Part 9
Solcher Edelsinn rührt dem Wüstensohne das Herz. Er drückt dem Deutschen die Hand. Er will ihm sogar die Hand küssen. Der Freiwillige indeß entzieht ihm dieselbe.
Der Freiwillige übergab den Gefangenen dem nächsten Feldgendarm. Darauf aber bot er den feindlichen Reihen aufs neue die Stirn. Aufs neue zeigte er dem Feinde seinen Heldenmuth.
106. Der Geiz.
(Wiederholung der Doppelergänzungen.)
Der Geiz beraubt den Menschen vieler Freuden. Er verdüstert ihm das ganze Leben. Er taucht das Herz in eisige Kälte. Er fesselt seine Beute an den todten Geldkasten. Der Geizige erbarmt sich nicht einmal seines Viehes.
107. Michel.
(Fortsetzung.)
Der alte Diener Michel bewies seinem Herrn große Treue. Dafür schenkte ihm dieser auch volles Vertrauen. Er nannte ihn seine rechte Hand. Er bezeichnete ihn als seinen Vertrauten. Er würdigte ihn sogar der Mitwissenschaft seiner Vermögensverhältnisse.
Ueber diese Auszeichnung ärgerten sich die anderen Diener. Sie ergingen sich in neidischen Bemerkungen. Sie erlaubten sich wol gar Schimpfreden.
Der alte Michel aber enthielt sich aller Gegenbeleidigungen. Er befleißigte sich der großmüthigsten Geduld. Er suchte die Mißgünstigen nicht einmal eines Besseren zu belehren.
Endlich zeigte Jemand dem Herrn das ungebührliche Verhalten jener Diener an. Der Herr dankte diesem für diese Mittheilung. Gleich darauf besprach er sich mit dem Alten. Michel bewahrte sich dabei vor jeder Anklage.
Ueber diese Biederkeit freute sich der Herr abermals. Jene Diener aber erhielten von ihm harte Strafe. Er entließ sie ihrer Stellung.
108. Eine Jubelfeier.
(Wiederholung. Subjecte, Prädikate, Ergänzungen erweitert.)
Der allgütige Vater aller Menschenkinder ließ den ehrwürdigen Pfarrer des großen Fabrikdorfes W. an der gebirgigen Grenze des böhmischen Landes den schönen Tag seines fünfzigjährigen Amtsantrittes erleben.
Die sämmtlichen Einwohner des belebten Ortes zollten dem greisen Hirten ihrer Seelen die aufrichtigste Theilnahme ihrer biederen Herzen.
Selbst die verschiedenen Kreise der wohlgesitteten Schuljugend bezeugten dem freundlichen Inspector ihrer geliebten Bildungsstätte den ungeheucheltsten Antheil an seinem seltenen Glücke.
Die wohlhabenden Bewohner des umfangreichen Kirchspiels hatten es sich bedeutende Opfer an baarem Gelde kosten lassen.
Die heutige Feier eines so bedeutungsvollen Festes sollte auf die gesammte Einwohnerschaft einen bleibenden Eindruck machen. Das gutgeschulte Musikchor des bevölkerten Ortes brachte dem frohbewegten Jubelgreise eine erhebende Morgenmusik nach Compositionen alter Meister.
Auch die weithallenden Glocken des fahnengeschmückten Thurmes sendeten dem gottbegnadigten Priester der ehrsamen Gemeinde die jubelnden Grüße ihrer ehernen Zungen.
Mehrere große Ehrenpforten mit sinnigen Inschriften gaben den verschiedenen Aufgängen zu dem mit frischen Blumenkränzen gesäumten Gotteshause ein festliches Gepräge.
Eine ziemliche Zahl angesehener Glieder der dankbaren Kirchfahrt überreichte dem hochgeachteten Verkünder des göttlichen Wortes eine wunderschöne Prachtbibel mit schwerem Goldbeschlage.
Die bemittelten Jünglinge des kleinen Nebendorfes N. schenkten ihrem alten Beichtvater eine silberne Dose von dem berühmtesten Goldarbeiter der fernen Residenz.
Und so wurden dem überraschten Jubelgreise noch verschiedene Geschenke der kostbarsten Art von seinen theilnehmenden Kirchkindern überbracht.
Der gefeierte Alte freute sich der herrlichen Festgaben seiner geliebten Gemeinde.
Noch mehr aber freute sich der Freudenthränen weinende Seelenhirt über die ungekünstelte Theilnahme der braven Herzen seiner von ihm treu gehüteten Heerde.
Ein allgemeines Volksvergnügen zu Ehren des seltenen Tages gab dem schönen Feste aufrichtiger Dankbarkeit einen heiteren Abschluß.
2. Ergänzung der Eigenschaftswörter.
109. Judas.
(Im zweiten Falle.)
Judas war schon längst +des Geizes+ verdächtig. Er war nie +der Armen+ eingedenk. Sein Herz zeigte sich +alles Mitleids+ quitt.
Nie war er sich der Liebe seines Herrn bewußt. Wohl aber schien er der Heuchelei fähig zu sein. Diese Eigenschaften machten ihn der Huld seines Herrn unwürdig.
Judas ging seines Heils verlustig. Er machte sich des heillosesten Verrathes schuldig. Und so wurde er einer schweren Sünde theilhaftig.
Er war der Pläne der schändlichen Pharisäer kundig. Einer Belohnung ihrerseits durfte er gewiß sein. So beging er den schändlichen Verrath.
Aber jede böse That ist ihrer Strafe gewiß. Judas wurde sich seines Verbrechens bewußt. Die Reue folgte. Sein Gemüth war alles Haltes ledig. Sein Herz war aller Hoffnung auf Vergebung bar. Er wurde endlich der quälenden Gewissensbisse müde. Sein Ende war Selbstmord. Immerhin aber ist dieser gefallene Jünger des Mitleids bedürftig.
110. Strenge Zucht.
(Dritter Fall.)
Strenge Zucht ist +manchem Kinde+ lästig. Schon ein leiser Tadel ist ihm ärgerlich. Ernste Zurechtweisungen werden ihm widerlich. Am unangenehmsten ist ihm die Ruthe. Diese aber ist manchen Kindern gerade sehr nützlich. Jede Strafe ist überhaupt dem Empfänger heilsam.
Das Kind ist dem Vater lieb. Des Kindes Seelenwohl ist ihm nicht gleichgiltig. Seine Erziehung ist ihm wichtig. Er selbst ist dem Strafen abhold. Das Züchtigen wird ihm schwer. Bleibt aber das Kind dem Guten nicht treu; wird ihm der Gehorsam zu schwer; ist ihm die Wahrheitsliebe nicht eigen; ist ihm der Fleiß zu unbequem; dann straft er. Dadurch soll dem Kinde das Vergehen bewußt werden. Es soll ihm leid sein. Es soll den Untugenden in Zukunft feind bleiben.
111. Die alte Linde.
(Im vierten Fall.)
Hinter meinem Vaterhause stand eine Linde. Sie mochte wohl +hundert Jahre+ alt sein. Sie stand auf einem Hügel. Derselbe war etwa +zehn Meter+ erhaben. Der Stamm der Linde war zwei Meter dick. Sie war im Ganzen etwa fünfzig Meter hoch. Der Umfang ihrer Aeste war dreißig Meter breit.
Später wurde diese Linde gefällt. Ihr Holz war an die dreißig Thaler werth. Der Kessel, in dem sie gestanden hatte, war drei Meter tief. Zudem war das Loch wenigstens fünf Meter breit.
Der Lindenstamm sollte nun zerschnitten werden. Aber die Säge langte nicht zu. Ihr Bügel stand zwanzig Centimeter zu niedrig. Das Sägenblatt war sechzig Centimeter zu kurz. Man mußte deshalb den Stamm wenden.
Es wurde eine andere Linde gepflanzt. Diese war freilich etwa neunundneunzig Jahre jünger.
112. Der Knochen.
(Ergänzung der Eigenschaftswörter durch ein Verhältnißwort.)
Im Hofe, erzählte ein Vater, lag ein fetter Knochen. Links von ihm kauerte eine Katze. Rechts davon saß Ammi. Beide waren +auf den Knochen+ förmlich versessen. Der Magen einer Katze ist überhaupt stets gierig +auf Fraß+. Ihre Augen sind lüstern nach jedem Stückchen Fleische. Sie ist daher fortwährend zum Naschen bereit.
Nicht weniger war Ammi auf den Knochen erpicht. Auch Hundemagen sind ja auf Fleisch zuweilen sehr begierig.
Lange saßen die beiden Gegner einander gegenüber. Die Katze schien auf einen kühnen Sprung vorbereitet zu sein. Ebenso schien auch Ammi auf einen Gewaltstreich gefaßt. War er doch auch zum Apportiren wohl abgerichtet.
Man mußte auf den Ausgang gespannt sein. Da plötzlich krümmt die Katze den Rücken. Somit sind ihre Füße zum Sprunge eingerichtet. Ihr Auge sprüht förmlich Funken. Sie ist wie von einem bösen Geiste besessen. Ein gewaltiger Satz -- und der Knochen ist in ihrer Gewalt. Im Nu sitzt sie damit auf dem Baume. Sie ist stolz auf ihre Beute.
Ammi scheint einen Augenblick vom Schreck ergriffen zu sein. Bald aber kommt er wieder zur Besinnung. Er ist ergrimmt über die Frechheit der Katze. Er ist entrüstet über die eigene Dummheit. Aber Alles zu spät. Ihm bleibt blos das Nachsehen.
113. Der Löwenbändiger.
(Wiederholung der Ergänzungen der Eigenschaftswörter.)
Die Straßenecken sind von neugierigem Publikum umstanden. Ein breiter Anschlagbogen ist mit großer Schrift bedruckt.
Ein Löwenbändiger will heute Abend eine Vorstellung geben. Solchen grassen Schauspielen ist das Volk sehr zugethan. Die Sucht nach Schauerlichem war stets der großen Menge eigen. Freilich ist dieser Zug des Menschen nicht recht würdig.
Die angezeigte Stunde schlug. Das Volk versammelte sich.
Der Löwenkäfig war drei Meter hoch. Zudem war er sechs Meter lang und vier Meter tief. Das Eisengitter schien mehrere Zentner schwer zu sein.
So war der Käfig für einen Löwen sehr bequem. Das majestätische Thier aber schien über die gaffende Menge etwas erregt zu sein. Ihr Tumult war ihm ärgerlich. Er schien des Beschauens förmlich müde zu werden.
Endlich erschien der Löwenbändiger. Er mußte wohl aller Furcht ledig sein. Gewiß war er sich seiner Uebermacht über das Thier bewußt. Er trug ein Lamm unter dem Arme.
Das Publikum war über sein Erscheinen erfreut. Es war ja auf die Vorstellung äußerst gespannt.
Der Löwe wurde ob des Lämmchens etwas unruhig. Seine Augen wurden nach dem Braten lüstern. Aber er blieb des Gehorsams eingedenk. Er war ja auf Selbstbeherrschung abgerichtet. Und er war ihrer auch vollkommen mächtig.
Das Lämmchen wird ob des Unholds keineswegs ängstlich. Es ist an den Anblick gewöhnt. Es scheint sich seiner Unantastbarkeit bewußt zu sein.
Der Löwe gehorcht aufs Wort. Er ist zu allen Sprüngen willig. Er ist zu jeder Unterwürfigkeit bereit. Nicht einer einzigen Widersetzlichkeit macht er sich schuldig. Der Stock würde ihm sonst auch gewiß sein. So ist er schließlich einer Belohnung sicher. Und ein Stück rohes Pferdefleisch ist seinem Magen sehr erwünscht.
Die Vorstellung lief ohne Unfall ab. Der kühne Löwenbändiger schien dem Händeklatschen der erstaunten Menge nicht feind zu sein. Ihr Beifall war ihm angenehm. Dankend trat er ab.
Hauptwiederholung.
114. Der Dieb.
(Erw. Subj. u. Präd. Ergänz. d. Zeit- u. Eigenschaftsw.)
Der älteste Sohn des braven Zutreibers des verschiedenen Schlachtviehes in der belebten Stadt R. war des schlauen Diebstahls einer goldenen Taschenuhr verdächtig.
Deshalb wurde dieser längstbekannte Freund des leichtsinnigen Umhertreibens des freien Verkehrs mit seinen liederlichen Genossen verlustig.
Die düstere Zelle des einsamen Gefängnißthurmes inmitten der alten Stadtmauer schien freilich dem großen Verehrer eines ungebundenen Lebens nicht angenehm zu sein.
Der kluge Vorsitzende des städtischen Gerichts war auf ein freches Ableugnen der gesetzwidrigen That von seiten des durchtriebenen Burschen vorbereitet.
Das gesammte Personal des löblichen Schöppengerichts war indeß von der nichtswürdigen Veruntreuung fremden Eigenthums durch jenen schlauen Jünger der gefährlichen Taschendiebe überzeugt.
Das kecke Ableugnen des schmählichen Vergehens mußte daher dem verstockten Uebertreter des siebenten Gebotes nur nachtheilig sein.
Die gesammte Bewohnerschaft der mittelgroßen Stadt war auf das endliche Strafurtheil der gewissenhaften Richter gespannt.
Die schließliche Bestrafung mit zehn langen Monaten schwerer Arbeit auf dem strengen Zuchthause der nahen Festung N. war für jenes räudige Mitglied der menschlichen Gesellschaft nicht zu hart.
Der Umstand des Ortes.
115. Eine Stätte der Armuth.
(Wo? Umstands- und Verhältnißwörter.)
Das enge Stübchen der alten Mutter Beate bot ein trauriges Bild. +In einem düsteren Winkel+ erblickte man ein Häufchen halbvermodertes Stroh. +Auf demselben+ lagen einige zerlumpte Kleidungsstücke. Hier schlief die arme Alte. Oberhalb ihres Kopfes hatte ihre Katze ihr Nachtlager aufgeschlagen.
Neben dieser elenden Ruhestatt der bejahrten Beate stand ein morsches Tischchen. An diesem saß sie gewöhnlich. Dabei huschelte die Katze hinter ihrem Rücken. Der Tisch war zugleich der Aufbewahrungsort für die ärmlichen Nahrungsmittel. Hier lag ein Laib Brod. Vorn war derselbe mit Schimmel bedeckt, hinten hatten ihn die Mäuse benagt. Dort stand ein Rest gekochter Kartoffeln. Mitten auf dem Tische erblickte man eine thönerne Kaffeekanne. Vor ihr stand eine halbzerbrochene Tasse. Zwischen beiden sah man ein Häuflein grobes Salz.
Dicht bei der Thür knisterte ein kleiner Blechofen. Eine Hand voll dürrer Aeste lag zu seinen Füßen. An der einen Wand hing ein verblichenes Christusbild. Unter ihm war ein handgroßer Spiegel befestigt. Rechts davon erblickte man das Bildniß des Landesvaters. Links davon sah man ein aus einem Kalender geschnittenes Schlachtenbild. Die Wände selbst befanden sich in einem sehr kläglichen Zustande. Oben drang das Regenwetter herein. Unten war das Gebälk vom Moder zerfressen. Ueber dem einzigen Fensterchen zeigte sich sogar ein fast einen Centimeter breiter Riß.
So fand das Auge nirgends eine kleine Befriedigung. Ueberall trat ihm das Bild der Armuth entgegen.
116. Sturax.
(Wohin? Umstands- und Verhältnißwörter.)
Der alte Schäfer Thomas hatte einen vortrefflichen Jagdhund. Er hieß Sturax. Sturax war ein überaus kluges Thier. Er kannte die besten Weideplätze ganz genau. Bald trieb er deshalb die Schafe +links+ dahin. Bald führte er sie +rechts+. Jetzt mußten sie +vorwärts+ gehen. Nach einer Weile drängte er sie seitswärts. Er selbst rannte dabei stets hin und her. In diesem Augenblicke eilte er +dorthin+, im nächsten jagte er wieder hierhin.
Im späteren Herbste durfte sich die Heerde überallhin zerstreuen. Einige Schafe begaben sich dann nach dem nahen Waldrande. Andere grasten an einem Bache fort. Eine Anzahl kletterte auf die Hügel. Einzelne zogen sich unter Gebüsch zurück.
An solchen Tagen legte sich Sturax meist zu den Füßen des alten Thomas. Ohne Auftrag lief er dann nirgends hin. Seine Augen aber flogen dabei hinüber und herüber. Sie verfolgten die einzelnen Schafe bergauf und thalab.
Endlich sank dann die Sonne hinter die fernen Gebirgshäupter. Dämmerung lagerte sich über die Flur. Da gab Thomas das Zeichen zur Heimkehr. Sogleich trieb Sturax die zerstreute Heerde zu dem Hirten zurück. Langsam schritt dieser nun voraus. Geduldig folgte die Heerde durch Dick und Dünn. Hierbei übte Sturax wieder das Wächteramt nach allen Seiten hin.
So gelangte die Schaar endlich vor den Schafstall. Aber auch hier trat der treue Hund noch nicht ab. Er begleitete sein Volk noch in den Stall hinein.
117. Treibjagd.
(Woher? Umstandswörter und Verhältnißwörter.)
Die Jäger standen in einem weiten Kreise postirt. Der Schnee fiel in dichten Massen +hernieder+. Das störte sie nicht.
Bald erscholl das Lärmen der Treiber daher. Einige kamen +von den Anhöhen herab+. Andere kletterten von den nahen Felsen herunter. Von links schrillten Pfeifen. Von rechts nahten die Fuchsklappern. Wieder wo andersher ertönte Peitschengeknall.
Das gescheuchte Wild stürzte von allen Seiten herbei. Aus dem Walde kamen eine Menge Hasen. Rehe fegten über die kahlen Stoppelfelder daher. Ein feister Hirsch jagte von seitwärts auf die Jäger zu.
Mochten aber die armen Thiere von daher oder dorther kommen, das Blei aus dem Rohre der Jäger brachte ihnen den Tod.
Wiederholung der Ortsbestimmung.
118. Die Elbe.
(Wo? Wohin? Woher?)
Die Elbe entspringt auf dem Riesengebirge. Sie fließt zunächst durch den östlichen Theil Böhmens. Bei dem Städtchen Melnik wird sie schiffbar. Auf ihrem Rücken schaukeln hier schon bedeutende Kähne. Unweit Schandau tritt sie nach Sachsen ein. Sachsen empfängt also den herrlichen Strom aus Böhmen.
In der Nähe des Städtchens Strehla verläßt er den sächsischen Staat wieder. Von hier an lenkt er seinen Lauf westlich. Sein Sinn steht nach Magdeburg. Dort bildet die Elbe eine sehr belebte Handelsstraße. Von Magdeburg weg steuert sie weiter nach Norden. Endlich windet sie sich aus der nördlichen Ebene heraus. Dicht bei Hamburg nimmt sie noch eine bedeutende Breite an. Mehrere Meilen von dieser Stadt ergießt sie sich dann in die Nordsee.
Die Elbe nimmt auf ihrem langen Laufe viel Nebenflüsse auf. Eine große Zahl kommt von Westen daher. Andere strömen ihr von Osten her zu. Ihre Ufer sind fast überall sehr fruchtbar. Die reizendsten derselben liegen zwischen Bodenbach und Schandau. Die Elbwellen tragen eine Menge Kaufmannsgüter nach Süden. Aus der Tiefe dieses Flusses holt der Fischer manche Delicatesse für unsern Tisch. An seinem Gestade liegt manche schöne Stadt. Ueber seinen Spiegel führt manche schöne Brücke. In seine Fluten taucht zur Sommerzeit manch liebes Menschenkind.
119. Die Luft.
(Fortsetzung.)
Luft gibt es überall. Sie befindet sich sogar im Wasser. Sie dringt in den kleinsten Raum. Sie kommt aus dem winzigsten Pflanzenzellchen.
Die Luft lenkt ihre Strömungen nach allen Himmelsgegenden. Sie bläst aus allen Winkeln der Windrose. Luft ist selbst noch im sogenannten luftleeren Raume enthalten.
Sie erhält allenthalben das Leben. Selbst in das todte Steinreich trägt sie Schöpfungskraft. Sie fächelt säuselnd durch die Haine. Sie rauscht als Wind durch die Gipfel. Sie wüthet als Sturm in den Wäldern. Sie braust als Orkan vom Meere herüber.
Des Windes Sausen hörest Du. Du weißt indeß nicht, von wannen er kommt und wohin er fährt.
Hauptwiederholung.
120. Die neue Gutsherrschaft.
(Subject, Prädicat, Ergänzungen. Ortsbestimmungen.)
Eine mit zwei muthigen Apfelschimmeln bespannte Karosse aus der berühmten Wagenbaufabrik der königlichen Residenz brachte dem dichtbevölkerten Dorfe W. bei der fabrikreichen Stadt Ch. die neue Gutsherrschaft den mit Ehrenpforten geschmückten Dorfweg daher.
Die zahlreiche Jugend des großen Schulbezirks widmete dem jungen Paare aus einem altadligen Geschlechte am fahnengeschmückten Eingange des frohbewegten Ortes einen mehrstimmigen Gesang nach einer reizenden Composition des alten Cantors.
Der ehrwürdige Pfarrer des wohlhabenden Kirchspiels sprach unter einer riesigen Linde inmitten des weitgedehnten Dorfes der mit Jubel begrüßten Gutsherrschaft die herzlichsten Glückwünsche der gesammten Gemeinde aus.
Der beliebte Seelsorger nannte von seinem altarähnlichen Tritte herab den jungen Herrn einen bekannten Freund christlicher Sitte.
An dem dichtbekränzten Thore des umfangreichen Rittergutes überreichte der bejahrte Schulze des betreffenden Ortes dem nunmehrigen Schutzherrn der zahlreichen Bewohnerschaft ein kostbares Jagdgewehr neuester Einrichtung.
Der liebenswürdigen Gemahlin des jungen Herrn dagegen schenkte die schmucke Tochter des reichsten Bauers des festgestimmten Ortes auf dem weiten Hofe des alterthümlichen Rittersitzes ein mächtiges Butterfaß mit silbernen Reifen.
An der beflaggten Thür des sogenannten Herrenhauses übergab wiederum die männliche Dienerschaft des gnädigen Herrn dem neuvermählten Paare einen geschnitzten Holzteller mit einem hausbackenen Brode.
Der männlichschöne Graf freute sich im tiefsten Grunde seines gefühlvollen Herzens der vielen Beweise vertrauensvoller Gesinnung von seiten der biederen Ortsbewohner.
Diese sinnige Feier ihres heutigen Einzugs in ihren neuen Wohnsitz blieb dem ehrenwerthen Paare eine freundliche Erinnerung auf den bunten Blättern ihrer beiderseitigen Lebensgeschichte.
Der Umstand der Zeit.
121. Ein Brief.
(Wann? Umstands- und Verhältnißwörter.)
Lieber Theodor!
+Vorgestern+ ist unsere Reise nach Amerika zur Gewißheit geworden. +Ueber ein Kleines+ wirst Du mich also nicht mehr sehen. Mein Vater verkauft +bereits+ unsere Möbeln. Unser Haus ist unlängst in die Hände meines Onkels übergegangen. Derselbe wird nächstens auch meines Vaters Geschäft übernehmen. Sie sind heute um den Kaufpreis einig geworden.
Auch ich habe soeben ein Verkaufsgeschäft abgeschlossen. Nachbars Otto erhält nämlich heute noch meine Kaninchen. In einer Stunde werden sie abgeholt. Für mein Eichhörnchen wird sich hoffentlich auch bald ein Liebhaber finden. Ich habe schon mein Absehen auf Jemand gerichtet. Es muß indeß nicht Alles sogleich verkauft sein. Es hat noch bis zum ersten Juni Zeit damit.
Während der letzten Tage ist eine merkwürdige Veränderung mit mir vorgegangen. Ich hatte sonst diese Thiere unendlich lieb. Jetzt kann ich sie gleichgiltig hingeben. Vor vier Wochen bot mir ein Engländer zwei Thaler für das Eichhörnchen. Neulich wollte er sogar drei Thaler dafür geben. Ich hätte es ihm damals um keinen Preis abgelassen. Und nun habe ich zehn Groschen dafür erhalten.
So herrscht gegenwärtig in meinem Hause ein eigenthümliches Leben. Vor acht Tagen noch befand sich Alles darin in schönster Ordnung. Jetzt geht es bunt durcheinander. Hoffentlich wird nach kurzer Zeit alles Entbehrliche verkauft sein. In den letzten Tagen unseres Hierseins werden wir freilich ein ziemlich ungemüthliches Leben führen müssen. Ich tröste mich indeß während dieser Zeit mit den Worten meines Vaters. Er sagte kürzlich: Einst wird’s besser!
Zu nächstem Sonntage werde ich Dich noch einmal besuchen. Später würde mir ein Besuch nicht gut mehr möglich sein. Ich werde jedenfalls vormittags gegen neun Uhr bei Dir eintreffen. Vielleicht brauche ich erst abends heimzukehren.
Sitzen wir dann zusammen in der Laube, wird Dir noch Mancherlei von seiner bevorstehenden Reise erzählen
Dein Bruno.
122. Der Gemsjäger.
(Wie lange? Seit wann? Umstands- und Verhältnißwörter.)
Ein Gebirgsreisender begleitete einen alten Gemsjäger +bei drei Stunden+. Dabei erzählte der Alte +fortwährend+ von seinem Jagdleben.
„Ich bin“, sagte er unter Anderem, „seit acht Tagen von heim fort. Von früh bis abends durchstöbere ich das Gebirge. Dabei gibt es natürlich unaufhörlich zu steigen. Ueberdies ist man jederzeit jeder Witterung ausgesetzt. Auch hat man fast immer mit Gefahren zu kämpfen. Namentlich muß man auf den hohen Felsenpfaden stets auf der Hut sein. Ich habe einmal über zwei Stunden über einem Abgrunde gehangen. Ein andermal bin ich beinahe drei Tage ohne einen Trunk Wasser gewesen.
Die Gemsjagd ist überhaupt nicht Jedermanns Ding. Der Gemsjäger muß oft tagelang hinter einem Verstecke aushalten. Er muß stundenlang regungslos liegen können. Dabei muß natürlich ununterbrochen ausgeschaut werden. Er muß ja jederzeit einer Gemse gewärtig sein. Und das gibt unausgesetzt Aufregung.
Trotz alledem aber wird die Gemsjagd ewig ihre Reize behalten. Ich selbst bin schon gegen vierzig Jahre Gemsjäger. Und ich werde es bleiben bis an mein Ende.“
123. Ein alter Krieger.
(Wie oft? Umstands- und Verhältnißwörter.)
Der alte Nachtwächter Schmiedel war ein vielerfahrener Mann. Er war +dreimal+ mit ins Feld gezogen. Er hatte +gegen zehnmal+ im Feuer gestanden. +Jederzeit+ mußte er zu den Tapfersten gezählt werden. Merkwürdigerweise war er jedesmal ohne Verwundung davongekommen.
Er erzählte übrigens selten von seinen Heldenthaten. Nur dann und wann vermochte ihn ein guter Freund zur Mittheilung seiner Erlebnisse zu bewegen. Zuweilen gedachte er dabei mit Seufzen der blutigen Jahre. Manchmal pries er wieder jene große Zeit.
Schmiedel hatte also dem Vaterlande oft große Dienste geleistet. Er hatte demselben mitunter große Opfer gebracht. Und jetzt? Jetzt mußte er täglich in nächtlicher Stille das Dorf bewachen. Jetzt mußte er Nacht für Nacht die einsame Runde machen. Nicht über zwölfmal das ganze Jahr hindurch hatte er eine Nacht frei. Und welches war sein Gehalt? Er erhielt allmonatlich vier Thaler. Das macht jährlich achtundvierzig Thaler.
So ist gewöhnlich Undank der Welt Lohn. Die einstigen Thaten der heldenmüthigen Krieger werden nicht selten später vergessen.
124. Moses.
(Wiederholung aller Zeitbestimmungen.)
Der kleine Moses war lange das Angstkind seiner Eltern. Seine Mutter hielt ihn geraume Zeit versteckt. Sein kindliches Weinen erfüllte sie gewiß sehr oft mit Zittern. Es konnte ja jeden Augenblick von den ägyptischen Kindesmördern gehört werden. Um sein Leben wäre es dann geschehen gewesen.
Seit Wochen schon mochte die geängstigte Mutter über einen Rettungsplan nachdenken. Nächtelang mochte sie darüber sinnen. Täglich mochte sie den lieben Gott um einen glücklichen Gedanken bitten.
Der Knabe entwickelte sich bereits merklich. Seine Stimme wurde von Tag zu Tag heller. Noch immer aber fand die arme Mutter keinen Rettungsweg. Und so steigerte sich fast stündlich ihre Sorge um sein Leben. Durchstreiften doch Pharao’s Knechte wiederholt die israelitischen Hütten.