Part 20
Nowikow wandte sich nach ihm um, und das Vertrauen, von dem seine Seele übervoll war, machte seine Augen hell und durchsichtig. In seiner Seele bewegte sich eine zitternde Blüte leise schwankend hin und her, doch so schwach, so bereit, in jedem Augenblick zu verschwinden, daß er selbst fürchtete, sie mit einem unvorsichtigen Wort oder Gedanken zum Welken zu bringen.
»Weißt du, wenn ich ...« Nowikow sprach nicht zu Ende, weil er gar nicht imstande war, das, was in ihm arbeitete, in Worte zu fassen; er fühlte leise, zarte Tränen der Rührung über sein Leiden und seine tiefe Bewegung in die Kehle steigen.
»Was? ... Wenn nun? ...« wiederholte Ssanin feierlich, mit erhobener Stimme und glänzenden Augen. »Ich kann dir nur eins sagen, -- -- zwischen Lyda und Sarudin gab es nichts und wird es nichts geben.«
»Ich dachte aber ...« Nowikow fühlte mit Entsetzen, daß er ihm nicht glauben konnte.
»Dummheiten hast du gedacht? ...« Ssanin sprach mit steigender Erregung. »Verstehst du denn Lyda nicht? ... Wenn sie bisher schwankte, was war es dann für eine Liebe?« Nowikow ergriff seine Hand und blickte ihm mit Entzücken auf die Lippen.
Ssanin wurde plötzlich von furchtbarer Wut und Ekel gepackt.
Eine Zeitlang sah er diesem Menschen, den der Gedanke selig machte, daß die Frau, mit der er geschlechtlich verkehren wollte, niemals vor ihm jemandem angehört hatte, empört ins Gesicht. Nackte, tierische Eifersucht, flach und gierig wie eine Reptilie, kroch ihm aus den gutmütigen Menschenaugen Nowikows, die dabei von aufrichtigem Leid verklärt waren, entgegen.
»Oho,« rief Ssanin in drohendem Ton, »nun, so will ich es dir sagen. Lyda war nicht nur in Sarudin verliebt, -- -- nein, Bruder, sie hatte auch ein Verhältnis mit ihm; und, -- -- jetzt ist sie von ihm geschwängert.«
Klingende Stille griff durchs Zimmer. Mit abwehrend schwachem Lächeln sah Nowikow Ssanin an; plötzlich begann er, sich die Hände zu reiben. Seine Lippen gerieten in Bewegung, aber nur ein elendes Wimmern drang hervor und verstarb sogleich. Ssanin blickte ihm von oben herab in die Augen; in seine Mundwinkel legte sich eine grausame und gefährliche Falte.
»Nun, warum schweigst du denn?« fragte er.
Nowikow hob die Augen rasch zu ihm empor, senkte sie aber ebenso schnell wieder, schwieg und lächelte weiter; -- schwach und abwehrend.
»Lyda durchlebt jetzt ein furchtbares Drama.« Ssanin sprach ganz leise, wie zufällig vor sich hin. »Hätte mich nicht der Zufall grade im richtigen Augenblick zu ihr gebracht, so würde sie schon nicht mehr sein. Und was gestern noch ein prachtvoller Mensch voller Leben war, läge jetzt nackt und ekelerregend von Krebsen benagt, irgendwo im Schlamm ... Aber -- -- daß sie nun tot wäre -- darum handelt es sich am wenigsten! Jeder Mensch stirbt. Aber mit ihr wäre zugleich die ungeheure Freude gestorben, die sie in das Leben ihrer Umgebung hineintrug ... Lyda ist natürlich kein einziger Mensch; doch in ihr zeigt sich das Ganze. Und wenn die weibliche Jugend zugrunde gehen würde, dann wäre es in der Welt still, wie in einem Grab. Ja, ich muß sagen, wenn ich sehe, daß man ein schönes, junges Mädchen stumpfsinnig zu Tode hetzt, dann habe ich das dringende Verlangen, jemanden totzuschlagen ... eins über den Schädel ... So ... Ja, hör mal, mein Lieber, mir ist es ganz gleich, ob du Lyda wirklich heiratest oder ob du zum Teufel gehst. Ich möchte dir nur eins sagen ... Du Idiot, du, denke doch, wenn in deinem Schädel nur ein einziger, gesunder Gedanke hockt, würdest du dich dann selbst so quälen, dich und andere unglücklich machen, nur weil ein freies, junges Weib sich geirrt hatte, als sie sich das Männchen aussuchte. Grade nach dem Geschlechtsakte ist sie doch erst zu dem freien Menschen geworden und nicht vor ihm. Ich spreche nur zu dir. Aber du bist es ja nicht nur allein. Oh, diese Idioten, die das Leben zu einem unerträglichen Gefängnis, ohne Sonnenlicht und Bewegung, machen, sie zählen ja nach Millionen. Nun und du selbst. Wie oft bist du auf dem Bauch irgend einer Hure herumgerutscht, hast dich geil vor Gier gewunden, betrunken und schmutzig wie ein Hund, -- -- Du! Bei Lyda war Leidenschaft; es war eine Poesie der Schönheit und Kraft und dagegen bei dir ... Welches Recht hast du nun, dich von ihr wegzuwenden. Du, du hältst dich für einen klugen und gebildeten Menschen. Zwischen eurer Vernunft und dem Verständnis für das Leben sollen angeblich keine Scheidewände sein. Was geht dich ihre Vergangenheit an! Ist sie dadurch schlechter geworden? ... Wird sie dir vielleicht weniger Genuß geben können? ... Wolltest du ihr nicht selbst die Unschuld nehmen -- -- nein?«
»Du weißt selbst, das ist nicht so ...« Nowikows Lippen bebten beim Sprechen.
»Nein, gerade so! Und wenn nicht das, was denn?«
Nowikow schwieg. In seiner Seele war es leer und dunkel geworden; nur wie ein erleuchtetes Fensterchen in dunkelem Feld zuckte in weiter Ferne das trübselige Glück der Vergebung, des Opfers und des Heroismus auf.
Ssanin schaute ihn an und es schien, als fange er seine Gedanken aus allen Windungen des Gehirnes heraus.
»Ich sehe,« sagte er wieder mit leisem aber eindringlichem Ton, »daß du an Selbstaufopferung denkst. Hast für dich bereits ein Loch zum Durchkriechen herausgefunden. Sehr schön, ich lasse mich zu ihr herab, ich decke sie vor der Menge und so weiter ... Und nun wächst du schon in deinen Augen wie ein Wurm auf dem Mist. Nein, du belügst dich da! Nicht für einen Augenblick hast du Selbstaufopferung zu üben. Hätten Lyda die Pocken zerfressen, so müßtest du dich jetzt vielleicht bis zu einem gewissen Grade anstrengen; aber nach zwei Tagen würdest du anfangen, ihr das Leben zu verekeln. Dann hättest du über das Schicksal gejammert, und wärst entweder davongelaufen, oder, ... du würdest ihr das Leben ganz gehörig versalzen und dich verzweifelt als Opfer fühlen. Jetzt siehst du wie ein Heiligenbild auf dich. Warum auch nicht. Mache nur noch ein liebenswürdiges Gesicht und jeder wird dir bestätigen, daß du ein Heiliger bist. Zum Teufel, in Wirklichkeit hast du garnichts verloren ... Was willst du denn? Lyda hat genau dieselben Arme behalten, dieselben Beine, dieselbe Brust, dieselbe Leidenschaft, das gleiche, starke Leben ... Ja, Bruder, es ist doch wirklich ganz wunderschön, all das zu genießen und dabei noch mit dem Bewußtsein, ein edles Werk zu tun.«
Unter Ssanins Worten schrumpfte die rührselige Selbstbewunderung in Nowikows Seele zu einem kleinen Klümpchen zusammen und verendete wie ein zerquetschter Wurm, der sich daran vollgefressen hatte. In seiner Seele entstand ein neues Gefühl, reiner und aufrichtiger als das erste. Mit traurigem Vorwurf sagte er Ssanin:
»Du denkst schlimmer von mir, als in Wirklichkeit recht ist. Ich bin garnicht so stumpfsinnig, wie du meinst. Vielleicht ... ich will's nicht bestreiten, ist in mir auch ein Stück von dem alten Aberglauben, aber ... sieh, Lyda Petrowna hab ich lieb. Und wenn ich nur wüßte, daß sie mich liebte, -- -- -- ich würde mich nicht daran stoßen ...« Das »daran« sprach er nur mit Mühe. Die Schwierigkeit, dies eine Wort ebenso glatt auszusprechen, die ihm sofort zum Bewußtsein kam, verursachte ihm einen scharfen Schmerz.
Ssanin war plötzlich abgekühlt. Er wurde nachdenklich, ging durch das Zimmer, blieb am Fenster bei dem dämmrigen Garten stehen und redete leise vor sich hin:
»Sie ist jetzt unglücklich ... Sie ist jetzt nicht in der Stimmung, zu lieben ... Und ob sie dich liebt oder nicht ... wer kann es wissen ... Ich glaube nur, wenn du jetzt zu ihr hingingst, und -- -- du dann für sie zu dem zweiten Menschen in der Welt wirst, der sie nicht für das momentane, zufällige Glück steinigt, sondern -- -- nun, so kann sie ... aber man kann nicht wissen ...«
Nowikow blickte nachdenklich vor sich hin. In ihm mischten sich Trübsal und Freude; beide bildeten in seiner Seele ein klares, wehmütiges Glück, das einem absterbenden Sommerabend ähnlich war.
»Gehen wir zu ihr! Was auch sein mag, es wird ihr leichter sein, unter all den tierischen Fratzen, ein paar menschliche Gesichter um sich zu sehen ... Du bist zur Genüge dumm, mein Freund. Aber selbst in deiner Dummheit besitzt du etwas, was andere nicht haben. Was soll man tun. Auf diese Dummheit hat die Welt lange genug ihr Glück und ihre Hoffnungen gebaut. Gehen wir!«
Nowikow lächelte ihm schüchtern zu: »Ich will gehen. Aber wird ihr das auch angenehm sein?«
»Daran brauchst du nicht zu denken.« Ssanin legte ihm beide Hände auf die Schultern. »Glaubst du, daß du richtig handelst, dann wird schon alles von selber werden.«
»Gut, so gehen wir.« In der Tür blieb Nowikow noch einmal stehen und blickte Ssanin gerade in die Augen. Mit einer Kraft, die ihm selbst unbekannt war, sagte er:
»Weißt du; -- -- wenn es nur möglich ist, so werde ich sie glücklich machen. Natürlich, die Phrase ist banal. Aber ich kann nicht anders ausdrücken, was ich fühle.«
»Das tut nichts, Bruder. Wirklich, ich verstehe dich so.«
XX
Glühender Sommer lag über der Stadt. In den Nächten stieg der helle, runde Mond hoch über dem Himmel, die Luft war warm und dicht und rief, vom Duft der Gärten durchtränkt, mächtige, wirre Wünsche hervor. Am Tage arbeiteten die Menschen, beschäftigten sich mit Politik, Kunst, mit der Durchführung verschiedener Ideen, mit Essen, Baden, Trinken, Sprechen, doch sobald die Hitze nachließ, die ruhig gewordenen Staubmassen sich schwerfällig legten und am dunkeln Horizont hinter dem fernen Wäldchen oder den nahen Dächern der Rand einer runden, rätselhaften Scheibe erschien, die die Gärten mit kühlem geheimnisvollen Licht überschwemmte, dann blieb alles stehen, gleichsam als ob man plötzlich irgendwelche bunte Kleider von sich abwarf, um frei und leicht ein echtes Leben zu beginnen. Und je jünger die Menschen waren, desto freier und voller wurde dieses Leben. Von den Gärten her sprudelten die Triller der Nachtigall, die Gräser von leichten Frauenkleidern erfaßt schwenkten eigenartig ihre Köpfchen, die Schatten wurden tief, in der Luft lag dumpfes Liebeswirren, die Augen blitzten bald auf, bald bedeckten sie sich mit Nebeln, Wangen wurden rosig, Stimmen verlangend und geheimnisvoll haschend, und neues menschliches Leben entstand urplötzlich unter kühlem Mondlicht im Schatten der schweigsamen Bäume, die Kühle atmeten, auf niedergebogenem saftigem Gras.
Auch Jurii Swaroschitsch glaubte, als er mit Schawrow Politik trieb, sich mit Selbstbildungsvereinen und der Lektüre der neuesten Bücher abgab, daß er gerade darin sein echtes Leben und die Auflösung und Klärung aller Zweifel und Unruhen finden müsse.
Aber soviel er auch las und was er auch begann, alles wurde ihm langweilig und niederdrückend; er sah kein Licht in seinem Leben. Ein solches Licht wollte nur in den Augenblicken aufflammen, in denen Jurii sich gesund und kräftig fühlte und in eine Frau verliebt war.
Früher schienen ihm alle jungen und schönen Mädchen gleich interessant; sie erregten ihn auch in gleicher Weise. Aber jetzt begann sich eine einzige abzuheben; sie nahm allmählich alle Farben und Schönheiten für sich allein und stand prächtig und liebenswürdig wie im Frühlingslicht ein Birkenbäumchen am Waldessaum vor ihm.
Sie war sehr schön, von hohem Wuchs, stark und kräftig, bewegte bei jedem Schritt ihre gespannte hohe Brust, trug den Kopf hoch aufgerichtet auf dem schlanken, weißen Hals, lachte hell, sang schön, und obgleich sie viel las, kluge Gedanken und ihre Gedichte liebte, empfand ihr ganzes Wesen doch nur dann volle Befriedigung, wenn sie irgend etwas Anstrengendes vorhatte, sich mit ihrem elastischen Busen gegen etwas stemmen mußte, etwas aus aller Kraft mit den Armen umschließen, mit den Füßen stoßen, lachen, singen und auf kräftige und schöne Männer blicken konnte. Manchmal wenn die Sonne schien, alles Dunkle niederbrechend, oder wenn auf dunklem Himmel der Mond glänzte, wünschte sie sich die Kleider herunterzureißen und nackt auf dem grünen Grase herumzulaufen, sich ins schwarze, schwankende Wasser zu stürzen, jemanden zu erwarten und zu suchen und dann mit einem klangvollen jubelnden Ruf an sich zu locken.
Ihre Anwesenheit erregte Jurii, und zauberte in ihm frische, unausgenützte Kräfte hervor. Vor ihr war seine Sprache farbiger und heller, seine Muskeln wurden kräftiger, sein Herz stärker und sein Denken schärfer. Den ganzen Tag hindurch dachte er nur an sie, des Abends ging er sie zu suchen; und doch verbarg er es auch vor sich selbst. In seiner Seele lag noch etwas, wie ein abgenagter Knochen, der sich der Kraft, die von innen heraus zur Freiheit drängte, in den Weg legte. Jedes Gefühl, das in ihm auftauchte, hielt er fest, um es zu analysieren. Dadurch wurde das Gefühl farblos und fahl und verlor seine Blätter, wie eine Blume im Frost. Wenn er sich danach fragte, was ihn zu Karssawina ziehe, so antwortete er sich, daß es der Geschlechtstrieb sei und weiter nichts. Und obgleich er selbst keinen Grund dafür angeben konnte, rief dieses eckige, harte Wort nachlässige und niederdrückende Verachtung vor sich selbst hervor.
Inzwischen legte sich ein geheimnisvolles Band um sie und wie in einem Spiegel fand sich jede seiner Bewegungen in ihr und ihrer in ihm wieder.
Karssawina versuchte nicht, sich über die geheimen Regungen ihrer Seele klar zu werden. Nur wie von ferne lauschte sie ihnen glücklich, gleichzeitig aber bemüht, sie vor den Anderen geheim zu halten. Es verursachte ihr quälende Unruhe, daß sie nicht alles verstehen konnte, was in Seele und Körper des schönen und jungen Menschen, den sie liebte, vorging. Zeitweilig redete sie sich ein, daß zwischen ihnen keine besonderen Beziehungen beständen; dann brach sie plötzlich in Schluchzen aus, als ob sie einen unersetzlichen Schatz verloren hätte. Auch die Aufmerksamkeit anderer Männer, deren seltsame Blicke sie oft auf sich gerichtet spürte, vermochte sie dann nicht zu trösten. Fast immer blieb sie ihnen gegenüber vollständig gleichgültig. Nur zu Zeiten, wenn sie sicher war, von Jurii geliebt zu werden und unter diesem Gedanken wie eine Braut aufblühte, bemerkte sie, daß sie auf andere besonders aufreizend wirkte; dann wurde sie selbst von den geheimnisvoll gierigen Wünschen in Aufruhr gebracht.
Eine besondere sinnliche Spannung empfand sie, wenn sich ihr Ssanin mit seinen breiten Schultern, ruhigen Augen und den sicheren, kräftigen Bewegungen näherte. Sobald sie sich bei dieser unfaßbaren Erregung ertappte, erschrak sie, hielt sich für schlecht und verdorben, konnte es aber doch nicht unterlassen, Ssanin auch weiter mit Neugierde zu betrachten.
An dem Abend des Tages, an dem Lyda ihr furchtbares Drama durchlebte, trafen sich Jurii und Karssawina in der Bibliothek. Sie grüßten sich einfach; jeder war von seiner Arbeit in Anspruch genommen. Karssawina suchte sich Bücher aus, während Jurii die Petersburger Zeitungen durchblätterte. Doch traf es sich wieder, daß sie zusammen hinausgingen und so begleitete Jurii Karssawina durch die schon leeren vom Mond beleuchteten Straßen.
In der Luft lag eine ungewöhnliche Stille und nur die Knarre des Nachtwächters drang von der Entfernung gemildert zu ihnen herüber, hin und wieder auch hinter den Häusern hervor das Belfern eines kleinen Hundes.
Am Boulevard stießen sie auf eine Gesellschaft, die im Schatten der Bäume saß. Von ihr schallten lebhafte Stimmen zu ihnen her, die Feuerchen von Zigaretten glimmten einen Augenblick auf und zeigten Schnurrbärte und rote Gesichter. Als sie bereits vorbeigegangen waren, hörten sie eine helle, fröhliche Männerstimme ein Lied beginnen: Das Herz der Schönen ist ein Hauch im Felde ...
Dicht bei dem Hause, in dem Karssawina wohnte, setzten sie sich auf eine Bank, die an einem fremden Tore stand. Aus seinem tiefen Schatten heraus hatten sie jetzt die breite vom Mondlicht gleichmäßig beschienene Straße bis zu einer weiß schimmernden Kirchenkuppel vor sich liegen. Dort hinten schwankten breite Linden, die das leuchtende Bild in einen dunklen Rahmen spannten; über ihnen funkelte kühl wie ein Stern das goldene Kirchenkreuz gegen den Himmel.
»Sehen Sie, wie schön,« sagte Karssawina gedehnt und wies mit der Hand durch die Luft.
Jurii warf verstohlen einen entzückten Blick auf ihren weißen Oberarm, der weich durch die kurzen Aermel der kleinrussischen Bluse blickte; er hatte das unbändige Verlangen, sie an sich zu reißen und auf die vollen saftigen Lippen zu küssen, die den seinen verführerisch nahe standen. Plötzlich fühlte er, daß es sogleich geschehen müsse; auch sie schien mit Furcht und Sehnsucht nur darauf zu warten.
Aber dieser Augenblick entfiel ihm. Er wurde schlaff, zog die Lippen zusammen und stieß ein spöttisches Räuspern aus.
»Warum das? ...« fragte Karssawina.
»Ach nichts,« Jurii konnte das leidenschaftliche Beben in seinen Füßen nur mit Mühe überwinden. »Es ist zu schön ... hier.«
Sie schwiegen, lauschten den entfernten Lauten, die von den dunklen Gärten und den vom Mond bestrahlten Gärten her herüberklangen.
»Waren Sie schon einmal verliebt,« fragte plötzlich Karssawina.
»Ja, ...« antwortete Jurii langsam und dachte ... wie wäre es, wenn ich ihr gleich alles sagte. Zögernd fuhr er fort: »Ich bin auch jetzt verliebt.«
»In wen?« Karssawinas Stimme zitterte voll scheuer Zuversicht.
»In wen? ... Aber in Sie doch!« Jurii neigte sich vor und suchte ihre Augen, aus denen er nur durch die Schleier des Schatten ein seltsames Glänzen aufblinken sah. Er versuchte scherzhaft zu sprechen, kam aber nicht in den Ton hinein.
Sie schaute ihn rasch und erschrocken an und ihr beengtes glückseliges Gesicht war voll Erwartung.
Jurii wollte sie umarmen; in seinen Händen fühlte er schon die weichen warmen Schultern und die elastische Brust, erschrak aber wieder vor sich selbst und kraftlos, ohne seinem Wunsch nachzugeben, gähnte er.
-- -- -- Er scherzt nur, dachte bitter Karssawina und im selben Augenblick wurde in ihr alles unter der Empfindung, gekränkt zu sein, eiseskalt. Sie spürte, daß sie gleich weinen müsse; in dem krampfhaften Versuch, die Tränen zurückzuhalten, preßte sie die Zähne zusammen.
»Dummheiten,« murmelte sie und erhob sich eiligst; in dem einen Wort tönte ihre Stimme völlig verändert.
»Ich spreche ernst,« sagte Jurii in einem Ton, der jetzt gegen seinen Willen unnatürlich klang. »Ich liebe Sie und ... glauben Sie es mir, von ganzem Herzen.«
Karssawina nahm ohne Antwort ihre Bücher zusammen.
»Warum das? ...« dachte sie mit Gram und plötzlich ergriff sie eine entsetzliche Scham bei dem Gedanken, daß er ihre Empfindungen erraten hatte und sie nun verachten würde.
Jurii reichte ihr ein Buch, das auf den Boden gefallen war.
»Es ist Zeit, nach Hause zu gehen,« sagte sie leise.
Jurii bedauerte es selbstquälerisch, daß sie fortgehen wollte; gleichzeitig fiel es ihm auf, wie alles, was sie sagte, so originell und schön, weit entfernt von jeder Banalität, erschien.
Als Karssawina ihm die Hand reichte, verneigte er sich unbeabsichtigt und küßte die weiche, warme Handfläche, von der ihm ein lieblich frischer Geruch ins Gesicht stieg. Karssawina riß sofort mit einem leisen Aufschrei die Hand zurück:
»Was tun Sie!«
Doch die flüchtige Empfindung, die seine Lippen bei der Berührung aus ihrem warmen, jungfräulichen Körper mit sich rissen, war so stark, daß sie ihm den Kopf benahm und er nur glückselig und sinnlos dem raschen Rauschen ihrer sich entfernenden Schritte nachlächeln konnte.
Bald hörte er die Pforte knarren. Immer noch mit demselben Lächeln schritt Jurii nach Hause; aus vollen Kräften atmete er die reine Luft ein. Er fühlte seine Kräfte wachsen; er war glücklich.
XXI
Sobald Jurii in sein Zimmer trat, das ihm nach der Freiheit und Kühle der Mondnacht eng und dumpf wie ein Gefängnis vorkam, begann er darüber nachzudenken, wie das Leben doch nichts als eine Kette von öden Banalitäten sei.
-- -- -- einen Kuß abgepflückt ... was für ein Glück, nein, wahrlich was für eine Heldentat, -- -- -- denk einer an ... wie würdig und poetisch ... Es scheint der Mond ... der Held verführt die Jungfrau mit feurigen Reden und Küssen ... pfui Teufel welche Abgeschmacktheit, -- -- -- in diesem verfluchten Nest merkt man garnicht, wie flach man wird.
Als Jurii noch in der Großstadt lebte, war er niemals über den Gedanken fortgekommen, daß er nur aufs Land zu gehen brauche, um in dem einfachen Leben der bäuerlichen, schwarzen Erde, voll echter, nicht erst mühsam konstruierter Arbeit, mit Feldern, Sonne und Bauern unterzutauchen, damit sein nutzloses Dasein endlich einen tiefen, wahren Sinn erhalte. Jetzt war er wieder ebenso fest überzeugt, daß er sein Leben sofort in die richtige Bahn bringen würde, wenn er anstatt in diesem Nest zu stecken, plötzlich in die Hauptstadt fliegen könnte.
Es lärmt die Stadt, es brausen Reden, Es tobt der wüste Tintenkrieg, Doch Rußland liegt in tiefem Schweigen, Wie es Jahrhunderte lang schwieg.
deklamierte Jurii mit nachdenklichem Gesicht und unwillkürlichen Pathos.
Aber gleich ertappte er sich bei seiner knabenhaften Begeisterung und fiel automatisch wieder in die teilnahmslose Stimmung zurück.
-- -- -- und übrigens, was hat das alles zu bedeuten ... Alles ganz gleich. -- -- -- Politik, Wissenschaft, das ist Alles sehr gut und schön, aber nur aus der Ferne, im Ideal. -- -- -- Im Allgemeinen und im Leben eines einzelnen Menschen ist es gradso gut ein Handwerk wie jedes andere. Kampf, titanische Krafteinsetzung, ja, -- -- -- im gegenwärtigen Leben ist es doch unmöglich. -- -- -- Gut ich leide aufrichtig, ich kämpfe, ich suche mich zu überwinden, -- -- aber was bleibt mir denn zu guter Letzt. Der endgültige Abschluß des Kampfes liegt außerhalb meines Lebens. Prometeus wollte den Menschen das Feuer bringen; er tat es auch wirklich. Das war sein Sieg! Wir aber, wir können nur Späne in das Feuer werfen, das wir nicht entfacht haben und das von uns ebensowenig einmal verlöscht werden wird.
Plötzlich stieg ihm der Gedanke auf, daß seine Schwäche nur daher käme, weil er kein Prometeus sei. Diese Erkenntnis war ihm unangenehm, und doch ergriff er sie mit krankhafter Selbstpeinigung.
-- -- -- Was für ein Prometeus bin ich! Bei mir läuft alles sofort aufs persönliche Gebiet über; ich, ich ... für mich, mich ... Ich bin ebenso schwach und nichtig wie alle diese Leutchen, die ich von ganzem Herzen verachtete.
Die Parallele wirkte so niederschlagend auf ihn, daß er zusammenzuckte und eine Zeitlang stumpf vor sich hinstarrte, um nach einer Rechtfertigung für sich zu suchen.
-- -- -- Nein, ich bin nicht wie die Andern, dachte er endlich mit Erleichterung ... Schon aus dem einfachen Grunde, weil ich mir hierüber Gedanken mache. Die Rjäsanzew, Nowikow, Ssanin, die kommen garnicht zum Nachdenken ... sie sind weit entfernt von tragischer Selbstkasteiung, wie die triumphierenden Schweine Zaratustras. Bei ihnen liegt das ganze Leben in ihrem eigenen, mikroskopisch kleinen Ich; sie sind es gerade, die auch mich mit ihrer Flachheit anstecken. Mit den Wölfen muß man heulen, das ist natürlich!
Jurii begann im Zimmer herumzulaufen, und wie es oft der Fall ist, änderten sich seine Gedanken mit dem Wechsel der Stellung.
-- -- -- Nun gut, das ist so ... Aber ich habe noch mehr zu überlegen. Wie sind eigentlich meine Beziehungen zu Karssawina. Ob ich sie liebe oder nicht, das ist gleich ... Aber was kann daraus werden ... Wenn ich sie heiraten würde, oder einfach mit ihr für eine Zeit ein Verhältnis anfinge ... wäre das für mich wirklich ein Glück? Sie zu betrügen, ist ein Verbrechen, und -- falls ich sie liebe ... nun gut, sie bekommt Kinder, -- -- -- Jurii errötete plötzlich ohne Grund. -- -- -- Das ist noch nichts Schlimmes, aber dennoch wird es mich binden, und für immer meiner Freiheit berauben ... Familienglück, Spießerfreuden, nein, das ist nichts für mich.