Part 13
Jurii zuckte unentschlossen die Achseln, sagte aber schließlich: »Gehen wir wirklich hin. Wir werden vielleicht nicht eintreten dürfen, aber möglicherweise ...«
»Vielleicht will er sogar jemanden sehen.« Dubowa willigte erleichtert ein und auch Karssawina sagte entschlossen: »So gehen wir.«
»Schawrow und Nowikow sind dort,« fügte Dubowa wie zur Rechtfertigung hinzu.
Karssawina lief schnell ins Haus, um ihr Jackett zu holen, dann schritten alle drei düster und traurig durch die Stadt nach dem grauen, schlecht abgeputzten, dreistöckigen Gebäude, in dem sich das Krankenhaus befand und wo Semionow jetzt sterben mußte.
In den Korridoren mit niedrigen, hallenden Decken war es düster; es roch scharf nach einem Gemisch von Karbol und Jodoform.
Als sie an dem Irrenabteil vorbeikamen, vernahmen sie eine sonderbar gespannte Stimme schnell und böse sprechen; als dann niemand zu sehen war, überlief sie eine bange Empfindung. Erschrocken sahen sie nach dem kleinen quadratischen Fensterchen hin. Doch gleich darauf begegnete ihnen im Korridor ein alter Bauer mit weißem Vollbart, der in seiner Dichtigkeit einem gewebten Brusttuch ähnlich sah, und einer großen weißen Schürze; höflich scharrend zog er seine schweren Füße an.
»Wohin wünschen Sie?«
»Hier wurde ein Student hergebracht, Semionow. Heute!« sagte Dubowa.
»Auf der sechsten Station. Bitte, oben! --«
Man hörte, wie er fortgehend laut auf den Boden spuckte und wiederum mit den Füßen scharrte.
Oben war es heller und sauberer, und die Decken waren ungewölbt. Die Tür des Kabinetts, an dem ein Schild mit der Aufschrift: Diensttuender Arzt! angeschlagen war, stand offen. Dort brannte die Lampe; jemand klirrte mit Glasflaschen.
Jurii blickte hinein und rief etwas. Das Klirren der Fläschchen hörte auf und Rjäsanzew kam heraus, frisch und heiter, wie immer, offenbar an die Umgebung, die die Anderen bedrückte, gewöhnt.
»Ah! Heute habe ich Dienst! Guten Abend, meine Herrschaften.« Aber sogleich zog er die Augenbrauen in die Höhe und fuhr mit völlig veränderter, trauriger und bedeutungsvoller Stimme fort:
»Ich glaube, er ist schon ohne Bewußtsein. Gehen wir zu ihm. Dort ist Nowikow und die anderen.« Und während sie einer nach dem anderen den übermäßig sauberen Korridor an großen weißen Türen mit schwarzen Nummerschildern vorbeigingen, sprach Rjäsanzew leise weiter:
»Man hat schon nach dem Geistlichen geschickt. Es ist ganz erstaunlich, wie schnell es ihn klein gekriegt hat. Ich habe mich selbst gewundert. Dazu hat er sich in der letzten Zeit in einem fort erkältet, und das war in seiner Lage gewagt. So, hier liegt er.«
Rjäsanzew öffnete eine hohe weiße Tür und trat hinein. Die anderen drängten sich in den Türrahmen und stießen sich gegenseitig an, als sie hinter ihm hergingen.
Die Station war groß und sauber. Vier Betten waren leer und sorgfältig mit rauhen, grünen Decken, durch die gerade weiße Falten liefen, zugedeckt. Sie erinnerten an Särge. Auf dem einen saß ein kleiner, zusammengeschrumpfter Greis im Bauernkaftan, der sich erschrocken nach den Eingetretenen wie auch nach dem sechsten Bett umsah, wo unter einer ebenso harten Decke Semionow lag. Neben ihm hockte Nowikow vornübergebeugt auf dem Stuhl; am Fenster standen Iwanow und Schawrow. Alle fanden es sonderbar und unpassend, daß sie sich in Gegenwart des sterbenden Semionow begrüßen mußten und sich die Hände drückten. Aber merkwürdigerweise schien es ihnen ebenso unrichtig, es zu unterlassen, als würden sie dadurch die Nähe des Todes besonders betonen.
Daraus ergab sich eine allgemeine Konfusion; einige von ihnen grüßten sich; andere nicht. Jeder blieb dort stehen, wo er gerade stand, und blickte mit scheuer und banger Neugierde auf Semionow.
Semionow atmete schwer und selten. Er war garnicht mehr jenem Semionow ähnlich, der ihnen allen bekannt war, sah überhaupt kaum noch einem Lebenden ähnlich. Obgleich ihm dieselben Gesichtszüge wie im Leben, dieselben Glieder, wie allen anderen Menschen, geblieben waren, hatten sie doch den Eindruck, daß sich seine Mienen irgendwie furchtbar und unverrückbar verändert hätten. Das, was die Körper Anderer belebt und so selbstverständlich bewegt, schien für ihn nicht mehr vorhanden zu sein. Irgendwo in der Tiefe seines grauenhaft regungslosen Körpers vollzog sich eilig ein entsetzenerregender Vorgang, als tastete er jetzt schon nach einer neuen, unabwendbaren Arbeit.
Sein ganzes Leben hatte sich in die Tiefe verkrochen, um dieser Arbeit mit einer intensiven, unerklärlichen Aufmerksamkeit lauschen zu können.
Die Lampe, welche inmitten der Zimmerdecke hing, beleuchtete mit greller Schärfe seine unbeweglichen Gesichtszüge, die nichts mehr sahen, nichts hörten.
Alle standen schweigend da und schauten, ohne die Augen abzuwenden, auf ihn; sie hielten den Atem ein in der Furcht, den großartigen Prozeß zu stören.
Und in dieser Stille war nur mit schrecklicher Deutlichkeit das verkrüppelte, pfeifende Atmen Semionows vernehmbar.
Die Tür öffnete sich, und trippelnde Greisenschritte klappten auf dem Boden.
Ein alter dicker Pope kam mit dem Küster, einem mageren und schwarzen Menschen; hinter ihnen ging leicht und ruhig Ssanin.
Der Pope grüßte höflich die Aerzte und verneigte sich dann, ebenso zuvorkommend vor den anderen. Sie antworteten ihm alle gleichzeitig, übertrieben den Gruß eilig und überhöflich; dann fielen sie sofort wieder in ihre Erstarrung zurück.
Ssanin setzte sich, ohne ein Wort, aufs Fensterbrett und sah neugierig auf Semionow und die Anwesenden; man merkte ihm deutlich den Wunsch an, das, was er und sie empfanden und dachten bis ins Einzelne zu begreifen.
Der Sterbende atmete in gleicher Weise fort und bewegte sich nicht.
»Kein Bewußtsein?« fragte weich der Geistliche, ohne sich aber mit seiner Frage an einen von ihnen direkt zu wenden.
»Ja,« beeilte sich Nowikow zu antworten.
Der Pope ließ irgend einen unbestimmten Laut vernehmen; wendete sich aber, als er nichts weiter hörte, um, stellte das Kreuz zurecht, legte die Stola an und begann mit dünnem, süßlichem Tenor und vertieftem Ausdruck herunter zu lesen, was zum Tode eines Menschen orthodoxen Glaubens gehört. Vom Küster her ertönten heisere, unangenehme Baßlaute, und diese beiden Stimmen, die nicht zusammen paßten, gingen fortgesetzt auseinander und verklangen in ihrer Dissonanz seltsam und traurig an der hohen Decke.
Als der scharfe, laute Klagegesang erscholl, sahen alle mit unwillkürlichem Schrecken auf das Gesicht des Sterbenden. Nowikow, der näher als die anderen stand, fiel es auf, daß Semionows Lider ein wenig erzitterten und daß sich auch seine blicklosen Augen kaum merklich nach der Seite wandten, woher die Stimmen ertönten. Aber für die anderen blieb Semionow genau so sonderbar unbeweglich, wie vorher.
Karssawina weinte gleich bei dem ersten Laut still und klagend vor sich hin, ohne die Tränen, die über ihr junges schönes Gesicht rollten, abzutrocknen. Alle blickten hoch, und auch Dubowa begann zu weinen; selbst die Männer fühlten Tränen in ihre Augen steigen und bissen die Zähne zusammen, um sie zurückzuhalten. Immer, wenn sich der Gesang der Priester verstärkte, weinten die Mädchen heftiger. Dann runzelte Ssanin jedesmal bei dem Gedanken die Stirn, wie unerträglich dieser Gesang, der auch auf gesunde Menschen, die dem Tode fernstanden, schwer einwirkte, erst für Semionow sein müßte, wenn er ihn höre.
»Machen Sie es doch leiser ab,« sagte er zornig zum Pfarrer. Dieser neigte erst liebenswürdig das Ohr, aber sobald er die Worte verstanden hatte, zog er die Brauen zusammen und sang noch lauter. Der Küster blickte sich strenge nach Ssanin um und auch die anderen sahen sich erschrocken an, als ob er eine Unanständigkeit gesagt hätte.
Ssanin winkte die stummen Vorwürfe mit einer verdrießlichen Handbewegung ab und schwieg still.
Als die Zeremonie beendet war und der Pfarrer das Kreuz wieder in die Stola gewickelt hatte, wurde es noch schwüler. Semionow lag unbeweglich wie vorher.
Und plötzlich begann sich in ihnen allen ein entsetzliches Gefühl, das keiner überwinden konnte, zu regen: Sie wünschten, daß dieser ganze Vorgang endlich zu Ende gehe und Semionow schneller sterbe. Trotzdem sich dieses Gefühl immer deutlicher in ihnen festsetzte, gaben sie sich voll Angst und Scham alle Mühe, es zu unterdrücken und zu verbergen; sie wagten es nicht, sich einander anzublicken.
»Ginge es doch nur schneller,« meinte endlich Ssanin leise, »welche schwere Geschichte.«
»Tja,« rief Iwanow.
Beide sprachen still zusammen; es war ganz klar, daß Semionow nichts mehr hören konnte. Und doch schauten sich die Andern entrüstet nach ihnen um.
Schawrow wollte etwas bemerken, aber gerade in diesem Augenblick brach ein neuer, unsagbar kläglicher Laut hervor, der alle krankhaft erzittern ließ.
Fffft -- seufzte Semionow und begann dann, als wenn er endlich das gefunden hätte, was allein ihm nötig war, dieses langgezogene Stöhnen ohne Einhalt zu wiederholen; nur manchmal wurde es durch ein heiseres, beschwertes Atmen unterbrochen.
Zuerst hatten die Umstehenden nicht fassen können, um was es sich handele, aber gleich darauf setzte das Weinen Dubowas und Karssawinas wieder stärker ein, und auch Nowikow stürzten die Tränen aus dem Auge.
Der Pfarrer begann langsam und feierlich die Sündenvergebung zu lesen. Auf seinem gedunsenen, rührseligen Gesicht drückte sich sentimentale Teilnahme und erhabene Trauer aus. Einige Minuten vergingen. Plötzlich wurde Semionow still.
»Ausgelebt,« murmelte der Pfarrer.
Aber im selben Augenblick versuchte Semionow langsam und mit Anstrengung die zusammengeklebten Lippen zu bewegen; sein Gesicht verzerrte sich wie zu einem Lächeln. Gleich darauf vernahmen Alle eine dumpfe, unglaublich schwache und ergreifende Stimme, die sich von irgend woher aus der Tiefe seiner Brust wie unter einem Sargdeckel hervor quetschen mußte. Und diese Stimme sagte:
»Ein kompletter Lump.«
Die Augen Semionows waren dabei starr auf den Popen gerichtet. Dann erzitterte er, riß die Augen mit dem Ausdruck eines wahnsinnigen Schreckens noch weiter auf und reckte sich. Alle hörten seine Worte, doch keiner bewegte sich. Allein von dem feucht gewordenen, geröteten Antlitz des Popen schwand in einem Augenblick der Ausdruck erhabener Trauer. Aengstlich sah er sich um, doch niemand beachtete ihn; allein Ssanin lächelte ihm interessiert zu.
Semionow bewegte sich, doch kein Laut drang hervor, und nur die eine Seite seines dünnen, hellen Schnurrbarts senkte sich. Dann streckte er sich wieder; wurde dadurch noch ausgezogener und grauenhafter. Aber plötzlich gab es keinen Laut, keine Bewegung mehr.
Jetzt weinte auch niemand. Das Nahen des Todes war furchtbarer und trauriger als sein Erscheinen. Ja, es kam ihnen jetzt sogar sonderbar vor, daß diese feierliche und qualvolle Geschichte so einfach und schnell beendet war. Sie standen noch eine Weile um das Bett und schauten in das scharf gewordene, zugespitzte Gesicht des Toten, als wenn sie noch etwas erwarteten, und bemühten sich auch, Entsetzen und Mitleid in sich hervorzurufen; mit gespannter Aufmerksamkeit sahen sie zu, wie Nowikow ihm die Augen zudrückte und seine Hände auf der Brust faltete. Dann begannen sie fortzugehen; zurückhaltend, mit den Füßen scharrend. Im Korridor brannte die Lampe, und hier sah es so gleichmäßig und gemütlich aus, daß alle befreit aufatmeten.
Voran schritt der Pope. Er machte häufige, kleine Schritte, und in dem Wunsch, bei der Jugend einen guten Eindruck hervorzurufen oder irgend eine Liebenswürdigkeit zu sagen, seufzte er tief auf und sprach weich:
»Es ist schade um den jungen Mann. Um so mehr, als er augenscheinlich als ein unbereuter ... Aber, Gottes Barmherzigkeit, nicht wahr.«
»Ja, gewiß,« antwortete aus Höflichkeit Schawrow, der ihm am nächsten ging.
»Hat er Familie?« fragte der Pope, zuversichtlich werdend.
»Ich weiß wirklich nicht,« gab Schawrow zur Antwort.
Bei dieser Antwort schauten sich alle an; sie fanden es selber sonderbar und unschön, daß keiner von ihnen wußte, ob Semionow Familie habe und wo sie lebe.
»Eine Schwester von ihm besucht irgendwo das Gymnasium,« bemerkte Karssawina.
»So, nun adieu,« sagte der Pfarrer, indem er mit weichen Fingern seinen Hut lüftete.
»Adieu,« antworteten alle gleichzeitig.
Als sie auf die Straße traten, atmeten sie erleichtert auf und blieben stehen.
»Nun, wohin jetzt,« fragte Schawrow.
Zuerst bewegten sie sich unentschlossen auf dem Platz hin und her, dann begannen sie sich, wie auf Verabredung, plötzlich zu verabschieden und nach allen Seiten auseinander zu gehen.
XI
»Wollen wir zu mir gehen, um des in Gott entschlafenen treuen Knechtes zu gedenken,« sagte Iwanow feierlich zu Ssanin.
Ssanin nickte schweigend mit dem Kopf.
Im Vorbeigehen kauften sie in einem Laden Wodka und einige Kleinigkeiten zum Essen und holten dann Jurii Swaroschitsch ein, der langsam mit gesenktem Kopf den Boulevard entlangschritt.
Der Tod Semionows hatte auf Jurii trübe und niederdrückend eingewirkt; es schien ihm ganz unmöglich, sich damit abzufinden.
-- -- -- Ja, das ist so; das alles ist sehr einfach. -- -- -- Jurii versuchte in seinen Gedanken eine gerade und kurze Linie zu ziehen. Der Mensch existiert nicht früher, als bis er geboren ist und niemandem scheint das entsetzlich und unbegreiflich. Der Mensch wird nicht mehr sein, wenn er gestorben ist, und das ist gerade so einfach und verständlich. Der Tod als völliges Stehenbleiben einer Maschine, die die Lebenskraft produzierte, ist vollkommen natürlich, und es gibt nichts darin, was Entsetzen einflößen könnte. Es gab einen Jura, der einst aufs Gymnasium ging, seinen Feinden in der Sexta die Nasen blutig schlug und Distelköpfe mit Stöcken abhieb. Er besaß ein eigenes und wunderbar kompliziertes Leben. Dann ist dieser Jura gestorben, und jetzt geht an seiner Statt ein ganz anderer Mensch herum, der Student Swaroschitsch. Könnte man diese beiden gegenüberstellen, so würde Jura nicht imstande sein, Jurii wiederzuerkennen. Ja, er würde sogar gegen ihn einen instinktiven Haß empfinden, wie gegen einen Menschen, der sein Repetitor werden soll und ihm noch eine Menge Unannehmlichkeiten bereiten kann. Folglich liegt zwischen ihnen eine breite Kluft, folglich ist der Junge Jura wirklich gestorben ... ich selbst bin gestorben, und habe es bis jetzt noch nicht einmal bemerkt.
Das war so einfach und natürlich geschehen. Und mit allem, was wir im Tode verlieren, wird uns im Grunde nichts genommen. Im Leben gibt es auf jeden Fall mehr unangenehme als freudige Ereignisse. Zwar wird es einem schwer, auch die wenigen Freuden hingeben zu müssen. Aber die Befreiung von der Last des Schlechten, die der Tod mit sich bringt, muß doch zuletzt ein Plus ergeben.
»Ja, wirklich, das ist ja ganz einfach und gar nicht furchtbar,« sagte Jurii leise mit einem erleichternden Seufzer vor sich hin, aber sofort unterbrach wieder ein schneidendes Gefühl feinsten, seelischen Schmerzes diesen Gedanken. Nein, daß eine volle, lebende, unendlich feine und komplizierte Welt in einem Augenblick in ein Nichts verwandelt wird, in einen Klotz, in ein gefrorenes Scheit, das ist nicht mehr die Verwandlung des Knaben Jura in Jurii Swaroschitsch, sondern das ist eine bis zum Ekel abschreckende Widersinnigkeit und darum entsetzlich und unbegreiflich.
Ein feiner, kalter Schweiß bedeckte die Stirn Juriis. Er mußte alle Kräfte seines Hirns zusammennehmen, um sich den Zustand, den zu erleben jedem Menschen unmöglich erscheint und den doch ein jeder erleben wird, vorzustellen. So wie ihn eben Semionow erlebt hatte. Und der war auch nicht vor Angst gestorben, dachte Jurii und lächelte über das Sonderbare dieses Gedankens. Er verspottete sogar noch diesen Popen, den Gesang und die Tränen.
Es schien, daß hier irgend ein Punkt verborgen sein mußte, der, wenn er erst einmal begriffen war, auch alles andere erleuchten würde.
Aber zwischen seiner Seele und diesem unbekannten Punkt befand sich eine dichte, undurchdringliche Mauer. Seine Gedanken glitten über eine ungreifbar glatte Fläche und in dem Augenblick, als er glaubte, der Lösung des Rätsels nahe zu sein, befanden sie sich wieder unten auf demselben Platz. Und nach welcher Seite er auch das Netz der feinsten Gedanken und Vorstellungen auswarf, er fing nur immer dieselben platten und bis zur Schmerzhaftigkeit überdrüssigen Worte: Entsetzlich und unbegreiflich.
Dieses Spiel quälte und schwächte ihn seelisch und körperlich. Bis ins Herz stieg die wehe Trübsal, die Gedanken wurden farblos, der Kopf begann zu schmerzen und ihm kam der Wunsch, sich jetzt hier auf dem Boulevard niederzulegen, und alles, alles beiseite zu schieben, -- selbst die Tatsache des Lebens.
Aber wie konnte Semionow lachen, da er wußte, daß nach einigen Augenblicken das Ende kommt? Was war er? Ein Held! Nein, das hatte mit Heldentum nichts zu tun. Es bedeutete einfach: Der Tod ist nicht so schrecklich, als ich denke.
In diesem Augenblick rief ihn Iwanow an:
»Ach, Sie sind es?« Jurii fuhr mit dem ganzen Körper zusammen.
»Ja, und des Sterbens des soeben dahingeschiedenen Knecht Gottes gedenkend,« antwortete fröhlich und gerötet Iwanow.
»Wollen Sie mit uns gehen? Warum treiben Sie sich immer allein herum?«
Jurii war es so ängstlich und traurig zumute, daß ihm Ssanin und Iwanow nicht so antipathisch wie sonst erschienen.
»Schön, wollen wir gehen!« -- Doch kaum hatte er eingewilligt, als er sich seiner Ueberlegenheit erinnerte und sich sagte: Nun, was werde ich mit ihnen anfangen. Wodka saufen und Gemeinheiten reden. Er wollte sich schon zwingen, die Einladung doch noch abzulehnen, aber sein ganzes Wesen widerstrebte der Einsamkeit und so ging er mit ihnen mit.
Iwanow und Ssanin schwiegen; sie gingen ohne ein Wort bis zur Wohnung Iwanows. Es war schon tiefe, nächtliche Dunkelheit und nur auf einer Bank an der Pforte spukte die Figur eines Menschen, der einen dicken gekrümmten Knüppel in der Hand trug, herum.
»Ah, Onkel? Pjotr Iliitsch?« rief laut Iwanow.
»Ich!« rollte es im tiefsten Ton einer menschlichen Stimme zurück; kraftvoll und männlich schallte es durch die Luft.
Jurii erinnerte sich, daß der Onkel Iwanows ein dem konsequenten Trunk ergebener Sänger des Domchors war.
Er hatte einen grauen Schnurrbart, wie ein Soldat Nikolai des Ersten und sein abgetragenes Jackett strömte einen häßlichen Geruch aus.
»Bububu,« -- klang es wie ein dumpfer Stoß gegen ein leeres Faß von ihm her, als ihn Iwanow mit Jurii bekannt machte. Jurii reichte ihm eingeschreckt die Hand und wußte nicht, was er sprechen und wie er sich ihm gegenüber benehmen sollte. Doch im Augenblick fiel ihm ein, daß ja für Jurii Swaroschitsch alle Menschen gleich sein müßten, und so ging er neben dem alten Sänger einher, wobei er darauf achtete, ihn bei jeder Gelegenheit höflich voranschreiten zu lassen. Iwanow wohnte in einem Zimmer, das einer Rumpelkammer mehr als einer menschlichen Wohnstätte ähnelte, so viel Plunder, Staub und Unordnung war da. Doch als ihr Wirt die Lampe ansteckte, sah Jurii, daß alle Wände mit Gravüren von Wasnitzow beklebt waren und die Haufen Plunder entpuppten sich als Bücherstöße.
Jurii fühlte sich immer noch etwas peinlich berührt, und um es zu verbergen, begann er aufmerksam die Bilder zu betrachten.
»Lieben Sie auch Wasnitzow?« fragte Iwanow, wartete aber nicht auf die Antwort, sondern lief fort, um das Geschirr zu holen. Ssanin erzählte Pjotr Iliitsch, daß Semionow gestorben sei.
»Mög' ihm das Himmelreich beschieden sein,« so ertönte es wieder wie aus einem Bierfaß zurück. Und nach kurzem Schweigen fügte Pjotr Iliitsch hinzu: »Nun gut, so ist also alles vollbracht.«
Jurii sah ihn nachdenklich an und empfand mit einemmal Sympathie für den Alten. Iwanow kam zurück, brachte Brot, saure Gurken und Weingläser. Er stellte alles auf dem Tisch zurecht, der mit Zeitungspapier bedeckt war, und mit einem kurzen Schlag der Handfläche gegen die Flaschenböden trieb er die Pfropfen hinaus, ohne einen Tropfen zu verschütten.
»Das ist geschickt!« lobte Pjotr Iliitsch.
»Man merkt es doch gleich, wenn ein Mensch sein Handwerk versteht,« scherzte Iwanow selbstgefällig und goß die grünlich-weiße Flüssigkeit in die Gläschen ein.
»Nun, meine Herrschaften,« er nahm sein Glas in die Hand und erhöhte seine Stimme, -- »auf die Ruhe der Seele und alles sonstige.«
Man griff zum Essen und trank bald mehr und mehr. Es wurde nur wenig gesprochen. Zumeist tranken sie.
In dem kleinen Zimmer wurde es bald heiß und dumpf. Pjotr Iliitsch zündete eine Zigarette an und überschwemmte alles mit blauen Streifen schlechten Tabaksqualmes. Von dem Wodka, dem Rauch und der Hitze begann Jurii der Kopf zu schwindeln.
Er erinnerte sich wieder an Semionow: »Eine dumme Geschichte ist der Tod!«
»Warum denn?« fragte Pjotr Iliitsch, »der Tod, -- oho -- aber im Gegenteil, er -- er ist ja etwas durchaus Notwendiges. Der Tod, -- und wenn man ewig leben sollte. Oho! -- Nehmen Sie sich in acht, -- -- so zu sprechen. Ewiges Leben -- was ist das? ...«
Jurii dachte plötzlich, daß falls er ewig leben sollte ...
Vor ihm breitete sich ein unendlicher grauer Streifen aus, der sich qualvoll und ziellos im Leeren aufrollte, als wenn er von einer Walze auf die andere herübergezogen würde. Jede Vorstellung von Farben und Lauten, von Tiefe und Fülle der Erlebnisse verwischte sich und verblaßte wieder, zerrann zu einer grauen Masse, die ohne Bett und Strömung dahinfloß. Das war nicht mehr Leben, das war wieder Tod. Jurii wurde geradezu schreckhaft ängstlich.
»Ja, gewiß!« murmelte er.
»Auf Sie scheint der Tod einen großen Eindruck gemacht zu haben,« bemerkte Iwanow.
»An wem könnte er so vorübergehen?« fragte Jurii statt einer Antwort.
Iwanow nickte unbestimmt mit dem Kopf und fing an, Pjotr Iliitsch von den letzten Augenblicken Semionows zu erzählen.
Im Zimmer wurde es allmählich unerträglich schwül. Jurii beobachtete mechanisch, wie der Wodka, im Schein der Lampe glänzend, in die dünnen, roten Lippen Iwanows hineinfloß und fühlte, wie alles um ihn langsam zu drehen und zu zerrinnen begann. »Aaaaah --,« sang es in seinen Ohren mit dünner, geheimnisvoll trauriger Stimme.
»Nein, der Tod ist eine furchtbare Sache,« wiederholte er, ohne es selbst zu bemerken, als müßte er dieser geheimnisvollen Stimme eine Antwort geben.
»Sie sind zu nervös,« meinte Iwanow mit noch lässigerer Herablassung zu ihm.
»Und können Sie das nicht empfinden?«
»Ich -- nein, nicht! Zu sterben habe ich gewiß keine Lust. Das ist eine dumme Geschichte und es ist ganz ohne Vergleich vergnüglicher zu leben ... Aber wenn es denn einmal zum Sterben kommt, gut, ich mache mit. Ich sterbe innerhalb einer Stunde und ohne jeden Apparat.«
»Du stirbst nicht und weißt deshalb nichts davon,« sagte Ssanin lächelnd.
»Das stimmt auch,« Iwanow lachte auf.
»Alles das haben wir schon gehört,« Jurii sprach plötzlich mit trübseliger Erbitterung. »Reden kann man vieles, aber Tod bleibt Tod. Er ist an sich entsetzlich. Und einem Menschen, der sich -- -- -- nun, der sich von seinem Leben Rechenschaft gibt, dem muß dieses im Keim tödliche, gewaltsame Ende jede Lebenslust ertöten.«
»Was hätte das für einen Sinn? ...«
»Auch das haben wir schon gehört,« unterbrach ihn spöttisch Iwanow, der plötzlich ebenfalls erbittert wurde. »Ihr meint alle, daß nur ihr ...«
»Welchen Sinn hat es?« fragte nachdenklich Pjotr Iliitsch.
»Aber gar keinen,« brüllte Iwanow mit derselben unbegreiflichen Erbitterung.
»Nein, das ist unmöglich,« erwiderte Jurii. »Alles um uns ist zu weise.«
»Na, ich denke, es gibt nichts Gutes,« meinte Ssanin.
»Und die Natur?«
»Was? die Natur?« Ssanin schwenkte mit einem schwachen Lächeln abwehrend mit der Hand. »Es ist ja Brauch, zu sagen, daß die Natur vollkommen ist ... In Wirklichkeit ist sie genau so schlimm, wie der Mensch. Jeder von uns wird sich ohne jede besondere Anstrengung der Phantasie eine Welt vorstellen können, die hundertmal besser wäre, als die heutige. Warum sollte es nicht ewige Wärme und Licht und einen ununterbrochenen Garten geben, ewig grün und freudig.