Part 12
Jurii hielt sein ganzes Leben für mißraten und sich selbst für einen außerordentlich unglücklichen Menschen. Darin verbarg sich für ihn eine traurige Genugtuung, und es machte ihm Vergnügen, sich über sein Leben und die Menschen zu beklagen. Zu Männern sprach er niemals davon, weil er instinktiv fühlte, daß sie ihm nicht glauben würden. Aber Frauen und besonders jungen und schönen Mädchen erzählte er gern und lange von sich. Er war hübsch und sprach schön, und die Frauen hatten mit ihm stets das Mitleid, das mit Verliebtheit durchsetzt ist.
Auch diesmal, im Scherz begonnen, ging Jurii leicht in den gewohnten, sentimentalen Ton über und redete viel über sein Leben. Nach seinen Worten mußte man glauben, daß er, ein Mensch von ungeheurer Kraft und bedeutender Veranlagung, an dem Milieu und den Umständen zerbrochen war und daß man ihn auch in der Partei nicht verstanden hatte. Wenn aus ihm nicht ein Volksführer, sondern ein Student wurde, der aus irgend einem nichtigen Anlaß verschickt worden war, so trug daran nur eine fatale Zufälligkeit und menschliche Dummheit, nicht er selber, die Schuld.
Jurii kam, wie allen Menschen mit großer Eigenliebe, niemals der Gedanke in den Kopf, daß diese Auffassung keineswegs außerordentliche Kraft beweise und daß jeder geniale Mensch von gleichen Zufälligkeiten und Personen umgeben ist. Ihm schien, daß nur ihn allein ein schweres, unüberwindliches Schicksal verfolge.
Doch da alles, was er erzählte, voller Farben und Leben war, machte es auf die Mädchen den Eindruck, als ob es wirklich der Wahrheit ähnlich sei. Sie glaubten seinen Worten, bemitleideten ihn und wurden mit ihm traurig.
Die Musik spielte ebenso ungleichmäßig und sentimental wie vorher, der Abend war finster und nachdenklich, und ihnen allen wurde es träumerisch befangen zumute.
Als Jurii schwieg, richtete Dubowa eine Frage an ihn, die eigentlich nur den eigenen Gedanken, wie langweilig und eintönig ihr Leben sei, und wie bald sie alt würde, ohne Liebe und Glück gekostet zu haben, beantwortete.
»Sagen Sie, Jurii Nikolajewitsch, ist Ihnen niemals der Gedanke an Selbstmord gekommen?«
»Weshalb fragen Sie mich danach?«
»So!«
Alle schwiegen. Jurii vergaß die Antwort.
»Sie waren also im Komitee?«[1] fragte Karssawina voller Neugierde.
[Fußnote 1: Es ist das lokale Komitee der politischen Partei gemeint, zu der Jurii gehörte. Es galt als ein besonderes Verdienst, ihm anzugehören.]
»Ja,« antwortete Jurii kurz und wie gezwungen; das Eingeständnis war ihm aber doch angenehm, weil er glaubte, daß es ihm in den Augen des hübschen Mädchens ein neues, geheimnisvolles Interesse verleihen würde.
Und der Eindruck, den diese kurze Bejahung auf Karssawina und Dubowa machte, war so stark, daß sie beide in Schweigen verfielen und nur hin und wieder einen fast ehrerbietigen Blick über Jurii streifen ließen. Er fühlte sich von dieser guten Stimmung zärtlich geliebkost; um sie nicht zu stören, vermied er jede Bewegung und saß andächtig neben den Mädchen. Die Luft um sie wurde von der Sehnsucht, die sich aus ihnen allen drängte, durchsättigt und schien sich schwerer um sie zu legen, in leise Kreise getrieben, von den fern herüberschallenden Melodien. Endlich erhob sich Karssawina, sah mit freudig glänzenden Augen, in denen sie mühsam ihre unbewußte Erregung zurückhielt, auf Jurii und Dubowa und rief ihnen zu: »Gehen wir, Herrschaften, gehen wir doch, es wird spät. Wir verbummeln uns ja hier.« Und wieder glücklich lachend, fügte sie hinzu: »Jurii Nikolajewitsch, diesmal aber sind Sie Schuld!«
Jurii neigte fröhlich den Kopf, trat an ihre Seite und wartete, indem er ebenfalls ohne Grund in ihr leises freies Lachen einstimmte, auf Dubowa, die etwas schwerfälliger aufstand und erst die Bücher in ihrem Arm zurechtschob, ehe sie sich ihnen anschloß.
Jurii begleitete die Mädchen nach Haus. Unterwegs sprachen sie lebhaft und lachten viel; die traurige Stimmung war verflogen.
»Welch ein netter Kerl ist er,« sagte Karssawina, als Jurii fortging.
»Sieh, sieh, verlieb dich nicht!« Dubowa drohte mit den Fingern.
»Nun, was dir gleich in den Kopf kommt,« rief Karssawina mit verborgenem, instinktivem Schrecken.
Jurii kam in leichter und freudiger Erregung nach Hause.
Er blickte auf das begonnene Bild, empfand nichts Sonderliches dabei und legte sich vergnügt schlafen.
Und in der Nacht träumte er wollüstige und sonnige Bilder, träumte er von jungen und schönen Frauen.
X
Am nächsten Abend ging Jurii wieder auf denselben Platz, wo er Karssawina und Dubowa begegnet war.
Den ganzen Tag über machte es ihm Vergnügen, sich an den Abend, den er mit ihnen verbracht hatte, zu erinnern und er wünschte, sie wieder zu treffen, mit ihnen über dasselbe zu sprechen und wieder den gleichen Ausdruck von Teilnahme und Zärtlichkeit in den lustigen und hingebenden Augen Karssawinas zu sehen. Der Abend war überaus heiter, war still und schwül. Auf dem Boulevard traf er außer einigen flüchtigen Bekannten keinen Menschen.
Jurii schüttelte den Kopf, ärgerlich über das verdrießliche Gefühl, das in seiner Brust Platz griff, als wenn er von jemandem beleidigt worden wäre, und ging langsam, stumpf vor sich auf die Füße blickend, über den Boulevard.
»Wie langweilig,« dachte er, »was soll man jetzt anfangen?«
Plötzlich kam ihm mit eiligen Schritten der Student Schawrow entgegen, der seine freie Hand auf und nieder schwenkte und ihm schon von ferne höflich zulächelte.
»Was bummeln Sie herum,« fragte Schawrow freundlich, blieb stehen und reichte Swaroschitsch die Hand.
»Es ist langweilig, ich habe nichts zu tun. Und wo wollen Sie hin?« Juriis Worte klangen faul und herablassend. Er sprach stets in diesem Tone mit Schawrow, auf den er, als ehemaliges Komiteemitglied, wie auf ein einfaches Studentchen, das ein wenig Revolution mitspielt, herabblickte.
Schawrow lächelte mit der Selbstgefälligkeit eines glücklichen Menschen: »Wir haben heute einen Volksvortrag,« und er wies auf einen Stoß dünner, bunter Broschüren hin, die er im Arm trug.
Jurii nahm aus seiner Hand mechanisch eine der Broschüren, schlug sie auf und las den langen, dürren Titel eines populären, sozialwissenschaftlichen Artikels, den er selbst schon längst gelesen und wieder vergessen hatte.
»Wo ist denn Ihr Vortrag?« fragte er mit demselben herablassenden Lächeln die Broschüre wieder zurückgebend.
»In der städtischen Volksschule.« Schawrow nannte die Schule, in der Karssawina und Dubowa unterrichteten.
Jurii erinnerte sich, daß Ljalja ihm bereits von diesen Vorträgen erzählte, ohne daß er damals besonders darauf geachtet hatte.
»Darf ich mit Ihnen mitgehen?«
»Bitte,« Schawrow gab mit freudigem Lächeln seine Einwilligung. Er hielt Jurii für einen echten Mitkämpfer und, indem er dessen Parteirolle übertrieb, empfand er für ihn eine Achtung, die beinahe an Verliebtheit grenzte.
»Ich interessiere mich sehr für diese Geschichte.« Jurii hielt es doch für nötig, dies hinzuzufügen, dachte aber in Wirklichkeit nur daran, daß ein Abend ausgefüllt und es ihm möglich sein würde, Karssawina zu begegnen.
»Bitte, bitte,« wiederholte Schawrow.
»Nun, so gehen wir denn.«
Und sie schritten rasch den Boulevard entlang, bogen zur Brücke um, an deren beiden Seiten ein herber Wassergeruch emporstieg und traten endlich in das zweistöckige Schulgebäude ein, wo sich bereits Menschen zu versammeln begannen.
In dem großen, noch dunklen Saal, der mit geraden Reihen von Stühlen und Bänken durchstellt war, schimmerte ihnen die Leinwand für den Projektionsapparat weiß entgegen, und aus irgendwelchen Ecken wurde zurückhaltendes, heiteres Lachen vernehmbar. Neben dem Fenster, durch das der verfinsterte Himmel und die Gipfel tiefgrüner Bäume sichtbar wurden, standen Ljalja und Dubowa. Sie begrüßten Jurii mit freudigen Ausrufen.
»Das ist aber schön, daß du mitgekommen bist! ...«
Dubowa drückte ihm kräftig die Hand.
»Warum fangt ihr denn nicht an?« fragte Jurii, der verstohlen durch den dunklen Saal schaute, ohne doch Karssawina zu bemerken. »Und beteiligt sich Sinaida Pawlowna nicht?« fügte er in unebenem Ton ein wenig enttäuscht hinzu.
Aber in diesem Augenblick zuckte am Katheder, dicht an der Leinwand, ein Streichholz auf und beleuchtete das Gesicht Karssawinas, die im Begriff war, einige Lichter anzustecken.
»Wie sollte ich nicht dabei sein,« rief sie mit klingender Stimme und streckte Jurii von oben her die Hand hin. Erfreut, aber schweigend, reichte er ihr die seine und sie sprang elastisch vom Katheder herab, während sie sich leicht auf ihn stützte, wobei sie in sein Gesicht den eigenartigen Duft von Frische und Gesundheit hinüberströmte.
»Es ist Zeit anzufangen,« sagte Schawrow, der geschäftig aus dem nächsten Zimmer kam.
Schwer mit seinen klobigen Stiefeln auftrampfend, ging der Diener im Saal umher und zündete die Kerzen an, sodaß es bald von hellen, lustigen Lichtern wimmelte.
Schawrow öffnete die Tür zum Korridor und rief laut:
»Bitte, meine Herrschaften, es beginnt.«
Ein Füßescharren, erst scheu, dann eiliger wurde laut, und durch die Türen drängten sich die Haufen der Besucher in den Saal.
Jurii sah sie mit Neugierde an. Das gewohnheitsmäßige eindringliche Interesse des Propagandisten wurde in ihm rege. Da tauchten alte und junge Leute auf und auch Kinder waren unter ihnen; sie stachen mit ihren frischen Köpfen hell von den dunklen Kleidern der hinter ihnen Drängenden ab. In der ersten Reihe hatte niemand Platz zu nehmen gewagt; sie wurde erst später durch einige Damen, die Jurii unbekannt waren und wenig interessant aussahen, den dicken Schulinspektor und die Lehrer und Lehrerinnen des Knaben- und Mädchenprogymnasiums besetzt.
Der ganze übrige Saal aber schien im Augenblick überschwemmt von Leuten in Jacken und Joppen, von Soldaten, Bauern, Weibern und zahlreichen Kindern in bunten Hemdblusen.
Jurii setzte sich neben Karssawina an den Tisch und hörte aufmerksam hin, wie Schawrow ruhig, aber schlecht, über das allgemeine Wahlrecht vorzulesen begann.
Schawrow hatte eine dumpfe starke Stimme und alles, was er las, machte dadurch den Eindruck einer trockenen statistischen Tabelle.
Und doch hörte man ihm aufmerksam zu; nur in der ersten Reihe fingen die Vertreter der Intelligenz bald an zu tuscheln und sich zu bewegen. Jurii wurde dadurch gestört und ärgerte sich; er bedauerte, daß Schawrow so schlecht vorlas. Als er merkte, daß dieser müde wurde, neigte er sich zu Karssawina und flüsterte ihr ins Ohr: »Lassen Sie mich doch zu Ende lesen.«
Karssawina warf durch ihre Wimpern einen zärtlichen Blick auf ihn: »Das ist sehr schön! Lesen Sie!«
»Läßt es sich denn machen?« fragte Jurii nun, indem er ihr, wie einem heimlichen Verbündeten, zulächelte.
»Gewiß geht es, alle werden damit zufrieden sein.«
Sie benutzte eine kurze Pause, um es Schawrow zu sagen. Dieser war müde und empfand selbst lästig, daß seine Stimme so häßlich klang. Er willigte ein, indem er deutlich seine Freude darüber zeigte.
»Bitte, bitte,« sagte er; nach seiner Gewohnheit wiederholte er das Wort, ihm dadurch eine besondere Wichtigkeit verleihend, und trat seinen Platz ab.
Jurii liebte es vorzulesen; er verstand es.
Ohne auf jemanden hinzusehen, stieg er auf das Katheder und begann mit markigem, kraftvollem Ton. Mehrmals schaute er sich nach Karssawina um und jedesmal begegnete er dann ihren blinkenden und ausdrucksvollen Augen, die fest auf ihn gerichtet waren. Verwirrt und erfreut lächelnd wandte er sich dann wieder zum Buch und suchte sein Vorlesen noch eindringlicher zu gestalten. Und er war überzeugt, daß er für sie irgend etwas unergründlich Schönes und Interessantes darstellen müsse.
Als er geendet hatte, klatschte ihm auch die erste Reihe Beifall zu.
Jurii verneigte sich ernst, und vom Katheder forttretend, lächelte er im geheimen zu Karssawina hinüber, als wenn er sagen wollte: Für dich ist das alles.
Das Publikum fing an, mit den Füßen zu scharren, Stühle wurden gerückt, Zwiegespräche setzten ein, und langsam gingen die Anwesenden auseinander.
Jurii achtete kaum darauf, daß er noch ein paar Leuten vorgestellt wurde, die ihm Liebenswürdigkeiten über sein Lesen sagten.
Nach und nach verlöschten die Lichter, und nun schien es mit einem Male noch dunkler zu werden, als es je vordem im Saal gewesen war.
»Ich danke Ihnen,« sagte Schawrow, Jurii herzlich die Hand drückend. »Wenn man bei uns nur immer so vorlesen könnte.«
Die Veranstaltung der Bildungsabende lag in seinen Händen, und er hielt sich daher für verpflichtet, Jurii in ausführlicher Weise zu danken, als ob ihm eine persönliche Gefälligkeit erwiesen worden wäre. Dabei klang aber durch seinen Worten unwillkürlich die Nuance, als ob er ihm im Namen des ganzen Volkes spreche. Er benahm sich sehr ernst und gewichtig.
»Für das Volk wird bei uns viel zu wenig getan,« sagte er mit Mienen, als weihe er Jurii in ein großes Geheimnis ein. »Und wenn wirklich mal irgend etwas geschieht, dann auch nur ganz oberflächlich und nachlässig. Es scheint mir in der Tat sonderbar; -- -- um einigen Herrschaften, die sich langweilen, ein Vergnügen zu machen, werden Sänger, Schauspieler, Deklamatoren nach Dutzenden auf das Podium gestellt; um aber dem Volk etwas zu bieten, muß sich solch elender Vorleser wie ich ans Pult setzen.« Mit gutmütiger Ironie schwenkte er seine Hand hin und her. »Und das Beste ist, -- alle sind noch damit zufrieden. Ja, -- was hätte es denn auch zu wollen, das Volk --« seine Stimme wurde bitter, schmerzlich.
»Das ist ganz richtig,« sagte Dubowa. »Es ist widerwärtig, etwas Gedrucktes in die Hand zu nehmen. In den Zeitungen werden ganze Spalten damit gefüllt, wie wunderbar irgendwelche Schauspieler spielen und hier ...«
»Und wie schön doch unsere Sachen hier stehen,« meinte Schawrow und begann zärtlich seine Broschüren zusammenzupacken.
»Die reine Einfalt,« dachte Jurii, aber die Anwesenheit Karssawinas, und sein eigener Erfolg stimmten ihn weich und gutmütig. Die Einfachheit Schawrows rührte ihn sogar ein wenig.
»Wohin gehen Sie jetzt?« fragte ihn Dubowa, als sie auf die Straße hinaustraten.
Draußen war es nicht viel heller als in den Zimmern, obgleich am Himmel schon die Sterne aufleuchteten.
»Schawrow und ich gehen zu Ratowa,« fuhr sie selber fort. »Und Sie begleiten Sina?«
»Mit Vergnügen,« gab Jurii aufrichtig zur Antwort.
So trennten sie sich.
Den ganzen Weg bis zu der Wohnung Karssawinas, die sie mit Dubowa gemeinsam in einem kleinen Häuschen gemietet hatte, sprachen sie über den Eindruck, den die Vorlesung in ihnen hervorgerufen hatte, und Jurii gewann mehr und mehr die Ueberzeugung, daß von ihm etwas Wunderschönes und sehr Wichtiges geleistet worden war.
An der Pforte sagte Karssawina: »Kommen Sie zu uns herein!«
»Das kann ich!« Jurii willigte heiter ein. Karssawina öffnete die Tür und sie traten in einen kleinen, grasbewachsenen Hof, hinter dem der Garten in dichtem Schwarz auftauchte.
»Gehen Sie in den Garten,« sagte Karssawina lachend. »Zwar möchte ich Sie in unsere Wohnung einladen, aber ich fürchte, -- wissen Sie, ich war seit heute morgen nicht zu Hause und da ist es unsicher, ob bei uns zur Genüge aufgeräumt ist.«
Sie lief allein in das Haus, und Jurii schlenderte langsam in den duftigen grünen Garten hinüber. Er ging nicht weit, sondern blieb am Anfang des Pfades stehen, starrte erst zwecklos auf den Boden, drehte sich dann plötzlich um und sah mit brennendem Verlangen in die offenen, dunklen Fenster des Hauses. Ihm schien, daß sich dort ein entzückendes Geheimnis abspielen müsse.
Fast bewegungslos war Karssawina auf die Vortreppe hinausgetreten. Jurii erkannte sie kaum. Sie hatte ihr schwarzes Kleid abgelegt und eine dünne, kleinrussische Bluse, mit tiefem Ausschnitt und kurzen Aermeln, dazu ein leichter, blauer Kleiderrock bedeckten, von der Luft durchweht, die prächtigen Formen ihres Körpers.
»Hier bin ich!« sagte sie; ein verlegenes Lächeln überzog aus einem Grunde, der ihnen beiden unverständlich war, ihr Gesicht.
»Ja, ich sehe,« erwiderte Jurii, und jetzt begriff auch sie den bedeutsamen Ausdruck, der in den wenigen Worten lag.
Sie lächelte wieder und wandte sich ein wenig zurück. Beide schritten den Pfad zwischen den grünen, niedrigen Fliederbüschen und Rasenhecken entlang. Die Bäume, die zerstreut standen, waren noch klein, meistens Kirschen mit saftigen, jungen Blättern; sie strömten einen starken, herben Geruch aus.
Hinten an den Garten stieß eine Wiese, reich mit Blumen bedeckt, die hohes ungemähtes Gras trug.
Sie ließen sich auf einem halbeingebrochenen Zaun nieder und schauten bedächtig auf die Wiese, die durchsichtige, vergehende Abendröte. Jurii zog einen biegsamen Fliederzweig zu sich herab; zarte Tautröpfchen glitten dabei auf ihr Haar und setzten sich dort glitzernd fest.
»Wollen Sie, daß ich Ihnen etwas vorsinge,« sagte Karssawina.
»Natürlich möchte ich das!«
Karssawina reckte, wie auch damals auf dem Fluß, ihre Brust, die deutlich unter dem zarten Stoff hervortrat, und begann zu singen.
Der schöne Stern der Liebe -- -- -- -- --
Ihre Stimme klang leicht und rein, aber voller Leidenschaft, durch die abendliche Luft.
Jurii saß still und wagte kaum zu atmen; er schaute auf sie, ohne die Augen von ihr einen Augenblick abzuwenden.
Sie fühlte seinen Blick, schloß ihre Augen, dehnte die Brust noch höher; ihr Gesang wurde immer schöner und kräftiger. Es schien, daß alles einhielte und lausche. Und Jurii kam die scheinbare, geheimnisvolle und gespannte Stille in den Sinn, die plötzlich eintritt, sobald eine Nachtigall zu schlagen anhebt.
Als sie mit einem hohen, silbernen Ton abbrach, wurde alles noch stiller. Die Abendröte war vollends erloschen, und der Himmel verdunkelte mehr und mehr.
Kaum sichtbar, kaum hörbar begannen sich die Blätter zu bewegen, das Gras zu schwanken, und durch die Lüfte schwebend, zog ein zarter und duftiger Laut, wie ein Seufzer, von der Wiese herüber und zerrann im Garten.
Karssawina wandte sich mit Augen, die im Dunkel blitzten, zu Jurii:
»Warum schweigen Sie?«
»Zu schön ist es hier.« Jurii flüsterte es leise und zog wieder an dem tautriefenden Zweig.
»Ja, sehr schön,« rief sie träumerisch, »es ist überhaupt schön, auf der Welt zu sein,« fügte sie, nach kurzem Schweigen, hinzu.
In Jurii stieg ein leidiges Gefühl empor, nahm aber keine greifbaren Formen an und verschwand sofort wieder. Einmal ertönten plötzlich hinter der Wiese zwei schrille Pfiffe, doch gleich fiel alles wieder in die zitternde Ruhe zurück.
»Gefällt Ihnen Schawrow?« fragte unerwartet Karssawina und lachte selbst über das Plötzliche ihrer Frage.
In Juriis Brust regte sich eine eifersüchtige Stimmung, doch er zwang sich selbst zu einer ernsten Antwort.
»Er ist ein guter Bursche. Mit welchem Enthusiasmus gibt er sich seiner Ueberzeugung hin.«
Jurii schwieg. Auf der Wiese erhob sich ein leichter, weißlicher Nebel, und selbst das Gras nahm unter dem Tau einen weißen Schimmer an.
»Es wird feucht,« sagte Karssawina, sich schnell erhebend. Unwillkürlich blickte Jurii auf ihre runden weichen Schultern; er wurde verlegen. Sie fing seinen Blick auf und geriet ebenfalls in Verwirrung, obgleich ihr angenehm und froh zumute war.
»Gehen wir!« Und sie schritten mit innerem Bedauern auf dem schmalen Pfad zurück, hin und wieder streiften sie sich mit den Körpern.
Der Garten blieb leer und schwarz hinter ihnen, und als Jurii sich umsah, setzte sich der Gedanke in ihm fest, daß dort jetzt ein ganz neues Leben erwachen müsse; -- allen verborgen, allen ein Geheimnis. Zwischen den niedrigen Bäumen, über dem taubedeckten Rasen werden Schatten hingleiten. Die Dämmerung wird sich verdichten und die Stille muß beginnen, mit matter Stimme leise Worte zu murmeln.
Er erzählte ihr die Phantasie. Das Mädchen schaute sich um, blickte lange in den Garten mit Augen, die nachdenklich und tief geworden waren.
Und Jurii dachte: Wenn sie plötzlich die Kleider von sich würfe und in fröhlicher, glücklicher Nacktheit hinein in das grüne Dickicht liefe, dann wäre das gar nicht sonderbar, -- nur wundervoll und natürlich. Und es würde das grüne Leben des Gartens nicht stören, sondern ergänzen, ausfüllen und erhöhen.
Jurii verlangte es, ihr auch diesen Gedanken mitzuteilen, er wagte es aber nicht und sprach wieder von verschiedenen Referaten und der allgemeinen Volksbewegung. Das Gespräch stockte bald und versiegte, als ob sie nicht von dem sprachen, was ihnen das Nächste gewesen wäre. So gingen sie lächelnd bis zur Pforte und streiften mit ihren Schultern die nassen, triefenden Büsche. Ihnen schien alles ins Schweigen zu versinken, ebenso nachdenklich und im gleichen Glück wie sie selbst.
Im Hofe war es wie vorher still und leer. Nur das weiße Häuschen sah mit seinen offenen Fenstern schwarz zu ihnen herüber. Doch die Pforte nach der Straße zu stand offen, und aus dem Zimmer hörte man Schritte und Poltern, als würde das Schubfach einer Kommode mit Gewalt aufgerissen.
»Ah, Ola ist gekommen,« rief Karssawina.
»Sina, bist du da,« fragte Dubowa vom Zimmer her. Ihrer Stimme merkten beide sogleich an, daß etwas Schlimmes vorgefallen war. Dubowa trat auf die Treppe hinaus, blaß und fassungslos. »Wo steckst du? Ich suchte dich, Semionow stirbt!« rief sie keuchend und sich überstürzend.
»Was,« fragte Karssawina entsetzt und lief auf sie zu.
»Ja, er stirbt. Er hat einen Blutsturz gehabt. Anatoli Pawlowitsch meint, daß es zu Ende geht. Wir haben ihn ins Krankenhaus gebracht. Und wie eigentümlich und unerwartet. Wir saßen bei Ratows und tranken Tee. Er war so lustig, stritt sich mit Nowikow herum, und dann hustete er plötzlich, stand auf, schwankte, und Blut stürzte, stürzte -- so -- einfach -- direkt aufs Tischtuch, -- in den Teller mit Eingemachtem hinein. Dicht, schwarz -- -- --«
»Und wie? Er -- weiß er ...,« fragte mit brennender Neugierde Jurii, dem in diesem Augenblick die Mondnacht, die schwarzen Schatten, und die aufgeregte, traurige Schwäche jener Stimme einfiel: -- -- -- Und Sie werden noch leben, werden an meinem Grabe vorbeigehen, irgend eines Bedürfnisses wegen stehen bleiben und ich -- -- -- --
»Er scheint es zu wissen,« unterbrach Dubowa, mit nervösem Zucken ihrer Arme, seine Gedanken. »Er sah uns alle an und fragte: >Was bedeutet das? ...< Und dann bebte er am ganzen Körper und sagte noch: >Schon? ...< Ach, wie abscheulich und furchtbar das ist.«
Alle schwiegen. Nun wurde es ganz still und trotzdem die Luft ebenso durchsichtig und klar wie früher war, kam es ihnen vor, als wäre die ganze Welt plötzlich mit einer dunklen Decke überzogen worden.
»Eine entsetzliche Sache -- der Tod,« sagte Jurii und erblaßte.
Dubowa seufzte und senkte die Blicke zu Boden, Karssawina bebte das Kinn; sie lächelte schuldbewußt und bedauernswert. Sie konnte das niederdrückende Gefühl der anderen nicht ertragen, weil ihr ganzes Wesen von Leben erfüllt war. Es ließ nicht zu, daß sie sich den Tod vergegenwärtigte. Sie konnte sich kaum vorstellen, daß jetzt, wo sie ein so prächtiger Sommerabend umgab und alles in ihr voll Glück und Freuden schwankte, ein Mensch leiden und sterben sollte.
Ihre Empfindungen waren nur natürlich; aber ihr schien, daß sie schlecht seien. Sie schämte sich ihrer; unbewußt bemühte sie sich, sie zu unterdrücken und an ihrer Statt bessere hervorzurufen. Mehr als Jurii und Dubowa drückte sie deshalb jetzt in ihrer Frage Teilnahme und Schrecken aus:
»Ach der Arme, wie geht es ihm?« Sie wollte sich noch weiter erkundigen: ... wird er bald sterben; aber sie stockte bei diesem Wort und richtete an Dubowa, während sie sich an sie klammerte, leere Fragen ohne Sinn und Nutzen ...
»Anatoli Pawlowitsch meinte, daß es mit ihm heute Nacht oder morgen früh zu Ende gehen wird,« entgegnete diese dumpf.
Karssawina sprach scheu und leise: »Wollen wir zu ihm gehen? ... Oder vielleicht nicht? Ich weiß garnicht ...«
Und vor allen tauchte plötzlich die gleiche Frage auf: -- -- -- Darf man dorthin gehen und zusehen, wie dieser Semionow stirbt, und würde es gut oder schlecht sein ...