Part 14
Und der Sinn? Einen Sinn gibt es natürlich. Der kann nicht fehlen. Einfach darum, das Ziel muß außerhalb unseres Lebens liegen, in den Gründen des Universums selbst. Das ist begreiflich. Wir sind nicht der Anfang, also können wir auch nicht das Ende sein. Uns ist nur ganz allein eine Aushilfsrolle bestimmt, eine passive Rolle. Durch die Tatsache, daß wir leben, erfüllen wir schon unseren Zweck. Unser Leben ist nötig und folglich ist auch der Tod nötig.«
»Für wen? ...«
»Woher soll ich denn das wissen,« lachte Ssanin. »Und was geht es mich denn im Grunde an. Mein Leben, das sind meine Empfindungen; die angenehmen und unangenehmen. Und was hinter ihren Grenzen liegt, -- ich spucke drauf. Welche Hypothese wir auch hinstellen mögen; es bleibt immer nur Hypothese und auf dieser Grundlage sein Leben aufzubauen, das wäre Dummheit. Wem es Bedürfnis ist, der mag sich dafür absorgen; ich aber will leben.«
»So trinken wir aus diesem Anlaß aus,« schlug Iwan vor.
»Und glauben Sie an Gott?« fragte Pjotr Iliitsch, Ssanin seine trübgewordenen Augen zuwendend. »Jetzt glaubt ja niemand mehr. Man glaubt nicht einmal, daß man an Gott glauben darf.«
»O, an Gott glaube ich schon,« sagte Ssanin wieder lächelnd. »Der Glaube an Gott steckt noch von der Kindheit her in mir und ich sehe keine Notwendigkeit, ihn zu bekämpfen oder auch ihn zu stärken. So ist es am besten. Gibt es einen Gott, so werde ich wahrhaft aufrichtig an ihn glauben; gibt's keinen -- -- nun, um so besser für mich.«
»Aber auf der Grundlage des Glaubens oder Nichtglaubens baut sich ja das ganze Leben auf,« bemerkte Jurii.
»Nein,« Ssanin machte eine abwehrende Kopfbewegung und seine Züge legten sich in ein gleichgültig fröhliches Lächeln. »Ich brauche diese Grundlage des Lebens nicht.«
»Welche haben Sie denn?« fragte müde Jurii. -- -- -- Ah, ich darf nicht mehr trinken, dachte er traurig und strich mit seiner Hand über die mit kaltem Schweiß bedeckte Stirn.
Vielleicht hatte Ssanin irgend etwas darauf geantwortet, vielleicht auch nicht. -- Jurii hörte nichts mehr, ihm schwindelte der Kopf und für einen Augenblick wurde ihm übel.
»... Ich glaube, daß ein Gott existiert. Aber dieser Glaube ist in mir ganz abgesondert. Hat seine eigene Ecke,« sprach Ssanin weiter. »Doch ... mag er existieren oder nicht, ich kenne ihn nicht und weiß nicht, was er von mir will. Woher sollte ich es auch wissen; selbst bei dem heißesten Glauben. Gott ist Gott und kein Mensch, -- -- -- mit keinem menschlichen Maß kann er gemessen werden. In seiner Schöpfung, soweit wir es beobachten können, gibt es alles: Gut und Böse, Leben und Tod, Schönheit und Häßlichkeit ... Alles. Und da jede Bestimmtheit oder Sinn in ihr verschwindet und sich ein Chaos offenbart, so ist sein Sinn folglich kein menschlicher, -- -- sein Gut und Böse ist kein menschliches Gut und Böse. Unsere Definition Gottes wird immer eine Götzenanbeterei sein und wir werden unseren Fetisch stets mit dem Gesicht und den Kleidern ausstatten, die den lokalen klimatischen Verhältnissen entsprechen. Unsinn.«
»So,« Iwanow räusperte sich stark, »richtig, sehr richtig!«
»Wofür denn aber eigentlich leben?« fragte Jurii und stieß sein Weinglas mit Widerwillen von sich.
»Und wozu sollte man sterben? ...«
»Ich weiß nur eines,« antwortete Ssanin. »Ich lebe und will, daß das Leben für mich ohne Unannehmlichkeiten sei. Deshalb muß man zunächst die natürlichen Begierden befriedigen können. Sie sind alles. Sterben im Menschen die Wünsche, so stirbt auch sein Leben, und wenn er in sich die Wünsche ertötet, so tötet er sich selbst.«
»Aber die Wünsche könnten doch schlecht sein ...«
»Das ist schon möglich.«
»Und was denn?«
»Dasselbe!« antwortete Ssanin mit seiner zärtlichen Stimme, und schaute Jurii mit hellen Augen, ohne zu blinzeln, ins Gesicht.
Iwanow zog die Augenbrauen an, sah mißtrauisch auf Ssanin und schwieg. Auch Jurii sprach nicht mehr; aus irgend einem Grunde wurde es ihm bänglich in diese hellen, klaren Augen zu sehen, und doch bemühte er sich wieder, seinen Blick nicht zu senken.
Einige Minuten war es still; man hörte deutlich, wie sich ein Nachtfalter, einsam und verzweifelt, an der Fensterscheibe zerschlug. Pjotr Iliitsch schüttelte traurig den Kopf, während er sein betrunkenes Gesicht auf eine Zeitung gesenkt hielt.
Ssanin lächelte immer noch.
Dieses beständige Lächeln reizte Jurii und zog ihn gleichzeitig an. -- -- -- Wie hell seine Augen sind, dachte er unbewußt.
Ssanin stand plötzlich auf, öffnete das Fenster und ließ den Falter heraus. Wie ein großer weicher Flügelschlag rauschte eine Welle reiner kühler Luft durch die Stube.
»Ja,« sagte Iwanow auf seine eigenen Gedanken eingehend, »es gibt verschiedene Leute. Also darum, Rest weg.«
»Nein,« Jurii schüttelte den Kopf, »ich trinke nicht mehr.«
»Warum?«
»Ich trinke überhaupt wenig.«
Vom Wodka und von der Hitze hatte Jurii bereits Kopfschmerzen und wünschte an die frische Luft zu kommen.
»Nun, ich gehe,« sagte er sich erhebend.
»Wohin? Trinken wir doch noch aus!«
»Nein! Ich muß wirklich fort,« er suchte zerstreut nach seiner Mütze.
»Na, auf Wiedersehen!«
Als Jurii die Tür schloß, hörte er, wie Ssanin Pjotr Iliitsch die Antwort gab: »Ja, wenn ihr nicht wie Kinder sein werdet! Kinder unterscheiden doch nicht Gut und Böse, sie sind nichts als aufrichtig. Und darin lügt ihr ...«
Jurii drückte die Tür ins Schloß und ganz plötzlich wurde es still um ihn.
Der Mond stand hoch, und strahlte in leichter Helligkeit hernieder. Die Luft wehte auf ihn, vom Tau durchfeuchtet, frisch ein. Alles war wie aus Mondenschein gewebt, war schön und nachdenklich. Als Jurii allein durch die Straßen schritt, die von dem gelben Licht geglättet waren, berührte ihn die Erinnerung eigentümlich, daß es irgendwo ein schweigsames, schwarzes Zimmer gibt, wo auf einem kahlen Tische gelb und unbeweglich der tote Semionow liegt.
Doch es war ihm nicht möglich, jene furchtbaren und schweren Gedanken wieder in sich hervorzurufen, die seine Seele noch vor kurzem niederdrückten, und die ganze Welt in einen schwarzen Nebel hüllten. Ihm war nur still und traurig zumute und er wünschte mit seinen Blicken unverwandt den fernen Mond festhalten zu können.
Als Jurii einen leeren Platz, der im Mondenlicht besonders weit und eben erschien, überschritt, kam ihm wieder Ssanin in den Kopf.
-- -- -- Was ist das für Einer, fragte er sich und konnte lange nicht ins Reine kommen.
Ihm war es unangenehm, daß da mit einem Mal ein Mensch aufgetaucht war, der sich von ihm nicht in eine Formel fassen ließ; deshalb wünschte er unbedingt, über ihn aburteilen zu können.
Ein Phraseur, dachte er mit häßlicher Freude. Einst posierte man mit Lebensverachtung, mit höheren, unverstandenen Aphorismen und jetzt erlangt die Pose der Bestialität ihre Geltung.
Jurii lenkte seine Gedanken von Ssanin ab und begann sich mit sich selbst zu beschäftigen. Er überlegte, daß er sich niemals in Pose stelle, sondern daß sein Leiden, wie jeder seiner Gedanken ganz originell und keinem ähnlich sei. Das war angenehm, aber es fehlte ihm noch etwas und so begann er sich wieder des verstorbenen Semionow zu erinnern. Es machte ihn traurig, daß er den kranken Studenten niemals wiedersehen würde; dieser Semionow, der ihm garnicht besonders gefallen hatte, stand ihm mit einem Male nahe und wurde ihm teuer. Es rührte ihn zu Tränen.
Jurii stellte sich den Studenten vor, wie er im Grabe liegt, mit verfaultem Gesicht, mit einem Körper voller Würmer, die langsam und ekelhaft in dem zerfallenden Brei, der von einer grünen und feuchten Studentenuniform eingeschlossen wird, herumwimmeln.
Und vom Ekel durchrüttelt, erinnerte er sich der Worte des Toten.
-- -- -- Ich werde liegen und Sie werden hier vorbeigehen und an meinem Grabe irgend eines Bedürfnisses wegen stehen bleiben ...
Auch das waren doch alles Menschen, dachte Jurii mit Entsetzen und starrte auf den fetten Straßenstaub herunter. Ich gehe und trete auf Gehirne, Herzen und Augen. Eh! -- -- -- er fühlte mit einem Mal eine widrige Schwäche in den Knieen.
Ich werde auch sterben, werde es auch, -- und über mir wird man ebenso hinweg schreiten und sich dieselben Gedanken machen, wie ich jetzt. Ja, man muß leben, solange es noch nicht zu spät ist. Es ist schön zu leben, aber nur so, daß kein Augenblick ungenützt vorübergeht.
Doch wie soll man das tun? -- --
Auf dem Platz war es leer und licht und über der ganzen Stadt schwebte eine leuchtende, rätselhafte Mondenhelle.
-- -- -- Und Bajans helle Saiten tönten, Kein Lied, das uns von ihm erzählt.
sang leise Jurii.
Langweilig, traurig, furchtbar, rief er laut, als wollte er gegen irgend etwas seine Anklage richten. Doch er erschrak selbst über seine Stimme und wendete sich um, ob ihn auch niemand gehört hatte.
-- -- -- Ich bin betrunken, dachte er.
Die Nacht war hell und schweigsam.
XII
Karssawina und Dubowa waren irgendwohin auf Besuch gereist, und seitdem verlief das Leben Jurii Swaroschitschs einförmig und ohne Interesse.
Sein Vater, Nikolai Jegorowitsch, war von häuslichen Angelegenheiten und dem Klub so in Anspruch genommen, und Ljalja und Rjäsanzew wurden in so offensichtlicher Weise von jeder Anwesenheit eines Dritten gestört, daß sich Jurii in ihrer Gegenwart vollständig überflüssig fühlte. Schließlich kam es dahin, daß er sehr spät schlafen ging, aber auch erst gegen Mittag aufstand. Und die ganzen Tage lang, während er bald im Garten, bald in seinem Zimmer saß, schwirrten ihm ununterbrochen Gedanken durch den Kopf; er erwartete eine mächtige Welle von Energie, durch die er etwas Ganzes in Angriff nehmen würde. Dieses »Ganze« erhielt jeden Tag neue Gestalt. Einmal war es ein Bild, dann wieder eine Folge von Artikeln, die, ohne daß es Jurii bewußt wurde, der ganzen Welt beweisen mußten, welchen großen Fehler die Sozialdemokratie beging, als sie Jurii Swaroschitsch nicht die führende Rolle in der Partei zuwies. Manchmal auch wollte er Anschluß an das Volk und eine rege, innige Tätigkeit in ihm finden -- immer aber war alles von Bedeutung und in jedem Zuge grandios.
Doch die Tage gingen ebenso fort, wie sie kamen, und brachten nichts außer Langeweile mit sich. Einige Mal besuchten ihn Nowikow und Schawrow; auch Jurii selbst ging auf Vorträge und machte Besuche. Doch alles blieb ihm innerlich fremd, zerstreute ihn nicht; es hatte keinen Zusammenhang mit dem, was tief in ihm trauerte.
Eines Tages ging Jurii im Vorbeigehen zu Rjäsanzew mit hinein. Der Arzt bewohnte eine große und saubere Wohnung; in den Zimmern gab es eine Menge Gegenstände, die zur Zerstreuung eines gesunden und intelligenten Menschen dienen. Turnapparate, Hanteln, Schläger, Angelgerätschaften, Netze für Wachteln, Pfeifen und Zigarrenspitzen. Ueber allem lag die Ausdünstung eines kräftigen, männlichen Körpers ausgebreitet.
Rjäsanzew trat ihm liebenswürdig und zutraulich entgegen, zeigte ihm alle seine Schätze, lachte, erzählte eine Anekdote, bot zu rauchen und zu trinken an, und forderte ihn schließlich auf, mit ihm auf die Jagd zu gehen.
»Aber ich habe ja keine Büchse,« sagte Jurii.
»So nehmen Sie eine von mir. Ich habe acht Stück.«
Rjäsanzew sah in Jurii den Bruder Ljaljas; er wünschte mit ihm befreundet zu werden und ihm zu gefallen. So brachte er selbst bereitwillig seine Gewehre herbei, bat Jurii, sich eins auszuwählen, nahm sie auseinander, erklärte ihren Mechanismus und schoß dann im Hof nach der Scheibe, so daß schließlich auch in Jurii der Wunsch rege wurde, ebenso freudig zu lachen und zu schießen wie er. Jetzt machte es ihm sogar Vergnügen, Gewehr und Patronen gleich an sich nehmen zu können.
»Also vorzüglich,« Rjäsanzew war aufrichtig erfreut. »Grade morgen wollte ich auf den Entenstrich. Fahren wir zusammen, was?«
Erfreut willigte Jurii ein. Nachdem er nach Hause gekommen war, bastelte er zwei Stunden lang am Gewehr herum, beschaute es gut, paßte sich den Riemen über den Schultern zurecht, legte den Kolben an und zielte gegen die Lampe; mit aller Sorgfalt schmierte er sich selbst die alten Jagdstiefel.
Am andern Tag kam Rjäsanzew gegen Abend zu ihm, um ihn auf einem Begunki -- einem leichten Wagen, zwischen dessen vier Rädern ein gepolstertes Brett liegt, auf dem man rittlings sitzt -- abzuholen.
»Sind Sie fertig?« rief er heiter zu Jurii ins Fenster hinein.
Jurii, der sich schon Gewehr, Jagdtasche und Patronen aufgepackt hatte, trat verlegen lächelnd, aus dem Hause; er verwickelte sich fortgesetzt in den Jagdutensilien.
»Fertig, fertig!« sagte er.
Rjäsanzew war leicht und bequem angezogen und schaute mit einer gewissen Verwunderung Juriis Ausrüstung an.
»So wird es Ihnen unbequem werden. Nehmen Sie vorläufig lieber alles herunter. Wenn wir an Ort und Stelle sind, legen Sie es wieder an.«
Er half Jurii, die Ausrüstung wieder abzulegen und sie im Holzkasten des Wagens unterzubringen. Dann fuhren sie im schnellen Trabe davon. Der Tag ging zu Ende, doch noch war es heiß und staubig. Das Stuckern der Räder schnellte das Sitzbrett des Wagens auf und nieder; -- Jurii, der das Fahren in diesem kleinen Jagdwagen nicht gewohnt war, mußte sich am Sitz anklammern. Rjäsanzew lachte und sprach ohne Aufhören, und Jurii blickte mit vollem Vergnügen auf seinen starken Rücken, der von einem unter den Achseln durchschwitzten Seidenrock dicht überspannt war; unwillkürlich machte er es ihm im Lachen und Scherzen nach.
Als sie auf die Straße hinauskamen, und die dürren Feldgräser leicht ihre Füße streiften, wurde es frischer und der Staub hielt sich am Boden. An einem unendlich ebenen, mit Wassermelonen bestandenen Gemüsefeld hielt Rjäsanzew das schweißbedeckte Pferd an und rief in seinem vollen Bariton, indem er beide Hände hohl um den Mund legte, anhaltend: »Kusma! Kusma!«
Zwerghaft kleine Menschen, die am anderen Ende des Gemüsefeldes kaum sichtbar auftauchten, starrten eine Zeitlang unbeweglich auf die Schreienden, bis sich schließlich einer von ihnen loslöste und langsam zwischen den Furchen herüberschritt. Endlich ließ sich erkennen, daß es ein großer Bauer war, mit langem Vollbart und mit herabhängenden knochigen Armen. Er kam auf sie zu und sagte mit breitem Lächeln:
»Guten Tag, Anatoli Pawlowitsch, du hast es aber raus, -- das Schreien.«
»Guten Tag, Kusma, was machst du? Kann ich das Pferd bei dir einstellen?«
»Kann bei mir stehen,« sagte ruhig und freundlich der Bauer, das Pferd am Zügel greifend. »Soll wohl auf die Jagd gehen, nicht? Und wer werden jener Herr sein?« fragte er zutunlich auf Jurii blickend.
»Der Sohn von Nikolai Jegorowitsch,« antwortete Rjäsanzew heiter.
»So? ... Das merkt sich doch gleich, daß der Herr unsrer Ludmilla Nikolajewna ähnlich sind.«
»Ja?« Jurii berührte es aus irgend einem Grunde angenehm, daß dieser alte, freundliche Bauer seine Schwester kannte und sie so einfach und nett erwähnte.
»Nun, gehen wir also,« sagte Rjäsanzew, indem er unter dem Vordersitz Gewehr und Tasche hervorholte und sich umlegte.
»Weidmannsheil,« rief ihnen Kusma nach und man hörte, wie er auf das Pferd einsprach, während er es zu seiner Hütte führte.
Bis zum Sumpf hatten sie noch gegen einen Werst zu laufen, und die Sonne war schon völlig im Untergehen, als der Boden saftiger und allmählich von frischem Wiesengras, Rohr und niedrigem Weidengebüsch bedeckt wurde. Wasser blinkte vor ihnen auf, es roch nach feuchter Luft. Die Dämmerung senkte sich, immer dunkler werdend, nieder. Rjäsanzew hörte auf zu rauchen, und wurde plötzlich ganz ernst, als trete er an ein wichtiges und verantwortungsvolles Werk. Jurii ging von ihm nach rechts ab, und wählte sich hinter dem Rohr ein trockeneres und zum Stehen geeignetes Fleckchen. Grad vor ihm lag das Wasser, das in der hellen Abendröte rein und tief aussah; hinter ihm schimmerte das andere Ufer herüber, doch völlig zu einem schmalen, schwarzen Streifen zusammengezogen.
Fast im selben Augenblick tauchten Enten auf, und strichen zu zweien und dreien, schwer mit den Flügeln schlagend an ihnen vorüber. Zuerst schoß Rjäsanzew und erfolgreich. Ein von ihm getroffener Enterich stürzte, sich in der Luft überschlagend, nieder und prallte irgendwo abseits auf, wobei das Wasser hoch aufspritzte und die Rohrstengel mit Geräusch durchschlagen wurden.
»Weidmannsheil,« schrie Rjäsanzew und lachte laut auf.
-- -- -- Im Grunde genommen ist er doch ein sehr guter Kerl, dachte Jurii plötzlich.
Dann schoß er und ebenfalls mit Glück; doch diese von ihm getötete Ente konnte er später nicht auffinden, trotzdem er sich die Hände an den Rohrstengeln zerschnitt und bis an die Knie ins Wasser geriet. Von jetzt ab schien ihm alles, was passierte, vergnüglich zu sein. Das Pulver verbreitete in der durchsichtigen, kühlen Luft über dem See einen eigenartig reizvollen Geruch und bei jedem Schuß leuchteten unter dem hellen Geknatter die Feuerfunken zwischen dem dunkelgewordenen Grün auf.
Die getroffenen Enten überstürzten sich ebenfalls schön und zierlich am Hintergrund des hellroten Himmels, bis die Abendröte zerrann und die ersten funkelnden Sterne schwach hervortraten.
Jurii empfand einen ungewöhnlichen Zustrom von Kraft und Freude; er glaubte, noch niemals etwas so Interessantes und Lebensvolles mitgemacht zu haben. Doch schließlich flogen die Enten immer seltener auf und das Zielen wurde in der dichten Dämmerung immer schwieriger.
»Ehoi!« rief Rjäsanzew, »Zeit nach Hause zu fahren.« Jurii tat es leid, die Jagd abzubrechen, aber er schritt doch Rjäsanzew entgegen, ohne die Wasserlachen zu seinen Füßen zu vermeiden; er platschte durch die Pfützen und blieb im Rohrgestrüpp hängen. Mit glühenden Augen und freien Atemzügen trafen sie zusammen.
»Nun, wie steht's?« fragte Rjäsanzew. »Hatten Sie Glück?«
»Und wie!« Jurii zeigte auf seine gefüllte Jagdtasche.
»Sie schießen ja besser als ich,« rief Rjäsanzew erfreut.
Jurii war dieses Lob angenehm, trotzdem er bisher geglaubt hatte, daß er auf physische Kraft und Gewandtheit keinen Wert zu legen brauche. »I wo denn besser,« sagte er selbstgefällig. »Einfach Glück, das ist alles.«
Es war schon tiefdunkel, als sie die Hütte Kusmas erreichten. Das Feld lag in tiefer Schwärze und nur die nächsten Beete kleiner Wassermelonen waren vom Feuer erhellt und warfen lange, flache Schatten.
Neben der Hütte schnaubte, nicht sichtbar, ein Pferd; ein kleines, aber grelles, gewandt aus dürrem Steppengestrüpp hergerichtetes Feuer brannte knallend; man hörte harte Bauernstimmen, Weiberlachen. Dazwischen mischte sich eine heitere gleichmäßige Stimme, die Jurii bekannt vorkam.
»Aber da sitzt doch Ssanin,« meinte Rjäsanzew verwundert. »Wie ist der denn hierher gekommen?«
Sie traten an das Feuer. Der weißbärtige Kusma, der inmitten des Lichtkreises saß, hob seinen Kopf und winkte ihnen freundlich zu.
»Glück gehabt?« fragte er mit dumpfer Baßstimme hinter seinem herunterhängenden Schnurrbart hervor.
Ssanin, der auf einem großen Kürbis hockte, hob ebenfalls den Kopf und lächelte ihnen zu.
»Was hat Sie denn hierher verschlagen?« fragte Rjäsanzew.
»Ich und Kusma Prochorowitsch sind alte Freunde,« erklärte Ssanin, sein Lachen etwas verstärkend.
Kusma zeigte vergnügt die gelben Wurzeln seiner abgenützten Zähne und klopfte Ssanin fröhlich mit harten unbiegsamen Fingern auf das Knie.
»So, so,« sagte er, »setze dich hierher, Anatoli Pawlowitsch. Und Sie auch Junker. Wie nennt man Sie denn?«
»Jurii Nikolajewitsch,« gab dieser mit fast zuvorkommendem Lächeln zur Antwort. Er fühlte sich etwas deplaziert, aber dieser alte Bauer, mit dem halb russischen, halb ukrainischen Dialekt, gefiel ihm ausnehmend gut.
»Jurii Nikolajewitsch, gut! So, nun sind wir also Bekannte. Setze dich, Jurii Nikolajewitsch.«
Jurii und Rjäsanzew ließen sich am Feuer nieder, nachdem sie sich zwei schwere harte Kürbisse herangewälzt hatten.
»Nun zeigt doch, was ihr geschossen habt,« bat Kusma voll Interesse.
Ein Haufen Enten fiel aus den Jagdtaschen und bedeckten den Boden mit Blut. Beim flackernden Feuerschein hatten sie ein sonderbares und unangenehmes Aussehen. Das Blut war wie schwarz und die zusammengekrampften Krallen schienen sich zu bewegen. Kusma befühlte einen Enterich unter den Flügeln.
»Fett ist er,« sagte er billigend. »Du solltest mir doch ein Pärchen hier lassen, Anatoli Pawlowitsch. Wozu brauchst du so viele?«
»Nehmen Sie die meinen alle,« schlug Jurii lebhaft vor, errötete aber sofort über seinen Eifer.
»Wozu denn alle? Sieh welch ein guter Kerl,« lachte der Greis. »Und ich möchte nur ein Pärchen, damit jeder was hat.«
Auch die anderen Bauern und Weiber kamen herbei, um die Beute zu sehen. Aber als Jurii die Blicke vom Feuer weglenkte, konnte er nichts unterscheiden. In der Dunkelheit schien bald das eine, bald wieder ein anderes Gesicht, je nachdem es von dem Feuerschein getroffen wurde.
Ssanin blickte stirnrunzelnd auf die getöteten Vögel, rückte etwas beiseite und stand rasch auf. Es wurde ihm peinlich, auf die toten Tiere zu sehen, wie sie in Staub und Blut mit zerschmetterten Flügeln herumlagen. Jurii verfolgte mit Neugierde das Leben um sich her, biß gierig in die Schnitten der reinen saftigen Wassermelonen, die Kusma mit einem Taschenmesser mit gelbem Horngriff absäbelte.
»Iß, Jurii Nikolajewitsch, die Wassermelone ist gut. Auch Ihre Schwester Ludmilla Nikolajewna und den Herrn Papa kenne ich. Iß und sei gesund.«
Jurii gefiel hier alles. Die Ausdünstungen der Bauern, die dem Geruch frischen Brotes gemischt mit dem von Schafpelzen ähnlich sind, der kecke Glanz des Feuers und die runden Kürbisse, auf denen er saß, und daß man Kusmas Gesicht nur sah, wenn er nach unten blickte, während es bis auf die glänzenden Augen verschwand, sobald er den Kopf hoch richtete. Die Finsternis schien dicht über den Köpfen zu hängen, so daß sich eine heitere Freundlichkeit über den beleuchteten Fleck ausbreitete; man mußte sie erst allmählich durchdringen, bis sich dann plötzlich ein hoher, majestätisch-ruhiger, dunkler Himmel auftat, an dem sich kleine Sterne zeigten. Doch hatte er während der ganzen Zeit, ohne daß es ihn bedrückte, ein peinliches Gefühl; er wußte nicht, worüber er mit den Bauern sprechen sollte. Die Anderen aber, sowohl Kusma wie Ssanin und Rjäsanzew, unterhielten sich, ohne erst ein besonderes Thema zu wählen, so einfach und frei über alles, was ihnen in den Kopf kam, daß Jurii erstaunte.
»Nun und wie geht es bei Ihnen mit dem Land?« fragte er, als alle für einen Augenblick schwiegen; dabei fühlte er selbst, daß die Frage hergeholt und unangebracht erscheinen mußte.
Kusma sah ihn an und antwortete:
»Wir warten immer noch! Vielleicht kommt etwas heraus.« Dann sprach er wieder über den Gemüsegarten, den Preis der Wassermelonen und seine persönlichen Verhältnisse.
Man hörte Schritte. Ein kleines Hündchen mit aufgerolltem weichem Schwanz kam in den Lichtkreis, wedelte, beschnupperte Jurii und Rjäsanzew und begann sich an Ssanins Knieen zu reiben, der ihm glättend über das Fell strich. Hinter ihm tauchte ein kleiner Greis mit struppigem Barte und kleinen Aeuglein auf. In der Hand hielt er ein verrostetes einläufiges Gewehr.
»Unser Wächter,« sagte Kusma.
Der Greis ließ sich auf dem Boden nieder, legte das Gewehr beiseite und schaute auf Jurii und Rjäsanzew.
»Von der Jagd, so?« brummelte er und zeigte sein hohles Zahnfleisch.
»Aehä Kusma, es wird Zeit die Kartoffeln zu kochen, ähä.«
Rjäsanzew hob das Gewehr des Alten auf und zeigte es lachend Jurii. Es war eine schwere, rostbedeckte und mit Drahtfäden umschnürte Pistonflinte.
»Das ist eine Muskete,« lachte er. »Wie kannst du dich nicht fürchten, Großväterchen, daraus zu schießen?«
»Jawohl, sieh mal, habe mich auch beinahe totgeschossen. Stepan Schapka sagte mir, daß man gar nicht Piston zum Schießen braucht, ehe -- ganz ohne 'n Piston. Er sagt, wo der Schwefel bleibt, da geht's auch ohne 'n Piston mit dem Schießen. Da leg ich sie mir nun so übers Knie, zieh den Hahn an, bloß so mit dem Finger und knack, knallt es los. Hat mich beinah totgeschossen. Ehe, ehe, zieh den Hahn bloß an und schieß. Knack, knallte es, hat mich beinahe totgeschossen.«