gerade zu dem Fleck, wo Sarudins Garten endete, und wo sie sich ihm einst auf halbzerfallener Hecke, in unbequemer Lage, vor dem Mondlicht durch den schwarzen Schatten der Bäume gedeckt, hingegeben hatte. Ssanin hatte sie schon von weitem gesehen und erkannt; er erriet sogleich, was sie im Sinne hatte. Seine erste Bewegung war fortzugehen und sie in nichts zu stören. Aber ihre, offenbar unbewußt hastigen Bewegungen, zogen sein Herz vor Mitleid zusammen; er stürzte, ohne zu überlegen, im Laufschritt über die Sträucher und Bänke des Gartens springend, zu ihr hin.

Seine Stimme machte einen furchtbaren Eindruck auf sie. Ihre Nerven, bis zum äußersten im Kampfe mit sich selbst angespannt, erschlafften augenblicklich, ihr Kopf wurde von Schwindel ergriffen, und alles um sie begann sich mit leichten Kreisbewegungen von ihr zu entfernen. Lyda konnte nicht mehr fassen, wo sie sich eigentlich befand, ob im Wasser oder auf dem Ufer. Hart am Rande gelang es Ssanin noch, sie zu ergreifen; seine eigene Geschicklichkeit und Kraft kamen ihm angenehm zum Bewußtsein und riefen in ihm ein starkes Gefühl der Freude hervor.

»So,« sagte er befriedigt. Dann führte er Lyda zur Hecke, setzte sie herauf und sah sich ratlos um.

-- -- -- Was soll ich nur mit ihr anfangen, dachte er. Doch Lyda kam sofort wieder zu sich; blaß, verwirrt und wie zerbrochen, weinte sie bitter und unaufhaltsam vor sich hin.

»Gott, Gott,« stammelte sie, wie ein Kind schluchzend.

»Du bist ein Dümmchen,« sagte Ssanin zärtlich und mitleidsvoll.

Lyda hörte ihn nicht; aber als er eine Bewegung machte, klammerte sie sich krampfhaft und fest an seinen Arm und weinte noch lauter.

»Was tue ich nur,« dachte sie mit Entsetzen. Ich darf doch nicht weinen; ich muß ja jetzt das Ganze als Scherz hinstellen, sonst errät er alles.

»Nun leidest du,« meinte Ssanin, und streichelte sie weich über die Schultern; es war ihm angenehm, so zärtlich sprechen zu können.

Lyda sah unter dem Rand des Hutes herauf, ganz kindlich in sein Gesicht; plötzlich wurde er still.

»Ich weiß ja alles. Die ganze Geschichte kenne ich schon lange.«

Trotzdem Lyda wußte, daß ihre Beziehungen zu Sarudin den Leuten bekannt waren, riß sie sich mit ihrem ganzen biegsamen Körper von Ssanin los, als wenn er sie über das Gesicht geschlagen hätte. Ihre weitgeöffneten, im Augenblick ausgetrockneten Augen, hefteten sich mit dem prachtvollen Entsetzen eines reizenden, gehetzten Tieres auf den Bruder.

»Nun, was tust du so, als wenn ich dir auf den Schwanz getreten hätte.« Ssanin lächelte gutmütig, griff sie mit Vergnügen an die runden, weichen Schultern, die unter seinen Händen ängstlich zitterten, und hob sie wieder auf die Hecke. Unterwürfig nahm Lyda die frühere, gebrochene Stellung ein.

»Was hat dich denn so zerschmettert? Daß ich alles weiß? ... Als du dich Sarudin hingabst, glaubtest du da so schlecht zu handeln, daß du dich jetzt vor dem offenen Eingeständnis fürchtest? Das begreife ich überhaupt nicht. Und, daß Sarudin dich nicht heiraten wollte. Nun, danke Gott dafür! Jetzt weißt du es ja selbst ... und du hast es auch früher gewußt, daß dieses Kerlchen ein ganz schmutziges und niederträchtiges Kerlchen ist, obgleich er hübsch ist und -- -- sich sicher zur Liebe eignet. Ja, das war das einzige Schöne in ihm, die Schönheit, na und die hast du wohl zur Genüge ausgekostet.«

-- -- -- _er_ meine und nicht _ich_ ... oder auch ich? ... Ja, ... Gott, Gott, ... schwirrte es in dem heißen Kopfe Lydas.

»Ja, daß du schwanger bist ...«

Lyda schloß die Augen und zog den Kopf tief in die Schultern ein.

»Das ist natürlich schlimm,« fuhr Ssanin mit weicher, fast lautloser Stimme fort. »Erstens, ... es ist eine furchtbar langweilige Geschichte, Kinder in die Welt zu setzen, ... schmutzig und sinnlos. Zweitens, die Leute werden dich dann zu Tode hetzen ... Und das wird wohl die Hauptsache sein! Lydotschka, du meine kleine Lydotschka,« fiel sich Ssanin selbst in stürmischem Aufwallen schöner, zarter Empfindungen ins Wort. »Niemandem hast du doch etwas Böses getan, und wenn du selbst ein Dutzend Göhren zur Welt brächtest; -- Herrgott, kein andrer hat Unannehmlichkeiten davon als du.«

Ssanin schwieg still und biß nachdenklich auf den Schnurrbart; die Arme hielt er auf der Brust verschränkt.

»Ich würde dir sagen, was du machen sollst, aber dazu bist du zu schwach und dumm ... Dafür reicht dein Mut nicht aus. Aber auch zu sterben lohnt sich nicht. Sieh nur, wie schön alles ist. Sieh, wie die Sonne leuchtet, sieh, wie das Wasser fließt. Stelle dir doch vor, daß man nach deinem Tod erfährt, du wärest schwanger gewesen. Was geht es dich dann an. Folglich stirbst du nicht, weil du schwanger bist, sondern nur weil du die Menschen fürchtest. Weil du Angst davor hast, daß sie dir keine Ruhe lassen. Das Entsetzliche deines Unglücks besteht nicht darin, daß es an und für sich ein Unglück ist; nein, nur darin, daß du es zwischen dich und dein Leben stellst. Und du denkst dir, es gäbe nichts weiter hinter ihm. Du fürchtest dich doch nicht vor den Menschen, die dich nicht kennen; natürlich nur vor denen, die dir am nächsten stehen. Und am meisten vor allen, die dich lieben. Und für die ist dein Fall ein schwerer Schlag, aber nur, weil, weil er nicht auf dem Ehebett, sondern irgendwo im Wald auf dem Grase oder sonstwo vor sich ging. Die werden doch nicht zögern, dich für deine Sünde zu bestrafen, -- was kann dir also noch an ihnen liegen? ... Du siehst, sie sind dumm, grausam und philisterhaft, -- warum sich also quälen und in den Tod gehen, weil dumme, abgeschmackte, grausame Menschen existieren ...«

Lyda richtete weit geöffnete, fragende Augen auf ihn; in ihrem Blick sah Ssanin einen Funken von Verständnis aufblitzen.

»Was kann ich aber sonst tun? ... Was kann ich tun? ...« sagte sie schwermütig.

»Zwei Auswege hast du vor dir: entweder du machst dich von diesem Kinde frei ... dieses Geschöpf fehlt ja noch niemandem auf der Welt; seine Geburt wird auch niemandem etwas anderes als Schaden bringen ...«

Schwere Angst zeigte sich in Lydas Augen.

-- -- -- »Es ist vielleicht grausam, ein Wesen zu töten, das bereits die Freude des Lebens und den Schrecken des Todes verstanden hat, aber einen Keim zu töten, ein sinnloses Klümpchen von Blut und Fleisch ...«

In Lyda entstand ein sonderbares Gefühl. Zuerst eine prickelnde Scham, als wenn man sie bis zur Nacktheit entkleidet und mit groben Fingern in den tiefsten Geheimnissen ihres Körpers gewühlt hätte. Sie fürchtete, den Bruder anzusehen, damit sie beide nicht vor Scham vergingen. Aber die grauen Augen Ssanins blinzelten garnicht; sie sahen scharf und klar vor sich; seine Stimme klang ruhig und fest, es war, als spräche er über die selbstverständlichsten und gewöhnlichsten Dinge. Unter der Unbeweglichkeit dieser Worte zerfloß die Scham; sie verlor ihre Schärfe, ja fast ihren Sinn. Lyda sah den tiefen Grund in diesen Worten und fühlte, daß sie jetzt jede Angst überwunden hatte. Dann, über die Schärfe ihres Denkens erschreckt, faßte sie sich mit Verzweiflung an die Schläfen; die Aermel ihres Kleides schwangen sich wie die Flügel eines aufgestörten Vogels.

»Ich kann es nicht, kann nicht,« fiel sie ihm ins Wort. »Vielleicht ist es auch so, ... möglicherweise ... aber ich kann es nicht ... es ist zu entsetzlich.«

»Nun, wenn du es nicht kannst, ... was ist da zu tun,« sagte Ssanin, vor ihr niederknieend, und zog ihre Hände still vom Gesicht ab. »Dann werden wir es verheimlichen. Ich werde es dahin bringen, daß Sarudin von hier abreist und du ... heiratest Nowikow und wirst glücklich werden ... Ich weiß sicher, wenn nicht diese hübsche Bestie von Offizier gekommen wäre, würdest du Nowikow lieb gewonnen haben ... Sicher wäre es dazu gekommen.«

Bei dem Namen Nowikow schwang sich etwas Helles und Liebes wie ein lichter Strahl durch Lydas Seele. Weil sie durch Sarudin so unglücklich geworden war, weil sie fühlte, daß Nowikow sie niemals dahin gebracht hätte, erschien ihr eine Sekunde lang das Ganze als ein einfacher und leicht gutzumachender Irrtum, aus dem alles Entsetzliche verschwinden müsse: Sogleich wird sie aufstehen, gehen, ein paar Worte sprechen und lächeln; und gleich wird sich das Leben wieder in seinen leuchtenden Sonnenfarben vor ihr entfalten. Wieder wird sie frei atmen dürfen, wieder lieben, nur um vieles besser, stärker und reiner. Doch sofort erinnerte sie sich, daß die Hoffnungen zwecklos wären, da sie bereits durch die unwürdige, sinnlose Hingabe beschmutzt und zerknüllt sei, wie ein Fetzen Papier. Ein ungewöhnlich grobes Wort, das ihr kaum bekannt und niemals von ihr gebraucht war, trat ihr plötzlich ins Bewußtsein. Mit diesem Ausdruck brandmarkte sie sich wie mit einer schweren Ohrfeige in schmerzhafter Wollust; sie erschrak vor sich selbst.

-- -- -- Herrgott, aber ist es wirklich schon so weit? ... Bin ich denn solch eine. Ja, gewiß, so eine. Ganz genau so. Hier zeigt es sich.

»Was sprichst du da? ...« flüsterte sie verzweiflungsvoll ihrem Bruder zu und schämte sich ihrer wie immer klangvollen und schönen Stimme.

»Und was denn sonst? ...« fragte Ssanin zurück. Er schaute von oben herab auf ihre schönen in Unordnung geratenen Haare und den gesenkten weißen Nacken, auf dem ein leichter goldiger Tupfen Sonnenlichts, der durch die Blätter hindurchgefallen war, schwankte.

Ihm wurde allmählich ängstlich zumute, daß es ihm noch nicht gelungen war, sie zu überreden und daß dieses schöne, sonnige Mädchen, welches so vielen Glück zu geben vermochte, in sinnlose Leere versinken sollte.

Lyda schwieg hilflos. Sie strengte sich an, in sich die herbeigesehnte Hoffnung zu ersticken, die gegen ihren Willen ihren ganzen Körper erfaßt hatte. Ihr schien, daß es nach dem Geschehenen nicht nur beschämend wäre, weiterzuleben, sondern daß allein schon der Wunsch nach dem Leben unrecht war. Aber ihr starker, glutvoller Körper stieß diese schwächlichen Gedanken wie ein Gift von sich und wollte die verkrüppelten, mißgeborenen Kinder nicht als die Seinen anerkennen.

»Warum schweigst du denn,« fragte Ssanin.

»Das ist doch unmöglich ... das wäre gemein ... ich ...«

»Hör mit dem Unsinn auf,« erwiderte er mißvergnügt.

Lyda schielte wieder mit ihren schönen Augen voll Tränen und verborgenen Wünschen auf ihn. Ssanin blieb still, riß an einem kleinen Zweig, bis er abbrach und warf ihn von sich.

»Gemein, gemein,« wiederholte er. »Dich hat wohl furchtbar überrascht, was ich dir vorschlug ... Weshalb? ... Glaube, weder du noch ich, wir werden beide auf diese Frage keine bestimmte Antwort geben können. Und wenn wir selbst eine fänden; es wird doch keine rechte sein ... Ein Verbrechen? ... Was ist denn ein Verbrechen? ...«

»Wenn die Mutter bei der Geburt vom Tode bedroht wird, so ist es kein Verbrechen, ein bereits lebendes Kind, das jeden Augenblick losbrüllen will, in Stücke zu schneiden, zu vierteilen, ihm den Kopf mit einer stählernen Zange zu zerdrücken. Es ist eben nur eine unglückliche Notwendigkeit. Und einen unbewußten physiologischen Prozeß, irgend etwas noch nicht Existierendes, irgend eine chemische Reaktion, einzuhalten, das ist ein Verbrechen, etwas Entsetzliches, ja ... Ein Verbrechen! Obgleich das Leben der Mutter davon genau so gut abhängt und sogar noch etwas größeres als ihr Leben ... ihr Glück. Warum das eigentlich! Niemand kann darauf eine Antwort geben, aber alle brüllen Bravo ...« Ssanin lächelte. »Ja, so sind sie, die Menschen, so machen sie sich irgend ein Schemen, ein Gesetz, eine Fata Morgana und leiden darunter ... Und dann schreit man noch ... Der Mensch, das ist was herrliches, ist erhaben, unbegreiflich, ... ein Mensch ist ein König ... Ein König der Natur, der niemals zum Herrschen kommt ... Immer fürchtet er sich vor seinem Schatten ...«

Ssanin schwieg eine Weile.

»Aber im Uebrigen handelt es sich ja garnicht darum. Du sagst ... Niederträchtig ... Nun, ich weiß nicht, ... vielleicht. Aber wenn man jetzt Nowikow von deiner Geschichte erzählte, wird er ein tragisches Drama durchleben, sich vielleicht erschießen, aber, er wird doch nicht aufhören, dich zu lieben. Und er wird selbst daran Schuld haben, weil er eben an demselben Aberglauben leidet. Vor der Oeffentlichkeit wird er das natürlich nicht zugeben. Wenn er wirklich vernünftig wäre, würde er sich gar nicht darum kümmern, daß du schon mit irgend jemandem zusammengelegen hast. Weder dein Körper noch deine Seele sind dadurch im Geringsten schlechter geworden. Herrgott, eine Witwe zum Beispiel würde er doch ohne weiteres heiraten. Also offenbar handelt es sich garnicht um die Tatsache; es liegt einfach an der Konfusion, die in seinem Kopfe herrscht. Und du? ... Ja, wenn die Menschen nicht anders können, als nur einmal zu lieben, ja, dann würde wohl bei dem Versuch, es ein zweites Mal zu tun, nichts herauskommen. Es müßte nur schmerzhaft, unbequem, abscheulich sein. Aber das ist doch nicht im geringsten der Fall. Alles ist gleich angenehm und vergnüglich. Du wirst Nowikow lieben ... oder -- liebst du ihn wirklich nicht? Weißt du, so reise doch mit mir mit, Lydotschka! Man kann doch überall leben.«

Lyda seufzte, und strengte sich an, aus ihrem Innern etwas Schweres fortzustoßen.

-- -- -- und vielleicht wird wirklich alles wieder gut. Nowikow ... er ist doch lieb, gut ... und auch hübsch ... Aber nein, ich weiß nicht ...

»Und welchen Zweck hätte es nun gehabt, wenn du dich wirklich ersäuft hättest. Gut und Böse würde weder Gewinn noch Verlust dadurch haben, nein, nur Schleim würde deiner aufgedunsenen, formlosen Leiche ankleben, dann würde man dich herausziehen und einbuddeln, ... weiter nichts.«

Vor Lydas Augen tat sich eine grüne, unheimliche Tiefe auf, schleimige Fäden, Streifen, Blasen schlängelten sich in langsamen Windungen an sie heran; im selben Augenblick packte sie auch schon eine furchtbare Bangigkeit.

Nein, nein, niemals, ... lieber die Schande, Nowikow, -- alles mögliche, nur nicht das! dachte sie erblassend.

»Da siehst du, wie du vor Grauen vollständig zusammenklappst.«

Lyda lächelte durch Tränen und dieses zufällige, eigene Lächeln erwärmte sie, als wenn es ihr bewiese, daß es noch möglich sei, zu lachen. ... Was auch sein mag, ich werde leben; -- -- sie dachte es mit leidenschaftlichem und fast triumphierendem Impuls.

»Na siehst du! ... Es gibt nichts Ekelhafteres, als Gedanken an den Tod. Solange man noch nicht vollständig fertig ist, nichts mehr vom Leben sieht und hört, lebe man weiter! Nicht? ... Na, gib doch das Pfötchen.« Lyda reichte ihm ihre Hand und in ihrer scheuen, weiblichen Bewegung lag kindliche Dankbarkeit.

»Na, welch ein hübsches Händchen du doch hast! ...«

Lyda lächelte und schwieg.

Nicht die Worte Ssanins waren es, die die Veränderung in ihr hervorgerufen hatten. In ihr selbst pulsierte hartnäckiges und freies Leben. Eine Minute des Schweigens und der Schwäche spannten es nur noch stärker wie eine Saite an. Noch eine Bewegung und die Saite wäre geplatzt. Aber diese Bewegung kam nicht. Ihre ganze Seele sang noch lauter und klangvoller von Lebenslust und rücksichtsloser Kraft. Mit Entzücken und Verwunderung über die Frische, die ihr selbst seit langem nicht mehr bekannt war, lauschte Lyda auf sich und erfaßte in jedem Atom das mächtige, freudige Leben, das sie umflutete, das heraufbrauste aus dem Lichte der Sonne, dem grünen Grase, dem fließenden, von der Sonne tiefdurchtränkten Wasser, dem lächelnden, ruhigen Gesicht des Bruders und aus ihr selbst. Es schien ihr, daß sie das alles zum ersten Male in ihrem Leben sah und fühlte.

Lebe! -- -- Lebe! rief es betäubend und freudig in ihr.

»So, -- so ist es gut,« sagte Ssanin. »Ich helfe dir im Kampfe, in dieser schweren Zeit und du, -- -- gib du mir dafür einen Kuß, -- -- du bist so schön.«

Lyda lächelte schweigend, ihr Lächeln war unbestimmt. Ssanin legte die Hand um ihre Taille und, während er fühlte, wie sich ihr warmer, elastischer Körper in seinen sehnigen Armen dehnte und anschmiegte, zog er sie fest und überlegen an sich.

In Lydas Seele ging etwas Eigenartiges, aber unsäglich Angenehmes vor. Alles lebte in ihr und verlangte gierig nach einem noch stärkeren Leben. Ohne sich selbst Rechenschaft abzulegen, umschloß sie langsam den Nacken ihres Bruders mit beiden Armen und preßte, die Augen geschlossen, die Lippen zum Kusse zusammen. Als die heißen Lippen Ssanins lange und schmerzhaft die ihren küßten, fühlte sie sich unsäglich glücklich. In dem Augenblick kümmerte es sie nicht, wer sie küsse, so wie es der von der Sonne beschienenen Blume nicht darauf ankommt, wer sie bescheint.

-- -- -- Was tue ich nur, dachte sie mit freudigem Staunen. Ach ja, ich wollte mich ja aus irgendeinem Grunde ertränken. O, wie schön ... nur nochmal, nochmal, ... jetzt küsse ich selbst, oh wie wunderschön und ganz gleich ist es ja, wer da ist ... nur leben, ... leben ...

»So, -- so,« der Bruder ließ sie aus den Armen, »alles was gut ist, ist gut. Weiter braucht man nicht darüber nachzudenken.«

Lyda machte langsam ihre Haare zurecht, sie blickte ihn mit einem glücklichen und doch sinnlosen Lächeln an. Ssanin reichte ihr Schirm und Handschuh; zuerst wunderte sich Lyda über das Fehlen des einen, erinnerte sich dann aber an alles und lachte lange leise vor sich hin; -- sie überlegte, welchen schrecklichen Eindruck vorher das ganz bedeutungslose Inswasserfallen des einen Handschuhs auf sie gemacht hatte.

-- -- -- und so ist alles, dachte sie, während sie mit dem Bruder das Ufer entlang schritt und ihre gespannte Brust der Sonnenglut entgegenstreckte.

XIX

Nowikow öffnete selbst Ssanin die Türe; er wurde mürrisch, als er ihn sah. Ihm war alles peinlich, was in ihm die Erinnerung an Lyda und an all das unbegreiflich Schöne, das in seiner Seele, wie eine zersprungene, feine Vase in Trümmern gegangen war, wachrief.

Ssanin bemerkte es und trat mit versöhnlichem und zärtlichem Lächeln ein. In Nowikows Zimmer herrschte Unordnung. Die Sachen waren durcheinander geworfen, als wenn ein Sturmwind durchgefegt wäre und den Boden mit Papierfetzen, Stroh und allerlei Plunder bestreut hätte. Ohne jede Ordnung lagen auf dem Bett, den Stühlen und den aufgezogenen Schubladen der Kommode Bücher, Wäsche, Instrumente, Taschen aufgestapelt umher.

»Wohin,« fragte Ssanin, der Nowikows Absichten nicht begriff.

Nowikow schob schweigend, ohne ihn anzusehen, ein paar Kleinigkeiten zusammen.

»Bruder, ich fahre in die Hungersnot. Ich habe ein Schreiben erhalten.« Seine Worte waren ungeschickt und er wurde deswegen selbst auf sich zornig.

Ssanin sah ihn, sah die Koffer an, dann wieder ihn und schmunzelte mit einem Mal vergnügt. Nowikow schwieg und packte mechanisch ein paar Stiefel mit Glasröhren in ein Packet. Es war ihm schmerzlich zumute und er fühlte seine volle, trübe Einsamkeit.

»Wenn du so weiter packen willst, kommst du sicher ohne Instrumente und ohne Stiefel an.«

»Ah ...« sagte Nowikow. Er blickte flüchtig auf. »Laß mich ... Du siehst, es wird mir nicht leicht.« Ssanin verstand ihn und schwieg.

Nachdenkliche, sommerliche Dämmerung schwamm schon durch das offene Fenster und über dem leichten Laub des Gartens verlosch der dünne, kristallklare Himmel.

»Nach meiner Meinung,« begann Ssanin nach einer Pause, »würdest du besser tun, dich mit Lyda zu verheiraten, als weiß der Teufel wohin zu reisen.«

Nowikow drehte sich unnatürlich rasch zu ihm herum und zitterte plötzlich am ganzen Körper.

»Ich möchte dich ersuchen, diese dummen Späße zu unterlassen,« rief er mit klirrender Stimme. Dieser scharfe Laut seiner Stimme flog in den nachdenklichen, kühlen Garten hinein und verklang eigenartig unter den stillen Bäumen.

»Was gehst du denn gleich in die Höhe?« fragte Ssanin.

»Hör auf, ...« Nowikow sprach heiser, seine Augen wurden rund, seine Züge ganz unähnlich den weichen, gutmütigen, die Ssanin von früher kannte; doch er brach sofort wieder ab.

»Und willst du behaupten, daß eine Heirat mit Lyda ein Unglück wäre,« fragte Ssanin ruhig weiter, wobei er nur mit den Augenwinkeln lächelte.

»Aufhören, hör auf,« winselte Nowikow, schwankte wie ein Betrunkener, stürzte sich dann plötzlich auf Ssanin, ergriff den ungeputzten Stiefel, der ihm zur Hand lag, und schwang ihn mit unbekannter Wut über seinen Kopf.

»Nun, ruhig, du Teufel,« schrie Ssanin zornig und wich unwillkürlich zurück.

Nowikow warf den Stiefel mit Widerwillen von sich und blieb vor Ssanin schwer keuchend stehen.

»Du wolltest mich mit dem alten Stiefel ...« Ssanin schüttelte mißbilligend den Kopf. Ihm war es um Nowikow leid; dabei schien ihm alles lächerlich, was er tat.

»Bist selbst daran Schuld ...« erwiderte Nowikow sofort wieder schlaff werdend und sich schämend. Aber gleichzeitig empfand er Anhänglichkeit und Vertrauen zu Ssanin. Als wenn dieser groß und ruhig wäre, er aber nur ein kleiner Knabe, so wollte er sich an ihn schmiegen, ihm klagen, was ihn bedrückte. Sogar Tränen traten in seine Augen.

»Wenn du wüßtest, wie schwer mir ist,« sagte er abgebrochen, mit Mund und Kehle schluckend, um nicht in Weinen auszubrechen.

»Ja, mein Lieber, ich weiß alles,« suchte ihn Ssanin zärtlich lächelnd zu beruhigen.

»Nein, das kannst du nicht wissen,« erwiderte Nowikow, während er sich mechanisch an Ssanins Seite setzte. Ihm erschien sein Zustand so ausnahmsweise schwer, daß niemand fähig sein konnte, ihn zu verstehen.

»Doch, ich weiß es,« sagte Ssanin. »Nun, wenn du nicht glaubst -- -- bei Gott! Wenn du dich nicht mehr mit deinem alten Stiefel auf mich stürzen willst, werde ich sogar den Beweis antreten. Nun, wirst du nicht?«

»Nein, entschuldige, Wolodja,« stammelte Nowikow, beschämt, daß er Ssanin mit dem Vornamen anredete, was er sonst nie tat. Ssanin gefiel es gerade und darum wurde in ihm der Wunsch, zu helfen und alles beizulegen, nur noch stärker.

»Höre zu, mein Lieber, wollen wir ganz klar sprechen,« begann er, wobei er seine Hand auf Nowikows Kniee legte. »Du hast dich doch nur auf die Reise machen wollen, weil Lyda dich ablaufen ließ, und weiter, weil du damals bei Sarudin annahmst, daß _sie_ gekommen wäre.«

Nowikow wurde finster. Ihm war es, als wenn Ssanin eine frische, unerträglich schmerzliche Wunde von neuem aufreiße. Ssanin sah ihn an und dachte sich ... Ach du liebes, dummes Viecherl, wie töricht bist du doch.

»Ich werde nicht versuchen, dir zu versichern,« fuhr er fort, »daß Lyda mit Sarudin nichts gehabt hat. Das weiß ich nicht. Ich glaub es nicht.« Er fügte es eilig hinzu, weil er den Ausdruck des Schmerzes bemerkte, der wie der Schatten einer vorbeifliegenden Wolke über Nowikows Gesicht huschte.

Nowikow sah ihn mit trüber Ahnung an.

»Ihre Beziehungen sind von so kurzer Dauer gewesen, daß nichts Ernstes vorgefallen sein kann. Besonders, wenn man Lydas Charakter in Betracht zieht. Du kennst doch Lyda.«

Vor den Augen Nowikows erstand das Bild Lydas, so wie er sie kannte und liebte; das stolze, schlanke Mädchen, mit den großen, bald zärtlichen, bald fast drohenden Augen, von reiner Kälte wie einer eisigen Gloriole umstrahlt. Er schloß die Augen; er glaubte alles, was Ssanin sprach.

»Und wenn es auch wirklich zwischen ihnen so was, wie einen gewöhnlichen Promenaden-Flirt gab, so ist jetzt sicher alles zu Ende. Und was geht dich im Grunde die kleine Leidenschaft eines freien Mädchens an, das doch nichts als ihr Glück suchen will. Du wirst sicher, auch ohne lange im Gedächtnis nachzugraben, Dutzende solcher Leidenschaften oder wahrscheinlich noch viel schlimmere bei dir selber finden.«