Ssanin: Roman

Part 18

Chapter 183,715 wordsPublic domain

Doch ebenso plötzlich schlug dieses Gefühl wieder um; Lyda wurde ihm widerwärtig. Er mußte von ihr fortgehen, sie von sich stoßen, nichts mehr von ihr hören und sehen. Der Widerwille zeigte sich so unversöhnlich, daß selbst das Sitzen an ihrer Seite zur Folter wurde. Aber gleichzeitig machte ihn die dunkle Angst vor ihr, die sich in ihm wand und krümmte, willenlos und heftete ihn an die Stelle. Mit seinem ganzen Wesen empfand er, daß ihn nichts mehr mit ihr zusammenhielt. Er hatte sie mit ihrem Einverständnis, ohne ihr das geringste Versprechen zu geben, besessen; er gab ihr nur das, was er selbst von ihr erhielt. Er erwartete, daß Lyda von ihm etwas fordern würde und er mußte entweder einwilligen oder er handelte lumpenhaft und schmutzig. Das Gefühl völliger Ohnmacht ergriff ihn, als hätte man aus seinen Gliedern alle Knochen herausgezogen und in seinen Mund statt seiner Zunge einen nassen Lappen gehängt. Diese Gedanken verletzten und empörten ihn. Es drängte ihn aufzuschreien, ihr ein für alle Mal zuzurufen, daß sie kein Recht hätte, etwas von ihm zu verlangen. Doch sein Herz zog sich nur feige zusammen und er rief nur eine Dummheit aus, die für ihn selbst unerwartet kam und garnicht zum Moment paßte.

»Oh, Weib, Weib, -- -- -- so wie Shakespeare sagte.«

Lyda sah ihn erschrocken an. Und plötzlich wurde ihr Hirn von einem schonungslos grellen Licht durchflammt. Jetzt begriff sie, daß sie verloren war. Für einen Menschen, der in Wirklichkeit garnicht existierte, hatte sie das ungeheuer Reine und Große, das zu geben sie fähig war, von sich gerissen. Ihr herrliches Leben, ihre unwiederbringliche Reinheit war einem widerwärtigen und feigen Tierchen vor die Füße geworfen worden; es nahm nichts mit Freude und Dank für den Genuß entgegen, sondern bespritzte sie nur in Akten stumpfsinniger Gier mit Kot. Es gab einen Augenblick, wo sie der Ausbruch der Verzweiflung unter ohnmächtigem Schluchzen und Händeringen fast zu Boden warf.

Aber in krankhafter Geschwindigkeit wurde die Verzweiflung durch eine Flut rachsüchtigen, stechenden Hasses fortgeschwemmt.

»Begreifen Sie denn wirklich nicht, welch ein Idiot Sie sind?« stieß sie scharf und leise durch ihre zusammengepreßten Zähne, während sie sich seinem Gesicht dicht entgegenschob.

Diese groben Worte und der drängende, grimmige Blick waren bei der feinen und weiblichen Lyda so unerwartet, daß Sarudin unwillkürlich von ihr abrückte. Aber doch verstand er die ganze Bedeutung dieses Blicks noch nicht und versuchte ihn noch immer mit einem Scherz beiseite zu schieben.

»Was sind das für Ausdrücke,« sagte er verwundert und tat ein wenig verletzt.

»Ich habe an Wichtigeres als an die Ausdrücke zu denken.«

»Aber wozu gleich die Tragik!« Sarudin runzelte unmutig die Stirne. Er folgte mit plötzlich erwachter Begierde unbewußt der Wölbung ihrer ausgemeißelten Arme und schlanken Schultern.

Ihre verzweifelt hilflose Geste brachte ihm das Bewußtsein seiner eigenen Ueberlegenheit wieder zurück.

Es war, als ständen beide auf einer Wage. Senkte sich der eine, so hob sich sofort der andere. Mit besonderem Vergnügen fühlte Sarudin heraus, daß dieses Mädchen, das er innerlich für höherstehend wie sich selbst hielt, und vor dem er in Augenblicken wollüstiger Zärtlichkeiten nicht seine Scheu überwinden konnte, nach seinen Begriffen jetzt eine erbärmliche und erniedrigte Rolle spielte. Diese Ueberlegung war ihm angenehm und stimmte ihn weicher. Sarudin ergriff zärtlich ihre gesenkten, willenlosen Hände und zog sie leise an sich heran; er erregte sich schon jetzt und atmete heißer.

»Nun genug doch, es ist ja nichts Schreckliches passiert.«

»Glauben Sie?« fragte Lyda. Sie faßte ihn ganz eigentümlich ins Auge; aus ihrer Ironie holte sie plötzlich neue Kraft.

»Na, gewiß doch,« antwortete Sarudin und suchte sie mit einer erregenden und schamlosen Berührung zu umarmen. Aber von Lyda strömte ihm eisige Kühle, unter der seine Hände unwillkürlich erschlafften, entgegen.

»Nun genug doch! Warum bist du böse geworden, mein Kätzchen,« sagte er mit zärtlichem Vorwurf.

Mit einer bösen Bewegung riß sich Lyda aus seinen Armen los.

Sarudin fühlte sich physisch darüber verletzt, daß das Aufschnellen seiner Leidenschaft unnütz verloren gegangen war.

-- -- -- weiß es der Teufel, dachte er. Da fange mal einer mit diesen Weibern an. Laut fragte er sie: »Was hast du denn eigentlich?« Auf seine Backenknochen traten rote Flecken.

Als hätte diese Frage in Lyda einen letzten Schleier zerrissen, schlug sie ihre Hände vors Gesicht und begann ganz unerwartet zu weinen. Sie schluchzte geradeso wie die Weiber im Dorfe schluchzen. Mit den Händen das Gesicht bedeckt, den ganzen Körper vornübergeneigt und die Laute gedehnt ausziehend. Die langen Haarsträhnen hingen längs des nassen Gesichts; sie wurde häßlich. Lächelnd und doch ängstlich, daß sie dieses Lächeln kränken könnte, versuchte er ihr die Hände vom Gesichte loszureißen, aber Lyda drückte sie hartnäckig dagegen und weinte ohne Unterbrechung.

»Ach du lieber Gott,« stieß Sarudin ärgerlich aus. Wieder kam ihm der Wunsch, ihr Grobheiten zu sagen, sie zu beschimpfen, an den Haaren zu zerren.

»Ja, was hast du denn eigentlich. Nun, du bist eben mit mir gelaufen, was schadet das schon. Und mit einemmal. Was ist denn Großes passiert? Hör doch endlich damit auf!«

Er ergriff sie am Arm.

Der Kopf Lydas mit dem nassen Gesicht und dem aufgelösten Haar erschütterte unter dem Stoß, und mit einemmal schwieg sie still, die Hände gesenkt, ganz zusammengekrümmt; in kindischer Furcht blickte sie zu ihm herauf. Der wahnsinnige Gedanke, daß von jetzt ab jeder das Recht hätte, sie zu schlagen, zuckte durch ihr Hirn. Doch Sarudin erschlaffte selbst wieder und sprach einschmeichelnd und unsicher:

»Aber Lydotschka, genug doch, du bist ja selbst schuld. Wozu diese Szenen. Nun, du hast gewiß viel verloren. Aber dafür gab es doch auch viel Glück. Niemals werden wir vergessen, -- -- diese -- --«

Lyda weinte wieder.

»Aber so höre doch endlich auf!« Er ging im Zimmer auf und ab und zupfte den Schnurrbart über den nervös zitternden Lippen.

Es war still, und hinter dem Fenster schwankten leise, wahrscheinlich von einem Vogel bewegt, dünne, grüne Zweige.

Sarudin beherrschte sich mit Mühe, kam wieder auf Lyda zu und versuchte nochmals, sie vorsichtig zu umarmen. Doch sie riß sich augenblicklich mit scharfem Ruck von ihm los und stieß ihn mit dem Ellenbogen so gegen das Kinn, daß seine Zähne deutlich aneinanderknackten.

»Ah Teufel!« Er rief es, wütend über den Schmerz, aber noch mehr darum, weil das Klappern seiner Zähne sehr unerwartet und komisch war.

Obgleich es Lyda selbst garnicht bemerkt hatte, fühlte sie unwillkürlich, daß die Situation für Sarudin lächerlich geworden war. Und mit weiblicher Grausamkeit nützte sie diesen Umstand aus.

»Was sind das für Ausdrücke,« äffte sie höhnisch.

»Das kann jeden in Wut bringen, denke ich. Wenn man wenigstens wüßte, um was es sich handelt.«

»Und das merken Sie noch immer nicht?« Lyda behielt noch immer die gleiche Ironie bei.

Schweigen trat ein. Lyda sah ihn gerade an und ihr Gesicht flammte auf. Plötzlich begann Sarudin rasch und gleichmäßig blaß zu werden, als wenn eine graue Decke von außen über seine Mienen gezogen würde.

»Nun, weshalb schweigen Sie? ... Sagen Sie doch etwas! Trösten Sie doch! ...« Lydas Stimme brach in einen hysterischen Schrei ab, vor dem sie selbst erschreckte.

»Ich? ...« Sarudins Unterlippe zitterte.

»Gewiß! Kein anderer! Leider sind Sie es gerade!« schrie sie, fast erstickt von bösen, verzweifelten Worten, die den letzten Schleier der Feinheit zwischen ihnen zerrissen und mit einemmal aus ihnen eine verzerrte Bestie herausbrechen ließen.

Reihen von Gedanken durchschlüpften blitzschnell, einem Schwarm flinker Mäuse gleich, das Hirn Sarudins. Sein erster Gedanke war, Lyda Geld zu geben, damit sie die Frucht abtreibe und der Sache ein Ende mache. Aber trotzdem er das für das Beste hielt, wagte er es nicht vorzuschlagen.

»Das habe ich wirklich nicht erwartet,« stammelte er.

»Nicht erwartet? ... So. Und mit welchem Recht wagten Sie es, das nicht zu erwarten?«

»Lyda ... ich habe doch eigentlich nichts ...« Sarudin fürchtete seine eigenen Worte schon im Voraus, sah aber ein, daß es gesagt werden mußte.

Lyda verstand ihn auch so. Wilde Verzweiflung durchbrach ihr schönes Gesicht. Ohnmächtig ließ sie die Hände fallen und setzte sich aufs Bett.

»Gott, was soll ich denn nur machen,« sagte sie mit seltsamer Nachdenklichkeit vor sich hin. »Soll ich ins Wasser gehen ... oder wie, was? ...«

»Na, ... warum gleich das!«

»Und wissen Sie, Viktor Sergejewitsch ... Sie hätten wahrscheinlich garnichts dagegen, wenn ich es wirklich täte!« In ihren Augen und den Zuckungen der feinen Lippen lag etwas so Trauriges und Furchtbares, daß Sarudin unwillkürlich die Augen abwendete.

Lyda stand auf. Ekelndes Grauen packte sie plötzlich, daß sie nur einen Augenblick an ihn als ihren Retter denken konnte; daran, daß sie mit ihm für immer leben sollte. Und nun wünschte sie, nur noch einmal mit der Hand abzuwinken, um ihm mit dieser einen Bewegung ihre Verachtung auszudrücken und alle Demütigungen zu rächen; doch sie fühlte, daß sie, sobald sie zu sprechen begänne, auch anfangen müsse, zu weinen und sich dann nur noch mehr erniedrigen würde. Eine Regung des Stolzes, der letzte Ueberrest der schönen und starken Lyda, hielt sie davon zurück. Statt dessen sagte sie nur, zusammengepreßt, aber klar und deutlich:

»Rindvieh!«

Dann stürzte sie zur Tür, daß die Spitzenmanschetten der Aermel von der Klinke erfaßt und zerrissen wurden.

Sarudin stieg das Blut zu Kopf. Hätte sie ihm Halunke oder Schurke zugerufen, so würde er das ganz ruhig ertragen haben, aber gerade das Wort Rindvieh klang besonders häßlich und widersprach ganz der Vorstellung, die er sich über seine Person gebildet hatte, er wurde vollständig verwirrt. Sogar das Weiße seiner schönen, konvexen Augen rötete sich. Er lächelte ratlos, zuckte die Schultern, riß seinen Kittel auf und schloß ihn wieder und empfand im Augenblick nur, daß er tief unglücklich sei. Aber gleichzeitig damit begann in irgend einem Winkel unwillkürlich das Gefühl der Freude darüber zu wachsen, daß die Affäre mit Lyda so oder anders, doch auf jeden Fall zu Ende kam. Ein feiger Gedanke flüsterte ihm wieder zu, daß ein solches Mädchen wie Lyda ihn niemals mehr aufsuchen würde. Eine Sekunde lang tat es ihm leid, daß ihm eine so schöne und geschmackvolle Geliebte verloren gehen sollte, aber dann schlug er gleichgültig mit der Hand durch die Luft und dachte: Hol's der Teufel, es gibt deren viele.

Er ordnete den Kittel, zündete sich mit Fingern, die noch zitterten, eine Zigarette an, markierte auf dem Gesichte einen geschickten, sorglosen Ausdruck und ging zu seinen Gästen zurück.

XVII

An dem Spiel war außer dem betrunkenen Malinowski niemand mehr interessiert.

Alle beschäftigte allein die Frage, was für ein Mädchen zu Sarudin gekommen sei. Die, welche errieten, daß es sich um Lyda Ssanina handele, waren unbewußt neidisch, und ihre Einbildung störte sie am Spiel, indem sie ihnen Lydas ungekannte Nacktheit und ihre Intimitäten mit Sarudin vorspiegelte.

Ssanin blieb nicht lange bei den Karten sitzen. Er stand auf und sagte: »Ich mache nicht mehr mit! Auf Wiedersehen!«

»Warte, Bruder, wo willst du hin?« fragte Iwanow.

»Will mal hingehen und nachschauen, was da eigentlich passiert.« Ssanin zeigte mit den Fingern auf die geschlossene Tür. Alle belachten seine Worte als einen Scherz.

»Genug, den Hans Narr zu spielen! Komm, setz dich hin, genehmigen wir einen.«

»Du bist selbst ein Hans Narr,« erwiderte Ssanin gleichgültig Iwanow und ging hinaus.

Als er in eine schmale Gasse trat, in der saftige und dichte Nesselsträucher wuchsen, machte er sich zunächst klar, wo sich die Fenster von Sarudins Zimmer befinden mußten. Es gelang ihm, die Nesselsträucher vorsichtig mit dem Fuße beiseite zu drücken; er kam bis an den Zaun und kletterte elegant hinauf. Oben vergaß er fast, weshalb er hinaufgeklettert war, so angenehm war es ihm, von dem hohen Platz herab, auf das grüne Gras und den dichten Garten zu schauen und mit allen von der Bewegung angespannten Muskeln, den frischen, weichen Luftzug zu empfinden, der die Hitze milderte, und frei durch seine dünne Bluse hindurchlief. Dann sprang er wieder hinab, trat in die Nesseln, kratzte melancholisch die verbrannten Stellen und schritt durch den Garten.

Er trat grade in dem Augenblick an das Fenster, als Lyda zu Sarudin sagte: »Und haben Sie denn selbst nichts gemerkt? ...« Sofort verstand er an dem seltsamen Tonfall ihrer Stimme, um was es sich handelte. Mit den Schultern an die Wand gelehnt, blickte er in den Garten hinein und lauschte doch interessiert den Stimmen, die durch die Erregung entstellt waren. Es tat ihm um die schöne, in den Schmutz gezogene Lyda leid, zu derem reizenden Bild das rauhe, tierische Wort schwanger so garnicht paßte. Aber noch tiefer als der Inhalt ihres Gesprächs berührte ihn der sonderbare und unsinnige Kontrast zwischen den erbosten Menschen im Zimmer und der lichten Stille des grünen Gartens, die auch diesen Menschen von der Natur gegeben war.

Ein weißer Falter schwebte leicht durch das Gras; sich in der sonnigen Luft badend, senkte er sich und schwirrte wieder empor. Seinen Flug verfolgte Ssanin ebenso aufmerksam, wie die Worte im Zimmer.

Als Lyda Rindvieh schrie, lachte Ssanin hell auf, prallte mit seinem ganzen Körper von der Wand zurück und ohne daran zu denken, daß man ihn sehen könnte, schritt er langsam durch den Garten. Eine Eidechse, die gewandt seinen Weg kreuzte, lockte seine Aufmerksamkeit; sein Blick lief lange hinter ihrem biegsamen Körperchen her, das elegant durch die grünen Grasbüschel glitt.

XVIII

Lyda ging nicht nach Hause, sondern lief in der entgegengesetzten Richtung gradaus.

Die Straßen waren leer; die Luft, von den heißen Sonnenstrahlen mit Glutwellen durchsetzt, zitterte schwer. Kurze Schatten lagen hart an Zäunen und Mauern, wie vernichtet von der triumphierenden Glut.

Lyda schützte sich nur aus Gewohnheit mit ihrem Schirm, ohne zu bemerken, ob es heiß oder kühl wäre, hell oder dunkel; sie lief schnell die mit staubigem Gras bewachsenen Zäune entlang und schaute mit trockenen, glänzenden Augen, gesenkten Kopfes, auf ihre Füße. Ab und zu begegneten ihr erhitzte und keuchende Menschen, die von der Hitze schon ganz zermürbt waren; aber es waren nur wenige. Sommerliche Nachmittagsstille lag über der Stadt.

Ein fremdes, weißes Hündchen beschnüffelte eilig und vorsichtig Lydas Rock und trottete ihr dann voran, sah sich um und wedelte mit dem Schwanz, als Beweis, daß es mit ihr zusammenhalten wolle. An einer Straßenecke stand ein kleiner, grotesk dicker Knabe, aus dessen Hose hinten das Hemdchen stach; mit beerenbeschmutzten Backen pfiff er verzweifelt auf einer Schote.

Lyda winkte dem Hündchen mit der Hand zu, lächelte den Jungen an; alles das aber streifte nur die Oberfläche ihres Bewußtseins; ihre Seele blieb verschlossen. Eine düstere Macht, die sie von der ganzen Welt trennte, riß sie, die Einsame und Tote, eilends weiter, an dem lichten Grün der Sonnenhelle und der Lebensfreude vorbei, immer weiter und weiter, einem schwarzen Abgrund entgegen, dessen Nähe sie bereits an der kühlen und erschlaffenden Wehmut fühlte, die ihr Herz umzog.

Ein bekannter Offizier ritt an ihr vorbei. Sobald er sie bemerkte, ließ er seinen verschwitzten Fuchs tänzeln und karessieren. Auf dem glatten Fell des Pferdes glitt die Sonne mit goldschmiedenen Tupfen nieder.

»Lydia Petrowna,« rief er mit lauter und fröhlicher Stimme. »Wohin gehen Sie in dieser Hitze?«

Lyda ließ ihre Augen unbewußt über seine kleine Mütze, die fesch auf seiner halbgeröteten Stirn saß, gleiten und schwieg, obgleich sie ihn aus Gewohnheit kokett anlächelte. Doch fragte sie sich in diesem Augenblick selber ratlos: Wo soll ich denn nur hin? ...

In ihr war kein Haß gegen Sarudin; sie dachte garnicht an ihn. Als sie vorher, ohne selbst zu wissen, weshalb, zu ihm gegangen war, schien es ihr unmöglich zu sein, allein weiterzuleben und ihr Unglück ohne ihn zu überwinden. Aber jetzt war er einfach aus ihrem Leben verschwunden. All dies war gewesen und war gestorben; -- was zurückblieb, ging nur sie an und konnte nur durch sie allein gelöst werden. Ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft schnell und deutlich. Das Entsetzlichste war, daß allmählich die stolze Lyda verschwand und an ihre Stelle ein kleines, gehetztes, beschmutztes Tierchen trat, das alle Menschen verhöhnen werden und das nun ganz hilflos gegen Geklatsch und Gekeif dastehen wird. Doch ihr Stolz und ihre Reinheit mußten davor behütet werden; sie mußte sich aus dem Schmutze dorthin retten, wo sie die klebrige Welle nicht mehr erreichen konnte.

Und in einer Sekunde hatte Lyda sich klar gemacht, daß es um sie leer wurde, daß Sonnenlicht und Menschen nicht mehr für sie existieren; sie würde unter ihnen einsam bleiben. Es gibt keinen Platz mehr, auf dem sie frei und aufrecht stehen kann; sie muß sterben, sie muß ins Wasser gehen.

Das erschien ihr so abgeschlossen und sicher, als wenn sich zwischen ihr und alldem, was früher war und was noch hätte kommen können, eine steinerne Kreismauer aufbaute. Für einen Augenblick schwand sogar die eigenartige, widerwärtige Empfindung, die sich in ihr seit jener Zeit, da sie zum erstenmal erriet, daß ein unbegreiflich neues Wesen ihr Leben in Trümmern schlug, festgesetzt hatte.

Um sie herum bildete sich eine leichte, farblose Leere, in der die Gleichgültigkeit des Todes herrschte.

-- -- -- Wie einfach doch das alles im Grunde ist. -- -- -- Man braucht doch eigentlich nichts weiter ... dachte Lyda sich umwendend.

Nach und nach schritt sie schneller aus und doch kam es ihr, trotzdem sie fast nicht mehr ging, sondern rannte, noch immer unerträglich langsam vor. Dazu verwickelten sich ihre Füße fortgesetzt in ihren zu weiten, modernen Rock.

Nur dieses Haus und dann noch eines mit grünen Läden und dann nur noch den Bauplatz ...

Der Fluß, die Brücke, und das, was sich dort unbedingt ereignen würde, trat nicht vor Lydas Augen. An ihrer Stelle lag irgend ein leerer Nebelfleck, in dem alles versinken mußte.

Aber dieser Zustand hielt nur so lange an, bis Lyda die Brücke betrat. Sowie sie am Geländer stehen blieb und das trübe, grüne Wasser unten plätschern sah, schwand sofort das Gefühl der Gewichtslosigkeit und in ihr ganzes Wesen senkte sich schwere Angst und klammerndes Verlangen nach dem Leben.

Sofort vernahm sie auch wieder den Schall der verschiedensten Stimmen, das Zwitschern der Spatzen, sah das Sonnenlicht, weiße Gänseblümchen zwischen krausem Ufergras und das weiße Hündchen, welches zu dem endgültigen Entschluß gekommen war, Lyda als seine legitime Herrin zu betrachten. Es setzte sich vor sie nieder, zog das Vorderpfötchen etwas an, und klopfte mit seinem weißen Schwänzchen rührselig auf die Erde.

Lyda sah das Hündchen ernst an und drückte es plötzlich in einer leidenschaftlichen, verzweifelten Aufwallung an sich. Schwere Tränen traten ihr in die Augen und das Gefühl des Mitleides mit ihrem schönen, untergehenden Leben war so stark, daß ihr der Kopf schwindelte und sie sich auf das sonnenerhitzte Geländer stützte. Bei dieser Bewegung fiel ihr der Handschuh ins Wasser; mit unbegreiflichem, stummen Entsetzen verfolgte sie ihn mit den Augen.

Kreisend trieb er auf der Oberfläche, dann sank er lautlos durch die glatte, schläfrige Wasserdecke nach unten. Rasch wachsende Kreise liefen dem Ufer zu und Lyda konnte noch immer sehen, wie der hellgelbe Handschuh dunkler wurde und ganz allmählich in der ernsten, grünlichen Tiefe verschwand. Plötzlich stieg er noch einmal, eigentümlich, wie in einer schwermütigen Agonie, nach oben und drehte sich wiederum in langsamen, kreisförmigen Bewegungen. Lyda spannte ihre Blicke an, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren, aber der gelbe Fleck wurde immer kleiner und dunkler, durchbrach dann noch einmal die grünliche Decke und verschwand endlich lautlos. Ebenso wie früher lag jetzt wieder eine glatte, schläfrige, dunkle Fläche vor Lydas Augen.

»Wie kam es denn, Fräulein!« ertönte in der Nähe eine weibliche Stimme. Erschrocken wandte sich Lyda um und sah in das Gesicht eines dicken Weibes, das sie mit neugierigem Mitleid anblickte.

Obgleich sich dieses Mitleid nur auf den hineingefallenen Handschuh bezog, schien es Lyda, daß dieses dicke, gutmütige Weib sie kennen und bedauern müsse. Für einen Augenblick kam ihr der Gedanke, es würde ihr leichter werden, wenn sie ihr einfach alles erzählen wollte. Doch zur gleichen Zeit, wie in zwei Teile gespalten, verstand Lyda, daß diese Gedanken unsinnig waren. Sie wurde rot, kam in Hast, stammelte: »Ach nichts, garnichts,« und lief eilig und schwankend, wie eine Betrunkene, von der Brücke fort.

-- -- -- Hier geht es nicht, das sieht man schon, schwirrte es durch die kalte Leere, die sich in Lydas Kopf ausgebreitet hatte.

Sie ging nach links abbiegend, einen schmalen Pfad am Ufer entlang, der zwischen Nesseln, Winden und bitterriechendem Wermut ausgetreten war, neben sich den Fluß und die verwachsene Hecke eines Gartens. Hier war alles still und friedlich wie in einer Dorfkirche. Die Weiden blickten mit nachdenklich gesenkten, feinen Zweigen über das Wasser. Die Sonne warf bunte Flecken und Streifen auf das grüne, steile Ufer. Die breiten Windenblätter lagen starr in den hohen Nesselbüschen und harte Disteln hefteten sich an die breiten Spitzen von Lydas Rock. Irgend ein krauses Gras, hoch wie ein Bäumchen, bestreute sie mit feinem, weißen Staub.

Jetzt mußte sie sich schon zwingen, entgegen der starken, inneren Kraft, die mit ihr rang, den Ort zu erreichen, wohin es sie vorher von selbst getrieben hatte.

... Ich muß, ... ich muß, ... ich muß ... wiederholte sich Lyda mit eiserner Energie. Doch als ob sie noch auf jedem Schritt irgend welche zähe Fesseln zu zerreißen hätte, konnte sie ihre Füße nur mit Mühe vorwärts schieben, einer bestimmten Stelle zu, die ihr jetzt ohne zu wissen warum, als das Ende des Weges bestimmt schien.

Als sie sie erreicht hatte, und unter dem dünnen, verworrenen Gesträuch das kalte Wasser erblickte, welches schnell das überhängende Ufer umfloß, begann sie zu begreifen, wie stark in ihr noch der Drang zu leben war und wie entsetzlich das Sterben ist. Und daß sie dennoch sterben mußte, weil sie nicht leben durfte. Ohne hinzusehen, warf sie den zweiten Handschuh und den Schirm auf das Gras, und ging über den Pfad hinaus durch dichte Disteln an das Ufer heran.

In diesem Augenblick erinnerte sich Lyda an unermeßlich vieles und vieles durchlebte sie: -- und tief in ihrer Seele stammelte ohne Unterlaß ein kindlicher Glaube, der längst vergessen und von neuen Gedanken zurückgedrängt worden war, voll naiven Flehens und voller Angst: Mein Gott, mein Gott, hilf mir doch! -- -- --

Irgendwie drängten sich die Töne einer Arie dazwischen, die sie vor kurzem am Piano übte, und schwirrten lückenlos durch ihren Kopf. Sie erinnerte sich an Sarudin, hielt sich aber nicht bei diesem Gedanken auf. Dann stieg das Gesicht der Mutter, das ihr in diesem Augenblick unendlich teuer und lieb war, vor ihr auf und gerade hierdurch wurde sie von neuem dem Wasser zugestoßen. Niemals vorher oder später, verstand Lyda mit solcher Klarheit und Tiefe, daß die Liebe der Mutter und all der anderen Menschen, im Grunde genommen garnicht ihr selbst, so wie sie mit ihren Mängeln und Wünschen war, galt, sondern nur dem, was sie in ihr sehen wollten. Nun aber, wo sie nackt wurde und sich von dem Wege entfernte, den diese Leute allein für gangbar hielten, mußte sie von ihnen um so mehr mißhandelt werden, als sie früher geliebt worden war.